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Freinacht Freinacht

Freinacht

Roman

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Freinacht — Inhalt

Etwas Schlimmes ist geschehen ...

Eine Feier in der Nacht auf den 1. Mai, ein Toter und vier junge Menschen, für die nichts mehr so ist, wie es vorher war. Aus einer wahren Hintergrundgeschichte entwickelt Thomas Lang einen hellsichtigen Gesellschaftsroman über Ziellosigkeit und Verantwortung, Schuld und Sühne.

„Statt auf Grusel zu schielen, entfacht Freinacht mit feinsinniger Erkundungslust einen tragischen Taumel zwischen Freiheit und freiem Fall. Im Sturz seiner Figuren blickt uns die Gesellschaft selbst aus der Untiefe entgegen. Ein bewegendes Buch über den schmalen Grat unserer Conditio Humana.“ Fridolin Schley

Freinacht singt keine sympathy for the devil, sondern bezeugt das tiefe Verständnis des Autors von Möglichkeiten, Lebenswegen, Katastrophen, Wandlungen. Nichts in diesem Buch ist abwegig.“ Heike Geißler

 

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 05.08.2019
336 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-8270-1400-9
€ 18,99 [D], € 18,99 [A]
Erschienen am 05.08.2019
336 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7993-0
"ungemein spannend und eindringlich"
WDR 3
„Ein mehr als sympathisches Beispiel dafür, wie Literatur jenseits des ja ohnehin allenfalls mythischen Elfenbeinturms gelingen kann.“
Frankfurter Allgemeine Zeitung
„brutal berührender Roman“
Der Tagesspiegel

Leseprobe zu „Freinacht “

Was vorher war


Sophies Geburtstag

„Junis kommt noch. Soll ich sagen.“

Elle wollte ihr Geschenk überreichen, doch Sophie nahm es nicht an.

„Kannst du es in mein Zimmer legen? Sorry, ich muss schnell nach dem Popcorn sehen.“

Sie lächelte verbindlich. Wenn Sophie es schon ungeöffnet ließ, könnte sie wenigstens der Verpackung ihre Aufmerksamkeit schenken, fand Elle. Dieses Lächeln war genau so eins wie das von Sophies Mutter.

Seit Elles letztem Besuch hatte sich hier einiges verändert. Der Flur leuchtete weiß. Was war nur vorher an den Wänden gewesen, so [...]

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Was vorher war


Sophies Geburtstag

„Junis kommt noch. Soll ich sagen.“

Elle wollte ihr Geschenk überreichen, doch Sophie nahm es nicht an.

„Kannst du es in mein Zimmer legen? Sorry, ich muss schnell nach dem Popcorn sehen.“

Sie lächelte verbindlich. Wenn Sophie es schon ungeöffnet ließ, könnte sie wenigstens der Verpackung ihre Aufmerksamkeit schenken, fand Elle. Dieses Lächeln war genau so eins wie das von Sophies Mutter.

Seit Elles letztem Besuch hatte sich hier einiges verändert. Der Flur leuchtete weiß. Was war nur vorher an den Wänden gewesen, so eine Art Ziegelsteine … handgetöpferte Keramik hatte da gehangen, leere Wandvasen und Teller mit Blumenornamenten. Jetzt blickte Elle auf abstrakte Bilder, ein kompletter Stilwechsel. Obwohl der Gang heller und leerer wirkte, kam er ihr kleiner vor. Zwischen ihrem Scheitel und der Deckenlampe war deutlich weniger Platz als früher.

Elle nahm die falsche Tür und landete zunächst im Bad, das ebenfalls heller wirkte. Hier lagen in einem Glasregal vielfarbige Handtücher, teure Kosmetik befand sich auf der Ablage vor dem Spiegel, drei elektrische Zahnbürsten standen in Gläsern da. Anders als in ihrem eigenen Bad gab es hier keine Wäschehaufen. Es fehlte nur noch Sophies Mutter in einem flauschigen Bademantel und mit einem Turban auf dem Kopf. Auch wenn es nicht ihrem Stil entsprach, fand Elle diese Frische anziehend. Sie bekam Lust, die eigenen Wände endlich neu zu streichen.

Als sie schließlich die richtige Tür öffnete, klang leise Musik in den Flur. Einen Moment lang zögerte sie einzutreten. Wer eingeladen war, wusste sie in etwa – nicht ihre Leute. Sie holte Luft und stieß die Tür auf. Niemand sah sie an, nur Alexander mit seinen stets guten Manieren hob die Hand zum Gruß und sagte hallo. Elle mochte ihn nicht besonders. Es waren vier Mädchen da, alle aus ihrer Klasse: Anke, Mona, Fabienne und Dana. Der einzige Junge außer Alexander und Junis, der vielleicht gar nicht auftauchen würde, war Sophies Freund Lukas. Die beiden waren schon über ein Jahr zusammen. Es lief koreanischer Hiphop. Elle hockte sich auf einen freien Platz am Boden und lehnte gegen Sophies Bett. Lukas bemerkte sie. Er warf sein Tablet auf ein Kissen und erhob sich, um ihr ein Getränk anzubieten. Offenbar spielte er heute den Gastgeber.

Schauten die alle absichtlich weg? Elle kam sich vor, als wäre sie unangekündigt im Reich der Elben aufgetaucht.

Sie sprach Dana an, die sie wie Sophie seit der Grundschule kannte. Dana tat überrascht und begrüßte Elle überschwänglich. Sie trug afrikanischen Halsschmuck. Als Elle danach fragte, leuchteten Danas Augen auf. Sie hatte ihn von Camden Market, davon schwärmte sie jetzt. Leute aus allen möglichen Ländern verkauften dort die unglaublichsten Dinge. London sei die coolste Stadt der Welt.

„Bist du da noch nie gewesen?“

„Nein“, sagte Elle, „ich hätte Angst überfahren zu werden.“

„Wieso denn, du musst nur zuerst in die andere Richtung schauen, wenn du über die Straße gehst.“

„In welche“, sagte Elle.

„Nach links. Nein, warte, die Autos fahren links. Nach rechts musst du schauen.“

Sophie kam mit einer Pfanne ins Zimmer.

„Das müsst ihr euch ansehen“, sagte sie lachend. „Mein Popcorn ist leider etwas dunkel geworden.“

Sie hob den Deckel an, es roch süßlich und gleichzeitig verbrannt.

„Etwas dunkel? Haha, die sind ja völlig schwarz“, rief Mona.

Vorsichtig fasste Sophie ins Popcorn hinein, es war nicht mehr heiß. Sie warf eine Handvoll auf ihre Gäste, alle lachten, hoben das Zeug wieder vom Boden auf und warfen es zurück. Fabienne machte ein Foto von der Bescherung und postete es umgehend. Alexander hatte online bereits Bilder mit viel schlimmeren Popcorn-Desastern gefunden. Die machten jetzt die Runde und es wurde noch mehr gelacht. Lukas probierte das verbrannte Zeug, er musste es bald in ein Kleenex spucken. Sophie sah ihn tadelnd an, er hob die Schultern. Niemand bemerkte, wie Junis ins Zimmer kam, bis Sophie aufstand und die Pfanne auf dem Schreibtisch abstellte.

Junis kam mit seinen Beinen nicht klar. Beim Versuch, Sophie sein Geschenk zu überreichen, den Kopf, weil er sie so weit überragte, zwischen die Schultern gezogen, stolperte er über die eigenen Füße. Er fuhr die Arme aus und traf dabei mit dem linken Ellenbogen Sophies Regal. Von dort kippte ein dickes Buch auf die Schreibtischlampe, die umfiel und den Deckel von der Pfanne stieß, der scheppernd auf dem Boden landete.

Junis grinste verlegen und tapste weiter ins Zimmer. Dabei rammte seine Hüfte den Pfannenstiel. Das Popcorn verteilte sich auf dem Boden. Alle lachten. Zusammen mit ein paar anderen sammelte er den stinkenden Puffmais wieder ein. Bevor Elle sich ebenfalls bückte, streichelte sie Junis zärtlich über den Oberarm und gab ihm ein Küsschen. Es war am einfachsten, die anderen glauben zu lassen, sie seien ein Paar.

Während alle sich weitere Kommentare vorlasen oder mit anderen Freunden texteten, zauberte Sophie eine Flasche Wodka hervor.

„Wir müssen ihn mit Orangensaft trinken. Wenn meine Eltern das mit dem Alkohol merken, ist die Party vorbei.“

Wodka mit Orangensaft, naja. Sie hätte Red Bull besorgen sollen, fand Elle. Aber vermutlich war das genauso tabu.

Durch den Schnaps wurde die Stimmung schnell aufgekratzt und sie stellten die Musik lauter. Sophie begann Geschenke auszupacken, Lukas musste Papier und Schleifen in Empfang nehmen. Er war ein lieber Typ, etwas zu lieb, fand Elle.

Im größten Paket befand sich eine Zeichnung von Fabienne. Niemand konnte so gut im Manhwa-Stil zeichnen wie sie. Auf dem Bild waren ein Junge und ein Mädchen zu sehen; das Mädchen lehnte den Kopf an die Brust des Jungen. Beide hatten fast dreieckige Gesichter und fransige Haare, sie sahen süß aus. Sophie kreischte vor Begeisterung, die anderen Mädchen schrien mit, sodass Fabienne errötete. Auch Elle fand ihre Zeichnungen toll. Sie wäre nur niemals in Johlen ausgebrochen beim Anblick eines Manhwas. Als die Jungen nach ihrer Meinung gefragt wurden, machte Alexander eine alberne Bemerkung über die Haare, die bei beiden Figuren genau gleich aussähen. Junis sagte, er finde das Gesicht des Mädchens anmutig.

„Was ist denn das für ein Wort?“, fragte Alexander.

„Das habe ich gelesen“, meinte Junis. Alexanders Grinsen ignorierte er.

Die Playlist wechselte, es wurde noch poppiger. Sophie packte weiter aus. Sie trug Make-up und hatte sich die Nägel machen lassen – sicher ein Geschenk ihrer Eltern. Auch ihre Mum-Jeans wirkte neu. Sie bedankte sich artig, manchmal tat sie, als wüsste sie nicht, von wem ein Geschenk kam, aber das musste gespielt sein, denn Sophie war sehr aufmerksam.

„Wo hab ich deins nur hingelegt“, sagte sie zu Elle, „ach, das hast du ja mit reingenommen.“

Pack es nicht aus, dachte Elle. Im Vergleich mit Fabiennes Manhwa-Bild kam es ihr plötzlich schäbig vor.

„Was Fluffiges, hab ich gleich gesehen.“

Sie drückte sie es. Wieder beachtete sie nicht die aufwendige Verpackung, sondern riss sie einfach auf.

„Ein Kissen! Fühlt sich toll an. Wo hast du den Bezug her? Der ist wahnsinnig schön.“

„Selbst genäht“, hauchte Elle.

»Und was ist da wohl drin? Etwas hartes, ein Buch, nehme ich an. Von … Alexander?!«

„Bist du bescheuert, so was verschenk ich nicht. Das ist bestimmt von Junis.“

Elle spürte einen kleinen Stich. Sie dachte, dass sie alles anders machen wollte, wenn sie sechzehn würde, nicht so brav, nicht auf diese Art mädchenhaft. Sie sah zu Junis rüber, der schaute zurück, sie verstanden sich.

Junis ging selten zu Feiern, auch nicht zum Tanzen. Er machte sich nichts aus Wodka-Orange. Beide sogen sie bedächtig an ihren Strohhalmen. Es kam Elle vor, als wäre er nur gekommen, um sie von hier wegzubringen.

„Wir müssen noch für Deutsch lernen“, sagte sie schließlich.

„Nein, nein, nein, ihr dürft auf keinen Fall schon gehen. Gleich gibt’s Pizza!“

Außerdem wollte Sophie noch ein Foto machen. Alle anderen habe sie schon im Kasten. Elle wollte keine Zicke sein. Junis stellte die Bedingung, selbst auch ein Foto von Sophie machen zu dürfen.

„Solange du keinen Filter verwendest“, sagte er außerdem.

Sie setzte sich also mit Junis auf die Bettkante und lehnte sich an ihn. Sophie machte ein paar Fotos, danach nahm auch Junis sein Bild auf. Als Sophie ihr Phone rumreichte und die anderen bei dem, was sie auf dem Screen sahen, loslachten, verlangte Elle das Bild zu sehen. Es gab ein kurzes Geplänkel, doch Sophie leistete keinen echten Widerstand; sie schien sich eher zu freuen. Zusammen mit Junis betrachtete Elle das Foto. Sophie hatte es mit einer speziellen App aufgenommen, die Menschen- in Tiergesichter verwandelte. Junis war ein Habicht, sie selbst eine Krähe.

„Lösch das“, raunte sie Junis zu. Doch das Phone war gesperrt, sie konnten bloß durch die Fotos wischen. Auch von den anderen gab es Tieraufnahmen, Alexander als Biber, Fabienne als Kuh.

„Du lachst gar nicht“, protestierte Sophie.

„Ich lache schon noch“, erwiderte Elle. Hatte Sophie nicht ohne Filter versprochen?

Ihr Phone meldete sich mit einer Nachricht von Junis. Der saß doch neben ihr! Ich habe Dennis gestern in der Stadt gesehen, schrieb er, wie immer in einem vollständigen Satz, da schob er einen Kinderwagen.

Jetzt lachte Elle. Das mit der Krähe fand sie trotzdem blöd. Was sollte das, nur weil sie oft schwarze Sachen trug? Hatte sie etwa eine so große Nase? Im Gegenteil. Oder blitzten ihre Augen tückisch? Das hätte sie sich manchmal gewünscht.

Lösch das bitte, textete Junis. Sie löschte den Chat. Es war früher Abend, ein Montag. Viel länger würde die Party bestimmt nicht dauern. Sie gab ihm ein erneutes Zeichen. Bevor die beiden aufstehen konnten, kam jedoch Sophies Mutter ins Zimmer.

„Hallo, ihr Süßen. Es gibt Piiii-zza!“

Schon strömte der Geruch herein. Die halb leere Wodkaflasche stand gut sichtbar auf dem Fußboden. Sophies Mutter ignorierte sie. Vermutlich wollte sie locker sein, zeigen, dass sie ihrer Tochter vertraute. Sophie wirkte für den Moment starr. Artig bedankte sie sich für die Essenslieferung. Elle fiel auf, dass beide die gleiche Jeans trugen. Aus Höflichkeit teilte sie sich mit Junis eine Pizza. Mehr als zwei Stücke kriegte sie nicht runter.

Nach dem Essen hinderte sie niemand mehr am Gehen. Sophie verabschiedete sich kühl von Elle. Die fand es ganz richtig so. Sie kannten sich seit dem Kindergarten, nur verband sie beide immer weniger.

Draußen zündete Junis eine Zigarette an. Es war ungnädig kalt, Elle spürte es wie Stiche ins Gesicht, und es hatte schon wieder zu schneien begonnen. Die Landschaft frischte ihr Make-up auf. Seit Monaten trug sie Weiß. Elle nahm die Zigarette von Junis und genoss den leichten Schwindel, der in ihr aufstieg. Auf der Straße lag unberührt der Schnee wie ein weißer Teppich. Sie begann zu rennen, sie lief mitten auf der Fahrbahn und versuchte zu schlittern, doch der Untergrund war stumpf. Auf der großen Straße, in die sie schließlich einbogen, rollten flüsternd Autos vorüber. Es waren nur wenige. An einem Van blieb ihr Blick haften. Die Innenbeleuchtung war eingeschaltet, eine Familie saß darin. Die Mutter fuhr, der Vater saß daneben. Jeder der beiden schien in seinen Außenspiegel zu starren. Drei Kinder saßen hinten, sie wirkten lebhaft. Das kleinste hüpfte in der Sitzschale auf und ab, das zweite klatschte in die Hände, nur das größte saß still über etwas gebeugt. Elle war gebannt von der Helligkeit und Deutlichkeit dieses Bildes, das so langsam vorbeiglitt, als dehnte sich darin die Zeit. Junis tippte ihr auf den Arm. Die Zigarette wanderte von ihr zu ihm. Ihre Fingerspitzen berührten sich, sie fühlte nichts dabei. Das lag an der Kälte.

 

Für längere Zeit kam kein Auto mehr. Elle textete im Gehen. Junis fing natürlich an zu quatschen und sie konnte sich kaum konzentrieren. Er malte eine Szene aus dem Weltkrieg, als anstelle von Vierweg hier eine riesige Munitionsfabrik gestanden hatte. Er wusste viel über diese Zeit. Er beschrieb ihr die Züge, den schwarzen Rauch und weißen Dampf, den sie ausstießen. Sogar das Pfeifen machte er nach. Nur selten ging er so aus sich raus. Er tat, als überflöge er gerade das damalige Gelände. So was machte ihr Eindruck, auch wenn sie wusste, dass er nicht nur mit der Drohne Erfahrungen in der Vogelperspektive sammelte. Er war auch schon mit seinem Vater im Klinik-Heli geflogen.

„Du wirst schon noch Pilot“, sagte sie zu ihm, „das muss so sein.“

Er zuckte die Achseln.

„Mit meinen Noten komme ich nicht mal nach der Zehnten aufs Gymnasium.“

„Du trägst es in dir“, meinte Elle.

„Das sagt meine Mutter auch. Was für ein Horror! Das würde ja bedeuten, dass Es noch lebt! Dass Es unter uns weilt!“

Sie boxte ihn auf den Arm.

„Und soll ich dir was sagen?“, fuhr er fort. „Es stimmt. Ich habe sogar ein Foto von Ihm.“

Er zog sein Phone aus der Tasche.

„Eine Schlange“, rief sie, als er ihr sein Bild von Sophie zeigte. „Das ist es!“

Zu lachen tat ihr gut.

Sie mussten noch die lange Friedhofsmauer passieren, danach würden sich ihre Wege trennen. Junis wollte weiter an seiner Rube-Goldberg-Maschine basteln. In dem riesigen Hobbykeller daheim probierte er immer neue Möglichkeiten, wie eine Aktion die nächste auslöste. Er hatte es ihr schon gezeigt. Ein Stock fiel um und stieß eine Flasche an, deren Wasser sich in ein Glas ergoss. Das Glas wurde schwerer und bewegte sich mit einem kleinen Aufzug nach unten. Dabei wurde ein Streichholz angerieben. Seine Flamme verbrannte einen Faden, der eine Feder zurückhielt. Die Feder schnellte vor und setzte wiederum etwas in Bewegung. So etwa funktionierten die Maschinen. Er wollte sie möglichst originell zusammenbauen. Dafür sammelte Junis sogar medizinisches Zubehör. Leider gelangen ihm diese Kettenreaktionen nie so gut wie die bei Sophie. Immer stoppten sie an einer Stelle.

„Was machst du noch?“, fragte er jetzt.

„Weiß nicht, Musik hören. Oder was schauen. Nein, Mist, ich muss noch die Küche aufräumen. Meine Mutter kommt spät von der Arbeit.“

Auf halber Höhe des Friedhofs tauchte ein Mann vor ihnen auf. Elle konnte nicht wegsehen; er war so seltsam. Seine schwarze Jacke wirkte abgetragen und fleckig, seine halb zerrissenen Tennisschuhe passten eindeutig nicht zur Witterung. Auf dem Kopf trug er eine Wollmütze, die voller Schnee war. Elle konnte hören, wie er unablässig vor sich hin murmelte, aber sie verstand nicht, was er sagte. Auch Junis schaute hin. In der Tasche, die von seiner Hand baumelte, klirrte es. Er schaute zu Boden, er ging sehr vorsichtig. Als er doch aufsah, war er schon nah und erschreckte sich. Er wollte ausweichen, geriet aber auf den alten Schnee vor der Mauer und kam ins Stolpern. Elle wollte ihn instinktiv stützen. Leider stand Junis ihr im Weg. Er drehte sich seinerseits zu dem Mann um. Statt ihm die Hand zu reichen, deutete er einen Schubser an, ließ dabei Luft durch die Zähne zischen und bewegte den Kopf zur Seite, als wollte er zeigen, wie der Alte rutschen würde. Das fand sie gemein.

„Was sollte das?“, fragte sie ihn hinterher.

„So wäre er schneller nach Hause gekommen“, sagte Junis.

„Hier kommen doch gar keine Häuser mehr.“

„Vielleicht kriecht er durch ein eingeworfenes Kellerfenster in die alte Me-Ste-Te-Halle.“ Er deutete die Bewegungen eines Wurms an. „Oder er kehrt zurück auf den Friedhof.“

„Von wo er gekommen ist?“

Sie konnte nicht anders, als darauf einzusteigen. Junis war manchmal so lustig! Und er hatte recht. Wie der Mann tippelte, wie übertrieben er auswich, als hätte er an ihrer Stelle den Gelenkbus kommen sehen, das hatte einfach komisch gewirkt.

Sie gingen weiter, ohne sich umzudrehen. Dabei lästerten sie wieder über Sophies Geburtstag. Elle hatte eine Idee.

„Bei mir wird alles anders“, rief sie.

„Keine Pizza von Mama?“

„Verlass dich drauf. Auch kein Korea-Pop. Ich werd nicht mal zu Hause feiern.“

„Wo dann?“

„Bei den Bahnschuppen. Da stört uns niemand.“

„Sind die nicht ziemlich runtergekommen?“

»Egal. Man kann da bestimmt was machen. – Hilfst du mir?«

„Nein“, sagte Junis, „was denkst du von mir?“

„Dass du ein Sack bist?“

Diesmal boxte sie ihn fest.

 

Das Bahngelände war eingezäunt, Betreten verboten, und vorn an der Straße wurde der Zaun auch instand gehalten. Von der Rückseite aber führte ein Stichweg auf das Gelände. Hier stand ein Tor offen, das wusste er. Längst waren Gras und Zweige durch den Maschendraht gewachsen. Unter dem Schnee zeichneten sich Grasnester ab, es war eine richtige kleine Hügellandschaft. Frank achtete darauf, immer nur zwischen die Huckel zu treten. Auf einmal brach sein Fuß ein und tauchte in eine verdeckte Pfütze. Wasser drang in seinen Schuh, der Strumpf sog sich voll. Binnen Sekunden wurde die Kälte beißend. Frank ignorierte das unangenehme Reiben des Gewebes. Er wollte tiefer ins Gelände vordringen. Mit seinen zahlreichen Birken, dem Gestrüpp, dem sumpfigen Boden erinnerte ihn das Grundstück an die Landschaft seiner Kindheit. Er war an der Küste aufgewachsen, bis er sechzehn Jahre alt wurde.

Zum Lagern suchte er eine leicht erhöhte Stelle mit festem Untergrund. Er fand sie in einer Gruppe junger Fichten zwischen pikenden Ästen. Gegen den Waldweg schirmten die immergrünen Bäume ihn ab. In Richtung der halb verfallenen Schuppen auf der anderen Seite schützte ihn eine Staude. Ihre dürren Stängel standen dicht wie bei einem Gitter und ragten fast einen Meter aus dem Boden. Er nahm die angefangene Flasche aus dem Beutel und begann zu trinken. Gleich wurde ihm wieder warm. Er freute sich an den dicht fallenden Schneeflocken. Hätten sie nicht auf seinen Hosenbeinen schmelzen müssen?

Die erste Wodkaflasche hatte er bald leer getrunken. Er fragte sich, wie viel Uhr es sein mochte, sicher noch nicht spät – acht oder halb acht sogar erst. Um neun lag er sonst auf der Couch und trank noch einen Rotwein mit Wasser. Lag es am Schnaps, dass er heute viel früher müde wurde? Er fühlte seine Glieder schwer werden.

So einfach war das also? Gute Nacht!

Er wachte wieder auf. Seine Hosenbeine waren inzwischen mit Schnee bedeckt. Und er hatte Schmerzen. Tausend Nadeln stachen ihn in Nase und Ohren, das war unterirdisch! Seine Zehen schrien. Es trieb ihn Schuhe und Strümpfe auszuziehen. Das konnte doch nicht gut sein! Überdies juckte sein Kopf wieder. Mit einer Hand schob er die Strickmütze hoch, um sich zu kratzten. Das war der Schorf, der seit Wochen nicht weggehen wollte. Eine dumme Geschichte; er war auf den Stufen vor Uwe’s Supermarkt ausgerutscht und hingeschlagen. Niemand hatte es mitgekriegt, und so war er eine ganze Weile liegen geblieben, weil ihm das Kreuz so wehtat, dass er sich nicht aufsetzen konnte. Die Wunde am Kopf hatte sich später infiziert und wollte nun nicht abheilen.

Vom Kratzen juckte es noch mehr. Unruhe erfasste ihn, er stellte sich steif auf die Beine und tippelte ein bisschen durch den Schnee. Ein Zittern überfiel seinen Körper, er musste sich wieder setzen. Er überlegte, zu den Schuppen hinüberzugehen, sie waren sicher nicht abgeschlossen. Aber dort war es vielleicht nicht kalt genug. Erneut robbte er zwischen die Fichten. Er fand einen Platz, der dem ersten recht ähnlich war, nur nicht ganz so gut geschützt. Hier legte er sich auf den anfrierenden Schnee. Zum Glück hatte er den Beutel die ganze Zeit festgehalten. Frank stützte seine Schultern an einem schief gewachsenen Stamm ab. So fiel ihm das Trinken leichter. Er öffnete die zweite Flasche und nahm mehrere Schlucke. Das Zittern verschwand. Noch einmal ließ der Schmerz nach. Jetzt würde alles gut.

Die beiden Jugendlichen vorhin, das waren Rüpel. Keinen Zentimeter weit waren sie ausgewichen, und hätte er sich nicht auf den glatten alten Schnee begeben, hätten sie ihn garantiert gerempelt. Vor wenigen Tagen erst, an Jasmins Grab, hatte er durch die Lebensbäume beobachtet, wie zwei Jungen einem dritten die Uhr abnahmen. Der eine, in Kampfkleidung und mit einer Maske über dem Gesicht, bedrohte den mit der Uhr und zog ihm, als er sie schon an sich gerissen hatte, noch eins über. Auch den Kleineren verdrosch er, aber Frank durchschaute das Spiel. Die beiden waren Komplizen, der Kleine spielte den Lockvogel und sollte ebenfalls als Opfer dastehen. So lief das ab.

Früher hätte es ihn empört so was mitanzusehen. Inzwischen war es ihm egal, nicht wirklich egal, aber man konnte halt nichts ändern. Die Welt war schlecht. Seine Mutter war aus Ostpreußen vertrieben worden. Ihr Leben lang war das ihre Traumlandschaft geblieben, von Dünen, Wäldern und Sümpfen erzählte sie oft. „Dagegen ist das hier ein Witz“, sagte sie. Aber woher kannte sie das Bahngelände? Als er nach Vierweg kam, war sie doch schon tot? Mit den nächsten Schlucken begann Frank, zu einer selbst erfundenen Melodie zu lallen. Er sah Jasmin vor sich mit ihrem leuchtenden Gesicht. »Ich liebte die See … wie mein Schokile …« Beine und Arme wurden ihm taub. Wie das manchmal im Fernsehen gezeigt wurde, rückte die nächtliche Landschaft von ihm weg. Irgendwann hörten die Schmerzen ganz auf. »Ich liebte die See … wie mein Mamile …« So hieß es richtig. Er erinnerte sich nun. Mit einem Mal wurde er zufrieden wie ein gestilltes Baby. Mit schmatzenden Lippen schlief er wieder ein.

 

Das war seine Lage: in einem Gebüsch, höchstens zwanzig Meter von jenem Waldweg entfernt, der hinaus zum nächsten Dorf führte und gleichzeitig die nahen Schrebergärten von der Rückseite erschloss. Das Bahngelände bildete ein Dreieck. Mit Blick auf die alten Güterschuppen kamen die Schienen rechterhand hinter den Gärten hervor und führten links im Spitz wieder hinaus bis zu einer nahe gelegenen Fabrikruine. Das Gleis verlief zwischen Schuppen und Straße. In den vergangenen zwanzig oder dreißig Jahren war hier Niederwald entstanden, er wuchs auf dem mageren, ehemals gesplitteten Boden nicht sehr dicht. Hinter den Bahnschuppen lag die Anpflanzung mit Nadelbäumen. Zu Weihnachten wurde immer wieder mal einer geklaut. Die Straße führte nach links in das Zentrum von Vierweg, nach rechts in die Felder. Die Stadt war fast kreisförmig angelegt mit vier Hauptwegen, die sich in der Mitte trafen, ein Mandala, ein Herz mit zwei Kammern und zwei Höfen. Die verschneiten Straßen hoben sich im Licht ihrer Lampen von der ebenfalls weißen Umgebung ab. Dort fuhr mit orangem Blinken ein erstes Räumfahrzeug. Rund um Vierweg lagen ein paar Äcker und viel, viel Wald. Durch den Wald schnitten die Schnellbahntrasse, einige Straßen und, in großer Distanz, die Autobahn. Es gab einzelne Ortschaften. Bis zur nächsten Stadt war es weit.

In der Gruft

In der Woche danach besuchte Elle ihren Großvater. Als sie die Hand auf die extralange Klinke legte, wunderte sie sich erneut, wie leicht das überbreite Türblatt in den Flur schwang. Trockene, warme Luft schlug ihr entgegen, in die sich eine scharfe Note mischte. Die Vorhänge mussten zugezogen sein, vielleicht lag es auch am wolkenverhangenen Himmel, jedenfalls wirkte es dämmrig. Sie ging an der Nasszelle vorbei in den Raum. Rechterhand weitete er sich, hier stand das Krankenbett mit hochgestelltem Kopfteil. Die Decke war ordentlich gefaltet, das Kissen hingegen zerknautscht. In der Mitte des Bettes befand sich eine Kuhle. Auf dem ausgeklappten Tisch des hohen Nachtschränkchens lag in einer kleinen Pfütze ein gekenterter Schnabelbecher. Die Rollen des Möbels drückten sich in einen geometrisch gemusterten blau-orangen Teppich, den Elle noch aus dem Haus ihres Großvaters kannte. Für dieses Zimmer war er zu groß und erstreckte sich bis unmittelbar an die Fensterwand. Linkerhand, auf einem halbhohen Schrank von ewig währender Hässlichkeit, stand der ausgeschaltete Fernseher.

Opa Peter lag in einem Sessel davor, die Füße auf dem mit Kunstleder bezogenen Brett ragten ins Zimmer, die Socken waren runtergerutscht, eine Hand hing über die Lehne. Sein Kopf hing zur Seite, der Mund stand offen. Obwohl Elle es besser wusste, bekam sie einen Schreck. Das Herz stürzte in ihrer Brust hinab. Sie sprach ihn an, zu leise, um ihn aufzuwecken. Sie wollte das Fenster kippen. Der unterschwellig beißende Geruch verschärfte sich noch einmal. Auf dem Heizkörper entdeckte sie eine mit Urin getränkte Unterhose. Elle erinnerte sich, dass im Bad eine Schachtel mit Einweghandschuhen stand. Egal, dachte sie auf einmal, nahm das Teil mit zwei Fingern und trug es zum Waschbecken. Sie spritzte ordentlich Flüssigseife drauf und ließ warmes Wasser ein. Mit derselben Seife wusch sie ihre Finger, der Geruch verschwand, die Hände fühlten sich sauber an.

Sie konnte es nicht vermeiden in den Spiegel zu sehen. Ihr schwarzes Haar fand sie zu dünn, die Wangenlinie nicht weich genug. Lauter Dinge, an denen man nicht wirklich etwas ändern konnte.

Zurück im Zimmer fragte sie sich, was sie tun sollte. Den Fernseher anstellen? Neben ihm sitzen und Messages schreiben, bis er aufwachte? Eine Weile lang betrachtete sie sein Gesicht. Den aufgerissenen Mund fand sie nach wie vor gruselig. Seine Beine mussten nackt sein unter der Decke. Irgendwo lag auch noch seine Hose, nahm sie an. Die sollte sie suchen. Gerade als sie ihm den Rücken zuwandte, wachte er auf.

„Grraorroogmmmhmm.“

„Opa! Erschreck mich doch nicht so.“

„Kaffee?“

Sie war nicht sicher, für wen er sie hielt.

„Ich bin es, Opa, deine Enkelin Elle.“

„Ellen“, sagte er, „das freut mich. Stell das Tablett dahin.“

„Ich habe kein Tablett.“

„Schieb den Nachttisch hier ran. Fernseher aus?“

Er versuchte die Sessellehne aufrecht zu stellen. Das bereitete ihm große Mühe.

Schnell drückte sie die Klingel.

„Bleib sitzen“, rief sie laut und hoffte, dass er es kapierte. Sie wollte nicht, dass er auf einmal nackt vor ihr stand.

Es war anstrengend ihn zu besuchen. Trotzdem ging sie hin, sie mochte ihn. Jetzt schaute er sie an wie ein Kind, wie ihre kleine Schwester Alice, die gleichen Augen hatten die zwei. Sein rundes Gesicht mit der roten Nase war dagegen einzigartig, weder Alice noch ihr Vater zeigten da Ähnlichkeit. Elle schon gar nicht, sie sah ja keinem aus der Familie ähnlich. Wie lange wohnte er schon in der Gruft? Mindestens fünf Jahre. Sie konnte sich noch an sein Haus erinnern, an diesen unglaublichen Teppich und viele hässliche Möbel. Die Atmosphäre dort hatte sie immer gemocht.

Damals hatte er noch jeden erkannt. Madlens Erklärungen seiner Demenz hatte sie lange nicht verstanden. Bis heute dachte Elle, man müsse im Grunde nur geduldig und deutlich genug mit ihm sprechen, um durchzudringen. Wieder versuchte er hochzukommen. Sie klemmte heimlich das Fußbrett ein und fand sich deshalb gemein. Zum Ausgleich packte sie seine Hand. Sie nahm sich vor nicht mehr Gruft zu denken. Seniorenzentrum klang allerdings kaum besser.

Der Pfleger kam, vermutlich ein Bufdi. Der sah vielleicht gut aus! Es wurde dadurch nicht eben leichter die Sache zu erklären. Er verzichtete nicht auf die Handschuhe und gab auch ihr ein Paar. Während er Opa Peter vom Sessel lotste, stopfte sie im Bad die nasse Wäsche in einen Sack. Als sie fertig war, wartete sie auf dem Gang. Es gab hier viele Türen, dazwischen überall Handläufe, an denen die alten Menschen sich festhalten konnten. Die meisten benutzten jedoch Rollatoren, manche saßen im Rollstuhl. Vorn stießen zwei Gänge aufeinander. Dort befand sich das Stationszimmer und davor standen zwei Tische, an denen einige Alte hockten, die großenteils gefüttert wurden. Essen konnte ihr Großvater noch allein.

Sie langweilte sich vor der Tür. Endlich kam der Bufdi mit ihm an.

„Wir haben noch geduscht“, sagte er. Seine weiße Hose zeigte nasse Spritzer.

„Danke“, erwiderte Elle.

„Holger“, sagte der Junge.

Er gefiel ihr wirklich gut, auch wenn er diese Pflegerkleidung trug und seine Füße in Plastik-Clogs steckten. Elle fand, dass er nicht älter als sie selbst wirkte, auch wenn er mindestens achtzehn sein musste. Holger war klein und feingliedrig. Junis mit seinem Hang zu seltsamen Wörtern hätte ihn wahrscheinlich knabenhaft genannt. Sagenhaft knabenhaft. Holgers Haare glänzten schwarz, seine Augen waren von dem hellen Blau eines Schneefelds in der Dämmerung. Elle fürchtete sich ein bisschen vor der Kälte darin.

„Du könntest deinen Opa nach vorn bringen“, sagte er. „Willst du auch einen? Kaffee.“

„Nein, danke“, sagte Elle.

Wenn er einmal auf den Beinen stand, war Opa Peter noch gut zu Fuß. Mit dem Rollator umkurvte er behände seine Enkelin und bog in Richtung Ausgang ab. Elle rief ihm nach.

„Opa, das ist die falsche Richtung!“

Er ging einfach weiter, auch als sie ihn eingeholt hatte. Sollte sie sich ihm in den Weg stellen? Das brachte sie nicht fertig. Also begleitete sie ihn, bis sie den Aufzug erreichten. Sie sah zu, wie er den Knopf drückte, vergeblich.

„Du bringst mich doch zum Bahnhof, Madlen?“

„Ich bin Ellen.“

„Von da komme ich allein nach Hause.“

„Aber du wohnst hier, Opa.“

Er drückte wieder den Knopf, der aufleuchtete und, sobald er den Daumen wegnahm, wieder erlosch.

„Ich wohn doch nicht hier“, sagte er schmunzelnd. „Da bringst du etwas durcheinander. Ich fahre mit dem Zug heim. Ich weiß nur nicht, wo hier der Bahnhof ist. Kannst du mir ein Taxi rufen?“

Sie sah zu, wie er noch einmal den Knopf drückte, auf die Lifttür starrte und sich endlich abrupt abwandte. Opa Peter kehrte um und wieder war er erstaunlich flink. Elle sagte ihm noch einmal, dass es Kaffee gäbe.

Schließlich konnte sie ihn an einen der Tische lotsen, an dem schon andere Alte saßen. Manche verharrten reglos, andere wirkten unruhig. Die Mehrzahl waren Frauen. Niemand am Tisch sprach. Sie schauten einander nicht mal an. Opa Peter legte die Arme auf die hölzernen Stuhllehnen. Er hatte seine gute Laune verloren. Elle hängte ihm die Papierserviette um. Kaffee und Kuchen kamen, er rührte nichts an.

„Möchtest du ihn füttern?“, sagte Holger, der sich selbst neben eine alte Frau mit Armprothese setzte. Mit der Gabel stach er ein Stück Kuchen ab und hielt es ihr vor den Mund. Elle zog einen Stuhl ran und machte es ihm nach. Opa Peter öffnete die Lippen, sie schob den Kuchen hinein. Dabei kam sie sich vor, als täte sie etwas Ungehöriges.

„Sie müssen kauen, Herr Fender“, sagte Holger.

Opa Peter kaute, er schluckte.

„Jetzt einen Schluck Kaffee.“ Holger zeigte auf den Schnabelbecher. „Er darf nicht zu heiß sein.“

Elle schaute fragend. Er lächelte. Er lächelte sie an!

„Du kannst es durch den Becher fühlen. Oder du schüttest dir einen Tropfen auf den Handrücken. Hier hast du eine Serviette.“

Der Kaffee war lau. Elle setzte den Schnabelbecher an die Lippen ihres Großvaters und kippte ihn so weit, dass ein wenig Flüssigkeit in seinen Mund lief. Sie hatte das noch nie getan. Er schluckte. So ging es weiter, bis das Stück Kuchen fast aufgegessen und der Becher halb leer war. Er sprach dabei kein Wort. Irgendwann machte er den Mund nicht mehr auf. Als Elle ihm dennoch Kaffee anbot, schlug er nach dem Becher. Sie erschrak und ließ ihn in seinen Schoß fallen. Dabei löste sich der Deckel und der Inhalt ergoss sich über seine Beine. Bis zum Knie hinab wurde er nass. Er fühlte mit der Hand hin, sagte oder tat jedoch nichts. Holger warf Elle einen Blick zu. Sie hatte keine Ahnung, was er dachte, genervt wirkte er jedenfalls nicht.

„Willst du ihm eine frische Hose anziehen?“, sagte er zu ihr. Er fütterte schon die nächste alte Frau.

Elle wollte nicht. Aber sie stand auf, wischte ihrem Großvater mit der Serviette über den Mund. Sie half ihm hoch.

„Sie müssen die Hose wechseln“, rief Holger.

In seinem Schrank fand sie nur eine alte Trainingshose, ein braunes, sehr hässliches Teil aus synthetischem Stoff, wie sie ihn nie zuvor gefühlt hatte, unfreundlich, richtig kratzig. Besaß er nicht mehr als diese drei Hosen? Elle schaute auf ihr Phone. Wenn sie noch rechtzeitig zur Fahrstunde kommen wollte, musste es jetzt schnell gehen.

„Du musst die Hose ausziehen, Opa.“

Sie gab sich Mühe so laut wie Holger zu sprechen. Doch ihr Großvater reagierte nicht. Also ging sie zu ihm hin und nestelte an seinem Gürtel. Ihm schien das egal zu sein, ihr war es peinlich. Die Hose rutschte runter und gab ein paar bleiche, schlaffe Beine frei. Seine Shorts war riesig und sah dennoch vollgestopft aus. Über dem schlappen Bund zeigte sich das randlose obere Ende einer Netzhose.

„Du musst die Füße anheben“, sagte sie.

Aber so ging es nicht. Sie musste ihm zuerst die Schuhe ausziehen.

„Polacke!“, rief er plötzlich. Er zitterte.

Als sie es endlich geschafft und ihn wieder auf seinen Liegesessel bugsiert hatte, fegte sie die schmutzige Hose mit dem Fuß beiseite. Es war genug, den Rest sollten die erledigen, die hier arbeiteten, Holger, der sich nur nett stellte, damit sie ihm Arbeit abnahm.

„Tschüs, Opa, ich muss zur Fahrstunde, hörst du, ich komm bald wieder!“, rief sie.

„Polacke“, sagte er grimmig.

Sie hatte keine Ahnung, wo das herkam.

 

Thomas Lang

Über Thomas Lang

Biografie

Thomas Lang, geboren 1967 in Nümbrecht (NRW), lebt in München. 2002 erschien der Roman Than, ausgezeichnet mit dem Bayerischen Staatsförderungspreis und dem Marburger Literaturpreis. 2005 erhielt Lang den Ingeborg-Bachmann-Preis für einen Auszug aus dem Roman Am Seil, der außerdem...

Pressestimmen
WDR 3

"ungemein spannend und eindringlich"

Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Ein mehr als sympathisches Beispiel dafür, wie Literatur jenseits des ja ohnehin allenfalls mythischen Elfenbeinturms gelingen kann.“

Der Tagesspiegel

„brutal berührender Roman“

der Sonntag

„Beklemmend“

Mannheimer Morgen

„›Freinacht‹ ist ein düsterer Gesellschaftsroman, der von einer wahren Geschichte inspiriert wurde.“

Westfälische Nachrichten Onine

„Ein düsterer Gesellschaftsroman“

Heilbronner Stimme

"eine packende Lektüre, die einen lange beschäftigt."

Wiener Zeitung

"makellos erzählt und im Kern unheimlich"

Klappentextmag.de

"Ein großartiges Ende, dass die Denkspirale noch einmal ordentlich ins Wanken bringt. Freinacht ist die perfekte Schullektüre, ein Jugendroman der zum Nachdenken über richtig und falsch, über Hemmschwellen und gefährliche Gruppendynamik anregt."

sueddeutsche.de

"Bemerkenswert und dunkel"

Isar aktuell

"atmosphärisch und authentisch"

Weser-Kurier

"Ein tiefgründiges, spannendes und verstörendes Buch."

Freie Presse

„fesselt vor allem durch seine Authentizität“

b-5-aktuell

"ein besonderer, verstörender Roman"

Literatur in Bayern

„In Freinacht thematisiert Thomas Lang die Sprachlosigkeit zwischen Jung und Alt, die Verführbarkeit ungefestigter Charaktere in gruppendynamischen Prozessen und die schicksalhaften Folgen einer einzigen unbedachten Aktion, die ein ganzes Leben überschatten können.“

Kommentare zum Buch
Freinacht
Marion Ruckert am 07.09.2019

Thomas Lange   Freinacht   Roman     Worum es geht, Klappentext:   Etwas Schlimmes ist geschehen ...   Eine Feier in der Nacht auf den 1. Mai, ein Toter und vier junge Menschen, für die nichts mehr so ist, wie es vorher war. Aus einer wahren Hintergrundgeschichte entwickelt Thomas Lang einen hellsichtigen Gesellschaftsroman über Ziellosigkeit und Verantwortung, Schuld und Sühne.   „Statt auf Grusel zu schielen, entfacht Freinacht mit feinsinniger Erkundungslust einen tragischen Taumel zwischen Freiheit und freiem Im Sturz seiner blickt uns die Gesellschaft aus der Untiefe entgegen. Ein bewegendes Buch über den schmalen unserer Conditio Humana.“ Fridolin Schley   „Freinacht singt keine sympathy for the devil, sondern bezeugt das tiefe Verständnis des Autors von Möglichkeiten, Lebenswegen, Katastrophen, Wandlungen. Nichts in diesem Buch ist abwegig.“ Heike Geißler     Meine Meinung :   Dies ist mein erstes Buch des Autors. Aufmerksam wurde ich durch den Klappentext und das Cover.   Ich fand den Roman sehr gelungen und ich hab ihn sehr gerne gelesen.   Thomas Lange hat sich einer Thematik angenommen, die nicht alltäglich ist und deshalb auch kontovers, aber ich finde, wie er das getan hat, sehr spannend und interessant. Es ist immer wieder erstaunlich, wie die Menschen mit ihren Erlebnissen umgehen und versuchen auch mit schlechten Erlebnissen fertigzuwerden, jeder auf seine eigene Weise ...   Es ist ein Buch, welches mich auch sehr nachdenklich gemacht hat, was wäre wenn ... ... was würde ich in dieser Situation tun ? Keine leichte Frage und auch kein leichter Stoff für einen Roman.   Aber sehr gut verpackt, flüssig und eingängig zu lesen und absolut nachvollziehbar ! Allerdings alles Andere als Mainstream, könnte mir vorstellen, dass der Roman sehr stark polarisiert ...   Mir hat er jedenfalls sehr gut gefallen und ich werde mir den Namen Thomas Lange auf jeden Fall merken !   Morbide 5 Sterne gibt es dafür von mir !!!  

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