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Fraktal

Fraktal

Roman (Quantum, Band 2)

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Fraktal — Inhalt

Nachdem Hannu Rajaniemi mit »Quantum« eines der meistbeachteten Science-Fiction-Debüts der letzten Jahre geglückt ist, erscheint nun der lang ersehnte zweite Band seiner »Quantum«-Trilogie. Diesmal führt es Jean le Flambeur, den Meisterdieb ohne Gedächtnis, und seine Freunde auf der Suche nach dem mächtigen Kaminari-Stein in virtuelle Realitäten wie aus 1001 Nacht. Nur einer der gottgleichen »Herren des Universums« kann den Schlüssel zu diesem Coup liefern. Jeans Aufgabe erscheint nicht nur kaum lösbar, sondern sie ist im wahrsten Sinne des Wortes existenziell – für den Meisterdieb ebenso wie für die Machtverhältnisse im Sonnensystem …

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 12.03.2013
Übersetzer: Irene Holicki
400 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96167-7

Leseprobe zu »Fraktal«

Prolog: Der träumende Prinz

In jener Nacht schleicht sich Matjek aus seinem Traum, um dem Dieb einen weiteren Besuch abzustatten.

Im Traum befindet er sich in einem Buchladen. Es ist ein düsterer, schmutziger Raum mit niedriger Decke und einer schiefen Treppe, die hinauf in eine kleine Dachkammer führt. Die Regale biegen sich unter dem Gewicht völlig verstaubter Wälzer. Ein berauschender Geruch nach Weihrauch aus dem Hinterzimmer mischt sich mit einem Hauch von Staub und Schimmel in der Luft.

Matjek liest im Halbdunkel mit zusammengekniffenen Augen die [...]

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Prolog: Der träumende Prinz

In jener Nacht schleicht sich Matjek aus seinem Traum, um dem Dieb einen weiteren Besuch abzustatten.

Im Traum befindet er sich in einem Buchladen. Es ist ein düsterer, schmutziger Raum mit niedriger Decke und einer schiefen Treppe, die hinauf in eine kleine Dachkammer führt. Die Regale biegen sich unter dem Gewicht völlig verstaubter Wälzer. Ein berauschender Geruch nach Weihrauch aus dem Hinterzimmer mischt sich mit einem Hauch von Staub und Schimmel in der Luft.

Matjek liest im Halbdunkel mit zusammengekniffenen Augen die handgeschriebenen Schilder an den Regalen. Sie haben sich seit dem letzten Mal verändert und führen nun recht abstruse Themen auf: Feuerschlucker. Menschliche Kanonenkugeln. Giftresistente. Todeswandfahrer. Mentale Multitalente. Entfesselungskünstler.

Sein Puls wird schneller, und er greift nach einem Bändchen, auf dessen Rücken in verschnörkelten Goldlettern Das Geheimnis der Zacchini-Kanone steht. Er liebt die Geschichten in seinen Träumen, auch wenn er sich nach dem Aufwachen nie so recht daran erinnern kann. Nun schlägt er das Buch auf und beginnt zu lesen.

Der Kanonenkugelmann hatte sie nie geliebt, sooft er ihr das auch beteuerte. Seine einzig wahre Liebe war das Fliegen, jenes unvergleichliche Gefühl, wenn er aus der Mündung des eisernen Ungetüms geschleudert wurde, das sein Großvater aus einem Metall gegossen hatte, welches angeblich von einem vom Himmel gefallenen Felsen stammte. Eine Frau war für ihn wie ein Gebrauchsgegenstand, ein Werkzeug unter vielen, um die großartige Maschine, die er zusammen mit der Kanone bildete, instand zu halten. Liebe war für diese Beziehung das falsche Wort …

Matjek zwinkert. Das ist nicht die richtige Geschichte, denn sie führt ihn nicht zu dem Dieb.

Hinter ihm räuspert sich jemand. Er fährt zusammen und schlägt das Buch zu. Wenn er sich umdreht, wird der schmächtige Ladenbesitzer in einem fleckigen Hemd, aus dessen Knopflöchern die Brusthaare sprießen, hinter der Ladentheke sitzen und ihn aus brennenden Augen in einem unrasierten, von Niedertracht strotzenden Gesicht missbilligend anstarren. Und danach wird er aufwachen.

Matjek schüttelt den Kopf. Heute Nacht ist er nicht einfach nur ein Träumer. Heute Nacht hat er eine Mission. Sorgfältig stellt er das Buch in das Regal zurück und steigt die Treppe hinauf.

Das Holz knarrt bei jedem Schritt unter seinem Gewicht. Er fühlt sich schwer. Das Geländer unter seinen Fingern wird mit einem Mal weich. Wenn er nicht aufpasst, versinkt er in einem anderen, tieferen Traum. Doch da hat er es entdeckt: Vor ihm, zwischen den grauen Bänden ganz oben auf dem Regal in der Ecke, gleich da, wo die Treppe endet, blitzt etwas Blaues hervor.

Unten räuspert sich der Ladenbesitzer abermals; es klingt hart und verschleimt.

Matjek stellt sich auf die Zehen, greift nach dem Buch mit dem blauen Einband und zerrt mit den Fingerspitzen daran; es fällt herunter und reißt eine ganze Lawine von anderen Büchern mit. Staub fällt ihm in die Augen und reizt ihn zum Husten.

»Was machst du da oben, Junge?«, fragt eine heisere Stimme, gefolgt von schlurfenden Schritten auf knarrenden Dielen.

Matjek lässt sich auf die Knie nieder und schiebt Bücher über Flohzirkusse und singende Mäuse beiseite, bis der blaue Band zum Vorschein kommt. Der Einband hat Risse und Dellen, unter denen das braune Papier hervorlugt, doch das silberne Titelbild mit den Minaretten, den Sternen und dem Mond glänzt noch immer.

Etwas kommt die Treppe herauf, etwas, das nach Staub und Weihrauch riecht, es ist nicht der Ladenbesitzer, sondern etwas viel Schlimmeres, es raschelt wie Papier, und es ist uralt …

Matjek richtet den Blick fest auf das Buch und reißt es auf. Die Worte springen ihm entgegen, schwarzen Insekten gleich kriechen sie über die vergilbte Seite.

In den Geschichten über vergangene Völker wird von einem Sassanidenkönig berichtet, der vor langer Zeit auf den Inseln Indien und China lebte. Er gebot über Heerscharen und Wachen, Diener und Gefolgsleute, und er hatte zwei Söhne …

Die Worte verschwimmen. Papier und Buchstaben wölben sich vor und werden zu einer Hand, die mit schwarz-weißen Fingern aus dem Buch herausgreift.

Das Staubding hustet und raschelt, und etwas Stacheliges streift Matjek an der Schulter. Er packt die Hand, so fest er kann. Die scharfen Kanten der Wortfinger zerschneiden ihm die Handfläche. Aber er lässt nicht los, und auf einmal hat er ein riesiges Sprachenmeer vor sich, in das ihn die Hand hineinzieht. Die Worte rollen über ihn hinweg wie …

… Wellen, wie kalter Schaum, der spielerisch gegen seine bloßen Füße schlägt und daran leckt. Von oben scheint eine warme Abendsonne auf ihn herab, ringsum lächelt ein Strand aus weißem Sand.

»Eine Weile dachte ich, du würdest es nicht schaffen.« Der Dieb umfasst Matjeks Hand mit warmem, festem Griff. Er ist ein schmächtiger Mann in kurzen Hosen und weißem Hemd, seine Augen sind hinter einer Sonnenbrille verborgen, die so blau ist wie das Buch mit den Märchen aus Tausendundeiner Nacht.

 

Der Dieb hat auf dem Sand neben einigen Sonnenschirmen und verlassenen Liegestühlen ein Handtuch ausgebreitet. Beide setzen sich und sehen zu, wie die Sonne langsam im Meer versinkt.

»Früher war ich oft hier«, sagt Matjek. »Du weißt schon, vorher.«

»Ich weiß. Ich habe die Szene deinen Erinnerungen entnommen«, antwortet der Dieb.

Und mit einem Schlag ist der Strand erfüllt von Samstagnachmittagen. Matjek und sein Vater besuchten stets zuerst den Technikbasar, dann breiteten sie ihre Beute auf dem Sand aus und testeten kleine Schwimmdrohnen in den Wellen oder saßen einfach da und sahen den Fähren und den Jetskifahrern zu. Doch obwohl Matjek den weichen Sand zwischen den Zehen spüren, die Mischung aus Sonne, Schweiß und Salz auf seiner Haut riechen und die sanft gewölbten roten Felsen am anderen Ende des Strandes sehen kann, fühlt sich das alles nicht ganz richtig an, fast so, als gehörte es ihm nicht mehr.

»Du meinst wohl, du hast sie mir gestohlen«, verbessert Matjek.

»Ich hatte nicht den Eindruck, als würdest du sie noch brauchen. Außerdem hoffte ich, sie würde dir gefallen.«

»Sie ist so weit ganz in Ordnung«, räumt Matjek ein. »Bis auf einige Details.«

»Das liegt an deinen Erinnerungen, nicht an mir«, verteidigt sich der Dieb.

Matjek ist beunruhigt. »Auch du siehst anders aus«, beklagt er sich, um das Thema zu wechseln.

»Das hilft, um nicht erwischt zu werden«, erklärt der Dieb. Er nimmt die Sonnenbrille ab und steckt sie in seine Brusttasche. Ein wenig anders sieht er tatsächlich aus, auch wenn Matjek schwören könnte, dass die schweren Augenlider, die Brauen und der leicht schiefe Mundwinkel noch genauso sind wie früher.

»Du hast mir nie erzählt, wie du erwischt wurdest«, sagt Matjek. »Nur vom Gefängnis und wie Mieli dich herausgeholt hat. Und wie sie mit dir zum Mars geflogen ist, um dort nach deinen Erinnerungen zu suchen. Weil du etwas für ihren Boss stehlen solltest. Danach wollte sie dich laufen lassen.«

»Und dann?« Der Dieb lächelt, wie er es manchmal tut, wie über einen Witz, den außer ihm niemand kennt.

»Du hast die Erinnerungen gefunden. Aber ein anderes Ich wollte sie dir wieder abnehmen. Deshalb hast du es in einem Gefängnis eingeschlossen und bist mit einer Kiste geflohen, in der sich ein Gott befand. Und mit einer Erinnerung, die dir sagte, du müsstest dich auf die Erde begeben.«

»Du hast wirklich ein gutes Gedächtnis.«

Durch Matjeks Schläfen rauscht eine Welle des Zorns.

»Mach dich ja nicht über mich lustig. Ich mag es nicht, wenn sich die Leute über mich lustig machen. Und du bist nicht einmal eine richtige Person, nur jemand, den ich erfunden habe.«

»Ich dachte, du wärst zur Schule gegangen. Bringt man euch dort nicht bei, wie wichtig erfundene Dinge sind?«

Matjek schnaubt verächtlich. »Nur den Chitraguptas. Bei der Großen Gemeinsamen Aufgabe geht es um die Realität. Der Tod ist real. Der Feind ist real.«

»Du lernst auch schnell, wie ich sehe. Also, was willst du hier?«

Matjek steht auf und stapft wütend ein paar Schritte auf das Meer zu. »Ist dir klar, dass ich ihnen von dir erzählen könnte? Den anderen Chens. Sie würden dich einfach rausschneiden.«

»Dazu müssten sie mich erst fangen«, gibt der Dieb zu bedenken.

Matjek dreht sich um. Der Dieb schaut zu ihm auf, blinzelt in die Sonne, legt den Kopf schief und grinst.

»Erzähl mir, wie es das letzte Mal war«, verlangt Matjek.

»Wenn du mich höflich bittest.«

Matjek will dem Dieb noch einmal klarmachen, dass er nur eine Ausgeburt von Matjeks Fantasie ist und Matjek es nicht nötig hat, ihn um etwas zu bitten. Doch der andere strahlt eine so unwiderstehliche Heiterkeit aus wie der kleine Buddha, den Matjeks Mutter in ihrem Garten stehen hatte, und so bleiben ihm die Worte im Halse stecken, und er atmet stattdessen tief durch. Dann geht er langsam zum Handtuch zurück, setzt sich wieder und schlingt die Arme um die Knie.

»Na schön«, sagt er. »Erzähle mir, wie du beim letzten Mal erwischt wurdest. Bitte.«

»He, das klingt doch schon besser.« Der Dieb nickt. Die Sonne blinzelt nur noch golden über den Horizont, trotzdem setzt er die Sonnenbrille wieder auf. Der Abendschein breitet sich über das Meer wie verlaufende Wasserfarben. »Schön. Es ist eine Geschichte gegen den Tod, so wie ich, wie du, wie wir alle. Hat man dir das jemals beigebracht?«

Matjek wirft ihm einen Blick voller Ungeduld zu. Der Dieb lehnt sich feixend zurück.

»Es war nämlich so«, beginnt er. »An dem Tag, als der Jäger kam, tötete ich reihenweise Geisterkatzen aus der Schrödinger-Kiste.«

Und die Somnium-Virtualität, die Traum-Vir, untermalt die Erzählung des Diebes mit den Farben von Abendsonne, Sand und Meer.

 

 

1 Der Dieb und die Kiste

An dem Tag, als der Jäger kommt, töte ich reihenweise Geisterkatzen aus der Schrödinger-Kiste.

Wie Funken aus einer Tesla-Spule schlängeln sich Quantenpunkt-Fäden von meinen Fingern in das Kästchen aus lackiertem Holz, das in der Mitte meiner Kabine schwebt. Dahinter ist auf einer leicht gewölbten Wand der Highway abgebildet – ein niemals abreißender Strom von Raumschiffen und Gedankenbündeln, ein sternenübersäter Pinselstrich im Dunkel. Ein Ast der Gravitationsarterie, die sich durch das gesamte Sonnensystem zieht, dem unser Schiff Perhonen auf seinem Weg vom Mars zur Erde folgt. Doch heute bin ich blind für seine Schönheit. Meine Welt beschränkt sich auf das schwarze Kästchen, das gerade groß genug ist für einen Ehering, das Bewusstsein eines Gottes – oder den Schlüssel zu meiner Freiheit.

Ich lecke mir den Schweiß von den Lippen. Mein Gesichtsfeld ist ein Gespinst aus Quantenprotokoll-Diagrammen. In meinem Kopf wispern und raunen Perhonens Mathematik-Gogols. Um meinen allzu menschlichen Sinnen und meinem Gehirn auf die Sprünge zu helfen, wandeln sie das Problem in ein Yosegi um: Nun muss ich ein japanisches Zauberkästchen öffnen. Die Quantenprotokolle manifestieren als Empfindungen, ich erspüre Unvollkommenheiten und Vertiefungen in den Intarsien, Druckpunkte im Holz wie Muskelknoten, das schwache Grinsen von verschiebbaren Teilen … Wenn ich die richtige Reihenfolge finde, geht der Kasten auf.

In diesem Fall ist es allerdings wichtig, ihn nicht zu früh zu öffnen. Die Holzmuster verbergen sich in den zahllosen Qubits im Inneren – von denen jeder null und eins gleichzeitig ist; die Bewegungen sind quantenlogische Operationen und werden umgesetzt von den Lasern und Interferometern, die die Gogols in die Flügel des Schiffes eingebaut haben. Letzten Endes läuft es auf eine Quantenprozesstomografie hinaus, wie unsere Vorfahren es nannten: Man muss herausfinden, was die Kiste mit den Sondenzuständen anstellt, die wir so sachte einführen wie einen Dietrich in ein Schloss. Es ist, als wollte man mit achtseitigen Zauberwürfeln jonglieren und sie dabei zu lösen versuchen.

Und jedes Mal, wenn ich einen Würfel fallen lasse, tötet Gott eine Milliarde Kätzchen.

Die Gogols lassen einen Abschnitt des Diagramms aufleuchten, rote Fäden durchziehen das Gewirr. Prompt sehe ich einen anderen Abschnitt, der damit verbunden ist. Wenn wir diesen Pfeil und jenen Zustand drehen, ein Hadamard-Tor verwenden und messen …

Unter meinen Fingern knarrt und klickt das imaginäre Holz.

»Sesam öffne dich«, flüstere ich.

Über Hannu Rajaniemi

Biografie

Hannu Rajaniemi, geboren 1978, promovierte zum Thema Stringtheorie. Der Finne lebt, lehrt und arbeitet seit vielen Jahren in Edinburgh und hat dort seine Erzählkunst in Schreibwerkstätten erworben, gemeinsam mit den Autoren Hal Duncan und Alan Campbell. Mit seinen »Quantum«-Romanen um den...

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