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Fräulein Schläpples fabelhafte SteuererklärungFräulein Schläpples fabelhafte Steuererklärung

Fräulein Schläpples fabelhafte Steuererklärung

Roman

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Fräulein Schläpples fabelhafte Steuererklärung — Inhalt

Fred Eisenbogen ist so korrekt, dass er Tipp-Ex pinkelt. Bis er Sandra Schläpple in Sommerkleid und Gummistiefeln und mit ihrer Steuererklärung im erdverschmierten Kuvert vor der geschlossenen Post stehen sieht. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Für Sandra wagt Fred die erste Regelabweichung seines Lebens. Leider verpasst er dabei, ihr zu sagen, was er beruflich so macht. Aber wie denn auch! Kein Mann erzählt einer tollen Frau einfach, dass er Finanzbeamter ist … Als ihre haarsträubende Steuererklärung zur strengen Prüfung ausgerechnet auf seinem Tisch landet, scheint es Fred endgültig aussichtslos, jemals ihr Herz zu gewinnen.

 

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 13.10.2014
224 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-0991-5
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 13.08.2013
224 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7650-2

Leseprobe zu »Fräulein Schläpples fabelhafte Steuererklärung«

1
Den ganzen Donnerstag hatte Fred Eisenbogen es geschafft, sich mit angenehmen Dingen abzulenken: Zuerst hatte er neun Steuererklärungen durchgearbeitet. In der Mittagspause gönnte er sich aus seinem Postfach außerdem einen Betriebsprüfungsbericht, obwohl der noch lange nicht fällig war. Und danach, aus einer großen Tüte, einen dicken Stapel frischer Aktenauszüge. Das Papier noch warm vom Kopierer. Kurz vor Feierabend war sein Postkorb alle.
Neidisch schielte er auf die wie immer übervolle Ab-lage seines Kollegen. Mit Winnie teilte sich Fred ein [...]

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1
Den ganzen Donnerstag hatte Fred Eisenbogen es geschafft, sich mit angenehmen Dingen abzulenken: Zuerst hatte er neun Steuererklärungen durchgearbeitet. In der Mittagspause gönnte er sich aus seinem Postfach außerdem einen Betriebsprüfungsbericht, obwohl der noch lange nicht fällig war. Und danach, aus einer großen Tüte, einen dicken Stapel frischer Aktenauszüge. Das Papier noch warm vom Kopierer. Kurz vor Feierabend war sein Postkorb alle.
Neidisch schielte er auf die wie immer übervolle Ab-lage seines Kollegen. Mit Winnie teilte sich Fred ein Doppel-büro im Finanzamt Böblingen.
Und jetzt, wie jeden Tag kurz vor Feierabend, stopfte Winnie gerade frische Post in seine Schublade – wo sich, wie er Fred gerne versicherte, mindestens die Hälfte der Arbeit irgendwann von selbst erledigte. Winnie nannte das »Hilfe zur Selbsthilfe«. Es war die einzige Bürotätigkeit, die Winnie gewissenhaft erledigte.
Fred schüttelte ein letztes Mal hoffnungsvoll die Akten-tüte auf seinem Schreibtisch aus. Aber nur eine einzige, dürre Büroklammer fiel heraus: Es war klar, er konnte die Entscheidung nicht mehr aufschieben. Er zog die unterste Schreibtischschublade auf und holte den schon adressierten und frankierten Umschlag heraus. Darin war die Geburtstagskarte: das hübsche Foto von einem blassen, fest gebundenen -Rosenstrauß.
Acht Tage trug er die Karte nun schon fertig mit sich -herum. Morgen hatte Verena Geburtstag, also musste er sie -heute abschicken – oder besser nicht? War der Text so richtig? Und das Motiv auf der Karte? Sendete beides die richtige Botschaft?
In fünfzehn Minuten war die letzte Leerung.
Er klappte die Karte auf, las noch mal – stutzte dann und griff aufgeregt nach dem Rotstift: Dass er das übersehen hatte! Sorgsam fügte er das fehlende Komma ein zwischen »glückliches« und »gesundes«. Und den Punkt hinter »Lebensjahr«.
Leider schaute Winnie ausgerechnet in diesem Moment auf.
»Du schreibst doch nicht etwa an Verena?«
Blitzschnell schob Fred ein AP-191-Formular über die Geburtstagskarte, zu spät. Winnie wartete, mit verschränkten Armen, auf eine Erklärung.
Winnie war ein paar Jahre älter als Fred und stolz darauf, dass ihn noch nie jemand für einen Finanzbeamten gehalten hatte, aber schon eine Menge Leute für einen Motorradrocker. Dass das schon fünfzehn Jahre her war, störte Winnie nicht im Geringsten. Winnie fand sich immer prima.
Fred dagegen verzweifelte täglich vor dem Spiegel: Jeden Tag bemühte er sich von Neuem um einen Beamtenscheitel, obwohl der in seinem dunklen Lockenkopf nie lange hielt. Tatsächlich sah Fred ab etwa elf Uhr morgens immer nur vom Hals abwärts aus wie ein seriöser Beamter. Und seit einer Woche, seit er die Karte für Verena mit sich herumtrug, schien sich der Scheitel sogar noch früher selbst zu zerstören.
»Verena hat morgen Geburtstag. Und ich schreibe allen Leuten Geburtstagskarten«, verteidigte sich Fred. »Außerdem würde sie dasselbe für mich tun.«
Oder? Würde sie das?
»Stimmt«, sagte Winnie. »Verena war immer gut mit Jahrestagen. War es nicht euer Jahrestag, als sie dich rausgeschmissen hat und du in mein Gästezimmer gezogen bist?«
»Es war nach Mitternacht. Also, genau genommen, nicht mehr.«
Winnie seufzte, als ob Fred nicht zu helfen wäre.
»Gib her, vielleicht kann ich noch was retten.«
Fred reichte ihm zögernd die Karte. Winnie hinterließ überall Fettflecken.
Winnie las, ließ die Karte sinken. Und schwieg.
»Zu gewagt?«, fragte Fred nervös. »Soll ich sie lieber nicht abschicken?«
»DAS ist die Karte, mit der du eine Frau zurückkriegen willst, die dich verlassen hat, weil du …«
»Das hat sie nicht so gemeint!«
»Und als sie gesagt hat, du …«
»Da war sie nur ehrlich. Und ich kann mit keiner Frau zusammen sein, die nicht ehrlich ist.«
Fred wollte nicht daran erinnert werden, was Verena gesagt hatte. Nicht, dass er es jemals vergessen hätte, dafür war es viel zu prägnant gewesen. Aber im Moment sah er keinen Grund …
»Sie hat gesagt, du bist so korrekt, dass du Tipp-Ex pinkelst.«
Fred riss Winnie die Karte aus der Hand. Unfassbar, wie gern Winnie sich um die Angelegenheiten anderer Leute kümmerte – außer natürlich um die Angelegenheiten der Leute, die ihn von Berufs wegen zu interessieren hatten!
Fred packte Mantel und Aktentasche und verließ das Büro. Draußen auf dem Flur schob er die Karte zurück in den Umschlag. Der Postkasten war direkt vor dem Finanzamt, die letzte Leerung würde er noch schaffen. Was hatte Fred sich nur -dabei gedacht: Hilfe in Beziehungsfragen von WINNIE?
Er drückte auf den Aufzugsknopf. Irgendwo knallte eine Tür, er drehte sich um und sah in der Glasscheibe des verlassenen Kundenschalters sein Profil: Blass, dachte er plötzlich. Er drehte sich stärker gegen das Licht, kniff die Augen zusammen und hob versuchsweise verwegen das Kinn – besser. Dunkler. Schärfer. So gefiel er sich.
Sein Blick fiel zurück auf die Karte: Und wenn Winnie doch recht hatte – war sie zu unromantisch? Zu wenig kreativ?
Aber was war denn falsch an einer Karte mit vorgedrucktem Glückwunschtext? Vordrucke waren gut! Fred mochte Vordrucke! Der richtige Vordruck, das korrekte Formular, der passende Paragraph. All das schaffte Sicherheit, schließlich hatten sich Experten mit der Materie befasst. Und bei Paragraphen verlangte ja auch keiner, dass einem jedes Mal ein neuer einfiel, wenn man einen brauchte!
Oder war es gar nicht so sehr der vorgedruckte Text? Hätte er einfach die fehlenden Satzzeichen nicht verbessern sollen? Und wenn doch – vielleicht etwas unauffälliger? Und nicht mit Rotstift?
Durchs Fenster sah er den Postboten mit der letzten Leerung wegfahren – aber das war ihm plötzlich egal. Denn einem Mann wie Fred standen noch ganz andere Mittel und Wege -offen: Verena, beschloss er, sollte ihn nicht wiedererkennen.

2
Drei Stunden später, kurz vor einundzwanzig Uhr, schob Fred verzweifelt den Rotstift von sich und warf eine neue Karte in den Mülleimer. Es war die achte.
Er klemmte hinter dem viel zu kleinen Tisch im Spätpostamt Stuttgart – ein Etablissement, das er bis heute nur vom Hörensagen gekannt hatte. Hier, das wusste Fred, verkehrten nur dubiose Gestalten. Zu disziplinlos und desorganisiert, um sich an normale Öffnungszeiten zu halten. Selbst die Postbeamtin hatte einen gewagteren Ausschnitt und einen grelleren Lippenstift, als Fred es angemessen gefunden hätte.
»Punkt zehn Uhr machen wir hier dicht!«, rief die Frau hinter dem Schalter jetzt und nickte in Richtung der großen Wanduhr hinter ihrer Theke.
Winnie hätte ihm geraten, die Karte zu vergessen und einfach so bei Verena zu Hause aufzutauchen. Aber das war ihm unvorstellbar. Selbst wenn Fred eine Karte gehabt hätte – was, wenn Verena gerade nicht da war, wenn er klingelte? Dann hätte er die Karte in den Briefkasten werfen müssen. Aber dann hätte Verena gewusst, dass er da gewesen war, weil die Karte keinen Poststempel trug. Und dann hätte sie sich vorgestellt, wie lächerlich er ausgesehen haben musste, als er vor dem Haus auf und ab gelaufen war, während er auf sie wartete: entweder wie jemand, der versetzt worden, oder wie jemand, der unfähig war, zum Telefon zu greifen und einen Termin auszumachen. Vor dem Haus auf Verena zu warten schied deshalb zweifellos von vornherein aus.
Die meisten Leute, Winnie eingeschlossen, dachten ein Problem einfach nicht zu Ende, bevor sie handelten.
Nein, alles, was Fred brauchte, war eine neue Karte. Nervös fingerte er durch den Drehständer: Hochzeiten, Todesfälle, Ruhestand, Muttertag, »Herzlichen Glückwunsch mit der Sesamstraße« – alle mit Vordruck! Die Versuchung war groß. Wie gern hätte er einfach eine Karte mit Vordruck genommen und es hinter sich gebracht … aber, nein: Der neue Fred hielt sich an sein neues Prinzip: Vordrucke nur beruflich. Privat waren sie unromantisch.
Er trat an den Schalter.
»Entschuldigen Sie, haben Sie keine mehr von den Karten mit den kleinen Blumensträußchen?«
»Die haben Sie alle gekauft. Hätten Sie mir gleich gesagt, dass Sie acht Stück verbrauchen, hätte ich Ihnen was nachlassen können.«
»Was? Aber …«
»Nur die Ruhe. Für welchen Anlass soll’s denn sein?«
Bevor Fred antworten konnte, hob sie den Finger: Sie warf einen kurzen Blick auf den Papierkorb mit seinen verworfenen Karten, einen längeren Blick auf ihn – dann hatte sie die Situation erfasst.
»So. Hat sich die Freundin aus dem Stäuble gemacht? Keine Sorge, für Notfälle habe ich immer was da.« Sie bückte sich unter ihre Theke, Fred hörte sie in einem Karton kramen, dann schob sie ihm eine Postkarte zu, verschwörerisch. Bild nach unten.
Fred drehte die Karte um: Tarzan und Jane. Tarzan, im Lendenschurz, schwang sich mit Jane, im Badeanzug, an einer Liane durch den Dschungel. Entsetzt schob er die Karte zurück.
»Ich fürchte, das passt nicht zu mir. Haben Sie nicht …«
Sie schob ihm die Karte direkt wieder hin.
»Mit der Liebe ist es wie mit dem Porto: besser zu viel als zu wenig. Glauben Sie mir, ich arbeite hier seit dreißig Jahren – ich habe genug Liebesbriefe gelesen. Ich weiß Bescheid.«
»Haben Sie wirklich keine mehr mit Blumen? Irgend-welchen Blumen?«
Sie tippte mit ihrem dick-beringten Finger in die Mitte des Dschungels.
»Mehr Grünzeug als da drauf ist, geht nicht. Und jetzt zackig, wir schließen gleich.«
Die Wanduhr zeigte 21.36 Uhr.
Fred nahm die Tarzan-Karte, setzte seinen Rotstift an und schrieb: Liebe Verena. Fünf Minuten später setzte er ein Komma hinter Verena. Zehn Minuten später griff er entschlossen nach seinem Taschenlineal. Und unterstrich Liebe Verena. Dann nahm er die Nickelbrille ab, raufte sich die Haare und zerstörte die letzten Reste seines Beamtenscheitels.
Während Fred sich auf der Tarzan-Karte von Komma zu Komma hangelte, hatte sich das Postamt überraschend gefüllt. Die Schlange reichte bis zur Glastür am Eingang: Eine verschwitzte Studentin wickelte Klebeband um einen Umschlag, ein junger Mann bekreuzigte sich, bevor er seine -Dokumentenrolle der Postbeamtin anvertraute. Die donnerte den aktuellen Poststempel auf alles, was ihr in die Finger kam.
Punkt zweiundzwanzig Uhr schnappte sie sich einen dicken Schlüsselbund. Ein Mann mit Pralinenschachtel in einer Tankstellentüte war der Letzte, der es gerade noch in die Post schaffte. Er strahlte, als wäre es die Arche Noah.
Kaum hatte die Postbeamtin den Schlüssel zweimal im Schloss der Glastür umgedreht, als ein dumpfer Knall das Amt erschütterte. Sie ließ vor Schreck die Schlüssel fallen, und alle drehten sich zur Tür. Eine junge Frau war mit voller Wucht dagegengerannt: Sie war vielleicht neunundzwanzig, nur etwas jünger als Fred. Sie trug ein besticktes Sommerkleid, erdverschmierte grüne Männer-Gummistiefel, ein buntes Tuch in den zerzausten Haaren – und in der Hand schwenkte sie einen dicken Briefumschlag.
Sie war eine Erscheinung.
Und sie war zu spät.
Trotzdem trommelte sie an die Scheibe und rief etwas. Fred konnte das Wort »Ausnahme« von ihren Lippen ablesen.
Er konnte es nicht ausstehen, wenn jemand darauf bestand, eine Ausnahme zu sein. Jeden Tag und bei jeder Steuer-prüfung verlangten Leute von ihm Entgegenkommen für Fehler, die sie selbst zu verantworten hatten. Warum? Weil sie eine Ausnahme waren!
Die Postbeamtin bückte sich nach dem Schlüssel. Sie würde die Tür noch einmal aufschließen, eine Ausnahme machen.
Und das war plötzlich das Beste, das heute auf der ganzen Welt passieren konnte.
»Es gibt doch immer Leute, die glauben, für sie gelten Ausnahmen«, grummelte die Postfrau. »Aber wir schließen Punkt zweiundzwanzig Uhr, Gesetz ist Gesetz.« Sie stopfte ihren Schlüsselbund in die Rocktasche und marschierte, ohne sich noch einmal umzudrehen, hinter ihre Theke zurück.
Draußen versuchte die Frau mit dem Blumenkleid blitzschnell das Naheliegende: Bestechung.
Sie hielt einen Zehneuroschein gegen die Glastür!
Nein?
Dann zwanzig Euro!
Und sie hatte noch ein Ass in ihrer Strohtasche. Peng! Frisch aus der Erde, direkt auf die Glastür: zwei prächtige Bündel Karotten!
In der Schlange wurde vorsichtig gekichert. Aber die Postfrau hatte den Tagesstempel und die Macht: Sie hob kurz die rechte Hand, ließ den Stempel knallen – und sofort herrschte Ruhe. Der Zeiger der Wanduhr rutschte auf 22.02 Uhr.
Aber Freds Armbanduhr zeigte erst einundzwanzig Uhr achtundfünfzig und dreißig Sekunden an.
Der Uhr, einem blitzenden Stück Chrom, sah man schon von Weitem an, dass sie eigentlich für Größeres bestimmt war als das simple Anzeigen von Datum, Hundertstelsekunden und Mondphasen. Diese Uhr irrte nie – und das bedeutete: Die Wanduhr in der Spätpost ging vor.
Er drängte sich an die Theke, doch die Beamtin verschwand just im Hinterzimmer.
»Können Sie noch mal aufschließen, bitte?«, rief er.
Statt einer Antwort ratterte ein elektrischer Rollladen an der Innenseite der Glastür herab.
»Es ist noch nicht zweiundzwanzig Uhr«, sagte Fred. »Ihre Wanduhr geht falsch.«
Aber der Rollladen schob sich weiter die Scheibe hinab, und die Frau im Blumenkleid drohte, Zentimeter für Zentimeter, aus seinem Blickfeld zu verschwinden.
Er steckte seinen Stift weg, lief zur Glastür und klemmte den drehbaren Kartenständer unter den Rollladen.
»Schieben Sie es unter der Tür durch, schnell!«
Die junge Frau klatschte in die Hände, rief etwas, dann quetschte sie den Umschlag in den Schlitz unter der Tür – er war zu dick.
»Einzeln, die Blätter einzeln!«
Sie stopfte erst den Zehneuroschein unter der Tür durch, dann riss sie ihren Umschlag auf. Draußen entlud sich ein Platzregen, die Blätter wurden nass.
Fred sah auf seine Armbanduhr: einundzwanzig Uhr neunundfünfzig und drei Sekunden.
Er nahm die Blätter in Empfang – es waren Steuerformulare! Mit routiniertem Griff ordnete er sie in einem sauberen Stapel neben sich auf dem Fußboden, als wäre es sein Schreibtisch.
Plötzlich dröhnte ein Alarm – der verklemmte Rollladen! Noch lauter als das ohrenbetäubende Klingeln war allerdings das Fluchen der Postfrau, die im Hinterzimmer eine Schublade nach der anderen aufriss, offenbar auf der Suche nach dem Deaktivierungscode.
Aber Fred sah nur die Frau, die draußen vor der Scheibe in einer Regenpfütze kniete und strahlte, als hätte sie den besten Abend ihres Lebens. Seinetwegen. Er kniete auf der anderen Seite der Tür und zog langsam Blatt für Blatt zu sich -heran. So langsam, dass er fast ihre Finger berühren -konnte. Der ordentliche Stapel neben ihm verrutschte, die Blätter schob er jetzt nur noch blind in einem vagen Haufen zusammen. Denn auf den Stapel zu achten hätte bedeutet, von ihr wegzuschauen.
Plötzlich riss sie die Augen weit auf und zeigte auf einen Punkt hinter Freds Schulter.
»Das lassen Sie mal ganz schnell bleiben«, sagte die Postbeamtin, die sich dort aufgebaut hatte. »Das muss ich nämlich gar nicht mehr annehmen.«
Fred blinzelte, als hätte sie ihn viel zu früh geweckt. Er fasste nach seiner Brille, schaltete zurück in den Beamten-Modus. Dann zeigte er der Kollegin von der Post sein Chronometer: einundzwanzig Uhr neunundfünfzig und achtundfünfzig -Sekunden.
»Diese Uhr geht alle dreihundert Jahre um zwei Sekunden nach. Falls das ausgerechnet heute der Fall sein sollte, dann wäre das letzte Mal zur Zeit der Hexenverfolgungen gewesen.«
Die Postbeamtin zischte etwas. Dann trollte sie sich zurück hinter ihren Schalter.
Fred ordnete die Blätter – hatte wirklich er diese Unordnung geschaffen? – und steckte sie zurück in den adressierten Umschlag. Steuerformulare für das Finanzamt Böblingen! Der kleine Zufall überraschte ihn, als wäre es eine versteckte zärtliche Botschaft.
Er stellte sich hinten in die Schlange, und als er an der Reihe war, orderte er den Brief als Einschreiben. Mit Quittung. Die Postfrau knallte den Stempel stärker auf den Brief, als einem Stempel guttat.
Als Fred Mantel und Aktentasche holte, fand er neben dem kleinen Tisch auf dem Boden seine halb fertige Tarzan-Karte. Er hatte Mühe, sich zu erinnern, warum es so wichtig gewesen war, Verena eine Geburtstagskarte zu schreiben.
Schließlich steckte er die Karte in irgendein Fach seiner Akten-tasche, ließ sich von der Postbeamtin eine Stahltür entriegeln. Und trat durch den Hinterausgang hinaus ins Freie.

3
Das Erste, was er draußen sah, war der letzte Bus – der steuerte gerade aus der spärlich beleuchteten Haltebucht zurück auf die Straße. Fred riss die Hand hoch, der Fahrer stieg auf die Bremse. Dann sah Fred nichts mehr, denn etwas Großes, Sanftes wischte über sein Gesicht. Einmal, zweimal, noch mal. Und die einzige Erklärung, die ihm dafür in den Sinn kam, war so absurd, dass er sie normalerweise sofort im Ansatz -korrigiert hätte. Wie jeden zu absurden Gedanken, bevor der unan-gemessenen Platz beanspruchen konnte. Aber irgendwas funktionierte heute nicht korrekt in der Gedanken-im-Ansatz-Kontrollstelle. Und so kam es, dass Fred an die fantastischen Schweife einer Schar tropischer Papageien denken musste.
Eine Stimme rief:
»Die haben Sie sich so was von verdient!«
Sie hatte vor dem Hinterausgang auf ihn gewartet. Und schwenkte strahlend zwei riesige Büschel Karotten vor seinem Gesicht, das Karottengrün war federweich.
Vor Verlegenheit fiel Fred nichts Besseres ein, als ihr das Rückgeld für ihr Einschreiben in die Hand zu drücken. Sie lachte, nahm das Geld und ließ es, wie bei einem Zaubertrick, hinter seinem Rücken zurück in die Tasche seines Jacketts fallen. Das gefiel ihm. Natürlich würde er es ihr später zurückgeben. Aber vorher konnte er in die Tasche fassen und die Geldstücke befühlen: Sie waren wärmer geworden in ihrer Hand.
Der Busfahrer hupte. Fred hatte noch nie jemand warten lassen, schon gar nicht einen Angestellten des öffentlichen Dienstes.
»Den Bus?«, fragte sie und lachte schon wieder. »Darf ich Sie nicht wenigstens irgendwohin mitnehmen? Ich fahre Sie auch direkt bis vor die Haustür. Außerdem dürfen Sie während der Fahrt die Fahrerin ansprechen und Ihre Füße auf den Sitz legen.«
Der Busfahrer schloss zischend die Türen und hupte zweimal wütend, als er an den beiden vorbeifuhr.
»Danke. Mein letzter Kuss ist gerade weg. Ich meine, mein letzter … Fahren Sie zufällig nach Böblingen?«
»Nach Böblingen nie. Aus Prinzip.« Sie verbeugte sich grinsend und streckte die Hand aus. »Sandra Schläpple. Aus Sindelfingen, freut mich.«
»Fred Eisenbogen. Aus Böblingen, tut mir leid.«
Fred wohnte noch nicht lange in Böblingen, aber selbst er kannte die Geschichte, auf die Sandra anspielte. Wie alle anständigen Fehden konnte sich auch die zwischen Böblingen und Sindelfingen rühmen, bis ins Mittelalter zurückzureichen. Seit siebenhundert Jahren pflegten die beiden kleinen Städte eine außerordentlich herzliche Feindschaft. Am Anfang hatten sie sich gegenseitig die Häuser niedergebrannt, Frauen und Goldschätze geraubt und später Bestechungsgelder veruntreut. Heute sah es so aus, als hätte Böblingen die Nase vorn: Sindelfingen war zwar größer und hatte das Daimler-Werk. Aber Böblingen hatte sich den Namen des Landkreises unter den Nagel gerissen, das Autokennzeichen und, am schlimmsten, die Zuständigkeit des Finanzamts. Es hieß, die Bewohner beider Städte wären sich in all den Jahrhunderten nur ein einziges Mal wirklich einig gewesen – anfang der Siebziger Jahre, als die Landesregierung in Stuttgart verkündet hatte, Sindelfingen und Böblingen zu einem Ort zusammenzulegen. Als der Zusammenschluss verhindert war, gab es Freibier und Glockengeläut. In beiden Städten. In Sindelfingen war man sich übrigens sicher, dass es nur dieser glorreiche Tag gewesen sein konnte, der Hollywood-Regisseur Roland Emmerich, aufgewachsen in ebenjenem Städtchen, zu »Independence Day« inspiriert hatte – dem Film, in dem heroisch die Invasion von Außerirdischen verhindert wird.
Aber hier und jetzt begegnete Sandra aus Sindelfingen Fred aus Böblingen außerordentlich wohlwollend.
»Ich könnte ausnahmsweise meine Prinzipien vergessen und nach Böblingen fahren. Schließlich hast du dir gerade im Kampf wegen meiner Steuerunterlagen eine Kriegsverletzung zugezogen.«
Fred schaute an sich herab und sah, wie sich ein roter Fleck auf seinem Hemd ausbreitete. Auf der linken Brusttasche: Da, wo er vorhin in der Eile seinen roten Filzstift verkehrt herum hineingesteckt hatte, ohne Kappe.
Sandra zeigte auf den Fleck, der noch nass war, direkt über Freds Herz.
Und berührte ihn, fast.

Catrin Barnsteiner

Über Catrin Barnsteiner

Biografie

Catrin Barnsteiner, geboren 1975, arbeitet als Drehbuchautorin, schrieb als freie Journalistin für verschiedene Tageszeitungen und Magazine und wurde mit dem Axel-Springer-Preis für junge Journalisten ausgezeichnet. 2004 erschien ihr Erzählungsband »Verglüht«. Sie lebt in Oxford und Berlin....

Pressestimmen

Stuttgarter Zeitung

»Ein solcher Minne-Seufzer lässt aufhorchen: „Auf einmal bekomme ich Lust, meinem Steuerbeamten etwas zu schenken: nämlich dieses Buch. Aber vielleicht lasse ich es doch lieber – er würde vermutlich meine Quittungen mit anderen Augen prüfen.“ Was die Leserin im Internet zum Schwärmen bringt, ist eine schräge Liebesgeschichte, die ihresgleichen sucht. Auch wegen des ausgesuchten Lokalkolorits. […]. Catrin Barnsteiner hatte Spaß beim Schreiben ihres Romans, so viel ist sicher. An vielen Stellen bringt sie ihre Leser zum Lachen.«

hr 2 "Fidelio"

"Catrin Barnsteiner nimmt sich in ihrem ersten Roman liebevoll und spöttisch ihre schwäbischen Landsleute vor. Die Journalistin und Drehbuchautorin packt eine Liebesgeschichte zwischen Chaos und Ordnungswahn und macht aus abgehefteten Rechnungen eine Liebeserklärung."

Der Tagesspiegel

"Catrin Barnsteiner hat eine lustige Liebesgeschichte geschrieben, mit drei schwäbischen Steuereintreibern in den männlichen Hauptrollen. Wie bitte? Ja, mit etwas Einfühlungsvermögen geht so etwas tatsächlich. Unter der Voraussetzung natürlich, dass man nicht aus Berlin stammt."

Gala

"Hinter dem Titel 'Fräulein Schläpples fabelhafte Steuererklärung' verbirgt sich eine ebenso fabelhafte Story."

Brigitte

"Dieser leicht verrückte Liebesroman ist eine wunderbare Ablenkung von den Dramen des Lebens. [...] Inzwischen freuen wir uns am frechen Spiel mit den Klischees und einer furchtlosen Romeo-und-Julia-Adaption ins bislang unverdächtige Sindelfinger Häuslebauer-Milieu."

Freundin

"Catrin Barnsteiners 'Fräulein Schläpples fabelhafte Steuererklärung' ist eine Liebesgeschichte, die intelligent unterhält und es tatsächlich schafft, keine Klischees zu bedienen."

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