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Flüsternde WälderFlüsternde Wälder

Flüsternde Wälder

Ein Alpen-Krimi

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Flüsternde Wälder — Inhalt

In „Flüsternde Wälder“ verquickt Spiegel-Bestsellerautorin Nicola Förg erneut aktuelle Umweltthemen und eine spannende, raffinierte Geschichte zu einem Krimi-Highlight. Der 11. Band der erfolgreichen Alpen-Krimi-Reihe (u.a. „Tod auf der Piste“, „Mord im Bergwald“ und „Wütende Wölfe“) führt Irmi Mangold und Kathi Reindl, Nicola Förgs beliebte Ermittlerinnen, zu Waldbademeistern, Holzfällern und einer Senioren-WG auf einem Bauernhof.

Hochaktuell, spannend und mit einem Augenzwinkern erzählt wird der neue Trend „Waldbaden“ in „Flüsternde Wälder“ zum Krimithema!  

Eine Waldbademeisterin liegt, mit Ohrstöpseln verpfropft, tot im Wald. Zudem gibt es eine Serie von Einbrüchen im Werdenfels, die bisher immer sehr diskret abgelaufen sind. Doch beim bisher letzten Einbruch wurde ein Mann ausgerechnet mit einer Buddhastatue brutal erschlagen – der Mann war Health Coach und Bestseller Autor … Als Irmi, Kathi und Co. sich mit diesen zwei skurril anmutenden Todesfällen befassen, treffen sie auf Waldbadende, E-Biker und Detox-Jünger – der Wald ist längst zum Spielplatz aller geworden.  

„Authentische Protagonisten, Lokalkolorit und jede Menge Leichen, das ist die geschickte Mixtur ihres Erfolgs.“ Bayerischer Rundfunk  

„Förgs Krimis wollen spannend unterhalten und dabei über Missstände aufklären.“ Augsburger Allgemeine  

„Einmal mehr gelingt Nicola Förg die Kunst, ein hochaktuelles Szenario mit einem abgründigen Kriminalfall zu verbinden und mit dämonischem Personal zu bestücken.“ Münchner Merkur über „Wütende Wölfe“

„Ein sehr engagierter und informativer Kriminalroman. Trotzdem unterhaltsam und dazu sehr spannend. Sehr lesenswert.“ B5 Kulturnachrichten über „Rabenschwarze Beute“

€ 16,00 [D], € 16,50 [A]
Erschienen am 02.03.2020
336 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-86612-486-8
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 02.03.2020
336 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99560-3

Leseprobe zu „Flüsternde Wälder“

Prolog

„Baum fällt!“, brüllte Felix und hieb noch einmal auf den Keil. Dann fiel er, der Baum. Die siebenundzwanzig Meter hohe Fichte gab jenes Krachen von sich, das in Alfreds Ohren wie Musik klang. Sie stürzte genau dorthin, wo der Plan der beiden Männer es vorsah. Zwischen zwei andere Bäume, fast bis hinunter auf den Fahrweg. Alfred hatte befürchtet, dass Felix einen Hänger produzieren würde. Aber der Baum fiel perfekt.

Felix hatte den Baum angesprochen und den Fallkerb gesetzt. Alfred selbst hätte zwar ein wenig anders geschnitten, aber Felix hatte [...]

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Prolog

„Baum fällt!“, brüllte Felix und hieb noch einmal auf den Keil. Dann fiel er, der Baum. Die siebenundzwanzig Meter hohe Fichte gab jenes Krachen von sich, das in Alfreds Ohren wie Musik klang. Sie stürzte genau dorthin, wo der Plan der beiden Männer es vorsah. Zwischen zwei andere Bäume, fast bis hinunter auf den Fahrweg. Alfred hatte befürchtet, dass Felix einen Hänger produzieren würde. Aber der Baum fiel perfekt.

Felix hatte den Baum angesprochen und den Fallkerb gesetzt. Alfred selbst hätte zwar ein wenig anders geschnitten, aber Felix hatte letztlich recht behalten, indem er die extreme Hanglage und die leichte Schiefheit des Baums genau richtig einkalkuliert hatte. Es war auch für erfahrene Holzer ein Risiko, hier in der Steillage des Bergwalds zu arbeiten. Felix hatte darauf bestanden, den Baum mit der Winde anzuhängen, und war dann wie ein Oachkatzl die lange Leiter hinaufgekraxelt, um die Umlenkrolle anzubringen. Der Bua war ein Hund, dachte Alfred stolz. Manchmal erschien ihm der Junge ein bisschen weich, aber im entscheidenden Moment war er eben doch sein Sohn – kernig, klar und ohne große Worte zu verlieren.

„Sauber“, sagte Alfred, als er das liegende Trumm begutachtete, das aus dem Hang gestürzt und mit der Krone fast auf dem Forstweg gelandet war. Allerdings war es so gefallen, dass die beiden Männer das Stahlseil der Winde nicht entfernen konnten.

„Säg mir ned in das Seil!“, witzelte Alfred.

„Papa, echt“, kam es vorwurfsvoll von Felix.

Beide warfen sie ihre Motorsäge an, Felix eine Stihl und Alfred seine alte Jonsered, auf die er schwor, auch wenn sie sauschwer war. Während sich der Vater von der Mitte Richtung Wipfel durcharbeitete, fing Felix am Baumstumpf an. Sollte der Bua doch nach oben kraxeln und schauen, wie er am Hang Stand fand, dachte Alfred. Die Sägen heulten, die Äste trennten sich vom Stamm, die Männer arbeiteten schnell.

„Verdammte Brombeeren“, fluchte Alfred und riss an einer Ranke, die seine Schnittschutzstiefel umklammert hatte. Er suchte wieder guten Stand und sägte weiter.

Und dann flog etwas. Alfred sah verblüfft an sich hinunter. Er trug eine komplette Schnittschutzausrüstung. Anders als so mancher Landwirtskollege, der gerne mal in Cordhose und Filzhut ins Holz ging, legte er Wert auf korrekte Schutzkleidung. Genau genommen war es Lissi, die ihn kontrollierte, bevor er loszog. Er war gerüstet wie ein Waldritter, mit Helm, Klappvisier und Gehörschutz. Alfred legte seine Säge weg. Das Visier des Helms schob er nach oben und nahm die Micky-Maus-Ohren ab. Dann starrte er in die Brombeeren. Wo ein Finger lag. Sein Magen machte einen seltsamen Satz. Alfred riss seine Hände nach vorne, bewegte seine Finger in den Handschuhen. Zählte. Zehn Finger. Also war das, was da am Boden lag, schon mal nicht seiner!

Gehörte der Finger Felix? Aber der Junge arbeitete sicher fünfzehn Meter von ihm entfernt. Alfred fuchtelte wild, um sich bemerkbar zu machen, und schließlich schaltete Felix seine Stihl aus.

„Bua, kimm!“

Felix kam näher und lachte. „Kein Sprit mehr, oder was?“

Alfred schüttelte den Kopf und wies zu Boden. Dann hielt er seinem Sohn seine zehn unversehrten Finger hin.

Felix schüttelte den Kopf, nahm die Säge seines Vaters und begann sich weiter am Stamm entlangzusägen. Bis ihn jemand ansah. Eine Frau, die unter dem Stamm lag. Sie war tot. Und hatte wahrscheinlich nur noch neun Finger.

1

„Und so schön weiß und blau geringelt ist der Maibaum, wie ein niedliches Kindersöckchen!“

„Des is kaa Sockn! Des is a Spirale von unten links nach oben rechts. Erst werd de weiße Farb auftrogn und dann des Blau. Fuchzig Kilo Farb leicht amoi.“

Bernhard stand kurz vor der Explosion und Irmi ganz knapp vor dem Lachkrampf. Dabei hatte alles ganz harmlos begonnen. Mit einem Himmel weiß und blau über den Biertischen in Urspring. Die Veranstalter hatten ein Zelt aufgestellt, bei dem schönen Wetter saßen aber alle draußen. Die Schlange an der Essensausgabe war lang wie ein Tatzelwurm gewesen, weswegen Irmi aufs Essen verzichtet hatte. Nun saß sie am Tisch, trank ihr kühles Bier und wunderte sich über sich selbst.

Sie hatte gemacht, was sie seit Jahrzehnten nicht mehr gemacht hatte – einen Familienausflug. Diesmal allerdings mit der neuen Familie: ihrem Bruder Bernhard und ihrer Schwägerin Zsofia. Deren ungarische Landsmännin Ildiko arbeitete in Steingaden, und weil Zsofia am 1. Mai Geburtstag hatte, wurde das Maibaumaufstellen in Urspring zum Anlass für eine kleine Fete genommen. Zsofia hatte wie immer ein Dirndl an, das all ihre Vorzüge nach oben presste. Wäre es ein bis zwei Größen größer gewesen, hätte es ihr etwas Luft gegönnt, aber Zsofia hatte im Service gearbeitet, und zwar in Dirndln, die maximal Kiemenatmung ermöglicht hatten. Auch Ildiko und deren bayerischer Mann waren in Tracht gekommen. Irmi hingegen hasste Dirndl, zumindest an sich selbst, und Bernhard trug Lederhosen nur bei hochoffiziellen Anlässen.

In der heutigen Konstellation fühlte sich Irmi als fünftes Rad am Pärchenwagen, aber sie hatte die Einladung ihrer Schwägerin nicht ablehnen wollen, die seit Irmis Auszug vom Bauernhof ein schlechtes Gewissen hatte. Sie prostete Bernhard zu und ließ ihren Blick über die Löwenzahnwiese schweifen.

Ganz schön unsportlich, befand sie, das Traditionsstangerl mit einem Kranwagen aufzustellen. Aber gerade sie als Polizistin wusste, dass Haftungsfragen immer gravierender wurden. Sie steuerten allmählich auf US-amerikanische Verhältnisse zu. Maibäume brauchten eine Haftpflichtversicherung, und ein Sachverständiger musste einmal jährlich den Zustand des Baums prüfen. Auch Maibäume waren Opfer von Bürokratie und Paragrafenflut geworden. Und weil das Aufstellen mit Schwalben und purer Muskelkraft weit mehr Gefahren in sich barg, griffen immer mehr Vereine zum Kran. Denn so mancher Vereinsvorsitzende, der sich zum Aufstellen verpflichtet hatte, wollte die Haftung nicht übernehmen. Inzwischen ging das so weit, dass bisweilen Bäume aus Alu und Stahl aufgestellt wurden, die dann für fünfzehn Jahre als sicher galten. Es ging dahin mit Bayern, dachte Irmi.

Am Nebentisch saßen ein Ehepaar und ein einzelner Mann, der einen Schäferhund dabeihatte, ein hypernervöses Tier, das in einer Tonlage pfiff, die nicht zu einem ausgewachsenen Rüden passen wollte.

„Ach, der Rasso hatte ein so schweres Leben“, erklärte der Besitzer seinen Tischnachbarn.

„Ach was, der Arme“, flötete die Frau, die ihm gegenübersaß. „Wie alt ist er denn?“

„Drei.“

„Und wie lange haben Sie ihn schon?“

„Drei Jahre.“

Irmi fing Bernhards Blick auf. Sie grinste in sich hinein.

„Ein Züchter, der nur auf Aggression züchtet“, fuhr der Schäferhundbesitzer fort. „Der Vater und die Mutter kommen beide aus einer solchen Linie, gell, Rasso?“

„Warum hast du den dann kaaft? Gabat aa andere Züchter“, brummte Bernhard so laut, dass Irmi ihn hören konnte. Der Mann am Nachbartisch nicht.

Ein Dackel kam vorbei, ein älterer Bursche, stoisch, geradlinig, ziemlich weit entfernt – und angeleint. Schäferhund Rasso war trotzdem kurz vor dem Bellkollaps.

„Es sind immer die Kleinen, die provozieren“, behauptete sein Besitzer.

Aus Bernhard entwich ein Japsen.

Inzwischen hatten sie den Maibaum angehängt, und die Frau am Nachbartisch jubilierte. „Ach, nun haben sie den Bulldozer angeschlossen!“, rief sie.

Irmis Amüsement nahm zu. Der Ausflug war doch gar keine so schlechte Idee für den 1. Mai gewesen.

„Wir wohnen ja seit dreißig Jahren am Ammersee“, tirilierte die Frau. Ihr astreines Hochdeutsch deutete auf den Raum Hannover hin. „Aber da ist es ja immer so voll im Sommer. Deshalb fahren wir gerne mal aufs Land, hier ist die Bevölkerung so urwüchsig. Diese Kinder im Dirndl und der ledernen Hose, zum Wegfressen.“

„Dreißig Johr in Bayern? Und da woaßt ned, was a Bulldozer is und wos a Bulldog? Lederne Hos, na merci!“, kam es von Bernhard. Schon etwas lauter, aber immer noch nur für Irmis Ohren bestimmt.

Das Wegfressen schien auch der Schäferhund im Sinn zu haben, und Irmi machte sich ernsthaft Sorgen um zwei vorbeilaufenden Trachtenzwergerl. Die Tischnachbarn beobachteten derweil wie gebannt den Maibaum.

„Jetzt steht der gleich!“, rief die Frau begeistert.

„Des san grad amoi fünfundvierzig Grad.“ Bernhard kochte langsam weiter hoch.

„Ach, und der kleine Hosenmatz da, der ist schon barfuß. Dabei ist der Boden noch so kalt.“

„Der Bua hot an Sinn fürs Brauchtum. Früher war das Barfußlaufen ab dem 1. Mai wieder erlaubt. In Monaten mit einem R drin war der Boden zu koid“, grummelte Bernhard.

„Ich hab das auch schon einmal gesehen, dass der Baum mit solchen Stechstangen aufgestellt wurde“, meinte der Ehemann der Hochdeutschen, der sich nun wohl auch einbringen wollte.

»Jetzt passts amoi auf. Des hoaßt Schwaiberl, weil die aussehn wie Schwalbenschwänze. Oder Goaßn – zwengs der Ähnlichkeit mit den Hörnern vom Goaßbock.« Inzwischen hatte sich Bernhard umgedreht und starrte die Tischnachbarn an.

„Ach was! Und das geht? Der Baum hat doch sicher ein paar Hundert Kilogramm“, meinte die Hochdeutsche.

„Eins Komma fünf Tonnen schwer. Des erste Drittel und des letzte, wenn der Baum scho mehr in der Senkrechten is, geht guat. Aber das mittlere Drittel, des hot’s in sich!“

„Interessant“, sagte ihr Ehemann, doch es war ihm anzusehen, dass er nicht belehrt werden wollte.

„Und so schön weiß und blau geringelt ist der Maibaum, wie ein niedliches Kindersöckchen!“

„Des is kaa Sockn! Des is a Spirale von unten links nach oben rechts. Erst werd de weiße Farb auftrogn und dann des Blau. Fuchzig Kilo Farb leicht amoi.“

Jetzt war Bernhard wirklich in Fahrt. Er hatte sicher schon zehnmal Maibäume aufgestellt. Und dabei sogar seine Lederhose getragen.

„So, so, was Sie nicht sagen. Und wenn der Maibaum gar keine Farbe hat, dann war die Gemeinde zu arm, ja?“, kommentierte der Schäferhundbesitzer. Vermutlich sollte das ein Witz sein.

Während Bernhard kurz nach Luft schnappte und Irmi schon das Allerschlimmste befürchtete, nahm ein schlanker Mann in Radloutfit neben ihrem Bruder Platz.

„Weit gefehlt! Das Aufstellen eines Maibaums ist ein uralter Brauch mit ursprünglich keltischen Wurzeln. Im 16. Jahrhundert kamen die Ortsmaibäume auf, die geschlagen, entastet und dann entrindet wurden. Geschäpst, sagt man hierzulande.“ Er zwinkerte Irmi zu. „Man ließ den Wipfelbusch stehen und befestigte im oberen Bereich des Baums einen gewundenen Kranz. Als Maibaum wurde damals die Birke verwendet, die als erster Baum aus der Winterstarre erwacht und sprießt. Mit diesem Brauch wollte man die Fruchtbarkeit im Bauernjahr heraufbeschwören. Der Stamm stand für das Männliche, der Kranz für das Weibliche. Die erste Abbildung eines Figurenmaibaums stammt vom Maler Hans Donauer aus dem Jahr 1585. Das Entrinden des Baums hatte übrigens einen abergläubischen Grund. Man fürchtete, dass sich der Teufel in Gestalt eines Käfers unter der Rinde verbergen und später ins Dorf eindringen könnte. Angesichts so mancher Dorfpolitik mag man anzweifeln, ob der Baum wirklich vollkommen entrindet wurde, nicht wahr, Bernhard?“

Irmis Bruder nickte verdutzt. Die Besatzung des Nebentischs schwieg, und sogar Rasso war ruhig geblieben. Sie alle lauschten gebannt dem Vortrag des Hasen. Irmis Kollege von der Spurensicherung war besser als jedes Lexikon und einer, der ohne Probleme eine Radtour wie diese machte: vom Ammertal mal eben nach Urspring.

„Diese geschäpsten holzfarbenen Stangerl findet man durchaus noch im Westen des Oberlands oder im Allgäu. Manche mögen es halt bescheidener“, fuhr der Hase lächelnd fort und wandte sich an den Nachbartisch. „Wo kommen Sie denn her?“

„Vom Ammersee.“

„Im schönen Fünfseenland, an des Ammersees Gestaden, wo einst die Wittelsbacher lustwandelten. Dann wissen Sie bestimmt, dass es ein Maibaumverbot gab, weil die Burschen immer im Staatsforst Bäume stahlen. Und es war unser hochverehrter Ludwig I., der 1827 den Erlass herausgab, dieses an sich unschädliche Vergnügen wieder zuzulassen.“

Der Hase wandte seinen Blick von der Zuhörerschaft ab und entdeckte Zsofia, die von der Essensausgabe kam und ein paar Teller balancierte. „Moment, ich helfe!“

Zsofia hatte Kicsi an der Leine, die kleine Chihuahuahündin. Und Rasso besann sich wieder auf seine Kernkompetenz: Angriff! Er ging ab wie ein Berserker.

Bernhard sprang auf und stützte sich mit seinen durchaus beeindruckenden Oberarmen markig auf den Tisch der Nachbarn. „Wenn du di ned glei mit deiner geistesgstörten Töle schleichst, dann überfahr i di mit dem Bulldozer.“

„Ja, am Dorf sind die Menschen halt so urtümlich“, sagte Irmi mit einem Achselzucken.

Der Hundebesitzer war so verblüfft, dass er aufsprang und anschließend von dem rasenden Rasso über den Platz gezogen wurde. Das Ehepaar von den Gestaden war wohl aus Solidarität ebenfalls aufgesprungen. In den Augen der Frau lag echte Angst, so dicht hatte sie dann doch nicht an die Urtümlichkeit heranrücken wollen.

Zsofia, die mittlerweile ihre Teller abgestellt hatte, umarmte Bernhard. „Du bist mein Held. Ja, geh zu Papa, Kicsi!“

Die kleine Hündin war auf Bernhards Schoß gesprungen – was Bernhard früher niemals zugelassen hätte. Aber er fraß seinen beiden ungarischen Damen aus der Hand. Zsofia hatte es darin zur Perfektion gebracht: das schmeichelnde Weibchen zu geben, das seinen Ritter anbetete, und gleichzeitig das durchzusetzen, was sie wollte. Immer ganz charmant.

„Sie sind natürlich auch mein Held, Herr Hase“, fügte sie hinzu.

Man konnte sie nur mögen. Allein dieser Akzent war hinreißend. Und als Mann gab es genug, woran sich das Auge festhalten konnte.

„Ich hoffe, ich sprenge hier keine Familienfeier, aber ich wollte nur eine kleine Runde radeln, und Steingaden erschien mir als angemessene Distanz.“

„Passt!“, sagte Bernhard.

„Zsofia, darf ich Ihnen nochmals zur Hand gehen?“

„Gerne.“

Und während die beiden in Richtung der Essensausgabe verschwanden, sahen die Geschwister ihnen nach. Der üppigen Ungarin und dem gertenschlanken Hasen.

„Der Hungerhaken, der!“, sagte Bernhard und lächelte dazu.

„Dabei isst der mehr als wir zwei zusammen“, meinte Irmi.

„Des is a Sach vom Stoffwechsel, und weil der so schlau is. Des Denken und g’scheit Reden, des zehrt.“ Bernhard sah Irmi direkt in die Augen. „Dass du immer so oberschlaue Burschen host. Der Jens war ja aa so g’scheit. Is er bestimmt immer no“, verbesserte sich Bernhard.

Er hätte nie nachgefragt, was das war zwischen Irmi und dem Hasen. Da war ja auch nichts, sie waren Kollegen. Der Hase hatte sich lediglich mehr geöffnet in der letzten Zeit. War von der wortkargen Mimose zu einem Mann mit Esprit mutiert. Und Jens, ihr langjähriger Freund, Gesprächspartner und Lover? Sie hatten sich zuletzt im Januar in München getroffen. Jens war immer noch verheiratet – nur nicht mit Irmi. Er war in der Tat klug und gebildet, und Bernhard hatte ihn immer akzeptiert, aber Irmi wusste auch, dass in den Augen ihres Bruders der Hase einen ganz großen Vorteil hätte: Der war Bayer, stammte aus Bad Tölz und hätte im Zweifelsfall auch boarisch sprechen können. Was er aber selten tat.

Zsofia und der Hase kamen mit dem restlichen Essen zurück, und auch Ildiko und ihr Mann Felix setzten sich hinter ihre gut gefüllten Teller. Deren kleine Tochter Anastasia war schon ganz aufgeregt, weil sie später bei einer Tanzvorführung mitmachen sollte.

„Und i hob an Bua, der isch viel kluiner als i“, beschwerte sie sich.

„Das macht doch nichts, dann sieht man dich besser“, sagte der Hase.

Er fand immer die richtigen Worte. Die Kleine strahlte und wirbelte davon.

„Diese bleden Preißn. Wenn i koa Ahnung hob, dann halt i des Maul“, grummelte Bernhard weiter.

„Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. Das ist von Oscar Wilde, den ich sehr schätze“, erwiderte der Hase grinsend.

„Dieser Hundebesitzer war sicher kein Preiß“, bemerkte Irmi. „Der kommt eher aus dem Adele-und-Weckle-Land.“

„Inmitten all der Zuagroasten ist ein echter Werdenfelder wie der Bernhard eine vom Aussterben bedrohte Spezies und deshalb schätzens- und schützenswert.“ Der Hase zwinkerte Bernhard zu.

„Ja, mein Bernie ist ein ganz rares Exemplar“, meinte Zsofia und gab ihrem Mann einen Kuss.

Bernie hätte sonst niemand sagen dürfen, dachte Irmi. Sie freute sich wirklich für die beiden. Nur leider war sie überflüssig geworden, seitdem Zsofia in Bernhards Leben getreten war, und deswegen auch vom Hof weggezogen, wo sie seit ihrer Kindheit gewohnt hatte.

Schließlich stand der Maibaum, Anastasia absolvierte ihren Part mit Bravour, und der Hase radelte schließlich von dannen. Auch Irmi verabschiedete sich. Es war immer noch komisch, dass sie nun in Bad Kohlgrub wohnte.


2

Am nächsten Morgen kam Irmi gut gelaunt ins Büro.

„Was hast du gestern gemacht?“, fragte Andrea.

„Ich war in Urspring beim Maibaumaufstellen. Mit Bernhard und Zsofia.“

„Ah, schön. Wir waren in Uffing. Lars war sehr beeindruckt.“

„Lars war da?“

„Ja, übers Wochenende.“

Andrea strahlte. Sie und der Polizeikollege aus Velbert hatten sich bei einem düsteren Kriminalfall kennengelernt und ineinander verliebt. Alle schienen sich zu verlieben. Ihr Bruder, Andrea …

„Die haben aber von Hand aufgestellt, oder?“, fragte Irmi.

„Klar!“

„Gottlob, in Urspring hatten sie einen Kran. Na ja, oder besser gesagt einen Bulldozer.“ Irmi schmunzelte.

„Was?“

Irmi fasste die Ereignisse kurz zusammen, und Andrea lachte herzlich.

„Ich kann mir richtig vorstellen, wie Bernhard auf diese Preißn reagiert hat!“

„Ja, der war in Hochform“, sagte Irmi. „Aber jetzt hol ich uns mal einen Kaffee.“

Als sie an Sailers Zimmer vorbeiging, hörte sie ihn telefonieren. „Aha“, sagte er. Irmi streckte den Kopf durch die Tür. „Aha.“ Sailer hatte die Stirn gerunzelt. „Des is ned guat. Ja, mir san unterwegs.“

„Sailer?“

„Guatn Morgn.“

„Sailer?“

„Ohlstadt.“

„Ohlstadt, was?“

„Einbruch.“

Es war in der heutigen konsumorientierten Zeit ja durchaus schön, wenn einer sparsam war, aber Sailer übertrieb es etwas mit seiner Sprachsparsamkeit. Irmi sah ihn aufmunternd an.

„In Ohlstadt is eibrochn worn.“

„Ja und?“

„Es ist oaner tot worn.“

Na also! Ging doch. Einbrüche waren nicht Irmis Baustelle, Mord schon.

Sailers Ankündigung eines Toten kitzelte in Irmi ein Lächeln hervor. Natürlich nicht, weil jemand ums Leben gekommen war, sondern weil sie sich in ihrem Beruf so wohlfühlte wie selten zuvor. Die Zäsur des letzten Sommers, den sie auf einer Alm als Hirtin und Sennerin verbracht hatte, hatte sie zurückgeführt an einen Platz, den sie schon fast verloren geglaubt hatte. Und all ihre schrulligen Mitarbeiter waren wie mit Glanzlack überzogen. Es war gut, seit Januar wieder zurück zu sein.

„Ein Raubmord also?“

„Der Mann war wohl daheim und is dem Einbrecher dazwischenkemma.“

„Aha, und woher wissen wir vom Toten?“

„Die Nachbarin hot ihren Hund g’sucht. Sie ist zu dem Mann rüber, weil der Hund da öfter rumstromert. Und da war die Tür offen, und sie hot den Hund belln hörn. Is eini, und da war dann der Tote.“

„Das heißt, ein Hund hat ihn angesabbert?“

„Des woaß i ned. De Frau, die ihn g’funden hot, scheint an Kollaps zum ham. Und bei uns ang’rufn ham die Sanis.“

Irmi hatte die Stirn gerunzelt. Was die Falten natürlich nicht besser machte, aber sei’s drum. Er gab schon seit Monaten eine Einbruchserie in der Region. Murnau, Hagen und Ohlstadt bildeten die Kernzone, aber es gab auch Fälle in Penzberg und Bad Heilbrunn. Dort lebten saturierte Menschen mit Familienschmuck und dicken Autos, und die ansässige Kunstschickeria hängte sich auch mal was Teureres an die Wand. Die Polizei ging von einer oder auch mehreren osteuropäischen Banden aus, die sehr planmäßig agierten. Bisher hatte man nie jemanden festnehmen können. Vor allem Sepp, der zusammen mit Kollegen aus Bad Tölz einer „SOKO Einbruch“ zugeteilt worden war, hatte es sehr gewurmt, dass sie einfach gar nicht weiterkamen.

„Wie Phantome! Aber die Leut san ja auch so was von lax, wenn’s um ihren Besitz geht“, hatte Sepp gesagt.

Irmi wunderte sich auch immer wieder, mit welcher Nachlässigkeit die Leute ihr Eigentum behandelten. Zweitschlüssel lagen unter Blumentöpfen, Kellertüren standen offen, Garagentore konnte man problemlos aufstemmen. Es existierten keine Alarmanlagen, und wenn es eine gab, war sie nicht eingeschaltet oder wurde falsch bedient. Sie lebten hier im oberbayerischen Lummerland, das so gut wie kriminalitätsfrei war, weshalb die Menschen zum typisch bayerischen Laisser-faire neigten. Das französische Intermezzo in der bayerischen Geschichte hatte eben nicht nur kulinarische Spuren wie das Kanapee und das Böfflamott hinterlassen, sondern eben auch zum Laisser-faire geführt! Das war natürlich gut für die Diebe, nur schien diesmal ein Hausbesitzer daheim gewesen zu sein.

Irmi und Sepp fuhren bei Sailer mit, während Kathi direkt zum Tatort kommen wollte, nachdem sie das Soferl zur Fahrschule gebracht hatte. Die Schule fing erst um elf Uhr an – zu wenig Lehrer und Krankheitsausfälle waren die Regel –, da wollte das Soferl jede Möglichkeit nutzen, um den Führerschein so schnell wie möglich zu bekommen. Wahnsinn, nun war die Kleine demnächst siebzehn und konnte bald Auto fahren – begleitet von Oma Elli, nicht von Kathi, das hatte das Soferl schon angekündigt: „Mit Mama gibt es nur Krieg. Ich will Auto fahren, nicht Auto kämpfen.“

Das Haus, in das eingebrochen worden war, lag am Rand von Ohlstadt mit freiem Blick über die Felder. Lauter behäbige größere Einzelhäuser standen entlang der Straße. Wahrscheinlich hätte es jedes davon treffen können. Das Haus sah von außen bayerisch-sittlich aus, wie alle anderen auch. Vor der Tür stand ein Rettungswagen, in dem sich zwei Sanitäter um eine Frau kümmerten.

„Servus“, sagte Irmi. „Schlimm?“

„Nein, die Dame hat nur einen etwas schwachen Kreislauf.“

„Okay.“ Irmi sah sich um. „Da war ein Hund im Spiel, hab ich gehört.“

»Ja. Der Mann, also der Gatte von der Frau hier, hat den Hund inzwischen heimgebracht. Ich hab ihm gesagt, er soll dort bleiben, weil die Polizei ihn sicher nachher aufsucht. Damit er hier nicht im Weg steht. Also, das hab ich ihm nicht gesagt. Aber ich dachte, also …«

„Danke, völlig korrekt. Hysterische Zeugen brauchen wir keine. Wart ihr schon drin?“

„Ja, kurz. Mussten wir ja. Hätte ja noch leben können, der Mann.“

„Aber?“

„War mausetot. Keine Sorge, wir haben nichts angefasst.“

„Gut. Das heißt, ihr wurdet vor uns alarmiert?“

„Ja, weil der Mann dann wiederum seine Frau gesucht hat, die ihrerseits den Hund gesucht hatte. Sie lag auf dem Gehweg, kollabiert. Er hat uns alarmiert. Wir haben sie stabilisiert. Dann erst hat sie uns erzählen können, was in dem Haus eigentlich passiert ist. Und wir haben dann euch angerufen.“

Das fing ja gut an! Irmi blickte die Straße hinunter. An einem Zaun standen Leute, ansonsten war es vergleichsweise ruhig. Aber die meisten waren wohl arbeiten und die Kinder in der Schule.

„Also dann“, sagte Irmi und ging durchs Gartentor. Das Haus hatte rechtsseitig einen Eingang mit Windfang und einen kleinen Vorgarten, der mit weißen Steinen übersprenkelt war. Außerdem standen da ein paar merkwürdige Statuen. Der Besitzer hatte bestimmt beim Volksbegehren „Rettet die Bienen“ unterschrieben und zugleich alles eliminiert, was den Insekten eventuell hätte nutzen können. Irmi fand Steingärten fürchterlich.

Was das Innere des Hauses bereithielt, war für Irmi mehr als überraschend, gerade angesichts des gediegenen Äußeren. Durch einen kurzen Gang gelangte man hinein, dann öffnete sich links eine zweiflüglige Tür. Wände glänzten nun durch Abwesenheit, was dem Ganzen einen loftartigen Touch verlieh. Von irgendwoher kam sphärische Musik, und Irmi meinte, einen dezenten Geruch nach Mango und Zitrone wahrzunehmen. Schließlich rechnete man auf dem Land eher mit dem wenig diskreten Odelgestank, der mühelos auch dicke Hauswände durchdrang.

Der Raum bestand zu gut zwei Dritteln aus einer Art Empore, auf der sich eine Couchlandschaft befand. An der Längswand der Empore standen säulenartige Podeste, die jedoch mehrheitlich leer waren. Da hatten die Diebe dann wohl die Statuetten – oder was immer da gestanden hatte – eingesackt. Die kurze Seite wurde von einem gewaltigen Bücherregal dominiert.

Der Hase war mit seinem Team gerade angekommen. Er grüßte kurz und gab leise Anweisungen. Irmi betrachtete den Toten. Ob er die paar Stufen von der Empore heruntergefallen war, ließ sich nicht sagen, in jedem Fall hatte er eine Kopfwunde, und seine Augen blickten verdutzt ins Leere.

„Was ist das?“, fragte der Hase und wies auf ein paar seltsame Spuren am weiß gekälkten Holzboden.

„Abdrücke vom Nachbarwuffi. Der hat ihn quasi gefunden.“ Irmi zuckte mit den Schultern.

„Na toll!“

In diesem Moment trampelte Kathi herein. Wie fast immer in uralten Leinenturnschuhen, die eigentlich einen leisen Tritt hätten ermöglichen müssen, aber Kathis Auftritte waren in mehrfacher Hinsicht laut.

„Servas! Was haben wir denn da?“, rief sie.

„Einen Toten.“

„Seh ich auch. Wie lange liegt der da schon? Seit heut Nacht?“

„Eher schon etwas länger. Da möchte ich der Rechtsmedizin aber nicht vorgreifen. Allerdings sehe ich, dass er wahrscheinlich mit dem Buddha da erschlagen wurde“, meinte der Hase. „Zumindest ist Blut dran.“ Er hatte eine Figur in der behandschuhten Hand. „Ich dachte immer, nur der katholische Glaube müsse so richtig wehtun, der Buddhismus präsentiert sich doch eigentlich so pazifistisch.“

Kathi gluckste, während Irmi auf die Buddhafigur starrte, an der in der Tat Blut klebte. Der Hase hielt sie mit spitzen Fingern in seinen Handschuhen von sich weg.

„Eine Bronze. Keine schöne Arbeit, wie ich finde. Grobe Gesichtszüge.“

Kathi schüttelte den Kopf. „Hat aber dazu gereicht, jemanden zu erschlagen.“

„In der Tat. Wahrscheinlich stand der Buddha auf einer der Säulen.“ Der Hase zog die Nase hoch. „Auf dorisch gemacht. Natürlich kein Marmor. Stereobat und Krepis sind bei allen Säulen angeschlagen, die Entasis ist unharmonisch, und dann gibt es auch nur zwölf Kannelüren, wo ich sechzehn bis achtzehn erwartet hätte.“

Kathi und Sailer starrten den Hasen fragend an.

Irmi lachte auf. „Im Klartext: Die Säulen sind vom Künstlerischen her nix wert. Eher Möbelhausqualität.“

„Gut zusammengefasst“, erwiderte der Hase lächelnd. „Mehr Schein als Sein. Protzig und auch noch sehr geschmacklos.“

„Stimmt!“, kam es von Sailer. „Auf den Säulen is aber was g’standn, was den Einbrechern g’falln hot.“ Er überlegte. „Da is doch was g’standn?“

„Sicher“, sagte der Hase. „Das sieht man ja an den Umrissen. Das UV-Licht hat die Säulen gebleicht, also ist der Untergrund an den Stellen dunkler, wo etwas gestanden hat. Aber wenn das ähnlich minderwertige Objekte waren wie dieser Buddha, dann hat sich der Einbruch nicht gelohnt.“

„Vor allem hat sich das für den Mann da nicht gelohnt“, meinte Irmi und zeigte auf den Toten. „Was ist eigentlich mit dem Messer da?“

„Ich glaube, das hatte er selber in der Hand. Für mich sieht das nach einem Handgemenge aus“, meinte der Hase. „Der Täter hat den Buddha als Waffe hergenommen, der Mann das Messer. Vielleicht hatte er was gehört und sich zur Verteidigung ein Messer geholt. Es ist nie sonderlich klug, sich Einbrechern entgegenzustellen. Inmitten von Adrenalin agiert der Mensch sehr unvorhergesehen.“

„Das stimmt, Herr Hase“, mischte sich Kathi ein. „Die Bewaffnung hat ihm jedenfalls wenig geholfen. Wissen wir denn schon, wer der Tote ist?“

„Nun, ich nehme an, der Hausherr.“ Der Hase ging zum Regal, zog ein Buch heraus, blätterte darin, runzelte die Stirn und reichte es Irmi. „Da, schau!“

Detox your Life lautete der Titel, geschrieben von einem gewissen Dr. Davide da Silva. Irmi betrachtete das Autorenfoto auf der Rückseite des Buchs. Darauf sah der Herr da Silva besser aus als in Wirklichkeit: den Kopf aufgestützt, das graue Haar in wuchtigen Wellen um den Kopf drapiert, die Nase markant, die Augen etwas stechend. Er war auf eine Art attraktiv, die Irmi zu aufdringlich war, aber ganz sicher hätten ihn manche Frauen nicht von der Bettkante gestoßen. „Gschmäcker und Ohrfeigen san verschieden“, hatte ihre Mutter immer gesagt. Das Foto schien, wie in Zeiten der Selbstoptimierung notwendig, durch jede Menge Filter gelaufen zu sein – und auf dem Bild hatte der Mann auch keine Platzwunde am Kopf. Die entstellte ihn schon etwas.

Irmi las ihren Kollegen die Autorenvita laut vor:

„Dr. Davide da Silva, Heilpraktiker, Health Coach und Detox-Berater, entdeckte bereits in jungen Jahren, dass eine natürliche Lebensweise der Weg aus dem inneren und äußeren Chaos ist. Nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann studierte er Kulturwissenschaften in Bozen und Trient und absolvierte Weiterbildungen auf dem Gebiet des ganzheitlichen Seins: Spagyrik, Pflanzenalchemie, initiatische Körperarbeit nach Graf Dürckheim, schamanische Reisen, Feng-Shui-Seminare und Herzenskrieger-Kurse bei Björn Leimbach. Der Autor möchte den Lesern einen Anstoß geben, ihr körperliches und geistiges Potenzial zu erkennen und voll auszuschöpfen.“

„Ach, du Scheiße!“, rief Kathi.

„Coach? Heit braucht jeder an Coach. Fürs Leben. Früher hot ma do Klugscheißer dazu g’sagt“, kommentierte Sailer.

„Tja, Herr Sailer, moderne Zeiten erfordern eben neue Hilfestellungen.“

„Hilfestellung braucht man maximal beim Turnen“, bemerkte Sepp. „Was san denn Herzenskrieger?“

Kathi hatte ihr Handy bemüht. Sie schüttelte beim Lesen unentwegt den Kopf und blies dann eine Haarsträhne weg. „Also, hört her, ich zitiere: Ziel unserer Arbeit ist es, Männer zu unterstützen und zu stärken, ihre männliche Kraft und Identität zu finden. Es kommt noch besser: Viele Männer sind verloren in der Frauenwelt, emotional abhängig von ihrer Partnerin, laufen der Anerkennung von Frauen hinterher oder haben selbst kaum eigene Werte und Ziele, für die sie leben.“ Kathi lachte. „So schaut’s nämlich aus!“

Irmi sah Kathi an. „Das steht da echt?“

„Ja, auf der Homepage von diesem Leimbach. Ha, ich glaub, ich werd nicht mehr!“, rief Kathi. „Hier entwirft er die Vision des sogenannten Herzenskriegers: Das ist ein stolzer, mutiger Mann, ich zitiere: der den Archetyp des Kriegers verkörpert, der mit geöffnetem Herzen seine Lebensvision verfolgt und in seiner Partnerschaft die Führung übernimmt.“ Kathi sah Sailer an. „Genau solche Männer brauchen wir, die uns zeigen, wo’s langgeht, Sailer, oder?“

„Des woaß i aa so. Es geht da lang, wo mei Frau will.“

„Na, Sailer, ob Sie nicht mal so ein Seminar bräuchten?“

„Besser ned. Sonst end i wie der da“, entgegnete Sailer mit einem grimmigen Blick auf den Toten.

Irmi kehrte zum Bücherregal zurück, in dem noch mindestens fünfzehn von ihm verfasste Bücher standen. Der Mann war recht produktiv gewesen, dachte Irmi und zog einen Band heraus, der den Titel Change – jeden Tag eine Achtsamkeitsübung trug.

„Kathi, das lies du mal! Das könnte dir nicht schaden.“

Sailer gab ein glucksendes Lachen von sich, und Kathi zeigte ihr einen unschönen Finger, grinste aber dabei.

Neben den Büchern, die da Silva selbst verfasst hatte, drängten sich Werke seiner Ratgeberkollegen – von eher sportlich orientierten Yogabüchern bis zu Bänden über indianisches Wissen, Nahtoderfahrungen, Channeling und Engelsbegegnungen. Besonders gut gefiel Irmi der Titel Richtig räuchern. Ihr profanes Gemüt hatte erst mal an einen Ratgeber für Forellen- oder Schinkenräucherei gedacht. In dem Buch ging es jedoch darum, ein Haus oder einen Stall von bösen Geistern zu befreien, die anscheinend empfindliche Nasen hatten. Schließlich blieb sie an einer Biografie mit dem Titel Leben reloaded hängen. Was sollte diese Kombination von Deutsch und Englisch symbolisieren? Modernität? Allmacht? Weltläufigkeit? In diesem Werk jedenfalls lud ein Exknasti sein Leben neu. Mit Yoga. Irmi runzelte die Stirn. Eindeutig ein gelungener Fall von Resozialisierung.

Da Silva hatte sein Geld offenbar als Heilsbringer verdient. Irmi hatte keine Ahnung, welche Auflagen solche Bücher erzielten, das Interieur und das Haus an sich ließen jedenfalls darauf schließen, dass der Herr da Silva nicht gerade am Hungertuch genagt hatte. Und wenn er Bankkaufmann gelernt hatte, verstand er wohl etwas von Geld. Seine Bücher bedienten das Dilemma des modernen Menschen, der zwischen seinen unerfüllbaren Ansprüchen und der traurigen Realität zerrissen war und gern zahlte, wenn ihm von irgendwoher Hilfe versprochen wurde. Sie würden sich genauer in da Silvas Leben reinfuchsen müssen.

„Ist das eigentlich ein Künstlername?“, fragte Sepp.

„Davide da Silva, der David aus dem Wald?“ Irmi grinste. „Kathie, google den mal!“

Kathi stieß auf einen Wikipedia-Eintrag und las ihn laut vor. Davide da Silva war 1972 in Innsbruck geboren, als Kind einer Tirolerin und eines Mannes aus dem Veneto, der tatsächlich da Silva hieß. Nach seiner Lehre in einer Tiroler Bank hatte er in Innsbruck maturiert und anschließend studiert. Er war viel gereist, vor allem in Indien, Sri Lanka und Myanmar, wo er allerlei Qualifikationen erworben hatte. Am Ende war eine Liste seiner Bücher abgedruckt, es waren sogar siebzehn an der Zahl, darunter auch ein Lyrikband mit dem Titel Es wispert in mir.

„Gut, also kein Künstlername“, fasste Kathi zusammen. „Vom Tiroler Banker zum wispernden Detox. Das allein ist ja schon filmreif, oder!“

Wahrscheinlich waren sie einfach alle zu wenig sensibel und empfänglich für das innere Wispern, dachte Irmi.

„Wir sollten die Nachbarn befragen“, schlug sie vor. „Allerdings werden die wenigsten da sein so mitten unter der Woche. Außerdem hab ich generell wenig Hoffnung. Bei den bisherigen Einbrüchen kam ja durch die Befragung auch nie was raus, oder?“

Sailer schüttelte den Kopf. „Des san Profis. Bloß is do jetzt was schiefglaffn.“

„Wir werden jetzt erst mal die Frau befragen, die ihn gefunden hat. Außerdem müssen wir mit ihrem Mann reden“, sagte Irmi.

„Und mit dem Hund“, ergänzte der Hase grinsend, bevor er sich wieder an seine Arbeit machte.

Die anderen gingen los, um die Nachbarn zu befragen.

„Also, seit der Hase so gut gelaunt ist, mach ich mir echt Sorgen“, sagte Kathi, während sie mit Irmi das Haus verließ. „Das gibt’s doch nicht, so eine Wandlung auf einmal.“

Irmi sagte dazu nichts, sondern hielt auf den Rettungswagen zu, an dem nun ein älterer Mann stand.

„Dass meine Frau so etwas erleben muss!“, rief er. Offenbar war er nicht daheimgeblieben, wie die Sanitäter ihm nahegelegt hatten.

Irmi stellte sich und Kathi vor.

„Mein Name ist Gerlach-Schultes“, präsentierte er sich. „Karl Gerlach-Schultes.“

Irmi warf einen Blick in den Rettungswagen. Die Frau hatte sich inzwischen aufgesetzt.

„Frau Gerlach-Schultes, geht’s denn wieder?“, erkundigte sich Irmi.

„Ja, aber das war schon ein Schock. So ein Schock! Auch für Mozart.“

„Mozart?“

»Unser Hund. Der ist so sensibel. Ach, der arme Mozart …«

„Frau Gerlach-Schultes, bitte erzählen Sie mir noch mal, was passiert ist. Geht das?“

Daraufhin beschrieb Frau Gerlach-Schultes den Ablauf in aller Ausführlichkeit und in tiefstem Hessisch. Die Quintessenz war, dass sie den Hund um sieben Uhr morgens in den Garten gelassen und dann erst mal Kaffee getrunken hatte. Der Karl stehe immer erst gegen acht auf, erzählte sie. Gegen halb neun habe er nach dem Hund gefragt. Das ach so sensible Tier grabe sich immer unter dem Zaun der Nachbarn durch. Und als sie den musikalischen Mozart im Nachbarhaus habe singen hören, sei sie losgezogen, um ihn zu holen. Niemals wäre sie ins Nachbarhaus hineingegangen, wenn nicht der Mozart … Die Tür habe offen gestanden und da Silva am Boden gelegen. Bei seinem Anblick sei sie hinausgestürzt und auf der Straße zusammengeklappt. Dort habe der Karl sie dann aufgefunden, dem das alles zu lange gedauert hatte. Er habe die 112 alarmiert und dann bei seiner Frau ausgeharrt.

Den Rest der Geschichte kannten sie.

Er und seine Frau hätten in der Nacht nichts gehört, versicherte Herr Gerlach-Schultes. Nur der sensible, musikalische Mozart habe mal gebellt, aber das tue er öfter, wenn die diversen Katzen der anderen Nachbarn über die Terrasse liefen. Allerdings sei in der Nacht davor mehr los gewesen, wegen der Freinacht vom 30. April auf den 1. Mai. Herr Gerlach-Schultes wetterte über den Brauch – einmal hätten sie ihm das Gartentor ausgehängt und in einen Brunnen geworfen. Irmi fand auch, dass die Grenze zum Vandalismus fließend war. Und natürlich war das eine Nacht mit vielen Geräuschen. Es sprach also einiges dafür, dass da Silva bereits in der Nacht zuvor erschlagen worden war. In der Freinacht.

Irmi und Kathi tauschten sich kurz mit Sepp und Sailer über die bisherigen Ergebnisse der Befragungen aus. Wie zu erwarten, hatten auch die anderen Nachbarn, soweit sie zu Hause waren, nichts gehört. Irmi hatte den leisen Verdacht, dass der Herr da Silva in der Gegend nicht sehr integriert gewesen war. Bei den Nachbarn handelte es sich um einheimische Rentnerehepaare, die, seit die Kinder ausgeflogen waren, in viel zu großen Landhausburgen hausten. Oder um Frührentner, mehrheitlich aus dem Rhein-Main-Gebiet wie die Gerlach-Schultes. Oder man hatte es mit ebenfalls zugereisten München-Pendlern zu tun, bei denen der Mann unanständig viel verdiente, während die Frau sich um das Haus kümmerte und den Nachwuchs in riesigen SUV-Karren quasi bis ins Klassenzimmer fuhr. Die Kinder des dritten Jahrtausends hatten offenbar alle einen Gendefekt und konnten weder laufen noch Rad fahren, schon gar nicht bis zur Schule. Hier lebten zuhauf Menschen wie das Pärchen vom Ammersee, die einfach rein gar nichts von der Region verstanden und vielleicht auch gar nicht wollten, sie hatten sich schließlich teuer eingekauft.

Sailer und Sepp hatten eine dieser schicken Mütter zwei Häuser weiter befragt. Sie hatte sich von da Silva erst kürzlich zwei Bücher signieren lassen und eigentlich geplant, demnächst ein Seminar bei ihm zu buchen. Das würde ja nun leider nichts werden. Ein ach so charismatischer Mann sei er gewesen, so klug, so charmant. Sailer hatte gefragt, ob sie das alles beim Büchersignieren festgestellt habe, doch auf eine solch dumme Frage hatte er natürlich keine Antwort bekommen.

Kathi und Irmi machten sich auf zu den Nachbarn direkt gegenüber, die in den Siebzigern waren. Die Frau schien einen Dekowahn zu haben, jedenfalls war das Landhaus voller Vitrinen, Bilder und Setzkästen. Sie bat die Polizisten in die Küche, von der aus man Aussicht in den Garten hatte. Ihr Mann schien einer dieser Gärtner zu sein, die die heimische Natur mit Thuja, Buchsbaum und millimeterkurzem Rasen in den Untergang trieben. Der hatte das Volksbegehren sicher nicht unterschrieben, mutmaßte Irmi. Das Paar hatte weder mit den Hessen noch mit da Silva viel zu tun gehabt. Man habe sich gegrüßt, und das sei es gewesen. Immerhin wussten sie von der Putzfrau zu berichten, die zweimal die Woche zu Herrn da Silva gekommen war. Eine Zentner Annamaria, die auch schon im Rentenalter sei.

„Sie bessert sich die Rentn auf“, bemerkte die Dame des Hauses – etwas hämisch, wie es Irmi vorkam. Immerhin gab sie ihnen die Adresse.

Frau Zentner wohnte in der Ortsmitte. Kathi und Irmi machten sich gleich auf den Weg.

„Was für ein Besen, diese Alte!“, rief Kathi im Auto. „Und was die uns für einen Spruch reingedrückt hat. Von wegen, sie bessert sich die Rente auf. Aus Spaß wird diese Frau Zentner kaum putzen.“

„Stimmt, das halte ich auch für abwegig“, meinte Irmi. Wer putzte schon freiwillig?

Sie hielten vor dem Mehrfamilienhaus an der angegebenen Adresse und klingelten an. Die Dame, die ihnen öffnete, war durchaus eine Erscheinung. Eher eine Zwei-Zentner-Annamaria. Irmi stellte sich und Kathi vor.

„Dürfen wir kurz reinkommen?“

„Sicher. Mögen Sie einen Kaffee?“

Die kleine Wohnung war peinlich sauber aufgeräumt, die Möbel waren vor allem praktisch. Nach dem überladenen Haus gerade eben war das hier erfrischend klar und bodenständig. Frau Zentner machte einen Kaffee im Porzellanfilter, der wirklich richtig gut war.

„Um was geht’s?“, fragte sie, während sie in der Wohnküche den Kaffee servierte.

„Sie putzen beim da Silva?“, fragte Kathi.

„Ja, warum?“

„Es tut uns leid, Ihnen das sagen zu müssen“, sagte Irmi. „Herr da Silva ist tot.“

Frau Zentner zwinkerte. „Warum tot? Am Dienstag war er noch putzmunter.“

„Er wurde ermordet. Erschlagen. Mit dem Buddha“, sagte Kathi, die ja selten pietätvoll um den heißen Brei herumredete.

„Dieses hässliche Ding! Er hatte lauter so furchtbare Sachen rumstehen. Kunsthistorischen Sondermüll!“

Irmi hatte wahrlich schon vielen Menschen Todesnachrichten überbracht, so abgeklärt hatte allerdings selten jemand reagiert.

Frau Zentner schien ihre Gedanken zu lesen. Sie seufzte. „Wissen Sie, ich tue mir ein bisschen schwer mit dramatischen Reaktionen auf den Tod. Er ist überall, er ist nie schön. Er kommt nie zur richtigen Zeit. Wie kam’s?“

„Wir nehmen an, es war ein Raubmord“, antwortete Irmi. „Es wurden Bilder entwendet und irgendwelche Kunstgegenstände, die auf den Säulen standen. Wobei Sie ja wenig von den Stücken hielten, oder?“

»Sehen Sie, ich war Intensivkrankenschwester, und ich habe lange Jahre bei Ärzte ohne Grenzen in Ländern gearbeitet, die wirkliche Probleme haben. Die wenigsten Leute hierzulande haben auch nur eine Ahnung davon, was Armut und Elend wirklich bedeuten. Bei einer solchen Tätigkeit lernt man Demut, man lernt große Menschen kennen – und auch ein bisschen darüber, was Touristen so angedreht wird und was echten Wert besitzt.«

„Und Herr da Silva hatte demnach nur Plunder?“

„Mehrheitlich. Zwei Bilder von James Francis Gill hängen da, die sind sicher was wert. Und es gibt eine Statue von Jud Bergeron, auch wertvoll. Der Rest sollte lediglich beeindrucken, der war Teil einer Inszenierung.“

„Er hat sich inszeniert?“, fragte Kathi.

„Sicher.“

„Alles Show, was er tat?“

„Nein, so würde ich das nicht sagen. Davide war im Grunde ein netter Kerl. Aber auch pfiffig genug zu merken, dass man auf einen Zug aufspringen konnte, der auf goldenen Gleisen fährt. Er sah gut aus, er hatte diesen gefälligen Akzent, er kam sehr gut an.“

„Bei Frauen?“, hakte Irmi nach.

„Auch bei einigen Männern. Aber Sie haben schon recht: Dieses ganze Selbstfindungswesen, der Diätwahn, der Versuch, mit Superfood zum Supermenschen zu werden, ist doch eher weiblich besetzt.“

„Er hat die Leute also verarscht, oder?“, fragte Kathi.

„Auch das würde ich verneinen, denn er verfügte über ein großes alternativmedizinisches Wissen. Es ist eher eine Ausprägung der Zeit, dass alles opulent verpackt werden muss.“

„Gute Sache, aber zu viel Marketing?“, fasste Irmi zusammen.

„So ähnlich.“ Frau Zentner schenkte Kaffee nach.

„Danke. Der ist sehr gut“, lobte Irmi. „Entschuldigen Sie die Frage, aber Sie waren in der ganzen Welt unterwegs, und nun putzen Sie?“

„Sehen Sie, ich hatte sogenannte Brüche in meiner Erwerbsbiografie“, erklärte Frau Zentner lächelnd. „Ich bin geschieden, meine Tochter in München ist leider genetisch vorbelastet und auch Krankenschwester geworden, schlicht: Meine Rente reicht nicht, wenn ich ab und zu mal essen gehen oder verreisen will oder wenn mein rostiges Auto nach einer Reparatur ruft. Davide hab ich vor Jahren in Bangladesch getroffen, wir sind uns später zufällig in Murnau über den Weg gelaufen, und er hat mich gefragt, ob ich eine Perle wüsste. Ich hab kurz überlegt und mich selbst ins Spiel gebracht. Es war ja ein sehr pflegeleichtes Haus, und wie gesagt, ich mochte Davide.“

„Kein Grund zur Trauer?“

„Doch, aber das mache ich dann mit mir aus.“

„Frau Zentner, Sie haben einen Schlüssel zum Haus?“

„Ja.“

„Und wann waren Sie zuletzt da?“

„Ich komme immer dienstags und freitags. Ab und zu habe ich ihm geholfen, wenn er Seminare veranstaltet hat. Mal Getränke ausgeschenkt, die Leute begrüßt und in den Seminarraum geleitet, derlei Dinge eben. Und gelüftet und Blumen gegossen, wenn er länger weg war.“

„Sie waren also am Dienstag noch da. Wie lange?“

„Ich war bis etwa vierzehn Uhr vor Ort. Wir haben noch überlegt, ob wir wegen der Freinacht etwas wegräumen sollen. Aber die Statuen im Vorgarten sind fest verschraubt. Einmal hat sie jemand als Vogelscheuchen dekoriert.“ Sie lachte. „Sah besser aus als vorher.“ Sie wurde wieder ernst. „Wann starb er denn?“

„Wir nehmen an, eben in der Freinacht. Das muss die Rechtsmedizin klären.“

„Dann lag er allein im Haus? Ja, so kann es kommen. Einsamkeit trifft auch die Umtriebigen“, sagte sie ganz ruhig.

„Wir wären auf Ihre Mithilfe angewiesen, um herauszufinden, was sonst noch fehlt. Also außer dem Offensichtlichen“, sagte Irmi.

„Sicher. Jetzt gleich?“

„Wenn es Ihnen passt?“

„Natürlich.“

Frau Zentner stand auf, nahm sich eine Wachsjacke vom Haken und ließ den beiden Kommissarinnen den Vortritt.

„Wir fahren Sie nachher gerne zurück“, sagte Irmi und hielt ihr die Tür auf.

Nach wenigen Minuten waren sie vor Ort, wo Sailer und Sepp bereits warteten. Über Sailers Gesicht zog ein Lächeln. „Annamirl, was machst du do?“

„Du bist einer der wenigen, die mich so nennen! Wie geht’s der Petra?“

„Guat. Ois so weit klar. Annamirl, du schaugst guat aus!“

„Schmeichler“, erwiderte sie grinsend. „Ich bin sechsundsechzig, da fängt das Leben eben nicht mehr an.“

Irmi hatte amüsiert zugehört. Sailer kannte wirklich jeden und jede. Und nur selten ging er so aus sich heraus. Annamirl sah wirklich gut aus. Sie hatte eine besondere Ausstrahlung, die sie attraktiv machte – auch oder gerade mit sechsundsechzig Jahren.

„Ihr kennt euch?“, fragte sie.

„Die Annamirl war amoi Stationsleitung bei meiner Petra ihrer Station, die beste Leitung, die wo es je gegeben hot!“

Richtig, Sailers Frau war auch Krankenschwester. Kreise schlossen sich.

Annamaria machte eine angedeutete Verbeugung. „Danke dir!“

„Sie is dann weg, weil s’ die Welt hat rettn meng“, fuhr Sailer fort.

„Das ist mir nicht gelungen“, bemerkte Annamaria Zentner.

„Und du host bei dem da Silva g’arbeitet?“

„Ja, Putzen ist eine feine Beschäftigung. Allein die Tatsache, dass genug Wasser vorhanden ist und es Mittelchen gibt, die gut riechen. Alles ist purer Luxus. So, und nun lasst uns reingehen. Ist er noch da?“, fragte sie, während sie das Haus betraten.

„Ja“, sagte Irmi zögerlich. Da Silva lag noch am Tatort, zugedeckt mit einem Tuch.

„Darf ich?“, fragte Frau Zentner.

Irmi nickte. Die große Frau ging überraschend elegant in die Knie. Sie zog das Tuch weg. Murmelte ein paar Worte in einer Sprache, die Irmi nicht verstand. Malte ein Kreuz auf seine Stirn. Erhob sich.

„Ich denke, es schadet nicht, wenn man Sanskrit mit katholischen Symbolen vereint“, sagte sie. Dann sah sie sich um. „In der Tat, es fehlen alle Bilder und Statuen.“ Sie öffnete einen Küchenschrank und griff in eine große Teetasse. „Hier sind immer zweihundert bis dreihundert Euro drin, die sind auch weg.“ Der Blick in eine Schublade zeigte, dass das Silberbesteck ebenfalls fehlte.

Im Erdgeschoss gab es noch ein kleines Büro, wo der PC und der Drucker unangetastet dastanden. Frau Zentner konnte nichts Ungewöhnliches feststellen.

„Soll ich oben auch mal schauen?“

Irmi nickte.

Das Obergeschoss wurde von einem opulenten Bad mit Terrakottafliesen und Steinwaschtischen dominiert. Zwei kleine, gefällig möblierte Gästezimmer gab es, mit dezent karierter Bettwäsche von guter Qualität. Irmi hätte schwarzen Satin erwartet. Frau Zentner zog im Schlafzimmer ein paar Schubladen auf. „Ich denke, hier fehlt nichts. Haben Sie sich den Safe schon angesehen?“

„Safe?“

„Ja, im Untergeschoss, wo der Seminarraum ist.“

Sie folgten ihr die Treppen hinunter ins Souterrain. Vom Seminarraum aus ging eine gewaltige Glastür auf eine Terrasse hinaus, die ihrerseits von zwei Sphinxstatuen flankiert war. Fünfzig Stühle in zehn Reihen waren aufgestellt, mit dem Blick nach vorn zu einem schweren Holztisch, der mit allerlei hinduistischen Motiven verziert war. Auch hier roch es süßlich.

„Der Laptop und der Beamer, die sonst hier auf dem Tisch stehen, sind weg.“ Frau Zentner stellte sich unter die weiße Beamerleinwand, die aufgerollt war. „Normal ist die immer unten. Ich denke, jemand hat dahinter den Safe gesucht.“

Da war aber nur eine blütenweiße Wand.

„Und wo is der Safe dann?“, fragte Sailer und sah sich im Raum um.

Annamaria Zentner ging durch eine der Stuhlreihen, schob einen Stuhl zur Seite, bückte sich, und wie durch Zauberhand schob sich der Boden beiseite, der aussah wie jeder andere Parkettboden auch.

„Des is jetzt aber sehr James Bond“, meinte Sailer leise.

„Der Vorbesitzer des Hauses war ein Phobiker. Er dachte, der Atomkrieg stünde bevor, und hat sich einen Bunker gebaut. Tja, und wenn dann alles in Schutt und Asche liegt und völlig verstrahlt ist, kommt er samt seinem Dackel hinausgetreten in eine tote Welt.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Bitte schön.“

Eine Treppe führte nach unten, wo man in einen Betonraum mit Regalen und einem Stahlschrank gelangte. Frau Zentner rief: „Mumukshu!“, und der Sesam öffnete sich.

„Ach, du Scheiße!“, rief Kathi. „Das ist aber mehr als Bond!“

„Schauen Sie, so eine Zahlenkombination vergisst man ja leicht. Voice Control ist da besser.“

„Mumu was?“

„Auch Sanskrit, die Sehnsucht nach Befreiung in etwa.“

„Na, des passt ja zum Safe“, murmelte Sailer.

Im Safe lagen die Geldbörse des Herrn da Silva, gut fünftausend Euro, ein paar Schmuckstücke und eine Dokumentenmappe. Außerdem zwei Ordner.

„Wissen Sie, was das alles ist?“

„Zum Teil Seminarunterlagen, denke ich. Ich hab ihm, wie gesagt, ab und zu bei den Seminaren mit Handreichungen geholfen. Er hat immer gesagt, dass er alles sehr gewissenhaft versteuern würde, dass Deutschland aber ein gieriger Krake sei und ihm fast nichts bleibe. Als gelernter Bankkaufmann hat man immer einen Anteil korrekten Spießer in sich.“

Dass ihm nichts blieb, wagte Irmi zu bezweifeln. „Was hat er denn so verdient?“, fragte Irmi.

„Je nachdem.“

„Heißt?“

„Je nachdem, wie viele Seminare er hielt. Die Bücher haben ihm auch einiges an Einkünften gebracht, und er hat außerdem Superfoodprodukte verkauft. Ich habe da keinen konkreten Einblick. Ich war nur die Putzfrau.“

„Na ja“, sagte Irmi. „Sie waren ihm doch wohl mehr. Gab es denn eine Frau oder Freundin?“

„Schauen Sie, er war ein attraktiver Mann. Wenn Sie aber nach einer konkreten, langfristigen Partnerin fragen, dann durfte ich eine solche Dame nie kennenlernen.“

„Er hat also alle beglückt?“, fragte Kathi.

„Alle nein, die eine oder andere bestimmt.“ Annamaria Zentner ließ sich weder provozieren noch aus der Fassung bringen. „Er war ein normaler Mann mit Bedürfnissen. Wie viele andere auch. Und er war zudem sehr gewinnend.“

„Für Sie aber zu jung?“

Sie lachte. „Liebe Frau Reindl, wenn es etwas in meinem Leben gibt, was mich wirklich nicht interessiert, dann ist es eine Beziehung mit einem Mann! Ich hatte ein paar davon, deren Ausgang fragwürdig war, und seit ich keine Männer mehr habe, bin ich so zufrieden wie noch nie.“

Damit hatte sie Kathi ausgeknockt.

„Waren seine Seminare denn immer ausgebucht?“, übernahm Irmi.

„Ja, es gab sogar lange Wartelisten.“

Die Lebenshilfeszene schien einen Leuchtturm verloren zu haben. Irmi bat Sailer, den PC im Büro abzubauen, und nahm die Unterlagen aus dem Safe mit. Dann stiegen sie aus der Unterwelt wieder hinauf in die Helle des Wohnraums.

„Gibt es denn Familie? Leben seine Eltern noch?“, fragte Irmi.

„Seine Mutter war in einer Pflegeeinrichtung in Tirol untergebracht, wo er sie regelmäßig besucht hat. Er hat auch den Großteil der Kosten für das Heim übernommen. Sie war am Ende dement und ist am 31. Dezember letzten Jahres gestorben. Ihn hat das sehr getroffen. Im Pflegeheim wurde schon um sieben Uhr abends ein Silvesterfeuerwerk organisiert, wenige Minuten vorher war seine Mutter gestorben. Tod und Leben, Tränen und Lachen, Abschied und Aufbruch nur wenige Minuten voneinander getrennt.“ Sie stutzte kurz. „Ich glaube, er hat eine Schwester im Ausland, aber Genaueres weiß ich nicht. Das Verhältnis zur Schwester war nicht so ganz einfach, ließ er mal durchblicken.“

Die Schwester würden sie ausfindig machen, auch um feststellen zu können, wer erbte. Vielleicht gab es in der Mappe ein Testament.

„Sollen wir Sie heimfahren, Frau Zentner?“, fragte Irmi.

»Danke, ich laufe gern. Wenn Sie noch etwas brauchen – Sie wissen ja, wo Sie mich finden.«

„Und du kimmst amoi auf an Kaffee, Annamirl!“, rief Sailer. „Die Petra mechet di sicher sehn.“

„Mach ich“, versicherte Annamirl Zentner und ging davon.

Was wussten Sie nun? Dass sicher viele Frauen um da Silva trauern würden, und das alles wegen ein paar eher wertloser Kunstgegenstände, ein bisschen Bargeld, Silber und eines Laptops.

Nicola Förg

Über Nicola Förg

Biografie

Nicola Förg, Bestsellerautorin und Journalistin, hat zwanzig Kriminalromane verfasst, an zahlreichen Krimi-Anthologien mitgewirkt, einen Island- sowie einen Weihnachtsroman vorgelegt. Die gebürtige Oberallgäuerin, die in München Germanistik und Geografie studiert hat, lebt heute mit Familie...

Veranstaltung
Lesung und Gespräch
Donnerstag, 14. Mai 2020 in Garmisch-Partenkirchen
Zeit:19:30 Uhr
Ort:Spielbank Garmisch-Partenkirchen,
82467 Garmisch-Partenkirchen
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Lesung und Gespräch
Samstag, 23. Mai 2020 in Fischen
Zeit:20:00 Uhr
Ort:Kurhaus Fiskina,
87538 Fischen
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Lesung und Gespräch
Dienstag, 14. Juli 2020 in Trabitz
Zeit:19:30 Uhr
Ort:Altes Sägewerk, Kurbersdorfer Str. 2,
92724 Trabitz
Krimifestival im Vierstädtedreieck
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Lesung und Gespräch
Freitag, 02. Oktober 2020 in Peißenberg
Zeit:19:00 Uhr
Ort:Tiefstollenhalle,
82380 Peißenberg
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Medien zu „Flüsternde Wälder“
Pressestimmen
Ruhr Nachrichten

„Auch im elften Alpenkrimi hat die Autorin die Zeichen der Zeit zu einer spannenden Geschichte verwoben. Da kommen sich Wellness-Fanatiker und E-Biker mit Menschen in die Quere, für die der Wald ihre Existenz bedeutet. Humorvoll und spannend.“

radiolounge.de

„Immer wieder sind die Geschichten der Autorin absolut lesenswert. Team und Themen sind gut aufeinander abgestimmt- Die Romane bieten spannende und lehrreiche Unterhaltung.“

Süddeutsche Zeitung

„Nicola Förg, die auf einem Bauernhof mit Pferden, Katzen und Bienen lebt, hat wie gewohnt sehr gründlich recherchiert und sich in ihre Themen richtig hineingefuchst. Gelungen ist ihr mit ›Flüsternde Wälder‹ erneut ein spannender Krimi, der nicht darauf verzichtet, Missstände zu beleuchten.“

Garmisch-Partenkirchner Tagblatt

„›Flüsternde Wälder‹ ist wieder ein unterhaltsamer Roman, der auch zum Nachdenken anregt.“

Allgäuer Zeitung

„Es ist wieder einiges los im neuen Krimi von Nicola Förg, der dennoch ruhiger und gelassener daherkommt. Die Ermittlungsarbeit der beiden Kommissarinnen gerät bei der Fülle der spannenden Themen und Nebenschauplätze zwar in den Hintergrund. Das ist aber kein Nachteil. Ganz im Gegenteil. Es macht Laune und regt an.“

Schongauer Nachrichten

„Perfekt konstruierter Roman“

Bayern 5 „Kulturnachrichten“

„Die Krimis von Nicola Förg haben immer Themen aus dem Umwelt- oder Tierschutz und sind erschreckend aktuell.“

Frau von Heute

„Nicola Förg mischt aktuelle Umweltthemen mit einer raffinierten Geschichte zu einem packenden Alpenkrimi.“

FreiZeitSchrift

„Hochspannend und wie immer mit viel Humor verknüpft die gebürtige Oberallgäuerin diesmal einen kniffligen Kriminalfall mit aktuellen Trends wie dem ›Waldbaden‹ und dem Phänomen des ›Overtourism‹ in den heimischen Alpen.“

Kommentare zum Buch
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