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Fluchtstücke

Roman

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Fluchtstücke — Inhalt

Anne Michaels ist Dichterin. Sie hat als solche zu veröffentlichen begonnen und für ihre 1986 und 1991 erschienenen Gedichtbände «The Weight of Oranges» und «Miner's Pond» Auszeichnungen erhalten. Auch ihr erster Roman mit dem deutschen Titel «Fluchtstücke» enthält Sätze von atemberaubender lyrischer Dichte: Knappheit und Härte der Anfangsseiten ihres Romans üben beim Lesen einen Sog aus, dem man sich nicht entziehen kann: So grauenerregend die Geschichte einsetzt, man will weiterlesen, mehr über das Schicksal des Protagonisten erfahren. Der siebenjährige Jakob Beer wird Zeuge, wie im Zweiten Weltkrieg Deutsche seine Eltern, polnische Juden, erschlagen und seine ältere Schwester verschleppen. Er flieht und versteckt sich auf dem Gelände einer archäologischen Grabungsstätte. Dort wird er nach Tagen von einem griechischen Forscher gefunden und gerettet. In der Obhut dieses Mannes verbringt er seine Kindheit und Jugend auf einer griechischen Insel, später wandert er mit ihm nach Toronto aus. Jakob wird Autor, wird Dichter und versucht seine Erfahrungen auf diesem Wege zu verarbeiten. Die schrecklichen Bilder seiner Kindheit lassen ihn lange nicht los. Eine erste Ehe scheitert daran, und erst als reifer Mann findet er in der Beziehung zu einer jungen Frau zu einer Art innerer Ruhe.

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 29.12.2004
Übersetzt von: Beatrice Howeg
384 Seiten
EAN 978-3-8333-0042-4
€ 11,99 [D], € 11,99 [A]
Erschienen am 02.11.2017
Übersetzt von: Beatrice Howeg
384 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7969-5

Leseprobe zu »Fluchtstücke«

Prolog

Während des Zweiten Weltkrieges gingen zahllose Manuskripte – Tagebücher, Memoiren, Augenzeugenberichte – verloren, oder sie wurden zerstört. Einige dieser Erzählungen wurden von jenen, die nicht überlebten, versteckt – in Gärten vergraben, in Hohlräume von Wänden gesteckt oder unter Bodendielen gelegt – und nie wieder gefunden.

Andere Geschichten sind in der Erinnerung verborgen, sie wurden weder niedergeschrieben noch erzählt; wieder andere wurden nur durch Zufall wieder aufgefunden.

Der Dichter Jakob Beer, der auch als Übersetzer postumer [...]

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Prolog

Während des Zweiten Weltkrieges gingen zahllose Manuskripte – Tagebücher, Memoiren, Augenzeugenberichte – verloren, oder sie wurden zerstört. Einige dieser Erzählungen wurden von jenen, die nicht überlebten, versteckt – in Gärten vergraben, in Hohlräume von Wänden gesteckt oder unter Bodendielen gelegt – und nie wieder gefunden.

Andere Geschichten sind in der Erinnerung verborgen, sie wurden weder niedergeschrieben noch erzählt; wieder andere wurden nur durch Zufall wieder aufgefunden.

Der Dichter Jakob Beer, der auch als Übersetzer postumer Schriften aus dem Krieg arbeitete, wurde im Frühjahr 1993 in Athen von einem Auto angefahren und starb im Alter von sechzig Jahren an den Folgen des Unfalls. Seine Frau, die neben ihm auf dem Gehsteig gestanden hatte, überlebte ihn nur um zwei Tage. Sie hatten keine Kinder.

Kurz vor seinem Tod hatte Beer begonnen, seine Memoiren zu schreiben. »Die Kriegserfahrung eines Menschen«, schrieb er einmal, »hört nicht mit dem Kriege auf. Die Arbeit eines Menschen ist wie sein Leben nie vollendet …«

 

Die ertrunkene Stadt

Die Zeit ist eine blinde Führerin.

Ich war ein Junge des Sumpfes. Ich tauchte in die schlammigen Straßen der ertrunkenen Stadt. Mehr als tausend Jahre zogen nur Fische über Biskupins hölzerne Stege. Durch Häuser, die gebaut wurden, in die Sonne zu blicken, flutete das trübe Dunkel des Flusses, der Gasawka. Prachtvoll wuchsen Gärten in der Stille unter dem Wasser; Lilien, Binsen, Algen.

Niemand wird nur einmal geboren. Hat man Glück, erblickt man im Arm eines anderen erneut das Licht; hat man Unglück, erwacht man, wenn der lange Schweif des Entsetzens das Innere des eigenen Schädels streift.

Ich wand mich durch den sumpfigen Boden ans Licht wie der Tollundmann, der Mann von Grauballe, wie der Junge, den sie aus der Franz-Josef-Straße zogen, als das Pflaster ausgebessert werden sollte, sechshundert Muschelschalen trug er um den Hals und einen Helm aus Schlamm auf dem Kopf. Er triefte von den pflaumenfarbenen Säften des torfschwitzenden Morastes. Eine Nachgeburt der Erde.

Ich sah einen Mann auf dem säuredurchtränkten Boden knien. Er grub. Mein plötzliches Auftauchen erschreckte ihn. Einen Moment lang glaubte er, ich wäre eine von Biskupins verlorenen Seelen – oder vielleicht der Junge aus dem Märchen, der ein so tiefes Loch gräbt, daß er auf der anderen Seite der Erde wieder herauskommt.

 

Fast ein Jahrzehnt hatte man Biskupin sorgfältig ausgegraben. Sanft lösten Archäologen Relikte der Stein- und Eisenzeit aus dem weichen braunen Torf. Den Damm aus reinem Eichenholz, der einst Biskupin mit dem Festland verband, hatte man wieder aufgebaut, genauso wie die kunstvoll ohne einen Nagel errichteten Holzhäuser, den Wall und die Stadttore mit ihren hohen Türmen. Hölzerne Straßen – in denen sich vor fünfundzwanzig Jahrhunderten Händler und Handwerker drängten – wurden aus dem schlammigen Grund des Sees gehoben. Als die Soldaten kamen, betrachteten sie die perfekt erhaltenen Tonschalen, hielten die Glasperlen, die Armbänder aus Bronze und Bernstein in den Händen, bevor sie sie auf dem Boden zerschlugen. Entzückt schritten sie durch die großartige hölzerne Stadt, einst Heimat von hundert Familien. Dann begruben die Soldaten Biskupin unter Sand.

*

Meine Schwester war für unser Versteck längst zu groß geworden. Bella war fünfzehn, und sogar ich mußte zugeben, daß sie schön war, mit dichten Brauen und wundervollem Haar, dick und kostbar wie schwarzer Sirup, ein glänzender Muskel, der auf ihrem Rücken lag. »Ein Kunstwerk«, sagte unsere Mutter, während sie es bürstete und Bella vor ihr auf einem Stuhl saß. Ich war noch klein genug, im Schrank hinter der Tapete zu verschwinden; seitlich drückte ich meinen Kopf zwischen erstickenden Mörtel und Bohlen, mit streifenden Wimpern.

Seit jenen Minuten in der Wand stelle ich mir vor, die Toten verlören alle Sinne außer dem Gehör.

Die zerborstene Tür. Aus den Angeln splitterndes Holz wie krachendes Eis unter den Rufen. Nie gehörte Laute, dem Mund meines Vaters entrissen. Dann Stille. Meine Mutter hatte gerade einen Knopf an mein Hemd genäht. Die Knöpfe bewahrte sie in einer angesprungenen Untertasse auf. Ich hörte den Rand der Untertasse auf dem Boden kreisen. Ich hörte das Springen der Knöpfe, kleine weiße Zähne.

 

Schwärze erfüllte mich, zog von hinten über den Kopf in die Augen, als wäre mein Gehirn durchbohrt worden. Sie verbreitete sich vom Magen in die Beine. Ich würgte und würgte, schluckte sie im ganzen hinunter. Die Wand füllte sich mit Rauch. Ich zwängte mich hinaus und starrte, während die Luft in Flammen aufging.

Ich wollte zu meinen Eltern gehen, sie berühren. Aber ich konnte es nicht, ohne in ihr Blut zu treten.

Die Seele verläßt den Körper augenblicklich, als könne sie es kaum erwarten, frei zu sein: Das Gesicht meiner Mutter war nicht das ihre. Mein Vater lag vom Sturz verrenkt. Zwei Formen in dem Haufen Fleisch, seine Hände.

 

Ich lief und fiel, lief und fiel. Dann der Fluß: so kalt, als schnitte er mich.

Der Fluß war von dem gleichen Schwarz, das in mir war; nur die dünne Membran meiner Haut ließ mich an der Oberfläche treiben.

Vom anderen Ufer aus beobachtete ich, wie die Dunkelheit über der Stadt zu violett-orangenem Licht wurde; die Farbe von Fleisch, das sich in Geist verwandelte. Sie flogen auf. Die Toten zogen über mir dahin, seltsame Strahlenhöfe und Lichtbögen erstickten die Sterne. Die Bäume neigten sich unter ihrem Gewicht. Noch nie war ich nachts allein im Wald gewesen; die wilden bloßen Äste waren gefrorene Schlangen. Der Boden bewegte sich unter mir, und ich hielt mich nicht fest. Ich wollte ihnen folgen, mit ihnen hinaufsteigen, mich von der Erde lösen wie Papier, das sich an den Ecken hebt und wellt. Ich weiß, warum wir die Toten begraben, warum wir einen Stein an den Ort stellen, das schwerste, beständigste Ding, das wir kennen: weil die Toten überall sind, nur nicht in der Erde. Ich blieb wo ich war. Klamm vor Kälte, fest am Boden. Ich bettelte: Wenn ich nicht aufsteigen kann, dann laß mich sinken, in den Boden des Waldes sinken wie ein Siegel in Wachs.

Dann – als hätte sie mir das Haar aus der Stirn gestrichen, als hätte ich ihre Stimme gehört – wußte ich plötzlich, daß meine Mutter in mir war. Wie durch unser Haus, bei Nacht, wenn sie aufräumte, wenn sie alles in Ordnung brachte, wanderte sie meine Sehnen entlang, unter meiner Haut. Sie kam, sich zu verabschieden, und war nun in dem schmerzlichen Widerspruch gefangen: aufsteigen zu wollen, bleiben zu wollen! Es war meine Pflicht, sie loszulassen, es war eine Sünde, wenn ich sie daran hinderte fortzugehen, hinauf. Ich zerrte an meinen Kleidern, meinem Haar. Sie war fort. Mein eigener schneller Atem hing um meinen Kopf.

Ich lief fort von den Geräuschen des Flusses in den Wald, der finster war wie das Innere einer Truhe. Ich lief, bis die Dämmerung das letzte Grau aus den Sternen wrang und schmutziges Licht zwischen die Bäume triefen ließ. Ich wußte, was ich zu tun hatte. Ich nahm einen Stock und fing an zu graben. Wie eine Rübe pflanzte ich mich in den Boden und versteckte mein Gesicht unter Blättern.

Mein Kopf zwischen den Ästen, stachelige Borsten wie der Bart meines Vaters. Ich war sicher begraben, meine nassen Kleider kalt wie ein Panzer. Hechelnd wie ein Hund. Meine Arme waren eng an die Brust gedrückt, den Kopf hatte ich in den Nacken gelegt, Tränen krochen mir wie Insekten in die Ohren. Ich konnte nur geradewegs nach oben schauen. Der Morgenhimmel war milchig von neuen Seelen. Bald konnte ich, selbst wenn ich die Augen schloß, der Absurdität des Tageslichts nicht länger entgehen. Es stieß auf mich nieder, stechend wie die gebrochenen Zweige, wie der Bart meines Vaters.

Dann schämte ich mich, wie ich mich noch nie im Leben geschämt hatte. Ich spürte bohrenden Hunger. Und plötzlich begriff ich, meine Kehle brannte lautlos – Bella.

*

Ich hatte meine Pflichten. Nachts gehen. Am Morgen mein Bett graben. Essen, was da war.

Meine Tage in der Erde waren nichts als ein Fiebertraum aus Schlaf und Wachsamkeit. Ich träumte, jemand hätte meinen verlorengegangenen Knopf gefunden und suchte mich jetzt. Auf einer Lichtung, bedeckt von aufgesprungenen Schoten, aus denen weiß der Pollen quoll, träumte ich von Brot; ich wachte auf und hatte so lange Luft gekaut, daß mein Kiefer steif war. Ich erwachte aus Furcht vor Tieren; ich erwachte zu noch größerer Furcht vor Menschen.

Während dieses Tagesschlafs erinnerte ich mich daran, daß meine Schwester am Schluß ihrer Lieblingsromane immer weinen mußte; diese Romane waren das einzige, was mein Vater sich gönnte – Romain Rolland oder Jack London. Während sie las, sah man die Gestalten in ihrem Gesicht, ein Finger rieb den Rand der Buchseite. Bevor ich selbst lesen lernte, erwürgte ich sie fast mit den Armen – aus Wut, ausgeschlossen zu sein; ich hing über ihr, meine Wange an der ihren, als könnte ich irgendwie in den kleinen schwarzen Zeichen die Welt erblicken, die Bella sah. Sie schüttelte mich ab oder aber hielt, wenn sie großmütig war, inne, legte das Buch in den Schoß und erklärte mir die Geschichte … betrunken schlürft der Vater nach Hause … der betrogene Geliebte, vergeblich wartet er unter den Sternen … das schreckliche Geheul der Wölfe in der Finsternis der Arktis – und schon zitterte ich unter meinen Kleidern. Manchmal saß ich abends auf Bellas Bettkante, und sie prüfte meine Rechtschreibung, indem sie mir mit dem Finger etwas auf den Rücken schrieb, und wenn ich das Wort gelernt hatte, wischte sie es behutsam mit einer Handbewegung wieder aus.

 

Ich konnte die Geräusche nicht draußenhalten: das Aufbrechen der Tür, das Prasseln der Knöpfe. Meine Mutter, mein Vater. Aber schlimmer als diese Geräusche war, daß ich mich nicht erinnern konnte, etwas von Bella gehört zu haben. Und erfüllt von ihrem Schweigen, blieb mir nichts anderes, als mir ihr Gesicht vorzustellen.

*

Nachts ist der Wald unbegreiflich; abstoßend und endlos, herausragende Knochen und klebrige Haare, schleimig, mit ineinandergehenden Gerüchen und flachen Wurzeln wie knotigen Venen.

Schnecken überziehen den Farn wie Spritzer von Teer; schwarze Eiszapfen aus Fleisch.

Tagsüber habe ich die Zeit zu sehen, daß Flechten wie Goldstaub auf den Felsen liegen.

Ein Kaninchen, es spürt, daß ich da bin, duckt sich in meiner Nähe, versucht, sich im Gras zu verstecken.

Die Sonne bricht gezackt durch die Bäume, so hell, daß ihre Splitter sich dunkel färben und wie verbranntes Papier in meinen Augen treiben.

Die weißen Spitzen der Gräser verfangen sich in meinen Zähnen wie geschmeidige kleine Gräten. Ich zerkaue Blätter zu einem bitteren faserigen Brei, der meine Spucke grün färbt.

 

Einmal wage ich es, mein Bett in der Nähe einer Weide auszuheben, um der schweren Feuchtigkeit des Waldes zu entfliehen, um frische Luft zu atmen. Eingegraben fühle ich die stampfenden dunklen Formen der Kühe, die mit dumpfen Tritten über die Weide herankommen. Von weitem sehen sie mit ihren vorgestreckten Köpfen aus, als schwämmen sie. Sie galoppieren heran, bleiben kurz vor dem Zaun stehen, dann treiben sie langsam auf mich zu, ihre Köpfe schwingen mit jedem Schritt ihrer schweren Flanken wie langsame Kirchenglocken hin und her. Die schmalen Kälber beben hinter ihnen, Angst in den zuckenden Ohren. Ich habe auch Angst – die Herde könnte Leute zu meinem Versteck führen; die Kühe drängen sich zusammen, legen die breiten Köpfe auf den Bretterzaun und starren mit rollenden Augen auf mich herab.

 

Ich fülle die Taschen, die Hände mit Steinen und wate in den Fluß, bis nur noch Mund und Nase – rosa Lilien – die Luft abschöpfen. Erde löst sich von meiner Haut, aus den Haaren, und ich sehe zufrieden, daß die fette Schicht von Läusen aus meinen Kleidern nun wie ein Schaumschleier auf der Oberfläche treibt. Ich stehe auf dem Grund, die Stiefel vom Schlamm angesogen, die Strömung fließt um mich herum, ein Umhang aus flüssigem Wind. Lange bleibe ich nicht untergetaucht. Nicht nur wegen der Kälte, auch weil ich mit den Ohren unter Wasser nichts höre. Das ist für mich beängstigender als die Dunkelheit, und wenn ich die Stille nicht mehr ertrage, schlüpfe ich aus meiner nassen Haut wieder hinein in die Geräusche.

Ein Mann steht hinter einem Baum und beobachtet mich. Von meinem Versteck aus starre ich ihn regungslos an, bis meine Augen in ihren Höhlen steinern werden und ich nicht mehr sicher bin, ob er mich überhaupt gesehen hat. Worauf wartet er? Im letzten Augenblick, bevor ich wegrennen muß, da der Tag schnell anbricht, erkenne ich, daß ich die halbe Nacht Gefangener eines Baumes war, der tote, harte Stumpf vom Mondlicht entstellt.

Sogar bei Tageslicht, im kalten Nieselregen, ist mir der vage Ausdruck des Baumes vertraut. Das Gesicht über einer Uniform.

 

Der Grund des Waldes ist gesprenkelte Bronze, karamelisierter Zucker hängt in den Blättern. Die Äste wirken gegen den zwiebelbleichen Himmel wie gemalt. Eines Morgens sehe ich, wie sich ein Lichtstrahl behutsam über den Boden hinweg auf mich zubewegt.

Ich weiß plötzlich, meine Schwester ist tot. Da, genau in diesem Augenblick, wird Bella zu überschwemmtem Land. Ein Körper aus Wasser, unter dem Mond dahinziehend.

*

Ein grauer Herbsttag. Am Ende der Kraft, dort, wo der Glaube am meisten der Verzweiflung gleicht, brach ich aus den Straßen von Biskupin empor; aus der Erde in die Luft.

Ich humpelte auf ihn zu, steif wie ein Golem, Lehm in den Kniekehlen festgebacken. Ich blieb ein paar Schritte vor ihm stehen, dort, wo er grub – als hätte ich eine Glastür gerammt, erzählte er mir später, eine unbestreitbare Wand aus reiner Luft – »und dann brach die Schlammaske unter deinen Tränen auf, und ich wußte, daß du ein Mensch warst, nur ein Kind. Das mit der Hemmungslosigkeit eines Kindes weinte.«

Er sagte, er redete auf mich ein. Aber ich war wild vor Taubheit. Meine torfverstopften Ohren.

So hungrig. Ich schrie in die Stille den einzigen Satz, den ich in mehr als einer Sprache kannte. Ich schrie es auf Polnisch und Deutsch und Jiddisch und schlug mir mit den Fäusten an die Brust: dreckiger Jude, dreckiger Jude, dreckiger Jude.

*

Der Mann, der im Schlamm von Biskupin Ausgrabungen machte, der Mann, der sich später Athos nannte, trug mich unter seiner Kleidung. Meine Glieder waren Knochenschatten an seinen starken Armen und Beinen, mein Kopf lag vergraben an seinem Hals, beide zusammen steckten wir unter einem schweren Mantel.

 

Ich erstickte fast, aber mir wurde nicht warm. Kalte Luft strömte von der Kante der Autotür ins Innere seines Mantels. Das Dröhnen des Motors und das Rauschen der Reifen, manchmal das Geräusch eines vorbeifahrenden Lastwagens. In unserem sonderbaren Zusammensein grub sich Athos’ Stimme in mein Hirn. Ich verstand nichts, und deshalb legte ich mir zurecht, was er sagte: Es ist richtig, es ist richtig, wir müssen weg …

Stundenlang durch die Dunkelheit fahrend, auf dem Rücksitz des Autos, hatte ich keine Ahnung, wo wir waren oder wohin wir fuhren. Ein anderer Mann saß am Steuer, und wenn wir aufgefordert wurden anzuhalten, zog Athos eine Decke über uns. Dann klagte er in griechisch getöntem, aber gutem Deutsch, er sei krank. Er klagte nicht nur. Er wimmerte, er stöhnte. Er bestand darauf, seine Symptome und ihre Behandlung genau zu beschreiben. Bis sie uns, angewidert und verärgert, weiterwinkten. Jedesmal, wenn wir anhielten, lag ich taub an seinem festen Körper, eine Pustel, stramm vor Angst.

Mein Kopf zersprang vor Fieber, ich konnte meine brennenden Haare riechen. Tage und Nächte hindurch entfernte ich mich immer weiter von meinem Vater, meiner Mutter. Von den langen Nachmittagen am Fluß mit meinem Freund Mones. Sie wurden durch meine Kopfhaut hindurch aus mir herausgerissen.

Bella aber blieb. Wir waren russische Puppen. Ich war in Athos, Bella war in mir. Ich weiß nicht, wie lange wir so fuhren. Einmal wachte ich auf und erkannte Schilder in fließender Schrift, die von weitem dem Hebräischen glich. Dann sagte Athos, daß wir zu Hause seien, in Griechenland. Als wir näher kamen, merkte ich, daß die Wörter fremd waren; ich hatte noch nie griechische Buchstaben gesehen. Es war Nacht, aber die quadratischen Häuser waren sogar im Dunkeln weiß, und die Luft war weich. Ich war matt vor Hunger und der langen Zeit, die ich im Auto gelegen hatte.

Athos sagte: »Ich werde dein koumbaros sein, dein Pate, der Ehestifter für dich und deine Söhne …«

Athos sagte: »Wir müssen einander tragen. Wenn wir das nicht können, was sind wir dann …«

Auf der Insel Zakynthos vollführte Athos – Wissenschaftler, Gelehrter, mittelmäßiger Sprachenkenner – sein erstaunlichstes Kunststück. Aus seinen Hosenbeinen zauberte er den sieben Jahre alten Flüchtling Jakob Beer hervor.

Über Anne Michaels

Biografie

Anne Michaels wurde 1958 in Toronto geboren. Mit ihrem ersten Roman »Fluchtstücke« gelang ihr ein internationaler Bestseller, der in 30 Sprachen übersetzt wurde.

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