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Flauschangriff

Flauschangriff

Roman

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Flauschangriff — Inhalt

Lady hatte keinen einfachen Start ins Hundeleben, doch bei Jennifer findet sie alles, wovon sie immer geträumt hat: eine Familie, eine Heimat und ein Leben ohne Gitterstäbe. Doch dann muss ihr Frauchen sie schweren Herzens abgeben, und Lady setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um wieder nach Hause zurückzukehren …

Erschienen am 12.01.2017
304 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98319-8

Leseprobe zu »Flauschangriff«

1

»Am Anfang war das Licht«, sagte Plato, während er mit hängendem Kopf auf sein Hundebett zumarschierte. Immer wenn er zu philosophieren begann, sank die Hoffnung, mit ihm spielen zu können, ins Bodenlose. Enttäuscht legte ich den Tennisball aus dem Maul, das Wedeln konnte ich mir sparen. Welchen Unsinn redete der Kerl? Am Anfang meines Lebens war es dunkel gewesen, von Licht keine Spur.

»Das stimmt doch gar nicht!«, widersprach ich.

»Woher willst du Dummerchen das wissen?«

Mit Platos Erfahrung konnte ich natürlich nicht mithalten, aber hier war ich [...]

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1

»Am Anfang war das Licht«, sagte Plato, während er mit hängendem Kopf auf sein Hundebett zumarschierte. Immer wenn er zu philosophieren begann, sank die Hoffnung, mit ihm spielen zu können, ins Bodenlose. Enttäuscht legte ich den Tennisball aus dem Maul, das Wedeln konnte ich mir sparen. Welchen Unsinn redete der Kerl? Am Anfang meines Lebens war es dunkel gewesen, von Licht keine Spur.

»Das stimmt doch gar nicht!«, widersprach ich.

»Woher willst du Dummerchen das wissen?«

Mit Platos Erfahrung konnte ich natürlich nicht mithalten, aber hier war ich mir ausnahmsweise sicher.

»Ich kann mich noch genau erinnern, als ich …«

»Warst du etwa dabei, als die Welt erschaffen wurde?«, unterbrach Plato mich harsch und kräuselte abfällig seine Schnauze. Er stellte die rechte Vorderpfote aufs Hundebett, als wollte er dessen Weichheit testen.

Die Welt? Von welcher Welt sprach er denn? Ich überlegte, was meine Welt ausmachte: Herrchen, Plato, das Haus, der Park. Ach ja, und mein Ball natürlich.

»Aber du schon, oder wie?«, entgegnete ich trotzig. Plato mochte zwar angegraut sein, war aber noch nicht so alt, als dass ich all seine Weisheiten einfach hinnehmen würde.

Die Antwort blieb er mir schuldig, drehte sich stattdessen so lange auf dem Hundebett um sich selbst, bis er eine passende Position gefunden hatte, und ließ sich schließlich mit einem Seufzer nieder. »Am Anfang war das Licht, und das mache ich jetzt aus – basta.«

Er schloss seine braunen Augen und streckte die grauen Pfoten über den Rand seines Bettes.

Das sah bedenklich aus – er wollte tatsächlich schlafen, während ich kein bisschen müde war.

»He, Plato! Erzähl ein bisschen von Delphi.« Das zog normalerweise, denn über seine Geburtsstadt plauderte er am liebsten.

»Später vielleicht.«

Frustriert legte ich mich hin, den Ball zwischen den Vorderpfoten, damit er nicht davonrollen konnte. Es war zum Heulen. Da lag ich nun und schaute Plato beim Schlafen zu. So rumliegen fand ich ziemlich langweilig. Ich hatte so viele Fragen, und wenn Plato schon nicht mit mir spielen wollte, sollte er mich wenigstens an seinem Wissen teilhaben lassen.

»Hast du deine Bestimmung eigentlich schon gefunden?«, fragte ich in die Stille hinein.

Plato drehte mir seinen Kopf mit der fast weißen Schnauze zu. »Meine was? Du hältst dich wohl für Pythia, das Orakel von Delphi.«

Pythia? Was sollte das nun schon wieder? »Nein, selbstverständlich nicht! Ich bin ein Hund. Warum?«

»Weil du in Rätseln sprichst wie sie.«

Ich kam mir fürchterlich ungebildet vor. Die Frage, was ein Orakel sei, lag mir auf der Zunge, die ich seit einem Tritt meines Züchters nicht mehr vollständig im Maul behalten konnte, aber meine Unwissenheit hätte nur eine ewig lange Belehrung nach sich gezogen. Also verkniff ich sie mir lieber. »Ich meine die Bestimmung, die jeder Hund hat.«

»Eine Bestimmung – für uns Hunde? Blödsinn.«

»Wenn wir keine haben, wozu sind wir dann da?«

»Für einen Cockerspaniel denkst du zu viel. Deine Rasse muss süß aussehen und mit ihrer ständigen Hibbelei alles durcheinanderbringen – weiter nichts. Schlaf jetzt.« Plato atmete tief durch, ein untrügliches Zeichen, dass das Gespräch für ihn beendet war und er seine Ruhe haben wollte. Da war nichts mehr zu machen. Ich schloss meine Augen ebenfalls und dachte nach.

Süß aussehen – sollte das etwa schon meine Bestimmung sein? Mit diesen Gedanken im Kopf konnte ich unmöglich einschlafen. Plato atmete ruhig, hin und wieder zuckte seine Pfote. Vielleicht bestand die Bestimmung für Hunde aus Delphi darin, immer recht zu haben.

Plötzlich schreckte ich hoch. War da nicht ein Geräusch? Jemand näherte sich dem Haus …

»Plato, ich glaube …«

»Da ist nichts.«

»Woher weißt du, was ich sagen wollte?«

»Weil ich in deinem Alter auch immer gehofft habe, die Wartezeit würde sich verkürzen, wenn was passiert. Tut sie aber nicht. Schlafen ist die beste Abkürzung, das kannst du mir glauben.«

Ich spitzte die Ohren, obwohl sich meine schweren Lauscher kaum heben ließen. Die Schritte entfernten sich wieder – schade. »Siehst du?«, sagte Plato zufrieden und streckte sich genüsslich.

Alter Rechthaber. Die Stille zog sich hin. Ich stupste den Ball mit der Schnauze an, woraufhin er gemächlich unter die Couch rollte und somit unerreichbar wurde.

Meine Gedanken begannen zu wandern, und ich musste erneut an das Versprechen denken, das ich meiner Oma einst gegeben hatte. Ich sollte meine Bestimmung suchen … aber wie und wo? Ich wollte Florian und Plato nicht einfach verlassen, dafür war ich zu treu. Womöglich bestand meine Bestimmung darin, hierzubleiben, jedenfalls so lange, bis Florian mich nicht mehr haben wollte.

Trotz meiner wirren Gedanken machte sich allmählich Langeweile breit und meine Augenlider wurden schwer. Meine Zungenspitze suchte sich ihren Weg über den deformierten Unterkiefer ins Freie. Der Gedanke an meine Bestimmung verflüchtigte sich, und eine Erinnerung, die Platos Ansicht widersprach, gab mir neuen Mut: Am Anfang war nicht das Licht, sondern der Geruch gewesen.

 

2

Zuerst gab es also den Geruch. Ganz sicher. Und mit ihm kam der Geschmack. Süß und warm rann die Milch aus Mamas Zitze durch meine Kehle. Neue Empfindungen gesellten sich hinzu, sanfte und drängende Berührungen, ein nasses Etwas, das über meinen Rücken fuhr und – autsch! Ein unsanfter Tritt stieß mich von der geliebten Quelle weg.

Ich lernte schnell, dass man um sein Glück kämpfen musste, und dass es dabei Sieger und Verlierer gab.

Neue Gerüche von Kot, Urin und Fressbarem sowie die anderer Hunde drangen in meine empfindliche Nase. Ich nahm unbekannte Geräusche wahr: Schmatzen und Fiepen, Knurren und Jaulen.

Erst danach kam das Licht.

Verschwommen zuerst, dann immer deutlicher entpuppten sich die Urheber der Schmatz- und Fiepgeräusche als meine beiden Geschwister. Sie waren stärker und lauter als ich, und wenn es ums Rangeln, Schubsen und Drängeln ging, blieb ich stets die zweite Siegerin. Die Milchquelle war jedes Mal besetzt, wenn ich Hunger hatte – und ich hatte oft welchen.

»Mach dir nichts draus«, sagte Mama dann, »dafür denkst du schneller.«

Damals verstand ich nicht, was sie damit meinte, und es kümmerte mich auch nicht – dafür umso mehr, dass mir ständig ein Schwanz um die Ohren gehauen wurde. Verärgert biss ich hinein, was meine Schwester gar nicht mochte. So lernte ich meine nächste Lektion …

Meine Welt war klein, und je mehr wir wuchsen, desto erdrückender wurde die Enge. Mama konnte nicht aufstehen, und sosehr sie sich auch mühte, gelang es ihr kaum, unsere Hinterlassenschaften aus unserem Fell zu entfernen.

Über, neben und unter uns wimmelte es von unseresgleichen. In manchen Käfigen jammerten Kleine wie wir, in anderen Alte, die sich kaum rühren konnten. Viele waren blond wie ich, es gab aber auch schwarz-weiße Fellknäuel, aus denen Pfötchen und neugierige Nasen hervorlugten, ihre Augen allerdings sahen traurig aus, bei manchen waren sie leer.

Schritte erschütterten den Boden, und der Geruch eines fremden Wesens verbreitete sich: definitiv kein Hund. Das war meine erste Begegnung mit einem Menschen. Er sah anders aus als wir: kleine Nase, kaum Fell und überhaupt kein Schwanz. Das Merkwürdigste aber war, er ging die ganze Zeit auf den Hinterpfoten. Mit seinen langen Krallen öffnete er unseren Käfig und griff nach meiner Schwester. Er hob sie vor seine Schnauze, als wollte er sie fressen. Danach das Gleiche mit meinem Bruder, der laut winselte und sich mit allen Pfoten zur Wehr setzte, doch alles Sträuben half nichts.

Plötzlich spürte ich einen Biss in meinem Nacken, als würde Mama mich packen, bloß viel stärker. Ich rief um Hilfe und strampelte mit den Beinen – umsonst. Mama verschwand aus meinem Blickfeld, dafür erschien sein flaches Gesicht ganz nahe vor meinen Augen. Aus seinem Mund kamen bedrohliche Laute, die mir damals vollkommen fremd waren.

Ich biss so kräftig in die sich nähernde Hand, dass der Mann vor Schmerzen aufjaulte. Der Griff in meinem Nacken lockerte sich, und mein Magen machte einen Purzelbaum, als ich durch die Luft fiel. Mit einem Klatschen schlug ich auf dem harten Boden auf. Ein Schatten schoss auf meinen Kopf zu, und gleich darauf durchfuhr ein scharfer Schmerz meine Schnauze. Der Geschmack einer warmen Flüssigkeit – ähnlich dem von Gitterstäben – erfüllte mein Maul. Der Kerl hob mich auf und stopfte mich laut schimpfend wieder in den Käfig zu meiner Mama. Tröstend leckte sie mir das Blut von den Lefzen.

»Was war das?«, fragte ich.

»Ein Flachgesicht«, antwortete sie.

Tagelang konnte ich kaum etwas zu mir nehmen, obwohl der Hunger wie wild bohrte. Meine Mama sah mich voll Sorge an, weil meine Verletzung nicht heilen wollte.

Mit Mühe trank ich ein paar Schlucke, aber von nun an wollte meine Zunge nicht mehr im Maul bleiben.

»Sie werden die Kleine töten«, sagte meine Oma mit heiserer Stimme über uns.

»Was ist töten?«, fragte einer meiner Brüder.

»Es ist eine Erlösung, weil wir dadurch in die Freiheit des Regenbogenlandes gelangen«, antwortete Oma.

»Sei ruhig!«, unterbrach sie mein Vater harsch. »Es gibt keine Freiheit. Mach den Kindern nichts vor.«

Damit war das Gespräch beendet.

Manchmal holte das Flachgesicht einen von uns aus dem Käfig und trug dann den entweder schlaffen oder jämmerlich heulenden Artgenossen fort.

Gerne erinnerte ich mich an Omas Geschichten über Bäume und Wiesen, Flüsse und Seen. Sie schwärmte von weichen, sauberen Betten, warnte uns aber auch vor fauchenden Ungeheuern mit scharfen Krallen und schlitzförmigen Augen. Es sollte sogar Flachgesichter geben, die einem Liebe, Sicherheit und einen Namen schenkten.

»Woher weißt du das alles?«, fragte ich Oma einmal, als sie erneut davon anfing.

»Von meiner Mama.«

»Und wo ist die?«

»Im Regenbogenland.«

»Blödsinn«, knurrte Vater. »Die Mülltonne ist schwarz, nicht bunt.« Kichern aus den Käfigen, aber auch ein leises Jaulen. Mein Bruder zwickte mich ins Ohr – der Rüpel hatte nur Unfug im Sinn.

»Ruhe!«, befahl Oma. »Nimm den Kindern nicht die Hoffnung. Immerhin haben sie eine Chance.«

»Welche Chance hat man in einer Tonne?«, bellte Vater. Das reichte, um sofort Ruhe einkehren zu lassen.

Später fragte ich Oma, was es mit dem Regenbogenland auf sich hatte.

»Dort ist das Paradies«, antwortete sie.

»Das mag aber auch nur ein Traum sein«, flüsterte Mama, »allerdings ein schöner.«

Ich mochte diesen Traum. Er versprach Abenteuer und Geborgenheit.

Vielleicht, weil ich mich für ihre Geschichten begeisterte, oder vielleicht aus einem anderen Grund, vertraute mir meine Oma eines Abends noch etwas an.

»Alle Hunde haben eine Bestimmung«, erzählte sie mir leise. »Wird die erfüllt, haben sie einen Wunsch frei.«

Während sich meine Geschwister weiter an den Ohren oder Schwänzen zogen, dachte ich über ihre Worte nach. Hm, einen Wunsch frei also? Welchen würde ich wohl wählen? Momentan hatte ich keinen. Oder doch: das Paradies finden.

»Was ist meine Bestimmung?«, fragte ich Mama daraufhin.

»Das musst du selbst herausfinden.«

»Was ist deine?«

»Neugierige Kinder in die Welt setzen, die mir an den Zitzen knabbern.«

»Und was ist dein Wunsch?«, bohrte ich weiter.

»Dass es euch gut geht und ihr geliebt werdet.«

»Ich hab dich lieb«, sagte meine Schwester. »Dich übrigens auch – und sogar den da.«

Damit meinte sie meinen nervigen Bruder.

Mama schaute in den gegenüberliegenden Käfig, in dem nur noch drei von einstmals acht Welpen lagen. »Ihr werdet bald gehen müssen.«

»Wohin?«, fragte mein Bruder.

»Fort. Weit fort.«

»Wir bleiben für immer zusammen«, versicherte ich den anderen.

»Für immer«, bestätigte meine Schwester, Mama schwieg.

Wir gingen tatsächlich. Zuerst mein Bruder. Das unangenehm riechende Flachgesicht packte ihn in eine Kiste. Zwar kratzte er wie verrückt an den Holzwänden und jaulte herzerweichend, doch es half nichts. Er wurde zusammen mit anderen Welpen aus den Nachbarkäfigen davongetragen.

Später ging meine Schwester – aber nicht weit. Sie wurde in einen Käfig schräg gegenüber gesteckt.

»Oh nein!«, jammerte Oma. »Sie ist noch viel zu jung.«

Wofür, verriet sie nicht. Als ich die Kleine so verloren und heulend im Käfig sitzen sah, zerriss in mir etwas. Ich wollte zu ihr hinüber, aber die Gitterstäbe versperrten mir den Weg.

Unsere Leiden waren damit nicht zu Ende, denn eines Tages war ich dann dran. Das Flachgesicht öffnete meinen Käfig, nahm mich hoch und betrachtete mich prüfend von allen Seiten. Ich wusste, der Moment des Abschieds war gekommen. Die Frage war nur, würde ich im Käfig oder in der Kiste landen. Die Mülltonne wollte ich gar nicht erst in Betracht ziehen.

»Sei stark!«, rief mir Mama hinterher.

»Erzähl uns, ob es in der Tonne schön bunt ist«, knurrte Vater.

Es wurde weder die Kiste noch der Käfig für mich. Ich landete in einem raschelnden und ekelhaft stinkenden Plastiksack.

Ilona Schmidt

Über Ilona Schmidt

Biografie

Die gebürtige Münchnerin Ilona Schmidt ist promovierte Chemikerin und Managerin für einen internationalen US-Konzern. Sie lebte viele Jahre in Nürnberg und Coburg, wohnt jedoch seit 2001 mit ihrer Familie in den USA, wo sie ihr Leben mit vielen Hunden, Katzen und Pferden teilt. »Flauschangriff« ist...

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