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Fix und forty

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Roman

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Fix und forty — Inhalt

Als sie mit 42 in die Wechseljahre kommt und ihr Mann wenig später auf Gay.com seine große Liebe findet, beschließt Rhoda Janzen, wieder nach Hause zu ziehen: zu einer Mutter, der kein Gesprächsthema zu intim ist, und einem Vater, der als Pastor arbeitet und neben Jesus auch den Erfinder des Seniorenrabatts preist. Eine selbstironische Liebeserklärung an die Heimat – von einer, die auszog, um wieder einzuziehen.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 14.04.2014
Übersetzer: Sophie Zeitz
256 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98083-8
»Achtung: Dies ist keine Chick-Lit für Frauen über 40, sondern ein intelligenter autobiografischer Roman ... Liest sich außergewöhnlich lustig, dazu erfährt man eine Menge über Mennoniten. Die man nach der Lektüre nie mehr mit den Amish-People verwechseln wird.«
Brigitte
»Rhoda Janzen hat Humor. So wie ihre mennonitische Mutter. Die ihr einen Mann andrehen will: ihren Cousin Waldemar.«
SZ-Magazin

Leseprobe zu »Fix und forty«

Für Mary Loewen Janzen

 

EINS

 

Der Bräutigamvetter

 

Als ich dreiundvierzig Jahre alt wurde, erkannte ich, dass ich meine mennonitischen Gene nie genug gewürdigt hatte. Ich hatte mich immer darauf verlassen, dass ich genetisch dazu veranlagt war, bei bester Gesundheit zu bleiben, wie meine Mutter, die sich nicht einmal einen Schnupfen holt. Alle Verwandten mütterlicherseits – die Loewens – erfreuen sich einer fast übernatürlich guten Gesundheit, von Brustkrebs und Polio mal abgesehen. Heute ist Polio so gut wie abgehakt, dank Jonas Salk und seinem [...]

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Für Mary Loewen Janzen

 

EINS

 

Der Bräutigamvetter

 

Als ich dreiundvierzig Jahre alt wurde, erkannte ich, dass ich meine mennonitischen Gene nie genug gewürdigt hatte. Ich hatte mich immer darauf verlassen, dass ich genetisch dazu veranlagt war, bei bester Gesundheit zu bleiben, wie meine Mutter, die sich nicht einmal einen Schnupfen holt. Alle Verwandten mütterlicherseits – die Loewens – erfreuen sich einer fast übernatürlich guten Gesundheit, von Brustkrebs und Polio mal abgesehen. Heute ist Polio so gut wie abgehakt, dank Jonas Salk und seinem Händchen für weltweit brauchbare Impfungen. Vor Jonas Salk – als meine Mutter klein war – hatte Polio ihren jüngeren Bruder Abe zum Krüppel gemacht und den Arm ihrer Lieblingsschwester Gertrude verkümmern lassen. Die tapfere Trude hat später einarmig zwei Kinder großgezogen und ihrem verkümmerten Arm den Spitznamen Stinky gegeben.

 

 

 

– Ja, ich finde, »Stinky« ist ein niedlicher Name für einen verkümmerten Arm.
– Nein, ich würde meinem verkümmerten Arm lieber einen würdigeren Namen geben, Reynaldo zum Beispiel.

 

Obwohl auch Brustkrebs in der Familie liegt, hat er eigentlich nie eine größere Rolle gespielt. Er tritt bei uns erst spät im Leben auf, schrumpelt vielleicht eine oder beide Brüste ein und kapituliert dann meistens vor den vereinten Kräften von Chemotherapie und Buttermilch. Das heißt, er würde unsere Brüste einschrumpeln, wenn wir welche hätten, was nicht der Fall ist.
Als junge Mädchen waren meine Schwester Hannah und ich natürlich gespannt, ob wir mehr nach unserer Mutter oder nach unserem Vater kämen. Es stand viel auf dem Spiel. Nach einer schmerzhaft uncoolen Kindheit ahnten wir, dass uns unser genetisches Erbe an eine schicksalhafte Wegscheide führte. Dad war sehr gutaussehend, aber ein Miesepeter; Mom war optisch reizlos, doch von sonnigem Gemüt. Schafften wir es, den Ansprüchen der normalen Gesellschaft zu genügen, oder katapultierte unsere mennonitische Herkunft uns für alle Zeiten ins soziale Aus?
Bis zu seiner Pensionierung war mein Vater das Oberhaupt der Nordamerikanischen Mennoniten-Konferenz für Kanada und die USA und damit quasi das mennonitische Pendant zum Papst, allerdings mit einer Vorliebe für karierte Shorts und bis zu den Knien hochgezogene schwarze Anzugsocken. Ja, in dem komplexen moralischen Universum der erwachsenen Mennoniten ist es möglich, attraktiv zu sein und trotzdem kein bisschen Stilgefühl zu besitzen. Mein Vater ist sich womöglich nicht einmal bewusst, wie gut er aussieht. Er ist Theologe und glaubt an einen liebenden Gott, ein dienendes Herz und Seniorenrabatt. Würde es Gott gefallen, wenn wir unnötige einunddreißig Cent mehr bei McDonald’s ausgäben? Ich glaube kaum.
Mit seinen eins fünfundneunzig und dem klassisch schönen Gesicht ist mein Vater ein Mann von beeindruckendem Format, der charismatische Beredsamkeit und nüchterne, scharfsichtige Autorität in sich vereint. Es könnte natürlich sein, dass seine Weisheit und sein Ernst ihn noch schöner wirken lassen, als er ist, jedenfalls gehört mein Vater – aus welchem Grund auch immer – zu den Menschen, denen die Leute unweigerlich an den Lippen hängen. Bei den Predigten dieses Mannes schlafen Sie bestimmt nicht ein! Selbst als Atheist würden Sie unwillkürlich mitschunkeln und rufen wollen: Sie sagen es, Reverend!
Doch das mit dem Schunkeln und Rufen können Sie gleich wieder vergessen. In einer Mennoniten-Kirche sitzt man ganz still und preist Jesus allein mit Herz, Geist und Seele, regungslos wie im letzten Lähmungsstadium nach einem Schlangenbiss.
Womöglich bin ich die Erste, die das gute Aussehen meines Vaters in geschriebener Form erwähnt. Für einen internationalen Mennoniten-Führer gilt Schönheit nämlich als vollkommen überflüssige Eigenschaft, geht es bei den Mennoniten doch allein ums Dienen. Theoretisch wissen wir gar nicht, wie wir aussehen, da jedes Interesse an unserem persönlichen Erscheinungsbild ein Zeichen von Eitelkeit und Selbstgefälligkeit ist. Unsere Abneigung gegen Eitelkeiten erklärt auch den Hang vieler von uns, diese trutschigen langen Röcke und Spitzendeckchen auf dem Kopf zu tragen, eine Idee, die sich nur durchsetzen konnte, weil wir anscheinend irgendwann kollektiv beschlossen haben, morgens beim Anziehen nicht hinzusehen.
Meine Mutter ist, im Gegensatz zu meinem Vater, keine klassische Schönheit. Dafür erfreut sie sich bester Gesundheit. Sie ist heiter wie eine Lerche an einem Sommermorgen. Nichts vermag ihr die Laune zu verderben. Sie ist die Sorte Mutter, die morgens um sechs zu uns ins Kinderzimmer kam, um uns singend aus den Federn zu locken, denn Morgenstund hat Gold im Mund, auch bei Wochenend und Sonnenschein. Wohlgemut ist sie. Weltgewandt ist sie nicht. Einmal kaufte sie Hannah ein schwarzes T-Shirt, auf dem in pinkfarbenen Glitzerbuchstaben NASTY!! stand. Sie wusste nicht, was es bedeutete. Als wir es ihr erklärten, antwortete sie fröhlich: »Na, dann kannst du es eben bei der Gartenarbeit anziehen.«
Neben der Tatsache, dass sie als Mennonitin geboren wurde, was eine ganz eigene Ästhetik mit sich bringt, hat meine Mutter keinen Hals. In meiner Jugend war der Kopf unserer Mutter, der wie ein freundlicher Salatkopf direkt aus ihren Schultern sprießt, so etwas wie der Mittelpunkt der Familie. Wir nahmen jede Gelegenheit wahr, ihn mit Hüten und Baseballmützen zu bewerfen, und brachen anschließend in skrupelloses Gelächter aus. Mom lachte gutmütig mit, aber wenn wir es übertrieben, prophezeite sie finster, dass sich auch bei uns die Loewen-Gene irgendwann durchsetzen würden.
Und das taten sie. Obwohl ich persönlich einen Hals habe und glücklich darüber bin, war ich bis Anfang vierzig der Inbegriff blühender Loewenscher Gesundheit: rotwangig, immun gegen Keime, stark wie ein Ochse. Ich war fast nie krank. Und just in dem Jahr, bevor die Haupthandlung dieser Geschichte beginnt, hatte ich mir eine körperliche Unpässlichkeit zugezogen – ich weigere mich, von Krankheit zu sprechen –, die so gravierend war, dass ich dachte, ich hätte statistisch gesehen für die nächsten Jahre ausgesorgt.
Ich war damals zweiundvierzig, und mein Arzt riet mir zu einer radikalen Salpingo-Oophorektomie. Für diejenigen von Ihnen, die die Menopause noch vor sich haben, heißt das übersetzt: »Die Gebärmutter muss raus. « Ein feierlicher Ernst lag in der Luft, als der Arzt das Thema Hysterektomie ansprach.
Ich fragte: »Sie meinen, meine ganze Gebärmutter kommt in die Tonne? Mit Eileitern und allem Drum und Dran?«
»Ich fürchte ja.«
Einen Moment überlegte ich. Ich wusste, ich müsste eine Art feministischer Empörung spüren. Aber da war nichts. »Na gut.«
Mit Grabesstimme sprach Dr. Mayler von einer Selbsthilfegruppe. Ich hörte an seinem Ton, dass ich unter einem tiefen Verlustgefühl und unter der kosmischen Ungerechtigkeit leiden müsste, dass mir so etwas mit zweiundvierzig passierte anstatt mit – was ? – sechsundfünfzig? Pflichtbewusst notierte ich mir die Adresse der Selbsthilfegruppe, für den Fall, dass ich meine wahren Gefühle mal wieder verdrängte. Vielleicht würde mir der Ernst der Salpingo-Oophorektomie mit Verzögerung bewusst werden. Mit zweiundvierzig wusste ich, dass die Verdrängung von Tatsachen eine meiner bevorzugten Verarbeitungsstrategien war. Die großen Lektionen des Lebens kamen bei mir mit Verspätung an. Ich bin schon immer ein Spätzünder gewesen. Bei mir fällt der Groschen langsam. Der Postmann muss zweimal klingeln, wenn Sie verstehen, was ich meine.
Mein Mann, der sich zwei Wochen nach unserer Hochzeit einer Vasektomie unterzogen hatte, befürwortete die Gebärmutterentfernung. »Mach es«, drängte er. »Wozu brauchst du das Ding überhaupt? Du benutzt es doch nicht, oder?«
Generell lautete Nicks Devise: Wenn du etwas seit einem Jahr nicht benutzt hast, wirf es weg. Unsere Wohnungen waren immer spartanisch und ultramodern eingerichtet. Einmal überzeugte er mich, die Remise, die wir bewohnten, nur mit einem schlichten Esstisch der klassischen Moderne und drei perfekten Sitzkissen auszustatten. Sie kennen die Schublade voller Krimskrams neben dem Telefon ? Bei uns enthielt sie einen einzigen musealen Kugelschreiber und einen Block handgeschöpftes Papier auf einem Tablett von Herman Miller.
Nick unterstützte also die Hysterektomie, allerdings mehr wegen seines Hangs zum vornehmen Understatement. Die Entfernung unnötiger anatomischer Teile war für ihn vergleichbar mit dem Spenden von überflüssigem Gerümpel an die Wohlfahrt. Hatten die Vorbesitzer als aufmerksames Einzugsgeschenk eine Luftmatratze mit eingebautem Bierdosenhalter in der Garage hinterlassen? Nein danke! Wir gehörten nicht zu den Leuten, die Luftmatratzen mit eingebautem Bierdosenhalter in unserer Garage lagerten – nicht weil wir etwas gegen solche Gegenstände hätten, sondern weil wir uns die freie Sicht auf den leeren Raum nicht nehmen lassen wollten. Nick war federführend beim Aussortieren unseres Besitzes, doch ich folgte ihm willig. Haben Sie heimlich seit 1989 denselben BH getragen? Ade, alter Freund! Hängen Sie aus irgendeinem sentimentalen Grund an Ihrem alten Hochzeitskleid? Leinen los! Nicks Begeisterung für die Hysterektomie machte mich fast ein bisschen nervös. Also versuchte ich weiter, in mich hineinzuhorchen, auf der Suche nach einem Quäntchen Melancholie. In der Fachliteratur, die ich zum Thema las, hieß es, ich müsste sehr, sehr traurig sein.
Doch der Gebärmutter-Blues setzte auch in den Wochen vor der Operation nicht ein. Ich verharrte in einem Stadium verdächtig guter Laune, genau wie meine Mutter, die Ähnliches durchgemacht hatte. Ich rief sie an.
» Hallo, Mama «, sagte ich. » Wie war es für dich, als dir in meinem Alter die Gebärmutter entfernt wurde?«
»Wunderbar«, sagte sie. »Warum?«
»Hat es dich nicht traurig gemacht?«
»Im Gegenteil! Ich durfte mir den Tag freinehmen.«
» Aber hast du nicht das Ende deiner Jugend betrauert ? «, hakte ich nach.
Sie lachte. » Nein, ich habe mich gefreut, dass ich nie wieder meine Tage haben würde. Stell dir vor, manchmal musste ich stündlich die Binde wechseln! Mein Monatsfluss war so zäh …«
»Schon gut!«, unterbrach ich sie. Meine Mutter war Krankenschwester und hatte eine Schwäche für Schleimpfropfen, benutzte Binden, vereiterte Verbände und kollabierte Venen. Hätte ich sie nicht sofort unterbrochen, wäre sie in null Komma nichts beim Thema Pilzinfektionen gelandet, und dann wäre alles zu spät gewesen.
Nachdem ich mit meiner Mutter gesprochen hatte, gab mir eine gute Freundin den sanften Rat, mich auf den nachträglichen Schock gefasst zu machen, der einsetzen würde, wenn meine Gebärmutter draußen war. Sie war vierundfünfzig und sagte, sie mache sich Sorgen, wie leichtfertig ich mit einer so wichtigen Veränderung in meinem Leben umgehe. Ich dankte ihr. Oh, tief in meinem Herzen hatte ich gewusst, dass die Frohnatur meiner Mutter nicht der Norm entsprach! Also war ich brav und wurde nervös. Ich rief in der Praxis an.
»Gibt es bei einer Salpingo-Oophorektomie irgendwelche seltsamen Nebenwirkungen?«, fragte ich. »Ausschlag zum Beispiel?«
»Kein Ausschlag«, antwortete die Arzthelferin. »Aber es dauert ein paar Wochen, bis alles verheilt ist. Zwei Monate keinen Sex.«
»Wird es meine Libido vermindern?«
» Nein. «
»Werde ich dick davon?«
»Nicht wenn Sie weiterhin ganz normal auf sich achten.«
»Warum brauche ich dann eine Selbsthilfegruppe?«, fragte ich.
» Vielen Frauen hilft es, wenn sie während dieser Übergangsphase eine Gemeinschaft haben, die sie unterstützt «, sagte sie ernst. » Viele Frauen haben Schwierigkeiten, sich an den Umstand zu gewöhnen, dass ihre fruchtbaren Jahre vorbei sind.«
Ich beschloss, einen Kompromiss zu finden zwischen der angenehmen Indifferenz, die ich tatsächlich spürte, und dem sensiblen Verlustgefühl, das ich mit einem neu angelegten Tagebuch und mehreren Kannen Holunderblütentee zu mobilisieren versuchte. Und weil ich so sensibel Tagebuch schrieb und wirklich versuchte, meinen Gefühlen nachzuspüren und sie anzunehmen, erlaubte ich mir, die Selbsthilfegruppe zu schwänzen. Ich hatte ohnehin nie besonders an meiner Gebärmutter gehangen, da ich mich gegen das Kinderkriegen entschieden hatte. Also, pfui, Selbsthilfegruppe. Ich meine natürlich, möge Gott diese hilfsbereiten Frauen mit reichlich schwesterlichem Segen belohnen!
Doch Gott wusste, dass ich das Tagebuchschreiben nicht ernst genug nahm, und bestrafte mich am Ende für meine kaltherzige Gleichgültigkeit. (Habe ich schon erwähnt, dass der Gott der Mennoniten ein Mann ist? Hätte irgendwer daran gezweifelt?) Dr. Mayler, in den meisten Fällen ein kompetenter Chirurg, punktierte während der Operation zwei meiner Organe. Er merkte es gar nicht. Hoppla. Als ich wieder zu mir kam, pieselte ich wie ein aufgeregter Welpe.
Und so wurde ich, die ich stets vor Gesundheit gestrotzt hatte, nach zwei Wochen meinem Ehemann in einem Rollstuhl zurückgegeben, abgemagert und einen Urinbeutel umklammernd, der durch einen langen durchsichtigen Plastikschlauch mit meinem Körper verbunden war. In den ersten Tagen war ich zu krank, um mich daran zu stören, aber dann setzte sich das Erbe meiner Mutter durch. Langsam wurde mir die Sachlage bewusst : Urinbeutel. Schlauch. Ich beobachtete die Bläschen, die durch den Schlauch wanderten, und dachte : Ich piesele. Jetzt gerade. In diesem Moment ! Oder : Ich esse und piesele gleichzeitig. Frei nach dem Song von Helen Reddy: Ich bin Frau, hört mich pieseln ! Beziehungsweise, hört, wie ich den Urinbeutel in die Plastikwanne entleere, die ich nicht tragen darf, weil sie zu schwer ist !
Da lag ich nun und tat nichts, außer ununterbrochen zu pieseln. Statt den Verlust meiner Gebärmutter zu betrauern, schlief ich viel und las die New York Times, wozu mir im normalen Leben die Zeit fehlte. Mitten am Tag nach Belieben Zeitung zu lesen war Ferien nicht unähnlich – herrlich!, jubelten meine Loewen’schen Gene. Die neuen Ärzte hatten mir gesagt, es bestünde die Möglichkeit, dass ich dauerhaft inkontinent bliebe, ein Umstand, der mein Liebesleben ernsthaft beeinträchtigen würde, von meinem Fitnessprogramm ganz zu schweigen. Doch wie meine Mutter begann ich sofort, mir einzureden, dass Inkontinenz nicht das Ende der Welt bedeute. Es war zum Beispiel immer noch besser als eine Querschnittslähmung vom Hals abwärts. Ich hatte tolle Freunde, einen Mann und eine Katze. Großformatige Windelprodukte waren trotz ihrer Umweltschädlichkeit und einer Halbwertszeit von mehreren Jahrzehnten billig im Einkauf. Erst neulich hatte ich in einer Zeitschrift einen Coupon für Depend, dem Hersteller von Seniorenwindeln, gesehen.
Wegen Nicks schwerer Kindheit machten wir uns beide Sorgen, wie er damit zurechtkäme, dass mein Genesungsprozess nun viel länger dauern würde, als wir zunächst gedacht hatten. Nicks Mutter litt seit Langem unter psychischen Problemen und hatte ihre Kinder über viele Jahre einem Phänomen ausgesetzt, das die Ärzte im neunzehnten Jahrhundert »Tyrannei des Wahns« nannten: Sie benutzte ihre vielen Beschwerden und Wehwehchen, um andere zu kontrollieren. Egal was im Leben ihrer Kinder passierte, es ging immer nur um Regina. Als Erwachsener distanzierte Nick sich von ihr. Er hasste den Topos der »gebrechlichen Frau« und sagte mir häufig, er wäre nicht mit mir zusammen, wenn ich eine dieser anhänglichen, labilen Frauen wäre.
Während unserer seltenen Besuche bei Regina versuchte ich immer, sie abzulenken, indem ich sie auf ihre atemberaubende Schönheit ansprach. Und das war keineswegs geheuchelt. Selbst mit einundachtzig hatte Regina noch immer den Schmackes einer umwerfenden Italienerin. Sie war bildschön – von irgendwem musste Nick es ja haben – und sah fünfundzwanzig Jahre jünger aus, als sie in Wirklichkeit war. Gewöhnlich trug sie eine riesige glamouröse Perücke und Stretchhosen. Es machte mir nichts aus, sie immer wieder zu fragen, wie viele Männer ihr schon einen Heiratsantrag gemacht hatten. Das gehörte zu meinen ehelichen Pflichten.
Es gibt eine Anekdote, die Reginas Charakter sehr treffend beschreibt. Vor zwölf Jahren, als Nick und ich arme Studenten waren, erhielten wir den Anruf, dass sein Vater einen schweren Schlaganfall erlitten hatte und in einem Krankenhaus in West Virginia im Sterben lag. Wir konnten uns den Flug nicht leisten, also sprangen wir ins Auto und fuhren zwölf Stunden nonstop von Chicago nach Fairfax. Wir tranken eimerweise Kaffee, fuhren so schnell, wie die Strecke es zuließ, und hofften die ganze Zeit inständig, dass Nicks Vater bei unserer Ankunft noch leben würde. Als wir schließlich im Krankenhaus waren, gingen wir nicht einmal erst aufs Klo ; so schnell wir konnten, rannten wir nach oben und erreichten keuchend die Intensivstation. Da waren sie, Nicks Vater an der Schwelle zum Jenseits, die er noch nicht überschritten hatte, und Regina, ganz die schöne, verzweifelte Ehefrau.
»Ihr Lieben!«, rief sie außer sich. »Wie sitzt mein Haar?«
Regina als Mutter hätte jeden in den Wahnsinn getrieben. Würde Nick der Anblick einer kranken Frau dermaßen abstoßen, dass es ihm unmöglich wäre, mich gesund zu pflegen ? Der Löwenanteil der Ekel-Arbeit würde auf ihn entfallen – Verbände wechseln, Katheter legen, meinen Urinbeutel in die Wanne entleeren und meinen Urin wie ein gutes altes Zimmermädchen entsorgen. »Ich gebe mein Bestes«, sagte er tapfer. »Aber das mit dem Urinbeutel ist echt beschissen. «
Und dann überraschte Nick uns beide. Er entpuppte sich als Naturtalent am Krankenbett. Knackig, kompetent, fast jovial kam er in mein Krankenzimmer gesegelt, öffnete Fenster, schüttelte Kissen auf, säuberte Schläuche. Er brachte Kaffee und zauberte ausgefallene Sandwichkreationen. Manchmal, wenn ich aufwachte, stand vor mir ein Tablett mit Erdnüssen, einem neuen Fläschchen bordeauxrotem Nagellack und einer Literaturzeitschrift. »Hier«, sagte er forsch und reichte mir einen vormittäglichen Gin Tonic. » Zeit für deine Pillen ! «
Meine beste Freundin Lola, die in jenem Sommer zufällig in den Staaten war, flog extra ein, um mir Gesellschaft zu leisten. Lola war genau die Selbsthilfegruppe, die ich brauchte, und ihr Timing war perfekt. Schlimm genug, dass Nick meinen Urin schwenken musste; ich wollte nicht, dass er mich auch noch badete und auf die Bettpfanne setzte. Nick und ich gehörten zu den Ehepaaren, die nicht nur getrennte Badezimmer bevorzugten, sondern am liebsten welche hätten, die sich an gegenüberliegenden Enden des Gebäudes befanden. Mit Lola dagegen hatte ich seit fünfunddreißig Jahren immer mal wieder das Bad geteilt, und deshalb war sie es, die mir während ihres Besuchs beim Duschen half. Ich war so schwach, dass ich mir nicht einmal selbst die Haare waschen konnte.
Doch Lola und ich sahen uns viel zu selten, seit sie mit einem Italiener verheiratet war, und trotz des Urinbeutels wollten wir aus den zwei Wochen, die wir miteinander verbrachten, unbedingt das Beste machen. Wir brannten darauf, shoppen zu gehen.
In Italien stehen die meisten Exil-Amerikaner vor einer Herausforderung, wenn es um Shopping geht. Erstens ist alles furchtbar überteuert. Zweitens ist in Italien nur zweimal im Jahr Ausverkauf. Drittens gibt es in Italien keine Kleidergrößen für Frauen mit großzügigen Opernsängerinnenpopos. Also wartet Lola immer mit dem Shopping, bis sie wieder in den Staaten ist, und in diesem Sommer konnten wir es trotz meiner postoperativen Gebrechlichkeit beide kaum erwarten, dem Outlet von Nordstrom einen Besuch abzustatten. Wir überlegten, wie sich ein Nachmittag bei Nordstrom in die Tat umsetzen ließe. »Lass uns den Urinbeutel einfach in einen bunten Stoffbeutel stecken, dann kannst du ihn wie eine Handtasche tragen«, schlug Lola vor.
» Aber man sieht doch den Schlauch, der unter meinem Rock herauskommt «, entgegnete ich. » Und was ist mit dem kleinen Problem, dass ich noch nicht laufen kann?«
»Du stützt dich einfach auf den Einkaufswagen«, erklärte Lola. »Der ist wie eine Gehhilfe, nur mit eingebautem Korb. Außerdem glaube ich nicht, dass dein Urinschlauch irgendwem auffällt. Er ist doch durchsichtig. «
»Aber es wandern ständig Urinblasen durch«, wandte ich skeptisch ein. »Sieh mal, jetzt zum Beispiel.« Während die Blase durch den Schlauch kroch, versuchte mein Kater Roscoe, sie zu fangen. »Hey, Blödmann«, schimpfte ich, »das ist kein Spielzeug. Das ist PIPI. Ich weiß nicht, Lola. Bin ich bereit, in aller Öffentlichkeit zu pinkeln ? «
»Hör zu«, sagte Lola, »geh einfach ganz offen damit um. Wie mit einer Behinderung, die du zu akzeptieren gelernt hast. ›Nicht ohne meinen Urinbeutel.‹ Dauernd kratzen und rubbeln Leute in aller Öffentlichkeit an ihrer Schuppenflechte herum. Oder denk an den Typen im Café neulich, der sich mit einer offenen Kopfwunde Frühstück bestellt hat: Waffeln und Schweinswürstchen und ein frisches, noch leicht blutiges Stück Schorf. Und was ist mit den ganzen jungen Müttern, die in aller Öffentlichkeit ihre Brüste rausholen und vor Gott und der Welt ihre Kinder stillen!«
»Stimmt«, sagte ich überzeugt. »Auch wenn sich alle vor der Kopfwunde geekelt haben, keiner hat was gegen Stillen in der Öffentlichkeit! Und wenn Frauen ihre riesigen milchigen Nippel zeigen dürfen, brauche ich mich wegen meines Urinschlauchs auch nicht zu schämen. «
»Zeig, was du hast!«, rief Lola.
Und so kam es, dass ich meinen Urinbeutel in eine türkisfarbene Lacktasche packte, um mit urinösem Eifer in aller Öffentlichkeit shoppen zu gehen. Die Mission war außerordentlich erfolgreich, bis auf die Tatsache, dass ich später auf die Klammer des Urinbeutels trat und den Beifahrersitz meines Wagens flutete. Lola spritzte stoisch den VW Käfer aus und argumentierte, die Säuberungsaktion sei ein geringer Preis für all die tollen Schnäppchen, die wir gemacht hätten. Und nur eine Woche später wurde ich von den Ärzten auf die Sorte Urinbeutel upgegradet, die man sich mit Klettband am Oberschenkel festmacht, wie ein schmutziges Geheimnis unter dem Rock. Ein halbes Semester lang habe ich damit unterrichtet. Und ich kann Ihnen sagen, wenn es draußen über dreißig Grad heiß ist, gibt es nichts, was einen so sehr an die eigene Sterblichkeit erinnert, wie ein dampfender Beutel mit heißem Urin, der einem am Oberschenkel klebt.
Doch ich freue mich, berichten zu können, dass ich mich von den Feuchtgebieten der Schläuche und Beutel vollständig erholt habe. Sechs Monate nach der Ausräum-OP war ich wieder im Fitnessstudio und trabte mit einem ganz neuen Gefühl von Dankbarkeit für meine inneren Rohrleitungen über das Laufband. Während ich früher meine wundersame Fähigkeit zu joggen, ohne mir dabei in die Hose zu machen, für selbstverständlich gehalten hatte, jubelte ich nun im Stillen meiner Blase zu: »Gut gemacht! Bleib am Ball, Süße! Fünf Kilometer noch! Das schaffst du!« Und beim Niesen dachte ich: Bravo! Du hast wahre Exzellenz erreicht, mein freundlicher kleiner Schließmuskel! Es dauerte ungefähr ein Jahr, bis ich aufhörte, bei jedem Toilettengang das Franziskus-Gebet anzustimmen.
Womit ich sagen will, dass ich angesichts der überraschenden Ereignisse im Jahr des Urinbeutels guten Gewissens davon ausging, ich sei für die nächsten Jahrzehnte vor gesundheitlichen Schäden und traumatischen Ereignissen gefeit.
Wie man sich täuschen kann.
Nick und ich waren vor Kurzem in eine kleine ländliche Gemeinde gezogen, etwa fünfundvierzig Autominuten von meinem Arbeitsplatz entfernt. Zwar verlängerte der Umzug meinen Arbeitsweg erheblich, doch Nick hatte die Leitung der psychiatrischen Station des örtlichen Krankenhauses übernommen und musste in der Nähe sein, um rund um die Uhr für Notfälle bereitzustehen. Mit seinem neuen Job war eine dicke Gehaltserhöhung einhergegangen. Und so kauften wir ein reizendes Haus am See, das ich mir allein nie hätte leisten können. Es war das erste Mal in unserer fünfzehnjährigen Ehe, dass ich auf Nicks finanziellen Beitrag angewiesen war. Bislang hatten wir in der Nähe meines Colleges in einem Fünfzigerjahre-Bungalow im Rancho-Stil gewohnt. An der Bude war jede Menge zu reparieren gewesen, aber dafür hatte ich die gesamte Hypothek und unsere gesamten Lebenshaltungskosten von meinem bescheidenen akademischen Gehalt bestreiten können. Nick, der sich eigentlich zum Künstler berufen fühlte, hatte es nie lange in einem Job ausgehalten, und wenn er mal etwas verdiente, gab er stets seiner Kunst den Vorrang. Ölfarben sind teuer.
Zwei Monate nach dem Umzug in das teure Anwesen am See verließ Nick mich wegen eines Kerls, den er bei Gay.com kennengelernt hatte.
Ich weiß nicht, warum es die Sache noch schlimmer machte, dass der Mann Bob hieß, aber es war so. Bob der Kerl. Von Gay.com. Es ist komisch, wie Sie, wenn Ihr Ehemann Sie wegen eines Kerls namens Bob verlässt, die Erinnerungen an den letzten Sommer zu revidieren beginnen. Die Rolle Ihres Ehemanns während der Höhen und Tiefen Ihrer Genesung erscheint rückblickend in einem ganz neuen Licht. Was Sie letztes Jahr für Zeichen der Zärtlichkeit gehalten hatten, schreiben Sie jetzt seinem schlechten Gewissen zu, sich heimlich mit Kerlen mit großen Schwengeln zu treffen. Was Sie einst als »Ich gebe dir Raum für dich und deine beste Freundin aus Italien « gedeutet hatten, heißt jetzt »flotter Dreier mit Ryan und Daren aus dem Fitnessclub«. Die Wahrheit tut weh, vor allem, wenn man so lange braucht, sie zu erkennen.

Über Rhoda Janzen

Biografie

Rhoda Janzen wuchs in Kalifornien als Tochter eines Pastors auf und arbeitet heute als Dozentin für Englisch und Kreatives Schreiben. Sie ist Autorin zahlreicher Gedichte, die in ihrem Band »Babel´s Stair« sowie in renommierten Fachzeitschriften und Zeitungen erschienen. Mit ihrem Roman »Fix und...

Pressestimmen

Brigitte

»Achtung: Dies ist keine Chick-Lit für Frauen über 40, sondern ein intelligenter autobiografischer Roman ... Liest sich außergewöhnlich lustig, dazu erfährt man eine Menge über Mennoniten. Die man nach der Lektüre nie mehr mit den Amish-People verwechseln wird.«

SZ-Magazin

»Rhoda Janzen hat Humor. So wie ihre mennonitische Mutter. Die ihr einen Mann andrehen will: ihren Cousin Waldemar.«

BEAUTY talk

»(…)eine ebenso komische wie warmherzige Bestandsaufnahme des Lebens.«

REVUE

»"Fix und Forty" ist nicht nur eine selbstironische Liebeserklärung an die Heimat, sondern auch ein witziges Buch über das Ende eines Traums, der eigentlich gar keiner war.«

news.at

»Rhoda Janzen erzählt ihre Geschichte mit einem schnörkelfreien Humor der stellenweise an David Sedaris erinnert. Ihre schrägen Erfahrungen (...) verbreiten dabei einen Charme, dem man sich als Leser kaum entziehen kann. [...] "Fix und Forty" ist alles andere als eine klassische Chick-Literatur.«

Buch-Magazin

»(...) humorvoll geschriebener, aber auch nachdenklich stimmender autobiografischer Roman.«

Emotion

»(...) eine Meisterleistung«

unterwegs - Magazin der Evangelisch-methodistischen Kirche

»Ein Buch mit sehr viel Situationskomik.«

Hellweger Anzeiger

»Amüsant mit eher unauffälligem Tiefgang.«

Entertainment Weekly

Ein brüllend komischer Blick auf Janzens Kindheit, Ehe und exzentrisches Familienleben.

Elizabeth Gilbert, Autorin von Eat, Pray, Love

Dieses Buch ist nicht nur klug und brillant, sondern auch unfassbar witzig. Es passiert mir selten, dass ich beim Lesen laut lachen muss, aber Rhoda Janzens einzigartiger, ehrlicher Ton und ihr scharfer Witz haben mich umgehauen. Dies ist die wunderschönste Geschichte, die ich seit Ewigkeiten gelesen habe.

Elizabeth Gilbert, Autorin von Eat, Pray, Love

Dieses Buch ist nicht nur klug und brillant, sondern auch unfassbar witzig. Es passiert mir selten, dass ich beim Lesen laut lachen muss, aber Rhoda Janzens einzigartiger, ehrlicher Ton und ihr scharfer Witz haben mich umgehauen. Dies ist die wunderschönste Geschichte, die ich seit Ewigkeiten gelesen habe.

Inhaltsangabe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Der Bräutigamvetter

2. Fühl mir auf den Zahn

3. Angst vor Moskitos

4. Verletzende Worte

5. Schrecken ohne Ende

6. Kartoffelsalat in der Hose

7. Das große Geschäft

8. Bewegtes Wasser

9. Wild Thing

10. Sie schallt, die Posaun’

11. Und das ist gut so!

12. Die Rosinenbombe

13. Der therapeutische Wert von Lavendel

Anhang: Leitfaden zur Geschichte der Mennoniten

Danksagungen

Kommentare zum Buch

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