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FeuerläuferFeuerläufer

Feuerläufer

Thriller

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Feuerläufer — Inhalt

Ein perfider Killer macht England unsicher, und Mark Heckenburg ist ihm dicht auf den Fersen. Die Ermittlungen führen den Detective in seine Heimat, die heruntergekommene Industriestadt Bradburn. Doch hier versteckt sich nicht nur der Mörder, ein Brandstifter fackelt Häuser und Menschen ab. Bald findet Heck heraus, dass zwischen den Bossen der Bradburner Unterwelt Krieg herrscht. Und er muss es nicht nur mit gleich zwei Killern aufnehmen, sondern auch mit seiner eigenen Vergangenheit …

 

Erschienen am 01.09.2017
Übersetzer: Bärbel Arnold, Velten Arnold
544 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30974-5
Erschienen am 01.08.2017
Übersetzer: Bärbel Arnold, Velten Arnold
480 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97527-8

Leseprobe zu »Feuerläufer«

1 Kapitel

Für die Sexshop-Inhaber Barrie und Les hatte Kundenpflege oberste Priorität.

Angesichts dessen, dass Pornografie längst als etwas ganz Normales galt, mochte manch einer diese Ansicht belächeln. Aber die Wahrheit war: Auch wenn die Leute so taten, als sei nichts dabei, Pornos zu konsumieren, redete man lieber nicht darüber. Und man war bestimmt nicht darauf erpicht, mit demjenigen, der einem das Zeug verkaufte, in irgendeiner Weise freundlichen Umgang zu pflegen. Man wollte einfach nur einkaufen und so schnell wie möglich wieder verschwinden, [...]

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1 Kapitel

Für die Sexshop-Inhaber Barrie und Les hatte Kundenpflege oberste Priorität.

Angesichts dessen, dass Pornografie längst als etwas ganz Normales galt, mochte manch einer diese Ansicht belächeln. Aber die Wahrheit war: Auch wenn die Leute so taten, als sei nichts dabei, Pornos zu konsumieren, redete man lieber nicht darüber. Und man war bestimmt nicht darauf erpicht, mit demjenigen, der einem das Zeug verkaufte, in irgendeiner Weise freundlichen Umgang zu pflegen. Man wollte einfach nur einkaufen und so schnell wie möglich wieder verschwinden, wobei das Erstandene anschließend zu Hause an einem geheimen Aufbewahrungsort verwahrt wurde, an dem es hoffentlich niemand jemals entdecken würde. Normalerweise würde kein Mensch auf die Idee kommen, dass ein freundlicher Umgang sich in so einer Art von Geschäft irgendwie auszahlen würde, doch Barrie und Les, die ihren Straßenecken-Sexshop Sadie’s Dungeon seit zwölf Jahren erfolgreich betrieben, sahen das überhaupt nicht so, vor allem Barrie nicht, und er war der Denker der beiden.

Barrie war davon überzeugt, dass es darauf ankam, den Sexshop-Besuch für die Kunden zu einem erfreulichen Erlebnis zu machen, damit sie gerne wiederkamen. Gerne – das war das Entscheidende. Klar, unterm Strich ging es darum, Qualitätsware anzubieten, aber dies hatte mit einem Lächeln auf den Lippen zu geschehen, und zugleich konnte man den einen oder anderen Scherz anbringen und sich dem Kunden gegenüber hilfsbereit zeigen. Wenn jemand um eine Information oder eine Empfehlung bat, versuchte man, dem Kunden zu helfen, und stand nicht einfach nur mit diesem gelangweilten, dumpfbackigen Ausdruck da, der in Großbritannien bei dienstleistendem Personal so häufig anzutreffen war.

Wenn man es so hielt, war es wahrscheinlicher, dass die Kunden erneut etwas im Sadie’s Dungeon kauften. Das zu verstehen war nicht besonders schwer. Und es funktionierte.

Selbst dieser Tage hatte der Kauf von pornografischem Schweinkram offenbar doch noch etwas Anrüchiges. Barrie und Les hatten schon alle möglichen Kunden in ihrem Laden gesehen, von abgerissenen, betrunkenen Radaubrüdern bis hin zu gut gekleideten Geschäftsmännern, doch alle hatten das Geschäft in der gleichen Weise betreten: mit etwas steifen Schultern, glänzenden Schweißperlen auf der Stirn und hin und her schießenden Blicken, als ob sie Angst hätten, ihrem Schwiegervater zu begegnen. Und ausnahmslos alle ließen sich nur zu gerne auf ein ihre Anspannung lösendes Schwätzchen mit den unerwartet freundlichen Typen hinter dem Tresen ein, allerdings erst, wenn ihre Ware in eine Tüte gepackt wurde. Es war beinahe so, als ob sie sehr erleichtert wären, das Ganze hinter sich gebracht zu haben. Als ob sie sich befreit genug fühlten, ein wenig zu plaudern und all die Scham, die sich in ihnen aufgestaut hatte, herauszulassen.

Für die Kunden war es wahrscheinlich auch eine Erleichterung, dass Sadie’s Dungeon so sauber und ordentlich war. Das alte Klischee, nach dem Sexshops von schmierigen, geilen Lüstlingen bevölkerte schmuddelige Läden mit verdreckten Schaufenstern und kaputter Leuchtreklame waren, die man vorzugsweise in Seitenstraßen antraf und in denen ausschließlich abgegriffene Pornoheftchen und Secondhandvideos angeboten wurden, die mit verdächtig klebrigen Fingerabdrücken übersät waren, gehörte der Vergangenheit an. Sadie’s Dungeon war ein sauberes, modernes Geschäft. Na gut, durch das Schaufenster konnte man nicht ins Innere blicken, und ein grelles Leuchtschild kündete davon, um was es sich bei dem Laden handelte, aber der Geschäftsraum hinter dem Vorhang aus herabbaumelnden Bändern im Eingang war geräumig, sauber und lichtdurchflutet. Es gab weder einen geschmacklosen Teppich, bei dessen bloßem Anblick einem schon übel wurde, noch wummernde Rockmusik oder eine psychedelische Lightshow. Noch wichtiger aber war vielleicht, dass Barrie und Les aus der Gegend stammten. Sie waren beide in Bradburn geboren und aufgewachsen. Bradburn war keine dieser für Lancashire typischen Kleinstädte, sondern eher eine weitläufige Ansiedlung auf einem ausgedehnten postindustriellen Brachland, doch selbst bei den Kunden, denen die beiden unbekannt waren, sorgte zumindest ihr Akzent, der verriet, dass sie aus der Gegend stammten, zusammen mit ihrem zuvorkommenden Auftreten für eine Atmosphäre der Vertrautheit und dafür, dass der Laden freundlich und ansprechend wirkte.

»Verdammte Scheiße!«, fluchte Les auf seinem Hocker hinter der Ladenkasse.

»Was ist los?«, fragte Barrie, der nur mit halbem Ohr hinhörte.

»Wieder keine Einnahmen, verdammt!«

»Ne?« Barrie war abgelenkt, da er gerade damit beschäftigt war, eine der Auslagen besser zu präsentieren.

Als sie Sadie’s Dungeon eröffnet hatten, waren die Umsätze zunächst hervorragend gewesen, doch seitdem war das Geschäft beständig schlechter geworden – vor allem dank des Internets und trotz der gewissenhaften Kundenpflege der beiden Inhaber.

»Mach dir nicht ins Hemd«, entgegnete Barrie, bewusst entspannt. »So schlecht stehen wir auch nicht da. Wir werden schon klarkommen.«

Obwohl Les diesen leichtfertigen Optimismus nicht teilte, neigte er dazu, auf Barrie zu hören, der zweifellos das Hirn hinter Sadie’s Dungeon und in Les’ Augen ein sehr helles Köpfchen war.

»Sonja, wir schließen gleich!«, rief Les in den Flur, der sich hinter dem Tresen befand.

»Okay, ich ziehe mich an«, erwiderte eine weibliche Stimme.

In dem Moment klingelte die Türglocke, und die Eingangstür ging auf. Die Brise brachte die Bänder zum Flattern, im gleichen Moment kam eine massige Gestalt rückwärts in den Laden gestapft, die etwas Schweres hinter sich herzuschleppen schien.

Les, der gerade DVDs wieder richtig in das entsprechende Regal einsortierte, drehte sich um. »Entschuldigung, der Herr – wir schließen gerade!«

Der Kunde blieb stehen, drehte sich jedoch nicht um. Stattdessen bückte er sich ein wenig vor, als sei das, was er hinter sich herwuchtete, nicht nur schwer, sondern zugleich sperrig. Sie sahen, dass er unter seinem silberfarbenen Mantel stahlbeschlagene Stiefel und eine weite, unförmige Hose aus dickem, dunklem Material trug.

»Wir haben geschlossen«, stellte Barrie klar und ging den rechten Gang entlang in Richtung Eingang.

Im Gegensatz zu Les, der klein, untersetzt und kahl geschoren war, brachte es Barrie mit seinen eins zweiundneunzig auf eine stattliche Größe, die er auch einzusetzen wusste. Mit seinem dichten dunklen Haarschopf sah er außerdem recht gut aus.

»Entschuldigen Sie! He, Mann!«

Die Gestalt kam ganz in den Laden hinein, die Tür hinter ihr war von irgendetwas blockiert und nach wie vor offen. Als sie sich aufrichtete, sahen sie, dass sie einen Motorradhelm trug.

»Scheiße!« Les riss eine Schublade auf und nahm einen selbst gebauten Totschläger heraus, ein Stück mit Stoff umwickeltes Eisenkabel.

Barrie hätte ebenfalls gewaltbereit reagieren können, doch in dem Augenblick drehte die Gestalt sich um, und ihr Anblick ließ ihn erstarren. Er wusste nicht, was ihn mehr bannte, das lange, golden getönte Schweißerschutzvisier, das vorne an dem Helm des Eindringlings angenietet worden war und dessen Gesicht völlig verbarg, oder die auf ihn gerichtete kohlrabenschwarze Stahldüse, an der ein Gummischlauch befestigt war, der sich um den Körper des Kerls schlängelte zu einem hinter ihm befindlichen, auf eine Sackkarre geschnallten Benzinkanister.

Les schrie heiser und riss die Klappe in dem Tresen hoch, doch es war zu spät.

Ein behandschuhter Finger drückte einen Hebel herunter, woraufhin eine Flamme aus der Düse schoss und Barrie von Kopf bis Fuß erfasste. Während er schreiend und brennend rückwärtstaumelte, erlosch die Flamme an der Düse abrupt und hinterließ eine ölschwarze wabernde Rauchwolke. Der Eindringling rückte weiter vor und schoss einen weiteren Feuerstrahl ab. Die Stichflamme dehnte sich im ganzen Laden aus wie ein Ballon, breitete sich nach links und rechts aus, als der Eindringling sich zu den Seiten umwandte, und erfasste alles in ihrem Weg. Les schleuderte seinen Totschläger, der den Eindringling jedoch verfehlte, und stürmte durch den hinteren Bereich des Ladens zum Notausgang. Doch der Angreifer folgte ihm mit auf ihn gerichteter Düse und schoss einen erneuten Feuerschwall ab, der Les komplett erfasste, während er hilflos an der Druckstange des Notausgangs herumhantierte.

Die abgehängte Decke krachte herunter, die sich verbiegenden Platten enthüllten zischende Rohre und Funken sprühende Stromleitungen. Doch der Eindringling hielt die Stellung, eine ausdruckslose, felsartige Horrorerscheinung, massig, mit goldenem Gesicht, in seinem Schutzanzug vor den herabregnenden Trümmern und der Hitze und den Flammen geschützt. Er drehte sich langsam und systematisch zu allen Seiten um, stieß weitere Stichflammen brennenden Benzins aus und badete alles, was er sah, in Feuer, bis das Inferno von einer Wand bis zur anderen tobte und der Laden sich in eine lodernde Hölle verwandelt hatte. Die tosenden Flammen übertönten sogar die Schreie der beiden Ladeninhaber, die im Zentrum des Infernos umhertaumelten und zusammensackten wie zwei schmelzende menschliche Kerzen.

2 Kapitel

Das Fairfax House befand sich nicht gerade im vornehmsten Viertel Peckhams. Fairerweise muss gesagt werden, dass diese ganze Gegend South Londons einst für ihre trostlosen Hochhäuser, ihr labyrinthartiges Gassengewirr und ihre hohe Kriminalitätsrate bekannt gewesen war. Doch dies hatte sich geändert. Die Gegend blickte, so die öffentliche Meinung, »in die Zukunft«, davon zeugten diverse Modernisierungsprojekte, die angeschoben worden waren. Doch es gab immer noch einige Ecken, über die die Zeit hinweggegangen war.

Zum Beispiel die Sozialwohnungssiedlung Fairfax, in deren Mitte sich das Fairfax House befand.

Der zwölfstöckige Wohnblock, der im wahrsten Sinne des Wortes ein Sinnbild städtischen Verfalls darstellte, erhob sich inmitten eines Gewirrs mit Scherben übersäter Brachflächen und dunkler Unterführungen. Die Boulevardpresse hatte einstmals groß über die bedrohlichen Gangs berichtet, die sich gerne in dieser Gegend herumtrieben, oder über die einsamen Gestalten, die nach Einbruch der Dunkelheit in den Ecken herumlungerten und es darauf abgesehen hatten, einen auszurauben oder einem Gras zu verkaufen oder vielleicht auch beides. Aber noch trauriger war die Hoffnungslosigkeit, die alles überstrahlte. Wer es irgendwie vermeiden konnte, lebte nicht in diesem Viertel, besuchte es nicht einmal. Ganze Wohnblocks waren nur noch leere, mit Brettern vernagelte Ruinen, die auf ihren Abriss warteten.

Zumindest dem Fairfax House war diese Demütigung bisher erspart geblieben. Inzwischen hatte sich die Dunkelheit herabgesenkt, und hinter der schäbigen Fassade brannten vereinzelte Lichter, die von der Anwesenheit einiger Bewohner kündeten. Auf der mit Müll übersäten Sackgasse vor dem Wohnklotz parkten einige Autos, auf einer Grasfläche in der Nähe gab es sogar einen kleinen Spielplatz mit einer Sandgrube und zwei Schaukeln, der von den Bewohnern umzäunt worden war, um ihn von Kondomen und Crackphiolen frei zu halten. Doch trotz alledem war dies kein Ort, an dem man erwarten würde, John Sagan anzutreffen.

Als Krimineller, der bestens verdiente – so hieß es zumindest –, legte Sagan höchsten Wert auf Anonymität. Er gehörte keiner Bande und keinem Syndikat an und war das Urbild eines Einzelgängers. Soweit die Informationsbeschaffungseinheit der örtlichen Polizei wusste, war er nicht verheiratet. Er hatte nicht mal eine feste Freundin oder einen männlichen Partner. Er arbeitete tagsüber als Büroangestellter und schien als solcher einen ganz normalen Nine-to-five-Job zu haben. Das war wahrscheinlich der Hauptgrund dafür, dass er so lange unter dem Polizeiradar geflogen war. Doch ungeachtet dessen hatte er sich einen ziemlich verkommenen Unterschlupf ausgesucht, um sich zu vergraben. Kein Normalbürger würde diesem Ort irgendetwas abgewinnen können. Doch andererseits war an John Sagan im Gegensatz zu seiner äußeren Erscheinung nichts normal. Zumindest nicht, wenn man die detaillierte Aussage zugrunde legte, die Heck vor Kurzem von einer gewissen Penny Flint aufgenommen hatte, einer in der Gegend anschaffenden Straßenhure, die auf seiner Informantenliste stand.

Heck, wie seine Kollegen ihn nannten – sein kompletter Name samt Titel lautete Detective Sergeant Mark Heckenburg –, hatte sich momentan selbst im Fairfax House niedergelassen, wobei das in seinem Fall hieß, dass er sich im dritten Stock im unteren Bereich eines über zwei Ebenen verlaufenden Flurs auf einem feuchten, schlecht gefederten Sofa fläzte. Unmittelbar vor ihm befand sich die angelaufene Metalltür eines Aufzugs, der schon so lange nicht mehr funktionierte, dass sogar das »Außer Betrieb«-Schild abgefallen war. Zu seiner Rechten lag eine zweiflügelige Brandschutztür, deren Fenster so schmutzig waren, dass man kaum hindurchsehen konnte. Hinter der Tür lag das Haupttreppenhaus des Gebäudes. Es war ein kalter, feuchter Platz, der zudem nur schwach beleuchtet war, da die meisten Glühbirnen auf dem Flur in diesem Stockwerk rausgedreht worden waren.

Heck hatte den größten Teil des Nachmittags in dieser Position verbracht und trug nur einen zusammengeflickten Pullover, eine schmuddelige Jeans, eine völlig abgetragene Bomberjacke und eine Wollmütze, um sich vor der Märzkälte zu schützen. Seine Handschuhe waren fingerlos, in seinen zerschlissenen Turnschuhen, die keine Spitzen mehr hatten, trug er keine Socken. Für den Fall, dass all dies nicht ausreichte, um den Eindruck eines hoffnungslos verlorenen Säufers zu erwecken, hatte er sich seit einer Woche nicht rasiert und sich schon seit ein paar Tagen nicht mehr gekämmt. Aus seiner Jacke lugte eine halb volle Flasche heraus, deren Inhalt lila gefärbt war, damit es aussah wie billiger Fusel.

Bisher hatte die Verkleidung ihren Zweck erfüllt. Im Laufe des Tages waren einige der ausgemergelten Gestalten, die in dem Gebäude hausten, gekommen und wieder gegangen und hatten ihn keines zweiten Blickes gewürdigt. Doch John Sagan war nicht aufgetaucht. Das wusste Heck, weil er den Flur von seinem Sofa aus gut im Blick hatte, und die Tür zur Wohnung Nummer 36, die sich auf der rechten Seite befand und in der Sagan wohnte, hatte sich nicht geöffnet, seitdem Heck zur Mittagszeit seinen Dienst angetreten hatte. Das Team wusste, dass er zu Hause war – Beamte der vorherigen Schicht waren unauffällig an der Tür vorbeigegangen und hatten ihn drinnen herumrumoren gehört. Aber noch hatte er sich nicht blicken lassen.

Heck war sicher, dass er den Kerl erkennen würde. Er hatte die Fotos gründlich studiert. Vom Aussehen her glich Sagan jedem dahergelaufenen Otto Normalverbraucher: Er war Mitte vierzig, eins zweiundsiebzig groß, weder besonders dick noch auffallend dünn, hatte ein rundes Gesicht und schütter werdendes, kurz geschorenes blondes Haar. Normalerweise trug er eine goldgeränderte Brille mit runden Gläsern, doch darüber hinaus wies er keine besonderen Merkmale auf. Er hatte weder Tätowierungen noch Narben. Und doch war es paradoxerweise ausgerechnet sein Bemühen, so alltäglich wie nur irgend möglich zu wirken, was ihn wahrscheinlich am ehesten auffallen ließ. Um wie der Angestellte auszusehen, der er während eines Teils des Tages tatsächlich war, trug er gerne Anzüge, Hemden, Krawatten und Lederschuhe. Und genau dies war keinesfalls die Kleidung, in der die Leute in dieser Gegend herumliefen. Ganz und gar nicht.

Und auch dies war nur einer der vielen Widersprüche, die den eigenartigen Charakter John Sagans kennzeichneten.

Wer zum Beispiel wäre darauf gekommen, dass sein wahrer Beruf Auftragsfolterer war? Wer hätte von seinem äußeren Erscheinungsbild darauf geschlossen, dass er ein grausamer Sadist war, der seine Künste denjenigen Unterweltgestalten feilbot, die am meisten zahlten, und der seine nicht mit Worten zu beschreibenden Fertigkeiten im ganzen Land zur Anwendung brachte?

Heck hätte es selbst nicht geglaubt – zumal man im Dezernat für Serienverbrechen noch nie etwas über John Sagan gehört hatte –, wenn die Information nicht von Penny Flint gestammt hätte, einer seiner vertrauenswürdigeren Informantinnen. Sie hatte ihm sogar erzählt, dass Sagan einen speziell ausgestatteten, von ihm »Quälbox« genannten Wohnwagen besaß, den er jedes Mal, wenn er einen Auftrag erledigte, mitnahm. Offenbar handelte es sich um eine mobile Folterkammer, die mit allen nur erdenklichen Utensilien ausgestattet war, von Schraubzwingen, Handschellen, mehrsträngigen Peitschen über Zangen, Bohrer, chirurgische Sägen und Elektroden bis hin zu Messern, Nadeln und speziell bei männlichen Opfern zum Einsatz kommenden Nussknackern. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen und das Entsetzen der in dieser Horrorkammer gefangenen Opfer noch zu steigern, waren die Innenwände rundum mit getrockneten Blutflecken übersät, die Sagan mit Absicht nie wegwischte.

Penny Flint wusste dies alles, weil sie vor Kurzem selbst eine Tortur in der Quälbox überlebt hatte, nachdem sie irgendein hohes Tier der Unterwelt beleidigt hatte – sofern man es als überleben bezeichnen konnte. Als Heck sie in ihrer Wohnung in Lewisham aufgesucht hatte, war sie an Krücken gehumpelt und ausgesehen hatte, als ob sie um dreißig Jahre gealtert wäre. Sie hatte ihm berichtet, dass es in den Regalen der Quälbox sogar medizinische Lehrbücher gab, in denen Sagan nachschlagen konnte, um seinen Opfern maximales Leid zufügen zu können. Ihrer Aussage zufolge befand sich in der Mitte der Folterkammer ein horizontal im Boden verankertes, x-förmiges Kreuz, an dem die Opfer mit Gürteln und Riemen festgeschnallt wurden. Jede Foltersitzung wurde gefilmt und auf an der Decke über dem Kreuz angebrachte Monitore übertragen, sodass die Opfer gezwungen waren, live in allen Einzelheiten mitzuverfolgen, wie sie gequält wurden.

Während er auf dem ziemlich verwahrlosten Flur wartete und sich einen weiteren Schluck von seinem »Brennspiritus« genehmigte, rief Heck sich in Erinnerung, wie die Kollegen im Dezernat für Serienverbrechen anfangs reagiert hatten, als er ihnen zum ersten Mal von der Sache berichtete. Streng genommen fiel ein Folterer, der in der Unterwelt jedem, der ihn bezahlte, seine Dienste anbot, nicht zwingend in den üblichen Aufgabenbereich des Dezernats für Serienverbrechen, doch allein der Himmel wusste, wie viele Menschen der Kerl verstümmelt und ermordet hatte. Der Fall war viel zu reizvoll, um ihn einfach an eine andere Abteilung zu übergeben. Trotzdem waren verständliche Zweifel geäußert worden.

»Warum haben wir noch nie etwas über diesen Kerl gehört?«, hatte Detective Shawna McCluskey gefragt.

Shawna war immer zynischer und streitlustiger geworden, je länger sie im Dezernat für Serienverbrechen arbeitete. Dieser Tage nahm sie nichts mehr sofort für bare Münze, aber die Frage war durchaus berechtigt. Heck hatte Penny Flint die gleiche Frage gestellt, als er sie aufgesucht hatte. Ihre erste Erklärung – dass Sagan ein absoluter Profi sei und die Opfer, für deren Ermordung er angeheuert wurde, spurlos verschwinden lasse – war so weit nachvollziehbar gewesen. Doch die zweite war weniger nachvollziehbar, nämlich dass er vor allem Unterweltgestalten bestrafe, die ihre Bosse betrogen oder hintergangen hatten; er foltere sie und lasse sie anschließend wieder frei, aber sie seien nicht gewillt, über das, was sie erlebt hatten, zu reden. Der mythenumwobene Schweigekodex war in der Unterwelt nicht so weit verbreitet wie allgemein angenommen, Penny Flint selbst war der lebende Beweis dafür. Heck gegenüber sagte sie aus, sie habe zunächst keine Ahnung gehabt, um wen es sich bei Sagan handelte, und hatte ihn einfach nur für einen normalen Freier gehalten. Sie war freiwillig mit ihm gegangen, um ihm sexuelle Dienste zu erweisen. Zumindest hatte sie das gedacht. Als sie zu seinem Wohnwagen gekommen waren, der in einer unscheinbaren Seitenstraße in Lewisham gestanden hatte, hatte sie keine Ahnung gehabt, was sich in dessen Innerem befand.

Wenn Sagan ihr lediglich eine Tracht Prügel verabreicht hätte, hätte sie es vielleicht als eine gerechtfertigte Bestrafung für eine törichte Überschreitung ihrerseits akzeptiert, aber Sagan war ein durch und durch akribischer Peiniger. In ihrem Fall hatte er sie bewusst sexuell gequält und verletzt, wie ihr klar geworden war, nachdem die Wirkung des Chloroforms nachgelassen hatte und sie gefesselt und hilflos aus der Betäubung erwacht war. Dahinter stand nicht nur die Absicht, ihr sehr wehzutun, und zwar so, dass sie noch lange etwas davon spüren würde, sondern er wollte sie auch jeglicher Möglichkeit berauben, weiter Geld zu verdienen. Und das war zu viel für sie gewesen, um es einfach so hinzunehmen.

»Warum gibt Flint uns den Hinweis?«, hatte Detective Superintendent Gemma Piper, die Leiterin des Dezernats für Serienverbrechen, gefragt. »Was hat sie davon?«

»Ich denke, in diesem Fall ist es etwas Persönliches«, hatte Heck erwidert.

»Das reicht nicht, Heck. Wir brauchen es ein bisschen genauer.«

»Na ja, was die Details anging, war sie nicht übermäßig mitteilsam, aber sie hat ein Kind. Ein Baby, nicht mal ein Jahr alt.«

»Ist ja super!«, hatte sich Detective Gary Quinnell zu Wort gemeldet. Der kräftige Waliser und regelmäßige Kirchgänger war dafür bekannt, trotz seines christlichen Hintergrunds nicht gerade zimperlich zu sein, wenn es um den Gesetzesvollzug ging, und gelegentlich langte er durchaus mal hart zu. »Weiß Gott, was für ein Leben dem armen, kleinen Ding bevorsteht.«

»Als Erstes dürfte es Bekanntschaft mit einer karitativen Essensausgabe machen«, hatte Heck entgegnet. »Denn so, wie Penny zugerichtet ist, wird sie ihre Dienste nicht so bald wieder auf der Straße anbieten können. Es sei denn, sie findet irgendwelche Freier, die darauf stehen, es mit einem Krüppel zu treiben.«

Gemma hatte mit den Schultern gezuckt. »Also, sie hat ein Kind, und nun hat sie ihren Job verloren. Ein perfektes Timing. Aber inwiefern hilft es ihr weiter, John Sagan zu verpfeifen?«

»Gar nicht. Aber Penny ist nicht der Typ Frau, der sich kampflos geschlagen gibt. Sie hat mir gesagt, dass sie, wenn sie nicht mehr auf den Strich gehen kann, zumindest dafür sorgen will, dass dieses Arschloch ebenfalls aus dem Verkehr gezogen wird.«

»Also geht es einzig und allein um Rache?« Gemma hatte immer noch skeptisch geklungen.

»Penny ist eine Frau, die stark von ihren Gefühlen geleitet wird. Ich würde sie nicht auf dem falschen Fuß erwischen wollen.«

Es war nicht viel gewesen, aber immerhin genug, um loslegen zu können. Heck hatte andere Spitzel nach Informationen über Sagan angezapft, doch keiner von ihnen war willens gewesen, etwas preiszugeben. Zumindest nicht so viel wie Penny Flint. Sie hatte ihnen eine Beschreibung des Verdächtigen geliefert, ihnen verraten, wo er wohnte und arbeitete, und noch einiges mehr. Das Einzige, was sie ihnen nicht hatte bieten können, war der zur Folterkammer umgebaute Wohnwagen, den er vermutlich irgendwo in South London in einer Garage untergestellt hatte, doch wo er sich tatsächlich befand, war sein bestgehütetes Geheimnis. Sie hatten intensiv gesucht, doch das einzige auf ihn zugelassene Fahrzeug, das sie gefunden hatten, war ein klappriger alter Nissan Primera, den er seit 2005 besaß und der vor dem Fairfax House parkte. Dass Penny Flint sich das Kennzeichen des Wohnwagens nicht gemerkt hatte, war natürlich bedauerlich. Es war spätabends gewesen, als Sagan sie zu dem Wohnwagen gebracht hatte, und da sie nicht gewusst hatte, was passieren würde, hatte sie auf derartige Details nicht geachtet.

Dies war durchaus kein geringes Problem. Selbst die medizinischen Befunde, die bewiesen, dass Penny das Opfer schwerster Körperverletzungen geworden war, waren für sich genommen nutzlos. Und zwar zum einen, weil es keinen physischen Beweis gab, der diese Tat mit John Sagan in Verbindung brachte, und zum anderen – was noch wichtiger war –, weil Penny großen Wert auf ihren Status als bezahlte Informantin der Polizei legte und nicht gewillt war, als Zeugin in Erscheinung zu treten. Und schon gar nicht öffentlich vor Gericht. Das Beste, was sie in diesem Fall machen konnten, war, so zu tun, als würden sie auf einen anonymen Hinweis reagieren, den Wohnwagen, wenn sie ihn denn fänden, nach etwaigen Utensilien zu durchsuchen, die dazu bestimmt waren, in krimineller Absicht eingesetzt zu werden, und dabei »zufällig« die zahlreichen Blutflecken im Inneren des Wohnwagens zu entdecken, die die Forensiker anschließend hoffentlich mit einer Reihe zurückliegender Verbrechen in Verbindung bringen könnten. In dem Fall wäre es egal, dass Penny nicht gewillt war, als Zeugin in Erscheinung zu treten.

»Wir brauchen diesen Wohnwagen«, hatte Gemma mit Nachdruck klargestellt. »Wir könnten seine Bude durchsuchen, aber was sollte dabei schon herauskommen? Wenn er so ein Profi ist, wie Flint behauptet, wird er alles, was ihn belasten könnte, in seiner sogenannten Quälbox aufbewahren.«

Was Sagan selbst anging, war es höchst mysteriös, wie unbescholten er zu sein schien. Dass er keine Vorstrafen hatte, war eine Sache, aber auch seine Ausbildung und sein beruflicher Werdegang sowie seine finanziellen Umstände waren makellos. Der Kerl schien ein völlig ereignisloses Leben zu führen, was bei jemandem, der in Gewaltverbrechen verwickelt war, eigentlich nie der Fall war.

»Wir haben es hier mit einem wahren Dr.-Jekyll-und-Mr.-Hyde-Charakter zu tun«, hatte Heck erwidert. »Nach außen hin bietet er eine Fassade der Seriosität, aber tief im Innern – sehr tief im Innern – ist er völlig entartet.«

»Vergleiche mit irgendwelchen Geschichten führen uns nicht weiter«, hatte Gemma entgegnet. »Wir brauchen nach wie vor diesen Wohnwagen.«

Die Bevölkerung konnten sie aus naheliegenden Gründen bei der Suche nicht um Mithilfe bitten, aber ansonsten hatten sie alles in ihrer Macht Stehende getan, um die Quälbox ausfindig zu machen, jedoch bisher ohne Erfolg. Als Heck Penny Flint dann ein zweites Mal aufgesucht hatte, diesmal in Begleitung von Gemma, hatte die Prostituierte selbst einen Vorschlag gemacht.

»Ich könnte die Gangster hier in der Gegend ja noch mal gegen mich aufbringen«, hatte sie gesagt. »Dann lassen sie ihn wieder auf mich los, damit er mir noch eine Lektion erteilt, und dann könnt ihr ihn schnappen.«

»Wovon reden Sie?«, hatte Heck gefragt.

»Mein Gott, die Sache ist doch ganz einfach. Als er das letzte Mal mit mir fertig war, war ich zwar halb tot, aber noch ausreichend bei Bewusstsein, um seine Drohungen mitzubekommen. ›Wenn ich dich mir noch mal vorknöpfen muss, wird es nicht so glimpflich ausgehen‹, hat er gesagt. Und er hat es ernst gemeint, darauf können Sie Gift nehmen.«

»Wer hat ihn dafür bezahlt, Ihnen das anzutun?«, hatte Gemma gefragt.

»Sie sind wohl verrückt«, hatte Penny sie angefahren. »Das binde ich Ihnen nicht auf die Nase.«

»Na schön, keine Namen. Aber womit haben Sie sie verärgert?«

»Jetzt aber mal halblang, Miss Piper!«

»He!« Gemmas Stimme hatte die wohlbekannte Peitschenknall-Tonlage angenommen. »Wir sind nicht hier, um nach Ihrer Nase zu tanzen. Unser Job ist es, dem Gesetz Geltung zu verschaffen. Und das können wir nicht, wenn wir uns im Blindflug befinden. Im Moment wissen wir nicht mal genau, wer Sie sind, und über John Sagan wissen wir erst recht nichts. Also helfen Sie uns auf die Sprünge.«

Penny hatte Heck angesehen. »Sie haben mir versprochen, dass ich straffrei ausgehe, wenn ich Ihnen bei dieser Sache helfe …«

Heck hatte mit den Achseln gezuckt. »Sofern Sie nicht etwas sehr Schlimmes ausgefressen haben, sind wir nur an Sagan interessiert.«

»Na schön.« Sie hatte gezögert. »Ich hab nur ein bisschen die Lieferantin gespielt.«

»Für was?«, hatte Gemma nachgehakt. »Drogen? Drogengeld?«

»Von beidem ein bisschen. Sie wissen doch, wie es in diesem Geschäft läuft.«

»Und lassen Sie mich raten: Sie haben was abgezweigt?«

»Was denn sonst?« Pennys Wangen erröteten. »Sie gucken mich ja an, als ob ich ’ne Kriminelle wäre.«

Keiner der beiden Polizisten hatte etwas dazu gesagt, aber auch ohne Kommentar war ihr die Absurdität ihrer Bemerkung bewusst geworden.

»Nun kommen Sie mir bloß nicht auf diese Tour, Heck. Sehen Sie sich doch an, in welchem Zustand ich bin. Ich bin über vierzig. Selbst bevor dieser Scheißkerl Sagan mir den Arsch und die Möse ramponiert hat, war mein Verfallsdatum nicht mehr allzu weit entfernt. Aber egal – ich dachte, ich wäre vorsichtig gewesen. Dass niemand merkt, dass ich mir ein bisschen was abzweige, aber sie haben es doch spitzgekriegt. Und den Rest der Geschichte kennen Sie ja.«

»Und Sie glauben im Ernst, diese Leute würden Ihnen diesen Job noch mal anvertrauen?«, hatte Heck gefragt.

»Natürlich.« Die Frage schien sie überrascht zu haben. »Sagan ist ein Furcht einflößender Kerl. Sie werden absolut sicher sein, dass ich meine Lektion gelernt habe.«

»Und Sie schlagen vor, sie noch mal auf genau die gleiche Weise zu hintergehen?«, hatte Gemma gefragt. »Obwohl Sie am eigenen Leib erfahren haben, was dabei herauskommt?«

»Mit dem Unterschied, dass Sie Sagan diesmal im Nacken sitzen werden. Sobald er den Wohnwagen aus seinem Versteck holt, können Sie ihn sich schnappen.«

Ihr Mut hatte Heck und Gemma beeindruckt – genau genommen hatte er sie im Stillen erschreckt. Heck hatte sie gefragt, ob ihr Wunsch nach Rache über ihren gesunden Menschenverstand gesiegt habe, doch als Antwort hatte sie nur mit den Schultern gezuckt.

»Heck … Wir wollen beide, dass der Kerl hinter Gittern verschwindet. Und die einzige Möglichkeit, wie ihr Gesetzeshüter das bewerkstelligen könnt, ist, ihn mit seiner Quälbox auf frischer Tat zu ertappen. Jedenfalls ist es der schnellste und naheliegendste Weg, ihm das Handwerk zu legen.«

»Miss Flint«, hatte Gemma gesagt. »Dieses Mal könnten Sie den Bogen überspannen. Möglicherweise verpasst er Ihnen einfach eine Kugel in den Kopf.«

»Nein. Die Bande, von der ich rede, steht darauf, eine Show abzuziehen. Und davon abgesehen … Quälbox oder eine Kugel – was spielt das schon für eine Rolle? Sie werden ihn ja schnappen, bevor er mir was antun kann.«

Es hatte zunächst nach einem einfachen Plan geklungen, aber natürlich gab es Dinge, die das Ganze verkomplizierten. Selbst wenn Penny Flint bereit gewesen wäre, als Zeugin vor Gericht auszusagen, hätte ihr Eingeständnis, eine große Nummer der Unterwelt bestohlen zu haben, sie als eine unglaubwürdige Zeugin erscheinen lassen. Darüber hinaus könnte die Umsetzung des Plans es der Verteidigung sogar ermöglichen, die Polizei der Anstiftung zu bezichtigen, da sie Penny Flint ermuntert hatte, erneut zu stehlen. Umso wichtiger war es, dass das Team sein Interesse an Sagan auf einen anonymen Tipp zurückführte, sich einzig und allein auf die Beweise berief, die es im Inneren der Quälbox fand, und Penny Flint ganz aus der Sache heraushielt. Doch ungeachtet dessen war das Risiko, eine Zivilistin als Köder einzusetzen, ungeheuer hoch. Seitdem die Operation vor vier Tagen angelaufen war, hatte Gemma Pennys Wohnung rund um die Uhr unter Bewachung stellen lassen – natürlich verdeckt, was das Ganze noch aufwendiger machte.

Das Gleiche galt für den Beobachtungsposten vor Sagans Wohnung.

Abgesehen davon, dass Heck sich auf diesem schäbigen alten Sofa herumlümmelte und so tat, als wäre er betrunken, hatte er acht Stunden lang hinter einem Fenster des verlassenen Flachbaus auf der anderen Seite der Sackgasse gestanden und einen halben Tag hinten in einem ramponierten alten Lieferwagen verbracht, der direkt neben Sagans Nissan Primera geparkt worden war. Andere Detectives des Beobachtungsteams hatten stundenlang so getan, als würden sie einen in der gleichen Straße abgestellten, angeblich kaputten Lastwagen reparieren, während ein weiteres Mitglied des Teams – ausgerechnet der eins neunzig große Gary Quinnell – sich eine neonfarbene Weste übergezogen hatte, die ihn als einen Mitarbeiter der Stadtwerke auswies, und Rinnsteine fegte und Müll aufsammelte. All den Beobachtungsstandorten war eines gemein: die feuchtklamme Nässe, die Kälte, die seelentötende Trostlosigkeit dieses Ortes und dieser schaurige Hauch von Verfall, der heruntergekommene Gebäude immer zu umwehen schien. Das Wort »unbehaglich« traf es nicht, und das, womit sie zu kämpfen hatten, ließ sich auch nicht mit dem Wort »Langeweile« zusammenfassen. Selbst die unterschwellige Angespanntheit angesichts der Tatsache, dass sie jeden Augenblick gefordert sein konnten und in Aktion treten mussten – wobei diese Angespanntheit noch intensiver war als üblich, da alle Beamten bewaffnet waren –, war nach und nach verblasst, als die Minuten zu Stunden und die Stunden schließlich zu Tagen geworden waren.

Heck verlagerte seine Position, wobei er, für den Fall, dass ihn jemand beobachtete, darauf achtete, sich schwerfällig und unbeholfen zu geben. Er rückte seine Glock unter seiner rechten Achselhöhle zurecht. Es war kein vertrautes Gefühl. Zwar mussten alle Detectives des Dezernats für Serienverbrechen die Befugnis zum Tragen von Waffen haben und sich im Hinblick auf den Umgang mit ihnen regelmäßigen Tests unterziehen, doch er für seinen Teil hatte im Dienst nur selten eine Pistole dabei. In diesem Fall handelte es sich jedoch um eine ungewöhnliche Operation mit offenem Ende, bei der nicht einmal sicher war, dass dabei irgendetwas herauskommen würde. Gemma hatte aufgrund des Rufs Sagans, ein Killer zu sein, aus reinen Selbstverteidigungszwecken darauf bestanden, dass alle Teilnehmer der Operation bewaffnet waren – wobei auch in dieser Hinsicht keine Gewissheit darüber herrschte, dass er diesen Ruf tatsächlich verdiente.

Und dieses Fehlen von Gewissheit in jeder Hinsicht war das eigentliche Problem.

Gemma würde für diese Observation auf keinen Fall unbegrenzt lange so viel Personal des Dezernats für Serienverbrechen einsetzen können. An diesem Tag war sie höchstpersönlich am Schauplatz des Geschehens zugegen. Sie war am frühen Nachmittag eingetroffen und saß irgendwo in der Nähe in einem nicht gekennzeichneten Auto, aus dem die Operation geleitet wurde. Das musste nicht unbedingt ein gutes Zeichen sein. Es konnte sein, dass sie sich nur deshalb persönlich an den Ort des Geschehens begeben hatte, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was los war, vielleicht sogar mit der Absicht, die ganze Aktion abzublasen. Andererseits konnte die Tatsache, dass Sagan sich den ganzen Tag noch nicht hatte blicken lassen – bisher war er seit Beginn der Observation jeden Tag ganz normal zur Arbeit gegangen –, bedeuten, dass irgendetwas im Gange war. Sie wussten, dass sein offizieller Job für ihn nur ein Teilzeitjob war, deshalb war es durchaus möglich, dass er seinen sonstigen Aktivitäten nur an den Tagen nachging, an denen er freihatte, um den Schein der Normalität zu wahren.

Heck biss sich auf die Lippe, während er darüber nachdachte.

Penny Flint hatte vor gut vier Tagen wieder etwas von den Einnahmen ihrer Auftraggeber abgezweigt. Die Vergeltung konnte jederzeit kommen, doch wenn Sagan tatsächlich ein Profi war, würde er sich nicht zu einer Kurzschlussreaktion hinreißen lassen. Er würde dann zuschlagen, wenn er den Zeitpunkt für günstig hielt.

»Entschuldigen Sie, dass ich die Funkstille breche, Ma’am«, knisterte die Stimme von Detective Constable Charlie Finnegan in Hecks linkes Ohr. »Aber gerade haben zwei Männer das Fairfax House durch den Vordereingang betreten, beide Weiße, gut gekleidet … zu gut gekleidet, Sie verstehen schon, was ich meine. Bin mir ziemlich sicher, einen der beiden zu kennen, aber mir fällt gerade nicht ein, woher. Kommen.«

Es entstand eine kurze Pause, bevor Gemmas Stimme zu hören war. »An alle Einheiten im Fairfax House. Kann sein, dass Sie Besuch bekommen. Vielleicht hat es nichts zu bedeuten, aber seien Sie in Bereitschaft. Charlie, sind die beiden mit einem Fahrzeug vorgefahren? Kommen.«

»Negativ, Ma’am. Habe jedenfalls keins gesehen. Sie sind vom Parkinson Drive gekommen, der grenzt an der Südseite an das Fairfax House an. Ich gehe mal hin und sehe nach. Kommen.«

»Verstanden. Überprüfen Sie die Kennzeichen aller geparkten Autos in unserer Datenbank, und zwar schnell. Heck, bist du in Position?«

»Jawohl, Ma’am«, bestätigte Heck leise. Er hörte bereits das nachhallende Stapfen von Schritten, die sich auf der anderen Seite der Brandschutztür im Treppenhaus näherten, und das Murmeln von Stimmen. Er vergewisserte sich, dass sein Ohrhörer unter seiner Mütze verborgen war. »Klingt so, als würde ich Gesellschaft kriegen.«

»Verstanden, Heck. Alle Einheiten in Bereitschaft halten. Ende.«

Das Funkgerät verstummte, und Heck ließ sich wieder in das Sofa sinken, wobei er die Augenlider herabhängen ließ, damit es so aussah, als wäre er vom Alkohol benebelt. Die Schritte wurden lauter, die Brandschutztür schwang auf, und zwei dunkle Umrisse stapften in Sicht. In dem schummerigen Licht konnte Heck sie im ersten Moment nicht richtig erkennen, doch ihren tiefen Stimmen entnahm er, dass es sich um Männer handelte, beide vermutlich zwischen dreißig und fünfzig Jahre alt.

»Wir fangen erst mal mit einer Frage-und-Antwort-Runde an, okay?«, sagte der eine. »Und lassen nicht durchblicken, dass wir irgendwas wissen.«

Eine flüchtige halbe Sekunde lang konnte Heck das Duo besser erkennen: Beide Männer trugen ein Hemd, ein Sakko und eine locker gebundene Krawatte. Der jüngere und größere der beiden war blass und hatte einen gepflegten Bart, der ältere wirkte griesgrämig und hatte Hängebacken.

Für Heck waren sie unverwechselbar.

Er verharrte in seiner Position, bis sie an ihm vorbeigegangen und die drei Stufen zu dem düsteren, höher gelegenen Flur hochgestiegen waren und diesen entlanggingen. Dann setzte er sich aufrecht hin und sah ihren sich entfernenden Rücken hinterher. Als sie außer Hörweite waren, senkte er den Kopf und brachte den Mund direkt vor sein Kragenmikrofon. »Heckenburg an Detective Superintendent Piper … ich kenne die beiden. Es sind unsere Leute. Detective Sergeant Cowling und Detective Constable Bishop vom Dezernat für organisiertes Verbrechen.«

Während der kurzen Pause, die entstand, konnte Heck sich lebhaft vorstellen, wie Gemma sich verwirrt zu ihren Begleitern in dem Einsatzleitwagen umsah, wer auch immer sie waren. »Was, um alles in der Welt, machen die denn hier?«, würde sie fragen. »Was, zum Teufel, haben sie mit der Sache zu tun?« Er konnte sich auch die ausdruckslosen Gesichter vorstellen, mit denen die Angesprochenen auf diese Fragen reagierten.

»Sie gehen den Flur entlang, an dem sich Sagans Wohnung befindet«, fuhr Heck fort. »In diesem Haus leben bestimmt auch noch andere Schurken, aber wenn die nicht zu ihm wollen, bin ich der Kaiser von China.«

»Kannst du sie aufhalten? Kommen.«

»Negativ. Sie stehen schon vor seiner Tür.«

»Verstanden. Bleib, wo du bist, Heck. Wir können nur das Beste hoffen.«

Heck stand auf, presste sich jedoch platt gegen die Wand neben der Treppe, verrenkte sich den Hals und spähte den Flur entlang. Ihm war klar, was sie dachte. Wenn er losstürmte und versuchte, die beiden Polizisten aufzuhalten, bestand die Möglichkeit, dass Sagan die Haustür zu seiner Wohnung aufmachte und sie alle drei erwischte. Wenn er sich jedoch zurückhielt, bestand die vage Möglichkeit, dass die beiden lediglich eine Routineangelegenheit mit dem Kerl zu erledigen hatten und sofort wieder abziehen würden, ohne dass die Observation auffliegen würde. Dass Letzteres zutraf, war jedoch sehr unwahrscheinlich. Das Dezernat für Serienverbrechen war wie das Dezernat für organisiertes Verbrechen Bestandteil der National Crime Group. Die Beamten, die in diesen Dezernaten arbeiteten, kümmerten sich nicht um Routineangelegenheiten.

Und dann gab es auch noch eine andere Möglichkeit, die noch unerfreulicher wäre. Was war, wenn Cowling und Bishop selbst nichts Gutes im Schilde führten? Konnte es sein, dass sie Sagan aus Gründen aufsuchten, die nichts mit ihrer Arbeit als Polizisten zu tun hatten? Wenn dies der Fall sein sollte, wäre die Lage noch sehr viel verzwickter, als sie sowieso schon war.

Heck spähte erneut den düsteren Flur entlang. Die beiden waren vor der Tür mit der Nummer 36 stehen geblieben. Sie klopften nicht sofort, sondern schienen noch etwas zu besprechen. Vermutlich könnte er ihnen ein Zeichen und ihnen zu verstehen geben, dass sich weitere Polizisten in dem Haus befanden, doch er hatte zusehends das Gefühl, dass die beiden womöglich finstere Absichten hatten.

Eine Faust hämmerte gegen die Tür zu der Wohnung. Heck hielt die Luft an. Im ersten Moment erfolgte keine Reaktion, doch dann war etwas zu hören, das klang wie eine gedämpfte Stimme.

»Hier ist die Polizei«, sagte Cowling. »Könnten Sie bitte aufmachen? Wir müssen mit ihnen reden.«

Heck atmete erleichtert aus. Sie steckten doch nicht mit Sagan unter einer Decke. Doch jetzt war ihm aus anderen Gründen unbehaglich zumute. Angesichts dessen, was Sagan zur Last gelegt wurde, war das Vorgehen der beiden Kollegen ziemlich gewagt. Es schien merkwürdig, dass die beiden Detectives ohne jegliche Verstärkung gekommen waren. Wussten sie etwas, was im Dezernat für Serienverbrechen nicht bekannt war? Oder wussten sie schlicht und einfach gar nichts? War der Wunsch, eine spektakuläre Verhaftung vorzunehmen, stärker gewesen als die Beachtung des Gebots, ein paar naheliegende Vorsichtsmaßnahmen zu treffen?

Die gedämpfte Stimme meldete sich erneut. Es klang so, als ob sie gesagt hätte: »Einen Moment.«

Und dann knallte es zweimal, und zwei mit einer Schrotflinte abgeschossene Ladungen barsten von innen durch die Tür. Der ohrenbetäubende Knall hallte den Flur entlang. Cowling und Bishop wurden nach hinten geschleudert wie Stoffpuppen. Der Aufprall ihrer Körper an der Wand hinter ihnen ließ das ganze Gebäude erbeben.

»Hier spricht Heck aus dem Inneren des Fairfax House!«, schrie Heck in sein Funkgerät und zog gleichzeitig seine Glock hervor. »Hier wird geschossen! Umgehend bewaffnete Verstärkung erforderlich! Im dritten Stock! Zwei Beamte angeschossen! Wir brauchen ein Notarztteam und müssen die beiden sofort wegschaffen! Versucht, einen Rettungshubschrauber zu kriegen, wenn möglich! Kommen!«

Es folgte ein lautes Durcheinander elektronisch verzerrter Stimmen, doch es war Gemma, die sich durch das Gewirr Gehör verschaffte. »Heck, hier Detective Superintendent Piper. Du bleibst, wo du bist, und wartest auf Verstärkung! Ich wiederhole: Du wartest auf Verstärkung! Kannst du das bestätigen? Kommen.«

»Ja, Ma’am, bestätige«, entgegnete Heck, doch er hatte bereits seine Wollmütze abgenommen und sich stattdessen eine neonfarbene, mit einem karierten Streifen markierte Baseballkappe der Polizei aufgesetzt. Er stieg die drei Stufen hoch und ging vorsichtig den Flur entlang, die Pistole lehrbuchmäßig gespannt, aber nach unten gerichtet. »Beide Schüsse wurden aus der Wohnung Nummer 36 durch die Tür abgefeuert. Klang nach einer Schrotflinte. Cowling und Bishop liegen beide am Boden. Wie es aussieht, sind sie schwer verletzt. Kommen.«

»Was ist deine exakte Position, Heck?«, fragte Gemma.

»Knapp dreißig Meter vor der Tür Nummer 36. Aber es dürfte schwer sein, zu den Verletzten zu gelangen. Sie befinden sich immer noch beide in der Schusslinie. Kommen.«

»Negativ, Heck! Du gehst keinen Schritt weiter, bevor keine bewaffnete Verstärkung bei dir ist. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?«

»Jawohl, Ma’am.« Mehr von seinem Instinkt geleitet als bewusst geplant, rückte Heck weiter vor, aber extrem langsam, seine rechte Schulter schabte an der Wand zu seiner Rechten entlang. Als er noch zwanzig Meter von der Tür entfernt war, hielt er erneut inne. Keiner der beiden angeschossenen Beamten regte sich. Beide waren zusammengesackt und lehnten mit dem Rücken an der Wand zu seiner Linken. Der Putz hinter ihnen war mit Schroteinschüssen und Holzfragmenten übersät sowie mit herablaufendem Blut bespritzt.

Heck biss die Zähne zusammen. Angesichts dieser Umstände kam es für ihn nicht infrage, sich zurückzuhalten und zu warten. Die beiden waren Kollegen, die in den letzten Zügen lagen. Er rückte vorsichtig weiter vor. Und dann hörte er aus dem Inneren der Wohnung ein Geräusch, das klang wie zerberstendes Glas.

»Scheiße!« Er stürmte los, doch im gleichen Augenblick ging hinter ihm eine Tür auf. Er wirbelte herum, die Pistole im Anschlag. Eine Chinesin mit dünnem Gesicht starrte ihn entsetzt an. »Polizei!«, zischte er. »Gehen Sie wieder rein! Und bleiben Sie da!« Die Tür wurde zugeknallt. Heck rückte weiter vor und hielt sich das Funkmikrofon wieder dicht vor den Mund. »Hier spricht Heck. Der Verdächtige versucht, durch ein Fenster zu entkommen. Wir sind im dritten Stock, deshalb weiß ich nicht, wie er das schaffen will. Aber die Wohnung befindet sich an der Nordostseite des Gebäudes, die auf die Charlton Road hinausgeht. Wir müssen die Seite absichern. Kommen.«

Schon während er das aussprach, wusste er, dass dies leichter gesagt war als getan. Das Observationsteam am Fairfax House bestand aus maximal acht Leuten. Selbst wenn man Gemma hinzunahm, waren es neun, also waren sie nur wenige und weit verstreut. Außerdem waren sie zwar bewaffnet und trugen kugelsichere Westen, doch sie waren allenfalls für die Ausspähung einer Zielperson aus der Nähe ausgestattet, nicht für ein Feuergefecht. Zweifellos würde ein Sondereinsatzkommando auf dem Weg sein, aber wie lange dies mitten im Londoner Feierabendverkehr brauchen würde, wusste niemand. Er blieb erneut stehen, als am anderen Ende des Flurs eine dunkle Gestalt erschien, etwa zwanzig Meter hinter der Tür zur Wohnung Nummer 36. Aufgrund ihrer Statur und ihrer Größe und der leuchtenden Stadtwerke-Weste über der Donkeyjacke erkannte er, dass es sich um Garry Quinnell handelte, dessen Position sich an diesem Tag in einem der Stockwerke über ihnen befand. Der stämmige Waliser hatte ebenfalls seine Waffe gezogen und war gerade dabei, sich seine offizielle Polizei-Baseballkappe aufzusetzen.

Sie verständigten sich mit einem Nicken. Heck senkte seine Glock, rückte weiter vor und blieb etwa fünf Meter vor der zerschossenen Tür wieder stehen.

»Bewaffnete Polizei!«, rief er. »John Sagan – wir sind bewaffnete Polizeibeamte! Es ist sinnlos für Sie, weiter Widerstand zu leisten! Beenden Sie diesen blutigen Irrsinn auf der Stelle, und werfen Sie Ihre Waffe raus!«

Keine Reaktion. Keine weitere Fensterscheibe barst oder klirrte.

Sie näherten sich der Tür von beiden Seiten bis auf eine Entfernung von etwa zwei Metern, dann verharrten sie. Aus dieser Nähe war deutlich zu erkennen, dass Reg Cowling tot war. Sein Gesicht war ihm komplett weggeschossen worden. Genau genommen war er beinahe enthauptet. Bishops Gesicht war ebenfalls verletzt und von Schnittwunden und Splittern der Schrotladung übersät, seine rechte Schulter, die durch die noch schwelenden Risse in seinem zerfetzten Sakko zu sehen war, glich einem rohen Beefsteak, doch er war noch leicht bei Bewusstsein. Seine Wangen waren kreidebleich, seine Augen unter flatternden, blutbespritzten Wimpern zu sehen und wie durch ein Wunder beide unversehrt geblieben.

»Das Arschloch hat bewusst auf die Köpfe gezielt«, stellte Heck fest. »Er ist davon ausgegangen, dass sie kugelsichere Westen tragen.«

Penny Flint hatte ihnen gesagt, dass Sagan ein Profi sei. Hier war der Beweis, dass sie recht hatte.

»Hier spricht Heck«, sagte er in sein Mikrofon, »mit neuen Informationen zum Zustand der Opfer. Beide liegen zusammengebrochen am Boden und haben schwere Schussverletzungen erlitten. Detective Sergeant Cowling scheint tot zu sein, Detective Constable Bishop ist bei Bewusstsein und atmet, wie lange noch, kann ich nicht sagen. Wir können immer noch nicht zu ihnen.«

Gemmas Antwort war abgehackt, und sie redete mit atemloser Stimme, was darauf hindeutete, dass sie rannte. Bevor er sich zusammenreimen konnte, was sie sagte, wurde ihre Stimme von einem erneuten Bersten einer Fensterscheibe im Inneren der Wohnung übertönt.

»Er haut ab!«, stellte Quinnell fest. »Er muss zu dem Schluss gekommen sein, dass die Luft rein ist.«

»Ich wiederhole: Wir sind bewaffnete Polizeibeamte!«, rief Heck. »Werfen Sie Ihre Waffe raus!«

Begleitet von einem dritten donnernden KAWUMM, wurde das, was von der Tür übrig war, nach draußen geschleudert. Detective Constable Bishop hatte erneut Glück. Die Kugel surrte über ihn hinweg, sodass zwar ein Haufen Trümmer auf ihn herabregnete, er jedoch von weiteren Schussverletzungen verschont blieb.

Ein lautes Klick-Klack kündete davon, dass eine vierte Patrone ins Patronenlager gerammt wurde.

»Eine Pump-Action-Schrotflinte!«, stellte Heck fest.

Weiteres Glas wurde aus einem Fensterrahmen gestoßen. Die beiden Detectives sahen sich an, ihre Stirnen waren in Schweiß gebadet. Die zerfetzte Tür befand sich zwischen ihnen.

»Wir dürfen ihn nicht entkommen lassen«, sagte Heck.

Quinnell brachte dagegen keine Einwände hervor.

Heck schluckte den apfelgroßen Kloß herunter, der ihm im Hals saß, und schob sich ein Stück weit um die Türöffnung herum, allerdings nur den linken Arm, die linke Schulter und die linke Hälfte seines Kopfes, um die Zielperson lokalisieren zu können. Quinnell tat das Gleiche von der anderen Seite.

Aber in dem Bereich unmittelbar vor ihnen, bei dem es sich um ein Wohnzimmer handelte, war niemand.

Von dem Kerl war nichts zu sehen. Absolut keine Spur.

Sie erhaschten einen Blick auf einfache, schlichte Möbel, leere Bücherregale und ein paar nichtssagende Bilder an den Wänden. Doch von dem Raum gingen weitere Türen ab, eine links, eine rechts. Am Ende des Raums befanden sich drei hohe Schiebefenster. Aus dem linken waren sämtliche Scheiben herausgeschlagen.

»Zuerst die Türen«, stellte Heck klar und stürmte zu der Tür auf der rechten Seite, hinter der sich jedoch nur ein leeres Badezimmer befand. »Sauber!«, rief er und wirbelte wieder herum.

Quinnell hatte sich die linke Tür vorgenommen, hinter der sich das Schlafzimmer befand. Er kam wieder heraus. »Sauber.«

Heck stürmte zu dem linken Fenster, das Sagan offenbar hatte einschlagen müssen, weil er den unteren Flügel nur um wenige Zentimeter hatte hochschieben können. Heck drückte sich mit dem Rücken an die Wand und riskierte einen Blick nach draußen. Gut sechs Meter unter ihm huschte eine Gestalt, die einen dunklen schweren Mantel zu tragen schien und von deren Schulter an einem Riemen eine Schrotflinte herabbaumelte, über die Flachdächer einer Reihe von fünf Garagen. Heck sah auf den ersten Blick, wie Sagan da hinuntergekommen war. Gut einen Meter fünfzig links neben dem Fenster und knapp einen Meter achtzig darüber befand sich ein von der Außenmauer horizontal abgehender Stahlrost – die Plattform einer altmodischen Feuerleiter. Die Feuerleiter führte auf der anderen Seite der Plattform steil nach unten, und es war unmöglich, die Plattform oder die Treppe vom Fenster aus mit einem Sprung zu erreichen. Doch der Killer hatte für den Fall, dass er die Flucht ergreifen musste, vorgesorgt, indem er an der Unterseite der Plattform ein Seil festgeknotet und dieses über einen Haken neben dem Fenster geschlungen hatte, von dem es unauffällig an der Außenmauer des Wohnblocks herabgehangen hatte. Für den Fall eines Falles brauchte er das Seil nur von dem Haken zu nehmen, sich daran festzuhalten, vom Fenster wegzuschwingen, womit ausgeschlossen war, dass eventuelle Verfolger sich der gleichen Methode bedienen konnten, und zu den Garagendächern hinabgleiten zu lassen.

Heck starrte missmutig das in gut eineinhalb Metern Entfernung herabhängende Seil an und nahm vage wahr, dass Quinnell neben ihm erschien.

»Arschloch!«, sagte der Waliser, als er den entschwindenden Umriss Sagans sah, der gerade das Ende der Garagenreihe erreichte.

In dem Moment bog gut sechzig Meter rechts von den Garagen ein markierter Einsatzwagen der Polizei von der vor den Garagen herführenden Sackgasse über einen Grasstreifen in die Charlton Road. Leider war es nur ein Streifenwagen der örtlichen Polizeiwache, dessen Besatzung auf den Funkspruch reagiert hatte, der soeben rausgegangen war, und die Beamten in dem Wagen würden nicht bewaffnet sein, womit sie sich als nahezu nutzlos erwiesen. Außerdem war Sagan inzwischen von der linken Seite der Garagendächer auf die Bellfield Lane gesprungen, die deutlich niedriger lag und von den Garagen wegführte. Abgesehen von dem holprigen, mit Müll übersäten Hang, der zur Bellfield Lane hinabführte, wurde die Straße auch noch von einem hohen Maschendrahtzaun gesäumt, der für Fahrzeuge ein unüberwindbares Hindernis darstellte. Sagans Umriss entschwand rasch in der Ferne, während er die niedriger gelegene Straße entlangrannte. Vom Sondereinsatzkommando war immer noch nichts zu sehen.

»Sieh mal nach den Verletzten«, sagte Heck mit angespannter Stimme.

Quinnell nickte und ging zurück durch die Wohnung.

Heck schob seine Glock zurück ins Holster und hielt sich das Mikrofon vor den Mund. »Hier spricht Detective Sergeant Heckenburg. Dringende Mitteilung an alle. Der Verdächtige, John Sagan, ist entkommen und zu Fuß auf der Flucht. Männlich, weiß, blond. Er trägt eine Brille und einen dunklen, möglicherweise schwarzen Mantel. Momentan flieht er in nordöstlicher Richtung auf der Bellfield Lane. Warnung: Sagan ist mit einer Pump-Action-Schrotflinte bewaffnet und zögert nicht, sie auch zu benutzen. Für die, die es immer noch nicht begriffen haben: Das bedeutet, er ist bewaffnet und gefährlich. Ich wiederhole: John Sagan ist bewaffnet und sehr gefährlich!« Er biss sich auf die Lippe und fügte hinzu: »Nehme die Verfolgung auf.«

»He! Warte!«, rief Quinell, als Heck in den Rahmen des eingeschlagenen Fensters stieg.

Das herabbaumelnde Seil war nur eineinhalb Meter entfernt. Heck wusste, dass die Chancen gut standen, dass er es schaffen würde, aber er wusste auch, dass er es, wenn er innehielt und darüber nachdachte, gar nicht erst versuchen würde. Also dachte er nicht nach, sondern stieß sich einfach ab, sprang und stürzte wie ein Stein gut drei Meter in die Tiefe, bis er es schaffte, das Seil zu packen. Etliche Zentimeter kaltes, glitschiges Hanfseil rutschte zwischen seinen Fingern hindurch und schabte an seinen Handschuhen und den in ihnen steckenden Handflächen entlang, bis er es schließlich so fest umfasste, dass er nicht mehr weiterrutschte. Er ignorierte den brennenden Schmerz, so gut er konnte, hangelte sich nach unten und landete auf dem Dach der am nächsten an dem Gebäude liegenden Garage.

»Der Verdächtige flieht auf der Bellfield Lane in nordöstlicher Richtung!«, rief er zu den beiden uniformierten Beamten auf der Charlton Road hinunter, die gerade aus ihrem Streifenwagen gestiegen waren und ihn angesichts dessen, was sie soeben gesehen hatten, fassungslos anstarrten. »Verbreiten Sie das!«

Ohne auf eine Antwort zu warten, stürmte Heck in nördlicher Richtung über die klapprigen Dächer, seine Füße donnerten über feuchte, nur mit Teerpappe überzogene Holzplanken. Gleichzeitig redete er wieder in sein Mikrofon und gab, so gut er konnte, Anweisungen. Am Ende der Garagenreihe ging er auf alle viere, bugsierte sich über den Rand des Garagendachs und ließ sich herabhängen. Dann ließ er los, fiel die verbleibenden eineinhalb Meter in die Tiefe und rollte über Gras und Unrat den Hang hinunter auf die Straße.

»Bin auf der Bellfield Lane und laufe in nordöstlicher Richtung!«, rief er in sein Mikrofon und stürmte die Straße entlang. »Alle Einheiten, die in dieser Richtung unterwegs sind, bitte melden. Kommen.« Doch der Funkverkehr war ein einziges Chaos hin und her jagender Sprüche. »Scheiße! Na los, irgendjemand muss mich doch hören!«

Heck rannte weiter. Vor ihm ragte der riesige Umriss einer Betonkonstruktion auf – eine Eisenbahnüberführung. Über der Überführung zuckte stroboskopartiges Licht auf und raste in beide Richtungen. Es stammte von den Zügen, die zwischen East Dulwich und Peckham Rye hin- und herdüsten. Im Gegensatz dazu war es im Schatten unter der Überführung stockfinster. Normalerweise wäre dies ein Paradies für Straßenräuber, aber Heck war bewaffnet, und zudem war die Nacht inzwischen vom Heulen der Martinshörner erfüllt. Es war nur schade, dass sich keines der Einsatzfahrzeuge in unmittelbarer Nähe befand.

Hinter der Eisenbahnunterführung ragte auf der rechten Seite eine nackte Backsteinmauer auf, doch an der linken Seite der Straße zog sich ein Drahtzaun entlang, hinter dem ein weiterer Abhang hinabführte auf einen mit Scherben übersäten Parkplatz. Am zweiten Zaunelement war das Drahtgeflecht am Boden durchtrennt worden und hing lose zwischen den Pfosten, sodass man problemlos auf die andere Seite konnte. Heck steuerte den Durchlass an, doch in dem Moment musste er feststellen, dass der Kerl, den er verfolgte und der in seiner dunklen Kleidung bestens getarnt war, am Fuß des Abhangs in Stellung gegangen war. Das Erste, was Heck mitbekam, waren das aufzuckende Mündungsfeuer und der Hagel Schrotkugeln, die durch das Drahtgeflecht surrten.

Er warf sich auf den Asphalt, rollte weg und landete im Rinnstein, wo er, auf dem Rücken liegend, mit beiden Händen seine Glock umfasste und auf den Zaun richtete.

Bis er erneut Schritte davonhasten hörte.

Er hievte sich hoch auf die Knie.

Unten huschte ein dunkler Umriss über den Parkplatz, an dessen Ende eine Betonrampe zu einer weiteren Wohnsiedlung mit etlichen Gassen führte, die von nahezu identischen zweistöckigen Reihenhäusern gesäumt wurden. Heck schob sich durch das lose Zaunelement, nahm die Verfolgung wieder auf und stolperte den Hang hinunter, bis er wieder eine ebene Asphaltfläche erreichte, wobei er die ganze Zeit versuchte, per Funk zu jemandem durchzukommen.

»Hört mich denn, verdammt noch mal, niemand?«, rief er. »Falls doch … ich bin immer noch hinter dem Verdächtigen her, der zu Fuß flüchtig und bewaffnet ist und bei jeder Gelegenheit losballert. Ich bin in Richtung Westen unterwegs und steuere die Hawkwood-Siedlung an. Und alle mal herhören! Das ist eine bebaute Gegend, in der jede Menge Zivilisten wohnen. Im Moment sind hier draußen nicht viele unterwegs, aber es muss schleunigst jemand herkommen, verdammt noch mal. Ende!«

Am Fuß der Rampe sprang er über ein Geländer und rannte eine Allee entlang, die zu beiden Seiten von Haustüren und Erdgeschossfenstern gesäumt wurde. Sagan war immer noch zu sehen, am Ende der Straße, eine winzige Gestalt, die plötzlich herumwirbelte, die Schrotflinte auf Taillenhöhe ausrichtete und zwei Schüsse abgab. Heck war außerhalb einer tödlichen Reichweite – Sagan benutzte grobkörnigen Schrot anstatt massiver Flintenlaufpatronen –, doch er suchte instinktiv Schutz hinter einer Bank. Als er wieder die Straße hinunterblickte, war Sagan immer noch zu sehen, doch es widersprach sämtlichen Regeln und Vorschriften, in einer Wohngegend wie dieser das Feuer zu eröffnen. Man musste nicht einmal ein schlechter Schütze sein; selbst wenn man geübt war, bestand immer die Gefahr von Querschlägern und Abprallern, die jeden treffen konnten. Und um die Lage noch zu verschlimmern, waren inzwischen auch noch diverse Haustüren geöffnet worden, aus denen neugierige Bewohner nach draußen spähten, um zu sehen, was los war.

Sagan rannte nach links in eine Seitenstraße hinein. Heck sprang über die Bank und jagte hinter ihm her, wobei er den Schaulustigen zurief: »Polizei! Verschließen Sie Ihre Türen! Und halten Sie sich von den Fenstern fern!«

Er bog um die Ecke und stürmte eine Treppe hinunter in einen überdachten Bereich. Dort sah er Sagan wieder, in der Ausgangstür auf der anderen Seite des überdachten Bereichs. Er gab zwei weitere Schüsse ab. Heck hechtete zur Seite, brach durch eine Wand aus verrotteten Brettern und landete inmitten einer Ansammlung modriger Secondhandmöbel. Er bahnte sich einen Weg zu einer Hintertür und stürmte in der Hoffnung, dem Mistkerl den Weg abzuschneiden, eine Gasse entlang, landete jedoch erneut auf einem Parkplatz.

Dort erwartete ihn wieder Sagan – mit ausgerichteter Schrotflinte.

Heck duckte sich und rannte hinter einer Reihe geparkter Autos weiter. Sagan nahm nacheinander jedes einzelne Auto unter Beschuss, Karosserien verbogen sich, Scherben von Sicherheitsglas flogen zu allen Seiten. Dann wirbelte er herum, stürmte eine Treppe hoch und rannte eine Passage entlang, die von nackten Mauern gesäumt wurde. Heck bugsierte sich über die Kühlerhaube des nächsten Autos, stürmte ebenfalls die Treppe hoch und rannte in die Passage hinein. Sie war etwa fünfzig Meter lang, und am anderen Ende war Sagan gerade dabei, seine Flinte schnell nachzuladen. Bevor Heck seine Pistole ausrichten und Sagan eine Warnung zurufen konnte, schoss der Scheißkerl zweimal; die Schüsse knallten in der engen Passage ohrenbetäubend. Heck warf sich auf den Boden, doch diesmal gab er selbst drei schnell aufeinanderfolgende Schüsse ab. Die Kugeln surrten durch die enge Passage und verpassten ihr Ziel zwar, zwangen Sagan aber dazu, sich aus der Passage zu verziehen.

Heck zog sich hinter die Ecke an seinem Ende der Passage zurück und sog keuchend eisige Luft ein. Dann riskierte er einen erneuten Blick. Die Passage sah immer noch leer aus, aber Sagan konnte in Bereitschaft liegen und warten, und sobald Heck sie zur Hälfte durchquert hätte, wäre er auf dem Präsentierteller und gäbe ein leicht zu treffendes Ziel ab. Deshalb stürmte er wieder zurück die Treppe hinunter, an einer Reihe vergitterter Läden vorbei und unten um ein Hochhaus herum. Er hatte erwartet, sich auf der anderen Seite des Hochhauses auf einem offenen Gelände wiederzufinden, doch stattdessen erhob sich dort die Hülle einer verfallenen Fabrik.

Er fluchte, gab keuchend seinen neuen Standort durch und rannte weiter. Am Ende der Fabrikmauer befand sich ein Maschendrahtzaun und dahinter ein tiefer Einschnitt, durch den eine weitere Bahnstrecke führte. Die London Underground, wie ihm bewusst wurde, doch die Gleise verliefen gut sechs Meter unter ihm. Er sah nach rechts. Der nächste Weg auf die andere Seite führte über eine gewölbte stählerne Fußgängerbrücke, bis zu der es etwa fünfzig Meter waren. Eine Gestalt überquerte gerade die Brücke … langsam, erschöpft.

Sagan.

Der Killer und Folterer war durch und durch ein Profi. Aber er war auch nicht mehr der Jüngste. Seine Energiereserven ließen schließlich nach.

Heck nahm als Abkürzung einen schmalen Pfad, der zwischen der nördlichen Außenmauer der Fabrik und dem Zaun an der Zugstrecke entlangführte. Dafür musste er zunächst einen Stacheldraht überwinden, bevor er sich durch dichtes, blattloses Gestrüpp vorarbeiten konnte, in dem sich Papierabfälle und sonstiger Unrat verfangen hatten. Unvermeidlicherweise stieß er gegen herumliegende leere Flaschen und Getränkedosen, die so laut aneinanderschepperten, dass die Gestalt auf der Brücke stehen blieb, sich umsah – und wieder losrannte. Als Heck die Brücke erreichte, war von Sagan nichts mehr zu sehen.

Inzwischen selbst am Ende seiner Kräfte, stapfte Heck die stählerne Treppe hoch und überquerte die Brücke. Unter ihm donnerte ein Zug her, begleitet von dröhnendem Lärm und aufzuckendem Licht, in dessen Schein der Steg am Ende der Brücke erleuchtet wurde. Es war durchaus möglich, dass Sagan dort jeden Moment erschien – während Heck zwischen halshohen Brüstungen aus genietetem Stahl eingezwängt war. Doch es ging gut, er schaffte es auf die andere Seite, stieg die Treppe bis zur Hälfte hinunter und blieb dort stehen, umwabert von heißen Atemwolken, die seinem Mund entstiegen. Vor ihm erstreckte sich offenes Brachland, an dessen hinterem Ende sich eine Ansammlung heruntergekommener Gebäude erhob: Werkstätten, Büros und Garagen, vor denen ein alter Ford Transporter parkte. Sagan hatte die Gebäude schon fast erreicht. Er ging schnellen Schrittes, war aber sichtlich erschöpft und gut sechzig Meter von Heck entfernt.

Heck hob seine Pistole und zielte, aber er war kein ausreichend guter Schütze, um aus so einer Entfernung einen klaren Treffer platzieren zu können. Und schon gar nicht im Dunkeln. Er stieg den Rest der Treppe hinunter und stieß unbeabsichtigt gegen eine leere Bierflasche, die auf einer der unteren Stufen lag. Sie rollte nach vorne, fiel herunter und zerbrach.

Sagan wirbelte herum.

Heck stürmte die letzten beiden Stufen hinunter und huschte zur Seite. Sagan ging langsam rückwärts und schoss dabei wie ein Westernheld aus der Hüfte, zog den Vorderschaft wieder und wieder zurück und ballerte eine Schrotladung nach der anderen in Hecks Richtung. Heck robbte und kroch über den Boden, fand jedoch außer etwas verstreutem Unrat und niedrig wachsendem Unkraut keinerlei Deckung.

Und in dem Moment schaltete sich eine dritte Person ein.

»Lassen Sie die Waffe fallen!«, ertönte eine entschlossene weibliche Stimme. »Und zwar auf der Stelle, sonst erschieße ich Sie … darauf können Sie Gift nehmen!«

Heck blickte auf und sah eine zierliche, wohlgeformte Gestalt in Jeans, Sportschuhen und Anorak und mit einer Polizeikappe auf dem Kopf hinter dem Transporter hervorkommen. Die Gestalt umfasste mit beiden Händen eine Glock und zielte damit auf Sagans Hinterkopf. Der bewaffnete Gangster erstarrte. Seine rechte Hand umklammerte die Schrotflinte, die linke streckte er zur Seite hin aus.

»Ich meine es ernst, Sie schwanzloses Archschloch!«, rief die Frau. »Lassen Sie die Waffe auf der Stelle fallen, oder ich puste Ihnen das Hirn weg!«

Hecks Mund verzog sich zu einem Lächeln, während er sich erhob. Es war Shawna McCluskey.

Also hatte schließlich doch jemand seine verzweifelten Funksprüche gehört. Eigentlich hätte er sich denken können, dass dafür insbesondere seine gute, alte Kollegin Shawna infrage kam, mit der zusammen er sich vor all den Jahren bei der Greater Manchester Police die ersten Sporen bei der Polizei verdient hatte.

Sagan verharrte reglos. Aus der Entfernung war sein Gesichtsausdruck unergründlich. Einzelne Sprenkel des gelben Scheins der Straßenlaternen spiegelten sich auf den Gläsern seiner Brille wider und verliehen ihm den Hauch einer nichtmenschlichen Aura. Seine rechte Hand öffnete sich, und die Schrotflinte fiel scheppernd auf den Boden.

»Halten Sie Ihre Pfoten so, dass ich sie sehen kann!«, rief Shawna und näherte sich ihm von hinten. »Alles klar mit dir, Heck?«

»Ist mir noch nie besser gegangen«, rief er zurück und klopfte sich den Dreck ab.

»Schieben Sie mir die Waffe zu«, wandte Shawna sich wieder an Sagan. »Schieben Sie sie mit den Absätzen nach hinten … ohne sich umzudrehen. Und halten Sie die Hände ausgestreckt, sodass ich sie sehen kann. Für den Fall, dass Sie es noch nicht kapiert haben sollten, Sie Abschaum: Sie sind verhaftet!«

Sagan befolgte exakt ihre Anweisungen. Die Schrotflinte schepperte an ihr vorbei und verschwand unter dem Transporter. Jetzt konnte Heck ihn besser sehen: den schwarzen Mantel, den schwarzen Rollkragenpullover, die schwarzen Lederhandschuhe, die schwarze Hose und die schwarzen Schuhe, das blasse Gesicht, das schütter werdende Haar auf dem Haupt und die golden geränderte Brille. Doch der Killer war immer noch undurchschaubar, sein Gesicht glich einer wächsernen, schweißgebadeten Maske.

»Hier spricht Detective Constable McCluskey«, sagte Shawna in ihr Funkgerät. »Ich befinde mich auf einem Lkw-Parkplatz außerhalb von Camberwell Grove. Habe eine Verhaftung vorgenommen. Ich wiederhole: Ich habe eine Verhaftung vorgenommen.«

Sie ging um den Verhafteten herum, und erst in diesem Moment erkannte Heck die potenzielle Gefahr.

Ihre Glock war direkt auf Sagans Körper gerichtet, doch als sie neben ihm war, war sie ihm auf einmal ziemlich nahe, seine linke Hand war nur noch wenige Zentimeter von der Mündung ihrer Waffe entfernt – und genau mit dieser Hand holte er aus, schlug ihr die Pistole aus der Hand, wirbelte gleichzeitig herum und rammte ihr die andere Hand, die jetzt zu einer Faust geballt war, jedoch glänzte, als wäre sie von Stahl ummantelt – es war ein Schlagring, wie Heck voller Entsetzen bewusst wurde –, direkt ins Gesicht.

Ihr Kopf wurde nach hinten geschleudert, und sie sackte zusammen wie eine Marionette, deren Fäden durchtrennt wurden.

»Shawna!«, schrie Heck.

Doch er war immer noch gut vierzig Meter von ihr entfernt. Er hob seine Pistole, war jedoch erneut gezwungen zu zögern. Sagan war neben der zusammengesackten Polizistin in die Hocke gegangen, sodass die beiden für Heck zu einem einzigen Umriss verschmolzen waren. Heck stürmte los, als er sah, dass der Killer Shawna die Kappe vom Kopf riss und ihr seine mit dem Schlagring verstärkte Faust mehrmals ins Gesicht und gegen den Kopf rammte. Dann schnappte er sich ihre Glock, schoss ihr in die Brust, sprang auf und stürmte auf den geparkten Transporter zu.

Heck blieb rutschend stehen und schoss. Das vordere Beifahrerfenster des Transporters barst nach innen, während Sagan um den Wagen herumstürmte und das Feuer über seine Schulter hinweg erwiderte. Dafür, dass er sein Ziel nicht sah, waren seine Schüsse unheimlich genau, Neunmillimeterkugeln wühlten unmittelbar vor Heck den Boden auf. Er erwiderte das Feuer, doch Sagan war bereits hinter dem Transporter verschwunden, sodass Heck ihn nicht mehr sehen konnte. Eine Tür an der Vorderseite des Gebäudes hinter dem Wagen wurde zugeknallt. Heck rückte weiter vor, hielt sich jedoch geduckt. Der Killer war jetzt in dem Gebäude. Dort standen ihm womöglich jede Menge günstige verborgene Positionen zur Verfügung, von denen aus er Heck ins Visier nehmen konnte.

»Detective Constable McCluskey ist verletzt!«, rief Heck in sein Mikrofon, ließ sich neben ihr auf ein Knie sinken und suchte gleichzeitig die schmutzigen Fenster über ihm ab. »Sie hat Kopfverletzungen und wurde offenbar angeschossen.«

Shawna lag schlaff und reglos da, zum Gebäude hin teilweise von dem Transporter geschützt. Heck riss ihre Jacke auf und atmete erleichtert auf, als er sah, dass die Kugel platt in ihrer kugelsicheren Kevlarweste steckte. Sie war nicht hindurchgedrungen. Doch ihr Gesicht war nur noch eine Masse blutigen Breis, ihr rund um sie ausgebreitetes Haar war mit Blut verschmiert. Er legte die Finger auf ihre Halsschlagader. Ihr Hals war vom Blut ganz glitschig, doch zumindest ertastete er einen Puls.

Irgendwo im Inneren des Gebäudes heulte dröhnend ein Motor auf. Auf Hecks Stirn prickelten frische Schweißperlen.

Als er aufsprang, flogen, begleitet von einem Splitterhagel und rostigen Scharnieren, etwa zwanzig Meter zu seiner Linken die beiden Flügel einer Doppeltür auf, und ein leistungsstarker Geländewagen bretterte hindurch. Heck rückte ein Stück von Shawna ab, um einen gezielten Schuss abgeben zu können, doch Sagan feuerte bereits blind und wild aus dem geöffneten Beifahrerfenster. Heck erwiderte das Feuer und brachte sich mit einem Sprung in Deckung. Er hatte auf einen der Vorderreifen des Geländewagens gezielt, verfehlte ihn jedoch um wenige Zentimeter. Während er weghechtete, erhaschte er einen flüchtigen Blick auf die Marke und das Modell des Geländewagens. Es handelte sich um einen dunkelblauen Jeep Cherokee mit einem Frontschutzbügel an der Vorderseite, doch die Scheinwerfer waren ausgeschaltet, weshalb er das Autokennzeichen nicht erkennen konnte. Der Geländewagen zog einen weißen, in der Dunkelheit schimmernden Wohnwagen hinter sich her, der zur Seite kippte und nur noch auf einem Rad weiterrollte, als der Wagen schlingernd über das Brachland bretterte. Dann beschleunigte der Jeep, der Wohnwagen kippte wieder zurück in die richtige Position und entschwand in die Dunkelheit. Heck stürmte noch einige Meter hinter dem Gespann her. Er gab sogar noch einen letzten Schuss ab und traf die hintere Tür des Wohnwagens, doch die Kugel richtete keinerlei Schaden an, offenbar war die Tür gepanzert. Dann verschwanden der Wagen und der Wohnwagen hinter der Ecke eines Lagerhauses, das Dröhnen des Motors verblasste schnell.

Heck setzte einen dringenden Funkspruch ab, gab so viele Informationen durch, wie er konnte, und eilte zurück zu Shawna. Wie zuvor lag sie absolut reglos da, das Blut in ihrem Haar war inzwischen geronnen.

Er tastete ein zweites Mal ihre Halsschlagader ab, doch diesmal spürte er keinen Puls mehr.

Paul Finch

Über Paul Finch

Biografie

Paul Finch hat als Polizist und Journalist gearbeitet, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Er hat zahlreiche Drehbücher, Kurzgeschichten und Horrorromane veröffentlicht und wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem British Fantasy Award und dem International Horror Guild Award. Er...

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»Ein Thriller mit Tempo und Augenmaß zugleich.«

dpa-StarLine

»Paul Finchs Thriller überzeugt mit Tempo und Augenmaß zugleich.«

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