Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Fett wie ein Turnschuh

Fett wie ein Turnschuh

Wie ich im Land der Currywurst 40 Kilo abnahm. Die besten ZEIT ONLINE Kolumnen

E-Book
€ 8,99
€ 8,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Fett wie ein Turnschuh — Inhalt

Die einen snacken vor dem Fernseher, die anderen schwitzen beim Hantelschwingen oder im Bodypump-Kurs: Allein in Deutschland gibt es knapp 6.000 Sportstudios, fast jeder zehnte Deutsche packt seine Sporttasche und müht sich an schwerem Gerät oder in Gymnastikkursen ab. Trotzdem werden wir immer dicker. Der (noch) etwas korpulente New Yorker Autor Tuvia Tenenbom reist durch die Welt der Fitten und Starken, besucht Fitnessjünger, Sportskanonen, Kurgäste und Abnehmwillige. Wie er bei dieser Reise sogar selbst 40 Kilo abnahm, berichtet er in diesem Buch.

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 14.04.2014
208 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96621-4

Leseprobe zu »Fett wie ein Turnschuh«

Gott muss fett sein

 

 

Ich bin ein liebenswürdiges Geschöpf, wenn man so etwas von sich sagen kann. Tatsache ist: Die Leute mögen mich. Sie mögen meine Rundheit. Ich bin ein runder Mann, falls Sie das noch nicht wussten, und die Leute identifizieren sich mit runden Menschen. Besonders mein direktes Umfeld.

Wenn ich eins sagen kann, dann das: Ich habe gute Freunde. Sie geben mir Kosenamen. » Bär « zum Beispiel. Bären sind gut, glaube ich. Der Teddybär etwa. Manchmal nennen meine Freunde mich Teddy. Warum, ist klar: Teddy, der Bär. Wie der chinesische [...]

weiterlesen

Gott muss fett sein

 

 

Ich bin ein liebenswürdiges Geschöpf, wenn man so etwas von sich sagen kann. Tatsache ist: Die Leute mögen mich. Sie mögen meine Rundheit. Ich bin ein runder Mann, falls Sie das noch nicht wussten, und die Leute identifizieren sich mit runden Menschen. Besonders mein direktes Umfeld.

Wenn ich eins sagen kann, dann das: Ich habe gute Freunde. Sie geben mir Kosenamen. » Bär « zum Beispiel. Bären sind gut, glaube ich. Der Teddybär etwa. Manchmal nennen meine Freunde mich Teddy. Warum, ist klar: Teddy, der Bär. Wie der chinesische Panda. Bär. Netter Name. Es gibt nur ein Problem (wenn ich mich Ihnen anvertrauen darf): Ich bin kein Bär.

Die Tage des Bären sind lange vorüber. Seit die Leute mich Teddy genannt haben, habe ich zugelegt, ich habe mich vergrößert. Heutzutage bin ich weit mehr als ein Bär. Ein besserer Vergleich steht auf der anderen Seite des Zoos: der Elefant. Das ist eine schlichte Tatsache. Ich will mich nicht herabwürdigen, im Gegenteil: Elefanten sind ebenfalls nett. Wenn ich so darüber nachdenke, sind Elefanten sogar niedlicher als Bären. Sie sind größer. An ihnen ist mehr dran. Ihr Gang sieht irgendwie sexy aus, finden Sie nicht? Sie lassen es ruhig angehen.

Ich habe schon von Elefantenrennen in Nepal oder Thailand gehört, aber ich persönlich habe noch nie einen Elefanten rennen sehen. Im Central Park trifft man ja die verschiedensten joggenden Kreaturen, mit ihren glitzernden iPods und Flaschen voll gefiltertem Wasser, aber niemals trifft man einen Elefanten. Elefanten haben Zeit. Wie ich. Unter Elefanten würde ich mich wahrscheinlich sehr wohlfühlen. Wir bewegen uns mit ähnlicher Geschwindigkeit. Das Problem ist lediglich, dass ich Elefantengröße habe, aber Teddy genannt werde.

Ich war darauf einmal stolz. Wenn ich jemanden kennenlernte und nach meinem Namen gefragt wurde, sagte ich: » Teddy «. » Oh «, antworteten sie, » Teddy! « Als würden wir uns seit Geburt kennen. Aber diese Zeiten sind vorbei. Was soll ich jetzt sagen? Elefanty? So einen Namen habe ich noch nie gehört. Funktioniert nicht. Vielleicht sollte ich » Elefant « mit französischem Akzent aussprechen?

Ich sollte es versuchen.

Das einzige Problem: Wenn ich so weitermache wie im letzten Jahr, ist auch » Elefant « irgendwann keine gute Vergleichsgröße mehr, ganz egal, wie ich es ausspreche. Ich werde etwas Größeres finden müssen. Etwas Fetteres. Etwas Größeres als ein Elefant? Gibt’s im Zoo nicht. Um etwas wirklich Großes zu finden, werde ich den Zoo verlassen müssen.

Vielleicht Gott. Gott muss fett sein. Auf jeden Fall ist Gott nicht mager. Ich würde eine Million Dollar wetten, dass Er nicht so aussieht wie meinetwegen Woody Allen. Er ist viel, viel fetter. Gläubige sagen ja immer, dass Er überall ist; und wer überall ist, muss fett sein. Wenn ich weiter zunehme, werde ich göttlich aussehen und göttlich sein. Ich werde den ganzen Tag Schokolade essen und weiter zunehmen.

Gott verzehrt den ganzen Tag belgische Schokolade, zumindest der Gott meiner Vorstellung. Er ist jedenfalls fetter als der Weihnachtsmann. Mein einziges Problem ist (und schon beim Gedanken daran bekomme ich Albträume): Was sage ich, wenn mich jemand nach meinem Namen fragt? Gott? Meiner Erfahrung nach hält einen der von Natur aus engstirnige Mensch sofort für einen Psychiatrie-Flüchtling, wenn man behauptet, man sei Gott.

Sollte mich kümmern, was die Anderen denken?

Der Jahreszeit entsprechend beschließe ich, die alljährlich wiederkehrende Neujahrsgelegenheit für uns Menschen zu nutzen: Ich fasse gute Vorsätze. Die einzige Frage ist: Was nehme ich mir vor? Soll ich mich an den süßesten aller Schokoladen laben und zu Gott werden? Oder tränke ich mich mit gefilterten Wässerchen und werde zu Woody Allen?

Sympathisch wie ich nun mal bin, entspricht Woody Allen nicht zur Gänze meinem Selbstbild. Unter uns: Für einen sympathischen Mann wie mich ist es nicht gerade ein Wunschtraum, zu einem Neurotiker wie Herr Allen zu werden. Andererseits muss ich zugeben, dass ich auch niemals Gott sein wollte. Zuviel Verantwortung. Was macht man zum Beispiel mit dem Erwählten Volk? Manchmal geht es mir ganz schön auf die Nerven, ganz zu schweigen von all den Nicht-Erwählten. Schrecklich! Wie würde ich denen aus ihrer Euro-Krise helfen? Ich habe keine Ahnung.

Was soll ich tun? Was würden Sie tun, wenn Sie in meiner Elefantenhaut steckten?

Ich habe nicht mehr viel Zeit für eine Entscheidung. Ich höre die Uhr schon ticken. Laut. Nervtötend. Lauter als Gott, nerviger als Woody: 10. 9. 8. 7. 6. 5. 4. 3. 2. 1.

 

 

 

Was halten junge Mädchen von einem dicken Mann?

 

 

Wenn ich dieser Tage über das Leben in einem Fitnessclub nachdenke, gebietet es der Anstand, dass ich die Gesellschaft um mich herum nicht ignoriere. In Amerika ist Wahlsaison, eine Zeit, in der uns die Präsidentschaftskandidaten mit immer lauteren Bekanntmachungen, immer größeren Versprechungen und niemals endenden persönlichen E-Mails bombardieren.

All diese Dinge bringen mich in die wenig beneidenswerte Lage, entscheiden zu müssen, wer unser nächster Präsident sein wird. Auf der einen Seite gibt es ein paar Republikaner, die behaupten, Gott hätte ihnen befohlen, zu kandidieren, und weil es Gottes Wunsch ist, soll es auch meiner sein. Logisch.

Auf der anderen Seite haben wir Barack Obama, Amerikas Präsidenten, der in den letzten Wochen alles daran gesetzt hat, mich von einer Lotterie für ein intimes Abendessen mit ihm zu überzeugen. » Michelle und ich laden ein «, schrieb er mir neulich. Alles, was er dafür haben will, sind drei Dollar. » Hey, Freund «, mailte er mir neulich, » spende noch heute $3 oder mehr, wenn du kannst. « Unterzeichnet hat er mit » Barack «.

Ich würde sehr gerne mit Barack essen. Seit Jahren frage ich mich, ob er Knoblauch mag, und das wäre eine großartige Gelegenheit, um diese Frage endlich zu klären. Außerdem ist Michelle sicher eine hervorragende Köchin, und ich würde liebend gerne ihre kulinarischen Kreationen kosten. Das Problem an der Sache: Was mache ich mit Gott, der ja offensichtlich die Republikaner bevorzugt?

Es ist ein riesiges Dilemma: Ich muss zwischen himmlischem und irdischem Lohn entscheiden, zwischen Gott und dem Teufel, würden manche sagen.

Um ehrlich zu sein: Barack Obamas E-Mail hätte zu keinem heikleren Zeitpunkt meines Lebens kommen können. Erst vor einigen Tagen habe ich eine Münze geworfen und den Neujahrsvorsatz gefasst, mich in einem Fitnessclub anzumelden und fettigen Speisen abzuschwören. Aber eine Mahlzeit im Weißen Haus ist sicher extrem reichhaltig.

Vielleicht klingt das für Sie wie eine Belanglosigkeit, aber lassen Sie mich Ihnen einen sehr persönlichen Wesenszug mitteilen: Wenn ich im Januar fettige Speisen esse, esse ich sie bis zum Jahresende weiter. So bin ich. Was will man machen? Höflich, wie ich bin, kann ich eines sicher sagen: Zu Knoblauch mit Michelle und Barack kann ich nicht Nein sagen. Das wäre regelrecht rüpelhaft. Andererseits habe ich einen Vorsatz gefasst. Und wie könnte ich mein Wort brechen?

Um dieses Problem zu lösen, denke ich, sollte ich mich mit meinen Mit-New-Yorkern beraten, ehe ich mich zu weiteren Schritten entschließe. Ich sollte sie fragen, was sie sich für das neue Jahr vorgenommen haben. Und vielleicht auch, was sie von meinem Gewicht halten. Besonders interessiert mich – aber bitte sagen Sie niemandem, dass ich Ihnen das gesagt habe –, was die jungen Mädchen dieser Welt von einem dicken Mann wie mir halten. Wenn die Mehrheit sich ähnliche Dinge vornimmt wie ich oder wenn mir die Mädchen sagen, dass dick nicht schick ist, bleibe ich bei meinem Vorsatz. Und wenn nicht: Knoblauch im Weißen Haus!

Ich beschließe, in Midtown Manhattan zwischen der Penn Station und dem Times Square nach weisen Menschen zu suchen, die mir Erleuchtung bringen. Die erste Person, die ich treffe, ist Timothy, zwar nicht gerade ein Mädchen, aber besser als nichts. Timothy hat sich aufgebrezelt, er zeigt Haut und freut sich, wenn ihn die Leute anstarren.

» Timothy, was ist dein Vorsatz fürs neue Jahr? «

» Occupy the Government. «

Timothy ist keine große Hilfe. Ich will die Regierung nicht besetzen, ich will mit ihr Knoblauch essen.

Ich gehe weiter und treffe drei entzückende schwarze Damen: Kawama, Val und Scootie. Ihr Vorsatz lautet: » Gott näher kommen. « Hat Gott sie mir geschickt, damit ich die Republikaner wähle? Vielleicht.

Aber ich habe keine Zeit, um darüber nachzudenken, denn ein Deutscher namens Detlef stellt sich mir vor. Er raucht, als ob es kein Morgen gebe, und sagt mir, dass sein Neujahrsvorsatz » Viel Arbeit! « ist. Ich will Detlef fragen, ob ihn die Jobsuche nach New York verschlagen hat, aber werde von drei schönen Däninnen abgelenkt: Eline, Katrin and Sofie.

» Sagt mal, Mädchen, würdet ihr einen Mann daten, der so dick ist wie ich? «

Ich bekomme drei Antworten:

» Kommt auf den Mann an. «

» Vielleicht. «

» Vielleicht. «

Das hilft mir auch nicht weiter.

Detlef ist übrigens nicht der einzige Deutsche in der Stadt. Sechs anscheinend unfassbar gelangweilte Deutsche erklären mir, dass sie » keine Vorsätze « haben. Wie wäre es mit » Gewichtszunahme « und » so dick werden wie Tuvia «? Sie platzen vor Lachen. Ich mag sie.

Keiner meiner Befragten bringt mich weiter. Wahrscheinlich sollte ich mich an durchsetzungsfähige Menschen wenden. Wie wäre es mit Polizisten? Polizisten sind entscheidungsfreudige Wesen. Da kommt einer in seinem Polizeiauto angefahren. Ich halte ihn an.

» Was ist Ihr Neujahrsvorsatz? «

» Mehr Leute verhaften. «

» Wie heißen Sie? «

» Das braucht Sie nicht zu interessieren. «

Zwei Straßen weiter nördlich treffe ich den nächsten Polizisten.

» Ich heiße Matt «, sagt er.

» Was ist Ihr Neujahrsvorsatz, Matt? «

» Bettler von den Straßen vertreiben. «

Ich lasse ihn in Ruhe und erwische Bob, einen Mann, der aussieht, als träume er. Oder Ähnliches.

» Was ist Ihr Neujahrsvorsatz, Bob? «

» Ich will 200 Pfund zunehmen. «

» Warum? «

» Ich will Sumo-Ringer werden. «

Ganz in der Nähe treffe ich eine attraktive Dame, die glücklich aussieht, ohne dass ich wüsste, warum. Sie sieht eher nach » Occupy «, denn nach » Wall Street « aus. Die Dame ist fast so dick wie ich. Sie trinkt irgendein Gebräu, Alkohol wahrscheinlich, und ihr Gesicht strahlt. » Du siehst fantastisch aus! «, sagt sie glücklich und nimmt meine Hand. Ihr Freund – ein mageres Männchen – schaut missbilligend drein.

Sofort entscheide ich mich: fettiges Essen mit Barack!

Ich gehe online, wild entschlossen, das Essen mit meinem Freund zu erwerben. Ich sehe es vor mir: allerfeinstes Fleisch, süßeste Nachspeisen, allerbeste Butter.

Aber wie jeder Priester, Rabbi und Imam weiß, betrügt der Teufel seine Jünger: Er lässt mich nicht. » Das Abendessen mit Barack und Michelle ist vorbei «, steht auf dem Bildschirm.

Wir haben 2012. Michelle kocht nicht mehr.

Ich glaube, ich werde meine drei Dollar im Fitnessclub ausgeben müssen.

 

 

 

Gebt mir Bier, gebt mir Würstchen – und ich bleibe im Fitnessstudio!

 

 

Wir leben in modernen Zeiten. Wir kommunizieren mit Maschinen namens Siri oder Shmiri, und wir glauben fest daran, schlauer und feinsinniger als alles und jeder zu sein. Und neben Siri und Shmiri schreiben und bekommen wir Textnachrichten und E-Mails von unseren Facebook-Freunden. Und davon haben wir natürlich jede Menge.

Das Leben dreht sich zweifelsfrei um Facebook und iPad, nicht mehr um Penis und Vagina. Unsere analphabetischen Urahnen mögen das noch geglaubt haben, aber wir wissen es besser. Selbst unsere Bilder, unsere eigenen Abbilder, sind nichts weiter als Photoshop-Schöpfungen.

Ein Besuch im Fitnessclub reicht aus, um mir in Erinnerung zu rufen, wie falsch ich damit liege. Und das schon lange. Ich sehe mir die Leute an: riechende Geschöpfe, wie Pferde im Stall. Wenn Photoshop sie gemacht hätte, würden sie nicht so einen Geruch verströmen. Und sie riechen nicht nur schlecht, ihr Treiben ist zudem völlig sinnlos. Sie walken auf Laufbändern, als gingen sie irgendwohin, aber tatsächlich bleiben sie hier. Ganz egal, wie » weit « sie gehen: Sie bleiben immer hier. Manche von ihnen benutzen dazu » Fahrräder «. Man könnte denken, dass sie irgendwohin wollen, dass sie ein Ziel hätten – aber weit gefehlt! Und dann gibt es noch die Treppensteiger. Man denkt, sie würden Etagen erklimmen, erster Stock, zweiter Stock, dritter – und so weiter bis Etage 200. Aber nichts da. Sie bleiben am Boden, ganz egal, wie schnell sie klettern.

Um ein Bild zu verwenden: Diese Leute sehen aus wie Mäuse in Laborkäfigen. Sie rennen und rennen und rennen und rennen. Ins Nichts. Warum tun sie das?

Sie trainieren. Sie bauen Muskeln auf.

Stimmt etwas mit den Muskeln nicht, die sie bereits haben?

Ich kann nichts Falsches daran erkennen.

Sie sind Menschen – und anders als Apparate sind Menschen aus Fleisch, Knochen und Blut. Seht sie euch an, die Walker, Radler und Treppensteiger. Man denkt sofort: Der Motor dieser Menschen wird nicht mit Weisheit betrieben. Ganz gleich, zu welchem politischen Lager sie gehören, an welchen Gott sie glauben, ganz gleich, welcher Rasse sie sind oder gerne sein würden, ganz gleich, wie weiß oder schwarz, wie reich oder arm. Im Kern sind sie alle gleich: Geschöpfe, die mehr Ähnlichkeit mit Pferden, Schweinen oder Mäusen haben als mit glänzenden, smarten Maschinen. Wenn man sie auf ihrem Weg ins Nichts beobachtet, begreift man, wie unrecht die Rassisten unter uns haben. Nein – nicht nur, weil sie denken, dass die anderen Rassen minderwertig sind. Sondern vielmehr, weil sie sich selbst für besser halten.

Es ist komisch, aber unsere Treppensteiger und Walker erinnern mich an die faszinierenden Menschenansammlungen, denen ich in Deutschland begegnet bin. Nein, um Gottes willen, damit meine ich keinen » Umschlagplatz « für Juden auf dem Weg ins Lager. Ich meine etwas ganz anderes: die Weltmeisterschaft. Ich war in Deutschland unterwegs, weil ich ein Buch über Land und Leute schreiben wollte, als meine Füße mich zu verschiedenen sogenannten Public Viewings trugen. Sei es in Tübingen oder Frankfurt, Dortmund oder Berlin – überall sah ich Leuten zu, die auf riesigen Bildschirmen anderen Leuten beim Fußballspielen zusahen. Keiner der Zehn- oder Hunderttausenden, denen ich dort begegnete, kickte jemals einen Ball, erst recht keinen der Bildschirmbälle. Aber alle benahmen sich wie Kicker. Ich sah sie fassungslos an: Warum empfinden diese Fans jedes Tor als » ihr « Tor, obwohl sie nur schreien, Bier trinken und Würstchen essen?

Die Antwort ist erstaunlich einfach: Menschen sind Idioten. Mich natürlich eingeschlossen.

Ich beobachte die riechenden Geschöpfe noch eine Weile, als mir plötzlich eine wundersame Erleuchtung kommt: Der Schweiß anderer Menschen macht sehr, sehr, sehr süchtig. Ich finde etwas, das wie ein Stuhl aussieht, und mache es mir bequem. Ich beobachte die schwitzenden Walker und rede mir ein, dass ich selbst es bin, der geht. Ganz wie die deutschen Fans.

Ich lasse die Frauen und Männer walken und klettern und trainiere meine Gehirnzellen. Ich denke. Tausend Sachen gehen mir durch den Kopf. Und plötzlich, als meine Zellen schon in der Verlängerung sind, verstehe ich bisher unbegreifliche Dinge. Zum Beispiel war mir die Geschichte des millionenschweren Sozialisten Dominique Strauss-Kahn immer ein Rätsel. Etwas an ihm war mir immer suspekt, wenn Sie mir diese offenen Worte gestatten. Wenn ihm Wenigverdiener derart am Herzen liegen und ihm der Sozialismus sozusagen im Blut liegt, warum bekommen die Armen dann scheinbar immer zuerst einen Termin mit seinem Penis, wenn sie Strauss-Kahn sprechen wollen? Michael Moore habe ich auch nie begriffen. Ein schimpfender Kapitalismusgegner, der Millionen Dollar damit verdient, Filme gegen den Kapitalismus zu machen? Das ist paradox, oder irre ich mich?

Heute allerdings verstehe ich die beiden: Sie sehen den Armen zu. Man könnte es als eine Art Sport betrachten. Die einen sehen anderen beim Sport zu und halten sich für Athleten, die anderen betrachten die Hungernden und bekommen Appetit.

Plötzlich ist alles völlig klar!

Ich hätte nie gedacht, dass es einmal so weit kommen würde, aber jetzt sage ich es: Ein Fitnessclub ist ein wundervoller Ort. Gebt mir Bier, gebt mir Würstchen – und ich bleibe für immer!

Ich bin ein großer Fan. Erst einen Tag im Fitnessclub und ich bin schon viel schlauer als zuvor!

Über Tuvia Tenenbom

Biografie

Tuvia Tenenbom ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches »Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise«, mit dem er 16 Wochen unter den TOP 20 der SPIEGEL-Bestsellerliste war. Für ZEIT ONLINE schreibt er seit Dezember 2011 die...

Inhaltsangabe

Inhalt

Vorwort
Gott muss fett sein
Was halten junge Mädchen von einem dicken Mann?
Gebt mir Bier, gebt mir Würstchen – und ich bleibe im Fitnessstudio!
Auf dem Laufband muss ich an die Juden aus der Bibel denken
Auf dem Rad mit Ahmadinedschad
Alle schwitzen, ich komme mir vor wie ein Teich
Muskeln! Ich will Muskeln. Wie du!
In der Fitness-Oase der Superreichen
Wer Fußball spielt, kommt nicht ins Paradies
Glauben Sie, ich heiße Messi?
Die fettesten Menschen von L. A.
Sex ist gut, Cola Light nicht
Viel denken, wenig wiegen
Ich verstehe die Deutschen, auch wenn ich der Einzige bin
Er könnte den Mond kaufen und schlürft ungesüßten Kräutertee
Reiten, das ist das beste Fitnessstudio
Schokolade statt Sex vor dem Zumba-Tanz
Ich werde das Adlon nicht verlassen
Ich will schwarz sein
Meine Verwandlung in einen Deutschen
Ich trainiere, bis ich so viele Puppen wie Berlusconi habe
Will ich dünn sein oder ein sexy Fettsack?
Ich skilanglaufe schneller als eine Ameise
Kaiser Tuvia, der Eroberer Tirols
Den letzten Gymnastikball sah ich in einem lesbischen Pornofilm
Sport ist nur für Egoisten
Wenn Einstein mit Freud Fußball spielt
Wenn sie meine blonden Haare sehen, schlachten sie mich ab
Ein Bad für deutsche Weltverbesserer
Messi, Hitler und ich
Ein Fußballspiel zwischen linken und rechten Rassisten
Ich zeige allen, wie ein echter Profi läuft

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden