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Fashion Victim

Thriller

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Fashion Victim — Inhalt

»Rose Hotel. Zimmer 538. Sie ist tot.« Als Sophie Kent, eine junge, aufstrebende Journalistin eines Nachts diese anonyme SMS bekommt, ist ihr sofort klar: Das könnte die Story ihres Lebens sein. Doch als sie die übel zugerichtete Frauenleiche in Zimmer 538 sieht, ist Sophie erschüttert. Das Opfer ist Natalia, ihre Informantin und Model der Londoner Fashion Week. Sophie beginnt zu recherchieren. Nach und nach deckt sie grausame Abgründe der Mode-Industrie auf – und riskiert für die Wahrheit schließlich ihr eigenes Leben.

Erschienen am 03.07.2017
Übersetzer: Anna-Christin Kramer
400 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30971-4
Erschienen am 03.07.2017
Übersetzer: Anna-Christin Kramer
400 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97617-6

Leseprobe zu »Fashion Victim«

Ihre Haut ist perfekt.

Rosa und straff. Die kalte Nachtluft überzieht sie mit einer Gänsehaut. Bei diesem Anblick durchfährt es mich heiß. In mir erwachen Verlangen, Begehren und Wut. Rasende Wut, die ich kaum ertragen kann.

Sie liegt mit ausgestreckten Armen und Beinen auf der Matratze, die Augen geschlossen; das dunkle Haar hängt ihr in nassen Strähnen in die Stirn. Ich ziehe an meiner Zigarette. Beobachte sie durch den Rauch. Sie dreht den Kopf von mir weg. Egal. Ich muss ihr Gesicht nicht sehen. Ich kenne es so gut wie mein eigenes. Kann mir die [...]

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Ihre Haut ist perfekt.

Rosa und straff. Die kalte Nachtluft überzieht sie mit einer Gänsehaut. Bei diesem Anblick durchfährt es mich heiß. In mir erwachen Verlangen, Begehren und Wut. Rasende Wut, die ich kaum ertragen kann.

Sie liegt mit ausgestreckten Armen und Beinen auf der Matratze, die Augen geschlossen; das dunkle Haar hängt ihr in nassen Strähnen in die Stirn. Ich ziehe an meiner Zigarette. Beobachte sie durch den Rauch. Sie dreht den Kopf von mir weg. Egal. Ich muss ihr Gesicht nicht sehen. Ich kenne es so gut wie mein eigenes. Kann mir die dunkle Wölbung über ihren Augenlidern vorstellen, den Erdbeermund.

In der Ferne schreit ein Fuchs. Ich neige den Kopf, drehe die Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger. Die Brise, die durch die Fenster des Schuppens hereinweht, zupft an meinem Haar wie ein Kleinkind mit klebrigen Händen. Ich drücke ihr die Zigarette in die Halsgrube.

Das heiße, rote Zischen verbrennender Haut.

Mein Körper summt.

Jemand bewegt sich neben mir, bricht den Zauber.

»Bereit?« Seine Stimme klingt barsch.

»Lass dir Zeit. Die geht heute nirgends mehr hin.« Mein Blick gleitet zu den Fesseln an ihren Handgelenken, dem Klebeband über ihrem Mund.

Schatten stehen an der Wand, schauen uns zu, warten darauf, dass sie an der Reihe sind. Das Ende ist nah, da bin ich mir sicher. Diese violetten, schmerzerfüllten Nächte sind nicht mehr genug. Sie ist nicht mehr genug. Ich sehe doch, wie schnell uns das Lächeln gefriert und die Blicke sich wieder trüben, sobald es vorbei ist.

Er geht an mir vorbei. Ein Hauch von altem Schweiß und Birnenbonbons streift mich. Ich höre, wie das Bonbon gegen seine Zähne klackt.

Er kniet sich neben sie. Schnallt seinen Gürtel auf. Ich kann nicht wegsehen. Sie dreht sich zu mir. Ein stilles Flehen in der Dunkelheit. Ihre Pupillen glänzen schwarz wie Lakritz.

Mein Daddy mochte Lakritz am liebsten. Wenn er mich angefasst hat, hat er mir hinterher immer eine Lakritzschnecke gegeben.

Ich starre auf die Wunde, die an ihrem Hals Blasen wirft.

Jetzt ist ihre Haut perfekt.

 

1

Februar 2014

 

Die dünne Frostschicht auf dem Rasen knirschte unter meinen Schritten, während ich am Absperrband entlangging und mir einen Überblick verschaffte. Ein Teil der Axt schimmerte im winterlich blauen Licht auf. Der Rest steckte im Schädel des Jungen. Auf dem buttergelben Griff stand der Name des Herstellers, ich konnte ihn aus der Entfernung nicht entziffern. Dann eben später, auf den Fotos. Solche Details bezog ich gerne in meine Artikel mit ein.

Die bitterkalte Luft schmerzte beim Einatmen. Eine unheimliche Stille lag über der Szenerie. Ich hatte gerade mit dem Fotografen in einer angrenzenden Straße die Zeugen eines Überfalls interviewt, als plötzlich Sirenen durch die Luft schrillten. Wir folgten dem Blaulicht und trafen nur Sekunden nach der Polizei im Milton Way ein. Die Spurensicherung hatte gerade erst ihre Arbeit aufgenommen – nicht, dass es Zweifel an der Todesursache gegeben hätte.

»Ach du Scheiße.« Ned Masons Stimme klang leise, wie aus weiter Ferne, obwohl er so dicht neben mir stand, dass ich noch den kalten Rauch seiner letzten Zigarette riechen konnte. »Ist das eine Axt?«

Er wartete meine Antwort nicht ab, sondern betätigte hektisch den Auslöser. Offenbar hatte er sich schon wieder gefangen und hielt die entscheidenden Details fest. Das hochgerutschte Hosenbein über der dünnen, dunklen Wade. Den abgenutzten Turnschuh, den der Junge verloren hatte. Die Haarbüschel zwischen der klebrigen roten Schweinerei. Mein Blick kroch weiter, über den dunkelblauen Parka. Eine Erinnerung stieg in mir auf. Ich schüttelte sie ab und konzentrierte mich auf die ausgestreckten Arme des Jungen. Noch immer krallten sich die Finger in das mit Raureif überzogene Gras, an dem er sich hatte fortziehen wollen.

Ned sah sich um. »Die Kavallerie rückt an.«

Ein untersetzter Beamter stürzte mit einer Abdeckplane unter dem Arm auf uns zu.

»Können Sie mir etwas über den Jungen sagen?«

Er musterte mich aus kleinen Frettchenaugen. »Wer will das wissen?«

Ich streckte ihm meinen Presseausweis entgegen. »Sophie Kent, London Herald.«

»Na dann, Sophie Kent. Wenn Sie hier irgendwo ein Gesicht finden, anhand dessen wir ihn identifizieren können, sag ich dem Chief Bescheid.«

Ich zückte meinen Notizblock, obwohl mir seine Miene mehr als deutlich verriet, dass es Zeitverschwendung war. »Wer hat ihn gefunden? Wie lange liegt er schon hier?«

Der Beamte deckte die Leiche ab und zog die Plane zurecht, wobei er über der Axt kurz zögerte. Als er sich wieder aufrichtete, war er noch eine Spur bleicher.

»Tut mir leid, Schätzchen. Ich hab striktes Fraternisierungsverbot mit eurer Zunft. Schade eigentlich. Mit Ihnen würd ich gern mal fraternisieren.« Er grinste mich unverhohlen an, doch die Anspannung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Ich ging nicht auf die Bemerkung ein. Kaum verwunderlich, dass der Druck zunahm. Mein Chefredakteur würde das hier einen VWM nennen. Einen Verdammt Wichtigen Mord – und zwar mit Großbuchstaben und Ausrufezeichen. Der zwanzigste tote Teenager, seit der Commissioner vor neun Monaten öffentlich ein härteres Durchgreifen gegen Straßenkriminalität verkündet hatte. Diesen Jungen würde die Presse zum Symbol des Versagens der Londoner Polizei stilisieren. Kein Wunder, dass der Beamte nicht zum Plaudern aufgelegt war.

Er stapfte zurück zu den vor der Sozialsiedlung aufgereihten Polizeibussen und hinterließ dabei grüne Fußspuren im Frost.

Ned schielte angestrengt auf seine Kamera. »Ich hab was von der Leiche und was von der Axt drauf. Sonst noch was?«

Ich sah hinüber zum Parka des Jungen, zum runden goldenen Logo auf dem Ärmel. Vor meinen Augen tauchte der gleiche Parka auf – nur, dass er einen dürren weißen Körper mit silberblonden Haaren verhüllte –, und ich kniff die Augen fest zusammen.

Dann holte ich tief Luft und bemühte mich um einen ruhigen Tonfall. »Schieß ein paar Fotos von der Menge, den Trauernden. Ich will Nahaufnahmen von den Blumen und Botschaften, die hier niedergelegt werden. Alles, was mir seine Geschichte erzählt.« Der Junge mochte als Symbol für die schwindende Polizeipräsenz in der Hauptstadt enden, aber ich würde dafür sorgen, dass man ihn nicht auf eine Nummer in einer Statistik reduzierte.

Ned tat so, als würde er nicht merken, dass ich um Fassung rang. Er maß die Szene mit scharfen, grauen Augen. »So was sieht man auch nicht jeden Tag, hm?«

Ich räusperte mich, trat auf der Stelle, um meine Füße aufzuwärmen. Ein grüner Rucksack lag neben der Leiche, der Inhalt war auf dem Boden verteilt. Eine Plastikbrotdose neben einer ramponierten Ausgabe von Romeo und Julia. Der Umschlag eines Biologiebuchs flappte im Wind. »Er war noch jung. Auf dem Heimweg von der Schule, der arme Junge.« Meine Stimme brach.

Dieses Mal warf mir Ned einen besorgten Blick zu. »Alles okay?«

Ich betrachtete den Himmel, der in der Dämmerung immer dunkler wurde. »Mir geht’s gut.«

Ned zögerte, dann hängte er sich die Kamera um den Hals. »Sobald ich fertig bin, komme ich wieder.«

Er bahnte sich einen Weg durch die Menge wie ein in die Jahre gekommener Boxer. Mit vierundsechzig war Ned deutlich älter als andere Fotojournalisten, aber was ihm an jugendlicher Finesse fehlte, machte er mit seiner Erfahrung wett. Ned mochte zwar mit einem Bein in »Gottes Abflughalle« stehen, wie er sich ausdrückte, aber ich zweifelte nicht im Geringsten daran, dass er das perfekte Bild liefern würde.

In der Ferne dröhnten die Rotoren eines Fernsehhubschraubers. Mit klopfendem Herzen beobachtete ich das um sich greifende Chaos. Hier und da klammerten sich ein paar Augenzeugen aneinander, verloren im zuckenden Blaulicht. Reporter und Filmteams eilten zwischen ihnen hin und her wie ein paar Eichhörnchen auf Speed. Wenn ich mich dazugesellte, stünde ich am Ende mit denselben O-Tönen da. Ich musste mir etwas anderes einfallen lassen.

Also sah ich mich in der Hochhaussiedlung um. Der Mord war hinter einer Reihe parkender Autos geschehen, auf dem Brachland vor einem der Häuser. Aus einer Wohnung auf der rechten Seite im dritten Stock hätte man die beste Sicht. Ich lief zum Haus und nahm immer zwei Stufen auf einmal, wich einem benutzten Kondom und einer leeren Burger-King-Box aus. Oben angekommen, rang ich nach Atem. Beißender Uringestank stieg mir in die Nase.

Ich klopfte an die erste Tür.

Eine ältere Dame öffnete. Sie war klein, etwa so groß wie ich, und rund wie ein Fass. Um ihren Hals hing eine Kette mit Christophorus-Anhänger.

»Hallo, ich arbeite für den London Herald. Können Sie mir etwas über den Vorfall da unten erzählen?«

»Ich hab nix gesehen«, meckerte sie. Sie schob sich die dicke Brille auf dem Nasenrücken nach oben, und ein tiefroter Abdruck kam zum Vorschein. »Aber ist doch klar. Drogen. Ich wohne seit über vierzig Jahren hier, früher war das mal ’ne anständige Gegend. Wissen Sie, wie viele Kinder hier in letzter Zeit umgebracht worden sind?«

Das wusste ich in der Tat. Schließlich hatte ich über die meisten berichtet.

Am Ende des Flurs sah ich eine große junge Frau, die gerade in ihrer Wohnung verschwand. »Warte!« Sie drehte sich um, und in ihrem Blick sah ich so heftige Angst, dass ich für einen Moment aus dem Konzept geriet. Ich musterte ihr Gesicht, das von den dunkelbraunen Haaren eingerahmt wurde, die zarten, elfenhaften Züge und vollen Lippen, die sie nervös hochzog, sodass ich ihre Zahnlücke sehen konnte. Sie starrte auf den Boden und hielt mit aller Kraft die Tränen zurück. Ihr Kinn verzog sich vor lauter Anstrengung. »Hey, ist alles in Ordnung?«

Das Mädchen wischte sich mit zitternder Hand über die Augen. Ein blauer Schmetterling zierte den unteren Teil ihres Mittelfingers. Sie wollte die Tür schließen, doch ich hielt sie auf.

»Bitte, ich will dir nur helfen.«

Das Mädchen sagte nichts. Aber sie ließ die Tür für mich offen. Ich folgte ihr in ein winziges, von Zigarettenrauch vernebeltes Wohnzimmer. An den feuchten Wänden wölbte sich die gelbe Farbe wie Akne. Hier drinnen war es kaum wärmer als im Freien. Ich zog den Mantel enger um mich und wartete darauf, dass sie etwas sagte, aber sie ließ sich nur auf das graue Sofa fallen, schlug ein langes, dünnes Bein über das andere und steckte sich eine schon halb heruntergebrannte Zigarette an. Der Rauch stieg an die Decke.

»Kanntest du das Opfer?«

Sie starrte mich mit leerem Blick an. Im Bücherregal sah ich ein russisches Wörterbuch.

»Kommst du aus Russland?« Ich setzte mich neben sie. Etwas zuckte durch ihren veilchenblauen Blick. »Wie heißt du?«

Sie zog lange an der Zigarette und blies den Rauch in einem weißen Strom aus. »Natalia.«

Ihre Stimme klang tiefer, als ich erwartet hatte. Trotz der Kälte trug sie nur ein T-Shirt und einen kurzen, geblümten Rock.

»Wie alt bist du?«

Sie zögerte kurz. »Achtzehn.«

»Wie lange bist du schon in London?«

Natalia drückte die Kippe in einem überquellenden Aschenbecher aus. »Drei Monate.«

Sie ging nicht weiter darauf ein, und ich drängte sie nicht. Halb unter dem Sofa lag eine schwarze Mappe mit goldener Prägung: Models International. Das erklärte die feinen Gesichtszüge und die schlanke Gestalt.

»Wohnst du allein hier?«

Natalia steckte sich mit zitternden Händen eine neue Zigarette an. »Mit Eva. Sie ist bei einem Casting.«

Mein Abgabetermin saß mir im Nacken, und unruhig ging ich zum Fenster hinüber. Die Tüllgardine fühlte sich zwischen meinen Fingern feucht an.

Die Spurensicherung baute gerade ein weißes Zelt über der Leiche auf. Der blaue Parka. Ich schüttelte den Kopf. »Weinst du deswegen? Hast du irgendwas gesehen?«

Natalia rappelte sich hoch und trat neben mich ans Fenster. Wässriges Tageslicht sickerte durch die schmutzige Scheibe, und ich sah mir ihr Gesicht genauer an. Haut wie Perlmutt, auf der Wange ein hässlicher blauer Fleck. Sie schaute aus dem Fenster und schlug sich die Hand vor den Mund. Ein Armband aus blauen Flecken leuchtete an ihrem Handgelenk. Sie schüttelte so heftig den Kopf, dass sich ihr Haar aus dem Dutt löste und ihr auf die Schultern fiel, sie verlor das Gleichgewicht. Ich manövrierte sie zurück zur Couch.

»Natalia, willst du mir nicht sagen, was mit deinem Gesicht passiert ist?«

Sie versank in ihrem Sofa und zog sich den Rock straff über die bleichen Oberschenkel. Das runde braune Muttermal, das einem alten Penny ähnelte, war jedoch immer noch sichtbar.

»War ein Unfall. Bin ausgerutscht.« Sie sah mich tieftraurig an. »Bitte, gehen Sie.«

»Ich gehe erst, wenn du mich dir helfen lässt.«

Natalia biss sich auf die Unterlippe. »Ich kann hier nicht reden. Lieber woanders.«

»Wo?«

Sie zuckte mit den Schultern, ihr Blick war voller Angst. Ich schnappte mir ihr Handy und wählte meine Nummer. In meiner Handtasche klingelte es. »Ich schicke dir nachher die Adresse von einem Pub hier in der Nähe. Können wir uns heute Abend dort treffen?« Natalia schüttelte den Kopf. »Morgen?« Sie nickte fast unmerklich.

Vor der Wohnung lehnte ich mich an die kalte Betonwand. Ich durfte jetzt nicht stehen bleiben. Ich wusste genau, was dann passieren würde.

An der dritten Tür erfuhr ich, dass das Opfer der vierzehnjährige Jason Danby war, ein Musterschüler und leidenschaftlicher FC-Millwall-Fan, der bei seiner Tante Mary im Wohnblock gegenüber gelebt hatte. Sein älterer Bruder Jermaine war Mitglied in einer berüchtigten Gang namens The Red-Skilled Boys und hing oft in der Siedlung herum. Sein Markenzeichen: ein dunkelblauer Parka. Ein ältlicher Herr mit grau meliertem Haar erzählte mir, er habe einen Schrei gehört, aus dem Fenster geschaut und das Blut aus dem Schädel des Jungen fließen sehen. Er habe gedacht, es sei Jermaine, bis er den Rucksack erkannt habe. Er nahm meine Karte und schloss kopfschüttelnd die Tür.

Unten auf dem Rasen näherte sich ein Pathologe dem Zelt. Mach weiter. Ich schloss die Augen und rief mir die Szene ins Gedächtnis. Blutverschmiertes Gesicht, blütenweiße Socken. Erfrorene Fingerspitzen, klebrige Axt. Mach weiter.

Wie von selbst bewegte sich meine Hand zu dem kleinen silbernen T, das an einer Kette um meinem Hals hing. Ich spürte die vertraute Form, drückte mir die Enden in die Fingerspitzen. Plötzlich überkam mich das Grauen, schwer wie nasse Erde. Ich wappnete mich für den Zusammenbruch. Mein Herz hämmerte wie wild. Mein Atem ging hektisch. Eine kalte, eiserne Faust schloss sich um mein Herz. Ich grub mir die Fingernägel in die Handflächen und hoffte, es werde vorübergehen. Die Übelkeit wich einem dumpfen Schmerz. Ich heulte auf, und trat mit aller Kraft gegen die Wand.

Dann stolperte ich weiter, hämmerte an die nächste Tür. Die billige Sperrholzplatte vibrierte unter meinen Knöcheln. Die Tür wurde einen Spaltbreit geöffnet, und ein drahtiger Junge mit Afro und blauer Kapuzenjacke spähte hindurch.

»Ja?«

»Sophie Kent, ich arbeite für den London …«

Er schlug mir die Tür vor der Nase zu. Ich klopfte erneut.

»Verpiss dich«, klang es gedämpft und wütend von der anderen Seite.

Ich warf mich gegen die Tür. »Ich will wissen, was du gesehen hast! Hör auf, dich zu verstecken, du Idiot. Ich will helfen!«

»Sophie?« Ned fasste mich bei der Schulter. »Was machst du da?«

Ich schüttelte ihn ab und taumelte gegen die Betonwand. »Ich hab den Namen rausgefunden. Jason Danby.« Tränen verschleierten mir den Blick. »Er war erst vierzehn, Ned. Vierzehn. Seine Tante wohnt in Block C. Ich muss mit ihr reden.«

»Um die Tante kümmern sich bestimmt schon jede Menge anderer Leute. Außerdem solltest du lieber keine Angehörigen befragen. Nicht in deinem Zustand.«

»Was soll das denn bitte heißen?«

Ned fummelte an seinem Kameragurt herum. »Ich meine bloß, du bist heute erst zurückgekommen, und dieser Tatort ist …«

»Ned, da drüben liegt ein Teenager mit einer Axt im Hirn. Können wir dieses Gespräch vielleicht auf später verschieben?«

Er zuckte mit den Schultern und setzte zu einer Antwort an, doch ich wandte mich ruckartig ab und stürmte die Treppe hinunter, hin zu Block C. Zu Mary Danby. Zur Story.

Die eisige Luft brannte mir in der Lunge.

Mach weiter, verdammt noch mal.

 

2

Eine Woche später

 

»Verdammt noch mal, Sophie, was hast du dir dabei gedacht?« Philip Rowley streckte das schmale Gesicht aus den Papierbergen auf seinem Schreibtisch hervor wie ein Maulwurf, der nach frischer Luft schnappt.

»Sie hat dir doch gar nicht die ganze Geschichte erzählt. Ich habe bei ihr geklingelt, und sie wollte nicht mit mir reden …«

»Also hast du sie angeschrien?«

»Ich habe nicht geschrien.« Mary Danbys müde Stimme hallte in meinem Kopf nach. »Hätte sie mich ausreden lassen, hätte sie mit mir gesprochen, da bin ich mir sicher.«

Rowley sah mich mit versteinerter Miene an. »Erzähl doch keinen Scheiß, Sophie. Das ist nicht nur eine völlig ineffiziente Vorgehensweise, um jemanden zum Reden zu bringen, es ist auch noch Belästigung. Ich habe dir schon vor einer Woche gesagt, du sollst die Frau in Ruhe lassen. Und jetzt muss ich erfahren, dass du zurückgegangen bist und sie wieder befragt hast.« Rowleys schrille Stimme hatte ihm den Spitznamen »der Heuler« beschert, aber ich hütete mich, seine Autorität infrage zu stellen. Vom ersten Moment an war mir klar gewesen, dass ich mich vor ihm ganz besonders würde beweisen müssen. Rowley, ein knallharter Mann aus Yorkshire, verachtete den Geldadel genauso sehr wie das Privatschulwesen, und ich war mit beidem aufgewachsen. Mit Sicherheit störte er sich an meinem geschliffenen Akzent, aber einen gewissen Respekt schien er trotzdem vor mir zu haben. Ich hatte ihm mehr als genug Exklusivstorys geliefert, und außerdem wusste ich mit ihm umzugehen: Fass dich kurz, und sag niemals Nein.

»Hör mal, Mary Danby hat sich der Presse gegenüber mehrfach ausführlich geäußert. Sie hat die Polizei öffentlich beschuldigt, die Ermittlungen im Fall ihres Neffen zurückzufahren. Ich wollte nur ein Zitat von ihr.«

Rowley lehnte sich in seinem quietschenden Ledersessel zurück. »Und, hast du was bekommen außer ›Verpissen Sie sich, verdammt noch mal‹?«

Ich seufzte. »Na gut. Vielleicht hab ich’s ein bisschen übertrieben.«

»Ein bisschen?« Rowleys Glatze verfärbte sich dunkelrot. Er setzte die Hornbrille auf und griff nach einem Blatt Papier auf seinem Schreibtisch. »Hier steht, du hast ihr damit gedroht, die Tür einzutreten.«

Ich schnaubte. »Die Tür eintreten? Hast du mich schon mal angesehen?« Ich hätte noch mehr sagen können, überlegte es mir aber in Anbetracht seiner Gesichtsfarbe anders und starrte stattdessen aus dem Fenster. Draußen über dem Hyde Park türmten sich dicke Wolken am Himmel auf und verhießen weitere Regenfälle. Von Rowleys Eckbüro aus sah man einen Teil des Kensington Palace, was ihm mit seiner sozialistischen Ader bestimmt gewaltig gegen den Strich ging.

»Einer der Gründe, warum ich dich eingestellt habe, war dein besonderes Talent, Leute dazu zu bringen, sich zu öffnen. Du bist erst seit Kurzem wieder zurück, und das ist schon die zweite Beschwerde über dein Verhalten.« Rowleys Heulen wurde etwas sanfter. »Hier geht es nicht um Mary Danby, oder?«

Ich hatte keine Lust auf seinen mitleidigen Blick und konzentrierte mich demonstrativ auf die gerahmten Fotos hinter ihm. Rowley mit David Cameron an der Downing Street Nummer 10, mit Angela Merkel bei einem NATO-Gipfel, auf dem roten Teppich hinter George Clooney. Er mochte noch so sehr auf Mann-aus-dem-Volk machen, er hatte eine Schwäche für die Reichen und Schönen.

»Ich muss los. Ich habe in einer Dreiviertelstunde einen Interviewtermin in Brixton.«

Rowley seufzte. »Sophie, erinnerst du dich noch daran, was ich an deinem ersten Arbeitstag zu dir gesagt habe?«

Ich nickte. »Kenne immer deine Schlagzeile.«

»Ganz genau. Die Schlagzeile ist die Wahrheit. Und die Wahrheit verkauft den Artikel, egal, ob du fünfzig Wörter schreibst oder fünftausend. Wenn du die Essenz der Geschichte nicht in einer Zeile zusammenfassen kannst, dann vergiss es.« Ein Schatten huschte über sein Gesicht. »Das gilt nicht nur für den Journalismus, sondern auch fürs Leben. Und wenn ich dich so anschaue, sehe ich keine Schlagzeile mehr.«

»Philip …«

»Lass mich ausreden. Mir ist klar, dass du eine Menge durchgemacht hast, aber wir sind hier kein Wohltätigkeitsverein. Wir stecken tief in den roten Zahlen.« Er setzte die Brille ab. Plötzlich wirkte er mitgenommen. »Und nicht nur wir: der Mail, der Times und dem Telegraph geht es genauso. Man hat uns an die Wand gestellt und abgedrückt. Jetzt geht es nur noch darum, wer von uns als Letzter ausblutet. Die Etats sind gekürzt, wir erreichen kaum noch Leser, und außerdem sollen wir uns über Nacht in digitale Zauberer verwandeln. Unsere Klickzahlen beschäftigen mich mittlerweile mehr als die Titelseite. Aber das ist die Herausforderung: weniger ausgeben und gleichzeitig mehr Inhalte generieren. Wir steuern auf eine ungewisse Zukunft zu, und trotzdem verdienen die verbliebenen Leser Journalismus auf höchstem Niveau. Wo ist dein Niveau, Sophie? Wo ist deine Schlagzeile?«

Er beugte sich vor, der Blick hart wie lackiertes Holz. »Die Sophie Kent, die ich kenne, würde niemals eine Informantin bedrohen. Sie wüsste außerdem, dass nur hirnverbrannte Trottel verkatert zur Arbeit kommen. Du hast Talent, Sophie. Mehr als die meisten hier. Aber du bist vom Weg abgekommen. Du bist ein langatmiger, aufgeblähter Text, der zusammenhanglos von einem Satz zum nächsten stolpert und dem die Struktur fehlt, die Essenz.«

Ich konzentrierte mich auf meine Hände, da ich meiner Stimme nicht traute. Die Trauer drohte mich zu überwältigen. An manchen Tagen konnte ich sie regelrecht schmecken und spülte sie mit Hochprozentigem wieder runter. An anderen Tagen rann sie mir wie ein Narkosemittel durch die Adern und betäubte mich von innen. Aber das konnte ich vor Rowley nicht zugeben. Die Zeitungsbranche war im Krieg, und er musste sich auf seine Soldaten verlassen können.

»Tut mir leid, dass ich dich enttäuscht habe. Mach dir keine Sorgen um mich. Mir geht’s gut.« Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, doch ich hörte selbst, wie hohl meine Worte klangen.

Rowley verschränkte die Arme vor der Brust. »Weißt du was? Du hättest dir eine Auszeit nehmen sollen, nachdem es passiert ist. Dann hätte ich dich nicht zwingen müssen, nachträglich Sonderurlaub zu nehmen.« Er seufzte. »Ich glaube nicht, dass eine Woche lange genug war.«

Die Erinnerung an einen sich scheinbar unendlich ausdehnenden scharfkantigen Moment durchfuhr mich. »Glaub mir, hier bin ich besser dran.«

»Nicht, wenn es auf Kosten der Zeitung geht. Ein Haufen nörgelnder Wutbürger hat mir gerade noch gefehlt. Du kannst froh sein, dass Mary Danby auf eine Anzeige verzichtet.«

Ich lehnte mich nach vorne. »Sie wusste doch eigentlich nur, dass ich für den London Herald arbeite. Woher kennt sie meinen Namen?«

Rowley schob die Papiere auf seinem Schreibtisch mit seinen kleinen, gepflegten Händen zurecht. »Keine Ahnung. Sie hat mit Mack gesprochen. Der hat ihr den Stachel dann gezogen.« Ich schnaubte verächtlich, woraufhin Rowley mir einen strengen Blick zuwarf. »Er sorgt sich um dich. Er meint, die Beschäftigung mit Mord und Totschlag stehe deinem Genesungsprozess im Weg und ich solle dir lieber etwas weniger Anspruchsvolles übertragen. Lifestyle, oder Mode.«

Bei meinem Gesichtsausdruck zuckten Rowleys Mundwinkel. »Wenn sich nichts ändert, lässt du mir keine andere Wahl.«

Ich war in Gedanken immer noch bei Mack. Was für ein Arschloch.

»Wie dem auch sei.« Rowley klang gereizt. »Darum geht’s jetzt nicht. Du schickst Mary Danby eine handschriftliche Entschuldigung. Nicht auf London-Herald-Papier, falls sie damit irgendwo hausieren geht.« Rowley wandte sich wieder seinem Bildschirm zu und erklärte unser Gespräch damit für beendet.

Ich war schon fast zur Tür hinaus, als er noch etwas hinterherschob. »Du musst dich nicht aufopfern, Sophie. Falls du mehr Zeit brauchst, sag mir Bescheid. Drei Monate sind nicht besonders lange, wenn man einen nahen Verwandten verloren hat.«

Im Flur vor Rowleys Büro summten grelle Neonröhren vor sich hin. Erschöpft lehnte ich mich an die Wand. Aus der Nachrichtenredaktion drang eine Kakofonie aus klingelnden Telefonen und klappernden Tastaturen. Links von mir prangte in übergroßen Metallbuchstaben der Schriftzug THE LONDON HERALD. Rechts von mir flackerten die Nachrichten über eine Wand aus Fernsehern. Festungen, gebaut aus Bildschirmen, zwei oder drei pro Person, standen auf unordentlichen Schreibtischen. Überall Papierstapel; selbst im digitalen Zeitalter arbeiteten Journalisten lieber mit handfesten Informationen. Ich manövrierte durch das Großraumbüro, den Blick starr auf den Teppich gerichtet, und ließ mich schließlich auf meinen Schreibtischstuhl fallen.

Mein Handy vermeldete piepsend den Eingang einer SMS.

Lust auf ein Feierabendbier und reden?

Ich starrte auf die Nachricht und ging im Kopf mögliche Antworten durch, aber wem machte ich hier etwas vor?

Okay. Such was aus, wo uns keiner kennt.

Er schickte mir den Namen einer Bar in Soho, von der ich noch nie etwas gehört hatte. Ich knallte das Handy auf den Schreibtisch und schnappte mir meinen Mantel. Rowley und Mary Danby mussten warten.

Ich wurde erst noch woanders gebraucht.

Corrie Jackson

Über Corrie Jackson

Biographie

Corrie Jackson arbeitete dreizehn Jahre lang als Journalistin, unter anderem bei Harpers Baazar und der Daily Mail, und war anschließend als Chefredakteurin bei der Glamour. Nach Familiengründung und einem Aufenthalt in den USA lebt Corrie Jackson wieder in Surrey und arbeitet an der Fertigstellung...

Weitere Titel der Serie »Sophie-Kent-Reihe«

Sophie Kent ist eine junge, aufstrebende Londoner Journalistin, die beim Recherchieren für ihre Artikel regelmäßig in Gefahr gerät.

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