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Evas AugeEvas Auge

Evas Auge

Roman

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Evas Auge — Inhalt

Eine packende Kriminalgeschichte mit einem raffinierten psychologischen Hintergrund: Karin Fossum lässt die erfolglose junge Malerin Eva in den Mahlstrom eines Verbrechens geraten, bei dem sie aus reiner Neugier Zeugin geworden ist. Nachdem Eva einmal der Versuchung des schnellen Geldes nachgegeben hat, gibt es für sie kein Entrinnen mehr.

€ 16,99 [D], € 17,50 [A]
Erschienen am 15.08.2017
Übersetzt von: Gabriele Haefs
368 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-50036-4
€ 4,99 [D], € 4,99 [A]
Erschienen am 14.01.2014
Übersetzt von: Gabriele Haefs
368 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98041-8

Leseprobe zu »Evas Auge«

Leseprobe

Es sah aus wie ein Puppenhaus.

Ein winziges Haus mit roten Fensterrahmen und Spitzengardinen. Er blieb ein Stück davon entfernt stehen, horchte, hörte aber nur den Hund, der hechelnd neben ihm stand, und ein schwaches Rauschen in den alten Apfelbäumen. Er wartete noch eine Weile, spürte, wie die Feuchtigkeit des Grases durch seine Schuhe drang, und sein Herz, das noch immer im Takt der Verfolgungsjagd durch den Garten schlug. Der Hund sah ihn erwartungsvoll an. Seine große Schnauze dampfte, die Ohren zitterten, vielleicht hörte er aus dem [...]

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Leseprobe

Es sah aus wie ein Puppenhaus.

Ein winziges Haus mit roten Fensterrahmen und Spitzengardinen. Er blieb ein Stück davon entfernt stehen, horchte, hörte aber nur den Hund, der hechelnd neben ihm stand, und ein schwaches Rauschen in den alten Apfelbäumen. Er wartete noch eine Weile, spürte, wie die Feuchtigkeit des Grases durch seine Schuhe drang, und sein Herz, das noch immer im Takt der Verfolgungsjagd durch den Garten schlug. Der Hund sah ihn erwartungsvoll an. Seine große Schnauze dampfte, die Ohren zitterten, vielleicht hörte er aus dem Häuschen Geräusche, die der Mann nicht wahrnehmen konnte. Der Mann sah zum Wohnhaus zurück, wo hinter den Fenstern warmes, gemütliches Licht leuchtete. Das Hundegebell verhallte. Stille. Niemand hatte sie gehört. Unten auf der Straße stand sein Wagen, zwei Räder auf dem Bürgersteig, und mit offener Tür.

Sie hat Angst vor dem Hund, überlegte er verwundert. Er bückte sich, packte den Hund am Halsband und näherte sich langsam der Tür. So ein Häuschen hat auf der Rückseite sicher keinen Ausgang, bestimmt kann man noch nicht einmal die Tür abschließen. Ihr ist inzwischen sicher klargeworden, daß sie in der Falle sitzt. Es gibt keinen Ausweg mehr. Sie hat keine Chance.

Das Gericht lag in einem sechsstöckigen Betongebäude, das sich wie ein grauer Wall in der Nähe der Hauptstraße der Stadt erhob und dem eiskalten Wind vom Fluß her die ärgste Schärfe nahm. Die Baracken auf der Rückseite lagen im Windschutz, im Winter war das ein Segen, im Sommer wurden sie in der stillstehenden Luft gebacken. Über dem Eingang zierte eine sehr moderne Frau Justitia die Fassade, aus der Entfernung ähnelte sie eher einer Hexe auf ihrem Besen. Polizei und Kreisgefängnis verfügten neben den Baracken auch über die drei obersten Stockwerke.

Die Tür öffnete sich mit unwirschem Ächzen. Frau Brenningen fuhr zusammen und steckte hinter dem Wort »Wahrscheinlichkeitspotential« einen Finger in ihr Buch. Hauptkommissar Sejer betrat zusammen mit einer Frau das Foyer. Die Frau sah mitgenommen aus, ihr Kinn war zerschrammt, ihr Mantel und Rock zerrissen, sie blutete aus dem Mund. Frau Brenningen starrte sonst nie Fremde an. Im Foyer des Gerichtsgebäudes, wo sie nun seit siebzehn Jahren saß, hatte sie alle möglichen Leute kommen und gehen sehen, aber jetzt starrte sie. Sie klappte ihr Buch zu, nachdem sie zuerst einen alten Busfahrplan hineingelegt hatte. Sejer legte der Frau die Hand auf den Arm und führte sie zum Fahrstuhl. Sie ging mit gesenktem Kopf. Dann schlossen sich hinter den beiden die Türen.

Man konnte Sejer nicht ansehen, was er dachte. Er sah mürrisch aus, während er in Wirklichkeit nur reserviert und hinter seiner strengen Miene eigentlich recht freundlich war. Aber er warf nicht mit herzlichem Lächeln um sich, er benutzte sein Lächeln nur als Eintrittskarte, wenn er Kontakt aufnehmen wollte, und ein Lob hatte er nur für sehr wenige. Er zog die Tür zu und nickte zu einem Stuhl hinüber, zog einen halben Meter Papier aus dem Handtuchbehälter über dem Waschbecken, feuchtete ihn mit warmem Wasser an und reichte ihn der Frau. Die wischte sich den Mund ab und sah sich um. Das Büro war ziemlich kahl, aber sie musterte die Kinderzeichnungen an der Wand und eine kleine Salzteigfigur auf seinem Schreibtisch, die bewiesen, daß Sejer außerhalb dieser Wände noch ein anderes Leben hatte. Die kleine Figur stellte einen Polizisten in veilchenblauer Uniform dar, er war ziemlich in sich zusammengesunken, sein Bauch hing ihm auf die Knie, und er trug zu große Schuhe. Er hatte keine große Ähnlichkeit mit dem Modell, das jetzt mit ernsten grauen Augen ihr gegenüber Platz nahm. Auf dem Schreibtisch standen ein Kassettenrekorder und ein PC Marke Compaq. Die Frau musterte beides verstohlen und versteckte ihr Gesicht in den feuchten Papierhandtüchern. Sejer ließ sie gewähren. Er zog eine Kassette aus der Schreibtischschublade und beschriftete sie mit: »Eva Marie Magnus«.

»Haben Sie Angst vor Hunden?« fragte er freundlich.

Sie blickte auf.

»Früher vielleicht. Jetzt nicht mehr.«

Sie zerknüllte das Papier zu einem Ball.

»Früher hatte ich Angst vor allem. Jetzt fürchte ich mich vor nichts mehr.«

Der Fluß strömte durch die Landschaft und zerriß die kalte Stadt in zwei fröstelnde graue Hälften. Es war April, es war kalt. Dort, wo der Fluß die Innenstadt erreichte, ungefähr beim Zentralkrankenhaus, begann er, zu schäumen und sich aufzuspielen, als ob ihn der Lärm des Verkehrs und der Industrieanlagen an seinen Ufern nervös mache. Der Fluß strömte und sprudelte immer heftiger, je weiter er sich in die Stadt vorarbeitete. Vorbei am alten Theater und am Bürgerhaus, entlang an der Eisenbahnlinie und vorbei am Markplatz, an der alten Börse, in der sich jetzt ein McDonald’s eingerichtet hatte, hinunter zur Brauerei mit ihrer schönen pastellgrauen Farbe, die außerdem die älteste Brauerei im Land war, bis zum Cash & Carry, zur Autobahnbrücke, einem großen Gewerbegebiet mit mehreren Autohändlern und schließlich bis zum alten Wirtshaus. Dort konnte der Fluß endlich den letzten Seufzer ausstoßen und sich ins Meer wälzen.

Es war später Nachmittag, die Sonne ging schon unter, und bald würde sich die Brauerei aus einem öden Koloß in ein Märchenschloß mit tausend Lichtern verwandeln, die sich im Fluß spiegelten. Erst nach Einbruch der Dunkelheit wurde diese Stadt schön.

Eva ließ ihre kleine Tochter, die am Flußufer entlangrannte, nicht aus den Augen. Die Entfernung zwischen ihnen betrug zehn Meter, und Eva gab sich Mühe, mit der Kleinen Schritt zu halten. Es war ein grauer Tag, nur wenig Menschen waren hier unterwegs, ein eiskalter Wind kam vom schäumenden Fluß her. Wenn Eva jemanden mit freilaufendem Hund sah, atmete sie erst wieder auf, wenn der Hund an ihr vorbei war. Sie sah niemanden. Ihr Rock flatterte ihr um die Waden, der Wind wehte durch ihren Pullover, und deshalb hatte sie sich beide Arme um den Leib geschlungen. Emma lief zufrieden immer weiter, sie sah nicht besonders graziös aus, denn sie wog viel zu viel. Ein dickes Kind mit großem Mund und eckigem Gesicht. Ihre roten Haare schlugen ihr in den Nacken, und durch das Wasser in der Luft sahen sie schmutzig aus. Durchaus kein hübsches, adrettes kleines Kind, doch das wußte Emma nicht, und deshalb tanzte sie ziemlich sorglos dahin, ohne Eleganz, dafür aber mit einem Lebenshunger, wie ihn nur ein Kind haben kann. Noch vier Monate bis zum Schulbeginn, überlegte Eva. Eines Tages wird sie in den kritischen Gesichtern auf dem Schulhof ihr Spiegelbild entdecken, und sie wird sich zum ersten Mal ihrer unschönen Erscheinung bewußt werden. Aber wenn sie ein starkes Kind ist, wenn sie auf ihren Vater kommt, der eine andere gefunden hat und weggezogen ist, dann wird das keine große Rolle für sie spielen. Daran dachte Eva Magnus an diesem Tag am Flußufer. Daran, und an den Mantel, der zu Hause im Flur am Haken hing.

Eva kannte den Weg sehr genau, sie waren hier schon zahllose Male entlanggewandert. Emma bestand immer wieder darauf, wollte nicht auf die alte Gewohnheit verzichten, über den Flußweg zu schlendern. Für Eva war das nicht so wichtig. In regelmäßigen Abständen verschwand die Kleine unten am Wasser, weil sie irgend etwas entdeckt hatte, das sie genauer in Augenschein nehmen mußte. Eva starrte mit Adleraugen hinterher. Wenn Emma ins Wasser fiel, gab es außer Eva niemanden, der sie retten konnte. Die Strömung war reißend, das Wasser eiskalt, das Kind schwer. Eva schauderte.

Jetzt hatte Emma einen flachen Stein ganz unten am Wasser entdeckt und rief nach ihrer Mutter. Eva ging zu ihr. Der Stein war gerade so groß, daß beide darauf sitzen konnten.

»Hier können wir nicht sitzenbleiben, der Stein ist naß. Wir können uns eine Blasenentzündung holen.«

»Ist das gefährlich?«

»Nein, aber es tut weh. Es brennt, und du mußt dann dauernd Pipi machen.«

Sie setzten sich trotzdem. Beobachteten staunend die lebhaften Stromwirbel.

»Wie kommt die Strömung ins Wasser?« fragte Emma.

Eva mußte kurz überlegen.

»Nein, Himmel, das weiß ich wirklich nicht. Vielleicht hat es etwas mit dem Flußboden zu tun, es gibt soviel, was ich nicht weiß. Das lernst du bald alles in der Schule.«

»Das sagst du jedes Mal, wenn du keine Antwort weißt.«

»Ja, aber es stimmt auch. Auf jeden Fall kannst du dann deine Lehrerin fragen. So eine Lehrerin weiß viel mehr als ich.«

»Das glaube ich nicht.«

Ein leerer Plastikkanister kam in hohem Tempo angesegelt.

»Den will ich! Holst du ihn mir raus?«

»Nein, igitt, laß das schwimmen, das ist doch bloß Abfall. Ich friere, Emma, können wir nicht bald nach Hause gehen?«

»Nur noch ein paar Minuten.«

Emma strich sich die Haare hinter die Ohren und stützte das Kinn auf die Knie, aber ihre Haare waren starr und unwillig und fielen ihr wieder ins Gesicht.

»Ist das sehr tief?« Sie nickte zur Flußmitte hinüber.

»Nein, eigentlich nicht«, sagte Eva leise. »Acht oder neun Meter, nehme ich an.«

»Das ist doch schrecklich tief.«

»Nein, ist es nicht. Die allertiefste Stelle der ganzen Welt ist im Stillen Ozean«, sagte Eva nachdenklich. »Eine Art Graben. Er ist elftausend Meter tief. Das nenne ich schrecklich tief.«

»Da würde ich aber nicht gern baden. Du weißt doch ganz viel, Mama, so eine Lehrerin weiß das bestimmt nicht alles. Ich wünsche mir eine rosa Schultasche«, sagte Emma.

Eva schauderte.

»Mm«, sagte sie laut. »Die sind schön. Aber sie werden so schnell schmutzig. Ich finde die braunen schön, diese braunen Ledertaschen, weißt du, was ich meine? Solche, wie die Großen sie haben?«

»Ich bin nicht groß. Ich komm’ doch erst in die erste Klasse.«

»Ja, aber du wirst doch größer, und du kannst nicht jedes Jahr eine neue Schultasche haben.«

»Aber jetzt haben wir doch mehr Geld, oder?«

Eva gab keine Antwort, warf bei dieser Frage jedoch einen raschen Blick über ihre Schulter, eine Angewohnheit, die sie früher nicht gehabt hatte. Emma fand ein Stöckchen und hielt es ins Wasser.

»Wie kommt der Schaum ins Wasser?« fragte sie dann. »Dieser gelbe, fiese Schaum.«

Sie schlug mit dem Stöckchen ins Wasser. »Soll ich die Lehrerin danach fragen?«

Noch immer gab Eva keine Antwort. Auch sie hatte jetzt das Kinn auf den Knien liegen, ihre Gedanken gingen wieder auf Wanderschaft, und sie sah Emma nur noch undeutlich aus dem Augenwinkel heraus. Der Fluß erinnerte sie an etwas. Jetzt konnte sie unten im schwarzen Wasser ein Gesicht flimmern sehen. Ein rundes Gesicht mit schmalen Augen und schwarzen Brauen.

»Leg dich aufs Bett, Eva.«

»Was? Wieso denn?«

»Mach es einfach. Leg dich aufs Bett.«

»Können wir zu McDonald’s gehen?« fragte Emma plötzlich.

»Was? Ja, sicher. Wir gehen zu McDonald’s, da ist es immerhin warm.«

Sie erhob sich leicht verwirrt und nahm ihr Kind am Arm. Schüttelte den Kopf und starrte in den Fluß. Das Gesicht war verschwunden, aber sie wußte, es würde wieder auftauchen, würde sie vielleicht für den Rest ihres Lebens verfolgen. Sie gingen hoch zum Wanderweg und gingen weiter zur Stadt. Niemand begegnete ihnen.

Eva merkte, daß ihre Gedanken wegliefen, sie gingen ihre eigenen Wege und landeten an Orten, die sie lieber vergessen hätte. Das Rauschen des Flusses ließ Bilder vor ihr auftauchen. Sie wartete auf das Verschwinden dieser Bilder, sie wollte endlich ihre Ruhe. Und inzwischen verging die Zeit. Ein Tag nach dem anderen, und inzwischen waren es sechs Monate geworden.

»Kriege ich eine Juniortüte? Die kostet siebenunddreißig Kronen, und mir fehlt noch Aladdin.«

»Ja.«

»Und was willst du, Mama? Chicken McNuggets?«

»Weiß noch nicht.«

Eva starrte wieder in das schwarze Wasser hinab, beim Gedanken ans Essen wurde ihr schlecht. Sie aß überhaupt nicht sonderlich gern. Jetzt sah sie, wie sich unter dem graugelben Schaum die Wasseroberfläche hob und senkte.

»Wir haben doch jetzt mehr Geld, Mama, wir können essen, was wir wollen, oder?«

Eva schwieg. Sie blieb plötzlich stehen und kniff die Augen zusammen. Dicht unter der Wasseroberfläche sah sie etwas Grauweißes. Es wiegte sich schlaff hin und her und wurde von der starken Strömung ans Ufer gepreßt. Evas Augen waren so sehr mit diesem Anblick beschäftigt, daß sie die Kleine vergaß, die nun ebenfalls stehengeblieben war, und die genauer hinsah als ihre Mutter.

»Das ist ein Mann!« rief Emma. Sie bohrte die Fingernägel in Evas Arm und machte große Augen. Einige Sekunden lang starrten beide nur die aufgedunsene, halb aufgelöste Gestalt an, die mit dem Kopf voran zwischen die Steine trieb. Der Mann lag auf dem Bauch. Sein Hinterkopf war nur schütter behaart. Eva nahm Emmas Nägel, die sich durch ihren Pullover bohrten, gar nicht wahr, sie sah nur den grauweißen Toten mit den blonden, zerzausten Haaren, und sie wußte nicht sofort, daß sie wußte, wer er war. Aber seine Turnschuhe – die hohen, blauweißgestreiften Turnschuhe … ein heftiger Blutgeschmack füllte plötzlich ihren Mund.

»Das ist ein Mann«, sagte Emma noch einmal, jetzt leiser.

Eva wollte schreien. Der Schrei erstickte in ihrer Kehle. »Er ist ertrunken. Der Arme, er ist ertrunken, Emma!«

»Warum sieht er so fies aus? Fast wie Wackelpudding!«

»Weil«, stammelte Eva, »weil das so lange her ist.«

Sie biß sich so hart auf die Lippe, daß sie platzte. Der Blutgeschmack ließ Eva fast umsinken.

»Müssen wir ihn aus dem Wasser holen?«

»Nein, spinnst du! Das macht die Polizei!«

»Rufst du die jetzt an?«

Eva legte den Arm um die breite Schulter ihrer Tochter und stolperte mit ihr über den Weg. Gleich darauf schaute sie sich um, als erwarte sie einen Angriff. An der Auffahrt zur Brücke stand eine Telefonzelle, und Eva zog ihre Tochter hinter sich her und wühlte in ihrer Rocktasche nach Kleingeld. Sie fand einen Fünfer. Der Anblick der halbverwesten Leiche flackerte vor ihren Augen wie eine böse Vorwarnung all dessen, was jetzt noch kommen würde. Sie war nun endlich zur Ruhe gekommen, die Zeit hatte sich wie Staub über alles gelegt und die Albträume verblassen lassen. Aber jetzt hämmerte das Herz wie wild unter ihrem Pullover. Emma schwieg. Sie folgte ihrer Mutter mit verängstigten grauen Augen und blieb stehen.

»Warte hier. Ich rufe die Polizei an und sage, daß sie ihn holen müssen. Geh ja nicht weg!«

»Wir müssen sicher auf sie warten?«

»Nein, das müssen wir nicht.«

Eva ging in die Telefonzelle und versuchte, ihre Panik zu unterdrücken. Eine Lawine von Gedanken und Ideen raste durch ihren Kopf. Dann faßte sie einen schnellen Entschluß. Ihre Finger waren schweißnaß, sie ließ den Fünfer in den Schlitz fallen und wählte rasch eine Nummer. Ihr Vater antwortete, müde, er schien gerade geschlafen zu haben.

»Ich bin’s nur, Eva«, flüsterte sie. »Habe ich dich geweckt?«

»Ja, aber das wurde wirklich auch Zeit. Ich verschlafe jetzt ja fast schon den halben Tag. Stimmt was nicht?« brummte er. »Du klingst so aufgeregt. Ich kenne dich doch.«

Seine Stimme war trocken und brüchig, aber trotzdem hatte sie eine Stärke, die Eva immer geliebt hatte. Einen Stachel, der sie an die Wirklichkeit nagelte.

»Nein, alles in Ordnung. Emma und ich wollten gerade essen gehen, und da kamen wir an einer Telefonzelle vorbei.«

»Gibst du sie mir mal?«

»Äh, geht nicht, sie ist unten am Wasser.«

Eva sah zu, wie die Einheiten im Zähler weitertickten und warf einen raschen Blick auf Emma, die sich gegen die Glastür preßte. Ihre Nase wurde platt wie eine Marzipankartoffel. Ob sie hören konnte, was hier gesagt wurde?

»Ich habe nicht mehr viel Kleingeld. Wir kommen dich bald besuchen. Wenn du willst.«

»Warum flüsterst du eigentlich so?« fragte ihr Vater mißtrauisch.

»Tu ich das?« sagte sie ein wenig lauter.

»Gib deiner Kleinen einen Kuß von mir. Ich habe eine Überraschung für sie.«

»Was denn?«

»Eine Schultasche. Die braucht sie doch im Herbst, nicht wahr? Ich dachte, ich könnte dir die Ausgabe ersparen, du hast es schließlich nicht so leicht!«

Wenn er wüßte! Laut sagte sie:

»Das ist lieb von dir, Papa, aber sie weiß ziemlich genau, was sie haben will. Kann die Schultasche noch umgetauscht werden?«

»Natürlich, aber ich habe die genommen, die mir im Laden empfohlen worden ist. Eine rosa Ledertasche.«

Eva zwang ihre Stimme in einen normalen Tonfall. »Ich muß auflegen, Papa, ich habe kein Geld mehr. Paß auf dich auf.« Ein Klicken war zu hören, dann war er verschwunden. Der Zähler stand still.

Emma starrte sie gespannt an.

»Kommen die jetzt sofort?«

»Ja, sie schicken einen Wagen. Komm, jetzt gehen wir essen. Sie rufen uns an, wenn sie mit uns sprechen müssen, aber ich glaube nicht, daß das nötig ist, jetzt jedenfalls nicht, vielleicht später, und dann melden sie sich. Uns geht das Ganze ja eigentlich auch gar nichts an, weißt du, im Grunde nicht.«

Sie redete fieberhaft und fast schon atemlos drauflos.

»Können wir denn nicht warten und zuschauen, bitte!«

Eva schüttelte den Kopf. Sie überquerte, die Kleine im Schlepp, bei Rot die Straße. Sie waren ein ungleiches Paar. Eva lang und mager mit schmalen Schultern und langen dunklen Haaren, Emma dick und breit und x-beinig, mit leichtem Watschelgang. Beide froren. Und auch die Stadt fror im kalten Wind. Das ist eine unharmonische Stadt, dachte Eva, sie scheint niemals richtig glücklich sein zu können, weil sie zweigeteilt ist. Jetzt will jede der beiden Hälften die wichtigere sein. Die Nordseite mit der Kirche, dem Kino und den teuersten Warenhäusern, die Südseite mit der Eisenbahn, den billigen Einkaufszentren, den Kneipen und dem Schnapsladen. Letzterer war wichtig, denn er lockte einen gleichmäßigen Strom von Menschen und Autos über die Brücke.

»Warum ist der Mann denn ertrunken, Mama?«

Emma starrte ihre Mutter an und wartete auf eine Antwort.

»Ich weiß nicht. Vielleicht war er betrunken und ist in den Fluß gefallen.«

»Vielleicht ist er beim Angeln aus dem Boot gekippt. Er hätte eine Schwimmweste anziehen sollen. Ob der wohl alt war, Mama?«

»Nicht sehr alt. Wie Papa, vielleicht.«

»Papa kann jedenfalls schwimmen«, sagte Emma erleichtert.

Sie hatten die grüne Tür des McDonald’s erreicht. Emma drückte sie mit der Schulter auf. Die Gerüche im Lokal, Hamburger und Pommes frites, zogen sie und ihren niemals nachlassenden Appetit an. Vergessen war der Tote im Fluß, vergessen war der Ernst des Lebens. Emmas Magen knurrte, und Aladdin war in Reichweite gerückt.

»Such dir einen Tisch«, sagte Eva. »Ich hol’ uns was zu essen.«

Emma ging in ihre Lieblingsecke. Setzte sich unter den blühenden Mandelbaum aus Plastik, während Eva sich vor dem Tresen anstellte. Sie versuchte, das Bild abzuschütteln, das vor ihrem inneren Auge auf und ab wogte, aber immer wieder drängte es sich auf. Würde Emma es vergessen, oder würde sie darüber sprechen? Vielleicht würde sie nachts böse davon träumen. Sie mußten es totschweigen, durften es nie mehr erwähnen. Am Ende würde Emma dann glauben, es sei nie geschehen.

Die Schlange rückte auf. Eva starrte zerstreut die Jugendlichen hinter dem Tresen an, mit ihren roten Mützenschirmen und den roten kurzärmligen Hemden, sie arbeiteten in einem Wahnsinnstempo. Der Essensgeruch erhob sich hinter dem Tresen wie eine Wand, der Geruch von Fett und gebratenem Fleisch, von geschmolzenem Käse und Gewürzen stieg ihr in die Nase. Aber die Jugendlichen selber schienen unberührt von der schweren Luft, sie rannten hin und her, wie emsige rote Ameisen, und lächelten bei jeder neuen Bestellung optimistisch. Das hier hatte kaum Ähnlichkeit mit Evas eigenem Arbeitstag. Meistens stand sie mit verschränkten Armen mitten in ihrem Atelier und starrte feindselig die aufgespannte Leinwand an. An guten Tagen starrte sie aggressiv und ging zum Angriff über, voller Autorität und Übermut. Ein seltenes Mal verkaufte sie ein Bild.

»Eine Juniortüte«, sagte sie rasch. »Und Chicken, und zwei Cola. Und könnten Sie einen Aladdin dazutun, bitte, der fehlt ihr nämlich noch?«

Die Frau machte sich an die Arbeit. Ihre Hände drehten und brieten, packten und falteten, und das alles blitzschnell. Emma reckte hinten in der Ecke den Hals und ließ ihre Mutter nicht aus den Augen, als die endlich mit dem Tablett schwankend auf sie zukam. Eva zitterten plötzlich die Knie. Sie ließ sich auf den Stuhl sinken und sah verwundert zu, wie ihre Tochter sich eifrig bemühte, die kleine Pappschachtel zu öffnen. Sie suchte nach der Überraschung. Ihr Freudenausbruch war ohrenbetäubend.

»Ich hab’ Aladdin gekriegt, Mama!« Sie hob die Figur in die Luft, um sie dem ganzen Lokal zu zeigen. Alle sahen zu ihr herüber. Eva schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte laut auf.

»Bist du krank?«

Emma war plötzlich sehr ernst und versteckte Aladdin unter dem Tisch.

»Nein, doch – ach, ich bin einfach nicht gut drauf. Das legt sich bald wieder.«

»Tut dir der tote Mann leid?«

Eva fuhr zusammen.

»Ja«, sagte sie dann einfach. »Der tote Mann tut mir leid. Aber über den reden wir jetzt nicht mehr. Nie mehr, hörst du, Emma! Mit niemandem! Das macht uns doch nur traurig.«

»Aber meinst du, der hatte Kinder?«

Eva wischte sich mit den Händen die Tränen ab. Sie wagte kaum noch, an die Zukunft zu denken. Sie starrte ihre Hähnchenwürfel an, die teigigen braunen, in Fett gebackenen Klumpen, und sie wußte, daß sie sie nicht essen würde. Wieder flimmerten die Bilder an ihr vorbei. Sie sah sie durch die Zweige des Mandelbaums.

»Ja«, sagte sie schließlich und wischte sich noch einmal das Gesicht. »Vielleicht hatte er Kinder.«

Eine ältere Dame, die ihren Hund ausführte, entdeckte plötzlich zwischen den Steinen den blauweißen Schuh. Wie Eva ging auch sie in die Telefonzelle an der Brücke. Als die Polizei eintraf, stand sie leicht unbeholfen mit dem Rücken zur Leiche am Ufer Posten. Ein Polizist namens Karlsen stieg als erster aus dem Wagen. Er lächelte höflich, als er die Frau sah, und betrachtete neugierig ihren Hund.

»Das ist ein chinesischer Nackthund«, erklärte die Frau.

Es war wirklich ein faszinierendes kleines Vieh, sehr rosa und sehr runzlig. Oben auf dem Kopf hatte es einen fetten Quast aus schmutziggelbem Fell, ansonsten war es, wie die Frau richtig gesagt hatte, nackt.

»Wie heißt der denn?« fragte Karlsen freundlich.

»Adam«, war die Antwort. Karlsen nickte lächelnd und holte den Koffer mit der Ausrüstung aus dem Wagen. Der Tote machte ihnen eine Zeitlang zu schaffen, aber schließlich konnten sie ihn ans Ufer ziehen und dort auf eine Plane legen. Er war kein Schwergewicht, er sah durch die lange Zeit im Wasser nur so aus. Die Frau mit dem Hund ging ein Stück von ihnen weg. Die Polizisten arbeiteten leise und sorgfältig, der Fotograf machte Bilder, ein Gerichtsmediziner kniete neben der Plane und machte Notizen. Die meisten Todesfälle hatten triviale Ursachen, die Polizei rechnete mit einer Routinesache. Vielleicht ein Suffkopp, der ins Wasser gefallen war, nachts gab es auf den Spazierwegen und unter der Brücke einige von der Sorte. Dieser hier war irgend etwas zwischen zwanzig und vierzig, schlank, aber mit Bierbauch, blond, nicht besonders groß. Karlsen streifte sich einen Gummihandschuh über die rechte Hand und hob vorsichtig einen Hemdenzipfel an.

»Messerstiche«, sagte er kurz. »Mehrere. Wir drehen ihn mal um.« Sie verstummten. Das einzige, was zu hören war, war das Geräusch der Gummihandschuhe, die abgestreift und wieder angezogen wurden, das leise Klicken des Fotoapparates, ab und zu ein Atemzug, und das Knistern der Plastikplane, die neben der Leiche ausgebreitet wurde.

»Ich frage mich«, murmelte Karlsen, »ob wir endlich Einarsson gefunden haben.«

Die Brieftasche des Mannes war verschwunden. Aber seine Armbanduhr war noch da, eine billige Uhr mit viel Schnickschnack, wie der Zeit von Tokio, New York und London. Der schwarze Riemen hatte sich in das geschwollene Handgelenk eingegraben. Die Leiche hatte ziemlich lange im Wasser gelegen und war vermutlich von der Strömung weiter oben im Fluß mitgetragen worden, deshalb war die Fundstätte nicht weiter interessant. Trotzdem wurden einige Untersuchungen angestellt, sie suchten das Ufer nach möglichen Spuren ab, fanden aber nur einen leeren Plastikkanister, der Frostschutzmittel enthalten hatte, und eine leere Zigarettenschachtel. Inzwischen hatten sich oben auf dem Uferweg einige Zuschauer eingefunden, zumeist junge Leute; sie reckten die Hälse und versuchten, wenigstens einen kurzen Blick auf die Leiche auf der Plane zu erhaschen. Die Verwesung war in vollem Gang. Die Haut hatte sich vom Körper gelöst, vor allem an Füßen und Händen, es sah aus, als trage er zu große Handschuhe. Und der Tote hatte sich schlimm verfärbt. Die Augen, die einst grün gewesen waren, waren jetzt durchsichtig und farblos, seine Haare gingen büschelweise aus, das Gesicht war dermaßen aufgedunsen, daß die Züge verschwammen. Was es im Fluß ansonsten an Leben gab, Krebse, Fische und Insekten, hatte gierig zugelangt. Die Messerstiche in der Seite hatten klaffende Wunden im grauweißen Fleisch hinterlassen.

»Hier habe ich früher immer geangelt«, sagte einer der Jungen oben auf dem Weg, er hatte in seinem ganzen siebzehnjährigen Leben noch keinen Toten gesehen. Er glaubte eigentlich nicht an den Tod, ebensowenig wie an Gott, weil er beides nie gesehen hatte. Er bohrte das Kinn in seinen Jackenkragen und schüttelte sich. Von nun an war alles möglich.

Vierzehn Tage später lag der Obduktionsbericht vor. Hauptkommissar Konrad Sejer hatte sechs Personen ins Besprechungszimmer gebeten, das in einer der Baracken hinter dem Gericht lag. Sie waren erst in den letzten Jahren aufgrund von Platzmangel errichtet worden, eine Reihe von Büros, die für die Allgemeinheit verborgen waren, mit Ausnahme der unglücklichen Seelen, die in engeren Kontakt zur Polizei gerieten. Einiges war bereits geklärt. Sie wußten, wer der Mann war, das hatten sie übrigens sofort feststellen können, da er einen Trauring mit dem eingravierten Namen Jorun trug. Ein Ordner aus dem Oktober des Vorjahres enthielt alle Informationen über den vermißten Egil Einarsson, achtunddreißig, Rosenkrantzgate 16, zuletzt gesehen am 5. Oktober um neun Uhr abends. Er hinterließ eine Frau und einen sechs Jahre alten Sohn. Der Ordner war schmal, würde bald aber an Umfang zunehmen. Die neuen Fotos machten da schon einiges aus, und schön waren sie nicht. Eine Reihe von Personen war nach seinem Verschwinden verhört worden. Seine Frau, Kollegen und Verwandte, Nachbarn und Freunde. Niemand hatte viel zu erzählen. Er war nicht das bravste Kind seiner Mutter, hatte aber auch keine Feinde gehabt, jedenfalls war über Feinde nichts bekannt. Er arbeitete in der Brauerei, kam jeden Abend nach Hause an den gedeckten Tisch und verbrachte seine Freizeit hauptsächlich in seiner Garage, wo er an seinem geliebten Auto herumbastelte, oder zusammen mit Kumpels in einer Kneipe auf dem Südufer. Die Kneipe hieß Zum Königlichen Wappen. Entweder war Einarsson ein Unglückswurm, vielleicht war er einem Desperado zum Opfer gefallen, der dringend Geld brauchte und der die Möglichkeiten dieser kalten, windigen Stelle erkannt hatte – das Heroin hatte die Stadt jetzt endgültig im Griff. Oder Einarsson hatte ein Geheimnis. Vielleicht hatte er Schulden gehabt.

Sejer betrachtete den Bericht aus zusammengekniffenen Augen und kratzte sich den Nacken. Er war immer beeindruckt davon, wie die Gerichtsmedizin eine halbverrottete Masse aus Haut und Haaren, Knochen und Muskeln analysieren und sich ein vollständiges Bild von dem Toten machen konnte. Von Alter und Gewicht und Körpermaßen, Gesundheitszustand, früheren Krankheiten und Operationen, Gebiß und Erbanlagen.

»Reste von Käsemasse, Fleisch, Paprika und Zwiebeln im Magen«, sagte er laut. »Klingt wie Pizza.«

»Kann man das nach einem halben Jahr noch feststellen?«

»Ja, Himmel. Wenn die Fische nicht zu gierig zugegriffen haben. Das kommt auch vor.«

Der Mann mit dem wohlklingenden Namen (Sejer = Sieg; Anm. d. Übersetzers) war aus solidem Stoff geschnitten. Er war fast neunundvierzig, sein Hemd hatte er aufgekrempelt, und Adern und Sehnen waren deutlich zu sehen unter seiner Haut, die dadurch ein bißchen wie imprägniertes Holz wirkte. Sein Gesicht war scharf gezeichnet und leicht eckig, die Schultern gerade und breit, die gute Farbe überall vermittelte den Eindruck von etwas oft Benutztem, aber Dauerhaftem. Seine Haare waren störrisch und stahlgrau, fast metallisch, und fast kurz. Die Augen waren groß und klar, die Iris hatte die Farbe nassen Schiefers. Das hatte seine Frau Elise vor vielen Jahren einmal gesagt. Er hatte das schön gefunden.

Karlsen war zehn Jahre jünger und zierlich im Vergleich. Auf den ersten Blick konnte er aussehen wie ein Geck ohne Gewicht oder Bedeutung, er hatte einen gewachsten Schnurrbart und beeindruckend füllige, nach hinten zurückgekämmte Haare. Der jüngste und neueste Kollege, Gøran Soot, bemühte sich gerade, eine Tüte Gummibärchen mit tropischem Fruchtgeschmack ohne zu großes Knistern zu öffnen. Soot hatte dicke, wellige Haare, einen stämmigen Körper mit vielen Muskeln und eine gesunde Hautfarbe. Jeder einzelne Bestandteil seines Körpers für sich genommen war absolut sehenswert, zusammen aber waren sie fast zuviel des Guten. Über diese seltsame Tatsache war er sich selber nicht im Klaren. Neben der Tür saß der Abteilungsleiter, Holthemann, schweigsam und grau, hinter ihm eine Beamtin mit blonden, kurzgeschnittenen Haaren. Am Fenster, einen Arm auf die Fensterbank gestützt, saß Jacob Skarre.

»Wie geht es denn Frau Einarsson?« fragte Sejer. Er kümmerte sich um die Leute, wußte, daß Einarssons einen kleinen Sohn hatten.

Karlsen schüttelte den Kopf.

»Sie sah ein bißchen verwirrt aus. Hat gefragt, ob jetzt endlich die Lebensversicherung ausgezahlt wird, und danach brach sie vor Verzweiflung zusammen, weil sie sofort ans Geld gedacht hatte.«

»Wieso hat sie denn noch nichts bekommen?«

»Wir hatten doch keine Leiche.«

»Das werde ich an der richtigen Stelle mal zur Sprache bringen«, sagte Sejer. »Wovon haben sie im letzten halben Jahr denn gelebt?«

»Sozialamt.«

Sejer schüttelte den Kopf und blätterte im Bericht. Soot steckte sich ein grünes Gummibärchen in den Mund, nur die Beine schauten noch heraus.

»Das Auto«, sagte Sejer, »wurde auf dem Schuttplatz gefunden. Wir haben tagelang im Müll herumgewühlt. In Wirklichkeit ist er also ganz woanders getötet worden, vielleicht am Flußufer. Und dann hat sich der Mörder ins Auto gesetzt und es zum Schuttplatz gefahren. Das ist doch unglaublich, daß Einarsson ein halbes Jahr im Wasser gelegen hat und erst jetzt wieder auftaucht. Der Täter hat ziemlich lange in der Hoffnung gelebt, daß er überhaupt nicht mehr zum Vorschein kommen würde. Na, jetzt muß er sich den Realitäten stellen. Ich nehme an, das wird ihn ganz schön fertigmachen.«

»Hat er irgendwo festgehangen?« fragte Karlsen.

»Keine Ahnung. Es ist schon ein bißchen merkwürdig, auf dem Flußboden gibt es doch nur Kies, der Fluß ist erst vor kurzem gesäubert worden. Er kann irgendwo am Ufer hängengeblieben sein. Ansonsten hat er wohl den Umständen entsprechend ausgesehen.«

»Das Auto war frisch gewaschen, und er hatte innen staubgesaugt«, sagte Karlsen. »Das Armaturenbrett war poliert. Wachs und Gummipflege überall. Er war losgefahren, um es zu verkaufen.«

»Und seine Frau wußte nicht, an wen«, erinnerte sich Sejer.

»Sie wußte überhaupt nichts, aber das war bei denen wohl immer so.«

»Und niemand hatte angerufen und nach ihm gefragt?«

»Nein. Er hat ganz plötzlich erklärt, er habe einen Käufer. Seiner Frau kam das seltsam vor. Er hatte so lange für dieses Auto gespart, hatte monatelang daran herumgebastelt, es betreut wie ein Hundebaby.«

»Vielleicht brauchte er plötzlich Geld«, sagte Sejer und stand auf und ging hin und her. »Wir müssen diesen Käufer finden. Ich wüßte ja gern, was zwischen den beiden passiert ist. Seiner Frau zufolge hatte er hundert Kronen in der Brieftasche. Wir müssen das Auto noch einmal durchsuchen, ein Mensch hat darin gesessen und ist mehrere Kilometer damit gefahren, ein Mörder. Er muß doch irgendwelche Spuren hinterlassen haben!«

»Das Auto ist verkauft«, warf Karlsen ein.

»Hab ich mir’s doch gedacht!«

»Neun Uhr abends ist ganz schön spät, um ein Auto vorzuführen«, sagte Skarre, ein lockiger Südnorweger mit offenem Gesicht. »Im Oktober ist es abends um neun schon verdammt dunkel. Wenn ich ein Auto kaufen wollte, dann würde ich es mir bei Tageslicht ansehen. Das Ganze kann so geplant gewesen sein. Als eine Art Falle.«

»Ja. Und wenn man mit einem Auto eine Probefahrt macht, nimmt man gern eine Landstraße. Weg aus dem Gewühl.« Sejer kratzte sich mit kurzgeschnittenen Fingernägeln die Wange.

»Wenn er am fünften Oktober erstochen worden ist, dann hat er sechs Monate im Wasser gelegen«, sagte er. »Stimmt das mit dem Zustand der Leiche überein?«

»In der Hinsicht ist die Gerichtsmedizin stur«, sagte Karlsen. »Unmöglich, das genau festzulegen, sagen sie. Snorrasson hat von einer Frau erzählt, die nach sieben Jahren gefunden wurde, und sie war unversehrt! In irgendeinem See in Irland. Nach sieben Jahren! Das Wasser war eiskalt, die pure Tiefkühltruhe. Aber wir dürfen wohl annehmen, daß es wirklich am fünften Oktober passiert ist. Der Mörder muß ziemlich stark gewesen sein, möchte ich annehmen, so, wie die Leiche aussieht.«

»Sehen wir uns doch mal die Messerstiche an.«

Er suchte sich ein Foto aus dem Ordner, ging an die Tafel und schob es unter die Klemmen. Das Bild zeigte Einarssons Rücken und Gesäß, die Haut war sorgfältig gewaschen worden, und die Stiche waren zu Kratern angeschwollen. »Die sehen schon seltsam aus, fünfzehn Stiche, die Hälfte in Kreuz, Hintern und Unterleib, der Rest in der rechten Seite des Opfers, direkt über der Hüfte, zugefügt mit großer Kraft von einer rechtshändigen Person, von oben nach unten. Das Messer hatte eine lange, schmale Klinge, eine wirklich sehr schmale. Vielleicht ein Fischmesser. Scheinbar also eine seltsame Angriffsmethode. Aber wir wissen ja noch, wie das Auto ausgesehen hat, nicht wahr?«

Er trat vor und zog Soot vom Stuhl hoch. Die Gummibärchentüte fiel auf den Boden.

»Ich brauche ein Opfer«, sagte Sejer. »Komm mit.«

Er schob den Beamten vor sich her zum Schreibtisch, stellte sich hinter ihn und nahm ein Plastiklineal.

»Es kann ungefähr so passiert sein. Das hier ist Einarssons Auto«, sagte Sejer und drückte den jungen Beamten bäuchlings auf die Schreibunterlage. Sein Kinn erreichte gerade die Schreibtischkante. »Die Motorhaube steht offen, denn sie sehen sich gerade den Motor an. Der Mörder drückt sein Opfer hinein und hält es mit der linken Hand fest, während er fünfzehn Mal mit der rechten zusticht. FÜNFZEHN MAL!« Er hob das Lineal und stach Soot damit in den Hintern, während er laut zählte: »Eins, zwei, drei, vier …«, er hob die Hand und stach Soot in die Seite, Soot wand sich ein wenig, als ob er kitzlig sei, »fünf, sechs, sieben … und dann sticht er in den Unterleib …«

»Nein!« Soot sprang erschrocken auf und preßte die Beine zusammen.

Sejer hielt inne, versetzte dem Opfer einen kleinen Stoß und ließ es auf seinen Stuhl zurückkehren, wobei er sich Mühe gab, ein Lächeln zu unterdrücken.

»Das heißt, das Messer sehr oft zu heben. Fünfzehn Stiche und eine Menge Blut. Es muß wild herumgespritzt haben, auf Kleider, Gesicht und Hände des Mörders, auf Auto und Boden. Wirklich übel, daß er das Auto weggefahren hat.«

»Auf jeden Fall ist das im Affekt passiert«, behauptete Karlsen. »Das ist nicht gerade eine normale Hinrichtung. Sicher haben sie sich gestritten.«

»Vielleicht konnten sie sich nicht über den Preis einigen«, lächelte Skarre.

»Leute, die einen Mord mit dem Messer begehen wollen, erleben oft eine ziemliche Überraschung«, sagte Sejer. »Das ist viel schwieriger, als man meint. Aber angenommen, das war wirklich geplant, und der Mörder zieht zu einem passenden Zeitpunkt das Messer, zum Beispiel, während Einarsson sich über den Motor beugt und ihm den Rücken zukehrt.«

Er kniff die Augen zusammen, wie, um sich das Bild zu vergegenwärtigen. »Der Mörder mußte von hinten zustechen, deshalb kam er nicht richtig an Einarsson heran. Von hinten ist es viel schwieriger, lebenswichtige Organe zu treffen. Und Einarsson hat vielleicht ziemlich viele Stiche ertragen, bis er endlich zusammengebrochen ist. Sicher ein schlimmes Erlebnis, er sticht und sticht, das Opfer schreit immer noch, und der Mörder gerät in Panik und kann nicht mehr aufhören. So läuft das nämlich. Er stellt sich ein oder zwei Stiche vor. Aber bei wie vielen Messermorden, die wir hier gehabt haben, hat sich der Mörder damit begnügt? Auf Anhieb weiß ich von einem Fall mit siebzehn und einem mit dreiunddreißig Stichen.«

»Aber sie haben sich gekannt, sind wir uns da einig?«

»Was heißt schon gekannt? Sie standen sicher in irgendeiner Beziehung zueinander.« Sejer setzte sich und legte das Lineal in die Schublade.

»Na, dann müssen wir wieder von vorne anfangen. Wir müssen feststellen, wer den Wagen kaufen wollte. Geht nach der Liste vom Oktober vor und fangt oben an. Es kann einer von seinen Kollegen gewesen sein.«

»Dieselben Leute?«

Soot sah Sejer fragend an. »Sollen wir nochmal dieselben Fragen stellen?«

»Wie meinst du das?«

Sejer hob die Augenbrauen.

»Ich meine, es geht doch wohl darum, neue Leute zu finden. Die anderen geben doch bestimmt dieselben Antworten wie beim letzten Mal. Ich meine, im Grunde hat sich doch nichts geändert.«

»Ach, meinst du nicht? Vielleicht hast du nicht so genau zugehört, aber wir haben den Burschen inzwischen gefunden. Abgestochen wie ein Mastschwein. Und du sagst, es habe sich nichts geändert?«

Er gab sich alle Mühe, nicht arrogant zu klingen.

»Ich meine, deshalb bekommen wir doch keine anderen Antworten?«

»Das«, sagte Sejer und schluckte einen Kloß von der Größe einer Melone hinunter, »das wird sich noch zeigen, nicht wahr?«

Karlsen klappte mit leisem Knall den Ordner zusammen.

Sejer schob Einarssons Ordner wieder in den Aktenschrank. Er schob ihn neben den Fall Durban und dachte, daß die beiden sich nun Gesellschaft leisten könnten. Maja Durban und Egil Einarsson. Beide waren tot, und niemand wußte, warum. Dann ließ er sich im Sessel zurücksinken, legte die langen Beine quer über den Schreibtisch und zog seine Brieftasche aus der Hosentasche. Zwischen Führerschein und Fallschirmspringerlizenz hatte er ein Bild seines Enkels, Matteus. Matteus war gerade vier geworden, kannte die meisten Automarken und hatte schon die erste Prügelei hinter sich und schmerzlich verloren. Es war schon eine Überraschung gewesen, damals, als Sejer zum Flugplatz gefahren war, um seine Tochter Ingrid und seinen Schwiegersohn Erik abzuholen, die drei Jahre in Somalia verbracht hatten. Sie als Krankenschwester, er als Arzt beim Roten Kreuz. Ingrid stand oben auf der Flugzeugtreppe, mit gebleichten Haaren und überall goldbraun. Eine wilde Sekunde lang hatte er geglaubt, Elise zu sehen, damals, als sie einander kennengelernt hatten. Auf dem Arm hatte Ingrid den Kleinen. Er war vier Monate alt, schokoladenbraun, hatte kleine Locken und die schwärzesten Augen, die Sejer je gesehen hatte. Die Somalier sind eigentlich ein schönes Volk, überlegte er. Und er betrachte eine Zeitlang das Bild, dann steckte er es wieder in die Brieftasche. In der Baracke war es jetzt still, wie auch fast überall im benachbarten großen Block. Sejer schob zwei Finger in seinen Hemdsärmel und kratzte sich am Ellbogen. Die Haut blätterte ab. Darunter befand sich neue rosa Haut, die ebenfalls abblätterte. Sejer riß die Jacke von der Stuhllehne und schloß das Zimmer ab, dann schaute er ganz kurz an der Rezeption bei Frau Brenningen vorbei. Die legte sofort ihr Buch beiseite. Sie war gerade bei einer vielversprechenden Liebesszene angekommen, die sie sich für abends im Bett aufsparen wollte. Sie wechselten ein paar Worte, dann nickte er kurz und machte sich auf den Weg in die Rosenkrantzgate zu Egil Einarssons Witwe.

Zuerst warf er einen raschen Blick in den Spiegel und fuhr sich mit den Fingern durch den kurzgeschnittenen Schopf. Weil die Haare so kurz waren, bewegten sie sich dabei nicht. Es war mehr ein Ritual als ein Zeichen der Eitelkeit.

Sejer nahm jede Gelegenheit wahr, sein Büro zu verlassen. Er fuhr ziemlich langsam durch die Innenstadt, er fuhr immer langsam, sein Auto war alt und träge, ein großer blauer Peugeot604, der bisher keinen Grund zu einem Autowechsel geboten hatte. Im Winter hatte er das Gefühl, Schlitten zu fahren. Bald lagen zu seiner Rechten die farbenfrohen Vierparteienhäuser, rosa, gelb und grün, jetzt schien die Sonne auf sie und ließ sie einladend aufleuchten. Außerdem stammten sie aus den fünfziger Jahren und verfügten über eine gewisse Patina, die neueren Häusern fehlte. Die Bäume waren ziemlich groß, die Gärten üppig, oder würden es sein, wenn es erst warm wäre. Aber es war noch immer kalt, der Frühling ließ auf sich warten. Es war lange trocken gewesen, und am Straßenrand lagen noch immer einzelne schmutzige Schneehaufen wie Abfall herum. Sejer suchte nach Nummer 16 und erkannte das grüne, gepflegte Haus auf den ersten Blick. Die Eingangspartie war ein Chaos aus Dreirädern, Lastwagen und Plastikschlitten jeder Art, die die Kinder wahllos aus Kellern und Dachböden angeschleppt hatten. Der nackte Asphalt war nach einem langen Winter immer verlockend. Sejer parkte und klingelte.

Nach einigen Sekunden stand sie in der Tür, mit einem dünnen Jungen am Rockzipfel.

»Frau Einarsson«, sagte Sejer mit einer leichten Verbeugung. »Darf ich hereinkommen?« Sie nickte kurz und widerwillig, aber es gab nicht viele Menschen, die mit ihr sprachen. Sejer stand ziemlich dicht vor ihr, sie spürte seinen Geruch, eine Mischung aus Jackenleder und diskretem Parfüm.

»Ich weiß nicht mehr als im letzten Herbst«, sagte sie unsicher. »Abgesehen davon, daß er tot ist. Aber darauf war ich ja vorbereitet. Ich meine, so, wie das Auto ausgesehen hat …«

Sie legte den Arm um den Jungen, wie, um sie beide zu beschützen.

»Aber jetzt haben wir ihn gefunden, Frau Einarsson. – Und dann sieht alles doch ein bißchen anders aus, finden Sie nicht?«

Er verstummte und wartete.

»Es war wohl ein Verrückter, der Geld brauchte.«

Sie schüttelte verstört den Kopf. »Seine Brieftasche ist ja verschwunden. Obwohl er nur hundert Kronen hatte. Aber heutzutage wird ja noch für viel weniger gemordet.«

»Ich verspreche Ihnen, mich kurz zu fassen.«

Sie gab auf und ging rückwärts über den Flur. Sejer blieb in der Wohnzimmertür stehen und sah sich um. Immer wieder registrierte er mit einem gewissen Erschrecken, wie ähnlich sich die Menschen waren, das sah er in ihren Wohnzimmern, daran, womit sie ihre Zimmer füllten. Überall sah es gleich aus, dieselbe Symmetrie, Fernseher und Video als eine Art Mittelpunkt für das restliche Inventar. Hier kroch die Familie zusammen, um sich zu wärmen. Frau Einarsson hatte eine rosa Sitzgruppe aus Leder, unter dem Tisch einen weißen Flokati. Es war ein feminines Zimmer. Sie war seit sechs Monaten allein, vielleicht hatte sie sich in dieser Zeit der maskulinen Seiten des Zimmers entledigt, falls es welche gegeben hatte. Damals wie jetzt konnte er keine Spur von Sehnsucht finden, oder von Liebe zu dem Mann, den sie im schwarzen Flußwasser gefunden hatten, durchlöchert und grau wie ein alter Schwamm. Das, was es an Verzweiflung gegeben hatte, hatte sich um andere Dinge gedreht, um praktische Fragen. Wovon sie jetzt leben und wie sie einen neuen Mann finden sollte, wo sie sich doch keinen Babysitter leisten konnte. Er war niedergeschlagen von dieser Überlegung. Sie brachte ihn dazu, sich das Hochzeitsbild über dem Sofa genauer anzusehen, ein ziemlich protziges Bild der jungen Jorun mit gebleichten Haaren. Neben ihr stand Einarsson, mit schmalem, blassem Gesicht, wie ein Konfirmand, unter der Nase ein spärlicher Schnurrbart. Sie posierten nach besten Fähigkeiten für einen mittelmäßigen Fotografen, und sie achteten dabei vor allem auf ihr Aussehen. Und nicht aufeinander.

»Ich habe noch ein bißchen Kaffee«, sagte sie unsicher.

Er nahm dankend an. Es war vielleicht gut, etwas in der Hand zu halten, und sei es nur der Henkel einer Tasse. Der Junge trottete hinter seiner Mutter her in die Küche, betrachtete Sejer aber verstohlen vom Türrahmen aus. Er war dünn, hatte ein paar Sommersprossen auf der Nase, sein Pony war zu lang und fiel ihm die ganze Zeit in die Stirn. In wenigen Jahren würde er aussehen wie der Mann auf dem Hochzeitsbild.

»Ich habe deinen Namen vergessen«, Sejer lächelte aufmunternd.

Der Junge behielt seinen Namen noch eine Weile für sich, zog mit der Turnschuhspitze Kreise auf dem Linoleumboden und lächelte verlegen.

»Jan Henry.«

Sejer nickte. »Jan Henry, ja. Kann ich dich etwas fragen, Jan Henry – sammelst du Anstecknadeln?«

Der Kleine nickte. »Ich habe schon vierundzwanzig. An meinem Zimmermannshut.«

»Dann hol den mal«, Sejer lächelte. »Dann kriegst du noch eine. Und die hast du bestimmt noch nicht.«

Der Kleine verschwand und lief in sein Zimmer. Er kam mit dem Hut auf dem Kopf zurück, der Hut war viel zu groß. Andächtig nahm er ihn ab.

»Die stechen auf der Innenseite ganz schrecklich«, erklärte er. »Deshalb kann ich den Hut nicht tragen.«

»Schau mal«, sagte Sejer. »Ein Polizeianstecker. Den habe ich von Frau Brenningen auf der Wache. Ganz schön gut, findest du nicht?«

Der Junge nickte. Er suchte den Hut nach einem Ehrenplatz für die kleine goldfarbene Nadel ab, entfernte dann resolut eine mit Kristin und Håkon auf einem Tretschlitten und steckte die neue vorn in die Mitte. Seine Mutter kam ins Zimmer und lächelte.

»Geh auf dein Zimmer«, sagte sie dann kurz. »Der Mann und ich haben etwas zu besprechen.«

Der Junge setzte wieder den Hut auf und verschwand.

Sejer nahm einen Schluck Kaffee und betrachtete Frau Einarsson, die zwei Stück Zucker in ihre eigene Tasse fallen ließ, aus nächster Nähe, um nicht zu spritzen. Sie trug keinen Trauring mehr. Ihre Haare waren am Scheitel dunkel, und sie hatte sich die Augen zu stark geschminkt, weshalb sie ziemlich böse aussah. Eigentlich war sie hübsch, eine helle, adrette kleine Gestalt. Wahrscheinlich wußte sie das nicht. Wahrscheinlich ist sie mit ihrem Aussehen unzufrieden, wie die meisten anderen Frauen, abgesehen von Elise, dachte er.

»Wir suchen noch immer nach diesem Käufer, Frau Einarsson. Aus irgendeinem Grund wollte Ihr Mann plötzlich den Wagen verkaufen, obwohl er das Ihnen gegenüber nie erwähnt hatte. Er ist losgefahren, um ihn jemandem zu zeigen, und nie zurückgekehrt. Vielleicht hat jemand Ihren Mann auf der Straße angesprochen, oder was weiß ich. Vielleicht suchte jemand gerade ein solches Auto und hat sich einfach gemeldet. Oder vielleicht hatte jemand es auf Ihren Mann abgesehen, nur auf ihn, nicht auf das Auto, hat das Auto als Vorwand benutzt, um Ihren Mann aus dem Haus zu locken. Ihn mit der Verkaufsmöglichkeit in Versuchung geführt, vielleicht auch mit Bargeld als Lockmittel. Wissen Sie, ob er in Geldschwierigkeiten steckte?«

Sie schüttelte den Kopf und zerkaute den aufgelösten Zucker zwischen ihren Backenzähnen.

»Das haben Sie mich schon einmal gefragt. Nein, keine Geldschwierigkeiten. Ich meine, keine akuten. Aber alle brauchen ja Geld, und besonders viel leisten konnten wir uns nicht. Und jetzt ist es noch schlimmer. Und ich finde keinen Kindergartenplatz. Und ich habe Migräne«, sie massierte sich ein wenig die Schläfen, wie um zu demonstrieren, daß er sie schonen müsse. »Und es ist gar nicht so einfach, Arbeit zu finden, mit so einem Handikap und mit einem Kind und überhaupt.«

Er nickte mitfühlend.

»Aber Sie wissen nicht, ob er vielleicht Spielschulden oder Geld geliehen hatte, irgendein privates Darlehen, das er nicht zurückzahlen konnte?«

»Das hatte er nicht. Er strotzte ja nicht gerade vor Intelligenz, aber Dummheiten hat er nicht gemacht. Wir sind zurechtgekommen. Er hatte ja seine Arbeit. Und er hat sein Geld nur für das Auto und ab und zu für ein Bier in der Kneipe ausgegeben. Er hat zwar manchmal ziemlich große Sprüche geklopft, aber er war nicht zäh genug, um irgendwo hineinzurutschen, ich meine in etwas Verbotenes, das glaube ich wenigstens nicht. Und wir waren immerhin acht Jahre verheiratet, ich glaube also, ihn zu kennen. Ich meine, gekannt zu haben. Und ich kann hier einfach nichts Schlechtes über Egil sagen, auch, wenn er tot ist.«

Endlich holte sie Atem.

»Sie wissen nicht mehr, ob irgendeiner von seinen Freunden je sein Auto übernehmen wollte?«

»Ach, doch, das wollten viele. Aber er wollte nicht verkaufen. Er mochte es ja nicht einmal verleihen.«

»Und Sie erinnern sich nicht an Anrufe an den Tagen vor seinem Verschwinden, die etwas mit dem Auto zu tun gehabt haben können?«

»Nein.«

»Wie war er an diesem letzten Abend?«

»Das habe ich doch schon gesagt. Wie immer. Er kam um halb vier von der Arbeit. Hatte Frühschicht. Dann hat er Pizza Mexicana gegessen, Kaffee getrunken und für den Rest des Nachmittags in der Garage gelegen.«

»Gelegen?«

»Unter dem Auto. Und hat daran herumgebastelt. Er war wie besessen von diesem Auto. Danach hat er es gewaschen. Ich hatte im Haus zu tun, ich habe mir nichts dabei gedacht, bis er plötzlich loswollte, um das Auto vorzuführen.«

»Aber er hat keinen Namen genannt?«

»Nein.«

»Und auch nicht gesagt, wohin er wollte?«

»Nein.«

»Und Sie haben nicht gefragt, warum er das Auto verkaufen wollte?«

Sie machte sich an ihren Haaren zu schaffen und schüttelte den Kopf.

»Ich habe mich nicht um dieses Auto gekümmert. Ich habe ja nicht einmal den Führerschein. Mir war es egal, was für ein Auto wir hatten, wenn wir nur eins hatten. Und er hat ja auch nicht von Verkaufen geredet, sondern nur von Vorführen. Und er muß dabei ja nicht unbedingt den Mörder gemeint haben. Er kann doch irgendwen getroffen oder einen Tramper mitgenommen haben, oder was weiß ich. In dieser Stadt wimmelt es doch nur so von Verrückten, das kommt vom Heroin, ich begreife ja nicht, wieso ihr da nichts machen könnt. Und Jan Henry soll hier aufwachsen, und er ist nicht gerade der stärkste Charakter auf der Welt, darin ähnelt er seinem Vater.«

»Einen starken Charakter«, Sejer lächelte, »sowas entwickelt man erst nach und nach. Jan Henry hat doch noch ein paar Jahre Zeit. Aber wir haben den möglichen Käufer über die Zeitungen und übers Fernsehen gesucht«, erinnerte er sie, »und niemand hat sich gemeldet. Niemand hat sich getraut. Entweder hat Ihr Mann gelogen, als er an dem Abend von zu Hause weggefahren ist, vielleicht hatte er wirklich etwas ganz anderes vor. Oder dieser Käufer ist wirklich der Mörder.«

»Gelogen?«

Sie starrte ihn empört an. »Wenn Sie glauben, daß er Geheimnisse hatte, dann irren Sie sich. Er war nicht der Typ. Und er ist auch nicht fremdgegangen, er ist bei Frauen nicht mal angekommen, wenn ich ehrlich sein soll. Er hat gesagt, er wollte jemandem das Auto zeigen, und dann ist das auch die Wahrheit.«

Sie sagte das so schlicht und bündig, daß Sejer überzeugt war. Er dachte kurz nach, sah, daß der Kleine sich hereinschlich und vorsichtig hinter seine Mutter trat. Er zwinkerte dem Jungen kurz zu.

»Wenn Sie weiter zurückdenken, gab es dort irgend etwas, das anders war als der Normalzustand? Sagen wir, sechs Monate vor seinem Verschwinden und dann bis zu dem Tag, an dem sein Auto auf dem Schuttplatz gefunden wurde – fällt Ihnen eine Episode – oder eine Periode – ein, wo er anders wirkte, vielleicht besorgt oder so? Ich meine, alles kann wichtig sein. Anrufe? Briefe? Tage, an denen er vielleicht später von der Arbeit kam, Nächte, in denen er schlecht schlief?«

Jorun Einarsson zerkaute noch ein Stück Zucker, und er sah, daß ihre Gedanken in der Zeit zurückwanderten. Sie schüttelte bei irgendeiner Erinnerung leicht den Kopf, verwarf den Gedanken aber und überlegte weiter. Einarsson jr. atmete lautlos und spitzte die Ohren, wie Kinder das eben so machen.

»An einem Abend gab es in der Kneipe Ärger. Ja, das gab es wohl dauernd, und richtig ernst war es auch nicht, aber irgendwer war sternhagelvoll, und der Wirt hat die Polizei angerufen. Das war einer von Egils Kumpels, aus der Brauerei. Egil ist hinterhergefahren und hat sie angefleht, ihn wieder rauszulassen. Er hat versprochen, ihn nach Hause zu fahren und ins Bett zu stecken. Und das hat wohl auch geklappt. In dieser Nacht ist er erst um halb vier morgens nach Hause gekommen, und ich weiß noch, daß er am nächsten Morgen verschlafen hat.«

»Ja? Und hat er Ihnen erzählt, was passiert war?«

»Nein, nur, daß er sturzbesoffen gewesen war. Nicht Egil, meine ich, sondern der andere. Egil war ja mit dem Auto da, er mußte eigentlich zur Frühschicht. Aber ich habe ihn auch nicht gefragt, sowas interessiert mich nicht.«

»Hat er sich oft so um andere gekümmert? Das war doch nett von ihm. Er hätte doch drauf pfeifen und seinen Kumpel seinem Schicksal überlassen können.«

»Er war nicht besonders fürsorglich«, sagte Jorun Einarsson. »Wo Sie schon fragen. Er hat sich sonst nicht viel um andere gekümmert. Ich muß also zugeben, daß ich ein bißchen überrascht darüber war, daß er sich diese Mühe gemacht hatte. Um einen aus der Ausnüchterungszelle zu holen. Doch, ich habe mich wohl ein bißchen gewundert, aber sie waren schließlich befreundet. Ehrlich gesagt habe ich mir deswegen keine großen Gedanken gemacht. Ich meine, das mache ich erst jetzt, weil Sie danach gefragt haben.«

»Wann ungefähr ist das passiert?«

»Ach, Gott, das weiß ich nicht mehr. Eine Weile vor seinem Verschwinden.«

»Wochen? Monate?«

»Nein, ein paar Tage vielleicht.«

»Ein paar Tage? Haben Sie sich an diese Episode erinnert, als wir im Herbst miteinander gesprochen haben? Haben Sie die erwähnt?«

»Ich glaube nicht.«

»Und dieser betrunkene Kumpel, Frau Einarsson, wissen Sie, wer das war?«

Sie schüttelte den Kopf, schaute sich kurz um und entdeckte ihren Sohn.

»Jan Henry! Du solltest doch auf deinem Zimmer bleiben!«

Der Junge stand auf und stahl sich wie ein verjagter Hund aus dem Zimmer. Sie goß Kaffee nach.

»Den Namen, Frau Einarsson«, sagte Sejer leise.

»Nein, das weiß ich nicht mehr«, sagte sie. »Das sind so viele, eine ganze Clique, die sich in dieser Kneipe trifft.«

»Aber am nächsten Morgen hat er verschlafen, stimmt das?«

»Ja.«

»Und in der Brauerei gibt es eine Stechuhr, nicht wahr?«

»Mm.«

Sejer überlegte kurz.

»Und als Sie den Wagen von uns zurückbekommen haben, haben Sie ihn verkauft?«

»Ja. Ich kann mir den Führerschein doch nicht leisten, deshalb habe ich den Wagen an meinen Bruder verkauft. Außerdem brauchte ich das Geld. Den Wagen, und das Werkzeug, das hinten lag. Schraubenschlüssel und einen Wagenheber. Und noch allerlei Kram, von dem ich nicht wußte, wozu er dient. Und irgend etwas fehlte, war verschwunden.«

»Was denn?«

»Das fällt mir jetzt nicht ein. Mein Bruder hat danach gefragt, und wir haben es gesucht, konnten es aber nicht finden. Ich weiß einfach nicht mehr, was das war.«

»Denken Sie nach. Das kann wichtig sein.«

»Nein, ich glaube nicht, daß es etwas Wichtiges war, aber ich weiß es nicht mehr. Wir haben auch in der Garage gesucht.«

»Rufen Sie uns an, wenn es Ihnen noch einfällt. Können Sie Ihren Bruder fragen?«

»Der ist auf Reisen. Aber er kommt ja auch mal wieder nach Hause.«

»Frau Einarsson«, sagte Sejer und erhob sich, »danke für den Kaffee.«

Sie fuhr aus ihrem Sessel hoch, ein bißchen rot und verdutzt, weil er plötzlich gehen wollte, und brachte ihn zur Tür. Er verbeugte sich und ging zum Parkplatz. Als er den Schlüssel ins Schloß steckte, entdeckte er den Kleinen. Der stand mit beiden Füßen in einem Blumenbeet und machte sich heftigst am Erdboden zu schaffen. Seine Turnschuhe sahen schrecklich aus. Sejer winkte.

»Hallo. Will niemand mit dir spielen?«

»Nein.« Der Junge lächelte verlegen. »Warum haben Sie keinen Streifenwagen, Sie sind doch jetzt bei der Arbeit?«

»Gute Frage. Aber weißt du, eigentlich bin ich schon auf dem Heimweg. Ich wohne ein Stück weiter die Straße rauf, und ich brauche so nicht mehr zurück zur Wache, um die Autos auszutauschen.«

Er überlegte kurz. »Bist du schon einmal mit einem Streifenwagen gefahren?«

»Nein.«

»Wenn ich deine Mutter das nächste Mal besuche, dann komme ich mit dem Dienstwagen. Und dann kannst du ein Stück mit mir fahren, wenn du Lust hast.«

Der Junge lächelte von einem Ohr zum anderen, allerdings mit einem gewissen Zweifel, vielleicht aus bitterer Erfahrung.

»Versprochen«, beteuerte Sejer. »Und ich komme bestimmt schon bald wieder.« Er setzte sich hinter das Steuer und fuhr langsam los. Im Rückspiegel sah er einen dünnen Arm winken.

Er dachte noch immer an den Jungen, als er links an der Trabrennbahn und rechts an der Mormonenkirche vorbeifuhr. »Und Gnade dir, Konrad«, sagte er zu sich selber, »wenn du nächstes Mal den Streifenwagen vergißt.«

Emma spielte auf dem Wohnzimmerboden mit einem Bauernhof.

Die Tiere waren ordentlich in Reihen aufgestellt, die hellroten Schweine, die rotweißgefleckten Kühe, die Hühner und die Schafe. Ein Tyrannosaurus Rex überwachte alles, der Kopf mit dem winzigkleinen Gehirn reichte gerade bis an den Scheunengiebel.

In regelmäßigen Abständen lief Emma zum Fenster und hielt eifrig Ausschau nach dem Auto ihres Vaters. Sie verbrachte jedes zweite Wochenende bei ihm und freute sich jedes Mal. Auch Eva wartete. Sie saß angespannt auf dem Sofa und wartete, die Kleine mußte aus dem Haus, damit Eva in Ruhe nachdenken konnte. Normalerweise arbeitete sie an diesen freien Wochenenden. Jetzt war sie vollständig handlungsunfähig. Jetzt sah alles anders aus. Sie hatten ihn gefunden.

Emma hatte den Toten seit Tagen nicht mehr erwähnt. Aber das mußte nicht heißen, daß sie ihn vergessen hatte. Sie konnte ihrer Mutter ansehen, daß er nicht erwähnt werden durfte, und wenn sie auch nicht begriff, warum nicht, nahm sie doch Rücksicht darauf.

Im Atelier stand eine Leinwand auf der Staffelei. Die Leinwand war schon fertig grundiert, schwarz, ohne eine Andeutung von Helligkeit. Eva mochte nicht hinsehen. Erst hatte sie soviel anderes zu erledigen. Sie setzte sich aufs Sofa und horchte ebenso intensiv wie Emma auf das Geräusch des roten Volvo, der jeden Moment auf den Hof fahren konnte. Auf dem Bauernhof herrschte die allerschönste Ordnung, abgesehen von dem grünen Ungeheuer, das hinter der Scheune drohte. Es sah seltsam aus.

»Dieser Dinosaurier paßt wohl nicht ganz dazu, Emma, oder was meinst du?«

Emma zog einen Flunsch.

»Weiß ich doch. Der ist nur zu Besuch.«

»Ach so. Das hätte ich mir ja denken können.«

Eva zog die Beine an und strich den langen Rock über ihren Knien gerade. Versuchte, alle Gedanken aus ihrem Kopf zu verbannen. Emma setzte sich wieder und schob ein Ferkel nach dem anderen unter den Bauch der Sau.

»Eine Zitze fehlt. Das hier kriegt nichts ab.«

Sie hob mit zwei Fingern ein Schweinchen hoch und sah ihre Mutter fragend an.

»Hm. Sowas kommt vor. Solche Ferkel müssen verhungern, oder sie müssen mit der Flasche gefüttert werden, und dazu hat der Bauer meistens keine Zeit.«

Darüber dachte Emma eine Weile nach.

»Der Dino kann es kriegen. Der muß doch auch was essen.«

»Aber der frißt doch nur Gras und Blätter und so, oder nicht?«

»Der hier nicht, das ist ein Fleischfresser«, erklärte Emma und preßte das Ferkel durch die scharfen Zähne des grünen Monstrums.

Eva schüttelte staunend angesichts dieser praktischen Lösung den Kopf. Über Kinder wunderte sie sich immer wieder. Und in diesem Moment hörten sie von draußen ein Motorengeräusch. Emma stürzte so schnell wie möglich auf den Flur, um ihren Vater zu begrüßen.

Eva hob mühsam den Kopf, als er in der Tür auftauchte. Dieser Mann war der Leuchtturm in ihrem Leben gewesen. Wenn Emma neben ihm stand, wirkte sie kleiner und zierlicher als sonst. Die beiden paßten zusammen, beide mit rötlichen Haaren und vielen überflüssigen Kilos. Sie liebten sich auch, und darüber war sie froh. Sie war niemals eifersüchtig gewesen, nicht einmal auf die neue Frau in seinem Leben. Es machte sie sehr traurig, daß er sie verlassen hatte, aber wo das nun einmal geschehen war, wünschte sie ihm viel Glück. So einfach war das.

»Eva!« Er lächelte und nickte, und dabei wippte sein rotblonder Schopf. »Du siehst müde aus.«

»Ich habe im Moment auch einiges am Hals.«

Sie strich sich den Rock gerade.

»Künstlersachen?« fragte er ganz ohne Ironie.

»Nein. Konkrete irdische Angelegenheiten.«

»Sehr ernst?«

»Viel schlimmer, als du dir vorstellen kannst.«

Er dachte kurz über diese Antwort nach und runzelte die Stirn.

»Wenn ich dir irgendwie helfen kann, dann mußt du Bescheid sagen.«

»Es kann schon passieren, daß du mir helfen mußt.«

Er blieb stehen und starrte Eva besorgt an, während Emma an seinem Hosenbein hing; das Kind war so schwer, daß er fast aus dem Gleichgewicht geraten wäre. Er empfand tiefes Mitgefühl, aber sie lebte in einer Welt, die ihm völlig fremd war, einer Künstlerinnenwelt. Er hatte sich dort nie heimisch gefühlt. Und doch war sie ein wichtiger Teil seines Lebens und würde das auch immer bleiben.

»Hol deine Tasche, Emma, und gib Mama einen Kuß.«

Emma gehorchte voller Eifer. Dann verschwanden Vater und Tochter. Eva trat ans Fenster und sah ihnen hinterher, sah zu, wie das Auto losfuhr, dann setzte sie sich wieder. Mit den Beinen auf dem Sofa und dem Kopf über der Rücklehne. Sie schloß die Augen. Es war angenehm halbdunkel im Zimmer, und ziemlich still. Sie atmete so gleichmäßig und ruhig, wie sie konnte, und ließ die Stille in sich einsinken. Sie mußte diese Zeit in vollen Zügen genießen, sich daran erinnern und sie in sich aufbewahren. Sie wußte, daß sie nicht von Dauer sein würde.

Sejer hatte sich einen großzügigen Whisky eingeschenkt und den Hund aus dem Sessel vertrieben. Ein Leonberger-Männchen, siebzig Kilo schwer und fünf Jahre alt, aber eigentlich noch ziemlich kindisch, es hieß Kollberg. Das heißt, eigentlich hieß Kollberg ganz anders, da der Züchter seinen Tieren seine eigenen Namen gab. In diesem Fall hatten sie Liedtitel der Beatles benutzt. Sie hatten ganz vorn im Alphabet angefangen, und als Kollberg geboren wurde, waren sie bei L angekommen. Also wurde ihm der Name »Love me do« verpaßt. Seine Schwester hieß »Lucy in the sky«. Sejer stöhnte bei diesem Gedanken.

Der Hund resignierte mit schwerem Seufzer und legte sich ihm zu Füßen. Der große Kopf ruhte auf Sejers Spann und war schuld daran, daß ihm in seinen Tennissocken der Schweiß ausbrach. Aber Sejer brachte es nicht übers Herz, die Füße wegzuziehen. Außerdem war es auch schön, im Winter zumindest. Er nippte an seinem Whisky und steckte sich eine selbstgedrehte Zigarette an. Das war sein Laster in diesem Leben, das eine Glas Whisky, und eine einzige Selbstgedrehte. Weil er so wenig rauchte, spürte er sofort, daß sein Herz etwas schneller schlug. An stillen Tagen fuhr er zum Fallschirmspringen zum Flugplatz, aber das betrachtete er nicht als Laster, anders, als das bei Elise der Fall gewesen war. Aber jetzt war er schon seit sieben Jahren Witwer, und seine Tochter war erwachsen und versorgt. Außerdem war Sejer kein Waghals, er sprang nur bei idealen Wetterverhältnissen und versuchte sich nie an halsbrecherischen Manövern. Er mochte einfach den rasenden Fall durch die Luft, das Gefühl, alle Verankerung loszulassen, die schwindelnde Perspektive, die Übersicht, die sie ihm gab, die Bauernhöfe und Felder tief unten mit ihren schönen Mustern in gedämpften Farben, das helle schöne Straßennetz dazwischen, wie das Lymphsystem eines Riesenorganismus, die ordentlichen Reihen von roten, grünen und weißen Häusern. Der Mensch ist wahrlich ein Wesen, das Systeme braucht, dachte er und blies den Rauch zur Lampe hoch.

Auch Egil Einarsson hatte ein System besessen, mit seinem geregelten Leben, der Arbeit in der Brauerei, mit Frau und Sohn, einem festen Freundeskreis und der Kneipe auf dem Südufer. Eine feste Route, Jahr für Jahr, Zuhause, Brauerei, Zuhause, Kneipe, Zuhause. Das Auto mit den vielen winzigen Teilen, die geputzt und geschmiert und nachgezogen werden mußten. Woche um Monat um Jahr. Keinerlei Vorstrafen. Nichts irgendwie Dramatisches war in seinem Leben passiert, er hatte wie alle anderen Kinder die Schule irgendwie hinter sich gebracht, ohne großes Aufsehen zu erregen, war konfirmiert worden, hatte in Göteborg zwei Jahre lang eine Ausbildung als Ingenieur absolviert, für die er dann kaum Verwendung fand, und war schließlich als Brauereiarbeiter geendet. Hatte sich wohl gefühlt. Genug verdient. Hatte im Leben nie die großen Höhen erklommen, hatte aber auch nicht viele Sorgen gehabt. Ein einfacher Bursche. Seine Frau war ziemlich hübsch und nahm ihm sicher einiges ab. Und dann hatte jemand ein Messer in ihn hineingerammt. Fünfzehn Mal, dachte Sejer, wie konnte ein Mann wie Einarsson solche Leidenschaften wecken? Er trank mehr Whisky und ließ seinen Gedanken weiter freien Lauf. Es stimmte natürlich, daß sie neue Namen auf der Liste brauchten, Personen, an die sie noch nicht gedacht hatten, mit denen er reden könnte, damit sich plötzlich ein neuer Winkel ergab und neues Licht über die ganze Tragödie fiel. Immer wieder hatte er an diesem Auto herumgepusselt. Opel Manta, achtundachtziger Modell. Plötzlich wollte er ihn verkaufen. Jemand, irgendwer, hatte sein Interesse daran gezeigt, so mußte es gewesen sein. Er hatte keine Anzeige aufgegeben, hatte niemandem erzählt, daß er ihn verkaufen wollte, das hatten sie überprüft. Sejer zog an seiner Zigarette und behielt den Rauch noch einige Sekunden lang im Mund. Von wem hat er das Auto gekauft, fragte er sich plötzlich. Gerade diese Frage hatte er sich noch nie gestellt. Vielleicht hätte er das tun sollen. Er stand auf und ging zum Telefon. Als er am anderen Ende der Leitung das Klingeln hörte, dachte er, daß es vielleicht schon zu spät sei, um noch irgendwo anzurufen. Frau Einarsson meldete sich beim zweiten Schellen. Sie hörte zu, ohne Fragen zu stellen, und dachte dann kurz nach. »Den Kaufvertrag? Ja, der ist sicher bei den Hauspapieren. Warten Sie einen Moment.«

Er wartete und hörte, wie Schubladen herausgezogen und mit einem Knall wieder zurückgeschoben wurden, und wie Papier raschelte.

»Der ist fast nicht zu lesen«, klagte sie.

»Versuchen Sie es. Ich kann ihn morgen holen, wenn Sie ihn nicht entziffern können.«

»Hier steht auf jeden Fall Erik Børresens gate. Mikkelsen, glaube ich. Vornamen und Hausnummer kann ich nicht lesen. Falls es nicht 5 heißen soll; 5 wäre möglich. Oder 6. Erik Børresens gate 5 oder 6.«

»Das reicht bestimmt. Vielen Dank.«

Er notierte alles auf dem Block neben dem Telefon. Es war wichtig, nichts zu übersehen. Wenn er nicht feststellen konnte, wer sich für das Auto interessiert hatte, dann konnte er immerhin herausfinden, woher es gekommen war. Das war doch auch schon etwas.

Der nächste Tag ging schon zu Ende, als Karlsen mit zwei Krabbenbroten und einer Cola aus der Kantine kam. Er hatte sich gerade gesetzt und eine Krabbe aufgespießt, als Sejer in der Türöffnung auftauchte. Der eher asketische Hauptkommissar hatte zwei Käsebrote und eine Flasche Mineralwasser bei sich, unter seinem Arm klemmte die Zeitung. »Darf ich mich zu dir setzen?«

Karlsen nickte, tunkte die Krabbe in Mayonnaise und schob sie sich in den Mund.

Sejer setzte sich, schob den Stuhl an den Tisch und nahm eine Käsescheibe vom Brot. Er rollte sie zusammen und biß die Spitze ab.

»Ich habe mir Marie Durban aus der Schublade geholt«, sagte er.

»Warum denn? Da gibt es doch sicher keinen Zusammenhang?«

»Wahrscheinlich nicht. Aber bei uns gibt es nicht so viele Morde, und sie sind nur wenige Tage nacheinander passiert. Einarsson hat im Königlichen Wappen verkehrt, Durban hat dreihundert Meter davon entfernt gewohnt. Wir sollten uns das mal genauer ansehen. Schau mal!«

Er stand auf, trat vor den Stadtplan an der Wand und nahm zwei rote Markierungsnadeln aus einer Schachtel. Mit großer Präzision, ohne erst suchen zu müssen, plazierte er eine im Wohnblock in der Tordenskioldsgate und die andere im Königlichen Wappen. Dann setzte er sich wieder.

»Sieh dir die Karte an. Das da ist die gesamte Stadt, die Karte mißt zwei mal drei Meter.«

Er griff nach Karlsens Leselampe, die sich in alle Richtungen verdrehen ließ. Jetzt richtete er das Licht auf die Karte.

»Maja Durban wurde am 1.Oktober ermordet aufgefunden. Am 5.Oktober wurde Einarsson ermordet, zumindest können wir annehmen, daß es an diesem Tag passiert ist. Das hier ist eine brave Kleinstadt, wir waten nicht gerade in solchen Ereignissen, aber sieh mal, wie dicht die Nadeln beieinander sitzen.«

Karlsen starrte auf den Plan. Die Nadel leuchteten wie rote, engsitzende Augen auf dem schwarzweißen Stadtplan.

»Das stimmt natürlich. Aber sie haben sich doch nicht gekannt, soviel wir wissen.«

»Wir wissen so vieles nicht. Wissen wir eigentlich überhaupt etwas?«

»Du bist ja vielleicht pessimistisch! Ich finde aber auf jeden Fall, daß wir Einarssons genetischen Fingerabdruck herstellen und mit Durban vergleichen sollten.«

»Eben. Es ist ja schließlich nicht unser Geld.«

Sie aßen eine Weile schweigend weiter. Daß sie einander sehr schätzten, war klar, wurde aber nicht ausgesprochen. Sie machten deshalb kein Aufhebens, empfanden aber eine solide Sympathie füreinander und pflegten diese voller Geduld. Karlsen war zehn Jahre jünger und hatte eine Frau, die ihn in Anspruch nahm. Deshalb hielt Sejer sich zurück, die Familie galt ihm als heilige Institution. Eine Beamtin, die in der Tür auftauchte, riß ihn aus diesen Gedanken.

»Zwei Mitteilungen«, sagte sie und reichte ihm einen Zettel. »Und Andreassen von TV2 hat angerufen, er will wissen, ob du dich zum Fall Einarsson äußern magst.«

Sejer erstarrte und verdrehte die Augen.

»Äh, vielleicht ist das etwas für dich, Karlsen? Du bist doch etwas fotogener als ich.«

Karlsen grinste. Sejer mochte einfach nicht öffentlich auftreten; er hatte nur wenige Schwächen, aber das war eine von ihnen.

»Tut mir leid. Muß zu einem Seminar, weißt du das nicht mehr? Bin erst in zehn Tagen wieder da.«

»Frag Skarre. Der wird sicher außer sich vor Begeisterung sein. Soll er ruhig, solange ich nicht unter dieser Höhensonne sitzen muß. Sag ihm jetzt sofort Bescheid!«

Die Beamtin lächelte und verschwand, während Sejer den Zettel studierte. Er warf einen Blick auf die Armbanduhr. »Am kommenden Wochenende ist auf Jarlsberg Seniorenspringen, wenn das Wetter sich hält.« Und: »Jorun Einarsson anrufen.« Er ließ sich Zeit, aß fertig und stellte dann den Stuhl zurück an seinen Platz. »Ich muß mal kurz weg.«

»Ja, meine Güte, du sitzt ja schon fast eine halbe Stunde hier. Dir wächst sicher schon Moos an den Schuhspitzen!«

»Der Fehler ist eben, daß die Leute den ganzen Tag in der Bude hocken«, erwiderte Sejer. »Hier in diesem Haus passiert doch nichts, oder was?«

»Stimmt. Aber du hast wirklich ein verdammtes Talent dafür, dir Aufträge an der frischen Luft zuzuschanzen. Darin bist du wirklich begabt, Konrad.«

»Alles nur eine Frage der Phantasie«, sagte Sejer.

»Du, Moment noch.«

Karlsen schob die Hand in die Hemdtasche und sah verlegen aus.

»Meine Frau hat mir eine Einkaufsliste mitgegeben. Kennst du dich mit solchen Frauensachen aus?«

»Versuch’s mal.«

»Hier, unter Schweinekamm, hier steht ›Slipeinlagen‹. Hast du eine Ahnung, was das sein kann?«

»Kannst du nicht anrufen und fragen?«

»Sie kommt nicht ans Telefon.«

»Versuch’s mal bei Frau Brenningen. Aber ich finde, das klingt wie Strumpfhosen oder sowas. Viel Glück!« Schmunzelnd verschwand Sejer.

Er hatte sich gerade ins Auto gesetzt und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, als es ihm einfiel. Er stieg wieder aus, schloß ab und ging zu einem Streifenwagen hinüber, das hatte er dem kleinen Einarsson doch versprochen. Mikkelsen war jetzt sicher wie die meisten Leute bei der Arbeit, deshalb steuerte er zuerst die Rosenkrantzgate an. Jorun Einarsson stand auf der kleinen Rasenfläche vor dem Haus und hängte Wäsche auf. Ein Schlafanzug mit einem Bild von Tom und Jerry und ein T-Shirt mit einem Dinosaurier flatterten lustig im Wind. Sie hatte gerade eine schwarze Spitzenunterhose aus dem Wäschekorb genommen, als Sejer vor dem Haus auftauchte, und nun stand sie mit der Hose in der Hand da und wußte nicht so recht, wohin damit.

»Ich hatte es ja nicht weit«, erklärte er höflich und vermied es, ihre Unterwäsche anzusehen. »Deshalb bin ich einfach vorbeigekommen. Aber hängen Sie doch zuerst die Wäsche auf.«

Sie hängte in aller Eile alles auf und nahm den Wäschekorb unter den Arm.

»Ist Ihr Sohn nicht zu Hause?«

»Der ist in der Garage.«

Sie zeigte ihm, wo die Garage lag. »Da ist er immer mit seinem Vater gewesen. Früher. Hat zugesehen, wie der am Auto herumgebastelt hat. Manchmal geht er noch immer hin, und dann sitzt er nur da und starrt die Wand an. Nach einer Weile kommt er wieder zum Vorschein.«

Sejer sah zur Garage hinüber, einer grünen Doppelgarage, dieselbe Farbe wie das Haus. Dann folgte er Frau Einarsson in die Wohnung.

»Was ist denn los, Frau Einarsson?« fragte er ganz direkt. Sie standen vor der Wohnzimmertür. Frau Einarsson stellte den Wäschekorb auf den Boden und strich sich ein paar gebleichte Haarsträhnen aus der Stirn.

»Ich habe meinen Bruder angerufen. Er ist in Stavanger, bei der Eisenwarenmesse. Es war ein Overall. Sie wissen schon. So ein grüner Nylonoverall mit vielen Taschen. Mein Mann hat ihn immer angezogen, wenn er am Auto gearbeitet hat, und sonst hat er ihn im Kofferraum aufbewahrt. Ich habe danach gesucht, ich wußte noch, daß er ziemlich viel gekostet hatte. Und er wollte ihn zur Hand haben, falls er unterwegs am Auto etwas reparieren müßte, hat er gesagt. Mein Bruder wollte den Overall deshalb auch haben. Als ich den im Auto nicht finden konnte, habe ich in der Garage gesucht. Aber da war er auch nicht. Er ist ganz einfach verschwunden. Der Overall und eine große Taschenlampe.«

»Haben Sie bei uns danach gefragt?«

»Nein, die Polizei darf doch sicher nichts aus einem Auto entfernen, ohne Bescheid zu sagen?«

»Natürlich nicht. Aber sicherheitshalber werde ich das überprüfen. Er hatte den also immer bei sich?«

»Immer. Er war sehr ordentlich, wenn es um das Auto ging. Er ist niemals ohne Reservekanister losgefahren. Und er hatte auch immer Motoröl und Spülerflüssigkeit und eine Kanne mit Wasser dabei. Und den grünen Overall. Die Taschenlampe könnte ich übrigens auch selber brauchen, manchmal brennen hier die Sicherungen durch. Die Stromanlage ist schlecht in Schuß, sie müßte erneuert werden. Aber die Hausverwaltung taugt ganz einfach nichts, sie erhöhen einmal pro Jahr die Miete und behaupten, sie sparten für Balkons. Aber das werde ich wohl nicht mehr erleben. Ja, ja, wie gesagt, das war ein Overall.«

»Das ist wirklich gut zu wissen«, lobte er sie. »Gut, daß es Ihnen eingefallen ist.«

Und für den Mörder war es auch gut, überlegte er. Er konnte den Overall über seine eigene blutige Kleidung anziehen.

Sie errötete kleidsam und nahm wieder den Wäschekorb hoch. Es war ein riesiges Teil aus türkisem Kunststoff, und wenn sie ihn so wie jetzt auf die Hüfte stemmte, erhielt sie eine seltsame und ziemlich schiefe Positur.

»Ich habe Ihrem Kleinen einen Ausflug mit dem Auto versprochen. Darf ich ihn aus der Garage holen?«

Sie sah ihn überrascht an.

»Aber sicher. Aber danach müssen wir weg, es darf also nicht zu lange dauern.«

»Nur einen kleinen Ausflug.«

Er ging aus dem Haus und steuerte die Garage an. Jan Henry saß auf einem Arbeitstisch vor der einen Wand und baumelte mit den Beinen. Er hatte Öl an den Turnschuhen. Als er Sejer erblickte, fuhr er leicht zusammen, dann erhellte sich sein Gesicht.

»Heute bin ich mit dem Streifenwagen da. Und deine Mutter hat mir erlaubt, mit dir einen kleinen Ausflug zu machen, wenn du Lust hast. Du kannst das Martinshorn ausprobieren.«

Jan Henry sprang von dem ziemlich hohen Tisch und brauchte einige Schritte, um das Gleichgewicht wiederzufinden.

»Ist das ein Volvo?«

»Nein, ein Ford.«

Jan Henry lief voraus, und Sejer musterte seine Waden, die fast unnormal dünn und weiß waren. Auf dem Vordersitz des Wagens verschwand der Kleine fast, und es war schwer, den Sicherheitsgurt vorschriftsmäßig zu schließen, aber er ließ es darauf ankommen. Jan Henry konnte gerade über das Armaturenbrett hinwegschauen, wenn er den Hals lang machte. Dann ließ Sejer den Wagen an und fuhr los. Eine Zeitlang war alles still, sie hörten nur das gleichmäßige Dröhnen des Motors und das Rauschen überholender Fahrzeuge. Der Junge hatte die Finger zwischen die Beine geklemmt, als fürchte er, aus purer Unachtsamkeit etwas anzufassen.

»Fehlt dir dein Vater, Jan Henry?« fragte Sejer leise.

Der Junge starrte ihn überrascht an, als sei zum allerersten Mal jemand auf die Idee gekommen, ihm diese Frage zu stellen. Die Antwort war einleuchtend.

»Sehr«, sagte er einfach.

Wieder schwiegen sie. Sejer hielt auf die Spinnerei zu, blinkte rechts und fuhr dann zum Wasserfall hoch.

»In der Garage ist es so still«, sagte der Junge plötzlich.

»Ja. Schade, daß deine Mutter nichts von Autos versteht.«

»Mm. Papa hat immer an dem Auto gearbeitet. Wenn er frei hatte.«

»Und es riecht auch so gut«, Sejer lächelte. »Nach Öl und Benzin und so.«

»Er hat mir einen Overall versprochen«, erzählte Jan Henry. »So einen, wie er hatte. Aber dann ist er ja verschwunden. Der Overall hatte vierzehn Taschen. Ich wollte meinen anziehen, wenn ich mein Fahrrad repariere. Schmieranzug heißen die.«

»Ja, das stimmt. Ich habe auch einen, aber der ist blau, und auf dem Rücken steht FINA. Aber ich weiß nicht, ob er vierzehn Taschen hat. Acht oder zehn vielleicht.«

»Die blauen sind auch schön. Ob es die wohl auch in Kindergrößen gibt?« überlegte Jan Henry.

»Das weiß ich nicht, aber ich werde mich ganz bestimmt erkundigen.«

Sejer versuchte, sich das einzuprägen, blinkte wieder rechts und hielt an. Sie konnten die Gebäude des Norwegischen Rundfunks sehen, die ziemlich idyllisch am Fluß gelegen waren. Er zeigte auf eines der Fenster, die in der Sonne funkelten.

»Wollen wir sie ein bißchen hochnehmen? Mit dem Martinshorn?«

Jan Henry nickte.

»Hier drücken«, Sejer zeigte auf den entsprechenden Hebel. »Dann werden wir ja sehen, ob die da unten scharf auf Neuigkeiten sind. Vielleicht kommen sie mit all ihren Mikrophonen angewetzt!«

Das Martinshorn ließ zuerst ein leises Plopp vernehmen, dann heulte es energisch in der Stille auf, hallte am Hang gegenüber wider und wurde heulend zurückgeworfen. Im Auto klang es nicht so schlimm, aber als die hundert Dezibel eine Weile zu hören gewesen waren, tauchte in einem der glitzernden Fenster das erste Gesicht auf. Dann noch eins. Dann öffnete jemand eine Tür und trat auf die Veranda hinter dem Gebäude. Sie konnten sehen, daß er die Hand hob, um seine Augen vor dem grellen Licht zu schützen.

»Die glauben bestimmt, daß das mindestens ein Mord ist!« rief der Junge.

Sejer schmunzelte und musterte die frühlingsbleichen Gesichter, die zu ihnen heraufsahen.

»So, das reicht. Versuch’ mal, ob du es auch wieder ausschalten kannst.«

Das schaffte Jan Henry. Seine Augen strahlten vor Begeisterung, seine Wangen waren rotgefleckt.

»Wie funktioniert das denn?« fragte er aufgeregt.

»Naja«, sagte Sejer und durchwühlte seine Erinnerungen, »das ist so, zuerst macht man einen elektronischen Schwingkreis, der dann einen Viereckspuls bildet, und das wird durch einen Verstärker verstärkt und durch den Lautsprecher gejagt.«

Jan Henry nickte.

»Und dann variiert es zwischen achthundert und sechzehnhundert Perioden. Also, die Stärke schwingt, damit du es besser hören kannst.«

»In der Martinshornfabrik?«

»Genau. In der Martinshornfabrik. In Amerika oder Spanien. Aber jetzt kaufen wir uns ein Eis, Jan Henry.«

»Ja. Das haben wir verdient, auch, wenn wir keine Schurken gefangen haben.«

Sie fuhren wieder auf die Hauptstraße und bogen links in Richtung Stadt ab. Bei der Trabrennbahn hielt Sejer an, stieg aus und schob den Jungen vor sich her zum Kiosk. Danach mußte er ihm mit dem Papier helfen, das am Eis festklebte. Sie setzten sich auf eine Bank in der Sonne und leckten und schmatzten. Der Junge hatte sich ein Safteis ausgesucht, rot und gelb und oben mit Schokolade, Sejer dagegen aß ein Erdbeereis, wie immer. Er sah keinen Grund, diese Gewohnheit zu ändern.

»Müssen Sie jetzt wieder zur Arbeit?«

Jan Henry wischte sich mit der freien Hand Saft und Zucker vom Kinn.

»Ja, aber zuerst muß ich jemanden besuchen. In der Erik Børresens gate.«

»Ist das ein Schurke?«

»Ach nein«, Sejer lächelte. »Wahrscheinlich nicht.«

»Aber Sie sind nicht ganz sicher? Vielleicht kann der ja doch ein Schurke sein!«

Sejer mußte sich geschlagen geben. Er lächelte.

»Ja, doch, vielleicht. Deshalb fahre ich ja auch hin. Aber ich wäre genauso zufrieden, wenn ich wüßte, daß er kein Schurke ist. Denn dann kann ich ihn von der Liste streichen. Und so machen wir weiter, weißt du, bis nur noch ein Name übrig ist.«

»Der kriegt bestimmt einen tierischen Schreck, wenn Sie mit dem Auto da auftauchen!«

»Ja, bestimmt. Das geht allen so. Das ist wirklich witzig, weißt du, fast alle Leute haben aus irgendeinem Grund ein schlechtes Gewissen. Und wenn ich dann plötzlich vor der Tür stehe, kann ich ihnen richtig ansehen, wie sie in ihrer Erinnerung suchen, um herauszufinden, was ich vielleicht weiß. Wir sollten nicht darüber lachen, aber manchmal kann ich mir das dann doch nicht verkneifen.«

Der Junge nickte und genoß die Gesellschaft dieses klugen Polizisten. Sie aßen ihr Eis zu Ende und gingen zum Auto zurück. Sejer ließ sich am Kiosk eine Papierserviette geben, wischte dem Jungen den Mund ab und half ihm mit dem Sicherheitsgurt.

»Mama und ich fahren in die Stadt und holen Videos. Für sie eins und für mich eins.«

Sejer schaltete und überprüfte den toten Winkel.

»Was willst du denn sehen? Einen Schurkenfilm?«

»Ja. Allein zu Hause 2. Den ersten hab’ ich schon zweimal gesehen.«

»Dann müßt ihr mit dem Bus fahren. Wo ihr doch kein Auto habt.«

»Ja. Das dauert ziemlich lange, aber das macht nichts, wir haben ja schließlich Zeit. Früher, als Papa – als wir noch ein Auto hatten, waren wir im Nu hin und zurück.«

Er steckte den Finger in die Nase und bohrte ein bißchen.

»Papa hat sich einen BMW gewünscht. Er hatte sich auch schon einen angeguckt. Einen weißen. Für den Fall, daß diese Frau den Manta haben wollte.«

Sejer wäre fast auf den Bürgersteig gefahren. Sein Herz machte einen kräftigen Sprung, dann riß er sich zusammen.

»Was hast du gerade gesagt, Jan Henry – ich habe nicht richtig zugehört, weißt du.«

»Die Frau. Die unser Auto kaufen wollte.«

»Hat er dir das erzählt?«

»Ja. In der Garage. An dem Tag – am letzten Tag, an dem er zu Hause war.«

»Eine Frau?«

Sejer spürte, wie es ihm kalt den Rücken hinablief.

»Hat er auch gesagt, wie sie hieß?« Er schaute in den Spiegel, wechselte die Fahrspur und hielt den Atem an.

»Ja, der Name stand auf einem Zettel.«

»Ach?«

»Aber ich weiß ihn nicht mehr, das ist doch schon so lange her, weißt du.«

»Auf einem Zettel? Hast du den gesehen?«

»Sicher, er hatte ihn in einer von den Overalltaschen. Er lag auf dem Rücken unter dem Auto, und ich saß auf dem Tisch, wie immer. Nein, es war eigentlich kein Zettel, es war ein Blatt Papier. Oder ein halbes Blatt Papier.«

»Aber du sagst, du hast es gesehen – hat er es aus der Tasche genommen?«

»Sicher. Aus der Brusttasche. Er hat den Namen gelesen, und dann …«

»Dann hat er das Papier wieder in die Tasche gesteckt?«

»Nein.«

»Hat er es weggeworfen?«

»Ich weiß nicht mehr, was er damit gemacht hat«, sagte Jan Henry traurig.

»Wenn du ganz scharf nachdenkst, meinst du, das fällt dir wieder ein?«

»Ich weiß nicht.«

Der Junge blickte den Polizisten ernst an, langsam ging ihm auf, daß dieser Zettel wichtig war.

»Aber wenn es mir einfällt, dann sage ich Bescheid«, flüsterte er.

»Jan Henry«, sagte Sejer leise, »das ist sehr sehr wichtig.«

Sie hatten das grüne Haus erreicht.

»Ich weiß.«

»Wenn dir also irgend etwas über diese Frau einfällt, egal was, dann mußt du deiner Mutter sofort Bescheid sagen, damit sie mich anruft.«

»Sicher. Wenn mir etwas einfällt. Aber es ist doch schon so lange her.«

»Das stimmt. Aber es ist möglich, wenn man sich sehr anstrengt und an eine Sache denkt, jeden Tag – daß einem wieder einfällt, was man vergessen hatte.«

»Machen Sie’s gut«, sagte Jan Henry.

»Bis bald«, erwiderte Sejer.

Sejer wendete und sah im Rückspiegel, wie der Junge zum Haus rannte.

»Das hätte ich mir doch denken können«, sagte er zu sich selber, »daß der Kleine etwas weiß. Wo er doch immer mit seinem Vater in der Garage herumgehangen hat. Daß ich es auch nie lerne!«

Eine Frau.

Er dachte daran, als er vor dem Gericht parkte und die wenigen Meter zur Erik Børresens gate ging. Vielleicht waren sie auch zu zweit. Die Frau sollte ihn herauslocken, und ein Mann wartete im Hintergrund und übernahm die grobe Arbeit. Aber warum?

In der Erik Børresens gate 6 lag ein Laden für sanitäre Artikel, deshalb ging Sejer zur Nummer 5, wo er im ersten Stock einen J. Mikkelsen fand. Dieser entpuppte sich als Arbeitsloser, deshalb war er zu Hause. Ein Mann von Mitte 20 mit Löchern an beiden Knien seiner Jeans.

»Kennen Sie Egil Einarsson?« fragte Sejer und wartete auf die Reaktion des Mannes. Sie saßen einander gegenüber am Küchentisch. Mikkelsen schob einen Stapel Lottozettel, Salz- und Pfefferstreuer und die neueste Nummer einer Herrenzeitschrift beiseite.

»Einarsson? Das klingt bekannt, aber ich weiß nicht, wieso. Einarsson. Klingt wie ein isländischer Name.«

Mikkelsen hatte wohl kaum etwas zu verbergen. So gesehen war es natürlich Zeitverschwendung, daß Sejer hier mitten am Tag vor einer karierten Wachstuchdecke saß und die Nase in eine blinde Spur steckte.

»Er ist tot. Er ist vor zwei Wochen aus dem Fluß gefischt worden.«

»Aaaah ja!«

Mikkelsen rieb seinen dünnen goldenen Ohrring und nickte heftig.

»Das habe ich natürlich in der Zeitung gelesen. Erstochen. Ja, dann weiß ich Bescheid, Einarsson, ja. Wir haben hier bald amerikanische Zustände, und das liegt am vielen Rauschgift, wenn Sie mich fragen.«

Das tat Sejer nicht. Er schwieg und wartete, beobachtete neugierig das junge Gesicht mit dem schnurgeraden Haaransatz, dem zu verdanken war, daß dem Mann der Pferdeschwanz ausgezeichnet stand. Das ist nur bei wenigen der Fall, dachte Sejer, die meisten sehen damit unmöglich aus.

»Ja, aber ich habe ihn nicht gekannt.«

»Sie wissen also nicht, was er für ein Auto hatte?«

»Auto? Nein, Himmel, woher sollte ich das wissen?«

»Er hatte einen Opel Manta. Achtundachtziger Modell. Fast ungewöhnlich gut in Schuß. Und den hat er von Ihnen gekauft, vor zwei Jahren.«

»O verdammt! Der ist das also!«

Mikkelsen nickte. »Ja, natürlich, deshalb kam der Name mir bekannt vor. O verflixt.«

Er streckte die Hand nach einer Packung Nikotinkaugummi aus, stellte sie hochkant, tippte sie an und drehte sie wieder um.

»Woher um alles in der Welt wissen Sie das denn?«

»Sie haben doch einen Kaufvertrag gemacht, wie das nun mal üblich ist. Hatten Sie eine Anzeige aufgegeben?«

»Nein, ich hatte ein Plakat ins Fenster gehängt. Um das Geld zu sparen. Er rief schon nach zwei Tagen an. Er war übrigens ein komischer Vogel. Er hatte seit einer Ewigkeit gespart und hat gleich bar bezahlt.«

»Warum wollten Sie verkaufen?«

»Ich wollte nicht. Ich wurde arbeitslos, und deshalb konnte ich mir kein Auto mehr leisten.«

»Sie haben jetzt also keins?«

»Doch, das schon. Ich habe einen Escort, den habe ich bei einer Versteigerung gekauft, einen alten. Aber meistens steht der herum, ich habe kein Geld für Benzin, solange ich von der Sozialhilfe lebe.«

»Ja, das ist wohl richtig.«

Sejer erhob sich.

»Nein, das ist überhaupt nicht richtig, wenn Sie mich fragen.«

Beide grinsten kurz.

»Bringen die was?« fragte Sejer und zeigte auf die Kaugummipackung. Der andere dachte kurz nach. »Doch, ja, im Grunde schon, aber sie machen süchtig. Und teuer sind sie auch. Und sie schmecken ganz scheußlich, ungefähr so, als ob man auf einer Kippe herumkaut.«

Sejer ging, strich Mikkelsens Namen oben von der Liste und fügte ihn unten wieder an. Überquerte die Straße und spürte, wie die Sonne ihn durch die Lederjacke hindurch warm werden ließ. Es war die beste Zeit des Jahres, der Sommer lag noch vor ihm, ein Traum von einem Ferienhaus auf Sandøya, von Sonne und Meer und Salzwasser, der Essenz aller früheren Sommer, aller gelungenen Ferien. Ab und zu war er ein bißchen besorgt, aus purer bitterer Erfahrung von verregneten, windigen Sommern, von denen es auch etliche gegeben hatte. Aber in den sonnigen Sommern fand er Frieden, dann war er nicht so nervös.

Jetzt lief er die flache Treppe hoch, stieß die Tür auf und nickte Frau Brenningen in der Rezeption kurz zu. Frau Brenningen war im Grunde eine hübsche Frau, blond und freundlich. Nicht, daß er den Frauen hinterherlief, vielleicht hätte er das tun sollen, aber das hatte noch Zeit. Bis auf weiteres begnügte er sich damit, sie anzusehen.

»Ist das spannend?« fragte er und nickte in Richtung auf das Buch, in dem sie zwischendurch las.

»Gar nicht schlecht«, sie lächelte. »Intrigen, Macht und Begierde.«

»Klingt wie unsere eigene Branche.«

Er entschied sich für die Treppe, schloß die Tür hinter sich und ließ sich in den Sessel von Kinnarps fallen, den er selber bezahlt hatte. Dann erhob er sich wieder, nahm Maja Durbans Ordner aus dem Aktenschrank, setzte sich und fing an zu lesen. Betrachtete eine Weile ihre Fotos, zuerst das eine, auf dem sie noch lebte, eine hübsche, etwas mollige Frau mit rundem Gesicht und schwarzen Brauen. Schmale Augen. Ziemlich kurzgeschnittene Haare. Die standen ihr gut. Eine anziehende Frau auf der Sonnenseite des Lebens, ihr Lächeln verriet einiges darüber, wer sie war, ein freches, neckendes Lächeln, das ihr Grübchen in die Wangen zauberte. Auf dem anderen Bild lag sie auf dem Rücken im Bett und starrte aus weit offenen Augen die Decke an. Ihr Gesicht brachte weder Angst noch Überraschung zum Ausdruck. Es drückte überhaupt nichts aus, es sah aus wie eine farblose Maske, die jemand auf ein Bett geworfen hatte.

Der Ordner enthielt auch etliche Bilder aus der Wohnung. Ordentliche, schöne Räume mit hübschen Gegenständen, feminin, aber ohne Spitzen und Pastelltöne, Möbel und Teppiche wiesen kräftige Farben auf, rot, grün, gelb, Farben, wie eine starke Frau sie sich aussucht, überlegte er. Nichts deutete an, was geschehen war, kein Gegenstand war zerbrochen oder umgefallen, alles schien lautlos und ruhig vor sich gegangen zu sein. Und als vollständige Überrumplung. Sie hatte ihn gekannt. Hatte ihm die Tür geöffnet und sich ausgezogen. Zuerst hatten sie sich geliebt, und nichts legte die Annahme nahe, es sei gegen ihren Willen geschehen. Und dann war irgend etwas passiert. Ein Zusammenbruch, ein Kurzschluß. Und ein starker Mann konnte innerhalb weniger Sekunden aus einer kleinen Frau das Leben herauspressen, das wußte er, kurz mit den Beinen strampeln, dann war alles vorbei. Niemand hört einen Schrei, wenn die Frau einen Schalldämpfer aus Eiderdaunen vor dem Mund hat, überlegte er. Die Spermienreste, die im Opfer gefunden worden waren, waren DNA-getestet worden, aber da sie noch kein eigenes Register dafür hatten, half das auch nicht weiter. Der Antrag auf ein solches Register lag beim Parlament und sollte irgendwann im Frühling behandelt werden. Und danach, dachte er, sollten alle Menschen mit gesunden Körperfunktionen sich bei Auseinandersetzungen vorsehen. Alle menschlichen Hinterlassenschaften können zusammengekratzt und DNA-getestet werden, mit einer Fehlerquote von eins zu siebzehn Milliarden. Sie hatten eine Weile mit dem Gedanken gespielt, um die Erlaubnis zu bitten, alle männlichen Einwohner der Stadt, die zwischen achtzehn und fünfzig Jahren alt waren, zu einem Test kommen zu lassen. Es hatte sich jedoch herausgestellt, daß sie dann Tausende von Männern einberufen müßten. Die Aktion hätte Millionen gekostet und vielleicht zwei Jahre gedauert. Die Justizministerin hatte den Vorschlag allerdings äußerst ernsthaft geprüft, bis sie genauer über den Fall und das Opfer informiert worden war. Marie Durban war solche Summen nicht wert. Das konnte er im Grunde verstehen. Ab und zu fabulierte er von einem zukünftigen System, in dem alle norwegischen Staatsbürger bei ihrer Geburt automatisch getestet und dem Register einverleibt werden würden. Diese Möglichkeit eröffnete schwindelnde Perspektiven. Er las noch eine Weile die Verhörprotokolle, leider gab es nicht viele, drei Kolleginnen, fünf Nachbarn aus ihrem Block, und zwei männliche Bekannte, die behaupteten, sie nur oberflächlich gekannt zu haben. Und schließlich diese Jugendfreundin mit ihrer verquasten Aussage. Vielleicht hatten sie die zu billig davonkommen lassen, vielleicht wußte sie mehr, als sie zugeben wollte. Ein leicht neurotischer Typ, aber sicher ehrlich, jedenfalls hatte er niemals einen Grund gehabt, sie vorzuladen. Und warum hätte sie Durban umbringen sollen? Eine Freundin bringt keine Freundin um, dachte er. Im übrigen hatte sie einen gewissen Eindruck auf ihn gemacht, diese langbeinige Malerin mit den schönen Haaren, Eva Marie Magnus.

Niemand bei der Technik konnte sich an einen grünen Overall erinnern.

Sie hatten auch keine Taschenlampe und keinen Zettel mit einem Namen und einer Telefonnummer gesehen. Das Handschuhfach war geleert und sein Inhalt untersucht worden, es handelte sich um die üblichen Dinge, die man im Handschuhfach aufbewahrt, Wagenpapiere, Wartungsanleitung, Stadtplan, eine Schachtel Zigaretten, Schokoladenpapier. Zwei leere Wegwerffeuerzeuge. Und, obwohl seine Frau ihm die Wirkung auf andere Frauen abgesprochen hatte – eine Packung Black Jack. Alles war pflichtgemäß notiert worden.

Danach rief Sejer in der Brauerei an. Er ließ sich zum Personalchef durchstellen, ein zuvorkommender Mann mit Resten eines nordnorwegischen Akzentes meldete sich.

»Einarsson? Ja, natürlich kann ich mich an ihn erinnern. Das ist wirklich eine schlimme Geschichte, er hatte ja auch Familie, soviel ich weiß. Aber er war einer unserer wirklich zuverlässigen Leute. Hat fast nie gefehlt, das sehe ich gerade, in den ganzen sieben Jahren nicht. Und das sagt ja wohl einiges. Aber ich sehe mal im September, Oktober letzten Jahres nach.« Sejer konnte hören, daß der andere in seinen Papieren blätterte.

»Es kann eine Weile dauern, hier arbeiten schließlich hundertfünfzig Mann. Soll ich vielleicht zurückrufen?«

»Ich warte lieber.«

»Na gut.«

Die Stimme wich einem Trinklied, das nun durch die Leitung dröhnte. Mein Mann ist gefahren ins Heu. Im Grunde nicht schlecht, dachte Sejer, jedenfalls besser als die übliche Plastikmusik. Es war eine dänische Version, mit Akkordeon, richtig schmissig.

»Ja, genau.«

Er räusperte sich.

»Sind Sie noch da? Er hat an einem Tag im Oktober seine Karte ziemlich spät abgestempelt, sehe ich gerade. Am 2. Oktober. Da kam er erst um halb zehn. Hatte wohl verschlafen. Diese Jungs sitzen da doch ziemlich viel in der Kneipe herum.«

Sejer trommelte mit den Fingern.

»Vielen Dank. Aber noch eine Kleinigkeit, wo ich Sie schon an der Strippe habe. Frau Einarsson ist jetzt allein mit ihrem sechs Jahre alten Sohn, und sie hat von Ihnen wohl noch kein Geld bekommen, kann das stimmen?«

»Hm, ja, das ist wohl richtig.«

»Wie ist das möglich? Einarsson war doch über die Firma versichert, oder nicht?«

»Doch, ja, doch, ja, aber wir konnten doch nicht sicher wissen, was passiert war. Und dann sind die Regeln eindeutig. Es kommt doch auch vor, daß Leute sich einfach verdrücken. Egal warum, man weiß ja nie, die Leute kommen heutzutage auf die seltsamsten Ideen.«

»Aber dann hätte er sich erst die Mühe machen und ein Huhn oder so schlachten müssen«, sagte Sejer trocken. »Um das Blut über sein Auto zu gießen. Ich gehe davon aus, daß Sie die Einzelheiten gehört haben?«

»Ja, das ist schon richtig. Aber ich kann versprechen, daß ich die Sache forcieren werde, wir haben jetzt ja, was wir brauchen.«

Er schien verlegen zu sein. Sein Finnmark-Akzent kam immer stärker durch.

»Dann verlasse ich mich darauf«, sagte Sejer.

Und er nickte langsam. Es war schon seltsam, und es konnte natürlich ein Zufall sein. Daß Einarsson genau an diesem Tag verschlafen hatte. Am Tag nach dem Mord an Maja Durban.

Um das Königliche Wappen zu erreichen, mußte er über die Brücke. Er fuhr langsam und bewunderte die Skulpturen, die im Abstand von einigen Metern zu beiden Seiten aufgestellt waren. Sie stellten Frauen bei der Arbeit dar, Frauen mit Krügen auf dem Kopf, mit Säuglingen im Arm, oder tanzende Frauen. Eine zum Schwindeln schöne Vorstellung hoch über dem schmutzigen Flußwasser. Danach bog er beim alten Hotel rechts ab und fuhr langsam durch die Einbahnstraße.

Er hielt an und schloß den Wagen ab. Das Lokal war dunkel und stickig, Wände und Möbel und überhaupt alles Inventar waren in Tabak und Schweiß gebeizt, ihr Geruch war wie eine Imprägnierung ins Holz eingezogen und hatte der Kneipe die Patina gegeben, die die Gäste wünschten. Und wirklich hing das Königliche Wappen in Form von alten Schwertern, Revolvern und Gewehren an den mit Jute verkleideten Wänden, sogar eine fesche alte Armbrust war vertreten. Sejer blieb vor dem Tresen stehen, um seine Augen zuerst an die Dunkelheit zu gewöhnen. Hinten im Lokal sah er eine doppelte Schwingtür. Jetzt öffnete die sich, und ein kleinwüchsiger Mann in weißer Kochjacke und Hosen in Pepitamuster kam zum Vorschein.

»Sind Sie der Geschäftsführer?«

»Ja. Aber ich kaufe nicht an der Tür.«

»Polizei«, sagte Sejer.

»Das ist etwas anderes. Ich mach’ nur schnell die Gefriertruhe zu.«

Der Mann verschwand. Sejer sah sich um. Die Kneipe hatte zwölf hufeisenförmig plazierte Tische, an jedem Tisch hatten sechs Gäste Platz. Im Moment war kein Mensch im Lokal, die Aschenbecher waren leer, und in den Kerzenhaltern fehlten die Kerzen.

Der Koch, der also der Geschäftsführer war, kam wieder durch die Schwingtüren und nickte zuvorkommend. Statt einer Kochmütze benutzte er Fett oder Gelee oder eine andere bindende Masse, seine Haare lagen so schwarz und blank an seinem Kopf an wie ein Mistkäferpanzer. Nur ein Orkan könnte vielleicht ein Haar erwischen und in die Suppe wirbeln, überlegte Sejer.

»Sind Sie jeden Abend hier?«

Der Mann hob seinen Hintern auf einen Barhocker.

»Yes, Sir, jeden einzelnen Abend. Abgesehen vom Montag, dann haben wir geschlossen.«

»Ganz schön unbequeme Arbeitszeit, nehme ich an. Jede Nacht bis zwei geöffnet?«

»Wenn man Weib und Kind und Hund und Auto und Boot und Ferienhaus im Gebirge hat – dann ja, unbedingt. Aber ich habe nichts von alledem.«

Er lächelte breit. »Für mich ist der Job ideal. Und ich fühle mich wohl und komm’ gut mit den Jungs aus, die hier trinken. Wissen Sie, wir sind eine einzige große Familie!«

Er umarmte einen Kubikmeter Luft und machte einen kleinen Sprung, um auf den Barhocker zu gelangen.

»Gut.«

Sejer mußte über den kleinen Mann in der karierten Hose lächeln. Er war vielleicht Mitte vierzig, die weiße Jacke war strahlend sauber, und das galt auch für seine Fingernägel.

»Sie kennen doch die Leute aus der Brauerei, die oft herkommen, nicht wahr?«

»Kamen. Die Clique hat sich mehr oder weniger aufgelöst. Ich weiß nicht so recht, warum. Aber der Löwe ist nicht mehr da, das wird der Grund sein.«

»Der Löwe?«

»Egil Einarsson. Der Partylöwe. Hat irgendwie alles zusammengehalten. Sie kommen doch sicher seinetwegen?«

»Haben sie ihn wirklich so genannt?«

Der andere lächelte, fischte zwei Erdnüsse aus einer Schale und schnippte sie zu Sejer hinüber. Sie erinnerten Sejer an kleine fette Larven, und er ließ sie liegen.

»Aber sie waren doch eine ziemlich große Gruppe?«

»So insgesamt zehn bis zwölf Mann – der harte Kern bestand aus vier oder fünf Jungs, die fast jeden Tag hier saßen. Ich war mir wirklich sicher, daß die Jungs hier bleiben würden. Keine Ahnung, was passiert ist, abgesehen davon, daß irgendwer den Löwen erstochen hat. Und warum der Rest wegbleibt, begreife ich nicht. Traurig. An den Jungs haben wir hier wirklich gut verdient. Und es war nett mit ihnen. Angenehme Burschen.«

»Erzählen Sie mir. Was haben die hier gemacht? Worüber haben sie sich unterhalten?«

Der andere strich sich die Haare glatt, eine völlig überflüssige Korrektur.

»Haben viel Darts geworfen.«

Er zeigte auf eine riesige Zielscheibe hinten im Lokal.

»Haben Turniere veranstaltet und so. Gequatscht und gelacht und diskutiert. Getrunken und gelacht und herumgejuxt. Hier konnten sie sich einfach gehen lassen, hatten nie ihre Frauen bei sich. Das hier ist eine Männerkneipe.«

»Und worüber haben sie gesprochen?«

»Autos, Frauen, Fußball. Und über die Arbeit, wenn da irgendwas passiert war. Und über Frauen, habe ich das schon erwähnt?«

»Sie haben sich auch gestritten?«

»Ja, sicher, aber nicht ernsthaft. Ich meine, sie haben sich immer als Freunde getrennt.«

»Haben Sie ihre Namen gekannt?«

»Naja, wenn Sie Löwe und Peddik und Herr Graf als Namen gelten lassen – ich habe keine Ahnung, wie sie wirklich heißen. Abgesehen von Arvesen, das war der Jüngste von allen, Nico Arvesen.«

»Wer ist der Herr Graf?«

»Ein Graphiker. Hat Plakate und Werbematerial für die Brauerei gemacht, übrigens richtig schöne Sachen. Keine Ahnung, wie er heißt.«

»Kann einer von denen Einarsson erstochen haben?«

»Nein, wirklich nicht. Das muß jemand anderes gewesen sein. Die waren doch alle befreundet.«

»Haben sie Maja Durban gekannt?«

»Das taten doch alle. Sie nicht?«

Sejer überhörte diese Frage.

»An dem Abend, an dem Durban umgebracht worden ist, hatten Sie hier Ärger, nicht wahr?«

»Stimmt. Und daß ich das noch weiß, kommt nur vom Blaulicht. Normalerweise haben wir mit Streitereien keine Probleme. Aber so ganz lassen die sich nicht vermeiden.«

»Hatte der Ärger schon angefangen, als unsere Einsatzwagen kamen, oder war das nachher?«

»Oi, da muß ich erst mal nachdenken.«

Der Mann kaute auf seinen Erdnüssen herum und leckte sich die Lippen. »Vorher, glaube ich.«

»Wissen Sie, was da los war?«

»Suff, natürlich. Peddik hatte zuviel getankt. Mußte die Bullen anrufen, obwohl ich das eigentlich nicht will. Es geht mir an die Ehre, wenn ich nicht selber Ordnung schaffen kann, aber an diesem Abend ging es nun mal nicht. Der Typ ist total ausgerastet, ich bin ja kein Arzt, aber mir kam es vor wie eine Art Delirium.«

»Aber war er sonst nicht so streitsüchtig?«

»Er war ein bißchen hitzig, das schon. Aber da war er nicht der einzige. Die waren allesamt ziemlich laut. Der Löwe war übrigens von der ruhigeren Sorte, hat manchmal ein bißchen geblubbert, Sie wissen schon, wie die Erdstöße in San Francisco, bei denen die Gläser im Schrank mal kurz klirren. Viel ist dabei nur selten herausgekommen. Er war oft mit dem Auto hier, und dann hat er Cola oder Seven Up getrunken. Und er hat bei ihren Turnieren immer Buch geführt.«

»Und unsere Leute haben ihn dann eingebuchtet, diesen Peddik?«

»Genau. Aber nachher habe ich erfahren, daß sie es sich danach anders überlegt haben.«

»Einarsson hat sich für ihn eingesetzt.«

»Ach, meine Güte, ist das denn möglich?«

»Naja, auch wir lassen mit uns reden. Nichts geht über soziale Netzwerke, wissen Sie, davon haben wir viel zu wenige. Sie haben nicht zufällig irgendein Wort aufgeschnappt? Mitten im ganzen Krach?«

»Doch, das ließ sich nicht vermeiden. ›Verdammtes Frauenzimmer‹ und so.«

»Also eine Frauengeschichte?«

»Bestimmt nicht. Nur viel Promille, und dann greifen sie zum nächstliegenden Thema. Seine Ehe war wohl nicht besonders heiß, deshalb sind sie ja schließlich hergekommen, nicht wahr?«

Der Mann fischte aus einem Behälter auf dem Tresen einen Zahnstocher und reinigte sich damit die Fingernägel. »Meinen Sie, zwischen beiden Morden besteht ein Zusammenhang?«

»Keine Ahnung«, sagte Sejer. »Aber ich muß einfach danach fragen, wo ich schon hier sitze und aus dem Fenster schaue und ihren Block sehen kann. Fast wenigstens.«

»Das kann ich verstehen. Tolle Frau, übrigens. So sollen Mädels aussehen!«

»War sie oft hier?«

»Nix. Die hatte feinere Angewohnheiten. Ein seltenes Mal hat sie hereingeschaut, nur, um in Rekordzeit einen Cognac zu kippen und wieder zu verschwinden. Hatte nicht viel Freizeit, glaube ich. Fleißige Kleine. Hat wirklich rangeklotzt.«

»Diese Jungs, die hier getrunken haben, die haben doch sicher über den Mord geredet?«

»Der Mord lag hier mitten im Laden wie ein frischer Kuhfladen, und sie sind wochenlang darum herumgeschwirrt. So sind die Menschen eben.«

Sejer stand auf.

»Und jetzt kommen sie nicht mehr her?«

»Doch, sie schauen schon mal rein, aber nicht mehr regelmäßig. Und nicht mehr gleichzeitig. Trinken nur zwei Halbe und gehen dann wieder. Entschuldigung«, sagte der andere dann plötzlich, »ich hätte Ihnen natürlich etwas zu trinken anbieten müssen.«

»Das habe ich dann eben noch gut. Vielleicht schaue ich auch mal rein und trinke einen Halben. Sind Sie ein guter Koch?«

»Kommen Sie doch mal abends und probieren Sie das Cordon Bleu.«

Sejer verließ das Lokal und blieb im Tageslicht abrupt stehen. Der Koch war ihm gefolgt.

»Hier war nach dem Mord an Durban schon mal ein Bulle. So ein englischer Dandy, mit Schnurrbart.«

»Karlsen«, lächelte Sejer. »Der ist aus Hokksund.«

»Ja, ja, er kann ja trotzdem in Ordnung sein.«

»Ist Ihnen aufgefallen, ob einer von den Jungs während des Abends verschwunden und danach wiedergekommen ist?«

»Das mußte ja kommen«, grinste der Koch. »Diese Frage, meine ich. Aber das weiß ich wirklich nicht mehr. Die sind oft raus und wieder reingelaufen, und es ist schließlich ein halbes Jahr her. Sie sind manchmal um sieben ins Kino gegangen und dann wieder hergekommen, sie haben im Peking gegessen und sich dann hier vollaufen lassen. Einarsson ging manchmal zwischendurch Tabak kaufen, ich führe seine Marke nicht. Aber wie das an dem Abend war, weiß ich wirklich nicht. Dafür haben Sie hoffentlich Verständnis.«

»Vielen Dank für Ihre Auskünfte. Es war jedenfalls nett bei Ihnen.«

Auf dem Heimweg hielt er bei der Fina-Tankstelle. Er ging in den Laden und nahm sich eine Zeitung aus dem Gestell. Hinter dem Tresen stand eine hübsche junge Blondine mit Locken. Ein bißchen fülliges Gesicht, runde, goldene Wangen, wie frischgebackene Rosinenbrötchen. Aber da sie nicht älter sein konnte als siebzehn, gestattete er sich nur väterliche Gefühle.

»Sie haben einen schönen Overall an«, sagte er und zeigte darauf, »so einer liegt bei mir zu Hause in der Garage.«

»Ja?« Sie lächelte fragend.

»Wissen Sie, ob die auch in Kindergrößen lieferbar sind?«

»Ach, Gott, da habe ich wirklich keine Ahnung.«

»Können Sie irgendwen fragen?«

»Sicher, aber dann muß ich anrufen.«

Sejer nickte und schlug die Zeitung auf, während die Frau eine Nummer wählte. Er mochte den Geruch hier im Laden, eine Mischung aus Öl und süßer Schokolade, Tabak und Benzin.

»Die kleinste Größe ist für zehn Jahre. Kostet zweihundertfünfundzwanzig Kronen.«

»Könnten Sie mir einen bestellen? Den kleinsten? Der ist zwar noch ein bißchen zu groß, aber der Junge wächst ja schließlich noch.«

Sie nickte, er legte seine Karte auf den Tresen und bedankte sich, nahm die Zeitung und ging. Als er nach Hause kam, nahm er eine Packung Sauerrahmbrei aus der Gefriertruhe. Er war fertig gekauft, schmeckte aber sehr gut. Sejer war kein besonders guter Koch, kochen war in Elises Ressort gefallen. Ihm war das jetzt irgendwie egal. Früher hatte er den Hunger als bohrendes Gefühl im Magen empfunden, manchmal war er sehr gespannt gewesen, was Elise wohl im Kochtopf hatte. Jetzt war der Hunger eher ein kläffender Hund, und wenn er wirklich Krach machte, warf er ihm eine Portion Hundekuchen hin. Sejers Stärke war das Spülen. An jedem Tag ihrer langen Beziehung, die über zwanzig Jahre gedauert hatte, hatte er gespült. Er ließ sich auf den Stuhl am Küchentisch sinken, aß langsam seinen Brei und trank dazu ein Glas Saft. Seine Gedanken wanderten und landeten bei Eva Magnus. Er suchte nach einem Vorwand, um sie noch einmal aufzusuchen, konnte aber keinen finden. Ihre Tochter war vielleicht im selben Alter wie Jan Henry. Und der Ehemann hatte sie verlassen und war Marie Durban wahrscheinlich nie begegnet. Aber deshalb war es ja nicht verboten, mit ihm zu sprechen, von Durban gehört hatte er sicher. Sejer wußte, daß die Kleine jedes zweite Wochenende bei ihrem Vater verbrachte, der wohnte also in der Gegend. Er versuchte, sich an den Namen zu erinnern, aber er fiel ihm nicht mehr ein. Doch der ließ sich feststellen. Einfach sicherheitshalber, man wußte ja nie. Ein neuer Name für die Liste. Und Zeit hatte er genug.

Er aß zu Ende, spülte den Teller kurz ab und ging zum Telefon. Rief im Klub an und ließ sich für den nächsten Samstag fürs Springen eintragen, falls es nicht zu windig wäre, denn Wind konnte er nicht vertragen. Danach schlug er im Telefonbuch den Namen Magnus nach, ließ den Finger langsam über die Namensspalten gleiten. Bis er glaubte, einen wiederzuerkennen: Jostein Magnus. Dipl. Ing. Adresse: Lille Frydenlund. Sejer ging wieder in die Küche, machte sich eine große Tasse Kaffee und setzte sich im Wohnzimmer in einen Sessel. Sofort kam Kollberg und legte ihm den Kopf auf die Füße. Sejer öffnete die Zeitung, und mitten in einem glühenden Appell für die Europäische Union schlief er ein.

Emma war wieder zu Hause, und das war eine Erleichterung. Eva dachte immer wieder dasselbe, es war besser, die Kleine in der Nähe zu haben, dann war sie immerhin beschäftigt. Jetzt konnte sie nur noch warten. Sie nahm ihre Tochter an der Hand, an der weichen, molligen Hand, und ging mit ihr zum Auto. Die rosa Schultasche, die bei Evas Vater auf sie wartete, hatte sie noch mit keinem Wort erwähnt, die sollte eine Überraschung sein. Sie wollte ihren Vater nicht um das Freudengeheul bringen, das gab es in seinem Leben nicht allzu oft. Emma stieg hinten ins Auto und schnallte sich an, sie trug einen kastanienbraunen Hosenanzug, der ihr ziemlich gut stand, und Eva hatte ihr beim Frisieren geholfen. Evas Vater wohnte ein Stück weit entfernt, vielleicht eine gute halbe Stunde mit dem Auto, und schon nach fünf Minuten fing Emma an zu quengeln. Eva war irritiert. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt, sie konnte nicht viel vertragen.

»Krieg’ ich ein Eis?«

»Wir sind gerade erst losgefahren. Wir können doch wohl ein einziges Mal zu Opa fahren, ohne etwas zu kaufen.«

»Nur ein Safteis?«

Du bist zu dick, dachte Eva, du solltest bis auf weiteres überhaupt nichts mehr essen.

Sie hatte das Emma aber nie gesagt. Sie stellte sich vor, ihre Tochter sei sich dessen selber nicht bewußt, und wenn sie es laut sagte, würde das Fett zum ersten Mal zum wirklichen Problem werden. Und für Emma selber sichtbar sein.

»Laß uns auf jeden Fall erst aus der Stadt herausfahren«, sagte Eva kurz. »Und Opa wartet. Vielleicht hat er gekocht, und dann dürfen wir uns nicht den Appetit verderben.«

»Einen Appetit kann man doch wohl nicht verderben«, erwiderte Emma verständnislos. Sie kannte dieses Phänomen nicht, sie hatte immer Appetit.

Eva gab keine Antwort. Sie dachte daran, daß bald die Schule anfangen würde, und dann mußte Emma zum Schularzt. Hoffentlich würde sie nicht die einzige mit diesem Problem sein, aber bei sechsundzwanzig Kindern in einer Klasse bestand immerhin eine gewisse Möglichkeit. Seltsam, hier saß sie nun und dachte an die Zukunft, an der sie vielleicht nicht einmal teilhaben würde. Vielleicht würde Jostein Emma zur Schule bringen. Ihre widerspenstigen Haare kämmen, die mollige Hand halten.

Der Verkehr floß gleichmäßig dahin, und sie hielt sich genau an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Es war für sie eine Art Manie geworden, sich nichts zuschulden kommen zu lassen, kein Aufsehen zu erregen. Gleich nach Verlassen der Innenstadt lag links eine rund um die Uhr geöffnete Esso-Tankstelle.

»Da kannst du leicht anhalten, Mama, wenn wir uns ein Eis kaufen wollen.«

»Nein, Emma, jetzt hör auf damit!«

Ihre Stimme klang scharf. Eva bereute und fügte in sanfterem Tonfall hinzu:

»Vielleicht auf der Rückfahrt.«

Dann war alles still. Eva sah im Rückspiegel Emmas Gesicht, mit den runden Wangen und dem breiten Kinn, die sie vom Vater geerbt hatte. Es war ein ernstes Gesicht, das nichts von der Zukunft wußte, von allem, was sie vielleicht würde durchmachen müssen, wenn …

»Ich kann den Asphalt sehen«, sagte Emma plötzlich. Sie beugte sich vor und starrte den Autoboden an.

»Das weiß ich, das ist Rost. Wir kaufen uns ein neues Auto, ich habe das einfach noch nicht geschafft.«

»Aber das können wir uns doch leisten, oder? Können wir uns das leisten, Mama?«

Eva starrte in den Spiegel. Keine Autos hinter ihr.

»Ja«, sagte sie kurz.

Den Rest der Fahrt schwiegen sie.

Evas Vater hatte die Tür bereits aufgeschlossen. Er hatte schon von weitem den alten Ascona gesehen, und deshalb schellten sie nur kurz und gingen ins Haus. Der Vater hatte Probleme mit den Beinen und konnte nur sehr langsam gehen. Eva legte die Arme um ihn und drückte ihn so kräftig an sich, wie sie das immer tat, er roch nach Players-Zigaretten und Rasierwasser. Emma mußte auf ihre Umarmung noch warten.

»Die Frauen in meinem Leben!« rief er glücklich. Und fügte hinzu: »Jetzt darfst du wirklich nicht noch mehr abnehmen, Eva. In dem Kleid siehst du aus wie eine schwarze Bohnenstange.«

»Was für ein nettes Kompliment«, sie lächelte. »Aber du bist schließlich auch nicht gerade fett. Also weißt du, von wem ich das habe.«

»Ja, ja. Gut, daß wenigstens eine hier Verstand genug hat, um sich etwas Gutes zu tun«, sagte ihr Vater und legte Emma den mageren Arm um die Taille. »Geh mal in mein Arbeitszimmer, da steht ein Geschenk für dich.«

Emma riß sich los und stürzte davon. Bald darauf war im ganzen Haus ihr glückliches Geschrei zu hören.

»Rosa!« rief sie und kam angetrampelt. Die Tasche paßt wirklich überhaupt nicht zu den roten Haaren, dachte Eva traurig, braun wäre besser gewesen. Sie versuchte, die düsteren Gedanken zu unterdrücken, die sich überall einschlichen.

Der Vater hatte im Laden ein Brathähnchen bestellt, und Eva half ihm bei den Vorbereitungen.

»Du kannst doch hier schlafen«, sagte er bittend, »dann trinken wir einen Schluck Rotwein. So wie in alten Zeiten. Ich vergesse ja bald, wie man sich in Gesellschaft benimmt, schließlich bist du mein einziger Besuch.«

»Läßt Jostein sich denn nie sehen?«

»Doch, doch, ein seltenes Mal. Ich kann ja auch kein böses Wort gegen Jostein sagen«, fügte ihr Vater rasch hinzu. »Er ruft auch an und schreibt mir Karten. Ich mag Jostein sehr, im Grunde war er ein erstklassiger Schwiegersohn. Das hat auch deine Mutter immer gesagt.«

Emma trank Ginger Ale und aß voller Andacht ihr Brathähnchen. Evas Vater brauchte ein wenig Hilfe beim Schneiden. Wenn er allein war, aß er vor allem Brei, aber das verriet er nicht. Eva schnitt ihm das Fleisch zurecht, entfernte die Knochen und schenkte Wein ein. Es war ein Canepa, anderen Wein vertrug sein Magen nicht, weshalb er von diesem zum Ausgleich viel trank. Ab und zu legte Eva von ihrer Portion auf Emmas Teller. Das hätte sie nicht tun dürfen, aber solange Emma etwas zu essen hatte, würde sie wohl kaum an den Mann im Fluß denken.

»Hast du denn im Moment jemanden, mit dem du ins Bett gehen kannst, Kind?« fragte ihr Vater plötzlich.

Eva riß die Augen auf.

»Nein, stell dir vor, hab ich nicht.«

»Nein, nein«, sagte er, »aber das findet sich sicher.«

»Man kann auch ohne leben«, sagte sie mürrisch.

»Das brauchst du mir nicht zu erzählen«, sagte er. »Ich bin seit vierzehn Jahren Witwer.«

»Erzähl mir nicht, daß es vierzehn Jahre her ist!« protestierte sie. »Ich kenne dich doch.«

Er schmunzelte und nippte am Wein.

»Aber das ist nicht gesund, weißt du.«

»Ich kann mir doch keinen von der Straße auflesen«, sagte sie und biß in ein knuspriges Hähnchenbein.

»Natürlich kannst du das. Lad’ ihn doch einfach zum Essen ein. Die meisten würden ja sagen, da bin ich mir sicher. Du bist doch eine hübsche Frau, Eva. Ein bißchen dünn, aber hübsch. Du hast Ähnlichkeit mit deiner Mutter.«

»Nein, mit dir.«

»Verkaufst du Bilder? Arbeitest du hart?«

»Die Antwort ist nein. Und ja.«

»Sag Bescheid, wenn du Geld brauchst.«

»Tu ich nicht. Ich meine, wir haben inzwischen gelernt, mit wenig zurechtzukommen.«

»Früher hatten wir nie Geld genug für das McDonald’s«, sagte Emma laut. »Jetzt können wir uns das leisten.«

Eva merkte, daß sie rot wurde. Und das war ärgerlich, ihr Vater kannte sie und war auch nicht dumm.

»Hast du Geheimnisse vor mir?«

»Ich bin fast vierzig, natürlich habe ich Geheimnisse vor dir.«

»Na gut, dann sage ich nichts mehr. Aber Gnade dir, wenn du etwas von mir brauchst und mir nicht Bescheid sagst. Dann werde ich sauer, damit du’s weißt.«

»Das weiß ich.« Sie lächelte.

Schweigend aßen sie zu Ende. Dann goß sie den Rest der Flasche ins Glas ihres Vaters und räumte den Tisch ab. Sie arbeitete langsam. Sie dachte, daß sie sich jetzt vielleicht zum letzten Mal im Haus ihres Vaters zu schaffen machte. Von nun an würde sie immer so denken.

»Leg dich doch ein bißchen aufs Sofa. Ich koche uns Kaffee.«

»Ich habe auch Likör«, sagte er mit brüchiger Stimme.

»Ja, ja, den finde ich sicher. Jetzt leg dich hin, ich spüle und lese Emma dann was vor. Und nachher trinken wir dann noch eine Flasche Wein.«

Ihr Vater erhob sich mit großer Mühe, und sie nahm seinen Arm. Emma wollte ihm etwas vorsingen, damit er schneller einschliefe, und ihm war das recht. Eva ging in die Küche, steckte einige Geldscheine in das Einmachglas in seinem Schrank und ließ Wasser ins Spülbecken laufen. Bald war Emmas Stimme im ganzen Haus zu hören. Sie sang: »Der schönste Platz ist immer an der Theke«, und Eva hing über dem Becken, Lach- und Kummertränen vermischten sich mit dem Schaum.

Später an diesem Abend deckte sie ihn zu und gab ihm zur Stütze ein paar Kissen. Sie löschten fast alle Lampen und saßen im Halbdunkel da. Emma schlief mit offener Tür, sie konnten sie leise schnarchen hören.

»Fehlt Mama dir?« fragte Eva und streichelte seine Hand.

»In jeder einzelnen Stunde des Tages.«

»Ich glaube, sie ist jetzt hier.«

»Natürlich ist sie das, auf irgendeine Weise. Aber ich weiß nicht genau, auf welche, ich kann das einfach nicht herausfinden.«

Er tastete auf dem Tisch nach seinen Zigaretten, und sie zündete eine für ihn an.

»Warum war sie unglücklich, was glaubst du?«

»Ich weiß nicht. Glaubst du an Gott?« erwiderte Eva.

»Sei nicht blöd!«

Wieder schwiegen sie, lange. Er trank langsam und gleichmäßig seinen Rotwein, und sie wußte, daß er auf dem Sofa einschlafen und mit Rückenschmerzen aufwachen würde, das war schon immer so.

»Wenn ich groß bin, will ich dich heiraten«, sagte sie müde. Sie schloß die Augen und wußte, daß auch sie einschlafen würde, auf dem Sofa, den Kopf über der Rückenlehne hängend. Sie mochte nicht dagegen ankämpfen. Solange sie hier im Wohnzimmer ihres Vaters saß, fühlte sie sich sicher. Wie damals, als sie klein war und er sie beschützen konnte. Das konnte er nicht mehr, aber es war doch ein gutes Gefühl.

Sejer erwachte mit steifem Nacken. Wie immer war er nach dem Essen im Sessel eingeschlafen, und seine Füße waren klatschnaß, der Hund hatte sie besabbert. Sejer ging ins Badezimmer. Zog sich langsam aus, ohne dabei in den Spiegel zu blicken, bückte sich unter den Strahl der Dusche und schnitt jedesmal eine Grimasse, wenn er die Wandfliesen streifte. Sie waren aus Vinyl und sollten Marmor darstellen. Wenn er sich das überlegte, fiel ihm keine scheußlichere Verkleidung für eine Badezimmerwand ein. Im Laufe der Jahre waren sie gelb geworden. Elise hatte jahrelang herumgequengelt, hatte ihn angefleht, andere Fliesen anzubringen, sie fand diese hier einfach häßlich. Doch, sicher, hatte er gesagt, nur Geduld, nur Geduld. Im Frühling machen wir das, Elise. Und so waren die Jahre vergangen. Und später, als sie krank, abgemagert und haarlos wie ein Greis im Bett lag und er sich in seiner Verzweiflung an das verdammte Badezimmer machen wollte, schüttelte sie den Kopf. Jetzt sollte er lieber an ihrem Bett sitzen. »Für das Badezimmer hast du danach immer noch genug Zeit, Konrad«, hatte sie mit matter Stimme gesagt.

Schreckliche Trauer überwältigte ihn, und er mußte die Augen heftig zusammenkneifen, um sich nicht davon umwerfen zu lassen. Er hatte keine Zeit dafür, jetzt jedenfalls nicht. Als er sich abgetrocknet und angezogen hatte, ging er ins Wohnzimmer und wählte die Nummer seiner Tochter Ingrid, ihres einzigen Kindes. Sie plauderten eine Weile über alles mögliche, und vor dem Auflegen sagte er Matteus noch gute Nacht. Danach fühlte er sich besser. Vor dem Weggehen blieb er vor Elises Bild stehen, das über dem Sofa hing, sie lächelte ihn an, ein strahlendes Lächeln mit tadellosen Zähnen, sie schien keine einzige Sorge zu haben. Damals hatte sie auch keine. Das Bild hatte ihm immer schon gefallen. Aber in letzter Zeit störte es ihn, jetzt wünschte er sich einen anderen Gesichtsausdruck, vielleicht ein Bild, auf dem sie ernst aussah, das seiner eigenen Stimmung eher entsprach. So ein Bild, wie bei Ingrid über dem Klavier hing. Vielleicht könnten sie tauschen. Er dachte ein wenig darüber nach, während er Kollberg auf den Rücksitz springen ließ und in Richtung Frydenlund losfuhr. Er wußte noch nicht so recht, was er sagen wollte, wenn er dort eintraf, aber wie immer verließ er sich auf die Kunst der Improvisation, die er sehr gut beherrschte. Die Menschen fühlten sich oft verpflichtet, die Gesprächspausen zu füllen, die Stille war ihnen häufig peinlich. Und ihm ging es um dieses fieberhafte Gerede, dabei rutschten ihnen manchmal Dinge heraus, die für ihn nützlich sein konnten. Und Jostein Magnus erwartete seinen Besuch ja nicht. Er konnte sich nicht vorher mit seiner Exfrau absprechen. Er konnte sich zwar weigern, überhaupt den Mund aufzumachen, aber das passierte eigentlich nie. Bei diesem Gedanken mußte Sejer lächeln.

Magnus hatte Eva das alte Haus in Engelstad überlassen und war in eine Wohnung in Frydenlund gezogen. Sejer hatte schon häßlichere Wohnblocks gesehen, den zum Beispiel, in dem er selber wohnte. Diese Blocks hier lagen in der Mitte einer weiten Rasenfläche, jeder hatte sechs Stock, und sie bildeten einen Halbkreis, wie umgekehrte Dominosteine, weiß, mit schwarzen Augen. Wenn der Block am Rand umkippte, dann würde die ganze Reihe fallen. Die Bewohner waren von der kreativen Sorte. Vor den Häusern und neben den Eingängen gab es viele Blumenbeete und Büsche, und bald würde alles blühen. Es herrschte Ordnung, Steinchen und Staub waren vom Asphalt vor den Türen weggespült worden. Jede Tür war auf zurückhaltende Weise verziert, mit schönen Namensschildern oder getrockneten Blumen.

Die Mitbewohnerin machte ihm auf. Er sah sie neugierig an, wollte sich eine Meinung über diese Frau bilden, die Eva Magnus ausgestochen hatte. Sie war ein üppiger, weiblicher Typ, der überall strotzte, Sejer wußte fast nicht, wo er hinschauen sollte. Eva Marie mit ihrem dunklen mageren Ernst hatte gegen dieses mollige Engelchen bestimmt keine Chance gehabt.

»Sejer«, sagte er freundlich. »Polizei.«

Sie ließ ihn sofort eintreten. Da er so breit lächelte, fragte sie nicht, ob etwas passiert sei, wie andere das oft taten, wenn er die ernste Maske aufsetzte, was durchaus vorkam. Aber die Frau blickte ihn fragend an. »Ich wollte eigentlich nur ein bißchen reden«, sagte Sejer. »Mit Magnus.«

»Ach so. Der sitzt im Wohnzimmer.«

Sie führte ihn hin. Ein rothaariger Riese erhob sich vom Sofa. Vor ihm auf dem Tisch, auf der Zeitung, lagen eine prähistorische Echse aus Holz und eine Tube Klebstoff. Die Echse hatte ein Bein eingebüßt.

Sie gaben sich die Hände, der Riese konnte mit seinen Kräften nicht haushalten oder hielt es für unnötig, wenn es um Sejer ging. Jedenfalls wirkte der Polizist neben ihm schmächtig, und seine Hand wurde übel malträtiert.

»Setzen Sie sich«, sagte Magnus. »Haben wir etwas zu trinken, Sofie?«

»Das ist nur ein informeller Besuch«, erklärte Sejer. »Aus purer Neugier.«

Er setzte sich bequemer hin und fügte hinzu:

»Ich komme ganz einfach, weil Sie mit Eva Magnus verheiratet waren und sich sicher an den Mord an Marie Durban erinnern.«

Magnus nickte. »Ja, daran erinnere ich mich natürlich. Das war wirklich eine makabre Geschichte. Haben Sie den Mörder noch immer nicht? Es ist doch schon so lange her. Ja, ich habe mich nicht auf dem Laufenden gehalten, und Eva erwähnt es nie mehr, also – aber ich dachte schon, Sie wären aus einem anderen Grund hier, die Durban-Sache hatte ich fast vergessen. Na, fragen Sie doch einfach. Wenn ich es weiß, dann weiß ich es.«

Er breitete die Arme aus. Ein sympathischer Bursche, warm und herzlich.

»Und was haben Sie geglaubt, warum ich gekommen bin?« fragte Sejer neugierig.

»Äh – können wir das nachher besprechen?«

»Alles klar.«

Sejer bekam ein Glas Limonade und bedankte sich.

»Haben Sie Marie Durban gekannt?« fragte Sejer.

»Nein, überhaupt nicht. Aber ich hatte ja von ihr gehört. Evas und Majas Wege hatten sich getrennt, als sie noch sehr jung waren. Aber vorher waren sie wohl die dicksten Freundinnen. Sie wissen ja, wie Mädels sind, da geht es dann um Leben und Tod. Daß Maja ermordet worden war, hatte Eva aus purem Zufall in der Zeitung gelesen. Sie hatten sich seit 69 nicht mehr gesehen. Oder vielleicht auch seit 70?«

»Abgesehen von dem Tag, an dem Durban ermordet wurde.«

»Nein, das war am Vortag.«

»Da sind sie sich in der Stadt begegnet«, sagte Sejer. »Am nächsten Tag hat Eva Maja in ihrer Wohnung besucht.«

Magnus blickte auf.

»Haben Sie das nicht gewußt?« fragte Sejer.

»Nein«, sagte Magnus langsam. »Sie – naja. Nein, sie wollte es mir sicher nicht erzählen«, sagte er stirnrunzelnd.

Sejer stutzte leicht.

»Sagt Ihnen der Name Egil Einarsson etwas?« fragte er dann. Er trank seine Limonade und fühlte sich leicht und frei, dies war schließlich ein Haus der Unschuld, und das war ziemlich befreiend.

»Nein, das glaube ich nicht. Wenn so nicht der Mann geheißen hat, der vor ein paar Wochen aus dem Fluß gefischt worden ist.«

»Genau so hieß er.«

»Ach? Na, dann. Ja, ich habe natürlich die ganze Geschichte gehört.«

Er zog eine mahagonifarbene Pfeife aus der Hemdtasche und suchte auf dem Tisch nach Streichhölzern.

Die üppige Sofie wuselte herum, jetzt hielt sie in der einen Hand eine Tüte Erdnüsse und suchte mit der anderen im Schrank nach einer Schale. Sejer konnte Erdnüsse nicht ausstehen.

»Aber ich habe keine Ahnung, wer er war. In der Zeitung war ja ein Bild«, Magnus riß ein Streichholz an, zog zweimal kräftig an der Pfeife und stieß dann den Rauch aus, »aber obwohl wir in einer kleinen Stadt wohnen, habe ich ihn nicht gekannt. Eva kannte ihn übrigens auch nicht.«

»Eva?«

»Sie hat ihn doch gewissermaßen aus nächster Nähe gesehen. Obwohl er sich da nicht so besonders ähnlich gesehen hat, ja, ich dachte, Sie wären deshalb gekommen. Weil sie die Leiche gefunden haben, Eva und Emma. Es war wohl ziemlich schlimm für Emma, aber wir haben darüber geredet, meine Tochter und ich, sie kommt ja jedes zweite Wochenende her. Ich glaube, jetzt hat sie es endlich vergessen. Aber bei Kindern weiß man ja nie. Manchmal halten sie einfach die Klappe, um uns Erwachsene zu schonen.«

Endlich brannte die Pfeife richtig. Sejer starrte in die sprudelnde Limonade, und diesmal suchte ausnahmsweise er nach Worten.

»Ihr Exfrau – sie hat Einarssons Leiche gefunden?«

»Ja. Ich dachte, das wüßten Sie. Eva hat doch die Polizei informiert. Sind Sie denn nicht deshalb gekommen?« fragte Magnus überrascht.

»Nein«, sagte Sejer. »Uns hat eine ältere Dame angerufen. Sie hieß Markestad, glaube ich. Erna Markestad.«

»Ach? Dann haben in der Verwirrung sicher mehrere angerufen. Aber Eva und Emma haben ihn als erste gefunden. Sie haben von einer Telefonzelle aus die Polizei angerufen, Emma hat mir die ganze Geschichte erzählt. Sie machten gerade einen Spaziergang, unten am Fluß. Das tun sie oft, Emma macht das solchen Spaß.«

»Emma hat Ihnen das erzählt – nicht Eva?«

»Äh, nein. Und Emma hat es auch nicht sofort erwähnt. Aber später haben wir dann darüber gesprochen.«

»Ist das nicht ein bißchen seltsam? Ich meine, ich weiß ja nicht, wie oft Sie miteinander reden, aber …«

»Doch«, sagte Magnus leise. »Das ist schon seltsam. Daß sie das nicht selber erzählt hat. Wir sprechen ziemlich viel miteinander. Emma hat es mir auf der Fahrt hierher erzählt. Daß sie am Fluß einen Spaziergang machten, als dieser arme Teufel ans Ufer getrieben wurde. Danach sind sie losgerannt und haben von einer Zelle aus angerufen. Und dann waren sie im McDonald’s. Das entspricht übrigens Emmas Vorstellung vom Paradies auf Erden«, er grinste.

»Haben sie nicht auf unsere Leute gewartet?«

»Nein, offenbar nicht. Aber …«

Beide verstummten, und zum ersten Mal schien Jostein Magnus sich seine Gedanken zu machen.

»Aber es ist nicht richtig von mir, Eva auf diese Weise bloßzustellen. Darüber zu diskutieren, was sie erzählt, und was nicht. Sie hat sicher ihre Gründe. Und bei Ihnen sind bestimmt mehrere Anrufe eingegangen, und nur einer ist registriert worden. Nicht wahr?«

Sejer nickte. Er hatte jetzt kurz nachdenken können, und sein Gesicht zeigte wieder den gewohnten Ausdruck.

»Doch, er schwamm ja schließlich mitten in der Stadt herum. Sicher ist er von mehreren gesehen worden. Und bei uns geht es manchmal ziemlich hektisch zu, vor allem kurz vor dem Wochenende, das muß ich zugeben.«

Ende der Leseprobe aus 368 Seiten

Karin Fossum

Über Karin Fossum

Biografie

Karin Fossum, geboren 1954 in Sandefjord/Norwegen, lebt in Sylling bei Oslo. Ihre international erfolgreichen Romane um Kommissar Konrad Sejer sind vielfach preisgekrönt und wurden fürs Kino und Fernsehen verfilmt. In Deutschland erschienen von ihr unter anderem »Stumme Schreie«, ausgezeichnet mit...

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