Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*
Blick ins Buch
Blick ins Buch
Escape ZoneEscape Zone

Escape Zone

Ulf Torreck
Folgen
Nicht mehr folgen

Thriller

Taschenbuch
€ 10,00
E-Book
€ 8,99
€ 10,00 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung
€ 8,99 inkl. MwSt.
sofort per Download lieferbar
In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Escape Zone — Inhalt

Rein kommst du ... aber nie wieder raus!

Ein altes idyllisches Gut auf dem Lande. Ein Game, das live ins Internet übertragen wird. Willkommen in der Escape Zone! Acht Kandidaten stellen sich dem Labyrinth und seinen Horrorräumen. Wer sie zuerst bewältigt,
gewinnt 300 000 Euro. Hunderttausende Zuschauer verfolgen das Spiel. Die junge Martha und ihre Mitspieler kann die Escape Zone nicht schrecken. Aber dann wird aus dem Spiel gnadenloser Ernst. Die Kandidaten werden ermordet … einer nach dem anderen … denn die wahre Gefahr der Escape Zone lauert dort, wo du sie nie erwartet hättest!

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.03.2021
336 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31751-1
Download Cover
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 01.03.2021
336 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99862-8
Download Cover

Leseprobe zu „Escape Zone“

Prolog
5. Januar 2019

Okay, das sieht aus wie eine Gummizelle, dachte Martha, während sie sich in dem etwa zwanzig Quadratmeter großen Raum umblickte. Die Wände bestanden aus hellem, grobem Stoff, der offensichtlich über eine Dämmung gespannt worden war. Auch der Boden war von diesem Stoff bedeckt, obwohl das Dämmmaterial darunter dünner gepackt zu sein schien.
Zwei Strahler tauchten den Raum in grelles, ungesundes Licht, das in den Augen stach.
Das grelle Licht bewirkte, dass die Frauenleiche, die etwa in der Mitte der Zelle in einer großen Blutlache lag, [...]

weiterlesen

Prolog
5. Januar 2019

Okay, das sieht aus wie eine Gummizelle, dachte Martha, während sie sich in dem etwa zwanzig Quadratmeter großen Raum umblickte. Die Wände bestanden aus hellem, grobem Stoff, der offensichtlich über eine Dämmung gespannt worden war. Auch der Boden war von diesem Stoff bedeckt, obwohl das Dämmmaterial darunter dünner gepackt zu sein schien.
Zwei Strahler tauchten den Raum in grelles, ungesundes Licht, das in den Augen stach.
Das grelle Licht bewirkte, dass die Frauenleiche, die etwa in der Mitte der Zelle in einer großen Blutlache lag, dadurch etwas weniger surreal wirkte. Über der Brust und den Schultern war ihr Leib mit so viel Blut bedeckt, dass es auf ihrem schmutzig weißen Overall nahezu leuchtete. Man hatte der Frau den Kopf abgetrennt. Er lag einen Meter rechts von ihren Füßen am Boden. Ein unerhört bizarrer Anblick.
Martha hatte nie ein Problem mit dem Tod gehabt. Sie hatte an Führungen durch Bestattungsinstitute und Krematorien teilgenommen und vor einigen Jahren sogar bei einer Obduktion zugeschaut.
Und das, was jetzt in dieser riesigen Blutlache vor ihr lag, hatte für sie nichts mehr mit einem Menschen zu tun, sondern war nur noch gemartertes Fleisch.
Furchtbarer als den Anblick der kopflosen Leiche fand Martha das altmodische Küchenbeil, das in einer kleineren Lache aus Blut neben dem Kopf lag.
Was mache ich jetzt nur?, fragte sie sich.
Und weshalb kam ihr kein Mensch zu Hilfe, obwohl doch Hunderttausende User an ihren Handys, Tablets, Computern und Fernsehern zuschauten?
Fest stand: Sie war in einem Haus mit einem Killer gefangen, und sie hatte keine Ahnung, wie sie hier wieder herauskommen sollte.
Ich bin so was von am Arsch, dachte Martha. Die Leiche stank fürchterlich.
O Gott, dachte sie, bestimmt halten mich die Zuschauer inzwischen erst recht für eine Psychopathin, weil ich wegen der Leiche nicht in Tränen ausgebrochen bin. Aber sie konnte eben einfach ganz gut mit solchen Situationen umgehen. Das war ein Talent. Und vielleicht hatte das damit zu tun, dass ihr solche Scheiße ständig zustieß und sie sich fast schon daran gewöhnt hatte.
Wo ist der Ausgang? Ich muss hier raus. Und – fuck! – weshalb kommt niemand? Ich will, dass mich jemand hier herausholt! Ich brauche Hilfe. Superwoman gibt’s doch nur in Comics! O Gott, und wenn ich die Nächste bin, hinter der der Killer her ist? Ich habe doch nichts, womit ich mich verteidigen könnte. Oder doch? Soll ich etwa das Küchenbeil …?
Martha atmete einige Male kurz nacheinander tief durch und versuchte, sich zu konzentrieren.
Auf dem Boden waren rote Stiefelspuren zu sehen. Stammten die etwa von ihr? War sie in die Blutlache getreten?
Martha sank hastig auf die Knie, zog ihre Handschuhe aus dem Gürtel, in den sie sie vorhin geschoben hatte, und versuchte, damit die Sohle ihres rechten Stiefels zu säubern.
Natürlich war das völlig sinnlos, dachte sie. Dennoch konnte sie nicht anders, als weiter an der Schuhsohle herumzuwischen.
Die Leiche bewegte sich.
Sie hob sich ein wenig und fiel dann wieder zurück, hob sich erneut und fiel ein weiteres Mal zurück.
Martha war unfähig, sich zu rühren. Obwohl sie doch genau wusste, dass sie sich genau jetzt bewegen sollte. Und zwar von hier weg.
All das Weiß macht mich wahnsinnig, dachte sie.
Es erinnerte sie an diesen Tag im Sommer, als das alles begonnen hatte. Aber stimmte das überhaupt?
Wann hatte die ganze Scheiße eigentlich wirklich angefangen?
Dieses grelle Licht und das Blut, dachte Martha. Ich will hier weg!
Die Leiche bewegte sich wieder, diesmal jedoch heftiger als vorher …


I
2018
Billyboy auf Crystal


1 – Juni 2018
Juni 2018

1
Die Glastüren des Blumengeschäfts waren geschlossen. Vor einer halben Stunde hatten die letzten Kunden den Laden verlassen. Das Geschäft lag im Erdgeschoss der zweitgrößten Shoppingmall von Leipzig und erinnerte mit seiner Glasfront an ein riesiges Aquarium.
Martha sah auf, als ihre Azubine Hildegard Schiller rief: „Der ist geil!“ Dabei zeigte sie auf ihr Smartphone.
Es war so warm und feucht hier, dass Martha sich fühlte, als sei ihr Körper unter dem Kleid und der grünen Schürze mit einem Schmierölfilm überzogen.
„Hör ma! Was haben Kondome und Deutsche Bahn gemeinsam? Damit kommste immer zu spät!“, las Hildegard von ihrem Screen ab.
Martha warf einen Blick auf das Telefon. „Ja, ist lustig“, bestätigte sie wortkarg. Dann verließ sie den Verkaufsbereich und ging ins Lager, um die Altware zu sortieren, die noch frisch genug war, um morgen erneut angeboten zu werden.
Hinter dem Arbeitstisch lag ein Haufen grüner Biomüll, den Hildegard später zusammenkehren und nach draußen bringen würde. Die Luft war ganz besonders stickig.
Wenn es Martha oder Hilde hier zu warm wurde, öffnete eine von ihnen die Tür des Kühlraums, der sich im hinteren Teil das Lagers befand. In diesem Jahr war der Sommer so heiß, dass Martha die schwere Tür ab sieben Uhr abends praktisch ständig geöffnet hielt.
Martha war siebenundzwanzig und arbeitete seit drei Jahren in dem Geschäft im Leipziger Plattenbauviertel Grünau. Manchmal plagte sie das Gefühl, ihr Leben zöge völlig ereignislos an ihr vorüber. Dann überkam sie der Drang nach einer Tüte Gras oder einem Wodka. Sie war eins dreiundsiebzig groß, hatte schwarze Augen und aschblondes, halblanges Haar. Sie ging zu Dark-Wave- und Punkkonzerten und warf sich dafür in schwarze Klamotten aus Satin, Samt, Spitze oder Kunstleder. Ihr Tinder-Profil hatte sie vor drei Wochen gelöscht und sich vorläufig damit abgefunden, dass Sex zwar entspannend sein konnte, aber die meisten Kerle, die frau bei Tinder so aufriss, Arschlöcher waren.
„He, Hilde! Komm rüber!“, rief Martha.
Hildegard war neunzehn und Marthas Auszubildende. Sie trug Hotpants aus Denim und ein grünes T-Shirt unter der Schürze. Hilde war furchtbar dünn und einen Meter achtzig groß. Außerdem zählte sie zu den Superfans eines YouTube-Stars namens PatCheck, der blau gefärbte Haare hatte und berühmt geworden war, weil er an einer Tanzshow auf Pro7 teilgenommen hatte.
Hildegard stammte aus irgendeinem Nest im Eichsfeld, war katholisch und so heimatverbunden, dass sie jedes freie Wochenende zu Hause in ihrem Dorf verbrachte, wo sie sich im Garten ihrer Eltern krumm schuftete. Martha konnte sich nie merken, wie viele Geschwister ihre Azubine hatte.
Hilde trottete ins Lager. Ihr Gesicht wirkte dabei, als sei es eine Symbiose mit dem Bildschirm ihres Telefons eingegangen.
„PatCheck hat heute ’ne Videopremiere. Das ist was Fettes! Der Countdown läuft schon seit zwei Wochen“, plapperte sie vor sich hin.
„Leg das Ding weg! Hilf mir! Die Chefin kommt be-
stimmt gleich und holt die Einnahmen“, forderte Martha sie auf.
Hilde schob das Telefon unter ihre Schürze und sah dabei aus, als vollbringe sie eine Heldentat, die tragischerweise kein Mensch jemals angemessen zu würdigen wissen würde. Dann trat sie an den Tisch und griff nach einer der großen Scheren.
Aus der Haupthalle der Shoppingmall ertönten Rufe und eine Reihe von Geräuschen, die Martha nicht recht einordnen konnte.
Dort trieb sich regelmäßig eine Gruppe von Kids herum, die das kühle Innere der Mall als ihr Revier betrachteten. Sie waren berüchtigt dafür, Stress zu machen, sobald die Sicherheitsmänner auftauchten, um sie rauszuwerfen.
Hildes Handy gab plötzlich ununterbrochen Töne von sich.
„Scheibenkleister!“, fluchte sie und zog es wieder unter der Schürze hervor. „PatChecks neues Video ist draußen!“
„Steck’s weg, Hilde! Die Chefin!“
„Oi, Supi! Sieh mal, Martha! Das ist irgendwie voll deine Nummer hier!“
Hilde hielt das Handy hoch, sodass Martha den Screen sehen konnte. Darauf lief ein Videoclip. Eine Frau in einem weißen, wallenden Kleid floh durch einen nächtlichen Wald. Dabei wurde sie von einer Reiterschar verfolgt, die aus zwölf gespenstischen Wesen bestand. Dort, wo die Köpfe der Reiter hätten sein sollen, befanden sich jedoch ausgebleichte Tierschädel. Jeder Reiter schwang einen Säbel. Dazu ertönte düsterer Gothic Rock.
Martha war zu fasziniert von dem Clip, um die Augen abwenden zu können. Geigen holten die Gitarren ein, als die fliehende Frau von der gespenstischen Reiterschar gestellt und umringt wurde. Während die junge Frau im weißen Kleid verrückt vor Angst auf die Knie fiel, ritten die Schädelmänner in immer engeren Kreisen um sie herum.
„Ist das ein Trailer für ein Game?“, fragte Martha.
„Nee! Oder doch? Keine Ahnung!“, bekannte Hilde.
Der Säbel eines Geisterreiters durchschlug den Hals der Frau. Blut spritzte gegen die Kameralinse. Die Geigen und Gitarren des Soundtracks verstummten.
Die Kamera zoomte auf die kopflose Leiche. Aus ihrem Halsstumpf sprudelte Blut, das ihr Dekolleté und das weiße Kleid besudelte, während ihre Füße gegen den Waldboden trommelten.
Die Musik wurde wieder lauter und drängender, als einer der Reiter das Haupt der Toten aufhob, deren Augenlider dabei gespenstisch flatterten. Der Reiter warf den blutigen Kopf seinen Gefährten zu, die so lange damit Fangen spielten, bis einer von ihnen den abgeschlagenen Schädel auf die Spitze seines Säbels rammte und davongaloppierte.
Ein Schriftzug erschien auf dem Screen: Wolfshorn – The Legacy.


2 
In der Eingangshalle des Centers lief Security-Mann Horst Sacke schwitzend und keuchend zwei Jungs in Hoodies hinterher. Einer der beiden blieb stehen und warf eine leere Radeberger-Flasche nach Sacke, der er gerade noch so ausweichen konnte. Dabei musste er jedoch sein Tempo verlangsamen, sodass die Jungs ihren Vorsprung vergrößern konnten.
„Sacke is Kacke!“, brüllte einer von ihnen und rannte noch schneller vor dem Sicherheitsmann davon.
Sacke hetzte den beiden keuchend hinterher, während sie auf die Aldi-Filiale zurannten, die gerade geschlossen wurde. Hinter der Filiale lag der zweite Mall-Ausgang.
Sacke war zweiundfünfzig, übergewichtig und trank zu viel. Dafür hatte er im Januar mit dem Rauchen aufgehört, und das spürte er auch. Er war sicher, dass er mindestens einen der beiden einholen und ihm die Fresse polieren könnte. Seit Wochen machten die Jungs sich einen Spaß daraus, Sacke und seine Kollegen von der Security zu provozieren. Aber jede Glückssträhne ging mal zu Ende.
Er sah, wie eine der Aldi-Kassiererinnen aus dem Ge-
schäft trat und auf die noch unverschlossene Schwingtür am nördlichen Eingang der Mall zulief. Sie schob einen Papierkorb aus Metall und einen der großen Werbeaufsteller vor die breite Tür. Dann baute sie sich mit verschränkten Armen vor ihr auf.
Klar, dachte Sacke. Das kommt davon, wenn ihr regelmäßig bei Aldi klaut.
Drei weitere Frauen in blauen Kitteln rannten ebenfalls aus dem Geschäft und stellten sich neben ihre Kollegin.
„Die woll’n uns blockier’n! Renn, Danny!“, rief der erste Junge seinem Gefährten zu. Dann änderte er seine Taktik, schlug einen Haken und stürmte mit eingezogenem Kopf und rudernden Armen direkt auf Horst Sacke los.
Der andere Junge hielt inne und starrte seinen Kumpel erschrocken an.
Sacke fuhr schnaufend sein Lauftempo herunter und blieb schließlich breitbeinig stehen. Die Aldi-Frauen riefen irgendetwas, das für Sacke wie eine Anfeuerung klang.
Der zweite Junge rief „Scheeeiiiiße!“ und lief weiter Richtung Ausgang. Sein Kumpel jedoch rannte unbeirrt frontal auf Sacke zu.
Dreiundfünfzig Kilo beschleunigter Teenagerkörper schlugen in Sackes beachtlichen Bierbauch ein.
Der Aufprall reichte jedoch nicht aus, um Sackes hundertzwanzig Kilo Lebendgewicht zu Fall zu bringen. Obwohl der Sicherheitsmann stolperte und dabei bedenklich schwankte, hielt er sich auf den Füßen.
Sobald der Junge von Sackes Leib abprallte und mit einem überraschten Ruf zu Boden fiel, begann der Security-Mann blindlings auf ihn einzutreten. Die ganze Frustration, die sich in nahezu zwanzig Jahren Dienst angestaut hatte, entlud sich in diesen Tritten.
Sacke hörte erst damit auf, als eine der Aldi-Angestellten zu ihm gelaufen kam. „Horsti! Du bringst den ja um!“, rief die Frau.
Sacke schaute entgeistert auf den blutenden und wimmernden Jungen hinab. Dann hob er den Kopf und erblickte dessen Kumpel, der draußen vor der Mall stand und ihn durch die gläsernen Schwingtüren hindurch mit seinem Smartphone filmte. Die Aldi-Frau rieb sich mit schmerzverzogenem Gesicht ihr linkes Knie. Der Junge musste sie umgerannt haben.


3
Während Sacke noch den beiden Kids hinterherhetzte, stand Martha mit erhobenen Händen im Lager des Blumengeschäfts. Einige Meter von ihr entfernt hielt ein vermummter Mann seine riesige Pistole an den Kopf ihrer Chefin Denise Winter. Ein zweiter Mann starrte Hilde und Martha durch die groben Sehschlitze seiner Skimütze aggressiv an.
Martha hatte den beiden Typen vor zwei Minuten selbst die Tür zum Lagerraum geöffnet. Sie hatte angenommen, dass ihre Chefin Denise wie üblich zu bequem war, in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel zu suchen und deswegen klopfte, damit Martha oder Hilde sie hereinließen.
Nur hatte Denise nicht allein vor der Tür gestanden. Zwei vermummte Männer drängten sich an sie, und einer der beiden hielt ihr eine riesige verchromte Pistole an den Kopf. Denise zitterte und war kreidebleich.
Der Mann mit der Pistole hatte Denise auf Martha zugestoßen, und ihr war nichts anderes übrig geblieben, als den Männern aus dem Weg zu gehen. Sie hatte gar nicht erst auf eine Aufforderung gewartet und ihre Hände sofort freiwillig gehoben. Hilde riss ebenfalls ihre Arme nach oben, sobald sie die Männer eintreten sah.
Die beiden Typen waren offensichtlich perplex darüber, dass sie hier auf zwei junge Frauen gestoßen waren. Für einige Augenblicke taten sie jedenfalls nichts anderes, als sich verwunderte Blicke zuzuwerfen. Dann schließlich brüllte der Kerl mit der Pistole: „Die Kasse, du Schlampe!“
Martha war seltsam erleichtert darüber, dass er die Stille im Lager endlich unterbrach. „Hilde, geh rüber! Mach die Kasse auf und hol das Geld!“, wies sie ihre Azubine an.
Auf der Jacke des zweiten Typs stand das Wort Yakuza, der dünne blaue Pullover des Kerls mit der Riesenpistole war in fetter schwarzer Farbe mit dem Schriftzug Camp David bedruckt.
„Hilde? Beweg dich gefälligst! Hol jetzt das Geld!“, wiederholte Martha ihre Anweisung und nickte dabei in Richtung der Verbindungstür zwischen Lager und Verkaufsraum.
Während Chromknarre weiter Denise bedrohte, setzte sich sein Komplize in Bewegung und folgte Hilde in den Verkaufsraum. Wobei er zu Marthas Schrecken einen kleinen Revolver aus dem Hosenbund zog.
Marthas Chefin klammerte sich unterdessen an ihrer Handtasche fest, als hinge ihr Leben davon ab. Sie war vierundvierzig, mollig und mit einem Klempnermeister verheiratet. Sie musste gerade beim Friseur gewesen sein, denn ihre Haare waren frisch gefärbt.
Martha vermied es, dem Mann mit der Pistole in die Augen zu schauen. Anders als sein Komplize trug er keine Skimaske, sondern hatte sich ein mit bunten Totenköpfen bedrucktes Tuch vors Gesicht gebunden. Eine Reihe von Geräuschen aus dem Verkaufsraum deuteten darauf hin, dass Hilde dort die Kasse geöffnet hatte.
Kurz darauf kehrte sie zurück. Sie streckte ihre dünnen Arme dabei gerade und eng aneinander in die Höhe. Der Typ mit der Skimaske folgte ihr mit etwa zwei Schritten Abstand.
Der Skimaskenmann warf die Tür hinter sich zu, doch da sie wie üblich etwas klemmte, schloss sie sich nicht komplett.
„Alles cool!“, sagte er und hob eine Plastiktüte, die er in der linken Hand hielt, in die Höhe. Sie wirkte schwer. Hilde hatte offenbar selbst das Hartgeld aus der Kasse genommen und in die Tüte gefüllt. Darauf war ein fröhlicher bunter Blumenstrauß abgebildet, unter dem Denises Werbeslogan Blume 300 – Wir sorgen für Ihr Lächeln stand.
Der Typ mit der Chromknarre, den Martha wegen des Camp-David-Labels auf seinem Pulli „David“ getauft hatte, nickte Skimaske zu.
„Das geht doch nicht! Ich muss doch Löhne zahlen“, sagte Denise leise.
„Schnauze!“, befahl David und wandte sich an Skimaske. „Drüben was gesehen?“
Skimaske schüttelte den Kopf. „Keiner da. Die Bullen brauchen vom Revier mindestens ’ne Viertelstunde bis hierher. Also selbst wenn die hier ’nen stillen Alarm haben, ist noch Zeit!“
„Eeene mene muh!“, sagte David und zeigte dabei mit seinem Pistolenlauf abwechselnd auf Hilde und Martha. „Welche Kuh ficke ich, und welche Kuh fickst du?“
Skimaske stellte den Beutel ab und zeigte mit seinem Revolver auf Hilde. „Die ist jung und eng. Die gehört mir!“
David wandte sich Martha zu und sah ihr in die Augen. Die Erregung in seinem Blick sorgte dafür, dass sich ihr Magen verkrampfte.
„Was issen jetzt?“, fragte Denise verwirrt.
Skimaske stieß Hilde brutal gegen die Schultern, sodass sie vornüber auf den Arbeitstisch zustolperte. Sie fing sich mit den Händen an der Tischkante ab und schaute verwirrt und ängstlich zu Martha. Skimaske schob seinen Revolver in den Hosenbund. „Los, Schlampe! Arsch hoch und Titten auf den Tisch!“
Martha erwiderte Hildes Blick, solange sie konnte.
Sie kannte diesen Blick. Genau so – voller Angst und merkwürdig hilfloser Ergebenheit – hatten die Vögel sie angeschaut, die sie früher im Schrebergarten ihrer Mutter aufgelesen hatte, nachdem sie in vollem Flug gegen die Glaswand des alten Gewächshauses geknallt waren.
„Ihr habt eure Kohle. Haut ab!“, sagte Martha.
„Was?“, entgegnete David.
„Du hast mich gehört! Nehmt die Kohle und verpisst euch!“
Skimaske versetzte Hilde einen Boxhieb in den Nacken. Sie stieß hart mit dem Bauch gegen die Tischkante. Skimaske nestelte seinen Reißverschluss auf und drängte dann seine freie Hand zwischen die Tischplatte und Hildes Leib. Dabei stieß er mit seiner Hüfte immer wieder gegen ihren Po. Hilde presste panisch die Oberschenkel zusammen. Vergeblich versuchte Skimaske seine Hand dazwischenzustoßen.
Er änderte seine Taktik, schob Hildes Schürze beiseite und riss an ihrer Jeans.
Hilde schrie auf.
David richtete den Lauf seiner Pistole auf Denises Kopf. „Ich knall die Alte ab, wenn die Nutte da nicht gleich ihre Beine breit macht!“
Voller Angst folge Hilde der Anweisung und nestelte panisch an Knopf und Reißverschluss ihrer Jeans herum, streifte sie dann etwas herab.
„Geht doch!“, sagte Skimaske, griff in die Gesäßtasche seiner Hose, zog daraus ein Kondom hervor, führte es zum Mund und riss die Verpackung mit den Zähnen auf. Dann holte er seinen Penis heraus und streifte routiniert das Kondom darüber. „Man will sich ja bei euch Huren nix holen!“
Hilde streifte ihre Hotpants panisch über die Hüfte.
Denise wirkte so verängstigt, dass Martha bezweifelte, ob sie noch wirklich erfassen konnte, was hier gerade geschah. Sie umklammerte weiter ihre Handtasche und bewegte ihren Oberkörper hin und her.
„Los, Fickstück! Beine breit und Möpse auf den Tisch! Wird’s bald!“, befahl David Martha. Martha hatte das Gefühl, als würde die Gier in seinen Augen, die sie über den Rand seines bunten Tuchs hinweg ansahen, sie wie ein Säurebad umhüllen. 
Martha war bereits einmal nur knapp einer Vergewaltigung entgangen. Die Erinnerung daran war immer noch schmerzhaft präsent und bot genügend Stoff für die Albträume, die sie hin und wieder heimsuchten.
„Eh, Schlampe! Los! Ran an den Tisch, dann deinen Arsch hoch und die Kackstelzen breit!“, wiederholte David seinen Befehl.
Martha schüttelte den Kopf.
Skimaske schloss die Augen und strich mit seiner Hand voller Vorfreude genüsslich über Hildes Po.
„Wenn du mich vergewaltigen willst, musst du mich schon umlegen“, sagte Martha zu David.
Sie war sicher, dass er jedes Wort verstanden hatte. Er schaute sie an, während er Denise in den Kopf schoss.
Der Körper ihrer Chefin flog gegen die Wand des Lagerraums. Eine Blutwolke bildete sich an der Stelle, wo Denise noch eine Sekunde zuvor gestanden hatte.
Skimaske ließ seine Finger von Hilde, riss die Augen auf und starrte entgeistert auf die Leiche.
„Starr mich nicht so an, Alter! Mach gefälligst hin und fick die Schlampe endlich!“, rief David seinem Komplizen zu und richtete anschließend seelenruhig den Lauf seiner Pistole auf Marthas Brust.
Martha ging mit erhobenen Händen drei Schritte rückwärts auf den Arbeitstisch zu. Dann nahm sie die Hände herunter, griff blitzschnell nach einer Schere und warf sie David ins Gesicht.
Er taumelte überrascht etwas zurück, riss dabei seine Waffe in die Höhe und feuerte zwei Schüsse in die Decke des Lagerraums ab.
Martha rannte an ihm vorbei zu Skimaske und rammte ihm ihr Knie in die Nieren. Er schrie auf, schlitterte von Hilde weg ein Stück weit an der Kante des Arbeitstischs entlang und fiel schließlich zu Boden.
David blutete aus einer Wunde an seiner Stirn, fing sich aber erstaunlich schnell wieder und feuerte seine Pistole erneut ab.


4 
Unter den lauten Rufen der Aldi-Frauen und dem Wimmern des blutenden Jungen am Boden hatte Sacke den ersten Pistolenschuss überhört. Den zweiten nahm er jedoch wahr.
Er drehte sich um und lief ächzend in Richtung des Blumengeschäfts los.
Sacke hatte vor vielen Jahren eine Ausbildung bei der Volkspolizei absolviert und später regelmäßig an Schusswaffenlehrgängen teilgenommen. Während ihm Schweiß in die Augen lief, wurde ihm bewusst, dass die Schüsse, die er eben gehört hatte, von einer großkalibrigen Waffe stammen mussten. Was immer da vorging – er hatte lediglich seinen Schlagstock, um sich verteidigen zu können.
Trotzdem lief der dreiundfünfzigjährige unterbezahlte Wachmann Horst Sacke weiter auf die Schüsse zu.


5 
Wieder hatte David beim Abfeuern seine riesige Pistole verrissen. Das Projektil durchschlug die Gipsplattenwand des Lagerraums und zerstörte im Verkaufsraum nebenan eine Kunststoffvase sowie eine der gläsernen Ladentüren.
Martha hatte aus einem Impuls heraus gehandelt, ohne sich dabei Gedanken über die Konsequenzen zu machen. Jetzt stand sie hinter der regungslosen Hilde am Ende des Tisches und wusste nicht mehr weiter.
David machte zwei Schritte auf Martha zu, stoppte, schaute auf das ziemlich große Loch in der Wand und wunderte sich offenbar immer noch, wie er Martha hatte verfehlen können. Während Chromknarre nun erneut auf sie anlegte, richtete Skimaske sich auf und trat ihr in die Kniekehlen. Martha schrie und stürzte rücklings auf Skimaske, der wütend auf der Suche nach seiner Waffe an seinem Hosenbund herumtastete.
Martha war zu verwirrt und erschrocken, um ihn daran hindern zu können.
Hilde war hinter dem Arbeitstisch ebenfalls zu Boden geglitten. Dabei hatte sie das Teppichmesser ergriffen, das sie sonst dazu benutzte, besonders hartnäckige Pflanzenstiele zu kürzen. Jetzt kroch sie auf Martha und Skimaske zu und schob dabei klackernd die Messerklinge aus dem Griff. Sie schnitt Skimaske zweimal rasch nacheinander in den Oberschenkel. Aus den Wunden spritzte Blut.
Skimaske schrie auf.
David hatte plötzlich keine potenziellen Ziele mehr vor dem Lauf. Von dort aus, wo er jetzt stand, konnte er keine der beiden Frauen am Boden hinter dem Arbeitstisch sehen.
Also lief er daran entlang auf das Menschenknäuel zu. „Kackfressen!“, brüllte er und sah Blut, das um eines der Tischbeine herum langsam über den grauen, glatten Fußboden floss.


6
Horst Sacke war völlig außer Atem, als er bei dem Blumengeschäft ankam. Trotzdem bemerkte er sofort die von dem Schuss zerstörte Eingangstür.
Obwohl er sich fühlte, als würde jeden Moment seine Lunge platzen, riss Sacke den Schlagstock aus dem Koppel und betrat über die Glassplitter hinweg das Innere des Geschäfts.
Kein Mensch war im Ladenbereich zu sehen.
Hustend und schwer atmend ging Sacke auf die Lagerraumtür zu. Plötzlich Schreie. War das eine männliche Stimme? Dabei hätten in dem Laden um diese Zeit eigentlich nur die beiden Frauen sein dürfen.
Sacke stieß die Tür zum Lagerraum auf. Er sah einen wimmernden Mann am Boden, der verzweifelt versuchte, hinter einem langen Tisch voller feuchter Blumen hervorzukriechen, während er zugleich seine Hände auf zwei stark blutende Wunden am Oberschenkel presste. Hinter dem Arbeitstisch, der den weitläufigen Raum beherrschte, sah Sacke die jüngere der beiden Floristinnen, die in einer Blutlache herumtastete.
Doch er kam nicht dazu, sich auch noch nach der zweiten Frau umzusehen, denn ein Mann mit einem bunten Tuch vor dem Gesicht richtete eine verchromte .45 Magnum auf ihn.
Normalerweise hätte er jetzt die Hände heben und sich ergeben sollen. Das war es schließlich, was man ihm und seinen Kollegen bei jeder Gelegenheit einschärfte: Niemand bezahlte sie dafür, dass sie den Helden spielten. Sie waren nur dazu da, die Idioten abzuschrecken, die glaubten, dass jede Kasse eine leichte Beute darstellte. Und ein toter Angestellter sorgte für mehr Papierkrieg als die Versicherungsmeldung über eine geklaute Million.
Horst Sacke hatte sein Leben lang immer Polizist werden wollen. Und auch wenn ihm vor vielen Jahren ein arschgesichtiger Wessi-Beamter die charakterliche Eignung für den Polizeidienst im Freistaat Sachsen abgesprochen hatte, verfügte Horst dennoch über das Herz eines zähen alten Hütehundes, der zumindest einen Fehler niemals beging: Er rannte grundsätzlich nicht vor einer Gefahr davon. Sondern stets auf sie zu.
Also schwang er seinen Schlagstock so heftig gegen die Stirn des Kerls mit der verchromten Angeberknarre, dass dieser zu Boden ging, wobei ihm seine Waffe aus der Hand glitt.
Horst hob die Pistole auf.
Während er mit dem Kerl beschäftigt war, verlor er Hilde aus den Augen. Also war er überrascht, als er sah, wie sie hinter dem Arbeitstisch schwankend aufstand und dabei einen Revolver in der rechten Hand hielt. Ohne irgendein Wort schoss sie dem blutenden Mann, der einige Meter vor ihr am Boden lag, in die Brust.
Martha, die ältere der beiden Floristinnen, kroch schreiend auf Hilde zu. Bevor sie ihre Kollegin erreichen konnte, richtete diese den Revolver bereits auf den Mann, den Sacke eben niedergeschlagen hatte.
Sacke war gerade Zeuge einer glasklaren Hinrichtung geworden. Er stand immer noch direkt neben dem zweiten Mann am Boden und damit genau in der Schusslinie dieser offenbar verrückten Blumenverkäuferin, die nicht einmal Hosen unter ihrer Schürze trug.
„O Gott! Nicht!“, rief Martha ihr zu.
Hilde, das gut katholische Kleinstadtmädchen, drückte ab.
Das Projektil drang in den Oberkörper des Typen ein, dessen Waffe Horst Sacke gerade in der Hand hielt. Der Leib des Mannes schien zunächst einige Zentimeter vom Boden aufgeworfen zu werden. Er fiel wieder zurück und riss dabei seine Augen so weit auf, wie Horst es niemals für möglich gehalten hätte. Hellroter Blutschaum quoll aus seinem Mund.
Sacke handelte rein instinktiv, als er die schwere verchromte Pistole auf Hilde richtete und abdrückte.


2 – Juli
Juli

7
Frank-Rudolph Bautz legte sein iPhone 11 Pro beiseite und steckte sich eine Zigarre an. Er fand sein Büro zu klein. Die Butze würde sich blitzschnell mit Qualm füllen. Früher hatte er in Büros gearbeitet, in denen vier Männer den ganzen Abend lang rauchen konnten, ohne dass irgendjemand auf die Idee gekommen wäre, man befände sich in einer ostdeutschen Großstadt voller Industriesmog.
Die Zeiten hatten sich geändert. Doch Bautz hing der Vergangenheit nach. Früher hatte er es unbehelligt von Twitter-Aktivistinnen mit jeder der Moderatorinnen, die inzwischen den deutschen Talkshow-Markt dominierten, entweder in seinem Büro oder auf dem Rücksitz einer Produktionsfirmenlimousine getrieben, seine Manneskraft war seinerzeit legendär gewesen. Dabei fiel ihm ein, dass er mit der Lesbe vom Zweiten doch nichts gehabt hatte. Dennoch, kein schlechter Schnitt, dachte er.
Trotzdem konnte er froh sein, dass er nicht wie sein Geschäftspartner Kevin Olsen, alias PatCheck, in einem dieser rundum einsehbaren Glaskäfigbüros residierte, in denen es keinerlei Privatsphäre gab. Dann doch lieber diese etwas bessere Kammer von einem Einzelbüro.
Bautz warf einen Blick auf seinen Breitling-Chronografen und verzog spöttisch den Mund. Bis zum Ende des Clipcountdowns waren noch mindestens zehn Minuten Zeit. Sollten die da draußen sich gegenseitig die Köpfe rund streicheln, bis es so weit war. Er war schon zu lange im Geschäft, um sich noch von der Premiere eines dreiminütigen Videoclips nervös machen zu lassen. Selbst dann nicht, wenn dieser Clip ungesunde 64 000 Euro Produktionskosten verschlungen hatte.
Es klopfte. Nele, eine der Start-up-Praktikantinnen, steckte ihr Gesicht samt grau gefärbtem Haarschopf herein. „Herr Bautz? Wir brauchen Sie fürs Milestone-Shooting!“
Er blies eine besonders große Wolke Zigarrenrauch in Richtung des Grauschopfs. Sie gehörte zu jenen, die sich für das Büro so merkwürdig geschlechtslos kleideten, als seien sie nicht sicher, ob sie eines Tages echte Frauen werden oder sich für immer in einer Zwischenwelt aus halb kindlicher Unbestimmtheit einrichten wollten. Dazu dann noch diese tiefgrau gefärbten Haare. Ein Graus, dachte Bautz.
„Milestone-Shooting? Nie gehört“, gab er zu.
„Für die Instaseite. Das muss ja upgeloadet werden, sobald wir die erste Kiste Klicks geedget haben!“, erklärte Nele.
Insta, erinnerte sich Bautz, war diese Foto-App, auf die alle gerade so scharf waren. Oder hieß die TikTak oder TikTok? Egal.
Jedenfalls schien es keine Ausreden mehr dafür zu geben, der Kleinen nicht nach draußen zu folgen.
Draußen, das war ein zweihundert Quadratmeter großes Büro mit hohen Fenstern, die zu einem der Innenhöfe hinaus gingen, in dem sich ein Café befand. Außerdem gehörten noch ein Filmstudio und einige Schnitt- und Animationsarbeitsplätze zu den Räumlichkeiten von PatChecks Firma.
An einer der Wände hing ein drei mal zwei Meter großes Poster. Darauf waren zwölf Reiter mit ausgebleichten Tierschädeln zu sehen, deren Anführer triumphierend das abgeschlagene Haupt einer dunkelhaarigen Frau schwang. Über der Darstellung der Reiter stand in Frakturschrift Wolfshorn – The Legacy.
Bautz fand das Poster zu brutal. Zumal er die Darstellerin kennengelernt und auf Anhieb gemocht hatte. Der Anblick ihres bleichen, blutigen Kopfes verstörte ihn deshalb jedes Mal aufs Neue. Doch Kevin Olsen hatte ihm versichert, dass er besser wusste, worauf seine Fans abfuhren. Weshalb Bautz aufgehört hatte, sich über das Poster zu beschweren.
Mit seinen zweiundsechzig Jahren war Bautz mit Ab-
stand der Älteste von den acht Leuten im Büro. Die meisten von Kevins Mitarbeitern waren gerade mal Anfang zwanzig. Nach Bautz war Kevin der Zweitälteste. Obwohl man ihm seine zweiunddreißig Jahre nicht ansah, stach er mit seinen grünblauen Haaren und der nach links gedrehten Basecap aus der Traube seiner Teammitglieder dennoch zumindest optisch deutlich heraus.
„Nur noch eine Minute bis Launch!“, rief Kevin Bautz zu und blickte sofort wieder auf den Flachbildschirm, den auch alle anderen jetzt anstarrten.
Zwei dieser stets seltsam asexuell gekleideten Mädchen begannen laut die letzten dreißig Sekunden bis zum Ende des Countdowns herunterzuzählen. Drei andere stimmten mit ein, bis schließlich alle mitmachten. Nur Bautz hielt den Mund und blickte auf den dreigeteilten Screen. In einem Drittel der Darstellung war Kevins YouTube-Channel zu sehen, in einem anderen die Wolfshorn-Website. Den dritten und größten Teil des Bildschirms nahm jedoch ein Zähler ein, der die Klicks auf das Video im YouTube-Channel und die der Website erfassen würde.
Niemand sprach mehr von dem Milestone-Shooting, dessentwegen Nele ihn eben aus seinem Büro und von der Zigarre weggeholt hatte.
Das Video ging online.
Alle starrten wortlos und gespannt auf den Bildschirm.
Der Zähler blieb störrisch bei null stehen.
Bautz verspürte ein unangenehmes Ziehen in der Magengrube.
Plötzlich sprang der Zähler des Clips von null auf 2.345. Blieb da einen Moment hängen. Dann begannen auch die Klickzahlen der Website zu klettern. Von zehn auf zweihundert. Verharrten dort für einen Augenblick.
Verdammte Scheiße, ich will meine Zigarre weiterrauchen, dachte Bautz. Das hält ja kein Mensch aus hier.
Der Zähler des Clips begann plötzlich wieder zu laufen.
Als er die 700 000-Marke überstieg und dann deutlich langsamer weiterlief, brach Kevins Team in Jubel aus.
„He, alter Mann!“, lachte Kevin ihn schrecklich gesund und zuversichtlich an. „Das war unser bester Videolaunch ever!“
„Gratuliere!“, entgegnete Bautz und schob seine Daumen hinter die Weste seines dreiteiligen Anzugs. „Und jetzt?“
„Milestone-Shooting! So wie das da läuft, müssen wir uns beeilen, damit wir das Foto bei Insta noch vor der ersten Million Klicks oben haben!“
„Okay!“, antwortete Bautz. Er fühlte sich, als hätte ihm eine der Nutten, die er sich früher oft aufs Hotelzimmer bestellt hatte, einen Blowjob verweigert, obwohl er gerade frisch geduscht aus dem Bad gekommen war.
Zusammen mit vier anderen, die in Kevins Kernteam irgendwie wichtig waren oder von der Fotografin für fotogen gehalten wurden, trotteten sie in das Studio hinüber, stellten sich vor einer weißen Wand auf, streckten alle den rechten Daumen hoch und grinsten blöd in eine Kamera.
Mit meinem Anzug muss ich auf dem Bild rausstechen wie der Fernsehturm zwischen Funkmasten, dachte Bautz.
„Achthundertfuffzig!“, rief einer der Jungen ins Studio herüber.
„Geil!“, lachte die Grauhaarige neben ihm, die es aus für Bautz nicht nachvollziehbaren Gründen geschafft hatte, ebenfalls als fotogen durchzugehen.
„Eine Runde Mate!“, rief Kevin ins Büro.
„Schampus!“, brüllte Bautz. Mit Mate anstoßen zu müssen, war nun wirklich zu weit unter seiner Würde.
Sie alle gingen nacheinander ins Büro zurück, während einer der Jungs das gerade geschossene Bild an seinem Tablet bearbeitete und dann bei Instagram hochlud.
„Fuck!“, rief eins der Mädchen, während sie auf ihr Handy starrte. „Wir haben gerade HaerteTests letzten Cliplaunch übertroffen!“
Bautz entdeckte auf einem der Tische eine Flasche Moët. Und weil er keinem der Kids zutraute, diese unfallfrei zu öffnen, übernahm er das gleich selbst. Er löste Folie und Sperrdraht und hielt die Flasche von sich weg. Der Korken poppte gegen eins der Fenster. Aus der Flasche quoll Champagnerschaum, und Bautz stellte fest, dass kein Glas greifbar war.
Kevin kam zu ihm. Er hatte ein Glas und eine geöffnete Flasche Mate dabei.
„Da!“, sagte er, reichte Bautz das Glas und stieß mit ihm an, sobald Bautz es gefüllt und die Flasche abgestellt hatte.
„Prost. Das hier war ein Erfolg!“, sagte Kevin lächelnd.
„Na, hoffentlich!“, antwortete Bautz und trank.
„Jetzt bist du dran.“
„Kein Problem!“, entgegnete Bautz.
„Insta ist unter Erwartung!“, rief die grauhaarige Nele. „Rihanna hat gerade ein neues BH-Design gelauncht!“
Kevin sah zu ihr hinüber. „Insta ist nur Drittmarkt. Das holen wir schon wieder auf!“
Wenn ich heute noch ein einziges Mal das Wort Launch höre, bin ich entweder reif für einen Amoklauf oder für eine spontane Koksparty, dachte Bautz grimmig.
„Wir müssen nachher noch über das Sponsorenmeeting sprechen“, sagte Kevin.
„Klar“, entgegnete Bautz, griff sich die Schampusflasche und ging zu der Zigarre in sein Büro zurück.
Unterwegs hörte er, wie Nele einem der Jungen etwas von einem möglichen Terrorangriff mit mindestens einem Toten und mehreren Schwerverletzten in Leipzig erzählte. Diese Scheißwelt, in der wir alle leben, dachte Bautz.
In seinem Büro hing kalter Zigarrenrauch. Bautz setzte sich auf die Schreibtischkante, zündete die Zigarre wieder an und schaute auf das vergrößerte Foto eines recht verfallenen Gutshofes mit einem großen Park voller alter Bäume, das an der Wand neben der Tür hing. Auf dem Bild stand Gut Wolfshorn. In diesen verfallenen Mauern und löchrigen Dächern steckte fast die Hälfte seines Vermögens. Er war sicher, dass bis vor etwa einer Dreiviertelstunde höchstens zweihundert Menschen je davon gehört hatten.
Neben dem Luftbild des Guts hing eine Zeichnung des Schweizer Architekturbüros Beat Tolino & Cie., Weltmarktführer in der Konzeption von Labyrinthen. Er scrollte durch das Kontaktverzeichnis seines iPhones, bis er auf den Namen Thomas „Lucky“ Koslinsky stieß.
Bautz und Lucky kannten sich seit Ewigkeiten. In Bautz’ Augen war Koslinsky ein Genie für Kamera- und Übertragungstechnik. Vor allem aber war er ein Genie, das billig zu haben sein würde, weil Lucky bis vor drei Monaten wegen einer ziemlich dummen Sache im Knast gesessen hatte.
Bautz wählte Koslinskys Nummer und wartete ab, bis dieser sich meldete.
„Lucky?“, sagte er dann. „Bautz hier. Ich habe einen Job für dich.“
„Da musst du dich aber hinten anstellen, Bautz. Mein Auftragsbuch ist voll.“
Blöder alter Trick, dachte Bautz. Und lächelte.


8
Jonas durfte das Arbeitszimmer seines Vaters nur selten betreten. Dasselbe galt für seine Mutter und seine kleine Schwester Natascha-Larissa. Alle anderen Räume im Haus sowie drüben in den Fertigungshallen und Büros standen ihnen jederzeit offen. Theoretisch sogar die der beiden Hausbediensteten. Aber nicht das Arbeitszimmer.
Für Jonas war es der männlichste Raum, den er kannte, mit der ledergepolsterten Tür, den Gemälden von Segelschiffen, wuchtigen alten Möbeln und dem großen Schreibtisch, auf dem sich scheinbar immer nur Aschenbecher, Tischfeuerzeug, Zigarrenabschneider, die beiden Montblanc-Füllfederhalter und die schwarze Unterschriftenmappe befanden.
„Ich habe deine Scheine gesehen, Jonas“, sagte sein Vater jetzt zu ihm. „Beeindruckend war das nicht. Du weißt, dass wir dir jede Freiheit lassen, die du brauchst. Aber nur unter der Bedingung, dass du trotzdem entsprechende Leistungen erbringst. Die Zweitbesten landen auch bei den zweitbesten Jobs, Junge.“
Jonas setzte sich auf den Besucherstuhl im Raum. Sein Vater trug heute den grauen Anzug und die gelbe Krawatte. Das war seine Uniform. Freitags wählte er schon mal eine grüne Krawatte, gelegentlich auch eine rote zum dunkelblauen Anzug.
„Die Hausarbeit in Gesellschaftsrecht ist bei den anderen auch unfair bewertet worden. Fast alle im Semester haben die zur Zweitbewertung eingereicht. Ich übrigens auch. Das ist mein Recht.“
Sein Vater knipste das Ende einer Zigarre auf und steckte sie an. Es war eine von den schmalen, langen. Keine von den großen, die er sonst gern nach dem Essen rauchte.
„Beschwerden sind was für Faulpelze. Du bist mein Sohn. Mein Sohn beschwert sich nicht. Der sorgt dafür, dass es erst gar keinen Grund für eine Beschwerde gibt.“
„Ohne die falsch bewertete Hausarbeit wäre ich Jahrgangsbester.“
„Hätte, wäre, könnte. Das sind Worte für Verlierer. Die Firma ist in den letzten dreißig Jahren um zwei Drittel gewachsen. Sie braucht einen ganzen Mann an der Spitze. Wenn du schon mit dem Druck einer Hausarbeit oder Klausur nicht umgehen kannst, wie soll das dann erst werden, wenn viertausend Jobs von deiner Performance im Vorstand abhängen?“
„Ja, Vater. Tut mir leid.“
Sein Vater schaute ihn lange an. Jonas kannte diesen Blick nur zu gut. Er löste tiefe Unsicherheit und Furcht in ihm aus.
Immer noch.

Ulf Torreck

Über Ulf Torreck

Biografie

Ulf Torreck, geboren 1973 in Leipzig, hat schon in der Schule lieber Edgar Allan Poe als Goethe gelesen. Nach einer Lehre als Zimmermann studierte er Jura und arbeitete als Drehbuchautor. Seit 2008 schreibt Torreck hauptberuflich Romane.

Pressestimmen
Bayern 1 „Ulla Müllers Buchtipps“

„Ein Buch, das einen zunächst maximal verwirrt und dann maximal fesselt. Hochraffiniert, brutal und menschlich zugleich.“

Westfalen-Blatt

„›Escape Zone‹ ist ein echter Schmöker, spannend, aber schlicht und manchmal etwas zu brutal.“

Kommentare zum Buch
Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden

Ulf Torreck - NEWS

Erhalten Sie Updates zu Neuerscheinungen und individuelle Empfehlungen.

Beim Absenden ist ein Fehler aufgetreten!

Ulf Torreck - NEWS

Sind Sie sicher, dass Sie Ulf Torreck nicht mehr folgen möchten?

Beim Absenden ist ein Fehler aufgetreten!

Abbrechen