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Es bleibt in der Familie

Es bleibt in der Familie

Sommerdahls vierter Fall

Taschenbuch
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Es bleibt in der Familie — Inhalt

In Christianssund geht ein Stalker um, der Dan Sommerdahls Freundin heimsucht. Doch bevor sich Dan dem Verfolger annehmen kann, wird er von dem Politiker Thomas Harskov gebeten, den Tod zweier seiner Kinder zu untersuchen. Ein Sohn und eine Tochter sind in den vergangenen Jahren jeweils kurz nach ihrem 16. Geburtstag durch Unglücksfälle ums Leben gekommen. Die Eltern leben seitdem in ständiger Angst um ihr drittes Kind, das in wenigen Wochen ebenfalls 16 wird. Dan ermittelt und stößt schon bald auf verstörende Indizien. Als plötzlich auch der Stalker tot aufgefunden wird, nimmt der Fall noch einmal eine ungeahnte Wendung ...

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 03.07.2017
Übersetzt von: Ulrich Sonnenberg
512 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31115-1

Leseprobe zu »Es bleibt in der Familie«

1

24. 04. 09, 17 : 48 Uhr:

Der Glatzkopf verlässt die Wohnung. Er geht zum gegenüberliegenden Gehweg und schaut hinauf zum Fenster der Göttin. Dort oben steht sie. Sie winken sich zu. Der Glatzkopf geht zum Parkhaus am Israels Plads. Die Göttin entdeckt mich. Sie schickt mir den Code des Tages und lässt das Rollo herunter. Alarmniveau 6 – 8.

Mogens schob den Kugelschreiber in die Lasche des roten Notizbuchs und steckte es in seinen gelben Rucksack, in dem eine Brieftasche, eine Digitalkamera, eine Banane, eine Rolle Kekse, ein Plastikbecher und eine mit [...]

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1

24. 04. 09, 17 : 48 Uhr:

Der Glatzkopf verlässt die Wohnung. Er geht zum gegenüberliegenden Gehweg und schaut hinauf zum Fenster der Göttin. Dort oben steht sie. Sie winken sich zu. Der Glatzkopf geht zum Parkhaus am Israels Plads. Die Göttin entdeckt mich. Sie schickt mir den Code des Tages und lässt das Rollo herunter. Alarmniveau 6 – 8.

Mogens schob den Kugelschreiber in die Lasche des roten Notizbuchs und steckte es in seinen gelben Rucksack, in dem eine Brieftasche, eine Digitalkamera, eine Banane, eine Rolle Kekse, ein Plastikbecher und eine mit Wasser gefüllte Colaflasche lagen.

Am liebsten wäre er nach Hause gegangen. In seine sichere Wohnung mit dem DVD-Player. Und hätte sich eine Folge von Weiße Veilchen angesehen. Eine ausgesprochen verlockende Vorstellung. Es war ein langer Freitag gewesen, er war müde. Andererseits hatte er eine gewisse Verantwortung übernommen. Der Glatzkopf war gegangen, also war die Göttin allein.

Mogens musste ihr beweisen, dass man sich auf ihn verlassen konnte. Er ging zur Freilaufzone für Hunde an der ­Nørre Voldgade. Von einer der Bänke aus konnte er die Haustür der Göttin im Auge behalten, solange keine Busse oder Lastwagen auf der Straße hielten. Er sah auf die Uhr. Eine Weile konnte er noch sitzen bleiben und sich ausruhen. Wenn die Göttin ausgehen wollte, würde es mindestens eine Stunde dauern, bis sie sich fertig gemacht hatte. Das wusste er inzwischen aus Erfahrung.

Er holte die Banane aus dem Rucksack und aß sie mit kleinen Bissen, die Augen starr auf die etwa fünfzig Meter entfernte Haustür gerichtet. Stundenlang konnte Mogens so dasitzen, beinahe regungslos. Nur selten wurde er gestört. Kaum jemand kam auf die Idee, den kleinen Mann mit der Windjacke und dem gelben Rucksack anzusprechen. Obwohl Mogens gepflegt und ordentlich aussah, seine Haare frisiert und sorgfältig über die kahle Stelle ganz oben am Kopf gekämmt, vermittelte er den Eindruck, anders zu sein. Und es machte die Sache nicht besser, dass er hin und wieder halblaute Selbstgespräche führte. Die meisten Menschen hatten ebenso viel Angst vor ihm wie er vor ihnen.

Natürlich mit Ausnahme der Göttin. Sie hatten keine Angst voreinander. Er hatte sie als Anita in der Fernsehserie Weiße Veilchen kennengelernt und sofort gewusst, dass sie ein guter Mensch war. In den vier Jahren, in denen die Serie lief, verfolgte er Anitas Lieben und Enttäuschungen – eine Schwangerschaft, eine Totgeburt, eine Scheidung. Er entwickelte Gefühle für sie, wie er sie im wahren Leben noch nie für einen Menschen empfunden hatte. Zum Ende der Serie hatte er sich sofort die DVD-Box gekauft, sodass er, wann immer er Lust hatte, von vorn beginnen konnte. Und das passierte oft. Eine Zeit lang hatte Mogens Weiße ­Veilchen beinahe ununterbrochen gesehen, vom Aufstehen bis zum Zubett­gehen.    

Nach und nach hatte er begriffen, dass Anita ihm codierte Mitteilungen zukommen ließ. In der Regel waren es Bitten um Hilfe oder Schutz. Hilfe, die er herzlich gern anbieten wollte, nur wusste er nicht, wie. Sie war schließlich im Fernsehen, und er saß davor. Schließlich beschloss er, Anita in der wahren Welt zu finden, dort, wo sie Kirstine Nyland hieß. Sie stand tatsächlich im Telefonbuch, es war also kein großes Problem, sie zu finden. Und sie um ein Auto­gramm zu bitten, war eine gute Tarnung für sein eigentliches Anliegen, seine Mission.

Mogens war nicht dumm. Er wusste genau, dass Anita aus ­Weiße Veilchen eine Rolle und Kirstine Nyland real war. Es waren zwei verschiedene Personen, sagte er sich wieder und wieder. Aber Kirstine hatte sich von Anfang an erleichtert gezeigt, dass ihre Signale endlich aufgefangen wurden. Sie hatte so freundlich gelächelt, seiner Ansicht nach geradezu liebevoll. In seiner Vorstellung verschmolzen die beiden Frauen rasch zu einer. Der Göttin. Die über allen Menschen stand. Vielleicht war sie in Wahrheit zu gut. Die Guten waren ja immer die Opfer. Mogens hatte in seinem bald fünfzigjährigen Leben schon viele Filme gesehen. Und es war immer dasselbe. Die Guten wurden von den Bösen vergewaltigt, enttäuscht, gemobbt, betrogen, geschlagen oder ermordet. Die Göttin musste irgendwann etwas Böses auf sich ziehen. Er wusste es einfach. Und so erklärten sich die geheimen Signale, die sie ihm schickte. Die Göttin brauchte Schutz, eindeutig, und Mogens war dazu ausersehen, auf sie aufzupassen.

Die Banane war gegessen, Mogens stand auf, um die Schale wegzuwerfen. Der Mülleimer war voller kleiner schwarzer Plastiktüten, die meisten mit einem sorgfältigen Knoten verschlossen. Kotgestank schlug ihm entgegen. Einen Moment war er verwirrt, doch dann fiel ihm ein, wo er sich befand. Er ließ den Deckel des Mülleimers zufallen und sprang zwei Schritte zurück. Tüten voller Hundescheiße. Igitt.

Als er sich umdrehte, sah er, dass zwei Frauen vor der Haustür der Göttin standen. Eine hatte ein kleines pummeliges Kind im Arm, die andere klappte einen Kinderwagen zusammen. Die Tür wurde geöffnet, die Frauen gingen hinein.

Mogens beeilte sich. Er hoffte, dass es sich nur um andere Hausbewohnerinnen handelte. Er postierte sich so, dass er die Fenster des Treppenhauses im Blick ­hatte, und beobachtete die Frauen, während sie Stockwerk für Stockwerk nach oben gingen. Nachdem sie die dritte Etage erreicht hatten, sah er sie nicht mehr. Mit ein wenig Glück war es die rechte Wohnung, in die sie mussten …

Das Licht im Treppenhaus verlosch. Mogens hielt den Atem an. Die Gardinen der rechten wie der linken Wohnung hingen einige Minuten reglos vor den Fenstern. Nichts war zu sehen. Plötzlich zeigte sich die Göttin an ihrem Fenster. Sie hielt das feiste Kind im Arm und drückte ihre Lippen auf dessen dünn behaarten Schädel. Unvermittelt schaute sie direkt hinüber zu Mogens und sah ihm für den Bruchteil einer Sekunde ins Auge, bevor sie sich abwandte und nicht mehr zu sehen war.

Mogens hatte ihr Signal aufgefangen: Das Alarmniveau ­konnte bei 2 – 7 justiert werden, er konnte jetzt beruhigt nach Hause gehen.

 


2

Als Dan sich einige Augenblicke später wieder als Einziger erhoben hatte, bat er alle, die ein Lied, eine Rede oder sonst einen munteren Beitrag vortragen wollten, sich so rasch wie möglich bei ihm zu melden. Außerdem legte er – unter lautstarkem Protest – eine Zeitbegrenzung von fünf Minuten für alle Beiträge fest und erließ ein Verbot, Toasts auszubringen, bei denen man ebenso oft Hurra rufen musste, wie die Jubilarin Jahre zählte. Seine Mutter wurde in diesem Jahr immerhin fünfundsiebzig …2 »… und so bleibt mir eigentlich nur noch, dir ein paar Worte zu sagen, Mutter.« Dan Sommerdahl wandte sich an das Geburtstagskind, und die Gäste ermunterten sich gegenseitig zur Ruhe. Er legte die Hand auf ihre Schulter. »Als ich ein Kind war, warst du das Wichtigste in meinem Leben, und auch wenn das wohl allen Müttern so geht, die wie du ihre Kinder allein großziehen müssen, bei dir war es sehr viel mehr als nur …« Dan fasste sich kurz, und er hoffte, der Rest der Gesellschaft würde seinem Beispiel folgen. Nach wenigen Minuten beendete er seine Ansprache: »Du bist noch immer – und wirst es immer sein – die klügste, hübscheste, stärkste und lustigste Frau in meinem Leben.« Stühle scharrten über den Parkettfußboden der Gaststätte, als sechsundachtzig festlich gekleidete Gäste sich erhoben und ein Hurra auf Birgit Sommerdahl ausbrachten, die jetzt ihre Augenwinkel mit einer Stoffserviette abtupfte.

Kurz darauf waren alle, die etwas auf dem Herzen hatten, in die Rednerliste eingetragen. Dan faltete seine Notizen zusammen und setzte sich auf den Platz neben seiner Mutter. Sie ­tätschelte seine Hand und unterhielt sich weiter mit ihrem ältesten Enkel, Rasmus. Der junge Mann hatte sich aus Anlass des Tages von seinem Vater einen dunkelgrauen Anzug und ein figurbetontes rostrotes Hemd geliehen, dessen oberster Knopf offen stand. Sein helles Haar war frisch geschnitten, das Kinn rasiert. Dan erkannte seinen Sohn kaum wieder. Er sah plötzlich erwachsen aus. Erwachsen und selbstsicher. Bei seinem vierten Versuch hatte es endlich geklappt, und Rasmus war an der Filmhochschule aufgenommen worden – im Fach Regie. Er strahlte vor Freude, als er seiner Großmutter von all den großartigen Dingen erzählte, die ihn nun erwarteten.

Dans Blick schweifte zu seiner Tochter, die ebenfalls am Tisch der Jubilarin saß. Laura ging noch immer aufs Gymnasium, aber auch sie sah mit einem Mal so erwachsen aus. Vielleicht, weil sie die Haare zu einer schweren Schnecke hochgesteckt hatte – eine fast perfekte Imitation der Frisur ihrer Großmutter. Möglicher­weise lag es auch an dem einfachen indigoblauen Brokatkleid, das sie wahrscheinlich in irgendeinem Secondhandladen gefunden hatte. Oder hatte es damit zu tun, dass er sie nicht mehr jeden Tag sah?  

Sein Blick flog unwillkürlich drei Tische weiter zu Marianne. Seiner Frau. Exfrau, korrigierte er sich. Seiner Exgeliebten, Exehefrau, Exhexe … Nein, jetzt war er ungerecht. Eine Hexe war Marianne nie gewesen. Im Gegenteil, während der gesamten Scheidung, die er selbst zu verantworten hatte, war sie unglaublich loyal und grundehrlich gewesen. Sie fühlte sich verletzt, wütend, gedemütigt und bestand auf die Trennung. Dennoch hatte sie ihn anständig behandelt, das musste man ihr lassen.

Glücklicherweise war das Haus in der Gørtlergade nahezu schuldenfrei, sodass Marianne dort wohnen bleiben konnte, obwohl sie Dan seinen Anteil ausbezahlt hatte. Er konnte sich ein gebrauchtes Audi A4 Cabriolet sowie die Anzahlung einer gemütlichen Zweizimmerwohnung an der Hafenpromenade leisten. Den Hund und die Kinder sah er regelmäßig, doch Marianne hielt Abstand. Ihre Toleranzgrenze hat während der Scheidung möglicherweise ein wenig gelitten, dachte er. Eigentlich kein Wunder.

Sie unterhielt sich lebhaft mit ihrem Tischnachbarn, dem ört­lichen Küster. Mariannes dunkle Augen leuchteten hinter den langen Strähnen ihres Ponys, die ihr über die Stirn fielen, und Dan dachte wie schon Tausende Male zuvor, dass sie die Ausstrahlung eines frechen Shetlandponys hatte. Klein, muskulös. Energisch. Und dann dieser Pony, an dem sie immer herumfingerte, wenn sie sich ereiferte. Jetzt legte sie den Kopf in den Nacken und lachte. Sie drehte ihm den Kopf zu und fing den Blick ihres Exmannes auf. Sofort wandte sie sich ab, als könnte allein sein Anblick sie verletzen. Dan schüttelte nur den Kopf.

»Dan, was ist denn?«

Er sah seine ältere Schwester an. »Ach, weißt du …«, sagte er und zuckte die Achseln. »Ich werde mich wohl nie daran gewöhnen, Bente.«

»Doch, wirst du. Es ist noch nicht mal ein Jahr her. Lass dir Zeit.«

»Ich habe gehört, Frauen fällt es leichter?«

Jetzt zuckte sie die Achseln. »Mir nicht«, erwiderte sie dann. »Es war eine harte Zeit. Oder … ist es eigentlich noch immer.«

»Ruft er dich immer noch zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten an?«

»Meist zu unmöglichen.« Bente schnitt eine Grimasse. »Er hat ein ausgeprägtes Gespür dafür, wann ich gerade eingeschlafen bin oder Gäste zum Abendessen habe.«

»Du musst das Telefon doch nicht abnehmen.«

»Aber er braucht mich, Dan.«

»Das ist es ja, was ich sage: Für Männer ist es schlimmer.«

Bente schüttelte lächelnd den Kopf.

Dan aß den Rest seiner Suppe. Immer hatte er das Gefühl, seiner Schwester etwas zu schulden. Nähe, Fürsorge. Irgendetwas. Vor ein paar Jahren hatte Bente Petri eingewilligt, ihm bei einem komplizierten Fall als Lockvogel zu dienen. Glücklicherweise war sie unbeschadet davongekommen. Dan lebte seit den Ereignissen damals mit einer langen blanken Narbe an seiner linken Wange und hatte sich nie wirklich verziehen, sie in die Sache hineingezogen zu haben.

Er sah sich um. Die meisten Geburtstagsgäste hatten die Vorspeise beendet, die Raucher kehrten allmählich von ihrem ersten Aufenthalt im Garten auf ihre Plätze zurück.

Zeit für die nächste Rede.

Dan erhob sich und klopfte an sein Glas.

*

Bereits zehn Minuten vor elf konnte der Wirt sein Personal mit dem Abräumen der Tische beauftragen. Die Geburtstagsgesellschaft zog in den Raum, der normalerweise als Versammlungszimmer des lokalen Dartclubs genutzt wurde. Hier standen Kaffeetassen und Petits Fours auf den Tischen, man konnte sich selbst bedienen, bis der Saal zum Tanzen vorbereitet war.

Dan ging auf den Parkplatz und rief Kirstine an. »Geht’s euch gut?«

»Sehr. Julius ist so groß geworden, Dan. Er kann fast schon ­alleine sitzen.«

»Wie schön … Was habt ihr gegessen? Wieder Fastfood?«

»Fie hat Sushi geholt. Es war superlecker. Wie läuft’s bei euch?«

»Wir sind beim Kaffee.«

»Genießt sie ihren großen Tag?«

»Mutter? Sie ist begeistert.«

»Hast du deinen Job als Toastmaster hinter dir?«

»Gott sei Dank! Diese Leute hier sind nicht zu bändigen. Lieder und Gedichte, Sketche, Ratespiele, Reden, man glaubt es kaum. Ich werde mich jetzt besaufen.«

»Dann schläfst du heute Abend nicht hier?«

»Nein, heute nicht, Kis.«

»Ich könnte den Zug nach Christianssund nehmen, wenn die Mädchen gegangen sind? Dann warte ich auf dich in der Wohnung, bis du von dem Fest nach Hause kommst.«

»Kirstine, ich …«

Sie atmete tief durch. »Nein, nein, du musst nichts erklären«, sagte sie dann. »Ich habe begriffen, dass ich nicht erwünscht bin. Mach’s gut.« Sie beendete das Gespräch, und Dan stand in der Dunkelheit und fühlte sich wie ein Idiot. Schließlich hatte sie ja recht. Sie war nicht erwünscht. Jedenfalls nicht hier und nicht jetzt. Alles war noch immer viel zu frisch.

In den letzten Wochen hatte er sich immer wieder mit Kirstine gestritten, weil Dans Mutter sie nicht zu ihrem fünfundsiebzigsten Geburtstag eingeladen hatte. Nicht, weil sie Kirstine nicht mochte. Im Gegenteil, sie schätzte sie ungemein. Aber Birgit wollte unbedingt Marianne auf ihrem Fest haben – Marianne, die Mutter ihrer beiden Enkelkinder. Sie kannten und liebten sich seit einem Vierteljahrhundert. Doch wenn Marianne kam, konnte Kirstine nicht teilnehmen. Das wollte sie Dans Exfrau einfach nicht zumuten. Noch nicht. Dafür musste Dan doch Verständnis aufbringen. Er war ein wenig beleidigt, akzeptierte dann aber die Entscheidung seiner Mutter. Birgit hatte ja recht. Wenn die Feier in einem Jahr erst stattgefunden hätte, wäre es vielleicht anders gewesen. Aber nicht jetzt.

Kirstine konnte die Sache nicht ganz so gelassen sehen. Im Gegenteil, sie machte die ausbleibende Einladung zu einem zentralen Punkt. Es war ihrer Ansicht nach geradezu ein Zeichen dafür, wie Dans Familie sich ihr gegenüber verhielt – was ausgesprochen ungerecht war, da alle sie von Anfang an mochten. Aber so war das mit Kirstine. Alle liebten sie. Nicht nur, weil sie wie eine jüngere Ausgabe von Grace Kelly in Brünett aussah oder eine berühmte Schauspielerin war. Nein, sie nahm die Menschen mindestens ebenso sehr mit ihrem Wesen für sich ein. Mit ihrer Herzlichkeit, ihrer Intensität, ihrem Humor. Sie war großartig, jedenfalls solange es nicht um diese für sie unerreichbare Geburtstagsfeier ging. An diesem Punkt benahm sie sich, als würden sie alle wieder in die dritte Klasse gehen und Geburtstagseinladungen als harte Währung auf dem Schwarzmarkt des Schulhofes einsetzen.

»Dan Sommerdahl? Haben Sie einen Moment Zeit?« Ein ungefähr fünfzigjähriger, kompakt gebauter Mann mit Vollbart unterbrach seine Gedanken.

Sie gaben sich die Hand. Dan hatte den Mann sofort erkannt. Thomas Harskov saß im Folketing und wurde von den politischen Kommentatoren mehrerer Zeitungen als der nächste Vorsitzende einer der beiden großen linken Parteien gehandelt. In der breiten Bevölkerung kannte man Thomas Harskov jedoch auch durch eine Tragödie. Sein ältester Sohn war bei einem Zugunglück ums Leben gekommen. War nicht auch ein zweites Kind von ihm gestorben? Irgendetwas klingelte in Dans Erinnerung. Eine Drogengeschichte? Ihm fielen die Details nicht mehr ein. Es war inzwischen einige Jahre her.

Beide holten sie sich ein Glas Bier und zogen sich in eine friedliche Ecke des Gartens zurück.

Thomas ließ sich viel Zeit, um seine Pfeife zu stopfen und anzuzünden. Dann erzählte er, dass er und seine Frau seit elf Jahren in Yderup wohnten. Sie kannten Dans Mutter von einigen Veranstaltungen im Gemeindezentrum. Er und seine Frau, eigentlich eine Innenarchitektin, besaßen eine kleine Polstermöbelwerkstatt in Christianssund und hatten sich darauf spezialisiert, dänische Möbelklassiker zu restaurieren. Sie hatten einen gewissen Erfolg damit. Nicht, dass sie unbedingt reich geworden wären, aber es lief nicht nur rund, sondern warf auch noch etwas ab.

»Habt ihr Kinder?«, fragte Dan und ging zum Du über. Er konnte es ebenso gut gleich hinter sich bringen.

»Einen Sohn. Malthe. Er wird bald sechzehn.« Thomas zog kräftig an seiner Pfeife, bevor er sie aus dem Mund nahm und die Glut betrachtete. »Eigentlich hatten wir drei Kinder, die beiden Älteren sind tot.«

»Tut mir leid … Ich glaube, ich kann mich daran erinnern. Es war ein Unfall, nicht wahr?«

»Zwei verschiedene Unfälle. Zwei verschiedene Tage, zwei verschiedene Orte.«

»Das ist unfassbar tragisch.«

»Schlimmer, als du es dir vorstellen kannst … Und genau darüber wollen wir mit dir reden.«

»Wir?«

»Meine Frau Lene und ich.« Er wies mit dem Kopf auf eine kleine schlanke Frau in einem taillierten weißen Kleid. Ihr halblanges blondes Haar wurde von einer schmalen, silberfarbenen Haarspange gehalten, an den Ohren baumelten ovale Süßwasserperlen. Sie stand am Rand einer Gruppe von Frauen und verfolgte offensichtlich deren Gespräch, obwohl sie sich selbst nicht zu beteiligen schien. »Sie hat mich gebeten, dich allein anzusprechen, weil sie nicht wollte, dass ihr hier auf Birgits Fest die Tränen kommen. Sie kann über Rolfs und Grys Tod immer noch nicht reden, ohne …« Thomas trank einen großen Schluck Bier, stellte sein Glas auf einen Gartentisch und betrachtete es eingehend, bis er seine Stimme wieder unter Kontrolle hatte. »Hast du Zeit, eine Aufgabe zu übernehmen, Dan?«

»Was soll ich tun?«

»Ich möchte wissen, was mit unseren Kindern passiert ist. Warum sie sterben mussten.«

»Du glaubst, sie könnten …«

»Wir sind davon überzeugt, dass sie ermordet wurden.«

»Zwei verschiedene Morde, die beide als Unfall getarnt wurden?«

»Genau.«

»Die Polizei ist nicht eurer Meinung?«

»Nein.«

»Normalerweise sind die sehr gründlich, Thomas. Sollte es auch nur den geringsten Verdacht geben, würden sie Ermittlungen einleiten. Wieso glaubt ihr denn, dass es sich um Mord handelt?«

»Wir haben gute Gründe. Es gibt vor allem eine Sache, die …« Er zog einen Moment an seiner Pfeife, bevor er fortfuhr: »Kannst du morgen zu uns kommen, dann reden wir über die Details. Gegen zwei?«

»Morgen kann ich nicht. Ich muss zuerst ein paar andere Dinge erledigen. Es ist immer noch meine Werbeagentur, die mich wirtschaftlich über Wasser hält.«

»Was kostet es denn, dich als Detektiv anzuheuern?«

»Umsonst ist es nicht, aber für größere Aufgaben gibt es Spezialpreise. Du kannst auf meiner Homepage die Honorarsätze nachlesen.« Dan zog eine Visitenkarte aus seiner Brusttasche und reichte sie Thomas. »Es gibt feste Stunden- und Tagessätze sowie Kilometerpauschalen. Alle übrigen Ausgaben werden anhand der Quittungen abgerechnet. Die Rechnungen werden monatlich erstellt.«

»Gut.« Thomas steckte die Karte in die Sakkotasche.

»Ich könnte am Montag kommen.«

»Perfekt. Meine einzige Bedingung ist, dass du bis zum 4. Juli fertig sein musst. Du hast zweieinhalb Monate Zeit.«

»Bis zum 4. Juli? Was passiert an diesem Tag?«

»Wir befürchten, man wird an diesem Tag unser drittes Kind ermorden.«

 

3


Ich schaue mich um und sehe, welches Chaos hier herrscht.3 »Malthe?« Die Stimme meiner Mutter. Scheiße. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie so früh nach Hause kommen.

»Malthe?« Ihre Schritte nähern sich. »Bist du da, Schatz?«

»Hm.« Ich versuche, das Schlimmste zu beseitigen. Die Pizzaschachtel. Zwei leere Colaflaschen. Die fettige Pommes-Tüte. Auf dem Boden ein paar heruntergefallene Pommes, ein Stück vom Pizzarand, meine stinkenden Socken, eine leere Plastiktüte vom Imbiss und drei offene DVD-Hüllen.

»Also, Malthe!« Sie bleibt an der Tür stehen. »Musste das sein, so ein Chaos …« Sie hält unvermittelt inne.

Ich schaue auf. Ihre Haarspange sitzt ein bisschen schief, ansonsten sieht sie so frisch, faltenlos und fleckenfrei aus wie immer. Man sieht ihr nicht an, dass sie gerade von einer Party kommt. Und nun steht sie da und explodiert innerlich wegen der Unordnung, die ich in ihrem sauberen, adretten Wohnzimmer angerichtet habe. Aber sie wagt nicht, so richtig mit mir zu schimpfen. Ich kann es nahezu vor mir sehen, wie ihr die Gedanken durch den Kopf schießen, während sie bis zehn zählt und dann ihr ewig nachsichtiges Lächeln aufsetzt. Als hätte sie Angst davor, ich könnte Selbstmord begehen oder von zu Hause weglaufen, wenn sie mir nur den Anschiss verpasst, den sie mir eigentlich so gern verpassen würde.

»Na, du hast es dir ja gemütlich gemacht, wie ich sehe.« Mein Vater taucht hinter ihr auf. Er legt die Hände auf ihre Schultern.

»Hm.« Ich falte die Pizzaschachtel zusammen, sodass sie in die Tüte passt, und stehe auf. »Ich hole den Staubsauger.«

»Das ist nicht nötig, Schatz.« Mutter hat ihr Gesicht jetzt wieder voll unter Kontrolle. »Hauptsache, du bringst den Müll raus und räumst die Filme weg, dann mache ich …« Sie huscht auf Socken in die Küche, noch immer in ihrem weißen Festkleid, die Tasche unter den Ellenbogen geklemmt. »Willst du eine Tasse Tee?«, ruft sie mir zu.

Ich tue so, als hätte ich sie nicht gehört, und stecke die DVDs in ihre Hüllen.

»Willst du, Malthe?«

Ich antworte noch immer nicht.

»Jetzt antworte deiner Mutter schon«, fordert mein Vater mich leise auf. Ich sehe ihn an. »Nein danke, Mama!«

Vater sieht mich einen Moment an, dann geht er ins andere Zimmer. Er hat nicht annähernd so viel Angst um mich wie sie. Er ist nicht ganz so hilflos. Allerdings ist er auch nicht so oft zu Hause. Wie Mutter an mir klebt, ist schon irgendwie krankhaft. Ich kann nicht mal aufs Klo gehen, ohne dass sie mich fragt, ob ich eine ­Tasse Tee oder ein Glas Wasser möchte, ob sie irgendetwas für mich waschen soll oder wie es in der Schule war. Ich könnte kotzen.

Die meiste Zeit verbringe ich in meinem Zimmer, aber ich muss natürlich mit ihr am Tisch sitzen, wenn wir essen. Meine Mutter kocht gut, ehrlich. Also muss ich mich auch damit abfinden, dass sie bei mir sitzt und mich anglotzt. Und fragt. Nach der Schule, nach meiner Laune, ob’s nicht mal Zeit für eine Freundin wäre und all solchen Scheiß.

Ich bringe den Müll raus, bleibe einen Moment auf dem Hof stehen und genieße den Frieden, bevor ich wieder hineingehe. Durchs Fenster sehe ich, wie sie mit einem feuchten Lappen den Sofatisch abwischt. Sie hat sich eine Schürze umgebunden. Klar. Nicht auszudenken, wenn ihr weißes Kleid einen Fleck bekäme. Katastrophe! Hin und wieder habe ich einfach Lust auf Sauerei, Unordnung und Dreck …

»Kommst du wieder rein, Malthe?« Mutter steckt den Kopf aus der Haustür. »Ich habe dir ein paar Petits Fours mitgebracht.«

Als wäre ich vier Jahre alt. Auf der anderen Seite … Das Mandelgebäck schmeckt verdammt gut. »Danke«, höre ich mich sagen, als ich hinter ihr ins Haus trotte.

Mist, dass sie so früh nach Hause kommen mussten, denke ich, als ich kurz darauf mit dem Mund voller Kekse und einem Glas Milch am Küchentisch sitze. Immerhin konnte ich zwei Filme auf dem großen Flachbildschirm im Wohnzimmer sehen. Kap der Angst und American History X. Zwei meiner Lieblingsfilme. Super finde ich auch Fight Club. Und Pulp Fiction. Und Sieben. Das sind die besten Filme überhaupt.

Ich weiß nicht, wie oft ich sie gesehen habe. Nicht gerade hundert Mal, so oft dann doch nicht. Aber fünfzig Mal bestimmt. Nur nie im Wohnzimmer. Immer oben in meinem Zimmer, auf meinem kleinen miesen Fernseher, und mit Kopfhörern, damit sie nicht mitkriegen, dass ich mir Filme reinziehe, während sie glauben, ich würde schlafen. Als könnte ich schlafen. Jeder weiß doch, dass man nicht schlafen kann, wenn man deprimiert ist. Jeder, außer meiner Mutter. Und sie behauptet ja immer, ich hätte eine Depression.

Ich stelle das Glas in die Spülmaschine und gehe die Treppe hinauf. »Malthe?«, höre ich aus dem Wohnzimmer.

»Ja?« Ich bleibe nicht stehen.

»Gehst du ins Bett?«

»Ja.«

»Gute Nacht, Schatz.«

»Nacht.«

Anna Grue

Über Anna Grue

Biografie

Anna Grue, 1957 in Nykøbing geboren, ist eine der erfolgreichsten skandinavischen Krimiautorinnen. Nach einigen Stationen bei bekannten dänischen Zeitungen und Zeitschriften widmet sie sich seit 2007 ausschließlich dem Schreiben von Büchern. Ihre Serie um Detektiv Dan Sommerdahl steht regelmäßig...

Weitere Titel der Serie »Dan-Sommerdahl-Reihe«

Mit den Kriminalromanen über den kahlköpfigen Detektiv Dan Sommerdahl führt Anna Grue Dänemarks Bestsellerlisten an. Biss und Witz sind die Markenzeichen dieser Serie, bei der es um die Menschen, die Liebe und das Leben geht – das hin und wieder ein gewaltsames Ende findet.

Pressestimmen

Freundin

»Spannend geschrieben.«

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