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Erst wenn du tot bistErst wenn du tot bist

Erst wenn du tot bist

Kriminalroman

Taschenbuch
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Erst wenn du tot bist — Inhalt

Fanny Wolff, 34 Jahre, ehemalige Kriegsreporterin, leidet unter Panikattacken. Also krempelt sie ihr Leben kurzerhand um, zieht zurück nach Stralsund und heuert bei den Ostsee-Nachrichten an. Kaum dort angekommen, spült der Sund ihr eine Leiche vor die Füße. Melanie Schmidt, junge Mutter zweier Kinder, schwierige Verhältnisse, wurde wohl ermordet. Der ermittelnde Kriminalkommissar ist ausgerechnet Lars Wolff, Fannys Zwillingsbruder. Er zeigt sich alles andere als begeistert über ihre Einmischung, doch Fanny lässt Melanies Geschichte, ihr Leben zwischen Jugendamt und Hartz IV, zwischen Partywochenenden und tiefster Depression nicht los. Ob mit oder ohne Lars: sie ist fest entschlossen, den Mörder zu finden.

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 02.05.2016
304 Seiten, Broschur
EAN 978-3-8333-1028-7
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 02.05.2016
300 Seiten, NDEPUB
EAN 978-3-8270-7775-2
»Die deutsche Autorin Katharina Höftmann hat mit "Erst wenn du tot bist" einen starken Auftakt zur neuen Serie um die junge Ermittlerin geschrieben.«
Freundin

Leseprobe zu »Erst wenn du tot bist«

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Tut Sand in die Maschine.
Hans Fallada


Wenn der Nebel so über dem Sund aufstieg, ja geradezu gen Himmel dampfte, war es schwer zu glauben, dass eigentlich Sommer war. Fanny Wolff band sich die Schnürsenkel etwas fester zu. Sie atmete noch einmal tief durch und stemmte ihren langen schlaksigen Körper aus seiner gebeugten Haltung in die Höhe. Dann lief sie weiter. Ihre pinkfarbenen Turnschuhe leuchteten wie kleine Bojen, während sie sich, zwei ablegenden Schiffen gleich, kontinuierlich vom Hafen entfernten. Die Sundpromenade mit ihrem Kopfsteinpflaster [...]

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Tut Sand in die Maschine.
Hans Fallada


Wenn der Nebel so über dem Sund aufstieg, ja geradezu gen Himmel dampfte, war es schwer zu glauben, dass eigentlich Sommer war. Fanny Wolff band sich die Schnürsenkel etwas fester zu. Sie atmete noch einmal tief durch und stemmte ihren langen schlaksigen Körper aus seiner gebeugten Haltung in die Höhe. Dann lief sie weiter. Ihre pinkfarbenen Turnschuhe leuchteten wie kleine Bojen, während sie sich, zwei ablegenden Schiffen gleich, kontinuierlich vom Hafen entfernten. Die Sundpromenade mit ihrem Kopfsteinpflaster lag morgens um fünf wie ausgestorben da. Und auch auf der Ostsee wippten nur ein paar Möwen und Schwäne teilnahmslos in den kurzen, abgehackten Wellen auf und ab. Hinter Fanny verblasste der Hafen Stück für Stück im Morgennebel. Sie lief gleichbleibend schnell, so als hätte jemand in ihr einen Tempomat angestellt. Ihr Atem begleitete sie dabei wie ein Metronom. Ein vertrautes, beruhigendes Geräusch. Das Klick-Klack der Metronome war der Takt ihrer Jugend gewesen. An jedem Klavierwettbewerb in Mecklenburg-Vorpommern hatte sie teilgenommen. Einmal, mit 14, war sie sogar in Berlin angetreten. Wie gerne würde sie das Gefühl von damals, als sie zum ersten Mal alleine in der Großstadt war, noch einmal erleben. Diese leichte Anspannung, dieses innere Kribbeln. Diesen Sog und dieses Gefühl von Freiheit. Sie steigerte die Geschwindigkeit und sprintete am Ernst-Thälmann-Denkmal vorbei. In ihrem Kopf begann es zu arbeiten. Wer war das noch mal? Irgendein Kommunist, oder? Am liebsten hätte sie ihren Lauf sofort unterbrochen, um bei Wikipedia nachzulesen. Sie biss sich auf die Unterlippe und rannte weiter. In ihrem Leben müsse sich etwas fundamental ändern, hatte Ben gesagt. Die Worte hallten wie ein Echo in ihr nach. Warum nicht jetzt damit beginnen? Mit Unwissenheit? Mit Ignoranz? Mit geistiger Entspannung?
Sie sehnte sich nach Freiheit. Der Freiheit, nicht alles wissen zu müssen. Sie wollte nicht über der Angst, eine Chance nicht zu nutzen oder ein Detail der Geschichte nicht zu kennen, ihr Leben verpassen. Andererseits. Hatte sie nicht schon genug geändert? Sollte sie jetzt auch noch ihr Smartphone (obwohl, allein das Wort war eine Beleidigung in sich – waren denn heutzutage die Telefone klug und nicht mehr ihre Besitzer?) abwerfen wie Ballast?
Am Bootssteg hielt Fanny an, um ausgiebig zu dehnen. Erst jetzt nahm sie den Blick wahr, der sie wie eine Wandtapete im Hintergrund begleitet hatte. Die spektakuläre Rügenbrücke. Das saftige Grün der Insel, die ihr verheißungsvoll im Licht der langsam aufgehenden Sonne zublinzelte. Die roten Dächer von Altefähr. Da drüben waren sie oft nach der Schule Eis essen gewesen. Manchmal auch baden. Wenn sie keine Lust hatten, bis nach Binz oder auf den Darß zu fahren. Oder keine Zeit. Fanny hatte schon damals selten Zeit gehabt. Sie lernte und engagierte sich bereits als Schülerin bis zum Umfallen.
Am Ende des Bootsstegs, dort, wo eine gleichmäßige dünne Algenschicht das alte Holz in einen weichen grünen Teppich verwandelt hatte, zog sie die Schuhe aus und streckte dann langsam ihre Arme in die Höhe. Sie reckte sich so weit es ging in Richtung Himmel. Ihre kurzen dunklen Locken tanzten in der Morgensonne. Aber jetzt, schienen sie zu rufen, jetzt würde alles anders werden.
Immerhin war Fanny umgezogen. Zurück an den Ort, an dem sie geboren worden und aufgewachsen war und der sie irgendwie auch, so hieß es doch immer, zu der gemacht hatte, die sie heute war. Ihre Rückkehr in die lange von ihr verschmähte Heimat war allerdings nicht ganz freiwillig gewesen.
Jahrelang hatte sie, fest im Sattel eines hohen Rosses sitzend, auf diejenigen hinuntergeschaut, die es nicht für nötig, ja lebensnotwendig hielten, über den eigenen Tellerrand zu gucken. Sie hatte es anders gemacht. Und als Kriegsreporterin einen Weg eingeschlagen, der ihr von dem, was sie kannte, so weit entfernt wie nur möglich schien. Afghanistan. Irak. Libanon. Gaza. Bombenanschläge. Raketen. Terror. Der Krieg in all seinen Formen. Bis sie sich irgendwann nicht mehr von dieser Angst, die sie anfangs nur gelegentlich erfasste, hatte befreien können und schon der Gang in den Supermarkt zur Qual wurde.
Als die Redaktion sie dann nach Syrien schicken wollte, war Schluss. Sie fiel in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Plötzlich schien die Heimat, so sehr sie ihr einst auch wie ein Gefängnis vorgekommen war, in ihrer Überschaubarkeit die einzige Welt zu sein, die sie jetzt noch ertragen könnte.
Fanny dehnte ihren nicht schweren, aber wegen ihrer Größe eben auch nicht leichten Körper bis in die Zehenspitzen. Machte mit dem linken Bein einen Ausfallschritt nach hinten und streckte es durch. Ihre Wade fing langsam an zu brennen und wie eine Situation, die viel zu schnell eskalierte, wurde dieses Brennen ziemlich unerträglich. Fanny wechselte das Bein.
Und dann noch das mit ihren Eltern. Sie hatte sich zum ersten Mal in ihrem Leben so richtig geschlagen gefühlt. Niedergerungen. Besiegt. Hatte alles über den Haufen geworfen. Aus ihrem prall gefüllten Leben einfach die Luft herausgelassen. Und vor allem: Sie hatte sich von Ben getrennt. Bei dem Gedanken an seine braunen ehrlichen Augen, wurde ihr heiß. Ihr Herz begann zu rasen. Nicht schon wieder, dachte sie erschöpft und versuchte sich voll und ganz auf ihren Atem zu konzentrieren. Darauf, wie ihr Brustkorb sich gleichmäßig hob und senkte. Fanny ließ die Arme fallen und schüttelte ihren Körper förmlich aus. Ihr Herzschlag verlangsamte sich allmählich wieder. Sie wurde besser darin, die Attacken abzuwehren. Aber vielleicht war es auch nur die frische Luft. Eine Weile ließ sie sich kopfüber hängen, ihre Arme baumelten wie Strippen herunter. Sämtliche Spannung schien aus ihren Muskeln gewichen. Wie eine Marionette, deren Fäden gerissen waren.
Während sie sich schließlich ziehharmonikaartig wieder aufrollte, fiel ihr Blick auf das trübe Wasser, das in sanften Bewegungen an den Steg plätscherte. Irgendetwas trieb auf sie zu. Etwas Großes. Fanny beugte sich vorsichtig vor, und hielt sich dabei mit der rechten Hand am Steg fest. Der Gegenstand drehte sich langsam. Sie lehnte sich hinunter, um besser erkennen zu können, was da im Sund schwamm. Und plötzlich sah sie in ein paar leere Augen.



1


Dass die Welt weit ist, sagt man so; die Welt ist nicht geräumiger als die Köpfe, die sie in sich fassen, und die Köpfe sind zumeist enge Nester für selbstbehaglich schmorende Gedanken.
Ernst Barlach


»Ernsthaft?« Lars sah sie vorwurfsvoll an.
»Also echt mal. Da kann ich doch nichts dafür, dass ich eine Leiche gefunden habe!«, rief sie außer Atem. Ihr Puls hatte sich immer noch nicht wieder beruhigt von dem Schreck. Man sollte meinen, sie hätte sich in all den Jahren als Kriegsreporterin an den Anblick von toten Menschen gewöhnt. Aber es war eben was anderes, wenn man nicht damit rechnete.
Lars wandte sich ab, marschierte los und murmelte etwas. Fanny verstand so viel wie »immer«, »Probleme« und »dir«.
»Bruderherz«, rief sie und bemühte sich, ihm zu folgen, »das ist noch eine ganz junge Frau, oder?« Die Polizisten hatten eine Art Laken über den bleichen, leblosen Körper gelegt. Aber die Augen und das schmale Gesicht hatten sich in Fannys Gedächtnis gebrannt. Große, erschrocken wirkende Augen.
»Also, du hast hier gestanden …« Ihr Bruder kam auf sie zurück.
»Genau. Ich war mitten in meinen Dehnungsübungen, und dann dachte ich auf einmal, was ist das denn da im Wasser? Ich beuge mich vor, und da starrt sie mich förmlich an.« Sie schüttelte sich schaudernd und griff nach Lars’ Hand. »Wie ein Geist oder so«, flüsterte sie.
»Immer noch die alte Dramaqueen, was?« Lars verdrehte die Augen.
»Was passiert denn jetzt?«, fragte Fanny und überging diesen gemeinen Kommentar einfach.
»Wir werden die Ermittlungen aufnehmen. Schauen, ob es Selbstmord war oder ein Unfall …«
»Vielleicht wurde sie auch getötet. Vielleicht wurde sie ermordet.«
»Fanny. Wir sind hier nicht in Bagdad. Oder Afghanistan. Du bist in Stralsund. Also krieg dich mal wieder ein.«
Als Fanny kurze Zeit später, nur äußerlich beruhigt, die Redaktion der Ostsee-Nachrichten betrat, folgten die Augenpaare der fünf Mitarbeiter, die im gläsernen Konferenzraum saßen, jedem ihrer Schritte. Anders als bei der Toten am Morgen, konnte man in diesen Augen jedoch viel Leben sehen: Leben und Menschliches. Misstrauen. Ablehnung. Vielleicht auch Neid. Nur eine ältere Dame lächelte freundlich und kam mit ausgestreckter Hand auf sie zugelaufen. »Frau Wolff, ich bin Brigitte Voigt. Wir hatten telefoniert.«
»Ach ja, genau. Aber nennen Sie mich doch bitte Fanny. Frau Wolff ist meine Mutter.«
»Na dann«, Brigitte Voigt lächelte verschwörerisch, »ich bin die Biggi, und wir fangen hier übrigens schon um halb neun an.«
Fanny schaute auf ihre Armbanduhr. Eine silberne Casio, die Ben gehörte und die sie kurzentschlossen eingesteckt hatte, als sie das letzte Mal in seiner Wohnung war. Es war fast halb zehn. Na das ging ja gut los. Aber wer fing auch halb neun an zu arbeiten? Typisch Lokalredaktion.
»Ist Herr Thiele in seinem Büro?«, fragte sie schnell, auch um von ihrer Verspätung abzulenken. Nichts war ihr so peinlich, wie sich zu verspäten. Mochte das auch mittlerweile ein sozial akzeptiertes Phänomen sein – jeder tat es, selbst alte Leute –, für Fanny war Zuspätkommen auch immer eine Respektlosigkeit. Denn eigentlich verhielt der Sich-Verspätende sich so, als sei seine eigene Zeit kostbarer als die des Wartenden. Das Kreuz an der Sache war nur, dass sie selbst sich ständig verspätete. Auch wenn sie es nie, ja wirklich nie, mit der bösen Absicht tat, die sie anderen unterstellte.
»Natürlich. Mir nach bitte«, befreite Brigitte, Biggi, Voigt sie aus ihrer Verlegenheit.
Das Büro von Lutz Thiele lag ein Stockwerk über dem Redaktionsraum, in dem die auf den ersten Blick mehrheitlich weit über 40-jährigen Redakteure vor ihren Computern saßen. Den berühmt-berüchtigten Lokaljournalismus hatte sie in ihrer Karriere komplett übersprungen. Nun hatte er sie doch eingeholt, ging es Fanny durch den Kopf, während sie Biggi Voigts ausladendem Hinterteil auf einer schmalen, steilen Treppe in den zweiten Stock folgte. Oben angekommen, klopfte die Sekretärin zwei Mal, ganz kurz, so als fürchtete sie, sich an der Tür zu verbrennen, an das dunkle Holz und winkte Fanny dann eifrig heran, als von drinnen ein Grunzen kam. Lutz Thiele blieb sitzen, als sie sein Büro betrat. Fanny versuchte, sich zu erinnern, ob der Mann, mit dem sie das Vorstellungsgespräch geführt hatte, wirklich so ausgesehen hatte wie der Mann am Ende des Zimmers. Sie hatte vergessen, wie bärig er mit seinem grauen Vollbart und der kräftigen Statur wirkte. Wobei sich sein Bauch, den sie immerhin als relativ voluminös in Erinnerung hatte, jetzt wie ein schüchternes Kind hinter dem Schreibtisch versteckte. Thiele nahm seine schmale Lesebrille ab, fuhr sich über die hohe Stirn – auf der es aussah, als seien seine Haare von ihrem Ursprungsort in Richtung Hinterkopf geflüchtet – und zeigte mit der Hand auf den Stuhl, der vor seinem Tisch stand. »Frau Wolff! Setzen Sie sich doch.«
Ungelenk, wie sie manchmal sein konnte, stolperte Fanny auf diese Aufforderung hin über das Stuhlbein, bevor sie sich erschöpft von der Nervosität, die sie schon den ganzen Morgen im Griff hatte, seufzend in den weichen Stuhl sinken ließ.
»Willkommen«, brummte er.
Fanny hatte schon beim Vorstellungsgespräch festgestellt, dass Lutz Thiele offenbar kein Mann der großen Worte war. Und dieser Gegensatz zu den Chefredakteuren, mit denen sie in der Vergangenheit zusammengearbeitet hatte, hatte ihr gleich gefallen.
»Danke, ich freue mich«, bemühte sie sich schnell zu sagen. Wie immer, wenn sie aufgeregt war, klang ihre Stimme zu schrill und sie wusste nichts anderes mit ihrem Gesicht anzufangen, als debil zu grinsen. Männer verstanden Lächeln als Schwäche. Das hatte ihr Vater ihr eingebläut. Anscheinend nicht gründlich genug, dachte sie und bemühte sich nun, möglichst souverän auszusehen. Souverän wie eine Eidechse, die sich in der Sonne aalte.
»Sind Sie gut in Stralsund angekommen? Wohnung et cetera?«
»Ich habe heute Morgen am Sund eine Leiche gefunden«, platzte sie statt einer Antwort heraus.
»Bitte was?«, fragte er irritiert.
»Ich war auf der Promenade laufen. Meine Wohnung liegt am Hafen und das ist meine morgendliche Joggingstrecke.«
»Was denn für eine Leiche?«
»Eine junge Frau. Die Polizei ermittelt bereits. Ob es Selbstmord oder ein Unfall war. Oder«, sie holte tief Luft, »Mord.« Da waren sie wieder, diese toten Augen. Fanny merkte, wie ihr schwindlig wurde. Nicht jetzt. Sie schaute sich hilflos um. Ablenkung half bei den Attacken. Ein Glas oder eine Tasse in der Hand konnten Wunder wirken. Ihr fielen die prall gefüllten Kühlschränke in ihrer letzten Redaktion ein. Hier hatte man ihr noch nicht mal einen Kaffee angeboten.
»Wer leitet denn die Ermittlungen?«, fragte Lutz Thiele, während er gebannt auf den Bildschirm schaute und begann, auf seiner Tastatur zu tippen.
»Ähm, Lars Wolff.«
»Lars Wolff«, wiederholte Thiele nachdenklich, »Moment. Wolff? Sind Sie beide etwa verwandt?«
»Er ist mein Bruder«, nickte sie zustimmend, »Mein Zwillingsbruder, um genau zu sein.«
Über das Thiele’sche Bärengesicht huschte ein Ausdruck von Überraschung. »Was Sie nicht sagen.«
»Kann man bei Ihnen eigentlich einen Kaffee kriegen?«
»Ausnahmsweise«, sagte er und rief in Richtung Vorzimmer, »Biggi, bring mal Frau Wolff einen Kaffee bitte.« Dann lehnte er sich in Fannys Richtung über den Schreibtisch. »Ab morgen holen Sie sich den alleine, unten steht eine Maschine.«
»Klaro.«
»Jetzt stelle ich Ihnen erst einmal unsere Mannschaft vor, um 9.30 Uhr findet sowieso die Morgenkonferenz statt und alle Mitarbeiter versammeln sich im Konferenzraum. Ich würde sagen, sie lernen heute erst einmal unsere Abläufe kennen. Das ist hier natürlich nicht Die Welt oder Die Zeit, aber Sie werden sich schon eingewöhnen. Obwohl ich immer noch nicht so richtig verstehe, was Sie nach Stralsund zurückzieht.«
»Wie ich schon in unserem ersten Gespräch sagte, Herr Thiele, private Gründe.«
»Gut«, nickte er, »Wie dem auch sei. Wissen Sie, wie lange ich nicht mehr im Urlaub war? Ich freue mich, dass ich endlich eine Stellvertreterin gefunden habe.«
»Und ich freue mich auf die neue Herausforderung«, erwiderte sie prompt, »Neben der regelmäßigen Kolumne, über die wir ja bereits gesprochen haben, würde ich gerne auch ein paar Themenvorschläge für Artikel machen.«
»Kein Problem. Allerdings müssten Sie vor allem erst einmal die Vorschläge von unserem Volo begutachten. Ich möchte, dass Sie ihn ein wenig unter die Fittiche nehmen.«
»Mentoring?«, fragte Fanny gespannt.
»Wenn Sie es so nennen wollen.«, antwortete Thiele mit einer wegwerfenden Handbewegung, »Und dann gilt es, ein Gesprächsforum der OB-Kandidaten im Theater zu organisieren. Aber ich denke, Ihr erstes Thema steht sowieso, oder?«
»Sie meinen die Tote aus dem Sund?«
»Natürlich! Sie haben die Leiche gefunden und Ihr Bruder ermittelt.«
Fanny schaute Lutz Thiele nachdenklich an. Ob das so eine gute Idee war. Lars würde nicht begeistert sein, wenn sie in seinem Fall herumschnüffelte. Andererseits. Sie beide hatten viel zu lange viel zu wenig miteinander zu tun gehabt – es war höchste Zeit, das zu ändern.
Als Fanny mittags aus dem Redaktionsgebäude trat, hatte die Trübheit des Morgens einem dieser strahlenden Sommertage Platz gemacht, an die man sich im Winter dann sehnsüchtig erinnerte. Auf dem alten Markt waren Tische und Sonnenschirme wie riesige Pilze aus dem Boden geschossen und schwarzweiße Kellnerinnen flitzten mit Tabletts voller Gläser und Papierschirmchen umher. Eine Herde Touristen trottete an ihr vorbei, angeführt von einer Frau im Mittelalterkostüm, deren Gesicht so würdevoll war, dass man ihr die Verkleidung fast abnahm. Fanny sah ein wenig zu, wie die Urlauber gespannt zuhörten, was ihnen von den glorreichen Zeiten der Hanse erzählt wurde. Die Stadtführerin sah mit ihrer Haube und dem roten Samtmantel unfassbar lächerlich aus, aber den Touristen schien es zu gefallen. Was man halt so mochte, wenn man nicht zu Hause war.
Fanny wandte sich ab und schaute mit geschlossenen Augen in die Sonne. Schon seit Monaten hatte sie sich nicht mehr so entschleunigt gefühlt wie in diesem Moment. Sie atmete tief durch und als sie die Augen wieder öffnete, bemerkte sie den Blick eines Typen, der nahebei vor dem Goldenen Löwen saß. Er hatte etwas längeres, von der Sonne ausgebleichtes Haar, Typ Ostsee-Surfer, und sah unverschämt gut aus. Sie ließ ihre Augen weiter über den Marktplatz schweifen, als hätte sie ihn gar nicht gesehen und lief dann lächelnd in Richtung Einkaufsstraße.
Natürlich hatte keiner der neuen Kollegen sie gefragt, ob sie mit ihnen mittagessen gehen wollte, aber irgendwie konnte Fanny ihnen das nicht verübeln. So wie Lutz Thiele sie vorgestellt hatte, »nach Stationen bei Weltzeitungen in New York, Hamburg, Berlin und Einsätzen als Kriegsreporterin«, hätte sie sich selbst auch unsympathisch gefunden. Noch dazu war sie mit ihren 34 Jahren jünger als die anderen Redakteure. Allzu deutlich waren die Fragezeichen in deren Gesichtern gewesen: Was will die denn hier? Es würde sicher nicht leicht werden, ihre Herzen zu erobern. Und das nicht nur, weil vorpommerische Köpfe an etwas so Übertriebenes wie eine Eroberung der Herzen nicht glaubten. Vor allem aber war Fanny nicht der Typ Mensch, der Herzen im Sturm eroberte. Dafür wirkte sie, besonders dann, wenn sie sich unsicher fühlte, viel zu überheblich und streberhaft. Und die derzeitige Strukturlosigkeit ihres Alltags verunsicherte Fanny extrem, auch wenn sie wusste, dass Anfänge nun einmal so waren.
Für den Nachmittag hatte sie immerhin einen ersten Termin mit dem Volontär, der vormittags außer Haus gewesen war, und übermorgen wollte Thiele sie in Vorbereitung auf die Berichterstattung zur Wahl des neuen Oberbürgermeisters mit in die Bürgerschaft im Rathaus nehmen. Sie musste daran denken, wie sie in Gaza Führer der Hamas interviewt hatte. Nächtelang hatte sie sich damals vorbereitet und kaum geschlafen. Fanny seufzte. Und nun Stralsunder Kommunalpolitiker. Das konnte auch interessant sein, versuchte sie sich selbst zu motivieren. Korruption gab es schließlich auch in Kleinstädten. Nur das Publikum, das sich für diese Verbrechen interessierte, war eben deutlich kleiner. Und damit auch der Druck. Zumindest für die Schlaflosigkeit, die sich in ihr Leben geschlichen hatte wie ein ungebetener Gast, gab es nun keine guten Gründe mehr. Während sie eigentlich gar nicht richtig hungrig durch die Stralsunder Innenstadt stromerte, beschloss sie kurzerhand, bei ihrem Bruder vorbeizuschauen. Die Polizei saß, wenn sie sich richtig erinnerte, direkt hinter der Jakobikirche und damit ganz in der Nähe. Sie war noch nie auf Lars’ Dienststelle gewesen, aber sie würde sein Büro schon finden.
Fünf Minuten später klopfte sie an die Tür mit dem hellen Plastikschild, auf dem sein Name stand. Ihr Bruder saß mit ernster Miene an seinem Schreibtisch. Durch das Fenster hinter ihm konnte man Seitenschiff und Turm der Jakobikirche sehen, was dem Büro eine düstere Atmosphäre verlieh. Lars saß wie ein mittelalterlicher Stadtfürst davor und sah sowieso gerade aus, als wäre er mindestens hundert Jahre alt. Aber das konnte sie ihm ja schlecht sagen. »Schön hier«, begrüßte sie ihren Bruder stattdessen mit einem Lächeln.
»Fanny. Was willst du denn schon wieder? Noch ’ne Leiche gefunden?«
»Haha.« Sie ging langsam an seinen Tisch heran, auf dem ein Foto von ihm und Katrin stand. Seiner Angetrauten und – nach Fannys fester Überzeugung – dem Grund, warum sie und ihr Bruder sich längst nicht mehr so nahestanden wie früher. »Ich dachte, vielleicht hast du Lust, mit mir mittagessen zu gehen?«
»Ich habe leider absolut keine Zeit. Hier ist die Hölle los«, erwiderte er und wirkte plötzlich ganz unruhig. Wie zur Bestätigung ging die Tür auf, und ein junger Mann rief hinein: »Lars, kommst du zur Besprechung?«
»Bin in zwei Minuten da«, antwortete dieser und sprang auf. Hektisch suchte er seine Unterlagen zusammen. Wobei es da nicht viel zusammenzusuchen gab, denn er hatte alles fein säuberlich aufeinandergestapelt. Fanny beobachtete ihn. Beim Blick auf die Papiere in seinem Arm fiel ihr ein ausgedrucktes Bild ins Auge. Es zeigte eindeutig die junge Frau, die ihr heute Morgen im Wasser entgegengetrieben war. Melanie Schmidt stand darunter in der krakeligen Handschrift ihres Bruders, die außer Fanny nur wenige Menschen entziffern konnten. »Ist es wegen der Leiche von heute Morgen?«
Lars nickte.
»Dann war es wohl wirklich Mord?«, schlussfolgerte Fanny aus der gehetzten Stimmung.
»Wir wissen es noch nicht genau, aber auf jeden Fall stimmt da etwas ganz gehörig nicht.«
»Was denn?«, fragte sie neugierig.
»Du, ich muss jetzt los.« Mit diesen Worten öffnete er die Tür und schob seine Schwester in Stadtfürstenmanier wie einen lästigen Bittsteller aus seinem Büro.
Melanie Schmidt war alles andere als ein seltener Name. Aber als Fanny ihn zusammen mit der Ortsangabe Stralsund bei Facebook eingab, dauerte es nur ein paar Klicks, bis sie die richtige Melanie Schmidt gefunden hatte. Sie erkannte das Gesicht aus dem Profilbild sofort. Die kleine, gerade Nase, die geschwungenen Lippen. Das lange schwarze Haar. Fanny war etwas unheimlich zumute, als sie begann, sich durch die Fotogalerie dieses Mädchens, das nun tot war, zu klicken. Dieses Gruseln rührte vor allem daher, dass deren Gesicht auf einmal lebendig war. Ein Gesicht, ein Körper und ein Leben.
Das Leben von Melanie Schmidt, die anscheinend gerade erst ihren 23. Geburtstag gefeiert hatte, schien eine einzige Party gewesen zu sein. Zumindest wenn man Facebook glaubte, denn dort war sie auf unzähligen Partybildern markiert worden. In der Brauerei. Im Choco-Club. Auf der Garagen-Party im Hotel zur Post. In der Kneipe 8Vorne. Fanny registrierte überrascht, wie viele Möglichkeiten es mittlerweile gab, in Stralsund auszugehen. (Andererseits: Vielleicht hatte es die immer gegeben, nur sie, das spaßbefreite Arbeitstier, hatte davon nichts mitbekommen.) Melanie schien kein introvertierter Mensch gewesen zu sein. Sie schien Gefallen daran gefunden zu haben, sich auf den Fotos zu inszenieren. Manchmal grinste sie, wobei ein kleines Piercing an ihrem Lippenbändchen hervorblitzte. Dann wieder zog sie einen aufreizenden Schmollmund. Und auf einem der Bilder knutschte sie sogar mit einem anderen Mädchen, einer gewissen Janine Bo.
Fanny klickte fasziniert weiter und gelangte nun zu einem Album, das »My Sunshine« hieß. Als sie es öffnete, wurde ihr flau im Magen: Melanie Schmidt hatte anscheinend zwei kleine Kinder gehabt. Alle Bilder waren frei zugänglich. Was ja irgendwie typisch für diese Dschungelcamp-Generation war. Das Bedürfnis, sich zu präsentieren, hatte schon lange alle Ketten der einst so wichtigen Privatsphäre gesprengt. Ein mit »Justin-Schatz« betiteltes Foto zeigte einen etwa fünf Jahre alten Jungen auf dem Spielplatz an der Badeanstalt. Eine Userin namens Manuela Schmidt – Melanies Mutter? – hatte darunter kommentiert: »Fehlt nur noch Chiara-Maus«. Herzchen. Herzchen. Herzchen.
Fanny scrollte weiter. Durch die Facebook-Bilder war es fast so, als wäre Melanie Schmidt noch am Leben. Ein Leben mit zwei Kindern. Justin und Chiara, die nun keine Mutter mehr hatten. Einen Vater, der sich um den Jungen und das Mädchen hätte kümmern können, entdeckte sie auf keinem der Fotos. Nur diese Manuela-Schmidt-Person hatte fast jedes der Bilder kommentiert und schien tatsächlich Melanies Mutter zu sein.
Fanny öffnete ihr Profil in einem neuen Fenster. »Wohnt in Richtenberg« stand da unter dem Foto einer verlebten Mittvierzigerin mit schlecht blondierten Haaren. Fanny scrollte auf der Seite von Manuela Schmidt herunter. An ihrer Pinnwand befanden sich vorwiegend Meldungen, wie erfolgreich sie den neusten Level von Candy-Crush abgeschlossen hatte. Dazwischen Bilder mit sinnstiftenden Zitaten vor pseudomalerischem Hintergrund. Dinge wie »Das Schwere ist nicht, zu verzeihen, sondern wieder zu vertrauen!« (im Hintergrund: See mit Geäst im Abendlicht) oder »Leben heißt … in seiner Seele mehr Träume zu haben, als die Realität zerstören kann« (rote Schnörkelschrift mit Schmetterlingen). Fanny las sich einen Sinnspruch nach dem anderen durch. Ihr Gesicht hatte nun den Ausdruck eines Forschers, der zum ersten Mal den seltenen Käfer mit eigenen Augen sah, von dessen Existenz er bisher nur gehört hatte. Wer dachte sich diese Lebensweisheiten bloß aus? Auf dem letzten Spruchfoto in der Galerie (Hintergrund: Hand mit Vogel im Schatten), »Lerne den zu schätzen, der ohne dich leidet und renne nicht dem hinterher, der auch ohne dich glücklich ist«, hatte Manuela Schmidt ihre Tochter markiert, und es war klar, dass es sich dabei wohl um eine Art mütterlichen Rat handelte. Fanny schüttelte den Kopf. Es war ihr unbegreiflich, wie manche Menschen sich so in der Öffentlichkeit bloßstellen konnten.
Noch unglaublicher war es aber, dass Leute wie sie dann stundenlang in dieser Rohheit der Gedanken herumschnüffelten. Fanny kaute nachdenklich an ihren Fingernägeln. Sie putschte sich jetzt innerlich langsam hoch. Dieser Voyeurismus war ekelhaft. Da man ständig von Reality-TV bestrahlt wurde, hatte man ihn sich angewöhnt und hielt ihn mittlerweile für völlig normal, aber ekelhaft war er trotzdem. Sie als Journalistin rechtfertigte diese Ekelhaftigkeit als notwendige Recherche. Aber das war natürlich Schwachsinn. In Wahrheit war ihr, wie allen, die Privatsphäre eines Menschen nichts mehr wert. Nur ihre eigene kleine Welt, und das war die unerträgliche Doppelmoral, schützte sie mit einer Akribie, die noch krankhafter als ihre Neugierde auf das Leben der anderen war. Fannys Facebook-Seite glich, was die Einstellungen zur Privatsphäre anging, Fort Knox.
»Hallo, sind Sie Frau Wolff?«, riss sie eine Männerstimme aus ihrer stummen Hasstirade gegen sich selbst.
Fanny drehte sich um. Vor ihr stand ein junger Mann. »Hi, du musst der Volo sein?«
»Genau. Ich bin Sokratis.«
Im ersten Moment dachte sie, er machte einen Scherz. Aber als er dann »Antonakis« hinzufügte, verstand sie, dass er wirklich so hieß.
»Sokratis Antonakis?«, fragte die Journalistin trotzdem noch einmal vorsichtshalber nach.
»Nich grade der typische Fischkopp-Name, wat?«, erwiderte er grinsend in breitem Mecklenburgerisch.
Sie schüttelte den Kopf. »Der Name kommt ursprünglich von der Insel Kreta, oder?«, fragte sie mit geheuchelter Unwissenheit.
Sokratis pfiff durch die Zähne.
Sie winkte ab und tat so, als wäre ihr die Anerkennung unangenehm. Aber manchmal war es eben doch gut, dass ihr Vater so ein Wissensfreak war. Auf der ersten Reise nach Kreta, wohin sie dann viele Jahre nacheinander in den Sommerurlaub fuhren, hatte er ihnen diese Besonderheit der griechischen Insel in seinem Professorenton erklärt: Auf Kreta, und nur dort, endete jeder zweite Namen auf -akis. Das kam aus der Zeit der türkischen Besatzung; die Endung bedeutet eine Verniedlichung. Psychologische Kriegsführung. Und so weiter und so fort.
»Nicht schlecht, Frau Wolff«, schob Sokratis noch hinterher, als sie nichts mehr sagte.
»Ach, bitte, nenn mich Fanny. Und jetzt erzähl mal, wie ein Sokratis Antonakis in die Lokalredaktion nach Stralsund kommt.«
»Meine Familie ist direkt nach der Wende hierhergezogen. Ich bin schon in Stralsund geboren. Meinem Vater gehört der Grieche im Hafen«, ratterte er los.
»Ah, Jorgos?«
»Genau«, nickte er, »Anders als mein großer Bruder hatte ich jedoch kein Interesse daran, Kellner oder Koch zu werden. Natürlich bin ich als Journalist jetzt das schwarze Schaf der Familie. Wenigstens habe ich Stralsund nicht verlassen, so wie meine Schwester.«
»Verstehe«, schmunzelte sie.
»Eine Ausbildung zum Koch musste ich aber trotzdem machen, bevor mein Vater mir erlaubt hat, in Greifswald auf Bachelor zu studieren.«
»Einen Bachelor, so, so. Worin?«
»Soziologie.«
»O Gott, dein armer Vater.«
Sokratis lachte und jetzt war Fanny sich endgültig sicher, dass sie beide sehr gut miteinander auskommen würden. Sein Lachen hatte etwas derartig Mitreißendes, Ansteckendes, dass sie sich vorstellen konnte, dass Menschen Geld dafür zahlen würden, nur um Sokratis Antonakis lachen zu sehen. Mit seinen leicht hervorstehenden Augen und dem Grinsen, das von einem Ohr zum anderen reichte, sah er aus wie ein süßer Breitmaulfrosch. Ein bisschen Moritz Bleibtreu. Ein bisschen Heino. »Wie alt bist du denn?«
»Fünfundzwanzig. Und du?«
»O Gott. Ich bin fast zehn Jahre älter als du. Wie unheimlich.«
»Sieht man dir nicht an.« Charmant sein konnte er also auch. »Und, Fanny, was hat dich nach Stralsund verschlagen?«
»Ich bin hier geboren. Aufgewachsen …«
»Und dann als Reporterin in Kriegs- und Krisengebieten gewesen. Ich hab deinen Wikipedia-Eintrag gelesen. Warum wolltest du denn bloß zurück?«
Sie blickte nachdenklich ins Leere. Wenn es dafür doch nur eine einfache Erklärung gäbe. Schließlich entschied sie sich für einen Teil der Wahrheit. »Meine Eltern wollen sich scheiden lassen. Und ich hatte das dringende Bedürfnis, dort zu sein, wo ich mal ein Kind war.«
»Also wir haben den neuen Radweg nach Klausdorf, die Eröffnung der Kaufhalle und die Segelregatta. Mensch, ein wahres Potpourri aus breaking news«, fasste Fanny spöttisch die Themen zusammen, die sie mit Sokratis für seinen Anteil an der nächsten Ausgabe durchgegangen war.
»Aber das ist doch das Schöne am Lokaljournalismus – wir schreiben über das, was die Leute wirklich interessiert. Und über die wenigen Dinge, bei denen das Internet nicht schneller ist.«
»Weil es das Internet nicht wirklich interessiert …« Fanny seufzte. »Du solltest was über die Griechen machen«, sagte sie schließlich, »Die Griechen in Meck-Pomm und was sie über die momentane antideutsche Stimmung in Griechenland denken. Das wäre ein Thema, das wir auch den Rostockern für den Mantel anbieten könnten.« Thiele hatte sie gebeten, ab und zu auch die Redaktion für den überregionalen Teil zu bedienen.
»Gute Idee«, stimmte Sokratis zu und machte sich eine kleine Notiz in seinem schwarzen Block. »Ich fange gleich bei meinem Vater an. Der beschimpft jeden Abend die griechische Nachrichtensprecherin in unserem Fernseher, und er wird sich freuen, wenn es endlich mal jemanden interessiert, was er zu sagen hat.«
Fanny lachte.
»Wenn ich fragen darf, an welchen Themen wirst du arbeiten, Fanny?«, fragte Sokratis.
»Ich habe heute Morgen eine Leiche gefunden. Eine junge Frau, sie hatte zwei Kinder. Und ich glaube, es war Mord.«
»Klingt nach ’ner heißen Story.«
Sie nickte langsam.
Er schaute auf die Uhr. »Schon so spät. Wäre es okay, wenn ich jetzt gehe?«
Fanny drückte kurz auf ihr Handy. Es war gerade einmal sieben. Das war also spät für diese Redaktion.
»Papa?«, sie betrat den dunklen Flur des Hauses, in dem sie aufgewachsen war. Der Geruch hüllte sie in ein Gemisch aus Vertrautheit und sentimentalen Erinnerungen. Schon komisch. Obwohl ihre Mutter ausgezogen war, roch es immer noch nach ihr. Wenn man so lange im selben Haus gelebt hatte, verwuchs man damit. Ein Auszug änderte daran nichts. Wenn es doch mit der Ehe ihrer Eltern nur genauso wäre. Fanny hatte so fest damit gerechnet, dass die beiden zusammen alt werden würden, dass sie sich jetzt fühlte, als gäbe es keine Sicherheit mehr auf der Welt. Worauf konnte man sich im Leben überhaupt noch verlassen, wenn selbst die beiden Menschen, die sie ihr ganzes Leben lang als Einheit gesehen hatte, auseinanderliefen wie kopflose Hühner?
»Muckel, ich bin im Lesezimmer«, klang die Stimme ihres Vaters durch den Flur.
Auch nach all den Jahren gab er diesen ungeliebten Spitznamen nicht auf, den er Fanny einst wegen ihrer Hasenzähne gegeben hatte. Dabei hatten Kieferorthopäden ihr längst ein hollywoodreifes Gebiss verpasst. Aber wie Gerüche und damit verbundene Erinnerungen, hafteten einem manche Dinge ein Leben lang an.
»Na, Papa, was machst du?«, sie betrat das kleine Zimmer mit den hohen Bücherregalen aus dunklem Holz. Eine Bibliothek, designt von ihrem Vater, mit all seinen Schätzen. Alte Bücher, neue Bücher, kluge Bücher, dumme Bücher – in seiner Liebe zum gedruckten Wort war ihr Vater wahllos.
»Ich habe diese alte Ausgabe von Karl Marx und Friedrich Engels wiederentdeckt. Das kommunistische Manifest. Hast du gelesen, oder?«
Sie gähnte. »Nee, Papa.«
»Wie kann man das nicht gelesen haben? Das gehört zur Allgemeinbildung, Fanny.«
»Hast du heute schon was gegessen?«
Er blickte gar nicht von seinem Buch auf. Das kommunistische Manifest. Ausgerechnet.
»Papa?«
»Ja, Stulle mit Brot«, antwortete er widerwillig.
»Mensch, du musst doch was Vernünftiges essen.«
»Mir kocht ja keiner was«, sagte er vorwurfsvoll.
»Ich mache uns jetzt Bratkartoffeln und Würstchen.«
Er nickte zufrieden und war nun schon wieder ganz in sein Manifest vertieft.
»Ich habe heute Lars getroffen.«
»Hm.«
»Mir ist beim Joggen am Sund eine Leiche entgegengeschwommen.«
»Hmm.«
»Und dann habe ich die Leiche genommen und sie mir über die Schulter geworfen und bin mit der Toten durch die Altstadt gelaufen bis zu Lars’ Büro. Zwischendurch war ich noch im Supermarkt einkaufen. War gar nicht so leicht, ans Kühlregal zu kommen, mit so einer herunterbaumelnden Leiche.«
»Hmmm.«
Kein Wunder, dass ihre Mutter ausgezogen war. Dieser Mann lebte nur für seine Bücher. Die Realität interessierte ihn einfach nicht, egal, wie spannend sie war.
Nach einer Weile kam ihr Vater dann doch in die Küche geschlurft. »Hast du deine Mutter schon besucht?«
»Ich fahr am Wochenende hin. Diese Woche muss ich erst mal schauen, wie in der Redaktion alles läuft.«
»Was soll da schon laufen. Es ist doch nur eine Lokalredaktion. Das machst du mit links.«
»Ja, ja …« Sie häufte eine Ladung Bratkartoffeln auf seinen Teller. So wie er sie mochte. Stark gepfeffert. Mit Speck und leicht angebrannt.
»Muckel, ich verstehe deine Entscheidung sowieso nicht. Warum bist du nicht in Berlin geblieben? Nach all diesen Einsätzen, deinen Kriegsreportagen, hattest du doch eine Schlüsselposition in der Redaktion. Alle Türen standen dir offen. Noch ein, zwei Jahre und du wärst Ressortleiterin geworden.«
Fanny verdrehte die Augen. »Hier bin ich stellvertretende Chefredakteurin«, entgegnete sie trotzig. Ihrem Vater zu erklären, dass sie einfach nicht mehr in der Lage war, dieses Hochgeschwindigkeits-Leben zu führen, hätte sowieso nichts gebracht. Er glaubte nicht an psychische Krankheiten. Er glaubte nur an seine Bücher und an Zahlen. Die Studenten, die er an der Fachhochschule in BWL unterrichtete, brauchten ihm auch nicht mit Burn-out oder sonstigen »Sperenzchen«, wie er das nannte, zu kommen. Und die eigene Tochter, diejenige, in der er immer sein Abbild gesehen hat, schon gar nicht. Psychische Krankheiten waren für ihren Vater eine Angelegenheit aus Georg-Büchner-Stücken. Und nur da gehörten sie seiner Meinung nach hin.
»Stellvertretende Chefredakteurin bei der Wald-und-Wiesen-Zeitung. Mensch, Muckel, du hast doch mehr drauf.«
Sie schob ihre Gabel auf dem Teller hin und her. Der Appetit war ihr vergangen.
»Ich mein ja nur«, schob er entschuldigend hinterher und sah sie wie ein Hündchen an.
»Ist schon gut, Papa, ich weiß, dass das nicht in dein Konzept passt. Bei dir müssen immer alle Karriere machen wollen. Außer Mutti natürlich.« Die Spitze konnte sie sich nicht verkneifen.
»Deine Mutter hätte machen können, was sie will. Sie hat sich dafür entschieden, nur halbtags zu arbeiten.«
»Wer hätte sich denn sonst um uns gekümmert? Du warst doch nie da.«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich habe mir schon mit sechs Jahren alleine mein Mittag gekocht.«
»Na, das hast du in der Zwischenzeit dann aber gründlich verlernt! Oder warum ernährst du dich, seit Mama weg ist, nur von Brot und Dosensuppe?«
Er stand bockig auf. »Ich geh jetzt weiterlesen. Und du solltest nach Hause. Schlafen. Damit du morgen fit bist, für deinen anstrengenden Job in der Lokalredaktion.«
Wütend räumte Fanny das dreckige Geschirr ab. Und dann, weil sie ganz genau wusste, dass ihr Vater keine Ahnung hatte, wie der Geschirrspüler funktionierte, ließ sie das Ganze einfach stehen und ging.

Sie steht auf einem Dach. Ein Haus irgendwo in Shuja’iyya, Gaza City. Das pfeifende Zischen der Rakete zerfetzt ihr fast das Trommelfell. Der Rauch brennt in ihren Augen und sie weiß, dass sie sich jetzt schleunigst in Deckung bringen muss. Der Gegenangriff der Israelis wird nicht lange auf sich warten lassen. Im Inneren des Gebäudes ist es dunkel, der Strom ist mal wieder ausgefallen. Und das, obwohl das Hotel über einen eigenen Generator verfügt. Es dauert einen Moment, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Das Treppenhaus hat kleine Luken, durch die das Licht vorbeifahrender Autos einfällt und über die Stufen flattert wie Mückenschwärme. Alle rennen hastig die Treppe runter. Auf der letzten Stufe stolpert der CNN-Kollege. Sie zieht ihn mit sich an die innere Wand des Treppenhauses. An der Eingangstür laufen Menschen vorbei. Vermummte Männer. Aber auch Frauen und Kinder. Ihr Kameramann überlegt, ebenfalls vor die Tür zu gehen, als es zum ersten Mal knallt. Das war die Warnrakete, sie ist irgendwo in einem Gebäude der Nachbarschaft eingeschlagen. Die Leute stürmen aus den Häusern. Schrille Schreie von panischen Frauen wehen zu ihr herüber. Ein Mann brüllt Allahu Akbar. Dann entfernt sich das Stimmengewirr. Ein paar Minuten lang herrscht gespenstische Ruhe. Die Geräusche, die sie jetzt hört, kommen überwiegend aus dem Hotel. Fast hat sie das Gefühl, als höre sie irgendwo Geschirr klappern. Wäscht dort jemand ab?
Sie kommt kaum dazu, diesen Gedanken zu Ende zu führen – wie aus dem Nichts detoniert die Bombe. Kurz danach folgt noch eine Explosion. Die Wände neben ihr beben. Glas splittert. Der Einschlag muss ganz nah gewesen sein. Vielleicht ein, zwei Häuser weiter. Der Rauch kriecht nun auch in ihr Gebäude, und sie und die Kollegen laufen nach draußen. Das Stimmengewirr setzt wieder ein. Irgendwo schreit jemand um Hilfe. Langsam kommt das Heulen der Sirenen näher.
Neben ihnen fällt ein Gebäude wie ein Kartenhaus zusammen. Wie ein Riese, der stolpert und mit einem Donnern zu Boden stürzt.

Über Katharina Höftmann

Biografie

Katharina Höftmann wurde 1984 in Rostock geboren. Sie studierte Psychologie und deutsch-jüdische Geschichte in Berlin und war als Journalistin und PR-Beraterin für die Agentur Scholz & Friends tätig. Im März 2010 wurde sie Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes im Bereich...

Pressestimmen

Freundin

»Die deutsche Autorin Katharina Höftmann hat mit "Erst wenn du tot bist" einen starken Auftakt zur neuen Serie um die junge Ermittlerin geschrieben.«

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