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Erst in der Nacht

Erst in der Nacht

Roman

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Erst in der Nacht — Inhalt

Sie hassen sich, aber sie begehren sich auch: Eine nervöse junge Frau und ein wortkarger, von den Frauen enttäuschter Mann bewohnen eine Zeitlang dasselbe Haus in den Dolomiten –  und umkreisen einander argwöhnisch. Sie reden kaum, und was sie sagen, ist nicht das, was sie fühlen. Sie kommen aus völlig getrennten Welten, doch die Anziehung zwischen ihnen ist stärker als jede Konvention. Nur dauert es lange, bis sie sich ihre Liebe eingestehen können. Sehr lange…

€ 5,99 [D], € 5,99 [A]
Erschienen am 09.05.2011
Übersetzt von: Sigrun Zühlke
256 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95175-3

Leseprobe zu »Erst in der Nacht«

… und baute ein Weib aus der Rippe, die er vom Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, darum dass sie vom Manne genommen ist.
Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seinem Weibe hangen, und sie werden sein ein Fleisch. Und sie waren beide nackt, der Mensch und das Weib, und schämten sich nicht.

 

1. Buch Mose, 2, 22-25

 

 

 

Es gibt ein »So ist es nicht«, durch das sich das »So ist es« offenbart – das ist der Roman.

 

Philip [...]

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… und baute ein Weib aus der Rippe, die er vom Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, darum dass sie vom Manne genommen ist.
Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seinem Weibe hangen, und sie werden sein ein Fleisch. Und sie waren beide nackt, der Mensch und das Weib, und schämten sich nicht.

 

1. Buch Mose, 2, 22-25

 

 

 

Es gibt ein »So ist es nicht«, durch das sich das »So ist es« offenbart – das ist der Roman.

 

Philip Roth, Exit Ghost

 

Die Nacht

 

1.

 

Das Steak brutzelt auf dem Herd, ich lasse besser das Fenster auf. Niedrig hängende Wolken über den Bergen, vor allem über dem Giganten. Sicher regnet es jetzt da, aber morgen müsste es schön werden. Die Deutschen führe ich zum Biwak ganz oben, hoffentlich sind sie so gut, wie sie sagen. Sie müssen nur die erste Wand schaffen, dann fängt der Klettersteig an, und die letzte Kluft ist einfach. Wenn sie nicht so gut sind, erkenne ich das sofort, dann bringe ich sie zurück zur Schlucht, wo sie die Gämsen fotografieren können, und wir machen im Wald ein Picknick.
Es brennt noch immer Licht im oberen Stockwerk, bald macht sie es aus, die geht früher schlafen als ich. Das Kind weckt sie bei Tagesanbruch. Mich stört das nicht, ich bin dann längst auf. Dauernd schiebt sie den Kinderwagen auf dem Wiesenhang vor und zurück und redet mit dem Kind, erzählt ihm alles, was sie machen, als würde er das nicht selbst sehen.
»Wir gehen jetzt zu den Kühen und dann in die Konditorei, Krapfen kaufen, was sagst du dazu?«
Nichts, das Kind sagt nichts. Seine Stimme habe ich noch nie gehört. Nur einmal hat es abends geweint, hat gar nicht mehr aufgehört damit.
Luna hat nicht permanent auf unsere Kinder eingeredet. Sie hat sie zum Spielen nach draußen geschickt, ohne sie ständig zu kontrollieren. Das war gut so, auch wenn Clara sich beim Fahrradfahren mal den Arm gebrochen hat und der dann drei Monate lang in Gips war.Wenn man nie hinfällt, geht man gleich beim ersten Mal drauf, falls es dann doch noch passiert, genau wie im Gebirge.
Scheiße, das Steak ist angebrannt! Na ja, ich esse es trotzdem, habe sowieso keinen Hunger. Heute Abend Steak mit Kartoffeln, die sind alt und müssen verbraucht werden. Luna hat die Pfanne nie heiß genug gemacht.
»Das qualmt.«
Na und? Dann macht man halt das Fenster auf.
»Dann wird es kalt.«
Morgen werfe ich ihre Clogs weg. Ich schaffe alle Sachen aus dem Haus, die sie nicht mitgenommen hat.Töpfe,Tiegel, Döschen.
»Was willst du denn damit? Ein Stück Seife reicht doch.«
Sie hat Cremes gekauft und im Kühlschrank versteckt. Für die Kinder Buntstifte, Federmäppchen, Spielzeug, Kleider.
Ein Paar Schuhe für jede Jahreszeit, das reicht. Mehr braucht man nicht. Wir wollen doch nicht werden wie die Touristen, die im Sommer zum Wandern und im Winter zum Skifahren kommen. Wenn ich sie in die Berge führe, fragen sie als Erstes nach der Hütte, nach dem Rifugio, und was es da zu essen gibt. Sie kaufen dicke Jacken, dabei herrscht eine Affenhitze, und der Gletscher schmilzt jedes Jahr ein Stückchen mehr.
Am Anfang war Luna einverstanden mit mir: Die Kinder gehen mit einer Wolljacke raus, ein Pullover für jedes Kind reicht. Kernseife auch für die Haare.
Morgen werfe ich alles weg. Ich wollte ja nicht heiraten, sie hat darauf bestanden. Ich habe dann eine Weile darüber nachgedacht: Sie lebt in der Stadt, aber sie ist schön, hat Mumm, ist selbstständig, hat studiert. Außerdem hält sie den Mund, wenn sie in die Berge geht. Dann habe ich nachgegeben.Aber ich war ehrlich zu ihr, habe ihr gesagt, wie ich bin, dass ich keine Ahnung von Frauen habe, dass meine Mutter uns als Kinder bei meinemVater gelassen hat und mit einem Amerikaner abgehauen ist und dass ich sie nie wieder gesehen habe. Ich weiß, dass sie ihn geheiratet und in Amerika noch mehr Kinder bekommen hat, das hat uns mein Vater eines Tages erzählt.

 

Wir fahren mit der Pistenraupe vom Rifugio ins Tal hinunter zur Schule. Draußen kann man den Himmel nicht vom Schnee unterscheiden, wenn es schneit oder stürmt, sieht man nicht mal mehr die Bäume. Einmal wäre Albert beinahe mit dem Schlitten gegen einen gefahren.Wie einVerrückter ist er nach unten gerast, ich sehe ihm nach.
Der ist wohl lebensmüde.
Die Mutter hatte es ihm nie erlaubt, aus dem Fenster hat sie ihm nachgerufen, er soll langsam fahren, weil sie Angst hatte. Jetzt ist sie nicht mehr da und die Angst auch nicht, und Albert wird gegen den Baum knallen.
MeinVater fährt schweigend, wie jeden Morgen, plötzlich sagt er: »Eure Mutter hat wieder geheiratet und noch mehr Kinder bekommen.Wenn man euch im Dorf fragt oder euch damit aufzieht, sagt ihr: ›Wir sind die Kinder unseres Vaters und der Schneekönigin.‹«
»Wer ist das?«
Stefan ist noch klein und stellt zu viele Fragen. MeinVater ist geduldig, ich habe ihn niemals die Nerven verlieren gesehen, bis auf das eine Mal, aber ich weiß nicht, ob ich das geträumt habe oder ob es wirklich passiert ist.
Mein Vater antwortet Stefan: »Sie ist die Königin des Schnees, sie wohnt in den Gletscherspalten.Wenn ein Mann einsam ist, taut sie auf und macht ein Kind mit ihm, und dann kehrt sie ins Eis zurück.« Luna war meine Schneekönigin, doch jetzt ist sie weg, wie meine Mutter. Nur, dass sie die Kinder mitgenommen hat.
Ohne sie kann ich besser arbeiten, ein kleiner Schwatz mit den Kunden, während wir aufsteigen. Sie wollen Geschichten von Unglücksfällen im Gebirge hören und wo man am besten isst.Abends kann ich die Stille zu Hause genießen, niemand stellt Fragen, ich muss Luna nicht zuhören, die mir den Dorfklatsch berichtet, kein Kinderlärm. Die Kinder kommen immer am Monatsende. Dann lasse ich die Koffer verschwinden, die Luna ihnen gepackt hat, hole die Bergschuhe hervor, die Wolljacken und die gebrauchten Hosen. Solange sie hier sind, gibt’s nichts anderes. Clara gehorcht. Simon ist faul und hasst das Wandern, aber bei mir gibt’s keine Widerworte.

 

Am Ende hat Luna jeden Tag irgendetwas Neues gekauft, einen Topf, Teller und Tischtücher. Dabei hatten wir nie Besuch zum Essen.
In den ersten Jahren dagegen war sie strenger als ich: Bioprodukte zum Essen, keine Haushaltshilfe, sie fährt jeden Morgen in die Stadt zum Unterrichten, auf dem Weg bringt sie die Kinder in den Hort, kommt zurück, macht sauber, kocht, früh ins Bett, wir lieben uns. Oft und gut. Sie ist zufrieden, schläft sofort ein, ihre muskulösen Beine legen sich fest wie eine Zange um meine. Manchmal mache ich nachts das Licht an und betrachte ihre großen Brüste. Wenn wir miteinander schlafen, tue ich das nicht, ich habe Angst, dass ich sofort komme, wenn ich sie anfasse. Zwei perfekte runde Berge mit vorstehender, rosa Spitze. Unsere Kinder suchen sie mit geschlossenen Augen, saugen sich zitternd daran fest, trinken, schlafen mit roten Wangen ein, nachdem sie sie geleert haben. Ich habe mir vorgestellt, wie ich sie ihnen plötzlich wegnehme und dann beobachte, wie sie weinen.
Eines Abends sagt sie zu mir: »Nie fasst du meinen Busen an, wenn wir miteinander schlafen.«
»Gefällt dir das nicht?«
»Das habe ich nicht gesagt. Ich habe nur bemerkt, dass du es nicht tust.«
»Ist das ein Problem?«
»Mit dir kann man nicht reden, Manfred.«
»Über manche Dinge redet man nicht, man tut sie und basta.«
Nachts streiche ich mit dem Finger über eine Brustwarze. Sie schläft tief, sie arbeitet viel.

 

Das Steak ist nicht gut, ich habe es zu lange gebraten. Ich muss mir eine Frau suchen, die ich bumsen kann. Die vom Laden, die keinen Mann hat. Sie ist hässlich, aber sie hat große Titten, und sie tut’s. Das hat Karl mir erzählt, sie haben es im Sägewerk getrieben, und er hat die elektrische Säge angelassen, damit sie keiner hören konnte. Ins Haus lasse ich die aber nicht, hier kommt mir keine Frau mehr rein.
Na ja, aber Kinder hätte ich schon gewollt. Es ist so ausgegangen, wie es ausgehen musste, wie das Märchen, das mein Vater uns erzählt hat. Ich habe nie gesehen, dass es ihm schlecht ging, weil er keine Frau hatte. Bis auf das eine Mal.
Ein eisenharter Mann, er hat uns allein großgezogen und jedem was gegeben: mir das Haus im Dorf,Albert das Rifugio und Stefan den Skiverleih. Und er lebt jetzt in einer Wohnung in der Stadt.Wer hätte das gedacht? Dreißig Jahre allein mit drei Kindern die Hütte bewirtschaften, und jetzt stellt er die Geschirrspülmaschine an und findet, dass der Fortschritt gar nicht so übel ist. Stefan sagt, er hat eine Frau dort, darum lebt er in der Stadt, aber keiner von uns weiß, wer sie ist. Sonntag war ich bei ihm zu Besuch.
Seit zehn Minuten sitzen wir schweigend da, ich habe ein Bier in den Händen. Seine Hände, dick und schwielig von der Arbeit in der Kälte, ruhen auf dem Küchentisch wie zwei leere Nussschalen. Meine werden auch so.
Er fragt mich: »Wie geht’s?«
»Gut, und dir?«
»Gut.«
»Fehlt dir deine Frau?«
»Nein. Dir hat sie ja auch nicht gefehlt.«
»Ich hatte euch.«
»Simon und Clara kommen Ende des Monats.«
»Frauen können keine Kinder großziehen.«
»Aber trotzdem sind’s immer sie, die das tun.«
»Männer glauben, das sei Frauenarbeit, aber sie haben keine Ahnung. Ich habe euch alleine großgezogen, und ich weiß, wovon ich rede. Frauen lieben ihre Kinder nicht.«
»Alle behaupten das Gegenteil.«
»Weil sie es nicht besser wissen. Dein Bruder Albert, wie läuft es mit seiner Frau auf der Hütte, ist sie noch nicht weggegangen?«
»Nein, Bianca gefällt es da oben.«
»Na, wir werden sehen.«

 

Bianca ist stark, aber Papa hat recht, wer weiß, wie lange sie noch durchhält. Albert sagt, sie ist zufrieden. Verlass dich nicht drauf, Bruder, ich weiß, wie das mit dem Glücklichsein der Frauen ist. Nicht darauf muss man achten, sondern auf ihre Stimmung.Wenn sie unruhig werden, ständig unterwegs sind, ist das nicht gut, oder wenn sie Dinge kaufen, die sie schon haben, wenig schlafen, morgens stumm vor dem Fenster stehen. Auch wenn sie zu pingelig sind und auf einmal über alles reden wollen.
In den ersten Ehejahren bin ich mir ihrer sicher. Sie fragt nicht, warum ich ihren Busen nicht anfasse, wenn wir miteinander schlafen. Nachts stoße ich sie kraftvoll und ruhig, ich halte lange durch, ich weiß, wie ich es machen muss. Ihre braunen Augen werden dann grün, und sie sieht wie ein kleines Mädchen aus. Mädchen und Frau zugleich, und ich komme.
In den letzten Jahren aber ist sie entweder zu glücklich oder schlagartig traurig, und wenn sie aufwacht, schaut sie schweigend aus dem Fenster, redet über alles, und keine Erklärung genügt ihr. Also lasse sie ich sie abends was trinken, aber es ist nicht mehr wie früher. Das Mädchen mit den grünen Augen ist verschwunden, und die Frau, die ich geheiratet habe, interessiert mich nicht mehr. Doch ich hätte sie nie mit den Kindern alleine gelassen. Sie ist weggegangen, sie hat es von allein begriffen.
Morgen gebe ich Bernardo die Kartoffeln für die Schweine, die schmecken ekelhaft.
Ich wollte die Wohnung nicht an diese Frau vermieten. Aber die Agentur hat gesagt, im Juli hätte sonst niemand gebucht. Luna hat sie eingerichtet, nachdem der Tischler gestorben ist, der darin wohnte.
»Dann können wir sie an Touristen vermieten und verdienen etwas Geld.«
»Wenn wir sie jemandem aus dem Dorf geben, haben wir weniger Ärger.«
»Es macht mir aber Spaß, sie herzurichten.«
»Damit du all die Dinge kaufen kannst, die hier nicht mehr reinpassen.«
»Das kann dir doch egal sein, wenn es mir Spaß macht.«
Wir haben sie vermietet, wir hatten mehr Geld, und es hat doch nichts genützt. Ich betrete nie dieWohnung. Die Agentur sorgt dafür, dass sauber gemacht wird, kümmert sich um die Touristen, überweist mir das Geld. Es ist das erste Mal, dass sie an eine allein reisende Frau vermietet wird, aber das geht mich nichts an. Sie ist oben, ich unten, einen Monat lang.
Die Geschirrspülmaschine habe ich jetzt nicht mehr angeschaltet. Ich gehe früh ins Bett, morgen bringe ich die beiden Kunden zur Hütte und rede ein bisschen mit Albert und Bianca.
Heute Abend schlafe ich auf der linken Seite, wenn man die Seiten immer wechselt, fühlt man sich nicht allein.

 

2.

 

Schwarze Berge, ein Himmel ohne Sterne, Stille, Blätter rascheln, ferneVogelschreie. Das letzte Haus im Ort. Fast wie im Mittelalter, stünde da unten nicht das Auto des Vermieters. Ich lasse die Gardine wieder vor das Fenster fallen.
Wenn das Kind heute Nacht fünf oder sechs Stunden schläft, bin ich gerettet. Morgen bringe ich ihn früh nach draußen, auf die Wiese, wo die Kühe weiden, sie lenken ihn ab, auch wenn sie ihm Angst machen. Draußen ist es kalt, die spitzen Gipfel umschließen das Tal, noch verdecken sie die Sonne. Er lässt Spielzeugautos durch das Gras rollen, brumm, brumm, brumm. In den Momenten, in denen er stillsitzt, betrachte ich die rosa Berge, die noch im Schatten liegen, warte auf die Sonne, damit sie uns wärmt. Sieben Uhr morgens, und wir sind schon draußen.
Morgen ziehe ich ihm das Wolljäckchen und die rote Mütze an, die ich auf dem Markt im Dorf gekauft habe. Er darf sich nicht erkälten, sonst schläft er nicht.Wenn er Fieber bekommt, werde ich das allein nicht schaffen, in diesem Haus weit weg von allem, ohne Mario, ohne meine Mutter, ohne alle. Noch atmet er ganz normal, seine Nase ist nicht verstopft.Wenn er nur fünf oder sechs Stunden hintereinander schlafen würde, auch nur vier, das würde schon reichen. Das Radio habe ich umsonst mitgenommen, die Wohnung ist zu klein, in dieser Stille höre ich sogar, wenn er sich im Bett umdreht.
In der Küche muss ich mich ganz leise bewegen, aber ich habe sowieso keinen Hunger, nur eine uralte Müdigkeit, die ich in mir trage, seit sie ihn mir im Krankenhaus in die Arme gelegt haben, faltig wie ein alter Mann, beschmiert mit meinem Blut.

 

Unmittelbar nachdem er aus mir heraus ist, schaue ich ihn an und denke: Das schaffe ich nie.
Die Krankenschwester tadelt mich sofort.
»Nicht so drücken, wollen Sie ihn denn ersticken?«
Wie kommst du darauf, dass eine Mutter ihr neugeborenes Kind ersticken will? Sie ist die Erste, die mich tadelt, dann der Kinderarzt, meine Mutter und Mario. In den ersten Tagen will ich meine Mutter bei mir haben, obwohl ich weinen muss wie ein Kind, als sie in der Klinik ankommt.
»Warum weinst du denn, bist du nicht glücklich?«
Immer dieses Gerede vom Glücklichsein, ich habe einen Felsblock, da wo das Herz sitzt.
Das schaffe ich nie, ich kann es gar nicht schaffen.
Meiner Mutter habe ich es nicht gesagt, obwohl ich ihr vertraut habe. Bis zu der Geschichte mit der Milch.
Ich habe keine Milch, sie kommt nicht. Ich bin keine Kuh.Vielleicht gefallen sie ihm deshalb jetzt so sehr, die prallen Zitzen faszinieren ihn. Meine sind dick, hart wie Stein, aber Milch kommt nur tröpfchenweise. Ein schlechter Scherz, ein Witz. Die Mutter neben mir wacht jeden Morgen mit einem von der Milch durchnässten Nachthemd auf.
»Ich habe so viel Milch! Wie soll ich jemals vor die Tür gehen, ohne dass sie heraustropft?«
Die Krankenschwester wirft mir einen Blick zu: »Muttermilch ist ein Segen für das Kind.«
Bei Tagesanbruch bringen sie uns die Kinder mit dem Rollwagen, ich höre die Räder im Flur. Lieber Gott, lass ihn heute Morgen saugen! So stark, dass die Milch wie aus einem Brunnen aus meinen nutzlosen Brüsten heraussprudelt.
Sie brennen, ein ziehender Schmerz, als hätte man zwei Steine hineingesteckt. Die Krankenschwester legt das Kind in meine Arme, lässt mir keine Zeit, es anzuschauen. Sie rüttelt es, gibt ihm Klapse.
»Er muss aufwachen, er muss trinken.«
Mach die Augen auf, dann hört sie auf, dich zu quälen!
Die Frau nimmt meine Brustwarze zwischen die Finger, bewegt sie wie ein Fähnchen vor den verschlossenen Lippen. Er zieht eine Grimasse, er will sie nicht, er mag den Geruch nicht. Sie steckt sie ihm in den Mund. Die Brustwarze ist losgelöst von mir, wie eine Prothese.
Nimm sie, saug wenigstens ein bisschen, dann geht diese Frau endlich weg und lässt uns in Frieden.
Am liebsten möchte ich mit ihm zusammen für immer schlafen.
Trink nicht, wenn du nicht willst, komm wieder herein, in die Stille und die Ruhe, nimm mich mit.
Jetzt saugt er schwach, widerwillig an der deformierten Brustwarze. Endlich sind wir allein, ich und die Frau mit der Brust voller Milch. Sie unterhält sich am Telefon mit ihrer Mutter, erzählt, wie sehr er gewachsen ist, wie viel er getrunken hat. Ihrer trinkt ordentlich. Meiner schläft sofort wieder ein. Für diese Frau ist das alles selbstverständlich: stillen, schlafen, essen. Wie ein Tier. Meine Mutter würde dazu sagen: »Das ist der Mutterinstinkt, jede Frau hat ihn.«
Und ich? Heimlich beobachte ich jede ihrer Bewegungen, wie sie das Kind erst an die eine, dann an die andere Brust legt, wie sie sich die Brustwarze abtrocknet und den Büstenhalter schließt, wie sie das Kind für das Bäuerchen über die Schulter legt und mit ihm spricht.
»Jetzt hast du dich aber lange genug vollgestopft, am Ende kriegst du noch Bauchweh und schreist.«
Ganz einfach.Wer bin ich? Die aus dem Mund gerutschte Brustwarze liegt wie Strandgut da, ein Korken, ein ekeliges Tier auf der Wange meines schlafenden Kindes. Ihrer hat schwarze Haare, meiner ist kahl. Meine Mutter fand das in Ordnung. »Neugeborene dürfen keine Haare haben, wenn sie schön sein sollen. Er ist genau wie du, als du klein warst.«
Also ist kein großesVerdienst dabei.
Die Milch kommt, man muss nur dran glauben. Man muss an die Milch glauben, vielleicht glaube ich nicht fest genug daran, deshalb kommt sie nicht.
Meine Mutter redet mir gut zu: »Sie wird schon kommen, mach dir keine Sorgen. Ich hatte keinen einzigen Tropfen, aber dir wird es besser ergehen.«
Abends spreche ich mein Gebet.
Lieber Gott, lass mich morgen früh in Milch schwimmend aufwachen, das Nachthemd an die Brust geklebt, wie bei der Bettnachbarin. Hektoliter dieses zuckrigen Serums, das ich auf einer Fingerspitze gekostet habe. Es genügt, wenn morgen früh der Schwall kommt, Milch genug, um alle zu ertränken, um meine Mutter neidisch zu machen, die selbst keine hatte, um dieser fiesen Hexe von einer Krankenschwester, die mich verächtlich ansieht, den Mund zu füllen. Überall Milch, das Bett durchnässt, das Kind mit vollem Mund, die Waage, die sich überschlägt, die Windeln prallvoll mit wunderbarer gelber Scheiße. Alle Mütter beriechen sie hochzufrieden, auch meine Mutter würde das gerne tun, aber meiner macht wenig, weil ich nicht genug Milch habe.
Die Krankenschwester sagt zu meiner Mutter: »Wir werden ihm Zusatznahrung geben.«
Und meine Mutter meint zu mir: »Mach dir keine Sorgen, wir nehmen ihn mit nach Hause und machen es auf unsere Weise.«
Auf ihre Weise.
»Du musst gelassen bleiben, sonst kommt die Milch nicht.«
Daran glauben und gelassen bleiben. Aber ich schlafe nie, nicht mal eine Stunde.
»Genieße das Krankenhaus, denn wenn du erst mal zu Hause bist …«
Was wird zu Hause passieren? Ich male es mir aus und kann nicht einschlafen.
Das schaffe ich niemals.
Nachts stehe ich auf und gehe das Kind anschauen, die Naht des Dammschnitts schmerzt, aber ich muss mit ihm allein sein. Er schläft friedlich zwischen den anderen, die schreien, trinken, weinen, leben. Ich habe Angst, dass er meinetwegen dorthin zurückkehrt, wo er hergekommen ist. Darum stehe ich nachts auf, um sicherzugehen, dass er sich nicht aus dem Staub macht.
»Nicht schlafen, bleib wach.«
Die Nachtschwester ist weniger fies als die andere.
»Er ist klein geboren, es braucht ein wenig Zeit, bis er seinen Rhythmus findet.«
Wir finden den Rhythmus nicht, weder er noch ich. Er sieht aus wie ein müder alter Mann, von der Nase sieht man nur die kleinen Löcher. Er hat Marios Hände.Wem sieht er ähnlich? Sofort, kaum dass er auf der Welt war, wurde schon alles zugeordnet: Hände, Füße,Augen, Nase, Stirn. Ich stecke meinen Zeigefinger in sein geschlossenes Fäustchen, und so bleiben wir, er schläft, ich schaue ihm beim Schlafen zu.
Zu Hause hat meine Mutter eine Wiege besorgt, sie hilft mir. Und in den ersten Tagen kommen meine Schwestern zu Besuch. Sie sagen, ich soll nicht aufgeben wegen der Milch, bei ihnen war es genauso, und dann ist alles in Ordnung gekommen. Meine Mutter drängt mich, zu essen und Bier zu trinken, sie wechselt ihm die Windeln, legt ihn mir in die Arme zum Stillen. Sie setzen sich vor mich hin, sie und Mario und beobachten mich. Ich schiele zur Waage, die nach jedem Stillen das Urteil über mich spricht.Wenige Gramm, die Nadel rührt sich nicht. Manchmal jubele ich: Heute hat er zwanzig Gramm zugenommen. Ich bin so glücklich wie damals, als ich meinen Abschluss gemacht habe und die Prüfungskommission mir gratuliert hat. Dann wieder die Verdammnis.
Er wächst kaum.
In der Küche bereitet Mario das Fläschchen mit der Zusatznahrung, er hat ein paar Tage Urlaub genommen, will mir helfen, wie meine Mutter. Ich höre die beiden flüstern, lasse das Kind in der Wiege, trete näher.
»Ja, mach ein Fläschchen, das ist besser. Sie hat keine Milch, sie ist wie ich. Das habe ich sofort an der Form ihrer Brust gesehen, aber ich habe es ihr nicht gesagt, um sie nicht zu enttäuschen. Dann ist mir eingefallen, dass sie dunkelhaarig ist, die Dunklen haben ja normalerweise mehr Milch, also hatte ich noch Hoffnung.Aber sie hat keine, da ist nichts zu machen.«
Meine älteste Schwester ist blond, aber auch sie war so voller Milch, dass sie welche im Kühlschrank aufbewahrt und ins Krankenhaus gebracht hat, für die Frühchen. Wie erklärst du dir das, Mama, die doch sonst alles weiß?
Am liebsten möchte ihnen sagen: »Nehmt euch das Kind, und gebt ihm das Fläschchen. Ab morgen schlucke ich Tabletten, damit die Milch zurückgeht, die es nie gegeben hat, und aus meinem Sexbombenbusen wird endlich die Luft abgelassen.«
Mario meint zu meiner Mutter: »Sie soll es noch einmal versuchen, die Bindung an das Kind ist doch wichtig, oder?«
Welche Bindung? Das Kind ist noch in mir, wir sind weit weg, unerreichbar. Die wissen doch überhaupt nichts.

Cristina Comencini

Über Cristina Comencini

Biografie

Cristina Comencini, geboren 1956 in Rom, entstammt einer berühmten Familie. Ihr Vater war der große Regisseur Luigi Comencini, dessen Beruf auch sie ergriff. Sie schreibt neben Drehbüchern auch Romane, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Auf Deutsch erschienen von ihr »Die fehlenden...

Pressestimmen

Nürnberger Zeitung

»(…) psychologisch einfühlsam und spannend inszeniert – ein raffiniertes Machtspiel, getragen von dunklen Begierden, das nach einem tragischen Unfall seinen Höhepunkt erreicht…«

Ruhr Nachrichten

»Einfühlsam geschrieben und äußerst spannend zu lesen.«

Madame

»Erotisch.«

Laviva

»Fesselnd!«

L'espresso

Eine Geschichte über erotische Anziehung und extreme Gefühle, immer balancierend zwischen Kampf und Ekstase.

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