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Erika Mustermann

Erika Mustermann

Roman

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Erika Mustermann — Inhalt

Friederike (Grüne) verabscheut die Piraten: Raubkopierer, Rollenspieler und Einzelgänger, die sich den Teufel um die Umwelt scheren, solange das Netz nur frei bleibt. Also startet sie einen Feldzug gegen die Piratenpartei. Ihr erstes Opfer: Volker Plauschenat, der harmloseste der 15 Berliner Abgeordneten. Aber je tiefer Friederike in dessen Keller nach Leichen buddelt, desto mehr lernt sie das piratische Paralleluniversum schätzen. Und als sie erst ihr Herz an einen dieser Freaks verliert, wird es verdammt schwer, wieder von Bord zu gehen …

Mit »Erika Mustermann« gelingt Robert Löhr zweierlei: ein geschliffenes Portrait von Parlamentariern und Basis in der Hauptstadt der Orientierungslosigkeit. Und der erste Roman über eine Partei, die entweder das langersehnte Update des Systems ist – oder das hellste politische Strohfeuer unserer Zeit.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 14.09.2015
224 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98254-2

Leseprobe zu »Erika Mustermann«

KALTSTART

 

 

Wahltag

Who killed Facebook? war mittlerweile bei 3 460 726 Klicks. Das kam zwar nicht annähernd an Nessun Dorma oder das niesende Pandababy heran, aber für einen deutschen Clip war es dennoch ein beachtlicher Erfolg. Und am Ende des Filmchens der Name des vermeintlichen Urhebers:

written, animated & directed by
Volker Plauschenat

ein Name wie Buttersäure, dessen Uncoolness durch die ach so coolen englischen Credits nur noch hervorgehoben wurde, und dessen Eigentümlichkeit verhindert hatte, dass er aus Friederikes Langzeitgedächtnis [...]

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KALTSTART

 

 

Wahltag

Who killed Facebook? war mittlerweile bei 3 460 726 Klicks. Das kam zwar nicht annähernd an Nessun Dorma oder das niesende Pandababy heran, aber für einen deutschen Clip war es dennoch ein beachtlicher Erfolg. Und am Ende des Filmchens der Name des vermeintlichen Urhebers:

written, animated & directed by
Volker Plauschenat

ein Name wie Buttersäure, dessen Uncoolness durch die ach so coolen englischen Credits nur noch hervorgehoben wurde, und dessen Eigentümlichkeit verhindert hatte, dass er aus Friederikes Langzeitgedächtnis gelöscht worden war.

Volker Plauschenat: Die Stimmung auf Heikes Wahlparty war eh schon ruiniert, das Ergebnis amtlich, die Grünen nur abgeschlagene Dritte, als dieser Name auf der Bauchbinde des Fernsehbilds erschienen war. Einer Reporterin war es gelungen, besagten Plauschenat aus dem Tumult der Piraten-Wahlparty und vor das Mikro zu zerren; Volker Plauschenat (PIRATEN), Listenplatz 14 bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus, überwältigt vom Glück und der Aussicht, künftig Berufspolitiker zu werden. Sowohl er als auch die Reporterin hielten sich ein Ohr zu, um zumindest die Hälfte des Lärms im Ritter Butzke auszublenden, aber ein vernünftiges Gespräch war trotzdem nicht zu führen. Plauschenat musste sich immer wieder dicht zu ihr herabbeugen und mehrmals nachfragen, und antwortete dann doch immer nur »Ja/geil/absolut geil/die etablierten Parteien/was soll ich sagen« in unterschiedlichen Variationen. Sein verschwitztes Kopftuch deutete darauf hin, dass er sich als Freibeuter inszenieren wollte, dazu ein schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck Nerds 22 ever, Kinnbart und blondes Haar, zum – schauder! – Pferdeschwanz gebunden. Volker Plauschenat: Diese fette Version von Guybrush Threepwood hatte heute Friederikes Stammpartei die Wähler geraubt, nachdem er vor ein paar Jahren Friederikes Idee geraubt hatte. Es war zum Kotzen.

Sie wollte heim, ohne sich groß von den anderen zu verabschieden, aber als sie im Halbdunkel von Heikes Schlafzimmer eine falsche Jacke aus dem Jackenberg gefischt hatte und es erst merkte, als sie sie schon angezogen hatte, wurde sie mit einem Mal so müde, dass sie dem Impuls nachgab, sich einfach vornüber aufs Bett fallen zu lassen. Sie sank tiefer und tiefer und war bald komplett von fremder Garderobe zugedeckt. Mit dem unvergleichlichen Geruch von Leder in der Nase schlief sie ein. Die Besitzerin der Jacke, die Friederike nun trug, weckte sie eine Stunde später, indem sie an ihrem Kleidungsstück zerrte; zu Tode erschrocken, dass sich ein Mensch darin befand.

In der U-Bahn westwärts wurde Friederike übel. Sie hatte zu viel Trostbier getrunken. Sie versuchte sich damit abzulenken, dass sie die Namen der Bahnhöfe auf dem Liniennetzplan las, aber schon bald ertappte sie sich bei der unsinnigen Frage, welcher Bahnhof aufgrund seines Namens am besten zum Kotzen geeignet wäre: Pichelsberg, Leberbrücke, Breitenbach. Ihre Wahl fiel schließlich auf den Spittelmarkt. Von dem Moment an konnte sie an nichts anderes mehr denken. Am Spittelmarkt stieg sie aus und erbrach sich in einen Mülleimer.

Die Nacht träumte sie von Gewinn- und Verlustdiagrammen, die gleich Tetris-Balken eckig und siebenfarbig vom Himmel regneten. Am nächsten Morgen sah sie aus wie ein verschütteter chilenischer Bergarbeiter. Zoe fragte sie auf dem Weg zur Kita, weswegen sie so matschig sei, und Friederike erklärte, das läge daran, dass die falsche Partei die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus gewonnen habe. »Nicht die mit der Sonnenblume?«, fragte ihre Tochter, und Friederike antwortete: »Nein, nicht die mit der Sonnenblume, sondern die Piraten. Die Piraten haben in Berlin gewonnen.« Und setzte den Blinker.

Eine Weile fuhren sie schweigend weiter, bis Friederike bei einem flüchtigen Blick in den Rückspiegel sah, dass Zoe bitterlich zu weinen begonnen hatte. Friederike fuhr in die nächste Bushaltebucht.

»Oh Gott, Mäuschen, was ist denn los?« Lange war kein Wort aus Zoe herauszubringen. Irgendwann schluchzte sie: »Ich will aus Berlin weg.«

»Was?«

»Können wir bitte wegfahren?«

»Aber wieso denn?«

»Ich fürchte mich vor Piraten.« Richtig: Friederike hatte vergessen, dass Piraten Zoes kindliches Schreckgespenst waren und dass eine Stadt unter der Herrschaft von Piraten ihr schlimmster Albtraum sein musste. Bis der Bus sie aus der Haltebucht hupte, erläuterte Friederike, dass die Berliner Piraten nur Piraten hießen und keine echten Piraten waren, und dass sie beileibe nicht regieren würden, sondern lediglich 14 oder 15 Oppositionssitze in einem Parlament von 150 bekämen.

Bei den Gewerkschaftssozis im Lehrerzimmer herrschte eitel Schadenfreude über das mittelmäßige Abschneiden von Renate Künast & Co, und Friederike hatte große Mühe, sich davon nicht reizen zu lassen. Die Piraten hatte niemand im Kollegium gewählt, oder zumindest gab es niemand zu, aber Friederike hatte einige ihrer volljährigen Schüler im Verdacht. Sie hätte am liebsten um Handzeichen gebeten, um die Schuldigen ins Gebet zu nehmen. Stattdessen fragte sie unvermittelt, wer von den Schülern das YouTube-Filmchen Who killed Facebook? kannte. Etwa zwei Drittel meldeten sich mit fragenden Gesichtern.

»Das ist meine Idee gewesen«, erklärte sie. »Die Geschichte dazu stammt von mir.«

»Das glauben wir Ihnen nicht«, sagte Jan. Der Rest der Klasse erging sich in spätpubertärem Gekicher, wie immer, wenn Erwachsene vorgeben, sich in der jugendlichen Welt auszukennen. Friederike war zwar nur ein Dutzend Jahre älter, aber sie war immer noch Frau Wolff, und Frau Wolff im Web 2.0, Sry, da hatte sie einfach mal null Credibility. Sie hätte genauso gut sagen können: Ich hab gestern auf meinem Board einen Double Kickflip hingelegt. Das glauben wir Ihnen nicht.

Nachdem Zoe am Abend eingeschlafen war, sah sich Friederike noch einmal auf YouTube Who killed Facebook? in ganzer Länge an, www.youtube.com/watch?v=oJfIVru4Nds. Wie gesagt: 3 460 726 Aufrufe (davon bestimmt zwanzig von ihr), dazu rechts in der Vorschlagleiste englisch, spanisch und dänisch untertitelte Versionen sowie unzählige Bearbeitungen und Rip-offs. Zugegeben, die simple Flash-Animation des Filmchens war charmant, die Personifikationen der Websites waren gelungen – Google mit Detektivmütze und Pfeife, Bing mit Bowler –, und das Timing stimmte.

Written, animated & directed by Volker Piratenarsch Plauschenat, von wegen: Die Geschichte stammte von ihr. Vor vier Jahren hatten sie und David ein Essen für Freunde gegeben, und im Laufe des Abends hatte man herumgeflachst, und Friederike hatte aus dem Stegreif diesen Plot erfunden, Google als Detektiv, und alle Anwesenden hatten ihn mit Zwischenrufen ergänzt. Ihre Freundin Elfrun fand das Ergebnis großartig und wollte es partout in ihrem Weblog unterbringen, sodass Friederike den Kurzkrimi für sie niederschrieb. Inzwischen war Elfruns Blog längst wieder eingestellt.

Prominente Websites sind die Helden einer Hardboiled-Detective-Story; es gilt, den Mord an Facebook aufzuklären. Zwei Suchmaschinen [Nomen est omen] machen sich also auf die Suche nach dem Täter; das ungleiche Duo Google und Bing steigt hinab in die Halbwelt des WWW. Twitter ist ihr Informant, Dr. Wikipedia ihr Archiv und Picasa hat die Fotos gemacht. Die Suchmaschinen verdächtigen erst eBay, dann Amazon, aber den wahren Mörder finden sie in der Gosse: Myspace, natürlich, der nie darüber hinweggekommen ist, dass nach und nach all seine Klienten zu Facebook übergelaufen sind.

Die Geschichte war dämlich, sicherlich, aber es war ihre Geschichte gewesen. Dieser Volker Plauschenat musste sie in Elfruns Blog gelesen haben und dann mit der seiner Sippschaft eigenen Verachtung fürs Urheberrecht geklaut und mit geringen Änderungen – den englischen Titel hatte er sich ausgedacht (ihr Titel war Der Facebook-Mörder gewesen) und Picasa durch Flickr ersetzt – ins Netz gestellt.

Nicht dass ihr durch den Diebstahl geistigen Eigentums ein großer Verdienst durch die Lappen gegangen wäre oder dass sie besonders scharf auf YouTube Fame war, aber trotzdem: Er hätte die wahre Urheberin dieser Geschichte kontaktieren oder nennen müssen, anstatt sich als alleiniges Mastermind dieses Films in Szene zu setzen.

Alle Kommentare (376) Alle Anzeigen

@CaptnBlood fick dihc und deine mutter

qwertzuiop990 vor 3 Minuten

go Volker go Volker piratensender powerplay 4ever . Andere parteien betrachten politik als einen karton den man mit verschiedenen inhalten füllt . Wir wollen aber den ganzen karton ändern .

Cookiemonster171 vor 44 Minuten 2 C

@qwertzuiop990 Nazi?!? Was geht? Wer keine Ahnung hat: einfach mal die FRESSE halten^^

CaptnBlood vor 2 Tagen

@CaptnBlood du bist wahrscehinlich einer vondenen nazi

qwertzuiop990 vor 2 Tagen

Gott, die Rechtschreibung. Die Zeichensetzung. Und dass jeder Thread immer, aber auch wirklich immer in Beleidigungen enden musste.

I ª Bing ! But you forgot poor Yahoo !!!!!!!! Visit my channel Greetz from beautiful Torino

M!ne$weeper vor 4 Tagen

@qwertzuiop990 ??? WAS haben denn bitte die Piraten mit der DDR oder der RAF zu tun? Da hast du ja wohl einiges nicht begriffen oder du wolltest einfach nur dusslig quatschen. Die Piratenpartei ist alles andere als stalinistisch (freie Meinungsäußerung!!!) oder linksextrem, schau mal dir mal bitte das Parteiprogramm an. Ich weiß echt nicht, welchen der beiden Vergleiche ich dämlicher finde.

CaptnBlood vor 6 Tagen

piratenpartei = die neue raf 2011 wer die wählt hat vergessen wie ddr war

qwertzuiop990 vor 6 Tagen

Sie ärgerte sich über Plauschenats Plagiat und noch mehr darüber, dass sie sich so darüber ärgerte. Sie googelte Volker Plauschenat, um sicherzugehen, dass es wirklich nur den einen Volker Plauschenat gab und sie nicht den falschen hasste, aber weshalb sollte so ein Name gleich zweimal vergeben worden sein; schlimm genug, dass es einmal geschehen war.

Flashback in die zahllosen Samstagvormittage, an denen sie Wahlkampfdienst am Infostand der Grünen am Kaiser-Wilhelm-Platz übernommen hatte, Luftballons und Aufkleber und Sonnenblumensamen verteilend, während Zoe entweder bei David oder bei ihrem Opa war. Rechts und links vom Infostand, etwa zehn Meter entfernt, standen Mülleimer. Für jene Passanten, die sich überrumpeln ließen und die angebotenen Flyer und die Stachligen Argumente annahmen, war die Lage dieser Mülleimer perfekt, denn die Strecke genügte vollkommen für den kurzen Blick auf das Parteilogo und die Überschriften und die Entscheidung, die Unterlagen in die orangene Urne der Stadtreinigung zu geben. Wenn Friederike endlich einmal mit einem Bürger ins Gespräch kam, dann war es in den seltensten Fällen ein Nicht- oder Wechselwähler, den sie zu überzeugen versuchen konnte, sondern vielmehr ein Anhänger einer anderen politischen Ausrichtung, der sie überzeugen wollte: ADAC-Mitglieder zum Ausbau der A100, Stromlückenparanoiker zur Atomkraft und natürlich Rentner aller Arten zur Ausländerpolitik. Unter den Senioren der umliegenden Pflegeheime hatte sich offenbar herumgesprochen, dass da an der Straßenecke junge Leute standen, die einem zuhören mussten.

Hin und wieder kam ein Briefwähler lächelnd des Weges und lehnte Gespräch und Flyer dankend mit »Ich hab euch schon gewählt« ab; für diese Menschen war ihr Dienst nun vollkommen müßig, aber immerhin war es für den Moment ein schönes Gefühl. Und die Kinder freuten sich über die Luftballons, zumindest dann, wenn sie mit Helium und nicht mit Luft gefüllt waren. Wenn Friederikes Samstagvormittage den Grünen zehn zusätzliche Stimmen beschert hatten, war das schon optimistisch geschätzt.

Listenplatz 14 Volker Plauschenat hingegen hatte im Wahlkampf den Ball offensichtlich flach gehalten. In den Nachrichten war sein Name vor Sonntagabend selten aufgetaucht, Fotos gab es wenige. Auf seinem Blog bedankte sich Volker Plauschenat artig bei den Wählern. Das Titelbild dieses Blogs zeigte ihn auf der Aussichtsplattform des Funkturms an einem schönen Herbsttag, der augenscheinlich zu hell und zu windig war, um, wie er, ohne Sonnenbrille respektive ohne Haarband zu sein. Unter dem grinsenden Plauschenat breitete sich Charlottenburg aus, und der Name des Blogs war – zugegeben, nicht unwitzig – Volker schaut auf diese Stadt. Damit hörte der Spaß aber auch schon wieder auf:

by thorovan@googlemail.com (Volker Plauschenat) on 19. September 2011 09:21 PM

Ahoi noch mal,

der Groschen fällt bekanntlich pfennigweise! Langsam wird mir bewusst, auf was ich mich da eingelassen habe – RTFM! Immerhin ist Abgeordneter ja ein Fulltime-Job, zumindest wenn man ihn so macht, wie man ihn machen sollte (und wie wir PIRATEN das verstehen).

Aber was wird aus meiner App-Firma, wenn ich für fünf Jahre in See steche und den Politischen Ozean unsicher mache?! Stellt meine süße kleine Firma eine Kerze ins Fenster und betet für meine sichere Rückkehr? Na, wir werden das Schiff schon schaukeln …

Es war zum Aus-der-Haut-fahren: Vermutlich hatte Friederike doppelt so viel Zeit und Energie in ihr Ehrenamt gesteckt wie dieser App-Nerd in seine Kandidatur wider Willen – aber jetzt durfte so einer in Berlin Politik machen.

Im Nachbarzimmer schrie Zoe. Friederike rannte zu ihr, nahm sie in den Arm und strich ihr durch die verschwitzten Haare. Zoe hatte von Piraten geträumt. Friederikes Beschwichtigung im Auto hatte offensichtlich nicht gefruchtet.

»Die Piraten sollen weg«, sagte Zoe.

»Ich mach die weg, ich verspreche es dir«, sagte Friederike – und wusste in dem Moment, dass sie es ernst meinte: Sie würde die Freibeuterpartei nach allen Kräften torpedieren oder ihr zumindest ein paar ordentliche Schüsse vor den Bug verpassen. Sie würde ihren bescheidenen Beitrag dazu leisten, dass die Piraten den Grünen nicht auch noch die Bundestagswahl versauten. Und weil sie es unmöglich mit der ganzen Partei aufnehmen konnte, würde sie sich ganz auf Volker Plauschenat konzentrieren. Sie würde ihn über die Planke gehen lassen, kielholen, an der Rah aufknüpfen; hör dir nur zu, jetzt fängst du auch schon mit dieser ganzen nautischen Scheiße an.

Sie legte Zoe eine Plastikpistole unter das Kopfkissen, damit diese sich gegen eventuelle Seeräuber zur Wehr setzen konnte, und hielt ihre Hand, bis sie wieder eingeschlafen war.

Als sie am kommenden Nachmittag mit Zoe über den Hohenzollerndamm fuhr, war es der Fahrer eines Range Rovers, der Friederikes Zorn auf sich zog, weil er wie wild beschleunigte und abbremste, alle fünfzig Meter, ohne zu blinken, auf die vermeintlich schnellere Spur wechselte und sich an jeder nächsten Ampel doch wieder auf gleicher Höhe mit ihr befand. Natürlich hatte er ein Handy am Ohr. Natürlich klebte auf der Kofferraumklappe eine dieser schwarzen Ostseeinselsilhouetten, die aussahen wie missglücktes Bleigießen. Zweifellos war dies einer der letzten Wähler der FDP, die vor zwei Tagen pulverisiert worden war, und genau der Typ Mensch, den Friederike am allerwenigsten ertragen konnte, in genau dem Typ Auto, das die Welt ruinierte. Mit jedem Aufleuchten seiner Bremslichter wurde sie wütender und fragte sich, was für ein Genuss es wohl wäre, dem FDPler an der nächsten Ampel einfach hinten drauf zu fahren, Minderheitenschutz hin oder her.

Es hatte etwas von einem Videospiel, Need for Speed: Berlin-Wilmersdorf. Als er erneut zu einem Spurwechsel ohne Fahrtrichtungsanzeiger ansetzte, drückte sie das Gaspedal durch und erwischte ihn auf Höhe des Hinterreifens. Der Zusammenstoß war heftiger und deutlich lauter, als sie erwartet hatte, und sie fühlte sich im Nachhinein schrecklich, dass sie die arme Zoe nicht vorgewarnt hatte. Die brach auf den Schreck hin in Tränen aus und ließ sich lange nicht wieder beruhigen.

Der Neoliberale verhielt sich glücklicherweise so, wie sie es erwartet hatte. Er besah erst seinen Schaden, stapfte dann zu ihr herüber und beschimpfte sie. Sie kümmerte sich gar nicht um ihn, sondern allein um ihr Kind, denn ihr war ja deutlich bewusst, dass sie von Zeugen umringt waren, und da wollte sie einen guten Eindruck hinterlassen. Ihre Seite des Hohenzollerndamms war blockiert, bis die Polizei kam. Sie weinte inzwischen mit Zoe, aber das hätte es nicht einmal mehr gebraucht: Hier die Lehrerin, hübsch und jung, mit einem alten Corsa und einem tränenüberströmten Kind – dort der Anzugträger mit dem 10-Liter-Panzer, der zwischen diversen iPhone-Telefonaten, um einen Termin zu verschieben, weitergeiferte, während die Zeugen nacheinander von seinen Verstößen gegen § 7 Abs. 5 und § 23 Abs. 1a StVO sowie von seinem unmöglichen Verhalten gegenüber der Geschädigten berichteten.

Der Typ war gefickt. Nur er und Friederike wussten, dass er an diesem Unfall keine Schuld hatte. Als die Arbeit der Polizei getan war und die Adressen ausgetauscht, da erlaubte sich die bis dahin aufgelöste Friederike ein nur für ihn bestimmtes kleines böses Lächeln, in das sie folgende Botschaft unterzubringen versuchte: Ja, Arschloch, ich hab’s mit Absicht getan; ich habe den Schaden angerichtet, aber du wirst dafür bezahlen. Die Botschaft kam an. Er blieb fassungslos zurück. Ihr Hochgefühl hielt bis zum Wochenende an.

Robert Löhr

Über Robert Löhr

Biografie

Robert Löhr, geboren 1973, ausgebildeter Journalist und Drehbuchautor, lebt in seiner Geburtsstadt Berlin. Neben zahlreichen Filmskripten und Theaterstücken verfasste er die Romane »Der Schachautomat«, »Das Erlkönig-Manöver« , »Das Hamlet-Komplott«, »Krieg der Sänger« und »Erika Mustermann«. Seine...

Pressestimmen

rbb - Radio 1

»Sehr, sehr unterhaltsam. Könnte ich mir sogar verfilmt vorstellen. (...) Kann ich schwerstens empfehlen.«

Freie Presse

»Amüsant schubst Robert Löhr seine Hauptfigur und mit ihr die Leser in das Paralleluniversum der Piraten-Partei. (...) Der Berliner Autor seziert die ›kommunikationsbeschleunigte Zeit‹, in der die Stimmungen in den sozialen Netzwerken ebenso blitzschnell wie unvorhersehbar wechseln. Und natürlich durchzieht der Umgang mit dem Urheberrecht die zwischen Romanze, Krimi und Farce changierende Geschichte. Das ist mal witzig und unterhaltsam, nicht zuletzt aber sehr aufschlussreich, denn der Leser spürt wie gut sich Löhr in der Berliner Abgeordnetenszene auskennt.«

Handelsblatt

»›Erika Mustermann‹ besticht durch seine genauen Recherchen aus dem Schattenreich der Piraten. (...) So genau werden die Locations beschrieben, dass - Produzenten aufgepasst - ein präzises Drehbuch für den ersten Film über die Netzpartei entstanden ist. (...) Dabei schafft es der Autor mit Wiki-Einträgen und Zitaten aus Facebook, Twitter und E-Mails, eine eigene Erzähltechnik zu finden, die die Politik 2.0 und Strategien der Piraten anschaulich macht.«

Hannoversche Allgemeine

»Löhr ist ein begnadeter Beobachter, ein Meister der literarischen Harkenschläge.«

Literaturcommunity.de

»Absolute Leseempfehlung zur Bundestagswahl 2013! Humorvoll, unterhaltsam und in flüssigem Lesetempo rechnet Robert Löhr in ›Erika Mustermann‹ mit Piraten und Grünen ab.«

Oberhessische Presse

»›Erika Mustermann‹ ist eine Abrechnung mit der Politik 2.0. (...) zugleich aber auch eine Art Buch 2.0 - voller Links, Tweets und Wikipedia-Einträge. (...) Ein sehr unterhaltsamer, witziger, teils aber auch sehr ernster Roman, der im Berlin des Jahres 2013 spielt.«

academicworld.net

»Kurzweilig und kenntnisreich (...) Die unterhaltsamste Wahllektüre, die sich in diesem Super-Wahl-Herbst finden lässt. «

Hellweger Anzeiger

»Ein durchaus realitätsnahes Portrait Berliner Politik.«

Deutschlandradio Kultur

»›Erika Mustermann‹, halb Krimi, halb Farce, ist voller unterhaltsamer Verwicklungen und sprachlich im Facebook- und Twitterzeitalter angekommen.«

NDR Kultur

»Robert Löhr hat eine wunderbar erfrischende Polit-Satire geschrieben. (...) Sehr vergnüglich zu lesender Streifzug durch die Niederungen der Berliner Republik. Genau die richtige Lektüre vor der Bundestagswahl.«

Sächsische Zeitung

»Das Buch zur Wahl: Robert Löhr warnt in seinem launigen wie aktuellen Roman vor Raubkopierern, Rollenspielern und infantilen Zynikern.«

Hessische/Niedersächsische Allgemeine

»Kenner der Hauptstadtpolitik sagen: Diese Geschichte könnte sich wirklich so abspielen.«

Neue Westfälische

»Ein temporeicher, witziger und sprachlich spritzig perlender Roman über ein faszinierendes Polit-Phänomen.«

MDR Kultur

»Das Buch hat viel Geschwindigkeit und Komik, die Geschichte ist wie immer bei Robert Löhr sehr flüssig«

Westdeutsche Allgemeine

»Ein schöner Törn in die Poltik 2.0!«

buchblinzler.blogspot.de

»Dieser humorvolle Blick hinter die Kulissen des Berliner Politik-Betriebs liest sich sehr unterhaltend, gerade mit Blick auf das Wahljahr 2013.«

bellexrsleseinsel.blogspot.de

»So ist ›Erika Mustermann‹ nicht nur ein herrlich lockerer und witziger Roman, der bestens unterhält und einen oftmals schmunzeln lässt, sondern liefert auch einen wunderbaren Blick hinter die Kulissen der Politik.«

woerterkatze.wordpress.com

»›Erika Mustermann‹ ist ein unterhaltsamer und witziger Roman, der einen in die Welt und Denkweise der Piraten entführt.«

rbb - Fritz

»Das Buch verschafft Euch einen tiefen Einblick in die Strukturen der Partei. Dabei verfließen immer wieder die Grenzen zwischen Fiktion und Realität. ›Erika Mustermann‹ ist ein Roman, der nicht nur aktuell ist, sondern auch (...) genau so hätte passieren können.«

Politik und Kommunikation

»Robert Löhr gelingt es dank sorgfältiger Recherchearbeit, das ganz eigene Universum der Piraten für Nichtmitglieder zu öffnen.(...) Gerade im Wahlkampf eine lohnende Lektüre.«

literaturzeitschrift.de

»Da ist es ja. Genau das Buch, auf das ich gewartet habe. Ein kleiner, feiner Begleitroman zur Bundestagswahl mit Hilfe einer gepflegten Innenansicht aus dem politischen Leben der Piratenpartei. (…) ›Erika Mustermann‹ ist rasant geschrieben. Löhr beschert dem Leser jede Menge überraschende Wendungen, die manchmal nur aus einem kleinen Wink bestehen, seine Protagonisten sind zwar knapp, aber gut charakterisiert, man kann sie gut vor sich sehen.«

Kommentare zum Buch

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