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Erhöre unser FlehenErhöre unser Flehen

Erhöre unser Flehen

Kriminalroman

Taschenbuch
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Erhöre unser Flehen — Inhalt

Als Lisa Wild über die Leiche des Tierarztes stolpert, hat sie keine andere Wahl, als sich wieder einmal auf Spurensuche zu begeben. Doch wer hat Dr. Schmid den Garaus gemacht? Hat seine Ehefrau ihm eine tödliche Dosis Betäubungsmittel verabreicht, um die gerade abgeschlossene Lebensversicherung zu kassieren? Oder wollte sich ein unzufriedener Tierliebhaber für die Einschläferung seines Fiffi rächen?

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 10.03.2014
320 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30257-9
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 10.03.2014
320 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96301-5

Leseprobe zu »Erhöre unser Flehen«

Sternschnuppen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Als ich noch ein Mädchen war, vor etwa vierzehn Jahren, da konnte man barfuß in den Garten gehen, die Zehen einrollen – wegen des nassen Grases und der Kälte – und dann so lange den Kopf in den Nacken legen, bis man eine sah. Sie flirrte für einen kurzen Moment über den Himmel, dann drückte man sich selbst die Daumen, kniff die Augen zusammen und wünschte sich etwas.

Das hatte ich diesen Sommer auch so gemacht. Ich wusste schon vorher, was ich mir wünschen wollte: Nie wieder Leichen finden. Das [...]

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Sternschnuppen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Als ich noch ein Mädchen war, vor etwa vierzehn Jahren, da konnte man barfuß in den Garten gehen, die Zehen einrollen – wegen des nassen Grases und der Kälte – und dann so lange den Kopf in den Nacken legen, bis man eine sah. Sie flirrte für einen kurzen Moment über den Himmel, dann drückte man sich selbst die Daumen, kniff die Augen zusammen und wünschte sich etwas.

Das hatte ich diesen Sommer auch so gemacht. Ich wusste schon vorher, was ich mir wünschen wollte: Nie wieder Leichen finden. Das mag vielleicht ein eigenartiger Wunsch sein, schließlich finden die meisten Leute von Natur aus keine Leichen. Aber nicht ich, Lisa Wild, sechsundzwanzig Jahre alt. Ich bin sozusagen ein bayerischer Leichensuchhund. Wenn irgendwo in zwanzig Kilometern Entfernung eine Leiche abgelegt wird, tauche ich bestimmt in den nächsten Minuten auf und finde sie. Das habe ich inzwischen schon fünfmal gemacht. Und das reicht für mein weiteres Leben.

Deswegen also hatte ich im August dem Sternenhimmel diesen dringenden Wunsch mitgegeben. In dem Glauben, dass das, was ab und an über den Himmel streift, zwangsläufig eine Sternschnuppe ist. Aber es gab auch verglühenden Weltraumschrott. Dass so etwas nicht so gut hilft wie ein richtiger Meteorit, ist mir jetzt im Nachhinein auch klar. Alle weiteren Vorkommnisse führe ich eigentlich darauf zurück, dass ich meinen Sternschnuppen-Wunsch irgendeinem schmelzenden Spaceshuttle-Klo mit auf den Weg gegeben hatte.

Da man ja mit Sternschnuppen insgesamt nicht so genau weiß, wie viel sie bringen, hatte ich noch weitere Vorsichtsmaßnahmen getroffen: Um nicht wieder im Wald eine oder zwei Leichen zu finden, ging ich jetzt, brav mit Beutelchen bewaffnet, auf der Straße mit meinem Hund Gassi. Das war enorm lästig, aber sicher.

Die Einzige, die mich momentan noch zu unüberlegten Aktionen anstacheln wollte, war Anneliese.

Seit dem letzten Mordfall lebte Anneliese nämlich in der festen Überzeugung, dass wir diesen sozusagen in Kooperation gelöst hatten, was total an den Haaren herbeigezogen war. Deswegen war sie der Meinung, dass sie einen prima Privatermittler abgeben könnte. Das war ein Beruf, der ihr als baldiger Dreifach-Mama total entgegenkäme. Absolute Flexibilität, man konnte ermitteln, wann man wollte, hatte keinen Chef, der an einem herumnölte, und hatte man einmal keine Zeit, erledigte man es eben an einem anderen Tag. So stellte sie sich das jedenfalls vor. Ich persönlich hatte unter »familienfreundlicher Beruf« zwar etwas anderes verstanden – Lehrer vielleicht –, aber ich verspürte wenig Lust, mit ihr darüber zu diskutieren. Das hatte zur Folge, dass Anneliese ständig mit neuen Ideen vorbeikam, wer irgendwelche kriminellen Machenschaften plante. Erst vor Kurzem hatte sie mir erläutert, dass es nicht normal sei, was die Rosl den ganzen Tag für eine Miene aufsetzte. Mei, hatte ich gemeint. Die hat’s halt im Kreuz. Da kriegt man schon einen mörderischen Blick.

Deswegen war ich richtig auf der Hut, als ich Anneliese vor unserem Gartentürl auf mich warten sah, während ich mit meinem gefüllten Hundefäkalienbeutel auf sie zukam.

»Weißt du, was ich glaube«, sagte sie und stellte sich in aufreizender Pose neben unsere Mülltonne.

»Nein. Weiß ich nicht«, antwortete ich schicksalsergeben und warf den Plastikbeutel in die Mülltonne. Nachdem sie sich wieder in ihre schwarze Ermittlerkluft geworfen hatte, fiel es mir nicht schwer zu erahnen, was folgen würde.

»Der Joe«, hob sie an.

Ich verdrehte die Augen. Der Joe, das war unser neuer Polizist – und endlich mal jemand, auf den die Prädikate »Freund« und »Helfer« total zutrafen. Erst vor Kurzem hatte er mich aufgegabelt, als ich mein Fahrrad mit plattem Reifen heimschob, und hatte mich nicht nur samt Fahrrad und Hund ins Polizeiauto geladen und heimgefahren, sondern danach noch sehr engagiert meinen Fahrradreifen aufgepumpt.

»Der ist doch komisch, der Joe.«

Ja, verglichen mit unserem eigentlichen Polizisten, dem Schorsch, schon. Der lag seit dem letzten Fall im Krankenhaus, weil er sich einen ganz komplizierten Trümmerbruch zugezogen hatte und schon zum zweiten Mal operiert hatte werden müssen. Bis der wieder fit war, um an seinem Arbeitsplatz zu sitzen – ganz zu schweigen von körperlichen Einsätzen, wie besoffen herumliegende Loisln hochziehen und in den Polizeiwagen zerren –, das konnte dauern. Ich jedenfalls fand, dass Joe wie jemand wirkte, der zur Abwechslung voll was draufhatte in seinem Job und nicht nur des Bayerischen, sondern auch der deutschen Sprache mächtig war. Bis jetzt hatte er sich zwar noch nicht beweisen können, aber das würde schon noch kommen.

»Der ist nicht komisch«, wandte ich ein. »Der sieht doch super aus.« Joe hätte der jüngere Bruder von Brad Pitt sein können. Mein Freund Max, der einiges mit Joe gemeinsam hatte, zum Beispiel sein gutes Aussehen und den Beruf – Max war der Kommissar im Ort –, konnte ihn irgendwie gar nicht leiden, vielleicht weil er zehn Jahre jünger war als er und mich immer so süß anlächelte. Ich dagegen fand das wirklich super. Der Schorsch hatte mich immer nur blöd angeredet und nie ernst genommen. Da war jemand, der ein lässiges Grinsen aufsetzte, wenn er mich sah, doch ganz was anderes.

Anneliese hob die Augenbrauen. Wenn das alles nicht verdächtig war, sagte ihr Blick.

»Außerdem kommt ja irgendwann der Schorsch wieder zurück, und dann ist der Joe auch schon wieder weg«, lenkte ich ab.

Vielleicht war sie auch nur eifersüchtig, weil sie nie von Joe lässig angelächelt wurde, egal, wie eng ihre schwarzen Klamotten auch sein mochten. Und selbst ihre neue Frisur – sie hatte sich ihre naturblonden Haare sehr, sehr rot gefärbt – half nichts.

»Max hat mir verboten, in den nächsten zehn Jahren zu ermitteln«, log ich. »Auf den Beziehungsstress kann ich echt verzichten. Außerdem habe ich eine Bewerbung geschrieben.«

Eine Bewerbung bei einer richtigen, großen Zeitung. Mit lauter richtigen, großen Journalisten. Und ich könnte eine von ihnen werden. Anneliese interessierte das offensichtlich gar nicht, vielleicht, weil sie wusste, dass ich die Bewerbung schon vor Wochen geschrieben hatte und sie die ganze Zeit in meiner großen Umhängetasche mit mir herumtrug. Aber jedes Mal, wenn ich den frankierten Umschlag in den Briefkasten stecken wollte, sah ich meine Großmutter vor mir, wie sie mit ihrer Weihwasserflasche enkeltochterseelenalleine durch den Ort zog, und dann ließ ich das Bewerbungsschreiben in meiner Umhängetasche und ging weiter.

»Die Rosl hat auch gesagt, dass ihr das alles ganz verdächtig vorkommt. Dieser Joe. Allein vom Anschauen«, erklärte mir Anneliese ihren Verdacht und ging nicht weiter auf meine Einwände ein. »Dieser Joe« war wahrscheinlich deswegen jedem verdächtig, weil er nicht wie der Schorsch an jeder Straßenecke anhielt, um einen Schwank aus seiner Jugend zu erzählen.

»Das geht uns alles gar nichts an«, erklärte ich im Tonfall meiner Großmutter. »Ich muss dann mal.«

»Das wäre jetzt meine Chance gewesen«, erklärte Anneliese düster. »Weißt du, es ist nicht so einfach, als Privatdetektivin anzufangen, wenn man noch gar nichts an Erfolgen vorweisen kann. Da wäre das mit dem Joe echt super gewesen.«

Von Anneliese muss man wissen, dass sie jeden Sonntagabend vor dem Fernseher sitzt und sich Schnulzen reinpfeift. Da kommen nur Leute vor, denen man schon von der ersten Minute an ansieht, was für eine Rolle sie in dem Film einnehmen werden. Dementsprechend wenig Ahnung hat sie von Ermittlungen und weiß auch nichts darüber, dass man den Leuten nicht unbedingt an der Nasenspitze ablesen kann, ob sie kriminell sind oder nicht.

»Vielleicht solltest du mal Tatort schauen«, schlug ich mürrisch vor.

Bedeutungsvoll beugte sie sich zu mir und flüsterte: »Wenn ich rausbekomme, dass Joe ein Krimineller ist, dann ist das der erste Schritt auf meinem Weg.«

»Aber Joe ist kein Krimineller«, erklärte ich ihr. »Deswegen vertust du nur deine Zeit, und es ist überhaupt kein Schritt auf gar keinem Weg. Er ist Polizist, weißt du, er ist derjenige, der hinter den Kriminellen her ist.« Ich seufzte. »Die von der Polizei nehmen doch nur Leute, die niemals nicht Schuld auf sich laden würden.«

Das glaubte ich zwar auch nicht, aber im Fall von Joe war ich mir ziemlich sicher, dass das allgemeine Dorfgerede jeder Grundlage entbehrte.

»Aber die Rosl hat gesagt, dass der Joe ihr total bekannt vorkommt. Und dass sie glaubt, dass sie ihn in der Sendung Aktenzeichen XY ungelöst erkannt hat.«

»Das sind doch lauter Schauspieler«, erläuterte ich ihr und verspürte den Drang, alles sehr, sehr laut zu sagen, wenn nicht sogar zu brüllen. »Die spielen das alles, verstehst du?«

»Ja, aber die nehmen halt Leute, die so ähnlich aussehen.«

Wütend stemmte ich die Fäuste in die Hüften, bei Anneliese war Hopfen und Malz verloren.

»Jetzt kapier’s doch endlich. Ich. Werde. Nicht. Ermitteln. Schluss, Ende, Aus.«

Sie seufzte schwer.

»Okay«, sagte sie nach einer kleinen Pause.

Okay? So einfach war es also, Nein zu sagen? Ich lächelte ihr freundlich zu.

»Hast du kurz Zeit?«, fragte sie. »Ich muss dir noch dringend was zeigen, bevor ich die Kinder abhole.«

»Was denn zeigen?«, fragte ich gleich wieder misstrauisch.

»Hat mit deiner Oma zu tun«, erklärte sie, und in meinem Kopf schrillten alle Alarmglocken.

»Was?«, fragte ich nach und packte sie am Arm.

Wenn’s um meine Großmutter geht, bin ich sehr empfindlich, und zwar nicht nur deswegen, weil ich bei ihr wohne, seit ich geboren wurde, oder weil sie mich erzogen hat. Oder weil sie ihren Erziehungsauftrag noch immer nicht als beendet ansieht. Großmutter ist jetzt schon sechsundachtzig Jahre alt, und ihre geistigen Fähigkeiten schwanken enorm, je nachdem, ob sie ihre Medikamente regelmäßig nimmt oder nicht. Sie kann ganz normal sein. Und sie kann mich zur Raserei bringen.

Anneliese schüttelte meinen Arm ab. »Dann komm halt.«

»Wenn’st ned speibst«, sagte ich und meinte damit ihre lästige Schwangerschaftsübelkeit, die schon manches unserer Treffen ziemlich abrupt beendet hatte.

»Hab ich schon«, erklärte sie routiniert. »Jetzt komm schon.«

Unschlüssig sah ich zu, wie Anneliese schwerfällig über den Gartenzaun vom alten Stangl kletterte.

»Und WAS, bitte schön, willst du mir hier zeigen?«, wollte ich wissen und verschränkte die Arme vor der Brust. »Was auch noch mit meiner Oma zu tun hat?«

»Jetzt komm schon«, sagte sie unwillig. »Doch nicht beim alten Stangl.«

Ich kletterte ihr hinterdrein, noch etwas unschlüssig darüber, was es sein könnte, das mit meiner Großmutter zusammenhing und gleichzeitig zwingend erforderte, beim alten Stangl durch den Garten zu latschen.

»Früher haben wir das auch immer gemacht. Da hat es dich nie gestört«, erklärte sie mir. »Der alte Stangl hört doch eh nix mehr. Und der Dr. Schmid ist schon längst außer Haus.«

»Dr. Schmid?«, fragte ich noch misstrauischer.

Musste ich beim Dr. Schmid auch noch durch den Garten?

Und schon kletterte ich über den nächsten Gartenzaun.

»Wie ist das eigentlich? Hat der Max dich schon g’fragt?«, wollte Anneliese von mir wissen.

»Was denn?«, stellte ich mich vorsichtshalber dumm.

»Na ja. Mit dem Heiraten.«

»Du willst nur ablenken«, unterstellte ich ihr.

»Jetzt sag schon. Das ist doch wichtig.«

Das mit dem Heiraten? Ich stapfte hinter ihr her und bekam noch schlechtere Laune. Schließlich arbeitete ich richtig fest daran, dass Max nicht auf schlechte Ideen kam. Erst vor Kurzem hatte ich ihm erklärt, dass eine Eheschließung fast damit gleichzusetzen war, dass man nie wieder Sex hatte. Von Anneliese wusste ich zumindest, dass die nur alle heilige Zeiten mit ihrem Mann »kuschelte«, und das auch nur, damit sie es wieder einmal getan hatten.

»Der Max ist doch ein Lutherischer«, sagte ich stattdessen. »Den kann ich doch schlecht heiraten. Und jetzt sag mir endlich, was du mir zeigen willst.«

»Man kann auch evangelische Männer heiraten«, behauptete Anneliese und ignorierte meine Frage.

»Lutherische haben von nix eine Ahnung«, erwiderte ich in einem klerikalen Tonfall, als würde das alles erklären. »Der weiß nicht mal, dass man nicht verhüten darf.«

Anneliese verdrehte die Augen.

»Was ich allein dadurch schon an Schuld auf mich lade.«

»Und du meinst, dass du weniger Schuld auf dich lädst, wenn du unverheiratet Sex hast und dabei verhütest?«, wollte Anneliese mit einem Grinsen wissen.

Zugegeben, in dem Punkt wies meine Argumentation gewisse Mängel auf.

»Und das Schlimme ist«, fügte ich düster hinzu, um Anneliese von dem leidigen Thema abzulenken, »wer schmurgelt wieder im Fegefeuer? Ich, obwohl er den gleichen Spaß beim unehelichen Sex mit Verhütung hat wie ich.«

»Aber du kannst dich doch nicht ewig der Hurerei hingeben«, grinste Anneliese. »Weißt du nicht, was der Prophet Ezechiel sagt?«

Natürlich wusste ich das. Immerhin hatte ich Großmutter daheim, die erklärte Expertin für Unzucht und Buhlerei im alltäglichen Leben.

»Das soll dir angetan werden, um deiner Hurerei willen, die du mit den Heiden getrieben«, wisperte Anneliese.

»Aber ein Lutherischer ist doch kein richtiger Heide«, wandte ich ein. »Und selbst wenn ich ihn heirate, bleibt er ein Lutherischer. Man weiß ja nicht einmal, ob man dann in echt verheiratet ist.«

Vorsichtig drehte ich mich um und sah zum Haus von Dr. Schmid. Dr. Schmid war unser Tierarzt, und der war wirklich viel unterwegs. Außerdem war er ausgesprochen nett, hatte aber eine unglaublich ätzende Ehefrau, die in der Meinung lebte, dass jede Frau unter siebzig es sich zum Ziel gesetzt hatte, ihr den Mann auszuspannen. Das würde ich natürlich nicht tun, einmal abgesehen davon, dass er schon fünfundfünfzig Jahre alt war, aber allein die ständige Angst, dass mich seine Ehefrau mit irgendwelchen Spritzen oder Messern bewaffnet verfolgen würde, war ja grauenhaft.

»Vielleicht denkt sich dann die Frau vom Schmid, wir wollen uns an ihren Mann heranschleichen«, wandte ich ein. »Ich muss jetzt echt heim.«

»Ach, Schmarrn. Wieso sollten wir denn das machen?«

»Ich brauch den noch, den Schmid. Die nächste Wurmkur für unseren Hund ist schon wieder fällig«, murrte ich.

»Der Doktor ist ein ganz ein Lieber«, behauptete Anneliese und winkte dem alten Stangl zu, der den Gruß interessiert erwiderte. Anneliese ging ungeniert aufrecht weiter durch den Garten der Schmids, und ich war mir ganz sicher, dass sie der grässlichen Schmidin genauso zuwinken und ihr erklären würde, wir müssten nur mal schnell was nachschauen und was denn ihre Meinung zur aktuellen Wetterlage sei.

»Er vielleicht schon. Aber sie«, flüsterte ich, während ich ihr hastig nachlief, aus Angst, die Schmidin könnte mir mit ein paar Spritzen zu Leibe rücken.

»Sie ist auch ganz eine Liebe«, erläuterte Anneliese. »Die war mit mir in den letzten fünf Samstagsbastlern.«

»Was ist das denn für ein Schmarrn?«, fragte ich unbedacht.

Anneliese warf mir einen bösen Blick zu. »Nicht jeder ist so unkreativ wie du«, erklärte sie mir.

»Ich würde mich schämen, wenn ich Tontopfmännchen aufstellen müsste«, gestand ich. Außerdem würde ich mich auch schämen, welche zu basteln.

Anneliese grinste. »Sie hat sogar zwei gemacht. Den Luke und die Franzi.«

Ich verdrehte die Augen. So hießen die beiden Schmids nämlich. Dr. Lukas und Franziska Schmid. Das Tontopf-Ehepaar hatte ich auch schon neben der Haustür stehen sehen. Die Tontopf-Franzi trug zwei dicke blonde Zöpfe und eine rot karierte Bluse. Und das, obwohl die echte Franzi dünne dunkle Haare hatte.

»Und, wie viele machst du?«, wollte ich wissen. »Vier? Und eine dicke Tontopffigur ist mit einem Winz-Tontopf schwanger?«

Anneliese grinste nur.

Obwohl das Haus der Schmids unbelebt wirkte, hatte ich ein richtig ungutes Gefühl. Mir war ständig danach, den Kopf einzuziehen oder auf allen vieren zwischen den Büschen zu krabbeln.

Stattdessen sagte ich: »Großmutter macht auch Tontopf-Kunst.«

»Ehrlich?« Anneliese blieb so abrupt stehen, dass ich in sie hineinlief. »Die war aber nicht bei den Samstagsbastlern.«

Das wäre ja noch schöner.

»Das macht sie schon seit Jahren. Das hängt dann alles bei uns in den Obstbäumen.« Als Lebensraum für alle Ohrenwürmer dieser Welt. Diese umgedrehten Tontöpfe hingen dort schon so lange, dass sie mit dichten grauen Flechten überzogen waren.

»Und jetzt sag mir endlich, was du mir zeigen willst. Das hat doch nie und nimmer mit der Oma zu tun.«

Anneliese stemmte genauso wie ich die Fäuste in die Hüften und sah mich wütend an. »Okay. Ich hab mich halt ned traut, ganz allein beim Joe zu ermitteln. Schließlich ist das mein allererster Fall, und …«

Für einen Moment blieb mir die Luft weg. Ich wurde ständig ausgenützt. Ständig. Ich musste nur daran denken, wie ich mich beim letzten Mordfall zu peinlichen Privatermittlungen hatte drängen lassen, nur weil das Mordopfer mit Anneliese verwandt gewesen war! Wenn ich nicht endlich einmal anfing, anders zu reagieren, dann würde sich auch nichts verändern.

»Weißt du was«, sagte ich deshalb zornig. »Du bist echt eine blöde Kuh.«

Das hatte ich das letzte Mal im Alter von zehn Jahren gesagt, als sie die letzten Vanillekipferln gegessen und mir nur noch die Zimtsterne übrig gelassen hatte.

»Ich will doch nur ins Schlafzimmer reinschaun«, rechtfertigte sich Anneliese. »Du weißt doch, das entlarvt die meisten Leute.«

»Das Schlafzimmer?«, fragte ich ungläubig. »Das entlarvt doch nur, ob man so spießig ist und sein Bett jeden Tag macht.«

Das war jetzt wirklich gemein, weil ich nämlich wusste, dass Anneliese sogar einen extra Besenstiel hatte, um die Tagesdecke des Ehebetts glatt zu streichen.

»Pass auf, bei deinen blöden Methoden löst du ja in hundert Jahren keinen einzigen Fall!« Das war jetzt noch gemeiner, aber anders kam ich aus diesem Schlamassel auch nicht raus.

Ich hoffte, dass Joe schon längst in der Arbeit war. Wie sah das denn aus, wenn wir zwei durch den Garten robbten, um in sein Schlafzimmer zu schauen? Die Geschichte mit dem verhinderten Kriminellen nahm uns doch kein Mensch ab! Plötzlich fühlte ich mich richtig in Stimmung, meine Bewerbung in den nächsten Briefkasten zu werfen und all das hinter mir zu lassen.

»Und wie hättest du das dem Joe erklärt, wenn er sich noch im Bett wälzt?«, wollte ich wissen.

»A geh«, antwortete Anneliese routiniert. »Der muss doch schon längst arbeiten. Es ist schon fünf nach acht.«

Wer weiß, ob er das musste. Und Leute, die um fünf nach acht schon gestiefelt und gespornt draußen herumliefen, hatten entweder kleine Kinder oder litten unter seniler Bettflucht. Zwei Dinge, die man von Joe nicht behaupten konnte.

»Ich kann dir einen guten Tipp geben für deine Anfänge als Privatermittlerin. Jemand, der wie Brad Pitt aussieht, ist nicht kriminell«, verriet ich ihr. »Der hat was anderes zu tun.«

»Das hätte ich nie von dir gedacht. Dass du so gemein sein kannst. Das mit deiner Oma kannst du jetzt auch alleine herausfinden«, fauchte sie mich an und drehte sich um. Ich bezweifelte, dass es bei meiner Großmutter irgendetwas zum Herausfinden gab.

Dann wurde Anneliese schlagartig grün, weiß und rot, alles gleichzeitig, und begann sich zu übergeben.

Mein erster Gedanke war, dass Schwangersein das Schrecklichste auf der ganzen Welt sein musste und dass mir der liebe Herrgott bestimmt mein maßloses Verhüten verzieh, wenn er sah, wie schlecht es Anneliese gerade ging. Erst als sie zu gestikulieren begann und keinen Ton herausbrachte, drehte ich mich in die Richtung, in die sie zeigte. Wir standen direkt vor einem alten Schuppen, hinter dem Haus der Schmids. Die Tür stand offen, und die Dunkelheit war ein schwarzes Loch, aber ich sah nichts, was meinen Kreislauf so durcheinandergebracht hätte wie den von Anneliese. Erst auf den zweiten Blick schweifte mein Auge auf das, was man jetzt von unserer Warte aus hinter dem Schuppen sehen konnte. Ich kann nicht bezeugen, dass ich dann schlagartig grün, weiß und rot und alles gleichzeitig wurde, aber dass ich mich danach übergab, war jedenfalls sicher.

Susanne Hanika

Über Susanne Hanika

Biografie

Susanne Hanika, geboren 1969 in Regensburg, lebt noch heute mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in ihrer Heimatstadt. Nach dem Studium der Biologie und Chemie promovierte sie in Verhaltensphysiologie und arbeitete als Wissenschaftlerin im Zoologischen Institut der Universität Regensburg. In ihren...

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