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EngelsblutEngelsblut

Engelsblut

Kriminalroman

Taschenbuch
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Engelsblut — Inhalt

Eine Schwangere, die sich vor den Zug wirft, und der bestialische Mord an einem gut situierten Ehepaar – für Margot Hesgart und Steffen Horndeich von der Mordkommission Darmstadt beginnt die Woche reichlich blutig. Doch die Ermittlungen führen zunächst ins Leere – und es häufen sich die Ungereimtheiten. Ist das Ehepaar wirklich einem Raubmord zum Opfer gefallen? Und ist der Freitod auf den Gleisen womöglich ein vertuschter Mord?

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 10.06.2014
352 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30492-4
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 10.12.2012
352 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95900-1

Leseprobe zu »Engelsblut«

PROLOG

So fühlt es sich also an, wenn man reich ist.

Ich bin jetzt reich.

Sehr reich.

So fühlt es sich also an, wenn man getötet hat.

Ich habe es getan.

Der Wagen fährt toll. Ich bin noch nie so ein Auto gefahren. Ira hat mir ihr Navi gegeben. Sie wollte kein Geld dafür. Sie hat es nicht Blutgeld genannt. Aber ich bin sicher, sie hat es gedacht.

Der Wagen gehört nicht mir, sondern dem Toten.

Ich hoffe, ich habe genügend Vorsprung.

Ich habe gemordet, aber ich habe auch eine Familie. Deshalb versuche ich, nicht zu heulen, mich zusammenzureißen und mich [...]

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PROLOG

So fühlt es sich also an, wenn man reich ist.

Ich bin jetzt reich.

Sehr reich.

So fühlt es sich also an, wenn man getötet hat.

Ich habe es getan.

Der Wagen fährt toll. Ich bin noch nie so ein Auto gefahren. Ira hat mir ihr Navi gegeben. Sie wollte kein Geld dafür. Sie hat es nicht Blutgeld genannt. Aber ich bin sicher, sie hat es gedacht.

Der Wagen gehört nicht mir, sondern dem Toten.

Ich hoffe, ich habe genügend Vorsprung.

Ich habe gemordet, aber ich habe auch eine Familie. Deshalb versuche ich, nicht zu heulen, mich zusammenzureißen und mich auf die Straße zu konzentrieren.

Es gibt eine Menge Brücken hier. Und vorhin, da war ein Moment, in dem ich gedacht hab: gegen den Pfeiler, rumms – und alles wäre vorbei.

Aber das geht nicht. Schließlich werde ich gebraucht.

Der Schmuck ist unglaublich. Ich werde versuchen, ihn zu Geld zu machen. Ist wahrscheinlich noch mehr wert als das Bargeld. Was für eine Summe! Aber jetzt nicht die Nerven verlieren. Ich darf mir nicht erlauben, den Verstand auszuschalten. Jetzt alles langsam und nach Plan.

Bin ich jetzt ein schlechter Mensch? Weil ich getötet habe?

Oder bin ich ein guter Mensch, weil ich damit ein Leben lebenswert machen werde?

Darüber kann ich nicht richten.

Und wenn ich Glück habe, wird darüber auch kein irdischer Richter richten.

Irgendeine Instanz wird mich irgendwann zur Rechenschaft ziehen.

Aber jetzt ist es ohnehin zu spät.

Etwas rückgängig machen – das kann keiner.

Ich kann nur noch nach vorn schauen.

 

 

 

SONNTAG

Der Weg war nicht weit vom italienischen Restaurant Gargano zu ihrem Häuschen im Harras. Hauptkommissar Steffen Horndeich hatte den Merlot genossen. Zu einer Pizza mit Meeresfrüchten. Und viel Knoblauch. Ob der in Italien wohl auch zu den Früchten des Meeres zählte? Bei der Menge!

Sandra, Horndeichs Frau, hatte sich für Spaghetti Bolognese entschieden. Ohne Knoblauch, schließlich stillte sie noch.

»War ein schöner Abend«, sagte Sandra und kuschelte sich im Gehen an ihren Gatten.

»Hm-mm«, brummte Horndeich wohlig zurück. Es gab Momente, da war das Leben einfach nur gut. Er war jetzt knapp vierzig und rundum zufrieden.

Im Moment passte Dorothee auf die Kleine auf. Sie war die siebzehnjährige Tochter des Mannes von Horndeichs Chefin, Hauptkommissarin Margot Hesgart. Doro, wie sie genannt wurde, machte eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester und durfte Sandras Rechner und Drucker nutzen. Sie musste irgendeine Arbeit für die Berufsschule schreiben und war froh über das noble IT-Equipment im Haus. Im Gegenzug nutzten Horndeich und Sandra ihre Anwesenheit immer mal wieder, um gemeinsam ein paar Stunden außer Haus zu verbringen, um essen zu gehen. Oder auch nur spazieren. Wenn man kleine Kinder hat, lernt man solche gestohlenen Stunden zu schätzen, dachte Horndeich.

Sandra öffnete die Tür.

Che, Doros Hund, kam mit wedelndem Schwanz auf sie zu. Sandra begrüßte den rotbraunen Chihuahua mit einer Extraportion Kraulen.

»Schon da?« Doro kam die Treppe aus dem Dachgeschoss herunter. Derzeit befand sie sich in der postpubertären »­Null Bock«-Phase. Was sich in sechs Piercings durch diverse Ohrlöcher und kiloweise schwarzem Eyeliner optisch manifestierte. Sie hatte es auch nicht gerade leicht. Der Papa, Margots Mann Rainer, weilte in Amerika, die leibliche Mutter war tot – und Margot und Doro standen sich irgendwie gegenseitig auf den Füßen, wenn es darum ging, zueinanderzufinden.

»Ja. Und war echt lecker«, sagte Sandra und strahlte Dorothee an. »Bist du weitergekommen mit deiner Arbeit?«

»Ja.«

»Und war unsere Kleine brav?«

»Ja. Sie hat die ganze Zeit geschlafen. Trinken wir noch was zusammen?«

Horndeich irritierte irgendetwas an Doros Verhalten. Aber er hätte nicht sagen können, was genau es war.

»Klar«, sagte Sandra. Sie ging mit Doro nach oben ins Ar­­beitszimmer und holte Stefanie, die in ihrem Tragekörbchen schlief. Horndeich stellte drei Gläser auf den Tisch. Doro würde sicher auch einen Schluck Wein trinken. Sandra verzichtete wegen der Kleinen noch auf Alkohol.

»Ich fahr am Dienstag nach England. Mit meinem Freund«, eröffnete Doro in einem Tonfall, als berichtete sie über den bevorstehenden Gang zum Schafott.

»Deinem Freund? Habe ich da was verpasst?«, fragte Sandra in betont lockerem Tonfall und nahm einen Schluck Mangosaft. Alkoholfrei bedeutete ja nicht automatisch geschmacklos.

»Egal«, sagte Doro.

»Komischer Name«, meinte Sandra, aber mit dem Kalauer konnte sie auch kein Lächeln ins Gesicht der jungen Frau zaubern. »Egal«, wiederholte diese. »Könnte Che so lange bei euch bleiben? Und könntet ihr vielleicht ab und an mal meine Blumen gießen?«

Sandra sah zu Horndeich. »Klar, kein Problem. Ich freu mich, wenn Che hier ist.« Der Chihuahua war von Doro gut erzogen worden, das hatte sie wirklich gut hingekriegt und war wohl auch der Grund, dass sie die Sondergenehmigung erhalten hatte, ihn im Wohnheim bei sich zu behalten. Zumal der Hund kaum größer war als ein fetter Hamster.

»Würdest du mich vielleicht auch zum Flughafen bringen?« Doros Stimme war noch leiser geworden.

Wieder sah Sandra zu Horndeich. Wäre das nicht eigentlich Magots Job?, fragte dieser Blick. Aber auf diese Frage hatte auch Horndeich keine Antwort, obwohl er natürlich regis­triert hatte, dass Doro immer mehr die Nähe zu Sandra gesucht hatte. War nicht einfach für ihn, denn er musste ja mit Margot zusammenarbeiten. Und private Probleme von Kollegen, die in die eigenen vier Wände hineingetragen wurden – lustig war anders.

»Klar. Ich fahre dich.«

»Gut, dann geh ich jetzt mal«, sagte Doro und stand auf. »Kann Che gleich bei euch bleiben?«

»Auch das.« Sandra begleitete Doro zur Tür. »Sag mal, ist alles okay?«

»Ja, alles bestens«, sagte Doro. Sie umarmte Sandra und anschließend auch Horndeich, was diesen etwas befremdete. Das war jedoch noch nichts im Vergleich zu dem Abschied, der dem Hund zuteilwurde. Doro knuddelte das Tier, als ob sie es nie mehr wiedersehen würde.

Als sie ging, warf sie einen wehmütigen Blick zurück. Che klemmte den Schwanz zwischen die Hinterbeine und jaulte leise.

»Was war denn das?«, fragte Horndeich, nachdem sich die Tür hinter Doro geschlossen hatte.

»Keine Ahnung.« Sandra schmiegte sich an ihn. »Noch Lust auf ein paar Minuten Bond?«

Horndeich nickte. Sowohl er als auch Sandra hatten eine Vorliebe für den britischen Agenten. Im Gegensatz zu den meisten James-Bond-Fans diesseits der fünfzig hatte Sandra sogar alle Romane von Ian Fleming gelesen. Sie und Horndeich hatten sich vorgenommen, einmal nacheinander alle Bond-Filme in der Reihenfolge ihrer Entstehung zu schauen. Derzeit lag Der Mann mit dem goldenen Colt im DVD-Player. Roger Moore als der Held. Christopher Lee mit drei Brustwarzen als der Schurke.

James-Bond-Filme hatten einen großen Vorteil: Es war unmöglich, den Faden der Handlung zu verlieren – Sandra konnte die Kleine stillen, Horndeich sorgte für Chips-Nachschub –, und dann ging’s weiter. Selbst ganztägige Unterbrechungen brachten den Agenten nicht aus dem Konzept. Bond war da sehr genügsam.

Sie kuschelten sich aufs Sofa und starteten den Film. Nun, der Colt war nicht golden, und er war kein Colt. Aber bei derlei Kleinigkeiten durfte man nicht so pingelig sein. Dann brauchte man sich auch nicht über fliegende Autos zu wundern. Wie zum Beispiel gerade über den zum Flugzeug umgerüsteten AMC Matador Coupé. Horndeich geriet immer in Verzückung, wenn er die alten Wagen sah. Der AMC hatte wenigstens noch Schwung in der Seitenführung der Karosserie. Und die vier runden Rücklichter waren so groß, wie die Designer von BMW und Fiat es sich nie getraut hatten, sie zu gestalten.

Sandra küsste Horndeichs Hals und arbeitete sich gerade zum Ohr vor. James ließ sich ja zum Glück an jeder Stelle stoppen.

Doch dann klingelte Horndeichs Handy.

Auch Sandra hatte bei der Darmstädter Polizei gearbeitet. Sie wusste, dass ein Anruf nach 22 Uhr im besten Fall Ärger, im schlimmsten Fall Arbeit bedeutete.

Horndeich sah aufs Display. Seine Kollegin Margot Hesgart. Er schaltete das innere Programm auf Job und nahm das Gespräch an. »Ja?«

»Hallo Horndeich. Sorry, dass ich störe. Aber da hat sich eine Frau vor den Zug geworfen. Wir müssen hin.«

»Okay. Wo?«

»Odenwaldbahn Richtung Traisa. Ich beschreib dir den Weg. Du fährst erst mal zur Uni an der Lichtwiese, dann …«

»Margot, ich hab schon ein bisschen Wein intus …«

»Alles klar, ich hol dich ab. Bin in zehn Minuten da.«

Dann hatte sie aufgelegt.

»Du musst los?«

»Ich muss los. James muss warten.«

In diesem Moment erwachte Stefanie und begann zu schreien. Zeit für eine Runde knoblauchfreie Milch.

 

Der Tatort war weiträumig abgesperrt. Margot und Horndeich standen am Flatterband, das vom Bahnübergang zu ihren Füßen mehr als zweihundertfünfzig Meter bis zur Front des Triebwagens reichte, auf dessen Rückleuchten sie nun blickten. Sie waren nur schwach zu erkennen, denn der gesamte Bahndamm war in gleißend helles Flutlicht gehüllt.

Blaulichter zuckten, vom Notarzt- und Rettungswagen sowie von mehreren Feuerwehrfahrzeugen. Füchse, Damwild und Wildschweine hatten sich angesichts solchen Trubels in ihrem Terrain tunlichst in Sicherheit gebracht.

Der Unfallort lag mitten im Wald zwischen Darmstadt und Traisa.

»Kein schöner Anblick«, sagte ein hagerer Fünfzigjähriger, dessen Uniform ihn als einen Kollegen der Bahnpolizei auswies. »Kresper mein Name.«

Margot stellte sich vor, reichte ihm die Hand, und Horndeich tat es ihr nach. Margot war zehn Jahre älter als ihr Kollege Horndeich.

»Wissen Sie schon genau, was passiert ist?«

»Nur, dass eine junge Frau überfahren worden ist. Der Körper – nun – er ist ziemlich zerstört.«

»Haben Sie schon in Erfahrung gebracht, wer sie ist?«

»Nein. Die Kollegen suchen den Bahndamm ab. Wir haben wohl die meisten Körperteile gefunden. Aber noch keine Handtasche oder so etwas. Kommen Sie, ich bringe Sie zu unserem Notfallmanager, Ferdinand Muttl.« Er hob das Absperrband, Margot und Horndeich bückten sich darunter hindurch.

Kresper eskortierte die beiden entlang des Bahndamms. Ein Kollege der Schutzpolizei, der keine zehn Meter entfernt stand, starrte ins Dickicht. Margot folgte seinem Blick und erkannte den Arm im Gestrüpp, bevor sie das Gesicht abwenden konnte.

»Scheiße«, brummte Horndeich, der offenbar den Blick in die gleiche Richtung gelenkt hatte.

Auch Margot kommentierte: »Derart zerstörte Körper sind mit das Schlimmste. Die kommen gleich nach denen, die zwei Wochen im warmen Wohnzimmer gelegen haben …«

Margot kannte den Bahnübergang im Wald am Kirchweg. Jeden Montag und Donnerstag, so es die Bösewichte der Stadt zuließen, joggte sie mit den Mitstreitern des Lauftreffs durch den Traisaer Wald. Den Lauftreff gab es seit fünfundreißig Jahren. Und was Margot sehr schätzte: Sie trieb Sport mit ­netten Leuten, ohne dass sie einem Verein beitreten musste. Wie oft war sie wohl in den vergangenen Monaten über diesen Bahnübergang gejoggt?, überlegte sie. Wie oft hatte sie vor dem roten Blinklicht gestanden, wenn sie und ihre Gruppe genau den Weg des Zuges um 18.17 Uhr oder um 18.52 Uhr gekreuzt hatten? Manchmal eine willkommene Unterbrechung, mal eine verfluchte, weil sie den Schnitt verschlechterte. Seit sie sich diesen Minicomputer am Arm gegönnt hatte, war die Zeit des unbeschwerten Waldlaufs passé, wie sie ausgerechnet in diesem unpassenden Moment ernüchtert feststellte.

»Herr Muttl, das sind Margot Hesgart und Steffen Horndeich. Kripo Darmstadt.«

»Hallo«, sagte Muttl nur. Er saß in einem der Mannschaftswagen der Polizei, einen Laptop vor sich auf einem Klapptisch. Er wirkte ein wenig wie ein Bär im Lord-Outfit: Karohemd, helles Cordsakko unter dem Mantel. Und einen gepflegten Schnauzer im rundlichen Gesicht.

Margot kannte den Mann. Sechs Jahre zuvor war er schon mit von der Partie gewesen, als sich ein jugendlicher Lebensmüder von einer Brücke auf die Eisenbahngleise gestürzt hatte. Damals war auch schon das große Programm mit zig Einsatzkräften zum Zuge gekommen, weil der Junge bereits eine Viertelstunde am Nordbahnhof auf der falschen Seite des Geländers gestanden hatte. Muttl war damals schon der Zuständige für »Personenschäden« bei der Bahn gewesen. Der Jugendliche war dann tatsächlich gesprungen. Aber auf das falsche Gleis. So war der Zug, der ihn hätte überrollen ­sollen, an ihm vorbeigefahren. Zwei gebrochene Beine und später eine Ausbildung bei der Polizei. Gott bewies manchmal schrägen Humor, um seine Schäfchen auf den rechten Weg zu führen. Doch nun verrieten Muttls Stimme und sein Gesichtsausdruck, dass Gott diesmal nicht nach Scherzen gewesen war.

»Können Sie uns kurz die Fakten geben?«, fragte Margot. Horndeich stand wie ein Schatten seiner selbst neben ihr. Ihm schien das Ganze noch viel näher zu gehen als ihr.

»Einen Moment«, sagte Muttl und tippte noch etwas in den Laptop. Dann wandte er sich Margot und Horndeich zu.

»Viel wissen wir noch nicht. Eine junge Frau. Hat sich genau am Bahnübergang auf die Schienen gesetzt. Mehr können wir nicht sagen, denn ihr Zustand ist …« Er beendete den Satz nicht.

»Fremdverschulden möglich? Hat sie jemand vor den Zug gestoßen?«

Muttl zuckte nur mit den Schultern. »Das rauszufinden, ist Ihr Job. Aber ich kann es mir kaum vorstellen. Erstens hat der Lokführer gesagt, sie habe einfach dort gesessen. Zweitens sähe der Körper, wenn sie jemand vor den Zug gestoßen hätte, anders aus. Dann wäre er nicht so zerfetzt worden. Eher zur Seite geschleudert. Hätte auch nicht schön ausgesehen – aber das hier …«

Er sprach nicht weiter.

»Ja, das hier?«

»Ganz einfach. Die dümmste Art, sich überfahren zu lassen, ist, sich längs zwischen die Gleise zu legen. Da passiert Ihnen wenig, wenn Sie nicht die Statur eines Sumoringers haben. Aber es gibt Positionen, bei denen …«, wieder stockte er. »Sie wusste genau, wie sie sich platzieren musste, damit es sie richtig erwischt.«

»Konnten Sie schon feststellen, wer sie ist?«

»Nein. Die Identifikation wird schwierig werden. Rötliches, langes Haar. Kein Übergewicht. Aber schon bei der Körpergröße muss der Arzt puzzeln.«

Margot seufzte innerlich. Auf einmal fühlte sie sich unglaublich müde. Sie war gerade auf dem Weg ins Bett gewesen, als sie um kurz nach 23 Uhr der Anruf erreicht hatte. Und natürlich fragte sie sich, welch schlimmes Schicksal einen Menschen dazu bringen konnte, sich vor einen Zug zu werfen. Oder, wie Muttl es gerade beschrieben hatte, sich auf die Gleise zu setzen und zuzusehen, wie der Zug auf einen zubrauste. Gruselige Vorstellung.

»Können wir mit dem Lokführer sprechen?«, fragte Margot. Sie warf ihrem Kollegen einen Seitenblick zu. »Alles okay, Horndeich?«, flüsterte sie.

Der nickte nur. Sagte aber nichts.

»Der Lokführer sitzt da hinten am Rettungswagen«, sagte Muttl und deutete in die entsprechende Richtung.

»Danke«, erwiderte Margot und verabschiedete sich.

Auf dem Weg zum Rettungswagen murmelte ihr Kollege: »He, brauchst du mich noch? Mir geht es nicht wirklich gut.«

Sie sah den Kollegen an. Im Flutlicht war gut zu erkennen, dass er ziemlich blass um die Nase war. »Nein, schon in Ordnung. Wie kommst du heim?«

»Vielleicht fährt mich einer von den Kollegen der Schupo. Sonst lauf ich bis zum Böllenfalltor und nehm mir ein Taxi.«

Margot überlegte kurz, ob es nicht eine bessere Möglichkeit gab. »Wie wär’s, wenn du dich kurz von den Jungs in Weiß durchchecken lässt, während ich mit dem Lokführer rede?«

Horndeich war von der Idee nicht gerade begeistert: »Ich komm schon klar«, blaffte er.

»He, was ist mit dir los?« Den Tonfall war Margot nicht gewohnt.

»Gar nichts ist los, was soll los sein? Ich geh jetzt. Du kommst hier allein klar. Ich auch«, grunzte er, dann wandte er sich grußlos ab und verschwand im herbstlichen Wald.

Seltsam. So hatte sie ihren Kollegen noch nie erlebt. Vielleicht schlug der drei Monate alte Nachwuchs aufs Gemüt. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht erinnerte sie sich kurz an die Zeit, als ihr Sohn Ben, inzwischen selbst zweifacher Vater, in diesem zarten Alter gewesen war. Dann sah sie das Gesicht ihres Mannes zu der Zeit vor sich. Okay. Und Horndeich war schließlich auch nur ein Mann.

Sie erreichte den Rettungswagen, in dessen offener Seitentür ein Mann saß, eingehüllt in eine Wolldecke, eine Tasse heißen Tee in der Hand.

»Sie sind der Lokführer?«, fragte Margot und ging direkt auf ihn zu.

Der Mann sah auf. Er war vielleicht dreißig Jahre alt, schlank, aber selbst unter Wolldecke und Jacke konnte man erahnen, dass er gut durchtrainiert war. »Ja«, sagte er. Und die roten, geschwollenen Augen zeigten, dass das Ereignis nicht spurlos an ihm vorübergegangen war.

»Hesgart, Kripo Darmstadt. Kann ich Ihnen ein paar Fragen stellen?« Sie hasste diese Frage. Natürlich konnte sie Fragen stellen, so viele sie wollte. Nur die Qualität der Antworten war stets ungewiss.

Der Mann nickte. »Ich heiße Reinhard Zumbill.«

»Herr Zumbill, können Sie mir erzählen, was hier passiert ist?«

Zumbill nickte, sagte aber zunächst nichts. Stattdessen trank er einen Schluck Tee. Dabei rollten wieder Tränen über seine Wangen. »Ich bin pünktlich losgefahren. Haltepunkt Lichtwiese. Keiner raus, zwei rein, wie immer, sonntags, der letzte Zug halt.«

Er machte eine Pause.

Eine lange Pause.

»Und dann?«

Zumbill sah sie mit leerem Blick an. »Ich bin an der Station ›Lichtwiese‹ um 22.51 Uhr weggefahren. Hab ganz normal beschleunigt. Hab dann auf Fernlicht geschaltet, während ich einen Schluck Kaffee getrunken hab. Und als ich sie sah, da war alles schon zu spät. Hatte schon über fünfzig Stunden­kilometer drauf – kaum Fahrgäste als Ballast, und der Itino beschleunigt wirklich gut.«

»Itino?«

»So heißen die Triebwagen hier.«

Margot war auch schon mit den modernen und schicken Triebwagen gefahren. Die waren deutlich komfortabler als die durchgesessenen Kunstledersitze in den ehemaligen silbernen Nahverkehrszugwagen. Margot erinnerte sich auch noch an die Dampfloks, die bis 1970 auf der Strecke gefahren waren. Als kleines Mädchen hatte sie immer vor Furcht und Vergnügen gekreischt, wenn sie mit ihrem Vater auf der Fußgängerbrücke am Traisaer Hüttchen gestanden hatte und vom Rauch und Dampf der zischenden Loks eingehüllt worden war.

»Scheiße. Hätte ich doch bloß den Kaffee nicht …« Wieder versank Zumbill in Schweigen.

»Und dann?« Margot hatte genug Einfühlungsvermögen, um zu wissen, dass dieser Mann viel Hilfe brauchen würde, um nach diesem Erlebnis wieder einigermaßen ins Leben und in den Job zurückzufinden. Wenn er Pech hatte, nur noch ins Leben. Aber da war auch noch ihr eigenes drängendes Bedürfnis: Sie wollte einfach nur noch ins Bett.

»Dann? Dann sah ich sie. Vorn auf den Gleisen. Hat sich nicht bewegt. Ich hab sofort auf den Schlagtaster für die Notbremsung gehauen. Dann kam ich zum Stehen. Dort …« Er deutete in die Richtung, in der der Zug stand. Rund zweihundert Meter Bremsweg. Zeit genug für Räder, Achsen und Fahrgestell, ihr Todeswerk zu vollstrecken.

»Sie ist also nicht vor den Zug gesprungen?«

»Nein. Sie saß da. Wartete. Ich hau auf den Schalter, schon zu spät, dann der Schlag, dann das Quietschen der Räder. Ich hab direkt die Jungs in Frankfurt angefunkt, hab gesagt, wo ich stehe, kurz hinter dem Bahnübergang Hektometer 10.3. Ich hab irgendwie funktioniert wie im Lehrbuch. ›Sehr verehrte Passagiere, wegen eines technischen Defekts können wir im Moment nicht weiterfahren. Bitte verlassen Sie den Zug nicht. Bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeit. Ich bitte um Ihr Verständnis.‹ Ich glaube, ich vergesse eher den Text von ›Alle meine Entchen‹ als den hier. Dann bin ich aus dem Zug. Mit Taschenlampe und Notfallkoffer. Hab den Rumpf gesehen. Ohne den Rest dran.«

Zumbill schwieg. Es gab auch nicht mehr viel zu sagen.

»Werd ich wohl nie vergessen, was? Was meinen Sie, Frau Hesgart?«

Sie war sicher nicht die geeignete Person, um auf diese Frage kompetent zu antworten.

Wieder brach Zumbill in Tränen aus.

»Danke, Herr Zumbill, ich denke, das war’s fürs Erste.« Die Zeit, da sie noch gedacht hatte, sie müsse sich um das Leid jedes Opfers persönlich kümmern, die war lange vorbei. Ihr Job war es, die bösen Jungs zu fangen. Wenn es hier überhaupt welche zu fangen gab. Sie wandte sich an einen der Schutz­polizisten. »Wo ist die Leiche?«

Der Beamte drehte sich um und deutete auf den Wagen des Bestattungsunternehmens.

Ein junger Mann saß im Fahrzeug. Die Seitentür stand auf, einen Fuß hatte der Mann auf den Schotter des Waldwegs gestellt. Er rauchte eine Zigarette. Rund um den Dreitagebart war er ziemlich blass.

»Hesgart, Kripo Darmstadt. Sie sind?«

Der Mann stieg aus dem Auto, ein schlaksiger Hüne, der Margot um gut einen Kopf überragte. In der einen Hand hielt er die Zigarette. Die andere reichte er Margot.

»Michael Stein. Mann, Mann, Mann, so was habe ich auch noch nicht gesehen. Ich meine, ist ja mein Job, mit Toten und so – aber das hier …«

»Kann ich die Leiche sehen?«

»Die Leiche – Sie sind gut. Ich kann Ihnen das zeigen, was wir gefunden haben.« Er ging um den Wagen herum.

Im Heck des Leichenwagens war eine Plastikwanne mit Deckel.

»Könnten Sie die Innenbeleuchtung einschalten?« Zwar erhellte das Flutlicht die Szenerie draußen, legte damit aber einen Schatten über das Innere des Wagens. Jetzt kam der beschissenste Teil des Jobs.

Michael Stein zog den Deckel zur Seite, und Margot konnte ins Innere sehen. Sie schaltete um auf Profi-Modus. Obwohl sie sicher war, dass sie diese Bilder noch eine Weile verfolgen würden, egal, in welchem Modus.

Die Tote hatte eine rote Jacke getragen. Margot fühlte in die Innentaschen. Nichts. Alles leer. Kein Portemonnaie. Kein Personalausweis.

Dann fasste sie in die rechte Seitentasche. Dort klimperte etwas. Sie zog einen Schlüsselbund heraus. Zwei Schlüssel, die aussahen wie ein Haustür- und ein Wohnungstürschlüssel. Dann zwei kleinere Schlüssel. Für die Kellertür und den Briefkasten? Am Ring hing noch etwas. Ein Schlüsselanhänger in Form eines Engels mit Smiley-Gesicht, zu zwei Zöpfen gebundenen Haaren und einer Kette mit Herzchenanhänger.

Sie wussten also nicht einmal, wer die Tote war. Sie war nur eine tote Frau, deren Schutzengel sie im Stich gelassen hatte.

Und Muttl hatte recht. Die Identifizierung würde nicht leicht sein. Das Gesicht würde jedenfalls nicht dazu beitragen. Aber vielleicht ein Teil des Zahnbildes.

»Okay, Sie können den Deckel wieder schließen. Danke. Fahren Sie die Leiche bitte zur Rechtsmedizin nach Frankfurt.«

»Machen wir. Wenn wir hier fertig sind.«

Margot verabschiedete sich von Michael Stein, der sich bereits die nächste Zigarette angezündet hatte.

 

Michael Kibler

Über Michael Kibler

Biografie

Michael Kibler, geboren 1963 in Heilbronn, ist heute leidenschaftlicher Darmstädter. Nach Studium und Promotion arbeitet er als Texter und Schriftsteller. Seit 2005 veröffentlicht er erfolgreiche Kriminalromane um die Darmstädter Ermittler Steffen Horndeich und Margot Hesgart. Mit »Sterbenszeit« ...

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