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EndersEnders

Enders

Roman

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Enders — Inhalt

Die 16-jährige Callie lebt in einer Welt, in der eine unheimliche Katastrophe zahlreiche Erwachsenenleben vernichtet hat. Und in der die jungen Menschen einer anscheinend ausweglosen Armut verfallen. Die einzige Möglichkeit für die jugendlichen Starters an Geld zu kommen, war bislang die Body Bank. Dort konnten sie ihre Körper an alte Menschen vermieten, um so ihr Überleben zu sichern. Doch jetzt droht eine noch viel größere Gefahr: Der Old Man, der mysteriöse Leiter der Body Bank, ist entkommen und trachtet Callie nach dem Leben. In einer erbarmungslosen Jagd wird ihr klar, dass das Geheimnis des Old Man dunkler ist, als sie es jemals erahnen konnte ...

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 14.07.2014
Übersetzt von: Birgit Reß-Bohusch
352 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-26977-3
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 14.05.2013
Übersetzt von: Birgit Reß-Bohusch
352 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95840-0

Leseprobe zu »Enders«

Kapitel 1

Als ich mit der Hand über meinen Hinterkopf strich, hätte ich schwören können, dass ich den Chip unter der Haut spürte. Aber das stimmte natürlich nicht, denn eine Platte aus Metall schirmte ihn nach außen ab. Was ich spürte, war der Narbenwulst, der ihn umschloss, hart und unnachgiebig.

Es war ein Zwang, ihn ständig zu betasten wie einen Splitter im Handballen oder einen kaputten Nagel am Daumen. Er verfolgte mich unentwegt, selbst hier in der Küche, beim Herrichten von Sandwiches. In Helenas Küche.

Obwohl sie tot war und mir diese [...]

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Kapitel 1

Als ich mit der Hand über meinen Hinterkopf strich, hätte ich schwören können, dass ich den Chip unter der Haut spürte. Aber das stimmte natürlich nicht, denn eine Platte aus Metall schirmte ihn nach außen ab. Was ich spürte, war der Narbenwulst, der ihn umschloss, hart und unnachgiebig.

Es war ein Zwang, ihn ständig zu betasten wie einen Splitter im Handballen oder einen kaputten Nagel am Daumen. Er verfolgte mich unentwegt, selbst hier in der Küche, beim Herrichten von Sandwiches. In Helenas Küche.

Obwohl sie tot war und mir diese herrschaftliche Villa vermacht hatte, erinnerten mich täglich tausend Dinge daran, dass das Gebäude ihr gehört hatte. Von den seegrünen Fliesen bis hin zu der raffinierten Kochinsel im Zentrum der Gourmet-Küche, sie hatte alles nach ihrem Geschmack ausgewählt. Bis hin zu ihrer Haushälterin Eugenia.

Ja, Helena hatte den verrückten Plan gefasst, meinen Körper zu mieten und mit meiner Hilfe Senator Harrison zu ermorden, um so dem Old Man das Handwerk zu legen. Aber dazu wäre es nie gekommen, wenn ich nicht den Fehler begangen hätte, mich freiwillig als Körperspenderin zu melden. Damals hatte ich dringend Geld gebraucht, um meinen kranken Bruder zu retten. Und nun ließ sich die Sache nicht mehr rückgängig machen. Nichts und niemand konnte den schrecklichen Chip entfernen, der in meinem Kopf saß. Ich hasste das Ding. Es war wie ein Telefon, mit dem mich der Old Man jederzeit erreichen konnte, eine Verbindung, die sich von meiner Seite nicht kappen ließ. Eine Direktleitung des Old Man zu Callie Woodland.

Das letzte Mal hatte er sich zwei Tage zuvor gemeldet, während ich beobachtete, wie sein nobler Firmensitz Prime Destinations dem Erdboden gleichgemacht wurde. Die Stimme war die meines toten Vaters gewesen, sie hatte sogar seinen Geheimcode benutzt: Wenn Falken schreien, ist es Zeit zu fliegen. Die Worte gingen mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Aber während ich an der Arbeitsplatte stand und Erdnussbutter auf ein paar Scheiben Vollkornweizenbrot schmierte, sagte ich mir wieder einmal, dass es der Old Man gewesen war, der mir einen Streich gespielt hatte. Grausam, aber irgendwie typisch für dieses Monster.

»Fertig?«, fragte Eugenia.

Ihre knarrende Ender-Stimme ging mir durch und durch. Ich hörte sie nie hereinkommen. Wie lange beobachtete sie mich schon? Wenn das hier mein neues Leben in diesem Märchenschloss sein sollte, dann fiel ihr die Rolle der hässlichen Stiefmutter zu.

»Das reicht«, sagte sie. »Sie räumen mir die ganze Speisekammer leer.«

Sie deutete mit dem Kinn auf den Stapel von Sandwiches, der sich vor mir auftürmte. Ich schob die letzte Doppelscheibe in das Folienschweißgerät, und die dünne Haut versiegelte sie mit einem leisen Fauchen.

»Fertig.« Ich verstaute die Sandwiches in einem Matchsack.

Eugenia begann die Arbeitsplatte zu putzen, noch bevor ich die Küche verlassen hatte. Wie es schien, hatte ich ihr den Tag gründlich verdorben.

»Wir können nicht die ganze Welt vor dem Verhungern bewahren«, knurrte sie, während sie unsichtbare Flecken von der Arbeitsfläche schrubbte.

»Das nicht.« Ich zog den Kleidersack zu und streifte mir den Riemen über die Schulter. »Aber für ein paar Straßen-Kids reicht es allemal.«

Eugenias missbilligende Blicke gingen mir nicht aus dem Sinn, während ich den Beutel im Kofferraum des blauen Sportwagens verstaute. Man hätte meinen können, sie würde mich ein wenig freundlicher behandeln, seit sie wusste, dass meine Eltern nicht mehr lebten. Aber irgendwie nahm sie mir Helenas Tod übel, obwohl mich daran absolut keine Schuld traf. Im Gegenteil, beinahe hätte Helena mich mit ins Unheil gerissen. Ich schlug den Kofferraumdeckel zu. Egal. Ich musste Eugenia keine Rechenschaft ablegen. Sie war nicht mein Vormund.

Ich befingerte wieder meinen Hinterkopf und kratzte geistesabwesend an der Chip-Narbe, bis ich merkte, dass sich unter meinen Nägeln Blut angesammelt hatte.

Ich zog ein Kosmetiktuch aus meiner Handtasche und säuberte sie, so gut es ging. Dann öffnete ich die Garagentür zum Garten. Moosbewachsene, vom Morgentau nasse Steine wiesen mir den Weg zu dem von Rosen umrankten Gästehaus. Stille umgab das Cottage. Auch hinter den Fenstern rührte sich nichts. Ich klopfte an der schlichten Holztür. Keine Antwort.

Die Klinke quietschte, als ich sie herunterdrückte und einen Blick nach drinnen warf.

»Michael?«

Ich hatte das Cottage nicht mehr betreten, seit wir vor ein paar Wochen alle in die Villa gezogen waren. Der für Michael typische Geruch von Ölfarben und frisch geschnittenem Holz strömte mir entgegen. Bei ihm hatte es immer gut gerochen, selbst in unserer Zeit als ungewaschene Hausbesetzer.

Aber es waren die Zeichnungen an den Wänden, die dem Cottage seine ganz persönliche Note gaben. Das erste Blatt zeigte einige Starters, aus deren Augen Hunger und Verzweiflung leuchteten, eingehüllt in Schichten von zerlumpten Klamotten, mit Handleuchten an Lederarmbändern und Wasserflaschen, die an Riemen von den mageren Hüften der Jugendlichen baumelten.

Auf einem anderen Blatt kämpften drei Starters um einen Apfel. Einer lag verletzt am Boden. Kaum zu glauben, dass dies bis vor wenigen Monaten auch mein Leben gewesen war. Noch erschütternder war die nächste Skizze.

Sara, meine Freundin. Das Mädchen, das ich so gern gerettet hätte. Ich hatte Michael von ihr erzählt. Das Bild zeigte sie im Institut 37, jener schrecklichen Einrichtung, in der mich die Marshals eingesperrt hatten, zusammen mit anderen Minderjährigen, die keine Familienangehörigen mehr besaßen. Sara hatte den Wachtposten von mir abgelenkt und war im Stacheldraht der Waisenhausmauer hängen geblieben, tödlich getroffen von einem Taser.

Das Bild verschwamm vor meinen Augen. Ich hatte sie im Stich gelassen. Ich war schuld an ihrem Tod.

Jemand betrat das Cottage. Ich drehte mich um und sah meinen Bruder Tyler hereinkommen.

»Monkey!«, rief er.

Ich lachte und wischte mir verstohlen über die Augen, als er auf mich zustürmte und die Arme um meine Knie schlang. Michael, der hinter ihm aufgetaucht war, blieb einen Moment lang lächelnd auf der Schwelle stehen. Dann schloss er die Tür und stellte seine Reisetasche ab.

»Du bist zurück.« Ich betrachtete Michael.

Er schüttelte sich das wirre blonde Haar aus der Stirn. Mein besorgter Tonfall schien ihn zu überraschen.

Tyler löste sich von mir. »Michael hat mir etwas mitgebracht.«

Er schwenkte einen kleinen Spielzeuglaster und ließ ihn über die Couchlehne rollen.

»Wo warst du?«, fragte ich. Ich hatte ihn zuletzt unter den Zuschauern gesehen, die den Abbruch des Prime-Gebäudes mitverfolgten.

Er zuckte mit den Schultern. »Ich brauchte einfach ein wenig Abstand.«

Er sah mich stumm an. Mehr wollte er wohl in Tylers Gegenwart nicht sagen. Ich wusste, dass er mich Hand in Hand mit Blake gesehen hatte, dem Enkel von Senator Harrison. Zwei Marionetten des Old Man.

Ich senkte die Stimme. »Hör mal, diese Geschichte hatte nichts zu bedeuten. Außerdem dachte ich, dass du mit Florina …«

»Das ist vorbei.«

Wir wechselten einen langen Blick. Tyler spielte immer noch mit seinem Laster. Er ahmte Motorengeräusche nach, aber ich wusste, dass er uns zuhörte. Ich suchte nach den richtigen Worten, um meine Gefühle auszudrücken, aber es gelang mir nicht einmal, sie zu sortieren. Der Old Man, Blake, Michael – es war alles so verworren.

Mein Handy piepte. Eine Erinnerung. Drei ungelesene Zings.

»Ein hartnäckiger Verehrer?«, erkundigte sich Michael.

Ich warf einen Blick auf die Zings. Sie waren allesamt von Blake. Er hatte seit unserer Begegnung beim Abriss von Prime immer wieder versucht, mich zu erreichen.

»Das ist er, stimmt’s?«, fragte Michael.

Ich schob das Handy zurück in die Tasche, hielt den Kopf schräg und warf ihm einen Blick zu, der besagte: Lass mich in Ruhe! Tyler spürte die Spannung.

»Wir fahren ins Einkaufszentrum«, verkündete Tyler. »Schuhe kaufen.«

»Ohne mich vorher zu fragen?«

»Er hat so gebettelt«, meinte Michael.

Ich lachte. »Er wächst so schnell, dass ihr am besten noch ein zweites, etwas größeres Paar für nächste Woche mitnehmt.«

Wir waren alle erleichtert, dass es Tyler wieder gut ging. Das vergangene Jahr als Hausbesetzer in verlassenen, eiskalten Bürogebäuden hatte seiner Gesundheit stark zugesetzt. Doch jetzt war er viel erholter. Und an Geld fehlte es uns auch nicht mehr.

»Komm doch mit«, sagte Tyler.

Ich schüttelte den Kopf. »Ich bin auf dem Sprung.«

»Wohin?«, wollte Michael wissen.

»In unsere frühere Nachbarschaft. Ich bringe den Starters etwas zu essen.«

»Brauchst du Hilfe?«, fragte Michael.

»Warum? Glaubst du, ich schaffe das nicht allein?«

Er sah mich gekränkt und verständnislos zugleich an. Ich wusste selbst nicht, warum ich ihn so angefaucht hatte. Tylers Blicke wanderten zwischen uns hin und her.

»Ich denke, dass ich klarkomme«, sagte ich.

»Können wir uns nicht zum Lunch treffen?«, schlug Tyler vor. »Nach dem Schuhekaufen?«

Er nahm Michaels Hand und lächelte mich an.

Ich schob den Riemen des Beutels mit den Sandwiches höher, als ich den Seiteneingang des verlassenen Bürohauses aufschob, in dem Michael und Tyler – und Florina – Unterschlupf gefunden hatten, während ich meinen Vertrag bei Prime erfüllt hatte. Ich betrat die Eingangshalle und sah den leeren Empfangsschalter. Mein Herz klopfte schneller. Ich hielt den Atem an und horchte angespannt. Das Gebäude war mir vertraut, aber Dinge ändern sich. Wer konnte schon wissen, welche Starters jetzt hier lebten?

Ich trat an den Empfangsschalter und vergewisserte mich, dass niemand dahinter auf der Lauer lag. Alles im grünen Bereich. Ich stellte den Sack auf der Schreibtischplatte ab und zog den Reißverschluss auf. Als ich den Tresen mit meinem Geschirrtuch abwischte, hörte ich rasche Schritte hinter mir. Noch ehe ich das Essen auspacken konnte, huschte eine Gestalt an mir vorbei und schnappte sich den ganzen Beutel.

Ein Starter, klein und mager.

»Hey!«, rief ich.

Er rannte zum Ausgang. Ein paar Sandwiches rutschten aus dem Beutel und fielen zu Boden.

»Das war für euch alle!«, schrie ich ihm nach.

Er preschte durch die Tür. Mir war klar, dass ich ihn nicht einholen würde.

Ich lief hinter dem Schreibtisch hervor und bückte mich, um die verstreuten Sandwiches wieder einzusammeln. Im nächsten Moment trat mir jemand auf die Hand.

»Weg da!« Das Mädchen war vielleicht ein Jahr älter als ich und mit einer Holzplanke bewaffnet, aus der spitze Nägel ragten.

Sie schwenkte das Ding bedrohlich vor meinem Gesicht hin und her. Ich nickte und zog die Finger mit einem Ruck zurück, als sie meine Hand wieder freigab.

»Nimm es«, sagte ich und deutete mit dem Kinn auf das platt gestampfte Sandwich.

Sie riss es an sich, genau so wie die beiden anderen eingewickelten Päckchen, die noch auf dem Boden lagen. Dann biss sie die Folie durch und begann die Brote in sich hineinzuschlingen, keuchend und schmatzend wie ein wildes Tier. Sie war mager, und ihr kurzes Haar starrte vor Dreck. Dabei hatte sie vor vierzehn Monaten vermutlich noch in gutbürgerlichen Verhältnissen gelebt. Genau wie ich.

Ich hatte den gleichen Hunger durchgemacht wie sie, aber nie war jemand in meinen Unterschlupf gekommen, um mir freiwillig Essen anzubieten. Jetzt erst verstand ich den Grund dafür. Unsere Welten waren zu verschieden.

Sie schluckte. »He, sag mal.« Sie kam näher und berührte meine Haare. »So sauber.« Dann starrte sie mir prüfend ins Gesicht. »Makellos. Du gehörst zu den Metallos, stimmt’s?«

»Zu den was?«

»Metallos. Starters, die bei der Body Bank als Spender angeheuert hatten. Na ja, du weißt schon. Weil sie diesen Chip im Kopf rumtragen.« Sie grub ihre Zähne wieder tief in das Sandwich. Diesmal schob sie wenigstens die Folie zurück. »Wie fühlt sich das denn an?« Sie lief um mich herum und starrte meinen Hinterkopf an.

Ich trug die einfachsten Klamotten, die ich im Kleiderschrank von Helenas Enkelin gefunden hatte. Aber meine glatte Haut, das glänzende Haar und die perfekten Gesichtszüge ließen sich nicht verbergen. Die Welt erkannte auf den ersten Blick, dass ich eine Art Chip-Sklavin war.

»Als wäre ich das Eigentum eines anderen«, erwiderte ich.

Da ich mit leeren Händen dastand, noch bevor ich dazu kam, die Sandwiches zu verteilen, konnte ich meine Mission nur als Fehlschlag bezeichnen. Ich hätte auf Michael hören und nicht allein gehen sollen. Schließlich kannte ich die erste Regel der Straße. Niemals die Tasche loslassen! Ich hatte gerade mal zwei Starters mit Essen versorgt. Und die waren davongerannt, ohne sich zu bedanken.

Der Glitzerglanz des Einkaufszentrums bot einen krassen Gegensatz zur brutalen, gesetzlosen Welt der Hausbesetzer. Ender-Wachtposten standen vor den Geschäften und musterten mit Stahlblicken jeden Starter, der sich in ihre Nähe wagte. Einer erspähte ein paar Gammeltypen mit ungewaschenen Gesichtern und fleckigen Jeans, die ihren Status als minderjährige Waisen nicht verleugnen konnten. Er winkte den Sicherheitsdienst herbei, der die Jungs unsanft zum Ausgang eskortierte.

Diese Mall war bereits als Treffpunkt der Schickeria bekannt gewesen, bevor die Sporenkriege die Kluft zwischen Reich und Arm vertieft hatten. Zwar traf es nicht zu, dass ausnahmslos alle Enders wohlhabend waren und alle Starters auf der Straße lebten, aber es kam einem oft so vor. Hier jedoch kam ich an attraktiven Jugendlichen vorbei, die schimmernde Illusion-Tops und Jeans trugen, welche bei jeder Bewegung die Farbe oder Struktur wechselten. Sie waren wie exotische Vögel, selbst die Jungs mit ihren Airscreen-Brillen, bunten Schals und Sonnenkollektor-Hüten, die dazu dienten, alle möglichen Batterien aufzuladen, die man mit sich führte. Manche behielten ihre funkelnden, mit Edelmetall aufgepeppten Jacken an. Andere legten die teuren Stücke mithilfe von Instafold-Hüllen auf Handtaschengröße zusammen. Manche Leute behaupteten, diese Starters kämen nur so aufgestylt daher, um sich von Straßen-Kids abzuheben. Ich dagegen glaube eher, dass sie die anderen Starters gar nicht wahrnahmen, sondern in ihrer eigenen Modewelt lebten. Bei mir war es anders – ich besaß selbst einen Schrank voll solcher Fummel, hatte aber nicht vor, sie jemals wieder zu tragen.

Das hier waren überwiegend Starters, die unter der Obhut von Angehörigen in den Villen der Reichen lebten. Ich konnte sie nicht immer von den minderjährigen Waisen unterscheiden, die sich wie ich einer Behandlung bei der Body Bank unterzogen hatten. »Metallos« hatte die Hausbesetzerin uns genannt. Die Starters, die hier durch das Einkaufszentrum flanierten, waren so anmutig, weil sie es sich leisten konnten. Sie konnten die besten Dermatologen, Zahnärzte und Coiffeure der Enders in Anspruch nehmen, dazu all die Cremes und sonstigen Kosmetika, die ihnen ihre Großeltern spendierten. Nichts hatte den Konsum aufhalten können.

Nicht einmal die Sporenkriege.

Ich rief mich zur Vernunft. Ich hatte nicht das Recht, so abfällig über sie zu urteilen. Auch sie hatten ihre Eltern verloren. Vielleicht waren ihre Großeltern zwar reich, aber in keinster Weise liebevoll, sondern kalt und abweisend, weil die Enkel sie täglich an ihre verstorbenen Söhne und Töchter erinnerten.

Die Sporenkriege hatten uns doch alle verändert.

Ich kratzte mich am Hinterkopf und ließ meine Blicke auf der Suche nach einem Schuhgeschäft umherschweifen. Eigentlich war ich mit Michael und Tyler auf der Restaurantebene verabredet, aber da mein Versuch, die Hungernden und Obdachlosen zu speisen, ein so rasches Ende gefunden hatte, war ich zu früh dran. Ich wandte mich dem Airscreen-Wegweiser in der Mitte der Mall zu.

»Schuhe?« Ein unsichtbares Mikrofon nahm meine Frage auf.

Das Display vergrößerte einen Laden auf der Karte und projizierte ihn in der Luft. Da es das einzige Geschäft mit Turnschuhen war, würde ich meinen Bruder vermutlich dort finden. Wie ich ihn kannte, probierte er gewissenhaft jedes einzelne Paar an. Ich musste Michael zu Hilfe kommen.

Als ich in Richtung des Schuhgeschäfts losging, kam ich an einer Ender-Großmutter vorbei, die sich an ein hübsches junges Mädchen lehnte. Wahrscheinlich ihre Enkelin.

Sieht gut aus, die Kleine.

Ich blieb unvermittelt stehen.

Diese künstliche elektronische Stimme, die mir durch und durch ging.

Der Old Man.

Hallo, Callie. Hattest du schon Sehnsucht nach mir?

»Nein«, stieß ich aus. »Ganz im Gegenteil.« Ich bemühte mich um einen lässigen Tonfall. »Aus den Augen, aus dem Sinn – wortwörtlich.«

Mir fiel ein, dass er durch meine Augen wahrnehmen konnte, was sich in meinem Umfeld abspielte. Ich verschränkte die Hände hinter dem Rücken, damit er nicht sah, dass sie zitterten.

Callie. Ich weiß, dass du jeden Tag an mich gedacht hast. Jede Stunde. Jede Minute.

»Es dreht sich alles um Sie, was?« Am liebsten hätte ich die Worte laut herausgeschrien, aber dann wären die Sicherheitsleute womöglich zu dem Schluss gelangt, ich sei verrückt.

Ich warf einen Blick auf die Wachtposten. Wurden sie misstrauisch, weil ich Selbstgespräche führte? Kaum, denn es konnte ja sein, dass ich in ein Headset sprach. Oder war ihnen meine Nervosität aufgefallen? Nicht dass sie mir in irgendeiner Weise beistehen konnten, denn das alles spielte sich in meinem Kopf ab.

»Was wollen Sie von mir?«

Deine volle Aufmerksamkeit Ich bin sicher, dass du sie mir gleich freiwillig schenken wirst.

Bei seinen Worten überlief mich ein Frösteln.

Blicke nach links und sag mir, was du siehst.

Widerwillig stieß ich Luft aus. »Geschäfte.«

Weiter.

Ich drehte den Kopf weiter nach links. »Süßwaren. Einen Juwelier. Einen geschlossenen Laden.«

Das genügt mir nicht. Was noch?

Ich trat ein paar Schritte vor. »Leute auf Einkaufstour. Enders, manche mit Enkelkindern. Ein paar Starters …«

Na endlich. Starters. Genauer.

Ich ließ meine Blicke umherschweifen. Ging es ihm um eine ganz bestimmte Person?

»Ist das eine Art Heiß-Kalt-Spiel oder was?«

Eher heiß, ganz heiß. Nur dass es sich nicht um ein Spiel handelt, wie du bald merken wirst.

Ich stand in der Mitte der Ladenstraße. Starters und Enders mussten einen Bogen um mich machen. Er wollte, dass ich meine Wahl unter den Starters traf. Es gab genug davon … aber wen genau meinte er? Dann entdeckte ich ein Mädchen, das ich kannte. Ein Mädchen mit langem rotem Haar.

Reece.

Die Spenderin, deren Körper meine gesetzliche Betreuerin Lauren gemietet hatte, um nach ihrem Enkel Kevin zu suchen. Für mich war Reece wie eine gute Bekannte, aber sie würde sich natürlich nicht an mich erinnern.

Ich rief ihren Namen.

Sie sah in ihrem geblümten Minikleid und den silbernen Pumps mit den kleinen Absätzen umwerfend aus wie immer. Ich schlängelte mich an den Passanten vorbei, um in ihre Nähe zu gelangen. Sie war etwa zehn Schritte vor mir, als sie stehen blieb und sich umdrehte.

»Ich bin Callie«, sagte ich. Ein paar Shopper schoben sich zwischen uns. »Du kennst mich nicht. Aber ich kenne dich.«

Sie musterte mich ganz seltsam, mit einem Ausdruck, den ich noch nie an ihr gesehen hatte. Ihre Mundwinkel zuckten zu einem schwachen Lächeln nach oben, aber das wirkte alles andere als fließend. Eher – mechanisch.

Dann wandte sie sich rasch ab und ging weiter.

»Warte mal!«, rief ich ihr nach.

Aber sie blieb nicht stehen. Ein Ender folgte ihr. Ich hätte ihn nicht weiter beachtet, doch er trug ein großes silbernes Tattoo seitlich am Hals. Irgendein Tierkopf, den ich nicht genau erkennen konnte. Ein Leopard vielleicht.

»Das war doch Reece, oder? Auf sie wollten Sie mich ansetzen?«

Auf dich kann ich immer zählen, Callie.

Reece ging schneller, als versuchte sie den Ender mit dem Leoparden-Tattoo abzuschütteln. Sie bog in ein Geschäft ab. Der Ender schlenderte zum nächsten Schaufenster weiter und betrachtete eingehend die Perlenketten, die dort auslagen.

Als Reece kurz darauf wieder herauskam, nahm er die Beschattung wieder auf. Ich ging ihnen nach und beobachtete sie.

»Sie ist in Gefahr«, vermutete ich.

Man wird sehen.

Nein. Die starre Miene und die merkwürdigen Bewegungen erinnern mich an … natürlich.

»Hat jemand anderes ihren Körper übernommen?«

Die Body Bank war dem Erdboden gleichgemacht. Aber der Old Man konnte auf mich zugreifen. Vielleicht galt das auch für die übrigen Spender. Ich spürte, wie sich mein Magen verkrampfte. Die elektronische Stimme. Das Leoparden-Tattoo. Reece unter der Kontrolle eines fremden Gehirns.

Ein Stück weiter vorn erblickte ich das Schuhgeschäft. Tyler und Michael steuerten eben zum Eingang.

»Michael!«, rief ich quer durch den Gang.

Drang meine Stimme über die laute Musik und den Lärm der Kauflustigen hinweg? Michael war sechs oder sieben Läden von mir entfernt. Einen Moment lang blieb er stehen und warf einen Blick über die Schulter. Dann verschwand er im Schuhgeschäft.

Reece drehte sich um, als habe sie mich gehört, und starrte in meine Richtung. Das genügte dem Mann mit dem Tattoo, um sie einzuholen. Er sprach sie an, und sie schüttelte ruckartig den Kopf. Er fasste sie am Arm, aber Reece – oder wer immer von ihrem Körper Besitz ergriffen hatte – riss sich los.

»Was geht hier vor?« Ich stand reglos da und beobachtete die Szene.

Nur weil du Prime Destinations vernichtet hast, gilt das noch lange nicht für mich. Prime war nur ein Gebäude. Ich dagegen kann immer noch auf jeden Chip zugreifen …

Reece wich vor dem Mann zurück und rannte auf das Schuhgeschäft zu.

… und ihn in eine Waffe verwandeln.

»Nein«, schrie ich. Es galt ihm, mir, den Leuten ringsum.

Die Zeit blieb stehen, als ich den Atem anhielt. Alles geschah blitzschnell. Die Menge ringsum schien zu erstarren und vor meinen Augen zu verschwimmen, als ich auf den Laden zustürmte. Es fühlte sich an, als watete ich durch Wasser. Ich konnte mich nicht schnell genug bewegen.

Ich war noch zwei Türen vom Eingang entfernt, als sich ein dunkelhaariger Starter mit einer dick wattierten, metallisch schimmernden Jacke auf mich stürzte. Ich sah einen Moment lang sein Gesicht mit dem energischen Kinn und den durchdringenden Augen. Dann schlang er die Arme um mich und zerrte mich rückwärts, so schnell er konnte.

Ehe ich zur Besinnung kam, erfolgte eine schreckliche, ohrenbetäubende Detonation. Sie kam von der Stelle, an der Reece gestanden hatte. Während wir durch die Luft geschleudert wurden, sah ich nichts als einen grellweißen Blitz.

Lissa Price

Über Lissa Price

Biografie

Lissa Price ist Drehbuchautorin und lebt nach mehreren Aufenthalten in Japan und Indien heute in Kalifornien. Ihr Roman »Starters« ist das höchstgehandelte Debüt der letzten Jahre.

Medien zu »Enders«

Pressestimmen

legimus.de

»›Enders‹ ist ein großartiger zweiter Band. Ein mitreißender Schreibstil, eine spannende Geschichte und viele Gefühle ziehen den Leser in seinen Bann und lassen ihn auch wirklich erst los, wenn man die letzte Seite umgeschlagen hat.«

Hamburger Morgenpost

»Während das erste Buch durch das alptraumhafte Motiv des Körpertausches faszinierte, punktet der Folgeroman vor allem durch Tempo und unerwartete Wendungen. Wer ›Starters‹ mochte, den wird auch ›Enders‹ in seinen Bann ziehen.«

Der Kinderbuch-Lotse

»›Enders‹ ist ein atemberaubender Abschluss! Diese Dilogie ist ein Muss für jeden Dystopie Fan und für solche, die es noch werden wollen.«

suite101.de

»Der spannende Fantasy-Roman punktet wieder mit vielen unerwarteten Wendungen und entwickelt sich zum absoluten Pageturner. Ein grandioses Buch für jugendliche Leser ab 14 Jahren und Erwachsene, die fesselnde Fantasy-Romane mögen.«

His+Her Books

»›Enders‹ kann seinem Vorgänger ›Starters‹ durchaus das Wasser reichen. Nach einem leichten Einstieg und einer kurzen Ruhepause fällt man in einen Sog aus Spannung, Hoffnung, Nervenkitzel, Emotionen und fantastischen Überraschungsmomenten.«

AGM Magazin

»Eine faszinierende Endzeitstory, die eine alptraumhafte Science-Fiction-Vision schildert, gleichzeitig aber auch den Mut und den Willen der Ich-Erzählerin, sich und ihrer Familie eine selbstbestimmte Zukunft aufzubauen. Fesselnd!«

fictionfantasy.de

»Genau wie sein Vorgänger ist auch ›Enders‹ von Lissa Price wieder ein spannendes Jugendbuch. Man trifft hier auf altbekannte und einige neue Personen und erlebt einige Überraschungen. Wem ›Starters‹ gefallen hat, der wird ›Enders‹ bestimmt auch mögen.«

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