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Eisiger Kuss

Eisiger Kuss

Aeternus 1

Roman

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Eisiger Kuss — Inhalt

Antoinette Petrescu musste als Kind mit ansehen, wie ein Vampir ihre Mutter ermordete. Um ihren Tod zu rächen, wurde sie zur Venatorin, einer Kämpferin, deren Aufgabe die Vernichtung der blutrünstigen Bestien ist. Als ein längst tot geglaubter Feind wieder auftaucht, ist Antoinette gezwungen, Hilfe anzunehmen. Doch kann sie dem attraktiven Christian Laroque vertrauen? Er gehört den Aeternus an, einer Gruppe rechtschaffener Vampire, die sich nur von freiwilligen Spendern ernähren. Doch Antoinette hasst alle Blutsauger, und so sind Spannungen vorprogrammiert …

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 13.10.2014
Übersetzer: Michael Siefener
448 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98161-3

Leseprobe zu »Eisiger Kuss«

Für meine Jungs
David, Corey und Seamus

 

1 JÄGER UND GEJAGTE

 

Antoinette schlich durch die Gasse, während unbekannte Schatten aus der Finsternis auf sie zudrängten. Auf ihrer Oberlippe standen Schweißtropfen. Sie wischte sich mit der Hand über das Gesicht, bevor die unangenehm salzige Feuchtigkeit in ihre Mundwinkel rinnen konnte.
Schweiß tröpfelte ihren Rücken hinunter. Sie zupfte sich das feuchte T-Shirt von der klebrigen Haut. Wenn sie die schwüle Luft in die Lunge sog, war es, als würde sie versuchen, durch ein warmes, nasses Laken zu atmen.
Verda [...]

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Für meine Jungs
David, Corey und Seamus

 

1 JÄGER UND GEJAGTE

 

Antoinette schlich durch die Gasse, während unbekannte Schatten aus der Finsternis auf sie zudrängten. Auf ihrer Oberlippe standen Schweißtropfen. Sie wischte sich mit der Hand über das Gesicht, bevor die unangenehm salzige Feuchtigkeit in ihre Mundwinkel rinnen konnte.
Schweiß tröpfelte ihren Rücken hinunter. Sie zupfte sich das feuchte T-Shirt von der klebrigen Haut. Wenn sie die schwüle Luft in die Lunge sog, war es, als würde sie versuchen, durch ein warmes, nasses Laken zu atmen.
Verdammte Hitze. Warum hatte er nicht einen etwas kühleren Ort gewählt?
Aber sie kannte das Motiv. Miami mit seiner ständig wechselnden Bevölkerung war der perfekte Jagdgrund.
Während der beiden letzten Wochen hatte sie zusammen mit ihrem Bruder Nici den vampiristischen Nekrodrenier durch drei Staaten verfolgt. Die Leichenspur des Mörders hatte sie hierher geführt, und nun waren sie ihm so nahe gekommen, dass sie ihn schon fast schmecken konnte.
Ein Schrei durchbohrte die stille Dunkelheit. Antoinette ging zu Boden und legte die Hand um den Pistolengriff. Ein zweiter Schrei zerriss die Nacht, und sie entspannte sich wieder. Nur ein paar kämpfende Kater.
Andere Geräusche drangen zu ihr vor: Irgendwo rechts tröpfelte Wasser, ferne Polizeisirenen heulten, und Tiere kreischten – sowohl zweibeinige als auch vierbeinige –, aber nirgendwo gab es eine Spur von ihrem Ziel.
Als sie den Kopf drehte, bemerkte sie ein Glitzern auf dem Boden und schaute nach rechts zum zerbrochenen Fenster in der Seitenfront des alten Lagerhauses. Glas knirschte unter ihren Stiefeln, während sie darauf zuging. Sie hielt sich am Fenstersims fest und zog sich hoch.
Antoinette blieb auf dem Sims hocken, bis sich ihre Augen an das Zwielicht gewöhnt hatten. Der Gestank aus dem Inneren traf sie mit beinahe körperlicher Wucht; das faulige Aroma war eine Mischung aus schimmeligem Papier, altem Urin und Tierkot. Doch dahinter befand sich etwas Zarteres und weitaus Verwirrenderes. Es war der Geruch von Schmerz, der Geruch des Bösen, der Geruch des Todes. Der Gestank eines nekrodrenischen Nests.

 

◄►

 

Christian wartete still und geduldig. An seinem Aussichtspunkt im Gebälk des Lagerraums in etwa dreißig Fuß Höhe hatte er sie schon gehört, als sie noch nicht zu sehen gewesen war.
Sie kam durch dasselbe Fenster, das er vorhin benutzt hatte, und er atmete ihren Geruch ein, behielt ihn in sich, schmeckte ihn, genoss ihn. Den Geruch eines Menschen.
Sie hockte auf dem Fenstersims, rümpfte angeekelt die Nase und kniff die Augen zusammen, während sie in die fernsten Ecken des verlassenen Gebäudes spähte. Selbst wenn sie den Blick nach oben gerichtet hätte, wäre er vor jeder Entdeckung sicher gewesen, denn er befand sich vollkommen im Schatten. Nach wenigen Minuten sprang sie leise in den Raum, kauerte sich nieder, stützte sich dabei mit den Händen am Boden ab, hielt den Kopf schräg und lauschte.
Ihre Kleidung – von der kugelsicheren Kampfweste des Sondereinsatzkommandos bis zu den festen schwarzen Armeestiefeln – war sehr gut für eine geheime Mission geeignet und hob ihre schlanke, athletische, aber unverkennbar weibliche Figur deutlich hervor. Sie hatte weder Parfum noch einen synthetischen Duft aufgelegt und trug nur ihren eigenen natürlichen Geruch. Ein dicker Zopf aus blassblondem Haar fiel ihr über eine Schulter; das Ende berührte den Boden, als sie sich niederkauerte. Sie war eindeutig eine Venatorin, und zwar eine sehr erfahrene, was an ihren Bewegungen zu erkennen war, obwohl er vermutete, dass sie nicht älter als fünfundzwanzig war.
Eine Pistole steckte im vorderen Holster der Kampfweste unter der linken Brust, und ein Katana-Schwert war auf ihrem Rücken befestigt; der Griff befand sich in Reichweite über ihrer rechten Schulter. Seine Neugier war angestachelt. Bei dieser Frau handelte es sich entweder um eine sehr dumme oder um eine äußerst erfahrene Jägerin alter Schule. Christian vermutete Letzteres.
Sie erhob sich und ging an der Wand entlang. Aus den Augenwinkeln nahm Christian eine verschwommene Bewegung wahr, als eine streunende Katze sanft auf dem Fenstersims landete. Das struppige Tier warf der jungen Frau einen raschen Blick zu, sprang in den Raum und rannte hinter einige Kartons, die vor der Wand aufgestapelt waren.
Das Herz der Jägerin schlug so laut und schwer wie ferner Donner. Wenn er ihr näher wäre, hätte er die Angst, die sie verströmte, schmecken können. Schon hatte sie das Schwert aus der Scheide gerissen. Beeindruckend. Sie in Aktion zu sehen, mochte eine angenehme Ablenkung darstellen. Abermals atmete er ihren Duft ein und leckte sich die Lippen. Sein Appetit war geweckt.
Ich frage mich, ob sie genauso gut schmeckt, wie sie riecht.

 

◄►

 

Antoinette schloss die Augen und zwang sich, langsamer zu atmen, während sie das Schwert wieder in die Scheide steckte.
Verdammte Katze.
Sie atmete tief ein, riss sich zusammen und schaute sich um. Unwillkürlich fuhr ihr ein Schauer am Rückgrat entlang, und sie schüttelte sich. Es sah ihr gar nicht ähnlich, so schreckhaft zu sein. Irgendetwas stimmte hier nicht, aber sie wusste nicht, was es war. Sie verspürte zwar keine unmittelbare Gefahr, aber ihre Nackenhaare hatten sich gesträubt.
Auf der anderen Seite des Gebäudes befand sich die Tür, nach der sie gesucht hatte. Antoinette riss den Klettverschluss einer Tasche an ihrer Weste auf. Ein Schweißtropfen rann an ihrem Nasenflügel entlang, erreichte die Spitze und tropfte ihr auf den Handrücken. Sie schleuderte ihn weg und fluchte leise. Nici durfte in dem Lieferwagen mit Klimaanlage warten, während sie durch dunkle Gassen und stinkende, verlassene Lagerhäuser schleichen musste.
Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Ich will es schließlich nicht anders. Wenn sie im Wagen hätte warten müssen, wäre sie verrückt geworden. Es war gut und richtig, dass sie und nicht Nici das Venator-Examen bestanden hatte – er war bei seinen Computern und all diesem technischen Mist besser aufgehoben.
Sie leckte sich über die trockenen Lippen, zog ihre Taschenlampe hervor, durchquerte den Raum und legte das Ohr an die Tür. Kein Holz, sondern Metall. Die unerwartete Kühle an ihrer Wange verschaffte ihr eine kurze, aber höchst willkommene Erleichterung.
Dahinter war nichts zu hören – nicht der leiseste Ton. Die Klinke bewegte sich leicht unter ihrer Hand – ein Zeichen von regelmäßiger Benutzung –, und mit sanftem Druck schwang die Tür auf.
Der Geruch des Dreniers drang aus dem Erdgeschoss herauf und war stärker als die Spuren hier oben, aber ebenfalls nicht frisch. Wenn er auf der Jagd war, würde er bald hierher zurückkehren. Zumindest hoffte sie das. Sie schluckte schwer und trat durch die offene Tür. Nur weil er nicht zu Hause war, bedeutete das nicht, dass dort unten keine anderen bösen Überraschungen auf sie warteten.
Antoinette schaute auf die schmale Treppe, die in die tintengleiche Schwärze hinunterführte, und zog die Pistole aus dem Holster. Obwohl ihr Herz nun ein wenig schneller schlug, waren ihre Hände trocken und zitterten nicht.
Sie zog den Ladestreifen heraus und sah nach der Munition. Die speziellen Hohlspitzgeschosse waren mit Silbernitrat gefüllt, dem einzigen Gift, das bei Dreniern wirkte. Vor dem Einsatz hatte sie die Kugeln bereits ein Dutzend Mal überprüft, aber es war besser sicherzugehen, als später das Nachsehen zu haben. Sie schob den Ladestreifen mit dem Handrücken wieder in den Griff, entsicherte die Waffe und stieg die Treppe hinunter.
Jeder Schritt brachte sie dem dunklen Erdgeschoss näher, und jeder Schritt machte sie noch ein wenig vorsichtiger. Sie schaltete die Taschenlampe ein und hielt sie über ihre Pistole, während sie den Strahl geradewegs vor sich hielt. Die Tür am oberen Ende der Treppe wurde mit einem lauten Knall zugeschlagen. Antoinette pochte das Herz bis zum Hals. Sie wirbelte herum und beobachtete die Treppe hinter sich. Leer.
Je tiefer sie kam, desto kühler wurde es, und der Schweiß auf ihrer Haut trocknete allmählich. Sie drehte den Kopf hin und her und lauschte nach Anzeichen für einen Hinterhalt. Die Sekunden wurden zu Minuten. Nicht einmal ein Rascheln ertönte, während sie weiter nach unten schritt.
Der saure Geruch nach verschüttetem Whiskey und altem Sex wurde stärker, je tiefer sie kam. Sie hielt sich die Rückseite der Pistole gegen die Nase, um andere, noch unangenehmere Gerüche zu blockieren, aber es half kaum.
Als sie das Ende der Treppe hinter sich ließ, hallten ihre Schritte laut durch die unheimliche Stille. Sie stieß eine leere Weinflasche um, die über den mit Zeitungen übersäten Betonboden rutschte, und folgte ihr mit dem Strahl ihrer Taschenlampe. Einige Fuß entfernt kam sie zum Stillstand – unmittelbar vor einem hochhackigen roten Lederstiefel. Mist.
Antoinette fuhr mit dem Lichtstrahl über den Stiefel hoch zu einem Torso in Unterwäsche und schließlich einem Kopf mit zerzausten blonden Haaren. Als sie sich neben den Körper hockte, drehte sich ihr der Magen um. Verdammt. Diesen Teil ihrer Arbeit hasste sie, besonders wenn die Opfer schon eine Weile tot waren. Unbeholfen steckte sie sich die Taschenlampe zwischen Schulter und Kinn, schob das feine Haar aus dem Gesicht des Opfers und enthüllte glasige blaue Augen, die ins Nichts starrten.
Ein Kichern der Erleichterung entfuhr ihr, bevor sie etwas dagegen unternehmen konnte. Es war nur eine Puppe – lebensecht, aber eindeutig bloß eine Puppe.
Sie beschrieb mit der Taschenlampe einen weiten Bogen und erkannte weitere aufblasbare Sexpuppen, die verstreut inmitten des Unrats lagen.
Abschaum. Dieser Drenier war offenbar sexuell abartig veranlagt und hatte eine Vorliebe für Nekrophilie. Vermutlich benutzte er die Sexpuppen zwischen seinen Morden. Kein Wunder, dass sich die Ausbeute in der letzten Woche verdoppelt hatte. Aber war er noch hier? Oder hatte er sich bereits in sein nächstes Jagdrevier begeben?
Im Schein ihrer Taschenlampe durchsuchte Antoinette den Abfall. Da es hier keinen Gestank von verwesendem Fleisch gab, behielt er seine Opfer wohl nicht, wie es einige andere taten. Vermutlich folterte er sie hier, worauf der Gestank von altem Blut und Kot hindeutete, und lud sie dann anderswo ab.
Plötzlich traf der Lichtstrahl einen Rucksack, halb im Unrat verborgen. Darin fand sie Kleidung und einiges andere, aber nichts wirklich Interessantes – bis ihre Finger gegen etwas Festeres stießen. Sie zog eine kleinere Tasche hervor, öffnete sie und fand ein dickes Bündel Geldscheine und einige Münzen. Vor allem aber fand sie Dinge, die zu den Beschreibungen der persönlichen Gegenstände passten, welche den Opfern der Zielperson gehört hatten. Seine Souvenirs.
Er würde zurückkehren – das hier würde er auf keinen Fall aufgeben. Sie legte den Rucksack dorthin zurück, wo sie ihn gefunden hatte, und wischte sich die Handflächen an ihrer Jeans ab. Ihre Haut prickelte vor Abscheu.
Jetzt konnte sie nichts weiter tun als abzuwarten. Aber nicht hier unten, nicht in der Dunkelheit, die zu ihm gehörte und ihm einen Vorteil verschaffte.
Als sie die Treppe wieder hochschritt, schien diese nicht mehr annähernd so lang zu sein wie vorher. Antoinette erreichte die Tür, blieb stehen und lauschte. Noch immer war nichts zu hören, aber er könnte durchaus da draußen sein und auf sie warten. Sie trat durch die Tür und schaute sich um, während sie mit ihrer Waffe in die Ecken, auf das Fenster und die Kartons zielte. Alles war sauber.
Die Dunkelheit verbarg die Ecken und Balken der hohen Decke. Sie schnupperte die faulige Luft und suchte nach einem frischen drenischen Geruch. Die Zeitungen hatten berichtet, dass heute Morgen wieder eine Leiche gefunden worden war. Das Opfer war gefoltert worden, bevor man ihm die Kehle durchgeschnitten und es vergewaltigt hatte – das Markenzeichen dieses kranken Bastards. Er würde kräftig nach diesem jüngsten Mord stinken.
Als sie sich umdrehte, richteten sich ihr die Nackenhaare auf, und sie wirbelte wieder herum. Etwas beobachtete sie von den Deckenbalken aus. Etwas … oder jemand. Sie spürte die Blicke, die auf ihr ruhten, trat näher und blinzelte in die Finsternis. Sie konnte nichts erkennen, aber …
Ein gläsernes Klirren ertönte von draußen, und sofort suchte sie Schutz hinter den Kartons. Als etwas Schweres auf dem Boden landete, spannte sich Antoinette an.
Da war er. Endlich.
Adrenalin schoss durch ihre Adern; sie spürte es in ihrem Blutstrom und hieß den klaren Blick willkommen, den es ihr verschaffte. Sie schlich in einem Kreis hinter den Drenier und hielt sich dabei im Schutz der Kartons. Er war viel größer, als sie erwartet hatte. Und er stellte sie vor ein weiteres Problem. Er war nicht allein.

 

◄►

 

Christian entspannte sich ein wenig. Das Handgemenge draußen auf der Gasse hatte die Ankunft der Zielperson bereits angekündigt, lange bevor die Frau es gehört hatte. Der Drenier hatte ihn vor der Entdeckung bewahrt, gerade als die Venatorin in Christians Richtung gesehen hatte – als hätte sie seine Gegenwart irgendwie in der Finsternis gespürt. Dann war sie verschwunden, als der Drenier unbeholfen den Raum betreten hatte.
Nun wies der unverkennbare Gestank die Zielperson als das aus, was sie war – ein Nekrodrenier, die schlimmste Art der Aeternus-Rasse. Christian unterdrückte seinen Abscheu.
Diesem hier gefiel es, Schmerz und Angst zu verbreiten. Die Verstärkung der Gefühle eines Opfers veränderte den Geschmack seines Blutes und machte den Rausch des Dreniers noch mächtiger, wenn er tötete. Jede Empfindung bot eine andere Erfahrung. Das süße Blut der Leidenschaft sorgte für ein euphorisches Hochgefühl, während die streng riechende Angst zu einem scharfen, konzentrierten Rausch führte, so wie ihn Kokain bei einem Menschen hervorrief – zumindest hatte man ihm das gesagt.
Und der Drenier war nicht allein. Ein junges Mädchen hing schlaff über seiner Schulter. An seinem rhythmischen Herzschlag erkannte Christian, dass es noch lebte.
Er entschied, sich nicht in die Angelegenheit der menschlichen Venatorin und des Dreniers einzumischen – zumindest noch nicht. Venatoren waren im Allgemeinen sehr darauf bedacht, als Einzige in ihrem Gebiet tätig zu werden. Zudem verstieß es gegen die RaMPA-Anweisungen für einen Agenten wie ihn selbst, sich mit der Zielperson eines ausgebildeten Venators anzulegen. Zumindest versprach es ein interessanter – vermutlich sogar ein unterhaltsamer – Kampf zu werden.
Die Kartons, die ihr Schutz boten, verhalfen ihr offensichtlich nicht zu einem freien Schussfeld, denn sie kroch zwischen ihnen hervor, ohne mit der Pistole auf den Drenier zu zielen. Die Waffe lag fest in ihrer Hand, ihr Herzschlag war nur leicht erhöht, und stählerne Entschlossenheit zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab.
»Kluges Mädchen.« Christians Stimme, nicht mehr als ein Flüstern – wie das Rascheln von Seide über Glas –, war unmöglich von den Personen unter ihm zu hören.
Der große Drenier war ein mehr als ebenbürtiger Gegner für einen Menschen, selbst wenn er so fähig war wie diese Frau. Aber ihre Bewegungen waren geschmeidig, zuversichtlich und vollkommen; jeder Schritt war wohl abgewogen und vorsichtig, während sie eine geeignete Schussposition suchte.
Ein Kreischen durchschnitt die stille Luft, und die Frau erstarrte. Verwirrung zeigte sich auf ihrem Gesicht, ihr Herz hämmerte. Zwei Fuß von ihr entfernt saß die streunende Katze und hatte die Zähne um die Kehle einer großen, zuckenden Ratte geschlossen.
Der Drenier schaute kurz auf das Tier, drehte sich dann wieder zur Tür, machte einen weiteren Schritt auf sie zu, blieb stehen und schnüffelte. Ein tiefes Knurren ertönte und wurde zu einem Brüllen, als er das halb bewusstlose Opfer zu Boden warf und mit der ungeheuren Schnelligkeit seiner Rasse auf die Venatorin zusprang. Innerhalb eines Lidschlags hatte er sie erreicht. Die gewaltige, tatzenartige Hand des Dreniers fuhr zur Seite, und die junge Frau versuchte sich darunter hinwegzuducken. Doch der Schlag traf sie, riss ihren Kopf zurück und beförderte sie in den Kartonhaufen.
Hätte sie ein wenig langsamer reagiert, wäre ihr von dem Schlag der Kopf abgerissen worden. Sofort war sie wieder auf den Beinen, hob die Hand seitlich an den Kopf und schüttelte ihn kurz. Ihr war die Waffe aus der Hand geschlagen worden, und nun griff sie hinter sich und zog ihr Schwert.
Christian beugte sich vor, neugierig, was sie als Nächstes tun würde. Wenn es nötig werden sollte, würde er eingreifen – er könnte es jetzt schon tun, aber das würde ihr die Prämie nehmen.
»Dummes Mädchen.« Die Stimme des Dreniers triefte vor Verachtung. »Glaubst du wirklich, du kannst mir mit dieser kümmerlichen Klinge etwas antun?«
Er sprang wieder. Diesmal aber stellte sie sich breitbeinig hin und wartete. Sie passte genau den richtigen Zeitpunkt ab, bewegte sich leicht nach links und hieb mit dem rasiermesserscharfen Katana zu. Sie wirbelte zurück und sah den Drenier an, der mit ungläubigem Entsetzen auf seinen rechten Arm starrte, der nun am Handgelenk endete. Die Hand war mit chirurgischer Präzision abgetrennt worden und lag zuckend vor seinen Füßen. Dunkles Blut spritzte ihr ins Gesicht, während sie wieder das Schwert vor sich hielt.
Der Schock des Dreniers dauerte nicht lange an. Sein Gesicht verzog sich vor Wut. »Du Biest.« Zum dritten Mal stürzte er auf sie zu.
Sie wich ihm aus, war aber nicht schnell genug. Mit der verbliebenen Hand fuhr er ihr unter die Kampfweste und riss ihr mit seinen klauenartigen Nägeln etliche parallele Wunden in das Fleisch über der Hüfte. Ein Spritzer frisches und berauschendes Menschenblut traf Christian. Das war etwas anderes als die faulige Brühe, die sich aus den Adern des Dreniers ergoss. Christians Fangzähne stießen gegen den Gaumen, er spannte sich an und war bereit, zwischen die beiden zu springen.
Doch bevor Christian etwas unternehmen konnte, war sie schon herumgewirbelt, hatte das Schwert in mächtigem Bogen geschwungen und wandte die Schnelligkeit des Dreniers gegen ihn. Er rannte geradewegs in die Klinge und erstarrte mitten in der Bewegung. Sein Mund bildete ein stummes O, während dunkelrote, fast schwarze Perlen aus dem diagonalen Schnitt durch seinen Hals traten. Als der Körper in die Knie sackte, kippte der Kopf nach rechts, prallte klatschend zu Boden und rollte ihr entgegen. Der Ausdruck des Unglaubens auf dem abgetrennten Kopf wirkte beinahe komisch, und dann blieb er vor den Füßen der Venatorin liegen.

 

2 AUS UND VORBEI

 

Antoinettes Blickfeld verschwamm. Sie beugte sich vor, stützte sich auf den Knien ab und rang nach Luft. Langsam ließ der Schmerz in ihrem Kopf nach und wurde zu einem dumpfen Pochen. Benommen versuchte sie zu atmen – es gelang ihr kaum.
Als sie endlich genug Luft in der Lunge hatte, um wieder sprechen zu können, zog sie das Handy aus der Tasche und aktivierte es. Ein Venator nahm nie ein eingeschaltetes Handy mit auf die Jagd, denn ein Drenier konnte das elektronische Summen spüren.
»Nici, es ist erledigt«, gab sie durch, als es betriebsbereit war.
»Ist alles in Ordnung mit dir?«, fragte er.
»Nur ein paar Schnittwunden und Prellungen, aber nichts Schlimmes.«
»Lügnerin.«
Ihr Bruder kannte sie eben allzu gut.
»Hier ist ein bewusstloses Mädchen. Fahr den Wagen näher heran und bring den Erste-Hilfe-Koffer mit. Ich lenke dich herein.«
»In Ordnung, ich bin in einer Minute da.«
Antoinette schob eine Kiste zum Fenster, holte den Klappspiegel aus ihrer linken Westentasche, kletterte hinauf und wartete auf Nici. Vor Erschöpfung war ihr übel, und sie stützte sich auf dem Sims ab, während eine Welle der Benommenheit sie überkam.
Scheinwerfer leuchteten in die schmale Gasse und blendeten auf und ab. Sie hielt den Spiegel so aus dem Fenster, dass er das Licht einfing. Wenige Minuten später sprang Nici durch das Fenster und landete mit einem Grunzen schwer auf dem Boden. Dann machte er sich daran, ihr zu helfen.
»Kümmere dich nicht um mich, sondern sieh nach dem Mädchen.«
Sie stieß seinen Arm beiseite, und er runzelte die Stirn auf seine vertraute Du-bist-ja-so-stur-Weise.
Während er sich mit dem Mädchen beschäftigte, kletterte Antoinette von der Kiste und achtete darauf, sich nicht zu schnell zu bewegen, damit das Pochen in ihrem Kopf nicht wieder stärker wurde. Momentan fühlte sie sich nicht mehr, als hätte sie ein Dreißigtonner überrollt, sondern nur noch, als würde ihr ein Presslufthammer mitten ins Hirn hämmern.
»Sie wird es überleben«, sagte Nici, nachdem er das Mädchen rasch untersucht hatte. »Aber sie wird höllische Kopfschmerzen haben.«
Genau wie ich. »Können wir sie bewegen?« Jetzt erst erkannte Antoinette, dass das Opfer nicht älter als fünfzehn sein konnte. So jung.
Nici schob die Lider des Mädchens hoch und leuchtete ihm in die Pupillen. »Ich glaube nicht, dass sie sich etwas gebrochen hat, aber sie hat eine ziemlich heftige Gehirnerschütterung.« Er schaute hoch zu Antoinette. »Und sie sollte gesäubert werden.«
Das Mädchen stank nach frischem Urin. Es musste sich zu Tode geängstigt haben.
Er stand auf und wischte sich die Hände am Hosenboden ab. »So, jetzt bist du an der Reihe.« Er drehte ihr Gesicht so, dass er es deutlich sehen konnte, und leuchtete ihr mit seiner Taschenlampe in die Augen. »Hm. Du wirst ein ganz schönes Veilchen bekommen, und wir sollten dich besser ins Krankenhaus bringen und untersuchen lassen, ob dein Schädel keine Fraktur davongetragen hat. Was sonst noch?«
Sie hob ihre teilweise zerfetzte Kampfweste an, und Nici senkte den Lichtstrahl auf ihr blutdurchtränktes Höschen. »Schlimm!« Er holte Verbandmull aus dem Koffer und klebte ihn auf die Wunde. »Das reicht fürs Erste. Die Schnitte sind zum Glück nicht tief und müssen vermutlich nicht genäht werden, aber wir sollten dir Antibiotika besorgen.« Nici warf einen raschen Blick auf den kopflosen Leichnam. »Dieser Drenier wirkt nicht gerade wie eine blitzsaubere Hausfrau.«
»Du solltest mal einen Blick ins Erdgeschoss werfen.« Angewidert rümpfte sie die Nase.
»Dann wäre es am besten, wenn du die Beweise hier oben fotografierst, während ich nach unten gehe.«
»Einverstanden.« Sie hatte eine kleine Digitalkamera in der Tasche. »Sein Rucksack mit den Souvenirs ist da unten. Nimm sie als Beweis mit.«
»Das Dezernat kann dafür sorgen, dass sie an die Familien der Opfer zurückgegeben werden.« Er machte einen Schritt auf die Tür zu, blieb stehen und holte eine Flasche aus seinem Koffer. »Hier, fang.«
Sie schnappte die Flasche und zog die Luft scharf durch zusammengebissene Zähne, als sich der Schmerz in ihren Kopf bohrte.
»Tut mir leid, Schwesterherz«, sagte er und zuckte die Schultern. »Du wirst zwar etwas langsam, aber deine Reflexe sind noch immer ziemlich gut.«
»Kleiner Bruder«, sagte sie und rollte mit der rechten Schulter, »dafür schuldest du mir eine Massage. Ich glaube, ich habe mir etwas verstaucht.«
»Bestimmt.« Er zwinkerte ihr zu und ging zur Tür, hinter der die Treppe ins Erdgeschoss lag. Er humpelte leicht, was er einem Unfall vor einigen Jahren zu verdanken hatte. Vom langen Sitzen im Wagen musste er einen Krampf bekommen haben, denn für gewöhnlich bemerkte sie sein Humpeln gar nicht mehr.
An der Tür zum Erdgeschoss wählte Nici eine Nummer auf seinem Handy. »Bericht über eine nekrodrenische Ausmerzung, ausgeführt an Zielperson eins-sieben-neun-sechs-zwei-eins-null-sechs-Alpha-Charlie. Wir brauchen Säuberung und Bestätigung durch die NKA in einem Lagerhaus im Liberty-City-Gebiet …« Nicis Stimme wurde immer leiser, während er die Treppe hinunterstieg und dabei Meldung an die Nekrodrenische Kontrollabteilung machte, die zum Dezernat für Paramenschliche Sicherheit gehörte – es war im Allgemeinen unter der Bezeichnung »das Dezernat« bekannt und stellte eine halbstaatliche Organisation dar, die für die paramenschliche Gesetzesvollstreckung verantwortlich zeichnete.
Sobald Nici verschwunden war, sackte Antoinette gegen die nächste Kiste und leckte sich die trockenen Lippen. Die Flüssigkeit in der Flasche sprudelte einladend, als sie den Verschluss öffnete. Gierig trank sie. Das warme Sportgetränk floss salzig-süß über ihre vom Durst geschwollene Zunge und glitt die ausgedörrte Kehle hinunter.
Antoinette hob das Katana-Schwert auf und wischte die befleckte Klinge an ihrem Hemdsaum ab. Das musste ausreichen, bis sie es mit der Sorgfalt säubern konnte, die ihm gebührte.
Nachdem sie es wieder in die Scheide gesteckt hatte, machte sie für die Akten ein paar Fotos vom Tatort. Diesmal würde sie eine gute Prämie bekommen. Der Drenier hatte mehr als fünfzehn Mädchen getötet, von denen sie wussten; vermutlich waren es sogar noch mehr.

Über Tracey O'Hara

Biografie

Tracey O'Hara wuchs mit den Werken von Stephen King, Raymond E. Feist und J.R.R. Tolkien auf und entdeckte dabei ihre Liebe zu Abenteuerromanen und Paranormal Mysterys. Wenn sie nicht schreibt, liest oder Heavy Metal hört, verbringt sie Zeit mit ihrem Mann, zwei Söhnen und drei Katzen. Sie lebt in...

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