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Eines Morgens auf dem Land

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Roman

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Eines Morgens auf dem Land — Inhalt

Zwei stadtmüde Aussteiger, die von einem Bed & Breakfast in der Auvergne träumen, ein schießwütiger alter Bauer, acht Charolaisrinder und ein aufgewecktes kleines Mädchen – könnte das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein?

Warmherzig, skurril und mit einem kleinen Augenzwinkern erzählt Gérard Georges vom Leben auf dem Land und davon, dass es nie zu spät ist für das Glück.

€ 7,99 [D], € 7,99 [A]
Erschienen am 27.08.2013
Übersetzer: Christiane Landgrebe
272 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96428-9

Leseprobe zu »Eines Morgens auf dem Land«

Zur Erinnerung an Marcel Bénézit,
Schriftsteller aus der Combraille,
der zu früh in andere Gefilde entschwunden ist.

 

1

 

»Wer sind denn die zwei komischen Gestalten?«
Ferdinand sitzt dösend am Fenster und hebt ein wenig die Gardine, die früher einmal durchsichtig war und jetzt voller Fliegendreck ist. Es ist ein Abend im Oktober. Bald wird tiefe Nacht herrschen im Dorf Garachou, wo er schon seit Jahren lebt.
»Was die hier bloß wollen?«, murmelt er irritiert und zupft an seinem weißen Bart.
Seine Hündin, die ihm zu Füßen liegt, sieht ihn beunruhigt an [...]

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Zur Erinnerung an Marcel Bénézit,
Schriftsteller aus der Combraille,
der zu früh in andere Gefilde entschwunden ist.

 

1

 

»Wer sind denn die zwei komischen Gestalten?«
Ferdinand sitzt dösend am Fenster und hebt ein wenig die Gardine, die früher einmal durchsichtig war und jetzt voller Fliegendreck ist. Es ist ein Abend im Oktober. Bald wird tiefe Nacht herrschen im Dorf Garachou, wo er schon seit Jahren lebt.
»Was die hier bloß wollen?«, murmelt er irritiert und zupft an seinem weißen Bart.
Seine Hündin, die ihm zu Füßen liegt, sieht ihn beunruhigt an und beginnt leise zu winseln. Sie ist ein Mischling, halb Collie, halb Border mit rauem, schwarzweißem Fell.
»Du kennst diese Witzbolde auch nicht, gute alte Gamine.«
Ferdinand kneift die Augen zusammen und schaut genauer hin.
»Hab ich hier noch nie gesehen, soviel ist klar. Ich kann mir keinen Reim drauf machen. Also wirklich, um diese Zeit hier rumlaufen, das macht doch kein anständiger Mensch.«
Er steht auf und holt sein Jagdgewehr aus dem Schrank, auf dem das Wappen der Waffen- und Radfabrik von Saint-étienne zu sehen ist. Es hat schon seinem Vater und Großvater gehört.
»Na, die sollen ruhig herkommen, die werden schon sehen.«
Ferdinand schiebt zwei Patronen in den Lauf, legt den Kolben an seine rechte Schulter und wartet.
Nach langem Überlegen beschließen die Männer, den Hof zu betreten. Ferdinand hält das Gewehr fester, sein Zeigefinger verkrampft sich am Abzug. Gamine fängt an zu knurren und fletscht die Zähne, bereit zuzubeißen.
»Ganz ruhig, meine Gute«, flüstert Ferdinand ihr zu.
Zweimal klopft es leise an der hölzernen Eingangstür. Dann wieder zweimal, diesmal etwas lauter.
Die haben wohl tatsächlich vor, sich hier einzunisten. Oder sind es Einbrecher?
»Verschwindet!«, brüllt Ferdinand. Seine Stimme donnert durch den Raum.
»Na los, macht, dass ihr fortkommt!«, ruft er noch einmal. »Um diese Zeit schleicht man nicht auf anderer Leute Grundstücken herum. Ich habe ein Gewehr, es ist geladen, verstanden? Und wenn ihr mich nicht verstehen wollt, gebrauche ich es auch.«
Einen Moment ist es ganz still, dann sagt jemand mit unverkennbar britischem Akzent:
»Wir sind keine Einbrecher, Monsieur! Ich bin Ihr neuer Nachbar und wollte mich nur vorstellen. Und der Mann, der bei mir ist, ist mein Makler aus Riom. Wir führen nichts Böses im Schilde, Monsieur …«
Ferdinand schnauft verächtlich. Nachbarn! Lächerlich! Er lebt doch ganz allein hier in diesem Weiler. Was kann ein Engländer hier schon wollen?
»Zieht Leine! Ich sag das nicht zweimal! Sonst brenn ich euch ein paar Kugeln auf den Pelz!«
Ferdinand hört Schritte, die sich zögernd entfernen und immer leiser werden. Na also! Er setzt sich wieder ans Fenster und beobachtet die beiden Gestalten, die nun den Hof in Richtung Tor überqueren, der eine groß und schlank, der andere klein und gedrungen.
Er stößt einen lauten Seufzer aus und tätschelt seinen Hund, bevor er kopfschüttelnd feststellt:
»In was für Zeiten leben wir, meine alte Gamine?!«

 

Ferdinand wohnt schon seit einundsiebzig Jahren auf dem Hof. Er ist dort geboren, er wird dort sterben. Einundsiebzig Jahre Plackerei, denkt er oft. Solche Gedanken kommen ihm vor allem abends, wenn er mit Gamine allein in dem großen Haus ist. Dann hat er Zeit, und es tauchen immer wieder die alten Erinnerungen auf. Ein paar Gespenster werden lebendig, alle seine Lieben, die inzwischen gestorben sind.
Die zwei Jahre, die er im Gebirge in Algerien verbracht hat, kann er nicht mitrechnen. Zwei Jahre in diesem schrecklichen Krieg, der so viel Bitterkeit und sehr viel Groll gegen die Menschheit in seinem Herzen hinterlassen hat.
Ganz gleich wo Ferdinand hinkommt, er fällt überall auf. Er rasiert sich den Bart schon seit Jahren nicht mehr, schneidet sich nicht die Haare. Seine lange weiße Mähne schaut aus einer uralten Mütze hervor, deren ursprüngliche Farbe schwer auszumachen ist. Er sieht damit eher aus wie ein Seemann auf der Brücke seines Schiffs am Kap Hoorn als ein Bauer aus der Combraille in der Auvergne.
Wenn er mit seinem alten Moped einmal in der Woche in Chabassières einkauft oder manchmal auch in Montcel, der Hauptstadt des Kantons, gucken die Leute. Ferdinand ist stolz auf seine kleine Maschine und behauptet bei jeder Gelegenheit, mit der Gangschaltung könne er die steilsten Hügel hochfahren, ohne den Hintern vom Sattel zu heben.
Ferdinand besitzt auch Vieh. Nicht so viel wie früher, aber immerhin. Acht Charolais-Kühe, die man an ihren unregelmäßigen Hörnern erkennt. Er liebt seine Tiere, sie sind gutmütig und einfach im Umgang. Wenn man bedenkt, dass sie bis zu hundertdreißig Kühe hatten, als Félicien noch lebte – »mein armer Bruder«, wie Ferdinand ihn immer nennt. Ja, das waren goldene Zeiten, wie er sie nicht mehr erleben wird. Jetzt, wo er allein ist, würde er das sowieso nicht mehr schaffen.
Und das Haus? Es ist genau wie er selbst ganz schön alt geworden.Aber warum sollte er es renovieren? Wen kümmert nach seinem Tod, was damit geschieht? Als er noch jung war, ja, damals, da hat er sich in die schöne Yvette verguckt. Ach, dieses Hundeleben! Warum ist nur alles so schief gelaufen? Na jedenfalls, diese Geschichte ist lange vorbei. Am besten so tun, als hätte es sie nie gegeben.
Doch manchmal, wenn er nachts in seinem großen Bett wach wird, während draußen die Käuzchen schreien, denkt er doch daran. Vor allem, wenn er zu seiner Verblüffung feststellt, dass sich in seiner Hose etwas regt. Dann fragt er sich, warum ihm das Schicksal so übel mitgespielt hat. Ausgerechnet ihm.
Einundsiebzig Jahre! Fast ein Dreivierteljahrhundert! Ist es möglich, so alt zu werden, ohne je richtig gelebt zu haben?

 

Es wird Nacht. Kein Mond ist am Himmel zu sehen. Nebel liegt über den Wipfeln der Eschen und bald wird es aussehen, als sei die ganze Gegend von schwarzem Pech übergossen. In der Ferne bellt ein einsamer Hund, und Gamine spitzt die Ohren. Ferdinand vermutet, dass es der Hofhund von Auguste Chaffraix in Taravelles ist. Genau wie sein Herrchen jault er ständig herum. Dieses Tier hält gar nichts aus und bellt Himmel und Erde zusammen, sobald eine Heuschrecke seine Nase berührt oder eine Eidechse zwischen seinen Beinen herläuft.
Ferdinand steht auf und schiebt den Stuhl zurück. Er muss sein Wasser abschlagen. Gamine folgt ihm auf dem Fuß, diese Hündin kommt immer mit. Er geht raus auf den Hof und pinkelt gegen den Misthaufen. Der Nebel ist jetzt so dicht wie Samt. Ein starker Geruch von Exkrementen steigt dem alten Bauern in die Nase, und er sagt sich, dass er schon längst eine Toilette im Haus hätte einbauen sollen. Aber Félicien wollte das nicht. Er behauptete immer, es sei viel angenehmer, seine Bedürfnisse im Freien zu verrichten. Zum Teufel, wie stur er doch war, dieser Félicien!
Drei Jahre. Im Dezember ist es schon drei Jahre her, dass sein älterer Bruder ihn verlassen hat. Im Schlaf gestorben, einfach so, ohne Vorwarnung. Ferdinand hatte nicht mal Zeit, Abschied zu nehmen oder Hilfe zu holen.
Ferdinand knöpft sich die Hose zu und erinnert sich, dass er es mit seinem »armen Bruder« nicht gerade leicht hatte. Das Leben mit Félicien war schwierig. Er bekam fürchterliche Wutanfälle, wenn die Dinge nicht so liefen, wie er wollte. In solchen Momenten versteckte sich Gamine unter dem Tisch und er, der Jüngere, schwieg und wartete, bis es vorüber war.
Ferdinand furzt geräuschvoll und gibt einen wohligen Seufzer von sich. Heute macht er nur noch das, wozu er Lust hat, und braucht niemanden um Erlaubnis zu fragen. Freiheit. Ein Privileg der Reichen und derer, die allein auf der Welt sind.
Der Nebel ist noch dichter geworden. Ferdinand starrt in die Dunkelheit. Alles ist ruhig. Die beiden komischen Vögel sind jedenfalls abgehauen. Er grinst zufrieden und entblößt seine vom Tabak verfärbten Zähne.
»Komm, Gamine, es ist Zeit reinzugehen.«
Die Hündin sieht ihn mit ihren schönen braunen Augen an und wedelt mit dem Schwanz, bevor sie sich an seinen Beinen reibt und ihm folgt.
Drinnen dreht Ferdinand zweimal den Schlüssel im Schloss um und wirft noch einen Buchenscheit in die Glut des Kamins. Ganz in der Nähe, im Stall, auf der anderen Seite der Bretterwand, hört er die Kuh, die einzige der acht Charolais-Kühe, die er nachts nicht auf die Wiese lässt, weil sie so empfindlich ist. Gamine wedelt mit dem Schwanz.
»Jetzt wird geschlafen, Gamine!«
Gamine gehorcht und lässt sich am Feuer nieder, während Ferdinand seinen Fuß auf die erste Treppenstufe setzt, die immer so laut knarrt. Dann geht er hinauf in sein Schlafzimmer.
Diese beiden Kerle kommen bestimmt wieder, denkt er, als er im Bett liegt. Ein neuer Nachbar, hat der Typ mit dem britischen Akzent gesagt? So ein Unsinn! Wie kann man sich nur in diese Gegend verirren? Haben die Roastbeefs bei sich nicht Platz genug? Diese verdammten Engländer, als ob es nicht schon reicht, dass sie Jeanne d’Arc verbrannt haben! Was können die hier in seinem Weiler wollen, die wollen doch nicht etwa …
Doch bevor Ferdinand seinen Gedanken zu Ende denken kann, ist er schon eingeschlafen. Sein Schnarchen dröhnt durchs ganze Haus. Und selbst wenn die Engländer an diesem nebeligen Oktoberabend die Combraille überfallen hätten, hätte er davon garantiert nichts mitbekommen.

 

2

 

Das fahle Licht der Morgendämmerung taucht das Schlafzimmer in marmorgraue Helligkeit. Die Läden, die Ferdinand nie zumacht, schlagen gegen die Hauswand, im Rhythmus des Nordwestwinds, der ihn aus einem bleiernem Schlaf befreit. Er öffnet die Augen, versucht die Dinge um sich herum zu erkennen. Nach und nach nehmen sie Konturen an. In der Nacht ist es so, als gäbe es sie nicht mehr. Doch nun erwachen sie wieder zum Leben.
Er hebt ächzend den Kopf aus dem dicken Federkissen. Auch die Starre in seinem Genick ist wieder da, wie jeden Morgen. Sie ist eine treue Gefährtin und wird erst in ein, zwei Stunden wieder weggehen.
Das ist das Alter. Jeder hat seine Wehwehchen. Man muss damit klarkommen.
Ferdinand räkelt sich und genießt es, noch einen Moment im Bett liegen zu bleiben und zu beobachten, wie der Tag beginnt. Das hätte er sich früher nicht erlauben können.Als die Mutter noch lebte, kam das nicht in Frage. Aufstehen vor Sonnenaufgang und wehe, jemand hat gemeckert! Das harte Leben der Bauern folgte seinen eigenen Gesetzen, denen sich keiner entziehen konnte.
Gottohgott! Die Mutter! Die alte Henrinette hatte einen schlimmen Tod. Zwei Jahre in Riom im Krankenhaus, immer wieder musste sie dorthin, und am Ende musste ihr Bein abgenommen werden. So ein Unglück! Arme Frau! In ihrem Leben hatten Gefühle keinen Platz. Ferdinand erinnert sich, dass es Ohrfeigen nur so hagelte. »Bitte, das hast du jetzt davon!«, sagte sie dann immer.
Und doch war sie unsere Mutter, denkt Ferdinand, als er jetzt aus dem Fenster in den grauen Morgen hinausschaut. Wie traurig waren wir, als wir sie verloren, Félicien und ich.
Einige Zeit später starben auch die beiden Schwestern – Marguerite, die Ältere, und Odette, das Nesthäkchen. Die beiden Brüder taten, was sie konnten, um den Hof am Leben zu halten und die Charolais-Herde großzuziehen.

 

Ferdinand spitzt die Ohren. Gerade sind die Gänse mit einem riesigen Geschnatter aufgewacht. Gleich werden die anderen auch loslegen, denkt er, und da fängt auch schon der Hahn an, herumzutrompeten.
»Es ist Zeit.Wenn man los muss, muss man los.«
Mühsam setzt Ferdinand sich auf den Bettrand und stellt die Füße auf den Boden. Seine Glieder sind steif und schmerzen.Wie jeden Morgen ist ihm ein bisschen schwindelig und er muss ein paar Sekunden warten, bis es vorbei ist. Dann steht er auf und öffnet das Fenster. Die Rahmen, deren Holz aufgequollen ist, wehren sich einen Moment, bevor sie nachgeben und die stickige Luft aus dem Zimmer lassen. Frische Luft dringt herein, zusammen mit feuchten Nebelschwaden.
Ferdinand steigt die Treppe nach unten und hält sich am Geländer fest. Dann öffnet er die Eingangstür. Gamine hat ihn kommen hören, reibt sich an seinen Beinen und wirft ihn fast um.
»Nun beruhig dich, meine Schöne!«, brummt er. »Du tust ja, als hättest du mich Jahre nicht gesehen.«
Es ist kühl. Ein milchiger Morgenhimmel liegt wie ein zartes lichtes Band über dem Nebel, der den ganzen Hof in Watte packt.
Gamine verschwindet nach draußen und erledigt ihr Geschäft. Der Hund von Auguste Chaffraix in Taravelle bellt bereits schon wieder wie verrückt.
»Früher als dieser Kläffer fängt wirklich keiner an«, brummt Ferdinand. »Verflucht, wenn mir so ein Köter gehören würde, hätte ich ihm schon längst eine Kugel verpasst.«
Er weiß genau, dass er so etwas niemals tun würde, aber es macht Spaß, so zu reden.
Als er wieder in der Küche ist, zündet er den Gasherd an und wärmt sich den Kaffee von gestern auf. Dieser Raum ist die reinste Rumpelkammer. Vom Fußboden bis in schwindelnde Höhen findet sich hier alles: Sardinenbüchsen, Konserven, Zeitungen – La Montagne, die er jeden Tag per Post bekommt, Le Paysan d’Auvergne, Le Semeur Hebdo, die er kauft, wenn er in Chabassières oder Montcel einkaufen geht –, Kochtöpfe, Pfannen, literweise Obstwasser, Weckgläser mit Kirschen in Branntwein, andere mit Bohnen oder Artischocken, Bündel von Schalotten und Zwiebeln.
Eine Glühbirne aus Milchglas wirft ihr schwaches Licht auf all die Dinge, die herumliegen – alte Hasenfelle, eine Waschtonne und drei oder vier abgelaufene Kalender von der Post.
Irgendwann muss ich das alles mal aufräumen, denkt Ferdinand. Aber bisher hat er nie die Zeit dafür gefunden. Er trinkt seinen Kaffee aus und steht auf, um das Federvieh ins Freie zu lassen. Das macht er morgens immer als Erstes.
Zunächst kommen die Gänse ins Freie, die auf ihren breiten Füßen im Watschelgang hinauslaufen und dabei mit den Flügeln schlagen. Sie recken die Hälse, schreien mit rauer Stimme und klappern mit den Schnäbeln, als wollten sie die Luft fressen. Danach die Enten. Sie haben es weniger eilig, denn sie fressen nicht so gern Gras wie ihre schnatternden Nachbarn und scheinen auch noch nicht ganz wach zu sein. Die drei Hühner und der Hahn kommen zum Schluss. Jetzt ist das gesamte Federvieh draußen im Hof, und Ferdinand lässt einen wissendem Blick über die Tiere schweifen. Er weiß, was sie alle jetzt tun werden. Dabei irrt er sich nie. Er weiß zum Beispiel, dass das rote Huhn zum Misthaufen rennen wird und der Hahn gleich hinterher, um ihm einen ausgegrabenen Wurm zu stibitzen.
Sie sind wie die Menschen, denkt Ferdinand. Manche haben keine Skrupel, und Schmarotzer gibt es zuhauf. Er hebt zwei Eier der Legehennen auf und verschließt so sorgfältig den Hühnerstall, als werde dort das Tabernakel aufbewahrt.
Dann geht er zum Stall. Im Moment ist nur eine Kuh dort, die er jetzt melken will. Die anderen sind mit ihren Kälbern auf der Weide.
»Grüß dich, Gaillarde, altes Mädchen!«, ruft er und betritt den Stall, wo ihm ein herber, wilder Geruch, eine Mischung aus Kuhmist und Heu, in die Nase steigt.
Die Kuh wendet ihm ihr rosa Maul zu und kaut weiter. Gamine nähert sich ihr, um sie zu beschnuppern. Ferdinand mag den Augenblick, in dem er seine Stirn an die Flanke des Tiers legt, sich auf den Dreifußhocker setzt und zu melken beginnt. Mit regelmäßigen Bewegungen lässt er die Milch aus den Zitzen in den Eimer spritzen. Gaillardes Euter ist dick von der Milch, und geräuschvoll kommt die sahnige Flüssigkeit herausgeschossen. Die Kuh scheint zufrieden, etwas von sich abzugeben.
Ferdinand verlässt den Stall, Gamine auf den Fersen, und Gaillarde gesellt sich zu ihren Schwestern auf der Weide.

 

Vom Kirchturm von Chabassières, der etwa drei Kilometer entfernt liegt, schlägt es halb acht. Ferdinand hat die ersten Arbeiten erledigt. Er geht zum Haus und macht die Eingangstür auf. Zeit für einen Imbiss.
In der Küche schneidet er sich einen Brotkanten ab und ein Stück Speck von dem Schwein, das er letztes Jahr gemästet hat. Im nächsten Jahr will er wieder einen Eber züchten, wenn er genug Geld hat. Da er allein ist, reicht das vollkommen. Wenn ihn seine Neffen und Nichten besuchen, schenkt er ihnen sogar ein paar Würste und Schinken. Sie kommen allerdings nicht oft. »Was soll’s, jeder tut, was er kann. Und vor allem, was er will«, murmelt Ferdinand.
Er isst langsam. Einmal weil er schlechte Zähne hat, nur diese Stummel, die nutzlos in seinem breiten Kiefer stecken. Aber auch, weil die Lebensmittel, wenn man so kauen muss, keinen Geschmack mehr haben. Und weil er findet, dass es wichtig ist, sein Essen zu genießen.
Dann nimmt er sich eine Flasche Wein, einen kräftigen Roten. Keinen Grand cru mit Korken, wie man sie im Supermarkt kaufen kann, angeblich aus kontrolliertem Anbau. Aber wer kontrolliert das? Nein, einen guten Wein aus der Ebene, aus der Gegend von Riom, den er gekauft hat, als sein »armer Bruder« Félicien noch auf der Welt war.
Nach dem Speck isst er ein Stück Käse. Er kratzt mit der Spitze seines Taschenmessers die oberste Kruste ab, die nicht mehr sehr ansehnlich aussieht. Das Messer hat er immer bei sich, damit kann man alles machen: Zweige abschneiden, Fleisch auf dem Teller schneiden, einen Hasen schächten und sich die Zähne sauber machen.
Er trinkt gerade einen letzten Schluck Rotwein, da hört er Motorgeräusche auf dem Hof. Gamine, wachsam wie immer, spitzt die Ohren. Ferdinand stellt sein Glas auf den Tisch. Es hat tausend Kratzer, kleine unverheilte Wunden aus all den Jahren.
»Wer ist denn das um diese Zeit?«, fragt er und hebt eine Ecke des Vorhangs an, den seine Mutter bestickt hat, die alte Henrinette, die so wenig mütterlich war und immerzu Ohrfeigen verteilte. Er kneift die Augen zusammen und drückt die Nase an die Scheibe.
»Ach Gott, das ist ja der Bürgermeister mit diesem seltsamen Kerl von gestern!«
Es ist tatsächlich derselbe Typ, der gestern Abend mit dem Makler da war und einen so starken Roastbeef-Akzent hat, dass man es schon zwei Kilometer gegen den Wind hört.
Die beiden Männer steigen aus dem Wagen, einer englischen Limousine, wie man sie hier so gut wie nie sieht. Sie schlagen die Türen zu und nähern sich dem Haus.
»He, Ferdinand«, ruft Firmin Machebeuf, der Bürgermeister von Chabassières, »bist du da, oder versteckst du dich wie ein Dieb?«
Dieb? Was erlaubt sich dieser Machebeuf! Ferdinand schießt das Blut durch die Adern. Er springt auf und reißt wütend die Tür auf.
»Firmin!«, ruft er. »He, Firmin! Du bist zwar Bürgermeister, aber das heißt noch lange nicht, dass du uns Bürger beschimpfen kannst, wie es dir gefällt, zum Teufel noch mal!«
Ferdinands Augen schleudern Blitze. Er schaut so finster drein wie jemand, der sich beleidigt fühlt und eine Entschuldigung oder Wiedergutmachung verlangt.
»Ach, jetzt sei mal nicht so empfindlich!«, ruft Firmin. »Das war nur so dahergesagt. Jeder weiß doch, dass du der Ehrlichste von allen hier bist.«
»Das will ich meinen und hör es gern aus deinem Mund. Jetzt, wo alles klar ist, kannst du reinkommen und mir den Mann da vorstellen.«
Ferdinand tritt einen Schritt zurück, um die beiden in die Küche zu lassen, sieht den Engländer argwöhnisch an und fügt hinzu: »Dieser Herr war schon mal da, wenn mich nicht alles täuscht. Zu einer Uhrzeit, in der er besser anderswo gewesen wäre, als sich hier herumzutreiben wie ein Landstreicher.«
»Ich hegte keine böse Absicht«, verteidigt sich der Roastbeef radebrechend. »Lassen Sie mich kennenlernen. Sie müssen in erster Linie wissen, dass ich Engländer bin.«
»Darauf bin ich von allein gekommen, Monsieur.« Ferdinand sieht den Fremden schräg an.
»Mein Name ist John Kelly und ich stamme aus der Grafschaft Staffordshire, bei Wolverhampton.«
Ferdinand würde am liebsten sagen: »Wie Sie wollen«, aber er hält sich zurück. Wie kann man nur mit einem solchem Akzent reden, denkt er, während er den Mann, der ziemlich steif wirkt und von typisch britischer Zurückhaltung zu sein scheint, eindringlich mustert.
Er ist hochgewachsen und dürr wie ein Ginsterzweig. Zwei lange Spinnenarme zu beiden Seiten des schmalen Brustkorbs und hängende Schultern. Ein roter Schnäuzer verleiht dem gut geschnittenen Gesicht des Engländers etwas Gutmütiges. Seine Augen sind türkisblau mit glitzernden Einsprengseln. Sie werden ganz groß, als er sich jetzt erstaunt im Zimmer umsieht, so als wollte er sich das seltsame Durcheinander einprägen.
Der Bürgermeister hüstelt, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Seine Wangen sind dunkelrot wie die von Ferdinand. Er ist ein Mann vom Land und so sieht er auch aus.Wie der Krebs in der Fischbrühe. Das macht die frische Bergluft der Auvergne.
»Demnächst bist du nicht mehr allein in Garachou, alter Einsiedler«, sagt er schließlich. »Madame und Monsieur Kelly haben den Hof von Bonnichon gekauft, gleich neben dran.«
»Was, diese Bruchbude?«
»Wir werden sie wieder herrichten«, sagte der Engländer mit großem Enthusiasmus. »Wissen Sie, wir haben die Absicht, ein bed and breakfast einzurichten – für Touristen auf der Durchreise«, fügt er hinzu. Es klingt gestelzt, wie er das sagt.
Ferdinand kann nicht anders, als laut loszulachen. Touristen? Mon Dieu! Und was noch? Vielleicht Einwohner vom Planeten Uranus? Oder Außerirdische aus anderen Galaxien, die nicht nur von dem Planeten Erde gehört haben, sondern auch von der Combraille in der Auvergne, die im ganzen bekanntlich unendlichen Universum so wahnsinnig berühmt ist?
»Sie wollen also hierherziehen?«, fragt Ferdinand, als er sich wieder einigermaßen eingekriegt hat, und kratzt sich den Kopf durch den ausgeblichenen Stoff seiner Mütze.
»So ist es, Monsieur Pélissier, so ist es!«, beteuert der Engländer und lächelt. »Wir werden hier zusammen leben, denn ich werde Ihr neuer Nachbar sein. Ich hoffe, alles geht gut.«
Ferdinand verdreht die Augen und seufzt.
»Warum soll es das nicht?«, mischt Firmin Machebeuf sich jetzt ein. »Neuankömmlinge sind in unserer Gemeinde immer freundlich aufgenommen worden.«
Er dreht sich zu Ferdinand und versetzt ihm einen Stoß in die Seite: »Na los, hol die Gläser raus! Wir wollen unsere neuen Mitbürger angemessen begrüßen!«
Ferdinand schlurft unwillig in die Speisekammer und zapft aus dem alten Holzfass eine Karaffe Wein. Der hat Farbe, der Rote, man spürt ihn so richtig, wenn er durch die Kehle rinnt. Der Roastbeef wird das Gesicht verziehen. Aber Engländern, die in die Auvergne wollen, darf man die Feuertaufe nicht ersparen.

Über Gérard Georges

Biografie

Gérard Georges, selbst im ländlichen Montbrison im Departement Loire aufgewachsen, war Rundfunkjournalist und arbeitete an der Universität und als Direktor einer Schule, bevor er sich entschloss, nur noch zu schreiben. Die Liebe zum Land mit all seinen Vor- und Nachteilen hat den Autor von mehr als...

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