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Eines Abends in ParisEines Abends in Paris

Eines Abends in Paris

Roman

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Eines Abends in Paris — Inhalt

Der neue Roman vom Autor des Jahresbestsellers 2012

Jeden Mittwoch kommt eine junge Frau im roten Mantel in Alain Bonnards kleines Pariser Programmkino, und immer sitzt sie auf demselben Platz in Reihe 17. Eines Abends fasst sich Alain ein Herz und spricht sie an. Sie verbringen den Abend miteinander, doch in der Woche darauf taucht sie nicht mehr auf. Obwohl er von ihr kaum mehr als ihren Vornamen weiß, begibt sich Alain auf die Suche nach ihr und erlebt eine Geschichte, wie sie kein Film schöner erzählen könnte...

Erschienen am 15.10.2013
Übersetzer: Sophie Scherrer
384 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30246-3
Erschienen am 01.06.2013
Übersetzer: Sophie Scherrer
368 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96298-8

Leseprobe zu »Eines Abends in Paris«

1

Eines Abends in Paris, es war etwa ein Jahr nachdem das Cinéma Paradis wieder eröffnet worden war, und genau zwei Tage nachdem ich das Mädchen im roten Mantel zum ersten Mal geküsst hatte und voller Unruhe unserer nächsten Begegnung entgegenfieberte, passierte etwas Unglaubliches. Etwas, das mein ganzes Leben auf den Kopf stellen sollte und mein kleines Kino zu einem magischen Ort werden ließ – einem Ort, an dem sich Sehnsüchte und Erinnerungen trafen, einem Ort, an dem Träume plötzlich wahr werden sollten.

Von einem Moment auf den anderen war ich [...]

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1

Eines Abends in Paris, es war etwa ein Jahr nachdem das Cinéma Paradis wieder eröffnet worden war, und genau zwei Tage nachdem ich das Mädchen im roten Mantel zum ersten Mal geküsst hatte und voller Unruhe unserer nächsten Begegnung entgegenfieberte, passierte etwas Unglaubliches. Etwas, das mein ganzes Leben auf den Kopf stellen sollte und mein kleines Kino zu einem magischen Ort werden ließ – einem Ort, an dem sich Sehnsüchte und Erinnerungen trafen, einem Ort, an dem Träume plötzlich wahr werden sollten.

Von einem Moment auf den anderen war ich Teil einer Geschichte, wie sie kein Kino schöner erfinden kann. Ich, Alain Bonnard, wurde herausgerissen aus meiner gewohnten Umlaufbahn und hineinkatapultiert in das größte Abenteuer meines Lebens.

»Du bist ein Mann der Peripherie, ein Beobachter, der es vorzieht, am Rand des Geschehens zu stehen«, hatte Robert einmal zu mir gesagt. »Mach dir nichts draus.«

Robert ist in erster Linie mein Freund. In zweiter Linie ist er Astrophysiker und nervt seine Umwelt damit, die astrophysikalischen Gesetze auf die Dinge des täglichen Lebens zu übertragen.

Mit einem Mal war ich nun also kein Beobachter mehr, sondern war mittendrin in diesem turbulenten, unerwarteten, verwirrenden Geschehen, das mir den Atem raubte und bisweilen auch den Verstand. Das Schicksal hatte mir ein Geschenk gemacht, ich hatte es überwältigt entgegengenommen und hätte dabei fast die Frau verloren, die ich liebte.

An jenem Abend aber, als ich nach der letzten Vorstellung auf die regennasse Straße hinaustrat, in der sich zögernd das Licht einer Laterne spiegelte, ahnte ich noch nichts von alledem.

Und ich wusste auch nicht, dass das Cinéma Paradis den Schlüssel zu einem Geheimnis barg, von dem mein ganzes Glück abhängen sollte.

Ich ließ das Gitter herunter, um abzuschließen, streckte mich und atmete tief durch. Der Regen hatte aufgehört, nur ein kleiner Schauer. Die Luft war weich und frühlingshaft. Ich schlug den Kragen meiner Jacke hoch und wandte mich zum Gehen. Erst da bemerkte ich den kleinen schmächtigen Mann im Trenchcoat, der mit seiner blonden Begleiterin im Halbdunkel stand und das Kino interessiert in Augenschein nahm.

»Hi«, sagte er mit unverkennbar amerikanischem Akzent. »Sind Sie der Besitzer dieses Kinos? Great film, by the way.« Er wies auf den Schaukasten, und sein Blick blieb anerkennend an dem Schwarz-Weiß-Plakat des Films The Artist hängen, dessen altmodische Stille vor allem die Bewohner der neuen Welt völlig aus der Fassung gebracht hatte.

Ich nickte kurz und war schon darauf gefasst, dass er mir jetzt eine Kamera in die Hand drücken und mich bitten würde, von sich und seiner Frau ein Foto vor meinem Filmtheater zu machen, das zwar nicht das älteste von Paris ist, aber eben doch eines dieser kleinen alten plüschigen Kinos, die heutzutage traurigerweise vom Aussterben bedroht sind, als der kleine Mann einen Schritt näher trat und mir durch seine Hornbrille einen freundlichen Blick zuwarf. Mit einem Mal meinte ich ihn zu kennen, aber ich hätte nicht sagen können, woher.

»Wir würden uns gerne mit Ihnen unterhalten, Monsieur …«

»Bonnard«, sagte ich. »Alain Bonnard.«

Er streckte mir die Hand hin, und ich schüttelte sie, einigermaßen verwirrt.

»Kennen wir uns?«

»Nein, nein, ich glaube nicht. Anyway … nice to meet you, Monsieur Bonnard. Ich bin …«

»Oh, sind Sie etwa verwandt mit dem Bonnard? Dem Maler?«

Die blonde Frau war aus dem Schatten getreten und sah mich aus ihren blauen Augen belustigt an.

Dieses Gesicht hatte ich ganz bestimmt schon einmal gesehen. Viele Male sogar.

Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich begriff. Und noch bevor der Amerikaner in dem beigefarbenen Trenchcoat seinen Satz zu Ende brachte, wusste ich, wen ich vor mir hatte.

Keiner kann es mir verdenken, dass ich die Augen aufriss und mir vor Überraschung der Schlüsselbund aus der Hand glitt. Die ganze Szenerie war – um es mit den Worten des schüchternen Buchhändlers aus dem Film Notting Hill zu sagen – einigermaßen surreal. Einzig das Geräusch der Schlüssel, die mit einem leisen Klirren vor mir auf dem Trottoir landeten, überzeugte mich davon, dass dies alles wirklich passierte. So unwirklich es auch war.

 

 

2

Als Kind schon waren die schönsten Nachmittage jene, die ich mit Onkel Bernard verbrachte. Wenn meine Schulkameraden sich zum Fußball verabredeten, Musik hörten oder hübsche Mädchen an den Zöpfen zogen, rannte ich die Rue Bonaparte hinunter, bis ich die Seine sehen konnte, bog noch zweimal um die Ecke, und dann lag die kleine Straße vor mir, in der sich das Haus meiner Träume befand – das Cinéma Paradis.

Onkel Bernard war so etwas wie das schwarze Schaf in der Familie der Bonnards, wo alle vorwiegend in juristischen oder administrativen Berufen arbeiteten – der Betreiber eines Cinéma d’Art, eines kleinen Lichtspieltheaters, der nichts anderes tat, als sich Filme anzuschauen und sie vorzuführen, wo man doch wusste, dass Filme den Menschen nur Flausen in den Kopf setzten – nein, das war wenig respektabel! Meine Eltern fanden meine Freundschaft mit dem unkonventionellen Onkel, der nicht verheiratet war, 1968 im »Pariser Mai« zusammen mit aufgebrachten Studenten und Filmschaffenden wie dem berühmten François Truffaut gegen die Schließung der Cinémathèque française durch den Kultusminister demonstriert hatte und nachts sogar manchmal auf dem zerschlissenen roten Sofa im Vorführraum übernachtete, etwas befremdlich. Doch da ich ein guter Schüler war und auch sonst keine Probleme machte, ließen sie mich ziehen. Sie hofften wohl, dass mein »cinéastischer Spleen« irgendwann von selbst vorübergehen würde.

Ich hingegen hoffte das nicht. Über dem altmodischen Kassenhäuschen des Paradis hing ein Plakat mit den Köpfen der großen Regisseure, und darunter stand Le rêve est réalité – »Der Traum ist Wirklichkeit«. Das gefiel mir außerordentlich. Und dass der Erfinder des Films ein Franzose namens Louis Lumière gewesen war, entzückte mich.

»Meine Güte, Onkel Bernard«, rief ich aus und klatschte in kindlicher Begeisterung in die Hände. »Der Mann brachte das Licht auf die Leinwand, und er heißt auch so – Lumière, das ist ja großartig!«

Onkel Bernard lachte und legte behutsam eine dieser großen Filmrollen ein, die es damals noch in allen Kinos gab und die Tausende von einzelnen Augenblicken zu einem großen wundervollen Ganzen zusammenfügten, wenn sie sich über dem Filmprojektor drehten – in meinen Augen pure Magie.

Ich war Monsieur Lumière wirklich zutiefst dankbar für die Erfindung des Cinématographen, und ich glaube, ich war in meiner Klasse der Einzige, der wusste, dass der erste, nur wenige Sekunden dauernde Film aus dem Jahre 1895 die Ankunft eines Zuges im Bahnhof von Ciotat zeigt. Und dass das französische Kino in seiner Seele ein zutiefst impressionistisches Kino ist, wie Onkel Bernard mir immer wieder versicherte. Ich hatte keine Ahnung, was »impressionistisch« bedeutete, aber es musste etwas Wunderbares sein.

Als unsere Klasse kurze Zeit später mit Madame Baland, der Kunstlehrerin, ins Jeu de Paume ging, wo damals noch die Gemälde der Impressionisten hingen, bevor sie in den alten Bahnhof am Quai d’Orsay umzogen, entdeckte ich unter den zart hingetupften, lichtdurchfluteten Landschaften auch eine schwarze, weißen Rauch ausstoßende Lokomotive, die in einen Bahnhof fährt.

Ich sah mir das Gemälde lange an und glaubte nun zu wissen, warum man das französische Kino »impressionistisch« nannte. Es hatte etwas mit ankommenden Zügen zu tun.

Onkel Bernard zog amüsiert die Augenbrauen hoch, als ich ihm meine Theorie erklärte, aber er war zu gutmütig, um mich zu korrigieren.

Stattdessen brachte er mir bei, wie man den Filmprojektor bedient und dass man immer höllisch achtgeben muss, dass der Zelluloidstreifen niemals zu lange über dem Lichtstrahl schwebt.

Als wir einmal zusammen den Film Cinema Paradiso anschauten, verstand ich auch, warum. Dieser italienische Klassiker war einer der Lieblingsfilme meines Onkels – vermutlich hatte er sogar sein Kino danach benannt, obwohl es kein französischer Film mit impressionistischer Seele war. »Nicht schlecht für einen italienischen Film, pas mal,hein?«, brummte er in seiner bärbeißig-patriotischen Art und konnte doch kaum seine Rührung verbergen. »Ja, man muss zugeben, auch die Italiener können was.«

Ich nickte, noch ganz erschüttert von dem tragischen Schicksal des alten Filmvorführers, der durch einen Brand in seinem Kino erblindet. Natürlich fand ich mich in dem kleinen Jungen Toto wieder, auch wenn meine Mutter mich nie geschlagen hat, weil ich mein Geld für Kinovorstellungen ausgab. Das musste ich ja auch nicht, denn ich bekam die schönsten Filme umsonst zu sehen, auch solche, die für einen elfjährigen Jungen nicht immer geeignet waren.

Onkel Bernard scherte sich nicht um Altersbeschränkungen, solange es »ein guter Film« war. Und ein guter Film war ein Film mit einer Idee. Ein Film, der die Menschen berührte, der ihnen Mitgefühl entgegenbrachte bei dem schwierigen Versuch, zu »sein«. Der ihnen einen Traum mit auf den Weg gab, an dem sie sich festhalten konnten, in diesem Leben, das nicht immer einfach war.

Cocteau, Truffaut, Godard, Sautet, Chabrol, Malle – sie waren wie Nachbarn für mich.

Ich drückte dem Kleinganoven aus Außer Atem die Daumen, ich streifte mir mit Orphée die dünnen Handschuhe über und teilte Spiegel, um hindurchzuschreiten und Eurydice aus der Unterwelt zu befreien. Ich bewunderte die überirdisch schöne Belle aus La Belle et la Bête, wenn sie mit ihrem hüftlangen blonden Haar und einem flackernden fünfarmigen Leuchter vor dem traurigen Monster die Treppe emporschritt, und bangte mit dem jüdischen Intendanten Lucas Steiner aus Die letzte Métro, der sich in einem Keller unter seinem Theater versteckt halten und mit anhören musste, wie sich oben auf der Bühne seine Frau in einen Schauspielerkollegen verliebte. Ich schrie mit den Jungen aus Der Krieg der Knöpfe, die sich gegenseitig verprügelten. Ich litt mit dem verstörten Baptiste aus Kinder des Olymp, der im Gedränge seine Garançe für immer verlor, war zutiefst entsetzt, als Fanny Ardant in Die Frau nebenan am Ende ihren Liebhaber und anschließend auch noch sich selbst in den Kopf schoss, fand Zazie aus Zazie dans le Métro ziemlich schräg mit ihren großen Augen und ihrer Zahnlücke und lachte über die Marx Brothers in der Oper und all die schlagfertigen Wortgefechte der streitbaren Paare in den Komödien von Billy Wilder, Ernst Lubitsch und Preston Sturgis, die bei Onkel Bernard immer nur Les Américains hießen.

Preston Sturgis, so erklärte mir Onkel Bernard einmal, hatte sogar die goldenen Regeln für eine Filmkomödie aufgestellt: Eine Verfolgungsjagd ist besser als ein Gespräch. Ein Schlafzimmer ist besser als ein Wohnzimmer, und eine Ankunft ist besser als eine Abreise. Diese Regeln der Komik weiß ich noch heute.

Les Américains waren natürlich nicht so impressionistisch wie »wir Franzosen«, aber sie waren äußerst komisch, und ihre Dialoge waren sehr pointiert – anders als bei den französischen Filmen, wo man oft das Gefühl hatte, heimlicher Zeuge wortreicher Diskussionen zu sein, die auf der Straße, im Café, am Meer oder im Bett stattfanden.

Man kann sagen, dass ich schließlich mit dreizehn Jahren schon sehr viel über das Leben wusste, auch wenn ich selbst noch nicht viel erlebt hatte.

Alle meine Freunde hatten schon ein Mädchen geküsst, ich träumte von der schönen Eva Marie Saint, die ich gerade in einem Hitchcock-Thriller gesehen hatte. Oder von dem lichtdurchfluteten Mädchen aus Jeux interdits, die inmitten der Gräuel des Zweiten Weltkriegs mit ihrem kleinen Freund Michel eine eigene Welt erschafft und Kreuze für tote Tiere auf einem geheimen Friedhof aufstellt.

Marie-Claire, ein Mädchen aus unserer Schule, erinnerte mich an die kleine Heldin aus Verbotene Spiele, und eines Tages lud ich sie zu einer Nachmittagsvorstellung in das Kino meines Onkels ein. Ich habe tatsächlich vergessen, was an diesem Tag gespielt wurde, aber ich weiß noch, dass wir uns den ganzen Film über an unseren verschwitzten Händen hielten und ich sie nicht einmal losließ, als meine Nase entsetzlich zu kribbeln begann.

Als der Abspann über die Leinwand flackerte, drückte sie mir ihre kirschroten Lippen fest auf den Mund, und wir waren in aller kindlichen Unschuld ein Paar – bis sie am Ende des Schuljahres mit ihren Eltern in eine andere Stadt zog, die nach Erwachsenenmaßstäben nicht weit von Paris lag, aber für einen Jungen meines Alters am Ende der Welt – und damit unerreichbar geworden war. Nach einigen Wochen tiefster Trauer beschloss ich, unsere unglückliche Geschichte später mit einem Film zu ehren.

Natürlich wollte ich eines Tages ein berühmter Regisseur werden. Und natürlich wurde ich es nicht. Ich folgte dem Drängen meines Vaters, studierte Betriebswirtschaft, weil man damit »immer etwas werden kann«, und arbeitete einige Jahre in einem großen Unternehmen in Lyon, das sich auf den Export von Luxusbadewannen und hochwertigen Badezimmerarmaturen spezialisiert hatte. Ich verdiente, obwohl noch jung, viel Geld. Meine Eltern waren stolz, dass nun doch etwas aus dem weltfremden Jungen von einst geworden war. Ich kaufte mir einen alten Citroën mit offenem Verdeck und hatte nun auch richtige Freundinnen. Nach einer Weile verließen sie mich wieder, enttäuscht darüber, dass ich am Ende doch nicht der tolle Macher war, für den sie mich anfangs wohl gehalten hatten.

Ich war nicht unglücklich und ich war nicht glücklich, doch als mich an einem heißen, stickigen Sommernachmittag ein Brief von Onkel Bernard erreichte, wusste ich, dass sich alles ändern würde und dass ich tief im Inneren immer noch der Träumer war, der mit klopfendem Herzen in der Dunkelheit eines kleinen Kinosaals gesessen hatte, um in andere Welten einzutauchen.

Es war etwas geschehen, das niemand für möglich gehalten hatte. Onkel Bernard, inzwischen bereits dreiundsiebzig, hatte die Frau seines Lebens gefunden und wollte mit ihr an die Côte d’Azur ziehen, dorthin, wo es das ganze Jahr über warm war und die Landschaft in ein ganz besonderes Licht getaucht.

Ich verspürte einen kleinen Stich im Herzen, als ich las, dass er vorhatte, das Cinéma Paradis aufzugeben.

Seit ich Claudine kenne, habe ich das Gefühl, dass die ganze Zeit ein Filmprojektor zwischen mir und dem Leben gestanden hat, schrieb er mit seiner ungelenken Schrift.

Für meine letzten Jahre will ich nun selbst die Hauptrolle spielen. Trotzdem macht es mich traurig, dass aus dem Ort, an dem wir zusammen so viele wunderbare Nachmittage verbracht haben, vielleicht ein Restaurant wird oder einer dieser neumodischen Clubs.

Bei dem Gedanken, dass das alte Kino dergestalt umfunktioniert werden könnte, drehte sich mir der Magen um. Und als Onkel Bernard mich am Ende seines Briefes fragte, ob ich mir vielleicht vorstellen könnte, nach Paris zurückzukehren und das Cinéma Paradis zu übernehmen, seufzte ich fast vor Erleichterung.

Auch wenn Du inzwischen ein ganz anderes Leben führst, mein Junge, so wärst Du doch der Einzige, den ich mir als meinen Nachfolger vorstellen könnte. Du hast schon als Kind diese Kinoverrücktheit gehabt und ein ausgezeichnetes Gespür für gute Filme.

Ich musste lächeln, als ich an Onkel Bernards emphatische Vorträge von einst dachte, dann glitt mein Blick über die letzten Zeilen seines Briefes, und noch lange nachdem ich sie gelesen hatte, starrte ich auf das Papier, das in meinen Händen angefangen hatte zu zittern und sich dann mit einem Riss zu öffnen schien, wie damals die Spiegel des Orphée.

Weißt du noch, Alain, wie du mich immer gefragt hast, warum du die Filme mehr liebst als alles andere? Heute will ich es dir verraten. Der kürzeste Weg führt über das Auge zum Herzen. Vergiss das nie, mein Junge.

Ein halbes Jahr später stand ich auf dem Bahnsteig des Pariser Gare de Lyon, von dem aus alle Züge in Richtung Süden fahren, und winkte Onkel Bernard nach, der mit seiner Liebsten, einer entzückenden kleinen Dame mit unzähligen Lachfältchen, entschwand.

Ich winkte, bis ich nur noch sein weißes Taschentuch sehen konnte, das unternehmungslustig im Wind flatterte. Dann nahm ich mir ein Taxi, das mich zurückbrachte zum wichtigsten Ort meiner Kindheit. Zum Cinéma Paradis, das nun mir gehörte.

 

 

3

In Zeiten wie diesen ist es nicht einfach, ein kleines Programmkino zu führen, ich meine eines, das in erster Linie versucht, von der Qualität seiner Filme zu leben und nicht von Werbeeinnahmen, riesigen Popcorneimern und Coca-Cola.

Die meisten Leute haben es verlernt, genau hinzuschauen, sich einfach einzulassen auf zwei Stunden, in denen die wesentlichen Dinge des Lebens angerissen werden, ob sie nun ernst oder heiter sind. Sich einzulassen, ohne zu essen, zu trinken, zu kauen und durch ihre Strohhalme zu schlürfen.

Als ich nach meiner Rückkehr nach Paris einmal in einem der großen Multiplex-Kinos auf den Champs-Elysées war, wurde mir klar, dass meine Vorstellung vom Filmtheater, dem man auch einen gewissen Respekt erweisen sollte, vielleicht etwas anachronistisch geworden war, und ich weiß noch, dass ich mir plötzlich, obwohl gerade neunundzwanzig Jahre alt geworden, ziemlich démodé und deplatziert vorkam in dem ganzen Geplapper und Geraschel um mich herum.

Kein Wunder, dass die Filme heute immer lauter und schneller werden, immerhin müssen die großen Hollywood-Blockbuster und Actionfilme, die auch in Europa ein Millionenpublikum anlocken sollen, ja den ganzen Lärm übertönen, der in einem solchen Kinosaal herrscht, und der zunehmenden Unkonzentriertheit des Publikums immer neue Attraktionen entgegensetzen.

»Gibt es hier kein Popcorn?«, ist die immer wieder gestellte Frage in meinem Kino. Erst letzte Woche quengelte ein kleiner dicklicher Junge an der Hand seiner Mutter herum, weil die Vorstellung, zwei Stunden in einem Sessel zu sitzen und Der kleine Nick anzuschauen, ohne sich dabei etwas in den Mund zu stopfen, offenbar unerhört war.

»Kein Popcorn?«, wiederholte er fassungslos und verdrehte seinen Hals, um nach einer entsprechenden Glasvitrine Ausschau zu halten.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, hier gibt es nur Filme.«

Auch wenn mir diese Antwort immer einen gewissen Triumph bereitet, mache ich mir doch manchmal Sorgen um die Zukunft meines Kinos.

Nach meiner Rückkehr aus Lyon hatte ich einiges Geld in die Renovierung des Cinéma Paradis gesteckt, die bröckelnde Fassade war ausgebessert und gestrichen worden, der alte Teppich wurde erneuert, die weinroten Kinosessel gereinigt und die Technik insoweit aufgerüstet, dass ich neben den alten Filmrollen nun auch digitale Filme abspielen konnte. Ich hatte einen gewissen Anspruch, was die Auswahl meines Programms anging, der sich zwangsläufig nicht immer mit dem Geschmack der Massen deckte.

François, ein Student der Filmhochschule, half mir bei den Vorführungen, und Madame Clément, eine ältere Dame, die früher im Printemps gearbeitet hatte, saß abends an der Kasse, wenn ich es nicht selbst war, der die Karten verkaufte.

Als ich das Cinéma Paradis wieder eröffnete, kamen viele, die das Kino noch von früher kannten. Und auch viele, die neugierig geworden waren, weil die Neueröffnung einigen Zeitungen doch eine kleine Meldung wert gewesen war. Die ersten Monate liefen gut an, dann kamen Zeiten, in denen der Kinosaal nur zur Hälfte gefüllt war, wenn überhaupt. Oft genug machte mir Madame Clément ein Zeichen, um anzuzeigen, wie viele Zuschauer wir am Abend hatten – manchmal reichten dafür zehn Finger.

Nicht dass ich geglaubt hätte, ein kleines Kino sei eine Goldgrube, aber meine Ersparnisse waren ziemlich zusammengeschmolzen und ich musste mir etwas überlegen. So kam ich auf die Idee, jeden Mittwochabend eine zusätzliche Spätvorstellung zu geben – mit jenen alten Filmen, die mich früher so begeistert hatten.

Das Besondere an diesem Konzept war, dass die Filme wöchentlich wechselten und dass es allesamt Liebesfilme waren, wenn auch im weiteren Sinne. Ich gab dem Ganzen den Namen Les Amours au Paradis und freute mich, als die Spätvorstellungen am Mittwoch sich zu füllen begannen. Und wenn ich an diesen Abenden nach dem Abspann die Türen des Kinosaals öffnete und die Liebespaare sah, die eng aneinandergeschmiegt und mit glänzenden Augen das Kino verließen, einen Geschäftsmann, der vor lauter Beschwingtheit seine Aktentasche in den Stuhlreihen vergaß, oder eine alte Dame, die auf mich zukam, mir persönlich die Hand schütteln wollte und mir mit sehnsüchtigem Blick erklärte, dass dieser Film sie an die Zeit erinnerte, als sie noch jung war, wusste ich, dass ich den schönsten Beruf der Welt hatte.

An diesen Abenden lag ein ganz besonderer Zauber über dem Cinéma Paradis. Es war mein Kino, das den Menschen Träume schenkte, so wie es Onkel Bernard immer gesagt hatte.

Doch seit die junge Frau im roten Mantel mittwochs in die Spätvorstellung kam und mir jedes Mal wenn sie an die Kasse trat, ein schüchternes Lächeln zuwarf, war ich selbst es, der anfing zu träumen.

 

 

4

»Was meinst du damit, du hast sie noch nie gefragt? Wie lange kommt sie denn schon in dein Kino?«

Mein Freund Robert wippte ungeduldig auf seinem Stuhl. Wir saßen draußen im Café de La Mairie, einem kleinen Café, das links neben der Saint-Sulpice-Kirche liegt, und obwohl es erst März war und das Wetter in den vergangenen Wochen eher regnerisch gewesen war, brannte die Sonne auf unsere Gesichter.

Wenn wir uns mittags treffen, will Robert immer ins Café de La Mairie, weil es dort angeblich die beste Vinaigrette für seinen geliebten Salade Paysanne gibt, die in eigens dafür abgefüllten Glasfläschchen auf den Tisch gestellt wird.

»Nun ja …« Ich sah zu, wie er mit einem Schwung das ganze Fläschchen über dem Salat leerte. »Ich würde sagen, das Ganze geht seit Dezember.«

Mein Freund warf mir einen überraschten Blick zu. »Das Ganze? Wie meinst du das jetzt wieder? Also läuft denn was zwischen euch oder nicht?«

Ich schüttelte den Kopf und seufzte. Für Robert ist die erste und einzig entscheidende Frage, ob »etwas läuft« zwischen einem Mann und einer Frau. Der Rest interessiert ihn nicht. Er ist Naturwissenschaftler und zutiefst unromantisch. Er kennt keine Zwischentöne, und das Glück verstohlener Blicke ist ihm fremd. Wenn er eine Frau toll findet, dann läuft da auch was, meistens schon am ersten Abend. Kein Ahnung, wie er das macht. Natürlich kann er sehr charmant und lustig sein. Und er legt Frauen gegenüber eine entwaffnende Ehrlichkeit an den Tag, der sich die meisten offenbar schwer entziehen können.

Ich lehnte mich zurück, nahm einen Schluck Wein und blinzelte in die Sonne, weil ich meine Sonnenbrille vergessen hatte.

»Nein, es läuft nichts, jedenfalls nicht in deinem Sinne«, sagte ich wahrheitsgemäß. »Aber sie kommt seit Dezember in die Spätvorstellung, und ich hab so ein Gefühl, dass … ach, ich weiß auch nicht.«

Robert spießte einen dicken Käsewürfel mit der Gabel auf, von dem die goldgelbe Vinaigrette heruntertropfte, und zählte mit der anderen Hand die Monate ab. »Dezember, Januar, Februar, März …« Er warf mir einen strafenden Blick zu. »Du willst mir sagen, dieses Mädchen, das du so toll findest, kommt seit vier Monaten in dein Kino, und du hast sie noch nicht mal angesprochen

»Sie kommt ja nur einmal in der Woche – eben immer mittwochs, wenn diese Reihe mit den alten Filmen läuft, du weißt schon, Les Amours au Paradis … und klar, hab ich schon mal mit ihr gesprochen. Was man halt so spricht. Hat Ihnen der Film gefallen? Das ist aber ein Wetter heute, was? Möchten Sie Ihren Schirm hier abstellen? So was halt.«

»Hat sie denn einen Typ dabei?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Sie kommt immer allein. Aber das muss ja nichts heißen.« Ich tippte an den Rand meines Glases. »Am Anfang dachte ich, sie wäre verheiratet, weil sie einen goldenen Ring trägt. Aber dann hab ich genau hingeschaut und festgestellt, dass es doch kein Ehering ist, jedenfalls kein normaler. Da sind so kleine rotgoldene Rosen drauf …«

»Und sie ist wirklich hübsch, ja?«, unterbrach mich mein Freund. »Schöne Zähne, gute Figur und so?«

Ich nickte wieder und dachte daran, wie das Mädchen im roten Mantel zum ersten Mal an der Abendkasse aufgetaucht war. Ich nannte sie immer »das Mädchen«, dabei war sie eine junge Frau, vielleicht fünfundzwanzig, vielleicht achtundzwanzig, mit karamellfarbenem schulterlangem Haar, das sie an der Seite gescheitelt trug, einem zarten herzförmigen Gesicht, auf dem man ein paar winzige Sommersprossen erkennen konnte, und dunklen glänzenden Augen.

Sie wirkte auf mich immer ein wenig verloren – in ihren Gedanken oder in dieser Welt – und hatte so eine Angewohnheit, sich verlegen mit der rechten Hand die Haare hinter das Ohr zu streifen, wenn sie darauf wartete, dass ich ihr eine Karte abriss. Aber wenn sie lächelte, schien sich der Raum mit Licht zu füllen, und ihre Miene bekam etwas geradezu Spitzbübisches. Und ja, sie hatte einen schönen Mund und wunderbare Zähne.

»Sie ist so ein Typ wie Mélanie Laurent, weißt du?«

»Mélanie Laurent? Nie gehört. Wer soll das sein?«

»Na, diese Schauspielerin aus Beginners

Robert stopfte sich den Käsewürfel in den Mund und kaute nachdenklich. »Kein Plan. Ich kenne nur Angelina Jolie. Die ist toll. Tolle Figur.«

»Ja, ja. Du könntest ruhig mal öfter in mein Kino kommen, dann wüsstest du, wovon ich rede. Ich lass dich auch umsonst rein.«

»Um Gottes willen, da schlaf ich ein.«

Mein Freund liebt Actionfilme und Mafiafilme, deswegen würden wir uns – rein theoretisch gesehen – auch nie um dieselbe letzte Kinokarte streiten müssen.

»Wie das Mädchen aus Inglorious Bastards«, versuchte ich unsere Schnittmenge zu vergrößern. »Die nachher das Kino in Brand setzt, damit all die Nazis verbrennen.«

Robert hörte einen Moment zu kauen auf, zog dann in freudigem Erkennen die Augenbrauen hoch und fuchtelte mit dem Zeigefinger in kleinen Kreisen vor meinem Gesicht umher.

»Du meinst diese hübsche Kleine, die vor den Nazis flieht? Das ist Mélanie Laurent? Und sie sieht aus wie Mélanie Laurent, sagst du?«

»Ein bisschen wie«, entgegnete ich.

Robert ließ sich krachend in den Bistrostuhl zurückfallen, der nicht für einen Mann seiner Größe gemacht zu sein schien. Dann schüttelte er den Kopf.

»Mann, Mann, Mann, ich fass es nicht, wie dämlich du manchmal bist«, sagte er schließlich in dieser erfrischend direkten Art, die ich so an ihm schätze. Ich ließ seine Vorhaltungen über mich ergehen, schließlich wollte ich seinen Rat. Doch als er mit seinem »Das ist genau wie …« anfing und sich dann in irgendwelchen astrophysikalischen Formeln verlustierte, die auf wundersame Weise in einer mir unbekannten Hubbleschen Konstante endeten, verstand ich kein Wort mehr, und meine Gedanken schweiften ab.

Habe ich erwähnt, dass ich eher der zurückhaltende Typ bin? Und ich möchte gleich hinzufügen: nicht langweilig. Im Gegenteil – ich habe ein sehr reiches Innenleben und viel Phantasie. Nur weil ein Mann eine Frau, die ihm gefällt, nicht sofort in sein Bett zerrt, muss das ja nicht bedeuten, dass er ein Volltrottel ist.

Im Gegensatz zu so manchem Draufgänger sehe ich so manches – nicht in einem prophetischen Sinn, natürlich. Vielleicht habe ich in meinem Leben einfach zu viele Filme angeschaut, aber seit ich das Cinéma Paradis betreibe, habe ich festgestellt, dass es mir ein großes Vergnügen bereitet, die Menschen genauer zu betrachten und meine Schlüsse zu ziehen. Und ohne dass ich es eigentlich will, laufen mir ihre Geschichten zu wie anderen Leuten junge Hunde.

Manche Besucher kommen nur ein Mal, andere sind regelmäßig hier, und ich meine, sie fast zu kennen. Ich rede vielleicht nicht besonders viel, aber ich sehe sehr viel. Ich verkaufe ihnen die Karten und sehe ihre Gesichter. Ihre Geschichten. Ihre Geheimnisse.

Da ist der große alte Mann mit dem hellbraunen Cordanzug, der die ihm verbliebenen Haare nachlässig zurückgekämmt hat und keinen Film von Buñuel, Saura oder Sautet verpasst. Ich denke mir, dass er in seiner Jugend den Idealen des Kommunismus angehangen hat und später Professor geworden ist. Seine Augen, die unter buschigen silbernen Augenbrauen hervorblitzen, sind hell und voller Klugheit. Er trägt immer leuchtend blaue Hemden unter seiner alten Cordjacke, die an den Aufschlägen schon ein wenig abgewetzt ist, und ich bin mir sicher, dass er verwitwet ist. Er gehört zu den wenigen Männern seiner Generation, die ihre Frauen überlebt haben, und er hat die seinige sicherlich sehr geliebt. Sein Gesicht ist offen und freundlich. Und wenn er das Kino verlässt, bleibt er immer einen winzigen Moment lang stehen, als ob er noch auf jemanden warten würde, und geht dann ein wenig überrascht weiter.

Dann gibt es diese Frau mit den üppigen schwarzen Locken und der kleinen Tochter. Sie ist vielleicht Ende dreißig, und die beiden gehen regelmäßig zusammen in die Kindervorstellung am Wochenende. »Papa kommt heute später«, hat sie einmal zu dem Kind gesagt, das an ihrer Hand aus dem Kinosaal hüpfte, und ihr Gesicht war blass und traurig und müde über ihrem bunten Schal. Um ihren Mund lag plötzlich ein bitterer Zug. Sie kommt nie zu spät, eher zu früh. Sie hat viel Zeit. Manchmal, wenn sie im Foyer steht und auf den Einlass wartet, dreht sie gedankenverloren an ihrem Ehering. Ich vermute, ihr Mann betrügt sie, und sie weiß es. Aber sie weiß nicht, ob sie ihn wirklich verlassen soll.

Der rundliche Mann mit der Nickelbrille, der sich meistens Komödien anschaut und viel und gerne lacht, wurde jedenfalls schon von seiner Freundin verlassen. Seitdem ist sein Bauch noch etwas runder geworden, und er wirkt verunsichert. Er arbeitet jetzt sehr viel, unter seinen Augen liegen Schatten, und wenn er kommt, kommt er immer ganz knapp vor Vorstellungsbeginn, manchmal hat er seine Aktentasche sogar noch dabei. Trotzdem glaube ich, dass es so besser für ihn ist. Seine Freundin war eine verdrossene kleine rothaarige Hexe, die ihn ständig kritisierte, man weiß gar nicht so genau, warum. Dieser Mann könnte keiner Fliege etwas zuleide tun.

Und so sitze ich Abend für Abend in meinem Kino und mache mir meine Gedanken. Doch die Besucherin, die mir das größte Rätsel aufgibt, deren Geschichte mich am meisten interessiert, die immer allein kommt und auf die ich jeden Mittwoch mit klopfendem Herzen warte, ist eine andere.

Die Frau im roten Mantel sitzt immer in Reihe siebzehn, und ich frage mich, was für ein Geheimnis sie wohl hat.

Ich möchte unbedingt ihre Geschichte kennenlernen und gleichzeitig habe ich Angst davor, dass sie am Ende nicht zu meiner Geschichte passen könnte. Ich fühle mich wie Parzival, der nicht fragen darf, und ich ahne schon jetzt, dass die Geschichte dieser Frau eine ganz besondere ist. Sie ist so überaus bezaubernd, und heute Abend werde ich sie endlich ansprechen und fragen, ob sie mit mir essen geht.

Eine große Hand packte mich am Ärmel und schüttelte mich, und so kehrte ich zurück auf die Place Saint-Sulpice, wo ich mit meinem Freund vor einem kleinen Café in der Sonne saß.

»He, Alain, hörst du mir überhaupt zu?« Roberts Stimme klang vorwurfsvoll. Er warf mir einen durchdringenden Blick aus seinen hellblauen Augen zu. Hinter seinem blonden Haarschopf erhob sich die helle Kirche mit ihren seltsam eckigen Türmen wie ein riesiges Raumschiff, das soeben gelandet war. Offenbar hatte Robert seinen ausführlichen Vortrag über diesen Hubble und seine Konstante beendet.

»Ich sagte, du musst sie heute Abend endlich ansprechen und fragen, ob sie mit dir essen geht! Sonst werdet ihr immer weiter auseinanderdriften wie die Himmelskörper.«

Ich biss mir auf die Unterlippe und unterdrückte ein Lachen.

»Ja«, sagte ich. »Genau das dachte ich auch gerade.«

 

 

5

Viel zu früh war ich an diesem Mittwoch im Kino. Nach dem Essen mit Robert war ich fortgeeilt, als hätte ich eine Verabredung. Dabei hatte ich gar keine. Doch wie man weiß, sind die glücklichsten Momente immer jene, die man erwartet.

So überquerte ich den Boulevard Saint-Germain, der in der hellen Mittagssonne lag, voller Übermut und schlängelte mich abseits der Zebrastreifen durch die Autos, die vor einer roten Ampel warteten. Ich zündete mir eine Zigarette an und lief wenige Minuten später die schattige Rue Mazarine entlang.

Als ich die Tür zum Cinéma Paradis aufschloss, schlug mir der vertraute Geruch von Holz und Polstermöbeln entgegen, und ich beruhigte mich wieder ein wenig und dekorierte die Schaukästen um.

In der Reihe Les Amours au Paradis sollte an diesem Tag Das grüne Leuchten von Éric Rohmer gespielt werden. Ich legte neue Prospekte aus und schaute nach, ob genug Wechselgeld in der Kasse war, warf einen Blick in den Vorführraum und legte die Filmrollen bereit. Dann ging ich in den Kinosaal und setzte mich probeweise auf verschiedene Plätze der Reihe siebzehn, um herauszufinden, was es damit auf sich hatte, konnte aber nichts Besonderes feststellen. Es war ja nicht einmal die letzte Reihe in meinem Kino, die bei Verliebten immer sehr begehrt ist, weil man dort im Schutz der Dunkelheit ungestört küssen kann.

Ich schlug die Zeit tot mit nützlichen und weniger nützlichen Dingen und schaute immer wieder auf die Zeiger der Uhr, die im Foyer hing.

François kam und verschwand im Vorführraum. Madame Clément kam und brachte selbstgebackene Himbeertörtchen mit. Und als die Gäste der Achtzehn-Uhr-Vorstellung ihre Karten gekauft und ihre Plätze eingenommen hatten, um in Und wenn wir alle zusammenziehen? das Schicksal einer erfinderischen Alten-WG mitzuverfolgen, öffnete ich die Tür zum Vorführraum und machte François ein Zeichen, dass ich noch einen Kaffee trinken gehen würde.

François saß über irgendwelche Hefte und Bücher gebeugt. Während die Filme liefen, hatte er genug Zeit, um für seine Prüfungen zu lernen.

»Bin gleich wieder da«, sagte ich und er nickte.

»Und … François? Könntest du heute Abend vielleicht den Laden dichtmachen? Ich hab nach der Spätvorstellung noch etwas vor.«

Erst als ich in dem nahe gelegenen Bistro meinen café crème trank, wurde mir klar, dass mein Plan nicht gerade brillant war. Die Spätvorstellung endete um Viertel nach elf, wer würde da noch essen gehen wollen? Vielleicht wäre es klüger, die Frau im roten Mantel am Wochenende zum Essen einzuladen. Wenn sie sich überhaupt von mir einladen ließ. Und wenn sie überhaupt heute Abend ins Kino kam.

Plötzlich wurde mir ganz kalt vor Schreck. Was, wenn sie heute gar nicht kam? Oder nie mehr kam? Ich rührte nervös in meinem Kaffee, obwohl der Zucker sich schon längst aufgelöst hatte.

Aber sie ist doch bisher immer gekommen, sagte ich mir. Sei nicht albern, Alain, sie wird schon kommen. Außerdem scheint sie dich zu mögen. Sie lächelt immer, wenn sie dich sieht.

Aber vielleicht ist das nur eine ganz normale Freundlichkeit?

Nein, nein, da ist mehr. Ich wette, sie wartet nur darauf, dass du sie endlich ansprichst. Das hättest du schon längst tun sollen, du Feigling. Schon längst!

Ich hörte ein leises, knarrendes Geräusch neben mir und blickte auf. Der Professor mit der Cordjacke saß am Nebentisch und nickte mir hinter seiner Tageszeitung zu. Seine klugen Augen leuchteten amüsiert.

Himmel, hatte ich etwa laut vor mich hingesprochen?! Gehörte ich schon zu den Menschen, die ihre Lautäußerungen nicht mehr unter Kontrolle hatten? Oder konnte der alte Herr Gedanken lesen?

Ich nickte also verwirrt zurück und trank meinen Kaffee in einem Schluck aus.

»Ich habe gesehen, dass Sie heute Das grüne Leuchten spielen«, sagte der Professor. »Ein schöner Film – ich werde ihn mir auf jeden Fall ansehen.« Ein feines Lächeln spielte um seine Mundwinkel. »Und machen Sie sich keine Gedanken – die junge Dame kommt bestimmt.«

Ich wurde rot, als ich mich jetzt erhob und nach meiner Jacke griff. »Tja, also dann … bis später.«

»Bis später«, entgegnete er. Und ich hoffte inständig, dass er recht behalten würde, was die junge Dame anging.

Sie war die Letzte in der Reihe, die an der Kasse anstand, und als sie einen Schein hinlegte, um zu bezahlen, ergriff ich die Gelegenheit beim Schopf.

»Sie kommen oft in die Spätvorstellung, Mademoiselle – gefällt Ihnen meine kleine Filmreihe?«, fragte ich angelegentlich und schob ihr die Eintrittskarte und das Wechselgeld hinüber.

Sie strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr und lächelte scheu.

»Oh, ja. Sehr sogar.«

»Und mir gefällt es sehr, dass Sie so oft kommen«, sagte ich rasch und starrte gebannt auf ihr kleines, perfekt geformtes Ohr, das sich nun rot verfärbte.

Sie lächelte immer noch und schwieg und steckte die Münzen in ihr Portemonnaie. Was hätte sie auch sagen sollen auf solch eine dumme Bemerkung.

Schwafel nicht rum, sondern komm zum Punkt, Junge. Komm zum Punkt, hörte ich die Stimme meines Freundes Robert.

»Tja … haha … eigentlich müsste ich Ihnen einen Rabatt geben, so oft, wie Sie ins Kino kommen«, sagte ich bei dem Versuch, komisch zu sein. »So wie diese Treuepunkte in den großen Kaufhäusern, wissen Sie?«

Sie nahm ihre Eintrittskarte und sah mir einen Moment direkt in die Augen. Dann lächelte sie wieder, und ich lächelte wie hypnotisiert zurück.

»Das ist nicht nötig, Monsieur. Die Filme sind jeden Cent wert.«

Die Kinotür wurde aufgerissen, ein Windstoß fegte durch das Foyer. Zwei Studentinnen kamen lachend herein und steuerten auf die Kasse zu. Ich musste mich beeilen.

Die Frau im roten Mantel wandte sich zum Gehen.

»Einen Moment noch«, rief ich, und sie drehte sich wieder zu mir. »Sie … Sie haben etwas vergessen …«

Sie sah mich erstaunt an.

»Das heißt, ich … ich habe etwas vergessen«, redete ich weiter, in dem verzweifelten Versuch, ihre Aufmerksamkeit nicht zu verlieren.

»Ja?«

»Ich habe nämlich vergessen, etwas zu fragen.« Ich sah sie an. »Würden Sie nach der Vorstellung mit mir essen gehen … oder … oder etwas trinken vielleicht? Dann … könnten wir noch über den Film reden … wenn Sie mögen. Ich … also ich würde Sie wirklich sehr gern einladen, ich meine, wo Sie schon keine Treuepunkte wollen.«

Oh Mann, ich redete so einen Schwachsinn!

»Oh Mann, was rede ich da für einen Schwachsinn«, sagte ich und schüttelte den Kopf. »Entschuldigen Sie, bitte. Vergessen Sie das mit den Treuepunkten. Darf ich Sie einladen? Bitte sagen Sie Ja!«

Mein Herz hämmerte im Stakkato-Rhythmus meiner wirren Rede.

Die Frau mit dem roten Mantel zog die Augenbrauen hoch, dann biss sie sich auf die Unterlippe, neigte den Kopf ein wenig und verzog den Mund zu einem breiten Lächeln. Ihre Wangen waren feuerrot. Dann endlich sagte sie etwas.

Sie sagte Ja.

 

 

6

Wie von selbst waren wir im La Palette gelandet. Die Menschen um uns herum lachten, redeten und tranken, aber ich bemerkte sie nicht. Ich hatte nur Augen für die Frau an meinem Tisch, und selbst ein Erdbeben hätte mich nicht aus ihrem Bannkreis herausreißen können.

Nie hatte ich mir sehnlicher das Ende eines Films herbeigewünscht als an diesem Abend. Wieder und wieder hatte ich durch das kleine Fensterchen gespäht, um zu sehen, an welcher Stelle des Films wir waren, den ich schon so oft gesehen hatte, dass ich ihn fast mitsprechen konnte. Und nachdem die versponnene Delphine endlich das grüne Leuchten entdeckt hatte – jenes seltsame, glückverheißende Phänomen, das nur für wenige Sekunden und auch nicht immer zu sehen ist, wenn die Sonne im Meer versinkt – und sich nun sicher war, das Abenteuer der Liebe wagen zu können, riss ich die Türen des Kinosaals auf, um die Zuschauer in ihr eigenes Leben zu entlassen.

Sie kam als eine der Ersten durch die Tür und trat einen Schritt zur Seite, um die anderen Kinobesucher vorbeizulassen, die sich langsam noch und verträumt ins Foyer bewegten und gegen das Licht blinzelten, bevor sie wieder in der Wirklichkeit ankamen und schwatzend und lachend dem Ausgang zustrebten.

»Einen Moment noch, ich bin sofort fertig«, sagte ich, und sie spazierte an den Wänden des Foyers entlang und studierte eingehend die Kinoplakate.

»Ob es dieses grüne Leuchten denn wirklich gibt?«, hörte ich eine Studentin fragen. Ihr Freund zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht, aber wir sollten es herausfinden«, entgegnete er und legte zärtlich den Arm um sie.

Ich sah den Professor herauskommen, er stützte sich einen Moment auf seinen Gehstock und warf mir unter den silbernen Augenbrauen einen fragenden Blick zu. Ich nickte und schaute unmerklich zur Seite des Foyers hinüber, wo die Frau im roten Mantel immer noch vor den Plakaten stand.

Wohlwollen und – bildete ich mir das ein? – eine Art freudigen Erkennens huschten über das Gesicht des alten Mannes, als er mir zuzwinkerte und auf die Straße trat.

Dann waren wir endlich allein. Madame Clément rumorte im Kinosaal umher, ging die Reihen ab wie jeden Abend, um zu kontrollieren, ob jemand etwas vergessen hatte.

»Bonne nuit«, rief ich François zu, der seinen Kopf einen Moment aus dem Vorführraum steckte. Dann zog ich meine Jacke über, fragte »Wollen wir?« und geleitete die Frau im roten Mantel zum Ausgang.

Wir lächelten uns an und gingen schweigend einige Schritte die dunkle Straße entlang. Es war ein seltsam intimer Moment – diese plötzliche Nähe, die Stille der Straße, das leise Klackern unserer Schuhe auf dem alten Kopfsteinpflaster.

Ich ging neben ihr und wollte den Augenblick nicht mit Worten zerstören, aber natürlich würde ich irgendwann etwas sagen müssen. Gerade suchte ich nach einem passenden Satz, da sah sie zu mir herüber und strich sich die Haare wieder hinter ihr Ohr.

»Sie haben wirklich ganz bezaubernde Ohren«, hörte ich mich sagen und verwünschte mich im selben Augenblick. Was war ich? Ein Ohrenfetischist?

»Ich meine, alles an Ihnen ist bezaubernd«, setzte ich rasch hinzu. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass Sie meine Einladung angenommen haben. Wissen Sie, Sie sind mir schon seit einer Weile aufgefallen.«

Sie lächelte. »Sie mir auch«, sagte sie. »Ich heiße übrigens Mélanie.«

»Mélanie – was für ein schöner Name«, sagte ich, und es schien mir ein Wink des Schicksals zu sein. Hatte ich nicht noch am Mittag zu Robert gesagt, dass mich die Frau im roten Mantel an die Schauspielerin Mélanie Laurent erinnerte?

»Und Sie sehen ja auch ein bisschen aus wie Mélanie Laurent.«

»Finden Sie?« Es schien ihr zu gefallen.

»Ja, ja … unbedingt.« Der Bann war gebrochen, und ich wurde übermütig. »Aber Sie haben auf jeden Fall die schöneren Augen.«

Sie lachte geschmeichelt. »Und Sie?«, fragte sie dann.

Offen gestanden hatte ich mir über die Schönheit meiner Augen bisher noch keine großen Gedanken gemacht. Sie waren braun und ganz passabel, fand ich.

»Meine Augen spielen keine Rolle«, sagte ich.

»Ich meine, wie ist Ihr Name?«

»Oh. Ach so. Ich heiße Alain.«

»Alain. Das passt zu Ihnen.« Sie legte den Kopf ein wenig schief und sah mich prüfend an. »Sie sehen ja auch ein bisschen aus wie Alain Delon.«

»Das ist die netteste Lüge, die ich je gehört habe«, sagte ich und blieb vor dem La Palette stehen, einem gemütlichen Bistro, das sich ganz in der Nähe meiner Wohnung befand. Ohne dass ich groß darüber nachgedacht hätte, hatte mich mein inneres Navigationssystem in die Rue de Seine geführt, wie an so manch anderem Abend auch, wenn ich nach der Vorstellung hier noch eine Kleinigkeit essen ging. Ich öffnete die Tür, und wir traten ein.

 

 

7

»Immer wenn ich die Liebe suche, gehe ich ins Cinéma Paradis.«

Mélanie nahm einen Schluck aus dem Rotweinglas, umfasste es dann mit beiden Händen, und ihr Blick verlor sich in einer geheimnisvollen Ferne, die irgendwo hinter dem Fensterglas des La Palette lag und zu der ich keinen Zutritt hatte. Ihre Augen glänzten, und ein nachdenkliches Lächeln lag auf ihren Lippen.

Das war wohl der Moment, in dem ich mich in sie verliebte.

Ihre Worte berührten mich zutiefst, ich spürte direkt, wie sie mein Herz zum Schwingen brachten. Dieser eine Satz und das seltsame kleine Lächeln, das ihn begleitete.

Wenn ich heute darüber nachdenke, erinnere ich mich, dass mir schon damals irgendetwas daran auffiel, etwas, das ich ungewöhnlich fand, auch wenn ich nicht hätte sagen können, was genau es eigentlich war.

Viele Wochen später, als ich die Frau mit dem roten Mantel verzweifelt suchte, sollte mir dieser seltsame Satz wieder einfallen. Er war der Schlüssel zu allem, aber das wusste ich noch nicht, als ich jetzt in einer spontanen Geste meine Hände um die von Mélanie legte. Es war das erste Mal, dass wir uns berührten, und es hätte gar nicht anders sein können.

»Ach, Mélanie, das haben Sie schön gesagt. Sie sind ja eine Poetin.«

Sie sah mich an, und ihr Lächeln galt wieder mir. Ihre Hände ruhten in meinen Händen, und in ihren Händen hielt sie immer noch den Rotwein, und so saßen wir da und umfassten beide das Glas, als ob es das Glück wäre, welches man wie einen Vogel nur ganz leise und zärtlich halten darf, damit er nicht davonfliegt.

»Nein, nein, eine Poetin bin ich gewiss nicht. Aber vielleicht ein bisschen nostalgisch.«

Nostalgisch. Dieses Wort hatte ich lange nicht mehr gehört, und es entzückte mich.

»Aber das ist doch wunderbar!« Ich beugte mich zu ihr, und der Rotwein in seiner bauchigen Schale schaukelte ein wenig. »Wo wären wir denn in diesem seelenlosen Universum, wenn es nicht ein paar Menschen gäbe, die die Erinnerung bewahren und die Sehnsucht nach den Gefühlen von einst im Herzen tragen?«

Sie lachte. »Wer ist hier der Poet?«, sagte sie. Dann stellte sie das Rotweinglas vorsichtig auf dem Tisch ab, und ich ließ bedauernd ihre Hände los. »Es ist so eine Sache mit den Erinnerungen«, sagte sie und schwieg einen Moment. »Sie können einen manchmal traurig machen, auch wenn es schöne Erinnerungen sind. Man denkt gerne daran zurück, sie sind der größte Schatz, den man hat, und doch stimmt es einen immer auch ein bisschen wehmütig, weil etwas unwiederbringlich vorbei ist.«

Sie legte ihre Wange in die rechte Hand und malte mit dem Zeigefinger der linken kleine Kreise auf die Tischplatte.

»Tempi passati«, sagte ich ganz philosophisch und überlegte, ob ich es wagen sollte, erneut nach ihrer Hand zu greifen. »Deswegen liebe ich die Filme so. In ihnen wird alles wieder lebendig, wenn auch nur für ein paar Stunden. Und man kann wieder zurück in das verlorene Paradies.« Ich fasste nach ihrer Hand, und sie zog sie nicht zurück.

»Heißt Ihr Kino deswegen so – Cinéma Paradis?«

»Nein … Ja … Vielleicht.« Wir lachten beide. »Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht genau. Ich müsste meinen Onkel fragen, dem das Kino früher gehörte, aber er lebt leider nicht mehr.«

Ich hob bedauernd die Hände. Der gute Onkel Bernard!

Seine wunderbare Zeit im Süden hatte im letzten Spätherbst mit einem Herzstillstand ihr jähes, aber friedliches Ende gefunden. »Das ist ein wirklich guter Wein«, hatte er noch zu Claudine gesagt, als er abends in seinem Korbstuhl auf der Terrasse saß und das Glas gegen die tiefstehende Sonne hielt. »Holst du uns noch eine Flasche, mein Herz?« Als Claudine wiederkam, saß Onkel Bernard mit halb geöffneten Augen zurückgelehnt in seinem Korbstuhl, und es sah so aus, als schaute er in die hohen alten Pinien, deren sommerlichen Geruch er so sehr mochte. Doch er war tot.

Die Beerdigung fand im kleinsten Kreise statt. Eigentlich waren es nur Claudine, ein Ehepaar aus dem Dorf, mit dem sich die beiden angefreundet hatten, sein ältester Freund Bruno und ich. Meine Eltern, die auf einer Reise in Neuseeland waren, schickten einen Kranz und ein Kondolenzschreiben an Claudine.

Dennoch war es eine schöne und würdige Beerdigung. So traurig sie auch war. Statt einer Blume warf ich eine alte Filmrolle von Cinema Paradiso in Bernards Grab.

Ich seufzte, als ich jetzt daran dachte, und blickte in Mélanies große braune Augen, die voller Anteilnahme auf mir ruhten.

»Auf jeden Fall ist er glücklich gestorben«, sagte ich. »Ich mochte ihn sehr, den alten Onkel Bernard. Früher dachte ich immer, er hätte das Kino nach diesem italienischen Film benannt …«

»Cinema Paradiso«, ergänzte Mélanie, und ich nickte.

»Ja, genau. Cinema Paradiso. Es war einer seiner Lieblingsfilme. Aber das Kino gab es schon viel länger als den Film.«

»Es muss schön sein, so eine kleine Traumfabrik zu besitzen.«

»Schön und schwierig zugleich«, sagte ich. »Reich kann man damit nicht werden. In meiner Familie waren jedenfalls alle ziemlich entsetzt, als ich meinen gut bezahlten Posten bei einer großen Firma in Lyon, die Badewannen und Waschbecken nach Abu Dhabi exportierte, mit dem Vorhaben aufgab, ein altes Programmkino wiederzubeleben.«

Junge, Junge, was redest du da? Willst du ihr jetzt signalisieren, dass du ein armer Schlucker bist?

Roberts Stimme klang so real, dass ich unwillkürlich aufblickte. Doch natürlich war da niemand, außer dem Kellner, der geschäftig mit einem Tablett an uns vorbeieilte, um die Gäste am Nachbartisch zu bedienen.

»Ach, du meine Güte! Badewannen und Waschbecken!«, rief Mélanie aus und schlug sich die Hand vor den Mund. »Also, egal, was Ihre Familie sagt, ich bin jedenfalls froh, dass Sie das jetzt nicht mehr machen. Es passt doch gar nicht zu Ihnen. Und man sollte sich immer treu bleiben. Oder haben Sie Ihre Entscheidung jemals bereut, Alain?«

»Nein, nie!«, entgegnete ich und lauschte einen Moment ihrer Stimme nach, die zum ersten Mal meinen Namen ausgesprochen hatte. Ich beugte mich vor und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Es war genau die richtige Entscheidung.« Mein Herz fing an zu klopfen, und ich fiel kopfüber in ihre schimmernden Augen. »Vor allem, weil ich Sie sonst womöglich niemals kennengelernt hätte.«

Mélanie hatte den Blick gesenkt und dann plötzlich nach meiner Hand gegriffen, die noch über ihrem Ohr schwebte, und sie kurz an ihre Wange gezogen.

Ach, ich hätte es ewig so weiterspielen können, dieses Spiel der Hände, der Finger, die sich ineinander verschränken, umeinander schmiegen und nur diesen einen Moment kennen, der alle Zeit vergisst und alles Glück erahnen lässt.

Fangen nicht alle Liebesgeschichten damit an?

»Ich bin auch sehr froh, dass es das Cinéma Paradis gibt«, sagte Mélanie leise.

Ich hielt ihre Hand und spürte den Ring, den sie trug, und strich mit den Fingern über den rötlich glänzenden Goldreif.

»Am Anfang habe ich mich gar nicht getraut, Sie anzusprechen … Ich dachte, Sie wären verheiratet.«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, nein, ich bin nicht verheiratet und war es auch nie. Dieser Ring ist ein Andenken an meine Mutter. Ihr Verlobungsring. Maman trug sonst keinen Schmuck, wissen Sie, und als sie starb, nahm ich den Ring, um etwas von ihr immer bei mir zu haben. Ich hab ihn seitdem nicht einen Tag ausgezogen.« Sie drehte den Ring nachdenklich hin und her, dann sah sie mich an. »Ich lebe ganz allein.«

Die Ernsthaftigkeit, mit der sie das sagte, rührte mich.

»Oh … Das tut mir leid«, sagte ich und geriet ins Stottern. »Ich meine, das mit Ihrer Mutter.« Dass Mélanie allein lebte, sogar ganz allein, tat mir natürlich nicht leid. Im Gegenteil, ich war sehr froh darüber, auch wenn ich fand, dass dieses »ganz allein« doch etwas traurig geklungen hatte.

»Haben Sie denn gar niemanden hier in Paris?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Keine Familie? Keinen Bruder? Keine Schwester? Keinen Freund? Keinen Hund? Nicht mal einen Kanarienvogel?«

Immer wieder schüttelte sie den Kopf und musste schließlich lachen. »Sie sind ganz schön neugierig, Alain, wissen Sie das? Nein, nicht einmal einen Kanarienvogel, wenn Sie schon so fragen. Von meiner Familie lebt nur noch Tante Lucie, die ältere Schwester meiner Mutter, aber die wohnt in der Bretagne. Ich besuche sie hin und wieder. Zufälligerweise sogar an diesem Wochenende. Es ist sehr schön, dort am Meer. Und ansonsten … « Sie zögerte einen Moment, dann führte sie das Rotweinglas an ihre Lippen, trank einen kleinen Schluck und stellte es entschlossen ab. Sie wollte offenbar nicht darüber reden, aber es war nicht schwer zu erraten, dass sie gerade an einen Mann gedacht hatte.

»Ça y est. Die Dinge sind, wie sie sind«, fuhr sie fort. »Aber das ist schon ganz in Ordnung so. Ich habe gute Freunde, einen wunderbaren Chef, freundliche Nachbarn, und ich lebe sehr gern hier in Paris.«

»Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass so eine reizende Frau wie Sie keinen Freund hat«, bohrte ich nach. Ich gebe zu, dieser Satz war wenig originell, aber ich wollte Gewissheit haben. Vielleicht war dieser wunderbare Chef der Mann in ihrem Leben. Vielleicht gehörte sie zu den Frauen, die angeblich allein leben und in Wahrheit jahrelang mit einem verheirateten Mann eine Affäre haben, von der niemand etwas wissen darf.

Mélanie lächelte. »Und doch ist es so. Mein letzter Freund hat mich ein Jahr lang mit seiner Kollegin betrogen. Dann fand ich einen grünen Jadeohrring in seinem Bett, und wir haben uns getrennt.« Sie seufzte in komischer Verzweiflung. »Ich habe ein Talent dafür, mich in die falschen Männer zu verlieben. Am Ende gibt es immer eine andere Frau.«

»Nicht möglich«, sagte ich. »Das müssen alles Vollidioten sein.«

Nicolas Barreau

Über Nicolas Barreau

Biografie

Nicolas Barreau, geboren 1980 in Paris, hat Romanistik und Geschichte an der Sorbonne studiert und lebt heute als freier Autor in Paris. Schon mit seinen Erfolgen »Die Frau meines Lebens« und »Du findest mich am Ende der Welt« hat er sich in die Herzen seiner Leserinnen geschrieben, ehe »Das...

Medien zu »Eines Abends in Paris«


Pressestimmen

Westdeutsche Zeitung

»Eine bezaubernde Liebesgeschichte.«

Hellweger Anzeiger

»Ach ja, endlich mal wieder ein richtig schöner Liebesroman, liebevoll geschrieben und liebevoll in sein Ambiente platziert.«

Rheintaler Weekend

»Eine Geschichte, wie sie kein Film schöner erzählen könnte.«

Sat.1 Frühstücksfernsehen

»Eine Liebeserklärung an das Kino. Eine Liebeserklärung an den Film. Ein wunderbares Geschenk, ein magisches Buch.«

Die Tageszeitung

»Für Liebende! (...) Wer mit Nicolas Barreaus traumschönem Roman ›Eines Abends in Paris‹ nicht seine romantischen Seiten entdeckt – der hat keine.«

GALA

»In jeder Buch-Saison gibt’s höchstens eine Liebesgeschichte, die mich wirklich berührt. Die Story von Nicolas Barreau um einen Pariser Kinobesitzer, der sich in eine Frau im roten Mantel verguckt und sie versucht für sich zu gewinnen, ist mein absolutes Gefühlshighlight.«

Rheinische Post

»Ganz großes Kino zwischen zwei Buchdeckeln!«

LEA

»Großes Liebeskino!«

mayersche-blog.de

»Ein wundervoller Roman mit einer überaus liebenswerten Geschichte und ganz vielen Sätzen, die nur darauf warten, angemarkert zu werden, weil sie so schön und wahr sind.«

Mein Paket

»Liebe, so schön wie im Kino. (...) Mitreißend und nostalgisch. Romantik pur!«

FREUNDIN

»Romantisch wie Woody Allens ›Midnight in Paris‹. Selten ist die französische Metropole poetischer beschrieben worden.«

BRIGITTE

»Der Vorhang fällt und alle Herzen offen!«

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