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Einer links, einer rechts, einen fallen lassen

Einer links, einer rechts, einen fallen lassen

Roman

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Einer links, einer rechts, einen fallen lassen — Inhalt

Als Heidi Hanssen ihren Traumjob in Berlin ergattert, ist sie die glücklichste Frau nördlich des Weißwurstäquators. Doch der langersehnte Umzug von München nach Berlin verschiebt sich wegen einer High-Society-Hochzeit und Heidi ist schwer genervt. Dass sich ihr Tischherr Graf Henri als unaufmerksamer Schnösel entpuppt, macht die Sache nicht einfacher. Endlich in Berlin angekommen, wo sie das neue Gesicht eines Musiksenders werden soll, wird Heidi ihr erster Talkgast vorgestellt – ausgerechnet Graf Henri …

€ 5,99 [D], € 5,99 [A]
Erschienen am 14.04.2014
288 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96620-7

Leseprobe zu »Einer links, einer rechts, einen fallen lassen«

1

»680 Euro für diesen Fetzen? Das ist nicht euer Ernst!«

Ich stand in einem grünen Cocktailkleid auf dem Sand­steinboden des Princess, eigentlich Josefs Haus- und Hofladen, und hoffte inständig, dass meine Hello-Kitty-Socken in dieser Nobel-Boutique nicht zu sehr auffielen. Was ich nicht gewusst hatte: Die Preise hier spielten nicht in meiner Liga. Und woher sollte ich auch? Seit der Store-Eröffnung vor einem Jahr hatte ich im Princess nur in der Secondhand-Ecke gejagt, der elegant-schummrige Raum mit den Cocktail- und Abendkleidern war mir herzlich [...]

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1

»680 Euro für diesen Fetzen? Das ist nicht euer Ernst!«

Ich stand in einem grünen Cocktailkleid auf dem Sand­steinboden des Princess, eigentlich Josefs Haus- und Hofladen, und hoffte inständig, dass meine Hello-Kitty-Socken in dieser Nobel-Boutique nicht zu sehr auffielen. Was ich nicht gewusst hatte: Die Preise hier spielten nicht in meiner Liga. Und woher sollte ich auch? Seit der Store-Eröffnung vor einem Jahr hatte ich im Princess nur in der Secondhand-Ecke gejagt, der elegant-schummrige Raum mit den Cocktail- und Abendkleidern war mir herzlich egal gewesen. Bis heute.

»Ist ja auch ein Diane-von-Furstenberg-Kleid«, sagte Jenny. Unsere Blicke trafen sich im Spiegel. Sie selbst trug einen schwarzbunten Flickenpulli, der zwar alles andere als nach Pimky aussah, aber gut zu meiner Mütze gepasst hätte. Hatte sie sicher zum Einkaufspreis bekommen, das Princess war schließlich ihr Laden.

Ich befühlte Jennys Oberteil, das mein Trachtenanzug tragender Vater »Pferdedecke« geschimpft hätte. »Das Kleid ist schon toll, aber deinen Pulli finde ich so richtig gut. Hast du den im Laden?«

»Nein, das ist ein Einzelstück von einem Berliner Design­kollektiv, ganz neu. An denen bin ich gerade noch dran.«

Musste Jenny ausgerechnet jetzt Berlin erwähnen? Dort würde ich mir sehr bald tragbare Klamotten aus erster Hand besorgen! Aber jetzt musste hier in München ein teurer Fummel her, der zu mir passte und trotzdem gesellschaftsfähig war. Und zwar nicht »Ich gehe mit meinem besten Freund Josef ­feiern«-gesellschaftsfähig, sondern so richtig gesellschafts­fähig. High-Society-tauglich. Und das mir!

Josef, der selbst auf Streifzug durch Jennys Laden war, warf mir einen aufmunternden Blick zu und stemmte die Hände in die Hüften. »Von Furstenberg? Schatzi, das passt doch wie die Faust aufs Auge. Ein adeliges Kleid für eine adelige Hochzeit. Und solche Fetzen haben eben ihren Preis.«

Josef wollte mich unbedingt angemessen gekleidet auf diese doofe Hochzeit schleppen. Und ich hatte mich dazu überreden lassen. Schließlich war er mein Lebensgefährte: Mitbewohner, mit denen man auch sonst jede freie Minute verbringt, kann man schon mal Lebensgefährten nennen. Und Josef stand auf Männer. Wie ich auch.

Zusammen waren wir ein super Team. Beide lebten wir von der Hand in den Mund. Na ja, wenn man sich Josefs ungesunde Hobbys so ansah, manchmal auch von der Hand in die Nase. Aber das waren nur vereinzelte Ausrutscher, sagte er, und mich interessierte die ganze Sache mit dem weißen Pulver ohnehin nicht. Um mich in Schwung zu bringen, reichte eine Handvoll Volumen­shampoo und ein Glas Prosecco auf Eis.

Und außerdem war Josef meine beste Freundin. Deswegen teilten wir auch unsere Anziehsachen. Also, eigentlich nur Oberteile. Josefs Jeans waren mir immer ein wenig zu eng und zu lang, in seinen Slim-Fits sah die Silhouette meiner Beine aus wie eine umgedrehte Birne im Schlafrock. Josef hingegen lief begeistert in meinen alten AC/DC-T-Shirts herum. Er sah gut aus darin. Umgekehrt funktionierte der Tausch nicht ganz so reibungslos. Nicht weil mir Josefs teure Fashion-Hemdchen nicht passten (ich hatte sehr viel weniger Ober- als Unterweite), sondern weil ich immer alles vollsaute. Vor allem farbige Flüssigkeiten und zähe Saucen fanden mich genauso unwider­stehlich wie ich sie, darunter mein Lieblings-Gewürzketchup, das pastellfarbene Heidelbeerjoghurt aus dem Halbliterbecher oder das indische Curry aus dem Palast der Winde, meinem Lieblings-Take-away. Und das waren nur drei Beispiele. Nach einem Abendessen bei uns am WG-Tisch war ich nicht weniger vollgesaut als nach einer Abendschicht im Café Wenzel. Ich hatte Josef zu meiner Verteidigung einmal erzählt, dass bei uns zu Hause sehr strenge Tischsitten geherrscht ­hätten und die ­Fleckenkatastrophen absolut nicht an meiner Kinderstube ­liegen konnten. Seitdem war Josef der festen Überzeugung, mein Hang, einem Kleidungsstück innerhalb kürzester Zeit in Form von Vanilleeisflecken, Balsamico-Spritzern oder Tintenklecksen meinen Stempel zu verpassen, wäre eine un­bewusste Abwehr­reaktion gegen meine Erziehung. »Wenigs­tens kann ich bei ­deinem schnarchigen Liebesleben sicher sein, dass da Zahnpasta und nicht Sperma auf meinem neuen Pulli gelandet ist«, hatte Josef einmal anklagend über die weiß­lichen Spritzer auf seinem superkuschligen Marc-Jacobs-Sweatshirt gesagt. »Das ist meines Erachtens ein Ausbruchsversuch deines unterdrückten Klein-Mädchen-Egos.« Hatte er sicher in der Marie Claire aufgeschnappt.

Dass er mich hier im Princess zu diesem Luxus-Cocktailkleid überreden wollte, wunderte mich umso mehr. Hatte er vergessen, wie ich damit umgehen würde? Aber Josef musste eine Mission erfüllen: er war Wolfgangs Trauzeuge und wollte von mir auf diese Hochzeit kutschiert werden.

 

Vor drei Monaten hatte unser betagter WG-AB eine aufgeregte Nachricht von Wolfgang ausgespuckt: »Josef! Ich muss dir was erzählen! Ich habe eine neue Freundin! Sie heißt Cecilia und ist schwanger!«

Ich hatte unbeteiligt die Schultern gezuckt, als Josef die leiernde Kassette wieder und wieder zurückspulte und außer sich gewesen war.

»Wer ist sie? Warum kenne ich diese Cecilia nicht? Wieso hat Wolfgang sie mir nicht vorgestellt?«

Ich hatte seine Aufregung nicht verstanden. Wolfgang war der umtriebigste von Josefs Freunden, einer der wenigen Heteros unter ihnen und bisher eine anstrengende Angelegenheit für jede Lebensabschnittsgefährtin.

»Ist doch schön, dass Wolfgang eine Frau kennengelernt hat, mit der er mehr anfangen kann, als mit ihr und seinen Jetset-Kumpels einen Wasabi-Mojito zu schlürfen, und sie dann gelangweilt fallen zu lassen, oder?«, warf ich ein.

Josef schüttelte den Kopf: »Weißt du, dass Wolfgang gerade mit seinem Vater übereingekommen ist, die Sportläden weiterzuführen, die seit Generationen zur Familie gehören?«

»Aber das passt doch wunderbar!«, jubelte ich. »Auf dem Weg zu einem gediegeneren Lebenswandel kann so ein reicher Unternehmersohn doch ruhig Vater werden, oder? Ein Kind verhilft dem Herrn Krantz junior sicher zu mehr Contenance. Der Name Cecilia klingt zwar ganz schön hochgestochen, aber offensichtlich hat sie mehr Potenzial als Wolfgangs Ex-Hasen. Entspann dich einfach! Der ist frisch verliebt und schwanger – der meldet sich schon, wenn er wieder Land sieht!«

So weit so gut. Josefs Versuche, Einzelheiten zu erfahren, waren auf diversen Mailboxen versandet, und ich hatte mit der Angelegenheit so viel zu tun wie ein RTL-Exklusiv-Reporter mit der Tagesschau. Aber dann steckte im Juni im WG-Briefkasten Josef Will/Heidi Hanssen ein Büttenumschlag. Es war eine Einladung, schwer und hochwertig. Sie bestand aus einem kleinen Stapel feinstem cremefarbenen Papiers, und auf den einzelnen Bögen war mit Tusche handgeschrieben:

 

Wolfgang und Cecilia

 

stand dick auf der ersten Karte. Josef las die zweite laut vor:

 

Marie Freifrau von Schönfleck,

Konstantin Hohenthan zu Fürstenwald

Fürst und Fürstin Hohenthan zu Fürstenwald

bitten

Herrn Josef Will

zur standesamtlichen Trauung

unserer Tochter,

Prinzessin Cecilia von Hohenthan zu Fürstenwald,

mit

Herrn Wolfgang Krantz.

 

Ich hatte vorsorglich mein Speziglas vom Küchentisch auf das Fensterbrett neben den sterbenden Basilikum gestellt, um das edle Bütten nicht zu gefährden.

»Das glaube ich nicht!«, entfuhr es Josef. »Prinzessin Cecilia von Hohenthan zu Fürstenwald? Ich wusste gar nicht, dass es solche Leute überhaupt noch gibt! Ich dachte, der Hochadel ist eine Erfindung von ›Bild der Frau‹? Aber Chapeau mit O, Wolfgang! Dass er uns das nicht gleich erzählt hat?«

»Wolfgang hat dich sicher nicht früher eingeweiht, weil er Angst hatte, du würdest dich über den Adelskram lustig machen. Vor einem Jahr hätte er sich über so einen Hakenschlag des Schicksals selbst das Maul zerrissen. Aber jetzt drängt ja die Zeit, und da muss schleunigst der Deckel drauf gemacht werden, standesamtlich. Eine Prinzessin kann selbstverständlich nicht hochschwanger vor einen Altar treten!« Das gesellschaftliche Kalkül hinter diesem Bund fürs Leben war nicht schwer zu durchschauen.

 

Lange war Josef um die Einladung, die an unserem Kühlschrank pinnte, herumgeschlichen. Unter anderem deshalb, weil er für diese Hochzeit eine Begleitung brauchte. Und zwar nicht einen der schwulen Straßenkater, die er immer im New York und im Tigerclub auflas. Nicht weil er nicht dazu stehen konnte, lieber mit Jungs unter einer Decke zu stecken. Nein, er brauchte jemanden mit einem Auto: mich. Ich konnte außerdem mit Messer und Gabel essen, ich betrank mich praktisch nie, und ich hatte keinen Hang zu Drogen. Und ich würde ihn nicht daran hindern, in der Hochzeitsgesellschaft nach hochadeligen Katern zu fahnden. Ich jedoch war froh, dass die Einladung Josef galt und nicht mir.

»Niemals! Ich sage dir, was ich am 30. August mache: Um­zugs­kisten auspacken und danach spazieren gehen – und zwar in Berlin!«

Josef war mein Ortswechsel natürlich egal, denn im Gegensatz zu mir hatte er es ja geschafft! Er war mit siebzehn aus seinem Dorf abgehauen und Visagist geworden, hatte als Puderschlampe die weite Welt gesehen und ständig Jobs auf Mallorca oder in Köln, Düsseldorf und Berlin gehabt. Und ich? Okay, ich war immerhin die paar Kilometer von Unteröd nach München gezogen, aber was war schon München? Doch auch nur ein großes Dorf! Josef hatte mich schließlich für Berlin begeistert!

»Und dann werde ich mir erst mal Zeit nehmen und die Stadt kennenlernen, bevor ich gleich wieder zurück nach München hetze!«, erklärte ich selbstbewusst.

Für diese Entscheidung hatte der weit gereiste Herr »Ich habe Paris Hilton ungeschminkt gesehen«-Will kein Verständnis. Bei einem unserer abendlichen Sushi-und-Leberkässemmel-Zwei-Gänge-Menüs funkelte er mich an: »Als müsstest du dich ein ganzes Wochenende erst mal akklimatisieren, so ein Quatsch! Klein Heidi in der großen Stadt! Hast du etwa Angst?! Du bist doch keine Oma, die sich schon drei Tage vor der Kaffeefahrt an der Bushaltestelle anstellt! Du gehst mit mir auf diese Hochzeit, fährst erst am Sonntag nach Berlin, und am Montag fängst du an zu arbeiten. Basta. Du kannst mir ruhig den Gefallen tun und für mich deinen Umzug um ein paar Tage nach hinten verschieben. Weil du ohne mich nämlich gar nicht nach Berlin ziehen würdest!«

Das stimmte. Und ich hatte Angst. Und ich war Josef einen Gefallen schuldig.

Ich wischte mir verlegen die Sojasaucenspritzer vom Flanell-Pyjama (ich hatte den kleinen Plastikfisch mit der dunkelbraunen Flüssigkeit verkehrt herum gehalten) und gab klein bei. Josef hatte mir immer von Berlin erzählt. Viel erzählt. Auch an diesem Abend war er gerade vom Flughafen gekommen, bepackt mit zwei Plastiktüten voll Take-away, den Alutrolley mit seinem Handwerkszeug in der anderen Hand. Seine Augen leuchteten, als er mir meinen Autoschlüssel zurückgab.

»Wenn du in Berlin nachts Hunger hast, bekommst du immer – verstehst du, immer – etwas zu essen. Oder du denkst dir, was ist das für ein abgefuckter Hinterhof – und zwei Wochen später eröffnet dort eine schicke Galerie und stellt Jim Avignon aus. Kein Star interessiert sich mehr für Köln oder München oder irgendein anderes Kaff, denn in Berlin passiert immer und überall alles – und zwar rasend schnell.« Josef hatte zum Küchenfenster hinausgedeutet. »Und dort herrscht nicht dieser spießige Einheitslook wie hier! Du kannst deinen Fetisch mit dir herumtragen oder der letzte Mohikaner sein, jeder findet in Berlin seine Nische, und am liebsten wäre ich immer dort und würde sofort wieder hinfahren – Moment! Gib mir den Schlüssel wieder! Ich muss sofort weg!«

Er schoss an mir vorbei aus der Haustür und rief mir aus dem Treppenhaus zu: »Dieses Problem mit den Politessen würde es in Berlin auch nicht geben!«

Ich hatte einen Gurkenschnitz aus einem Kappa Maki gepult, ihn durch die Stäbe des quadratmetergroßen Meerschweinchenkäfigs in unserer Küchenecke gefummelt und Josef in Gedanken recht gegeben. Egal, ob es die Aussicht auf ungestörtes Parken in der zweiten Reihe oder 24 Stunden Currywurst waren, ich war schon lange mit dem Berlin-Virus infiziert. Zumal der Job als A&R-Juniormanager bei Uniworld, einem großen internationalen Musiklabel, ziemlich vielversprechend klang. A&R klang englisch ausgesprochen und genuschelt ungeheuer wichtig. Künstlermarketing. Den Job hatte mir Josef besorgt.

»Weißt du, in Berlin läuft nichts über Bewerbungen, sondern alles über Konnis«, connections also, und zwar seine, hatte mir Josef damals erklärt. Er kannte den deutschen Vertriebschef der Uniworld, Kuszinsky, und genau der hatte mich nach einem fünfminütigen Gespräch eingestellt.

»Warum glaubst du, dass du die Richtige für uns bist?«, hatte Kuszinsky mich gefragt. Darauf hatte ich gewartet, ich war schließlich nicht doof, und hatte ihm ein Zeugnis aus dem Café Wenzel vorgelegt.

»Wenn ich mit diesen feiernden Komastudenten fertigwerde, dann kann ich auch Künstler betreuen.«

Der Vertriebschef hatte gelacht, bis ihm das Hemd noch einen Knopf weiter aufsprang, und zack! Schon war Heidi Hanssen auf dem Weg nach Berlin und bald an der Seite der Stars. Und der orangewuschlige Herr Hansi Hinterseer und ­­der semmelblonde Eminem, Josefs Rosettenmeerschweinchen, würden mit mir kommen. Allerdings erst nach Wolfgangs Hochzeit.

 

»Heidi, da steht förmlich dein Name drauf!«

Der Herr mit den besagten Konnis stand jetzt im Princess neben mir und schob meinen BH-Träger unter die grüne Chiffonrüsche, die das hauchzarte Kleidchen auf der Schulter hielt.

»Das Teil steht dir fantastisch! Und den BH kannst du dir eigentlich sparen, dir rutscht ständig der Träger runter, weil er ohnehin nichts zu tun hat.«

Klar, Josef hatte gut reden. Nicht weil bei ihm die Abwesenheit eines Busens zur Hardware gehörte, sondern weil dieses Outfit auch ohne Unterwäsche eine sauteure Sache werden würde. Ich rechnete in Gedanken: 680 Euro allein das Kleid, und wenn ich mir die silbernen Stöckelschuhe so ansah, die passend zum Kleidchen dort in der Ecke lauerten, kam ich mit einem Tausender aus der Nummer raus. Verdammt – wozu eigentlich so ein Riesenaufwand für eine Hochzeit, auf der ich nicht einmal persönlich eingeladen war?

»Aber die Hochzeit ist doch nur standesamtlich!«, wagte ich einen Versuch.

»Schatz, was bei solchen Herrschaften standesamtlich heißt, das ist woanders die ganz große Gala.«

Josef hatte sehr konkrete Vorstellungen und vor allem Schiss, dass ich ihn blamieren würde. Auf meiner letzten Hochzeit (bei der ich Gast war, natürlich nicht meine eigene!) war ich im Secondhand-Dirndl aufgetaucht. Josef wusste das, er hatte mir schließlich widerwillig den falschen Zopf um den Kopf gelegt. Meine eigenen schulterlangen Fusselhaare hatten nämlich nicht die Substanz für alpenländisches Flechtwerk.

Ich zögerte: »Die ganz große Gala? Meinst du wirklich?«

»Natürlich, Schatzi. Pass auf, wir visualisieren das mal. Stell dir das Titelblatt der BUNTEN vor. Schlagzeile: ›Traumhochzeit: Die Prinzessin und der Sportgraf‹. Und auf dem Foto: Du in der ersten Reihe der Gäste. Hast du’s? Ja? Und was hast du an?«

Ich ließ mich auf Josefs Experiment ein, den Trick mit dem inneren Fernseher hatte er garantiert auf seinem letzten »Schminken für die Seele«-Seminar auf Gomera gelernt. Ich kniff die Augen zusammen, um das Outfit in meiner Vision zu erkennen. Und ja, es war leider dieses knallgrüne Chiffon-Fähnchen, das sich ausgesprochen kleidsam von den faden Beige- und Rosétönen der restlichen Gesellschaft abhob. Mist. Ich kehrte geschlagen in die Umkleidekabine zurück, zog den Vorhang zu und setzte mich auf den Flokati-Puff.

»Bis zur Hochzeit habe ich noch zwei Schichten im Café Wenzel«, rechnete ich laut. »Und wenn ich noch Platz habe, kann ich meine Autofahrt nach Berlin in der Mitfahrzentrale anbieten. Da kommt schon was rum, aber nicht viel. Fünf­hundert Euro maximal!« Ich steckte den Kopf aus dem schweren Vorhang. »Josef, das klappt nicht. Das ist einfach unverhältnismäßig. Ich zieh doch so was nie wieder an. Ich muss schließlich noch die Maklercourtage für die Wohnung in Berlin auf die Seite legen – oder soll ich für immer bei deinen Freunden wohnen?«

Und dann brachte ich das für Josef sicher schlagende Argument: »Zum Friseur muss ich auch noch. Ich kann doch als beste Freundin eines Visagisten nicht aussehen wie das Mädel vom Land, wenn ich nach Berlin Mitte ziehe!«

Josef seufzte zustimmend, warf einen raschen Blick über die Schulter zu Jenny und drängte sich zu mir in die Umkleide­kabine. Hinter dem geschlossenen Vorhang faltete er ein kleines Bündel auseinander.

»Hier. Für dich«, sagte er und drückte mir zwei lila Scheine in die Hand. »Das ist für dein Outfit – Jenny gibt dir sicher Prozente, für Freidrinks im Wenzel macht die doch alles.« Zwei weitere Scheine tauchten dort auf, wo die ersten herkamen. »Und das hier ist für den Makler. Und damit …«, er zückte noch zwei Scheine, »kaufst du dir in Berlin ein anständiges Bett! Du musst endlich deinen Single-Futon wegwerfen, sonst kann das ja nichts werden mit den Jungs!«

Ich starrte Josef an. »Das glaub ich jetzt nicht. Das sind dreitausend Euro!«

Der versuchte die restlichen Geldscheine wieder in die vordere Tasche seiner hautengen Röhrenhose zu zwängen.

»Und warum trägst du so viel Geld einfach mit dir rum?«

»Frag jetzt nicht, nimm. Das passt schon. Gib es mir einfach irgendwann wieder.«

Ich war noch immer nicht begeistert. »Was soll das? Spielen wir hier Pretty Woman, in der männlichen Hauptrolle Richard Queer?«

»Hachgott, Heidi, jetzt stell dich nicht so an! Ist doch nur Geld!« Josef rollte die Augen. »Ich kann es auch wieder ein­stecken!«

Ich hielt kurz die Luft an. So ein Kleid war ein tolles Symbol für meinen neuen Lebensabschnitt. Wie sollte ich denn einen Robbie Williams auf den Echo begleiten – im Secondhand-Dirndl? Ich atmete ein ergebenes »Okay« aus und schob den Vorhang samt Josef beiseite, um Jenny mitzuteilen, dass ich das Kleid nehmen würde.

»Sag ihr, sie soll dir auch die silbernen Peeptoes dazu ein­packen!«, rief Josef mir hinterher.

Ich blieb stehen und drehte mich zu ihm um.

»Peeptoes?«

»Herrgott, die Schuhe, die du vorhin so gierig angeglotzt hast! Peeptoes sind Pumps, bei denen man durch ein Loch den großen Zeh sehen kann! Bin ich denn der Einzige, der in unserem Haushalt die Instyle liest? Und übrigens: Glaub ja nicht, dass du auf der Hochzeit eine deiner Mützen aufsetzen kannst!«

»Aber meine Haare!«

»Nichts da! Schlimm genug, dass ich heute Morgen vor lauter Baskenmützen, Wintermützen, Häkelmützen, Sonstwas-Mützen schon wieder mein neues Ed Hardy-Cap nicht gefunden habe …«

Josef hatte leider recht. Ich hatte da in der Tat einen Spleen.

»… aber auf einer solchen Hochzeit trägt man höchstens Hut, und das auch nur in der Kirche«, fuhr er fort.

Aber er kannte doch mein Problem: »Mensch, Josef! Andere Frauen machen sich einfach einen Pferdeschwanz, wenn sie einen Bad-hair-Day haben, doch ich habe davon zu viele.« Eigentlich war jeder zweite Tag bei mir ein Bad-hair-Day, ich hatte auch schon mal eine ganze Bad-hair-Week. Und an solchen Tagen setzte ich mir eine von meinen zweiundvierzig Mützen auf und zupfte mir ein Paar Strähnen an der Seite raus, damit man sehen konnte, dass ich trotzdem Haare hatte. Heute trug ich eine schwarze H&M-Mütze mit Patentmuster, wie ich sie in einer von Josefs Style-Zeitschriften bei Madonna gesehen hatte. Sie hatte gut damit ausgesehen, mit einem Pappbecher in der Hand und einer großen schwarzen Sonnenbrille. Doch Josefs Statement machte mich wirklich fertig.

»Nicht mal was Schickes? Vielleicht eine Mütze mit Glitzer, passend zu den Schuhen?«

»Na klar! Und vielleicht auch noch selbst gestrickt! Warum hängst du dir nicht gleich ein Transparent um – ich bin die Heidi und ich bin gerade von der Alm getrieben worden!«

 

Jenny verzog zwar keine Miene, als ich mit zwei 500-Euro-Scheinen zahlte. Kein Wunder. Irgendwie kam ich mir verdammt un­seriös vor bei der ganzen Nummer. Ich versuchte, ihr nicht in die Augen zu sehen, und fixierte lieber den stumm geschalteten ­Fernseher hinter dem Kassentisch. Auf dem Musiksender ­M-EINS war ein unfassbar dünnes Mädchen mit einem Turm aus ­roten Haaren und schwer tätowierten Armen zu ­sehen, das kokett in die ­Kamera lächelte. Nicht schlecht, dass jetzt auch hier schon ­M-EINS statt MTV lief. Den Sender gab es doch noch gar nicht so lange. Kriegten wir zu Hause zwar nicht rein, aber mittlerweile guckte ich M-EINS immer während der stillen Nachmittags­stunden auf dem Flatscreen im Café Wenzel und nachts zum ­Babysitten.

Die Rothaarige schwebte jetzt eine Showtreppe zu zwei auf bunten Würfeln sitzenden ungekämmten Jungs herunter. Waren das nicht The Superbrothers? Eine verboten coole »The«-Band, wie ich sie auch bald betreuen würde! Die kleine M-EINS-Hexe steckte in sehr kurzen Jeansshorts und in genau den Peep­dingern, die Jenny mir gerade in eine überdimensionale Papiertüte steckte. Mit einem Unterschied: Die tätowierte VJane hatte dafür sicher nichts blechen müssen.

»Brauchst du den Schuhkarton?«

»Nein.«

Aber einen Job, bei dem mir diese Schuhe umsonst hinterhergeworfen wurden.

 

2

»Warum hast du die 4 und ich die 64?«

Ich nahm meine Sonnenbrille ab, um auf das große Poster auf der Staffelei zu starren. Über den Miniaturtischen standen Nummern, die mit der Namensliste daneben korrespondierten. Die Sitzordnung.

»Wir sind Kilometer voneinander entfernt!«, rief ich entsetzt. »Wieso sitze ich nicht neben dir?!«

Josef scharrte mit seinen auf Hochglanz polierten Buda­pestern über die toskanischen Fliesen im Eingangsbereich des Gutshofes. Vor einer halben Stunde waren wir noch zusammen auf einen Feldweg eingebogen, um uns auf den letzten Metern in Schale zu werfen. Als ich mir zwischen Mohnblumen und Hafer Volumenfix in den herausgewachsenen Stufenschnitt geknetet und mein federleichtes grünes Kleid aus der Schutzhülle befreit hatte, konnte ich mich noch richtig freuen. Wow, hatte ich gedacht, den schwülen Duft der Rapsfelder in der Nase, ich gehe als kleine bürgerliche Wurst auf ein gesellschaftliches Großereignis, und das an der Seite meines besten Freundes, der auch eine kleine bürgerliche Wurst ist!

Weshalb mir nichts passieren konnte. Hatte ich gedacht.

Ich checkte meine Nachbarnummern 63 und 65. Den Namen links von mir kannte ich. Von dem Etikett des Bieres, das mein Vater immer so gern trank, nur dass hier »Gräfin Henriette von und zu« statt »Urtyp« davorstand. Und der Name rechts von mir war ein ellenlanger französisch-deutscher Rattenschwanz: Graf Henri-Marie-Jean-Baptiste von Labrimal zu Mond­stetten.

Josef hatte ein sichtbar schlechtes Gewissen. »Stimmt, die 64 ist jetzt nicht direkt neben mir. Aber ich als Trauzeuge muss natürlich neben Wolfgang sitzen. Und auf Gala-Banketten ist es ganz gern mal so, dass die Partner getrennt werden bei der Sitzordnung. Gibt der Konversation mehr Pfeffer.«

Pfeffer. Soso. Ich kippte die rosa perlende Flüssigkeit in der Champagnerflöte hinunter, die mir der befrackte junge Mann vom Edelcaterer am Eingangstor überreicht hatte. Das half. Josef konnte nichts dafür, und wozu die Aufregung, ich war ein großes Mädchen!

»Macht nichts. Ich bin im Café Wenzel mit ganz anderen Leuten fertiggeworden. Ich beiß mich da schon durch.«

Ich setzte meine Sonnenbrille wieder auf, griff mir mit durchgedrücktem Kreuz das dritte Glas und machte mich selbstständig. Draußen im Hof war inzwischen die Hölle los.

 

»Ist das nicht wonderful?!«

Eine alte Dame im rosa Chanelkostüm und mit graulila Haaren krallte sich an meinem Oberarm fest, als der Oldtimer mit dem Brautpaar vorfuhr. Das schöne alte Cabrio war knallgrün, genau die Farbe meines Kleides. Ich verkniff mir die Bemerkung, aber natürlich hätte ich viel besser hineingepasst als Cecilia, die als Braut in einem hübschen, aber legeren rosa Schwangerschaftskleidchen ausstieg.

»Cillie!« Eine junge Frau, sportliche Figur, lockerer Pferdeschwanz, fussliger hellblauer Kaschmirpulli und Jeans, löste sich aus der Menge vor dem Gutshaus, um Cecilia zu umarmen. Ich sah noch mal hin. Sie trug tatsächlich Jeans und Pulli?

»Wer ist das?«, fragte ich die Chanel-Oma, die mich wahrscheinlich nur deshalb so mir nichts dir nichts adoptiert hatte, um auf den Pflastersteinen ihren Oberschenkelhals nicht zu gefährden. Sie hauchte mir ihren ätherischen Atem ins Ohr: »Isabel from Ehrenbörg. The Witness.«

War das Melissengeist, oder bekam man von diesem Champagner wirklich so eine Fahne?

»Lovely, isn’t she?«

Witness? Zeugin? Die zweite Trauzeugin neben Josef war die Isabel von Ehrenburg? Das war eine Fürstin? Das Mädel sah eher aus, als hätte sie in der Scheune gerade gekifft!

»And may I ask who you are?« Das Englisch der alten Dame war makellos. Sicher alter englischer Landadel. Ich tat mein Bestes: »I am … I am with the …«

Mann, wie nannte man gleich noch mal den männlichen Trauzeugen auf Englisch? Auch Witness? Ich blickte mich suchend um. Josef stand schräg hinter mir. Ich zupfte ihn am Ärmel.

»Trauzeuge? Best Man!«, half er mir aus.

»I am with the Best Man!«, antwortete ich der Lady.

»Oh I see,« sagte sie, musterte Josef und mich eisern lächelnd von oben bis unten und blickte prüfend auf die Spitze meines Schals. »From Brussels?«

Die langen Fransen glitten ihr durch die altersfleckigen Finger, als ich ihr vorsichtig den spinnwebigen Stoff entzog. Auf gar keinen Fall würde ich zugeben, dass diese Stola aus dem Fundus meiner Mutter stammte und wahrscheinlich von irgendeiner Großtante selbst geklöppelt worden war. Allerdings: Wozu die Scham? Wenn ich so in die Menge blickte, war das altbackene Chanelkostüm der Lady noch die glamou­röseste unter den Roben. War dieser Clan verarmt? Nur diesen goldbestickten Mantel dort drüben kannte ich aus dem Louis- Vuitton-Schaufenster in der Maximilianstraße, hier getragen von einer brünetten Walküre mit großer Nase. Sicher eine Habsburgerin.

»And who is she?«, lenkte ich die Aufmerksamkeit diskret auf die Louis-Vuitton-Dame.

»Oh dear …« Die Lady stockte und vollendete flüsternd in plötzlich akzentfreiem Deutsch: »Ihr gehört das Auto, verstehen Sie?«

Die Autohausbesitzerin, die den Oldtimer zur Verfügung gestellt hatte, war die Einzige in richtig teurem Fummel? Hatte der Rest der Gesellschaft es einfach nicht nötig? Adel verpflichtete hier anscheinend nur dazu, für eine standesamtliche Trauung den Pleitegeier nicht mehr als nötig heraufzubeschwören. Soweit ich wusste, hatte die Hochzeit auch nicht die Familie der Braut, sondern der bürgerliche Skischuhclan der Krantz’ ausgerichtet.

Die alte Dame löste ihren Griff und stakste auf ihrem schwarzen Gehstock davon, um die Trauzeugin zu begrüßen. Ich blickte ihr nach. Der taillenlose Rumpf saß auf dünnen Beinchen, eine Figur, wie sie eigentlich nur greise Amerikanerinnen nach jahrzehntelangem Abführmittel-Missbrauch bekamen. Isabel von Ehrenburg reichte ihr schon von Weitem eine ausgestreckte Hand, sank dann trotz ihres höchst legeren Outfits zu einem vollendeten Knicks zusammen, Donnerwetter. Aber meine Hoffnung, endlich Zeugin eines echten Hofzeremoniells zu werden, verpuffte, denn als Isabel aus ihrer vollendeten Demutshaltung wieder aufgestanden war, brach sie in schallendes Gelächter aus und versetzte der alten Dame einen solchen Schubs an der Schulter, dass deren Gehstock sich zentimetertief in eine Fuge zwischen den Basaltsteinen bohrte. Ich sah mich um, Verbündete suchend, mit denen ich meine frisch gebildete Meinung über Nachwuchsadelige teilen konnte, aber Josef war gerade dabei, auf der Rückbank des ­Oldtimers Platz zu nehmen. Der Aufbruch zum Standesamt! Ich lief ihm hinterher, so schnell ich in meinen silbernen Schuhen konnte – ich hätte mir ein paar Ersatz-Flip-Flops für Notfälle einpacken sollen.

»Nehmt mich mit!«

Er und Wolfgang sahen sich an. Josef räusperte sich.

»Tut mir leid, ich glaube, das geht nicht. Der Wagen ist eigentlich nur für das Brautpaar und die Trauzeugen.«

Aber Cecilia drehte sich vom Beifahrersitz um.

»Quatsch, macht euch nicht so breit, Jungs! Wir müssen nur noch an Isabel denken, und Wolfgang hat hier vorne Platz. Dass das Brautpaar hinten sitzen muss, ist doch Schnee von gestern. Und außerdem habe ich hier mehr Bein- und Bauchfreiheit!« Sie verrenkte sich trotz Babykugel, um mir eine angenehm kühle Hand über die Rückenlehne zu reichen. »Ich bin Cillie! Schönes Kleid! Viel zu edel für uns, heute ist doch nur der Vorgeschmack auf die ganz große Party nächstes Jahr.«

Ich stieg ein, stieß Josef in die Seite – »Siehste! Spießtucke!« – und bedankte mich artig bei Cillie.

»Ich bin Heidi. Herzlichen Glückwunsch übrigens.«

»Danke! Und weißt du was, Heidi, zieh das Kleid einfach nächstes Jahr noch mal an. Merkt doch keiner hier. Nächstes Frühjahr ist der Kleine dann ein halbes Jahr, und Wolfgang und ich feiern am 1. Mai noch mal richtig Hochzeit, Schloss, weißes Kleid, Kirche, der ganze Kram.«

Eine unglaublich entspannte Person, diese Cecilia! Da hatte Wolfgang mal richtig Glück gehabt! Selbst wenn ich mich gegen diese Veranstaltung hier gespreizt hatte wie Eminem und Herr Hansi Hinterseer, wenn sie zum Tierarzt mussten, irgendwie freute mich Cillies Einladung zu Hochzeit Nummer zwei.

»Und jetzt muss ich wieder nach vorne schauen, sonst wird mir schlecht«, lachte die Braut.

Als der Oldtimer startete und der livrierte Chauffeur uns durch die Spalier stehende Hochzeitsgesellschaft die große Auffahrt Richtung Kolbermoor hinausbrachte, fand ich den Tag eigentlich plötzlich gar nicht mehr so schlecht. Der Himmel vibrierte im tiefsten Postkartenblau wie so oft im Spätsommer, und ich würde zum ersten Mal in meinem Leben nicht zum Oktoberfest in der Stadt sein. Ich ließ mir die Haare vom Fahrtwind zausen und sah mir Cillie und Wolfgang, die auf dem breiten roten Beifahrersitz aneinander lehnten, versonnen von hinten an. In Cecilias Haare waren einfach ein paar Maßliebchen gesteckt, dicke Strähnen fielen ihr aus den Klammern auf die Schultern. Sie sah so unbekümmert aus, als wäre sie das Blumenmädchen und nicht die Braut. Und Wolfgang, der seinen Arm um ihre Schulter gelegt hatte, hatte ich den ganzen Tag noch nicht am Handy gesehen.

Ein schönes Paar.

Nicht, dass ich einsam gewesen wäre – und eifersüchtig schon gleich gar nicht. Ich wollte definitiv keinen Junior-Chef als Freund. Wann würde der sich mit mir an die Isar legen? Und ich wollte auch keinen der Jura-Spacken, die das erste Semester noch ganz cool mit Vans und Karohemden aufkreuzten, um von Kurs zu Kurs immer mehr zu Anzugtragenden Korinthenkackern zu mutieren. »Ich muss noch mal schnell in die Kanzlei« – damit war mein Vater von fast jedem Mittag- oder Abendessen aufgestanden, und diesen Spruch wollte ich nicht am Morgen danach auf einem Zettel auf meinem Kopfkissen lesen.

Plötzlich traf mich etwas im Gesicht und am Scheitel. Ich wischte mir die Wange ab und schaute erstaunt auf die weißgrauen Schlieren auf meiner Hand. Dass das nicht Regen war, was an diesem strahlend blauen Sommertag meine Wange gestreift hatte, merkte ich erst daran, dass Josef mit den Worten »Vogelscheiße! Ist ja klar, dass die dich trifft!« ein Stück von mir abrückte. Cillie drehte sich um und lachte schallend.

Aber schon wedelte Josef ein Tempo auseinander, er war mehr als ausgerüstet, denn wenn er für einen Romy-Schneider-Film zwei Päckchen Taschentücher brauchte, wie viel dann erst für diese Realromanze? Ich versuchte mich nicht zu bewegen, um ihn an meiner Backe und an meinem Kleid herumrubbeln zu­ lassen.

Wäre schon mal wieder toll, ein Freund. Josef hatte ja wenigstens noch ständig Sex, für ihn war das Nachtleben ein Gemischtwarenladen, und er nahm sich, was er brauchte. Und er erzählte mir am Morgen danach immer schön, welche ­Herren er am Wühltisch oder als Designerstück ergattert hatte. Ich hingegen, ich war so promisk wie ein Schwanenpaar auf dem Kleinhesseloher See. Ohne Hummeln im Bauch ging bei mir gar nichts. Und Hummeln waren in meinem Universum eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Okay, Schmetterlinge hätten es zur Not auch getan. Aber kein Flattern weit und breit.

Aber vielleicht war das auch gut so. Eine Liebesgeschichte hätte mich wahrscheinlich nur daran gehindert, erst einmal selbst nach Berlin zu flattern. Und hier in der Provinz zu versauern – das durfte mir auf gar keinen Fall passieren. Ich konnte sie einfach nicht mehr sehen, diese trügerische Wald- und ­Wiesenidylle, barocke Zwiebeltürme, zwischen Hügeln auf­tauchende malerische Dorfkirchen, monströse rote Geranien­wolken zwischen grünen Fensterläden – und München als darüber herrschendes Puppenstubenhausen. Das konnte es für mich doch nicht schon gewesen sein.

Wolfgang strich seiner Braut eine der Haarsträhnen hinters Ohr und zeigte auf den Raubvogel, der über einem Kornfeld die Kolonne der hupenden Autos auf dem Weg zum »Bund der Ehe« eskortierte. Dass ich es geschafft hatte, das grüne Kleid zwei Stunden lang unversehrt zu lassen, hatte diesem Mäusebussard wohl nicht in den Kram gepasst! Cillie befahl mir, mir sofort etwas zu wünschen, und griff sich vor Lachen an den Kopf, ohne darauf zu achten, dass das ihrer Frisur komplett den Garaus machte. Dann ließ sie sich von Wolfgang drücken und über den Babybauch streichen.

Ich wischte mir eine Träne von der Wange, bevor Josef sie sehen konnte. Wenn jemand wie Wolfgang, dem Josef noch bis vor wenigen Wochen komplette Bindungsunfähigkeit unterstellt hatte, so schnell so glücklich werden konnte, vielleicht bestand dann für mich auch noch Hoffnung. Und jetzt wünschte ich mir erst einmal, dass ich nicht mehr so verdammt aufgeregt sein würde wegen Berlin.

 

Die standesamtliche Hochzeit verlief ohne Zwischenfälle. Ich hielt mich beim Eintreten eisern an der Seite Josefs und der Brautleute und schaffte es sogar mit in den winzigen Büroraum, während die große Traube draußen stand und wartete. Der Bürgermeister, ein riesiger rotgesichtiger Schrank von einem Mann, vollzog die Trauung und schwitzte dabei so stark, dass die Schweißperlen über seine Backen in den buschigen Schnurrbart rollten. Das Brautpaar sagte »Ja« und küsste sich, es wurde gelacht, geheult, Hände geschüttelt, posiert, fotografiert, noch mehr Champagner ausgeschenkt, zurückgefahren, und dann trennten sich Josefs und meine Wege beim Bankett. Schade, dass ich mich nun nicht mehr weiter mit der kugelrunden Cillie unterhalten konnte. Ich stakste unsicher zu meinem Platz am anderen Ende der riesigen Remise, die zu einem Festsaal umdekoriert worden war, vier Gläser Champagner ohne Frühstück im Blut. Das Kärtchen mit der Nummer 64 steckte in einem Sträußchen aus Wicken und Löwenmäulchen. Ich zog mir den schweren Stuhl selbst vom Tisch weg und setzte mich. Der Kerl mit dem Bandwurmnamen war noch nicht da. Aber links von meinem Platz lehnte ein schwarzer Gehstock am Tisch, und ich hörte eine brüchige Stimme rufen:

»A Sherry instead of that Bellini would definitely be more appropriate!«

Oje. Die Chanel-Oma war die Biergräfin Henriette von Beustl …

 

Mein rechter Platz war immer noch leer, als mir eine endlose Stunde später einer der Livrierten den Amuse-Gueule-Teller wegnahm, ein anderer eine Maronenschaumsuppe mit Krebsen servierte und ein dritter das Rotweinglas auffüllte. Eigentlich trank man meiner Meinung nach zu Fisch Weißwein. Oder hatten die deftigen Maronen beim Rennen um den Wein gewonnen? Aber ich konnte niemanden dazu befragen. Die Bier­gräfin sprach kein Wort mehr mit mir, nachdem ich ihr nach dem zweiten Bellini auf Englisch zu erzählen versucht hatte, dass mein Vater sein eiskaltes Beustl-Bier am liebsten aus der ­Flasche trank und in der Lage war, diese Flasche mit allem zu öffnen, was härter war als ein Haushaltsgummi. So war das eben auf dem Land. Ich blickte sehnsüchtig quer durch den Saal zu Josef. Er hatte den Kopf in den Nacken gelegt und lachte. Cillie hielt sich die gestärkte Serviette vor das Gesicht, ihre Schultern samt Babybauch vibrierten. Wehen? Nein. Sie schüttelte sich vor Lachen. Die pferdeschwänzige Jungfürstin neben ihr lächelte zufrieden – offensichtlich hatte sie gerade einen Superwitz gelandet. Und ich saß hier und mopste mich zu Tode.

»Excusez.«

Eine verhangene Figur schob mein Glas ein Stück weiter zu mir hinüber und setzte sich. Mein Tischherr. Ich war inzwischen stocksauer. Und ziemlich betrunken. Konnte hier mal einer Konversation auf Deutsch machen? Je höher mein Alkoholpegel, umso sprachbegabter war ich normalerweise. Aber gegen diese steife Oxfordnummer hatte ich keine Chance. Und jetzt auch noch Französisch. Das hatte ich in der neunten Klasse abgelegt und seitdem nicht vermisst.

»Na, auch schon da?«, schoss ich zurück und tat mein ­Bestes, mir den Typen nur aus den Augenwinkeln anzusehen. Viel sah man von ihm sowieso nicht. Ray-Ban-Sonnenbrille im Gesicht, dunkelblonde, ins Gesicht fallende Haare, weißes Hemd zum dunkelgrauen Anzug und darüber ein dicker schwarzer Pashmina. Wie affig. War der Kerl gerade erst von einer Lungenentzündung genesen, oder warum vermummte er sich so?

»Wo kommen Sie denn her?«, fragte ich unverblümt.

Der Herr Graf lehnte sich zu mir, aber nur, um dem Kellner Platz zu machen, der ihm servil den Tafelspitz servierte, und richtete sich danach wieder auf.

»Genf«, antwortete er knapp. Immerhin auf Deutsch, aber ohne mich anzusehen. Pause.

Ja, und ich? Was war mit der Gegenfrage? Wo kam ich her? Aus München, einer bezaubernden Stadt mit vielen freund­lichen Menschen! Und wo ging ich hin? Nach Berlin, in die Stadt der Toleranz! Aber Henri-Marie-Jean-Baptiste von Blablabla zu Tralala schwieg und kaute. Mann, war mir lang­weilig! Ich stieß den Stuhl zurück, wieder niemand, der mir half, ihn zurückzuschieben, Misjö war zu sehr mit seinem ­Tellerfleisch beschäftigt, und jetzt beugte er sich doch tatsächlich weit nach vorne, um einer Frau in königsblau gebatikter Seidentunika auf der anderen Tischseite etwas zuzuraunen.

So ein Stoffel! Hatte sich mir noch nicht einmal vorgestellt und quatschte stattdessen andere Weiber zu! Aber was sollte den auch an mir interessieren? Ich hörte ihn schon sagen: »Wie schön für Sie, sicher Klassik?«, wenn ich ihm von meiner angehenden Karriere in der Musikbranche erzählte. Ich würde mich wahrscheinlich besser amüsieren, wenn ich das Auto einfach zurück auf den Feldweg fahren würde, Türen auf, Major Tom in die Anlage, die nackten Füße auf die Hutablage und Lautstärke auf Anschlag. So wie früher auf dem Parkplatz vor dem Titanic in Steinhöring.

Ich legte den verrutschten Schal um meine Schultern und sah überall Gesichter, die sich zueinander beugten, lachten, hörte das Klirren anstoßender Gläser. Und fühlte mich unglaublich alleine.

Rotwein, und sei es ein 20 Jahre alter Chateau Schlagmich­tot, war nicht unbedingt ein Getränk, das meine Laune stabi­lisierte, den vertrug ich normalerweise nicht mal abends. Wenn ich jetzt anfange zu flennen, dann ist das sicher ein Riesen-Fauxpas, schluckte ich in Gedanken meinen Unmut herunter. Besser noch was Aufheiterndes besorgen. Meine Absätze knick­ten zwischen den Fugen der großen alten Basaltsteine um, als ich mich auf den Weg zu den zwei Tischchen am Hoftor machte. Doch die standen verlassen da, umhüllt von weißem Leinen wie die Mini-Installation eines Christo-Schülers. Hätte ich mir auch denken können, dass niemand mehr mit Be­grüßungschampagner auf mich wartete, wenn die Sause schon seit fünf Stunden auf Höchsttouren lief. Nur die Staffelei mit der Tischordnung stand da noch brav herum. Ich checkte den Platz gegenüber meinem Tischherrn. Und war noch em­pör­ter. Der gleiche Labrimal-Bandwurmname: sicher seine Frau! Waren also doch nicht alle Partner getrennt platziert worden!

Die Küche war nicht schwer zu finden. Ich reihte mich auf der Suche nach einem Drink einfach in die Ameisenstraße der Kellner ein, die von der Tafel zurück unterwegs waren, und landete unentdeckt im Souterrain, wo sich die Befrackten sammelten wie eine Herde schwarzer Ziegenböcke.

»Sag mal«, duzte ich einfach den Nächstbesten, »weißt du, wo ich noch ein Glas Champagner bekommen kann?«

Der Kellner blickte einigermaßen gehetzt auf die zwei beschlagenen Flaschen Wasser in seinen Händen, die sicher von so gutgelaunten, glücklichen Gästen wie der schwangeren ­Cecilia erwartet wurden, und stammelte: »Oh, verzeihen Sie vielmals, ich, ich …«

Wahrscheinlich überlegte er fieberhaft, was ihm in der Hotelfachschule über die Unberechenbarkeit betrunkener bürger­licher Mädchen auf gehobenen Gesellschaften erzählt worden war, und suchte nach einer diplomatischen Antwort, um mich loszuwerden. Und jetzt rammte mir auch noch jemand einen Teller ins Kreuz. Ich fuhr herum – und kam nicht dazu, mich zu beschweren.

»Heidi! Du hier?«

Einer der Kellner, die dichten dunklen Haare gleichmäßig auf zwei Zentimeter geschoren, die Krawatte lässig ins weiße Hemd gesteckt, schichtete ohne Hektik verklebte Teller auf den linken Arm, um mich mit dem rechten zu umarmen.

»Felix! Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was ich hier mache!«

War eigentlich nicht so abwegig, jemanden wie Felix, mit dem ich viele Nachtschichten im Café Wenzel geteilt hatte, untertags bei einem Caterer zu treffen. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie sich sein Kollege davonmachte, um das Wasser an seinen Bestimmungsort zu bringen.

»Mir ist so langweilig! Und ich vertrage keinen Rotwein! Und kein Mensch bringt mir etwas Vernünftiges zu trinken!«, beklagte ich mich. Mein Bedürfnis nach einem netten Gegenüber war so groß, dass ich Felix am Frackärmel packte: »Hast du ein bisschen Zeit? Kannst du uns nicht einen Champagner besorgen?«

Ich gab meiner Stimme einen sehr dringenden Unterton und dachte an Josef, der sich offensichtlich fürstlich amüsierte da oben, aber keinen echten Kerl wie Felix um sich hatte – der hatte nicht einmal seinen X-Tage-Bart für diese Nobel-Nummer hier abrasiert. Er sah trotz seiner Uniform ein bisschen so aus, als hätte er vor ein paar Jahren noch zu den Jungs gehört, die vor der Münchner Staatsoper mit ihren Skateboards auf dem Geländer der Freitreppe Funken schlugen. Josef hätte er jedenfalls gefallen, der stand insgeheim auf so sehnige Kraft­pakete. Aber war Felix überhaupt schwul? Richtig viel geredet hatten wir jedenfalls noch nie. Ich kannte ihn nur als den wortkargen Barkeeper, der auch in Stoßzeiten stumm, aber blitzschnell Bestellungen ausführte und mir im Café Wenzel Abend für Abend Bier und Cocktails auf das Tablett gepackt hatte. Und heute versorgte er mit durchgedrücktem Kreuz und abgewinkelten Ellenbogen elitäre Stoffel wie meinen Tischnachbarn mit teuren kleinen Portionen. Aber immerhin war er genug Lausbub, um für eine verzweifelte Kollegin aus der Rolle des blasierten Kellners zu fallen. Hätte ich gar nicht erwartet. Denn Felix grinste mich an: »Logisch habe ich Zeit. Warte kurz, ich bringe die Sachen in die Küche, und du gehst inzwischen raus in den Garten. Ich komm dann nach, zwischen dem Fleisch und dem Dessert sind jetzt sowieso erst einmal die Reden dran.«

Er deutete auf eine Holztür am Ende des Souterrain-Ganges. Ich konnte mich nicht erinnern, Felix schon einmal so viel am Stück reden gehört zu haben. Und die kleine Lücke zwischen seinen Schneidezähnen war mir noch nie so ins Auge gesprungen wie jetzt, als sein Grinsen noch breiter wurde:

»Und ich bring uns was mit.«

Die Holztür öffnete sich und gab den Blick frei auf die Rückseite des Hofes und die Remise, weiß gekalkt mit einem Fundament aus dicken grauen Schiefersteinen. Ich zog meine Schuhe aus, nahm sie an den Absätzen in die Hand und ging die fünf Stufen vom Souterrain barfuß hinauf in den Garten – gut, dass ich mich mit der freien Hand an einem kleinen schmiedeeisernen Geländer festhalten konnte – und plumpste auf eine Bank an der Hauswand, eingerahmt von Birnenspalier und Efeu. Ein Traum. Ich schloss die Augen und legte den Kopf zurück, die Welt fuhr darin Karussell. Hier fühlte ich mich besser, viel besser. Stille. Nur ein paar Vögel und dann ganz entfernt die Stimme von Herrn Krantz, der zu Beginn seiner Rede alle Adelstitel der Familie aufzählte, in die sein Sohn gerade eingeheiratet hatte. Ich hatte vorher noch nie jemanden allen Ernstes das Wort »Durchlaucht« in den Mund nehmen hören. Ob es in Berlin auch solche Partys gab? Wimmelte es da nicht noch von enteigneten ostpreußischen Gutsherren und Landgrafen, die ihre Schlösser in der Uckermark betrauerten und jetzt Karriere in Politik und Immobilien machten? Ob die wenigstens bessere Umgangsformen hatten? Ich hatte jedenfalls erst einmal genug von Herrschaften, die sich weigerten, Konversation mit mir zu machen. Da hielt ich mich lieber ans Personal. Blödsinnsidee, dieser Ausflug in eine Welt, in die ich nicht hineingehörte.

»Servus. Da bin ich. Ich hab gesagt, ich muss was aus dem Kühlwagen holen. Gut schaust aus!«

Felix war jetzt ohne den Frack, hatte sich eine bordeaux­farbene Schürze umgebunden und die weißen Hemdsärmel so weit hochgekrempelt, dass ich die Muskeln an seinen Ober­armen sehen konnte. Er sah ganz anders aus als in seiner weiten Jeans und den alten Simpsons-T-Shirts, die er im Café Wenzel immer trug.

Er setzte sich zu mir. Wir schwiegen vor uns hin und hörten Wolfgangs Vater zu, der salbungsvoll das Glück beschwor, das seiner Kaufmannsfamilie mit dieser Hochzeit widerfuhr, und sich dabei um Kopf und Kragen redete. Ein angenehmes Schweigen, nicht diese belastende Stille vorhin am Tisch, bei der ich das eigene Blut im Kopf rauschen gehört hatte. Felix holte eine Damastserviette aus der Schürzentasche und klappte sie auf. Darin lag eine selbst gedrehte Kippe.

»Willst du?«

Ich kniff die Augen zusammen, wunderte mich kurz über den selbst gerollten Pappfilter und dachte: Komische Zigarette. Und sagte: »Au ja.«

»Einen Shot?«

Ich hatte keine Ahnung, was ein Shot war, und wünschte mir insgeheim Josef herbei. Der kannte sich aus in solchen Dingen. Aber weil Felix keinen Champagner dabeihatte, der mir wohl einfach nicht vergönnt war, sagte ich noch einmal: »Au ja.«

Ein Feuerzeug klickte. Und als Felix einen Zug nahm und dann sein Gesicht zu meinem beugte, dachte ich noch: Küssen? Au ja! Und öffnete automatisch die Lippen.

Als der Rauch, den Felix mir direkt in den Mund geblasen hatte, kurze Zeit später nicht mehr aus meiner Nase kam und ich aufhörte zu husten, spürte ich, wie sich meine Mundwinkel zu einem breiten Grinsen auseinanderzogen. Ich wollte Felix sagen, dass es mit ihm lustiger war als mit jedem von denen da drinnen, aber mein Mund formte keine Wörter mehr, sondern grinste einfach weiter. Ich beugte mich vor, um meine Füße zu betrachten, denn sie fühlten sich plötzlich an, als hätte sie jemand mit warmem Öl übergossen und am Boden festgeschraubt. Und dann übergab ich mich auf meine Schuhe, die ich vor der Bank abgestellt hatte.

»Hoppla! Alles okay?«, fragte Felix. »Willst du dich hin­legen?«

»Au ja«, gelang es mir trotz der Watte in meinem Mund zu flüstern, und ich spürte, wie Felix meine Beine hochnahm und auf die Bank legte.

Heidi Hohner

Über Heidi Hohner

Biografie

Heidi Hohner musste als Chefredakteurin von MTV feststellen, dass Stars, Glamour und 70-Stunden-Wochen auf Dauer nicht selig machen. Sie kehrte reumütig in die oberbayerische Heimat zurück, fing noch einmal ganz von vorne an und lebt inzwischen mit ihrem Mann und drei kleinen Söhnen auf der...

Weitere Titel der Serie »Heidi-Hanssen-Reihe«

Heidi Hanssen ergattert ihren Traumjob in Berlin, doch dann kommt alles ganz anders als geplant ...

Pressestimmen

alphafrauen.org

»Ein witzig geschriebenes Buch. Sehr angenehm zu lesen, obwohl man stellenweise mit der Heldin wirklich mitleiden muss.«

IN - Das Star & Style Magazin

»Ein Insiderblick hinter die Kulissen der Musikwelt.«

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