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Einen toten Hund ihm nach

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Einen toten Hund ihm nach — Inhalt

In einem turkmenischen Dorf am Kaspischen Meer entgeht er nur knapp einem Angriff verwilderter Hunde. Ein traumatisches Erlebnis und Grund genug für den unermüdlich reisenden Jean Rolin, weltweit ihren Spuren nachzugehen. Er stößt überall auf sie, auf den Mülldeponien Kairos, in Vorortgassen Moskaus oder auf der Plaza Garcia Bravo in Mexiko-Stadt. Abgemagert bis auf die Knochen, falbenfarbig, gelb und verschmutzt, sich tagsüber versteckend, nachts jagend, Straßenhunde im Gefolge der Bettler, leben sie, wo die Waffen sprechen, wo Hunger und Elend

herrschen, in Ruinenstädten, auf Friedhöfen oder industriellen Brachen. Bei seinen Recherchen stößt Rolin auch auf die Spur, die sie in der Literatur hinterließen: Bei Homer fressen sie in der Ilias die Leichen auf den Schlachtfeldern, Flaubert jagt sie in Ägypten, Malaparte und Wassili

Grossman berichten von ausgehungerten, von den Russen dressierten Meuten, die, eine Sprengladung mit Stahlantenne auf den Rücken geschnallt, unter die deutschen Panzer liefen.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 01.10.2012
Übersetzt von: Holger Fock
352 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7626-7

Leseprobe zu »Einen toten Hund ihm nach«

Kaum hatten wir im Hotel Kasar unsere Zimmer bezogen,
erhielten wir schon Besuch von der Polizei. Zugetragen
hat sich dies in den letzten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts,
in Turkmenbaschi – früher Krasnowodsk – an der
Küste des Kaspischen Meeres. Wir belegten drei Einzelzimmer
auf demselben Flur, die eher Gefängnis- als Hotelkomfort
boten.
Kurz bevor die Polizei auftauchte, hatte ich die
Übersetzerin in ihrem Zimmer aufgesucht, um ihre Rechnung
zu begleichen. Die Übersetzerin hatte grüne oder
haselnussbraune
Augen und langes, tief dunkelrotes Haar,
vielleicht [...]

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Kaum hatten wir im Hotel Kasar unsere Zimmer bezogen,
erhielten wir schon Besuch von der Polizei. Zugetragen
hat sich dies in den letzten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts,
in Turkmenbaschi – früher Krasnowodsk – an der
Küste des Kaspischen Meeres. Wir belegten drei Einzelzimmer
auf demselben Flur, die eher Gefängnis- als Hotelkomfort
boten.
Kurz bevor die Polizei auftauchte, hatte ich die
Übersetzerin in ihrem Zimmer aufgesucht, um ihre Rechnung
zu begleichen. Die Übersetzerin hatte grüne oder
haselnussbraune
Augen und langes, tief dunkelrotes Haar,
vielleicht von dem Farbton, den man »Mahagoni« nennt.
Wir hatten sie einige Tage zuvor in Aschchabad, der Hauptstadt
Turkmenistans, engagiert, wo sie zum mehr oder
weniger polyglotten Personal am Empfang eines großen
Hotels gehörte, das allerdings sehr viel luxuriöser war als
das Kasar hier und das bis auf den Mangel an Gästen jedem
anderen Hotel dieser Klasse in jeder beliebigen Hauptstadt
glich. Dieser zumindest scheinbare Luxus und die Leere,
die es mit den meisten Hotels in Aschchabad teilte, weckten
bei uns sofort den Verdacht, dass sie nicht oder nicht in
erster Linie dazu bestimmt waren, Gäste zu beherbergen.
Was das Personal angeht, so verhielt sich seine Anzahl
jedenfalls umgekehrt proportional zu der der Gäste. Allein
am Empfang zählten wir ein knappes Dutzend Hotelangestellte,
unter denen ich kurzerhand die junge Frau mit dem
tief dunkelroten Haar als Ansprechpartnerin ausgewählt
und ihr gleich vorgeschlagen hatte, uns während unseres
Aufenthalts als Übersetzerin zu begleiten. Zu meiner größten
Verwunderung willigte sie nahezu postwendend ein,
ohne sich die Bedenkzeit zu nehmen, die dieses plötzliche
Angebot meiner Meinung nach erfordert hätte, das ihr zwei
Typen unterbreiteten, von denen sie nur wusste, dass sie
von weit her kamen und vorgaben, Informationen über die
schwankenden Pegelstände des Kaspischen Meeres sammeln
zu wollen.
Jetzt waren wir zurück in Turkmenbaschi, unsere Reise
näherte sich ihrem Ende. Als ich ins Zimmer der Übersetzerin
trat, bat sie mich, ihr gegenüber Platz zu nehmen,
wahrscheinlich fielen ein paar scherzhafte Bemerkungen
oder sonstige Höflichkeiten, ich übergab ihr das Geld, und
statt sofort zu gehen, wie ich es hätte tun sollen, ließ ich
mich von der wirklich bemerkenswerten Schönheit ihres
Haars mit dem Mahagoni-Schimmer bezaubern und blieb
einen Augenblick im Zimmer, um sie anzuschauen. Als ich
jedoch in ihren grünen (oder haselnussbraunen) Augen die
Verwunderung
über mein Bleiben bemerkte, zog ich mich
zurück, noch bevor sie etwas dazu sagen konnte, flüchtig
beschämt darüber, dass sie mein Verweilen als Zeichen von
Anmaßung auffassen könnte. Und auch enttäuscht, wie
man sich denken kann. Ich grübelte noch über meinen
Frust, als es an meiner Tür klopfte, und beim Öffnen bildete
ich mir für den Bruchteil einer Sekunde womöglich ein, die
Übersetzerin könnte es sich noch einmal überlegt haben
und würde nunmehr einwilligen, ein wenig Zeit mit mir
zu verbringen. Als dann die beiden Polizisten eintraten,
erschien mir dieser ungebetene Besuch zweifellos wie eine
göttliche oder weltliche Strafe für meine anhaltende Unterstellung.
In Anbetracht dessen, was über Turkmenistan und
die Gepflogenheiten der dortigen Polizei bekannt ist, wurde
das Verhör mit viel Taktgefühl, beinahe freundlich geführt.
Die beiden Polizisten mussten einige Dinge klären, welche,
weiß ich noch immer nicht, vielleicht hatten sie es auch nur
auf die Überprüfung des Visums in meinem Pass abgesehen.
Ich nehme an, dass sie bei der Übersetzerin etwas
beharrlicher waren, doch sie konnte ihnen nur bestätigen,
was wir von Anfang an immer gesagt hatten, nämlich dass
wir Nachforschungen zu den schwankenden Pegelständen
des Kaspischen Meeres angestellt hatten.
Einige Stunden bevor wir unsere Zimmer im Hotel
Kasar bezogen, waren wir an Bord des Küstenwachboots Almaz
von der Insel Kizyl-Su zurückgekommen, deren Name auf
Turkmenisch so viel bedeutet wie »Rotes Wasser«. Das
Kaspische Meer zeigte dort mitnichten diese Färbung,
doch möglicherweise handelt es sich um ein Relikt aus
der Epoche, in der alles rot war, angefangen bei den Ortsnamen,
wovon zum Beispiel die Stadt der Roten Barrikaden
in einem Nachbarland zeugt, wo wir uns einige Zeit aufgehalten
hatten. Was den Wasserstand anging, so veränderte
er sich, das ist unbestreitbar, obwohl ich mich nicht mehr
erinnern kann, ob nach oben oder nach unten: Er steigt oder
fällt ohnehin in unregelmäßigen Zeitabständen, und genau
in diesen Schwankungen des Wasserstands liegt eine der
hervorstechendsten Eigentümlichkeiten des Kaspischen
Meeres, vom Standpunkt der Anrainer oder der Ölgesellschaften
aus aber auch ein Anlass zu größter Sorge. (Für
Letztere liegen die Dinge noch komplizierter, da das Kaspische
Meer im Winter zufriert, jedoch nur in seinem tiefsten,
dem nördlichen Teil und auf einer Fläche, die je nach
Klimaschwankungen unterschiedlich groß ist, so dass heute
mit jedem Winter aufs Neue fraglich ist, ob die kasachischen
Wölfe, vorausgesetzt, es gibt noch welche, über das
Eis auf die Tjulenji-Inseln ziehen können, um dort Robben
zu jagen, wie sie es früher immer zu tun pflegten.)
War der Meeresspiegel im Begriff zu steigen – wie ich
trotz allem vermute, da wir am gegenüberliegenden Ufer
vom Wasser zerstörte oder überschwemmte Straßen, Häfen
und andere Bauwerke gesehen hatten –, würde die Insel
Kizyl-Su innerhalb eines recht kurzen Zeitraums zu versinken
drohen, denn sie besitzt keine Anhöhen, ich glaube,
es gibt nicht einmal einen Hügel oder eine Kuppe, wo die
Bevölkerung bei einer Überschwemmung Zuflucht finden
und auf die über kurz oder lang eintreffende Hilfe warten
könnte. In meiner Erinnerung weist die Insel die Form
einer Sichel auf, wobei sich auf der einen Spitze ein turkmenisches
Dorf befindet, auf der anderen ein Leuchtturm, den
eine russische Familie in Beschlag genommen hat. Wahrscheinlich
lebte diese russische Familie, die mindestens
ein geistig zurückgebliebenes Kind hatte, das damals um
die zehn Jahre alt war, einen Drillich in Tarnfarben trug
und gewöhnlich von einer Mole aus angelte, wahrscheinlich
lebte diese russische Familie in der mehr oder weniger begründeten
Angst, eines Tages von den Turkmenen überfallen
zu werden, wenngleich man sich im Leuchtturm gut
verschanzen konnte, zumal er an die Ruinen einer kleinen
Militäranlage grenzte, anscheinend eine Batterie von Luftabwehrraketen
mit ihrem Lenkwaffenradar, die nicht mehr
in Betrieb war und bald unter Staub verschwinden würde.
Eine sandige Ebene von etlichen Kilometern, die an manchen
Stellen grün, an anderen Stellen sumpfig war, trennte
den russischen Leuchtturm von dem turkmenischen
Dorf. In dieser Ebene lebten einige verwilderte Kamele,
die selbst aus der Entfernung einen widerwärtigen Gestank
verbreiteten.
Das turkmenische Dorf, selbst auf Sand gebaut
oder vielmehr in diesen hineingepflanzt, bestand
– grob geschätzt – aus etwa hundert Häusern, von
denen die meisten auf Pfählen standen. In der noch nicht
lange zurückliegenden
sozialistischen Zeit musste das Dorf
teils von der Metallverarbeitung, teils vom industriellen
Fischfang gelebt haben, wie die vielen Eisenwracks von
Trawlern und die Ruinen einer Werft bezeugten. Seither
schienen die Männer des Dorfs den größten Teil ihrer Zeit
zwischen diesen Ruinen zu verbringen, Zeugen glorreicher
Tage, die ihnen ein wenig Schatten spendeten. Sie
waren häufig betrunken und fast immer schlecht gelaunt.
Ausnahmsweise fischten sie mit dem Netz vom Ufer aus,
aber als würden sie sich dabei verstecken, und wenn man
sie fragte, beteuerten sie unumwunden, nichts zu tun.
Dasselbe galt für die Frauen,
die in unregelmäßigen Abständen
mit Säcken von getrocknetem Fisch an Bord des
Küstenwachboots Almaz gingen. Ob sie die Fische auf dem
Markt von Turkmenbaschi verkauften oder tauschten? Mit
einem »Nein« kehrten sie einem den Rücken zu. Dieses
Leugnen war sicher im Charakter des Regimes begründet
– unter dem alles vom Willen oder der Fantasie eines
einzigen Mannes abhing, der überdies halb schwachsinnig
war, denn er begnügte sich nicht damit, ein Epos, das er
zum eigenen Ruhm verfasst hatte, zur Pflichtlektüre in den
Schulen zu erheben, vor kurzem ließ er auch ein Exemplar
mit einer russischen Rakete in den Weltraum bringen –,
eines Regimes also, in dem jede nicht den Behörden gemeldete
Beschäftigung, das heißt jede Tätigkeit, die nicht
den räuberischen Absichten der Staatsdiener oder ihres
Chefs persönlich diente, von vornherein verboten war.
Trotz des Schweigens der Inselbewohner und des offenkundigen
Wirrwarrs in ihren Unternehmungen, womit sie
jenen Verdammten im Film ähnelten, die aufs Geratewohl
durch eine Welt bar jeder Hoffnung irren, konnte man in
Ermangelung einer besseren Erklärung mutmaßen, dass
der Zusammenbruch der industriellen Produktion, in der
die Männer das Sagen hatten, und deren fortschreitende
Ersetzung durch eine Ökonomie des Tauschhandels oder
der Handarbeit, in der sich die Frauen am besten schlugen,
zu einer parallelen, nicht weniger katastrophalen Entwicklung
in den Familien- und Sozialstrukturen geführt hatte:
Soweit man es beurteilen konnte, büßten die um ihre Lohnarbeit
gebrachten Männer im Wesentlichen die Macht ein, während die Frauen
diese an sich rissen. Sogar die relative
körperliche Überlegenheit der Männer, ganz zu schweigen
von ihrem Ruf, schwand auf die Dauer mangels Übung und
wegen ihrer Trunksucht.
Das Haus, in dem wir untergekommen waren, bot ein
Beispiel für diesen Wandel. An zwei aufeinanderfolgenden
Abenden hatten die Frauen im Haus, Mutter und Töchter,
dem Vater unter dem Vorwand seiner im Übrigen unbestreitbaren
Trunkenheit den Zutritt verwehrt und ihn gezwungen,
die Nacht im Freien zu verbringen, im nassen
und kalten Sand, im Müll und bei den Hunden. Denn die
Herrschaft der Hunde erstreckte sich, so weit der Sand
reichte, bis unter die Häuser. Auch wenn die starke Vermehrung
streunender Hunde nicht als eine unmittelbare
Folge des Matriarchats angesehen werden kann, so war sie
doch mit dem Zusammenbruch der alten Ordnung und
dem tastenden Beginn der neuen einhergegangen. Obendrein
waren diese Hunde, wahrscheinlich Überbleibsel oder
Abkömmlinge eines Hirtenlebens, das ebenso wenig
überdauert hatte wie alle anderen Erwerbszweige, von beträchtlicher
Größe. Entsprechend ihrer wachsenden Zahl waren
auch ihre Selbstsicherheit und Anmaßung gewachsen, so
dass die Leute sich nun, zumindest nachts, fürchteten,
sich von ihren Behausungen zu entfernen und in den Sand
hinauszuwagen. Selbst am helllichten Tag und mitten auf
der unbefestigten Hauptstraße des turkmenischen Dorfs
mussten die Kinder, wenn sie in die Schule gingen – kein
Mensch weiß, worin sie noch unterrichtet wurden außer
im Wiederkäuen des Runahma, des auf eine Umlaufbahn
geschickten Versepos von Saparmurat Nijasow –, auf Umwegen
mehrere Hundenester umgehen, die beinahe so aussahen
wie Albatrosnester, winzigen Vulkanen ähnlich und
mit schäumenden Kreaturen bestückt. Doch diese Hunde
waren noch gefährlicher, wenn sie abseits des Dorfs irgendwo
in der Natur oder in jener Art von Brachland lebten, das
die Natur ersetzt hatte und in dem, wie schon berichtet,
stinkende verwilderte Kamele umherzogen.
Als ich mich einmal von den Häusern entfernte und am
Ufer entlangging im Bemühen, eine Bestandsaufnahme
all dessen zu machen, worauf ich bei jedem Schritt stieß –
tote Krabben, Wasserschlangen, Eisenteile, dünne Vogelknochen,
Federbüschel –, wurde ich selbst von einem der
Hunde angefallen. Ich kann dazu nicht mehr sagen, als dass
es sich um ein großes Tier mit spitzen Ohren handelte. Ich
hatte ihn weder kommen gesehen noch hatte ich ihn gehört,
als er sich aus einer Entfernung von fünfzig Metern
auf mich stürzte, als hätte ich ihm oder seiner Sippe irgendetwas
getan. Zum Glück lag direkt vor meinen Füßen eine
vom Schiffsbau stammende Eisenstange, die ich rechtzeitig
ergreifen und schwenken konnte. Die Stange war außerordentlich
schwer, doch die Angst, von einem Hund zerfleischt
am Ufer des Kaspischen Meeres zu sterben, zählt,
wenn sie einen nicht lähmt, genau zu den Dingen, die un
geahnte Kräfte freisetzen. Und hier endet der Film für mich,
als ob die Spule gerissen oder im Projektor hängen geblieben
wäre, mit dieser Einstellung, in der man sieht, wie ich,
das Gesicht entstellt von dem Gebrüll, das ich ausstoße,
eine schwere Eisenstange vor dem Hund schwinge, der mit
dumpfem Knurren angreift.

Jean Rolin

Über Jean Rolin

Biografie

Jean Rolin, geb. 1949, machte als Mitglied der maoistischen »Gauche prolétarienne« die Erfahrung, dass er die Welt nicht verändern konnte, und er fing an, sie zu beschreiben. Als einer der großen Stilisten der französischen Literatur hat er für seine mehr als 15 Romane und literarischen Reportagen...

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