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Eine undankbare FrauEine undankbare Frau

Eine undankbare Frau

Kriminalroman

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Eine undankbare Frau — Inhalt

Kommissar Konrad Sejers atemberaubender, zehnter Fall! 

Johnny Beskow liebt es, Unfug zu treiben. Täglich bringt er seine Mutter auf die Palme oder verschreckt heimlich die Nachbarn, indem er falsche Todesanzeigen in die Zeitung setzt oder Tierblut über schlafende Babys schüttet. Bald treibt der misanthropische Junge es so weit, dass der alternde Kommissar Sejer sich des Falles annimmt. Noch während der laufenden Ermittlungen überschlagen sich die Ereignisse, und Johnny Beskow begeht einen fatalen Fehler ...

€ 14,99 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 03.04.2018
Übersetzer: Gabriele Haefs
304 Seiten
ISBN 978-3-492-50161-3
€ 4,99 [D], € 4,99 [A]
Erschienen am 03.04.2018
Übersetzer: Gabriele Haefs
304 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98441-6

Leseprobe zu »Eine undankbare Frau«

Das Kind schlief in einem Wagen auf der Rückseite
des Hauses.
Es war ein acht Monate altes Mädchen. Die Kleine
war mit einer gehäkelten Decke zugedeckt und
trug auf dem Kopf ein Häkelmützchen, das mit einer
Schnur unter dem Kinn zusammengebunden war. Der
Wagen stand im Schatten unter einem Ahornbaum,
und hinter dem Baum ragte der Wald auf wie eine
schwarze Mauer. Die Mutter stand in der Küche. Sie
konnte vom Fenster aus das Kind zwar nicht sehen,
machte sich aber auch keine Sorgen um das schlafende
Kind.
Sie war mit dem Haushalt beschäftigt und mit sich
und der Welt [...]

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Das Kind schlief in einem Wagen auf der Rückseite
des Hauses.
Es war ein acht Monate altes Mädchen. Die Kleine
war mit einer gehäkelten Decke zugedeckt und
trug auf dem Kopf ein Häkelmützchen, das mit einer
Schnur unter dem Kinn zusammengebunden war. Der
Wagen stand im Schatten unter einem Ahornbaum,
und hinter dem Baum ragte der Wald auf wie eine
schwarze Mauer. Die Mutter stand in der Küche. Sie
konnte vom Fenster aus das Kind zwar nicht sehen,
machte sich aber auch keine Sorgen um das schlafende
Kind.
Sie war mit dem Haushalt beschäftigt und mit sich
und der Welt zufrieden, leichtfüßig wie eine Ballerina,
ihr Herz war frei von Kummer und Sorge. Sie hatte
alles, wovon Frauen träumen. Schönheit, Gesundheit
und Liebe. Ihren eigenen Mann und ihr eigenes Kind,
ihr eigenes Haus und ihren eigenen Garten, mit Rhododendron
und Wildblumen. Sie hatte ihr Leben im
Griff.
Sie schaute an der Küchenwand hoch und betrachtete
die drei Fotos, die dort hingen. Das eine zeigte sie
selbst, unter dem Ahornbaum, sie trug ein geblümtes
Kleid. Auf dem anderen war ihr Mann Karsten auf der
Veranda vor dem Haus zu sehen. Und auf dem dritten
Foto saßen sie und ihr Mann eng aneinander geschmiegt
auf dem Sofa, das Kind lag zwischen ihnen.
Die Kleine hieß Margrete. Die Gleichung an der Wand
machte ihr gute Laune. Eins plus eins macht drei, dachte
sie, das ist doch ein Wunder. Sie sah dieses Wunder
überall. In der Sonne, die durch die Fenster schien,
und in den dünnen weißen Gardinen, die im Luftzug
flatterten.
Sie stand am Küchentisch und war damit beschäftigt,
einen Teig zu kneten. Der Teig war glatt und lauwarm.
Sie wollte eine Blätterteigpastete backen und
mit Hähnchenfleisch und Pfifferlingen füllen. Solange
Margrete mit ihrem kleinen Häubchen unter dem
Ahornbaum schlief. Auch sie war glatt und lauwarm
unter der Decke. Ihr Herzchen pumpte eine bescheidene
Menge Blut durch ihren Körper und das Blut färbte
ihre Wangen rot. Sie roch nach einer Mischung aus
Sauermilch und Seife. Ihre französische Urgroßmutter
hatte Decke und Häubchen gehäkelt.
Margrete schlief tief und fest, mit zu kleinen Fäusten
geballten Händchen, wie das nur Säuglinge tun.
Die Mutter rollte den Teig auf einer Marmorplatte
aus. Ihr Körper wiegte vor und zurück, während
sie das Nudelholz hin und her rollte, und der Rock
schwang um ihre Beine, es war wie ein Tanz vor dem
Küchentisch.
Es war Spätsommer und warm und sie war barfuß.
Sie drückte den Teig in eine Pastetenform, stach mit
einer Gabel in den Boden und schnitt die Ränder oben
glatt. Dann legte sie das schon gegrillte Hähnchen auf
ein Holzbrett. Du armes kleines Ding, dachte sie und
riss ihm die Schenkel ab. Ihr gefiel das Geräusch von
knackendem und brechendem Knorpel. Das Fleisch
war hell und zart, es löste sich sofort von den Knochen,
und sie konnte der Versuchung nicht widerstehen, sich
ein Stück in den Mund zu stecken. Lecker, dachte sie,
genau richtig gewürzt und schön mager. Sie füllte die
Form mit dem Geflügelfleisch und streute geriebenen
Cheddar darüber. Dann schaute sie auf die Uhr.
Sie machte sich keine Sorgen um das Kind. Sie wusste,
wenn das Kind nieste, würde sie das sofort bemerken.
Wenn das Kind hustete oder aufstieß oder weinte,
würde sie es spüren. Denn zwischen ihnen gab es ein
Band, und das Band war dick wie ein Schiffstau. Der
geringste kleine Ruck würde sie wie eine Vibration erreichen.
Ich habe Margrete in meinem Kopf, dachte sie. In
meinem Blut und in den Fingern.
Ich habe Margrete im Herzen.
Wenn ihr jemand wehtut, dann würde ich das spüren.
Davon war sie überzeugt. Und darum arbeitete sie
seelenruhig weiter. Aber hinter dem Haus kam jemand
aus dem dichten Wald geschlichen. Mit einem Sprung
hatte er den Kinderwagen erreicht. Er riss die Häkeldecke
weg, aber die Frau spürte es nicht.
Die Pastete wurde golden.
Der Käse war geschmolzen und blubberte wie Lava.
Sie warf einen Blick aus dem Fenster und sah ihren
Mann Karsten, der gerade in seinem roten Honda
CR-V vorfuhr. Der Tisch war fertig gedeckt, das Service
war alt und ehrwürdig, und in jedem Glas stand
eine Serviette, die wie ein Fächer gefaltet war. Sie zündete
die Kerzen an und trat einen Schritt zurück, neigte
den Kopf zur Seite und musterte das Ergebnis. Sie
hoffte, ihr Mann würde sehen, dass sie sich Mühe gegeben
hatte, dass sie sich die ganze Zeit Mühe gab. Sie
strich den Rock glatt und fuhr sich mit den Händen
durch die Haare. Sollen sich andere Paare doch streiten,
dachte sie. Sollen sich andere Paare doch scheiden
lassen, aber uns wird das nicht passieren, wir sind
so viel klüger. Wir haben begriffen, dass Liebe eine
Pflanze ist, die gepflegt werden muss. Sie hörte oft den
blöden Spruch, dass Liebe blind macht. Aber sie war
noch nie zuvor in ihrem Leben so klar gewesen, hatte
noch nie zuvor so kompromisslos ihre Werte vertreten.
Sie lief ins Badezimmer und fuhr sich mit einer Bürste
durch die Haare. Ihre Wangen waren rot und ihre Augen
glänzten. Verantwortlich dafür waren ihre Erregung,
weil ihr Mann nach Hause gekommen war, die
Wärme des Backofens und die tiefstehende Julisonne,
die durch die Fensterscheiben schien. Als er die Küche
betrat, begrüßte sie ihn mit einer Flasche Mineralwasser
in der Hand und mit einem kleinen, eleganten Hüftschwung.
Er hatte die Post in der Hand, Zeitungen und
Briefumschläge mit Fenster. Er legte alles auf die Anrichte.
Dann schlenderte er zum Herd, ging in die Hocke
und schaute durch die Glasscheibe.
»Das sieht ja lecker aus«, sagte er. »Ist das schon fertig?«
»Ja, ich glaube schon«, sagte sie. »Margrete schläft«,
fügte sie hinzu. »Draußen, im Wagen. Sie schläft jetzt
schon ziemlich lange. Wir sollten sie vielleicht wecken,
sonst wird es heute Nacht schwierig.«
Doch dann überlegte sie es sich anders, neigte
den Kopf zur Seite und sah ihren Mann durch dichte
schwarze Wimpern an.
»Wir könnten auch bis nach dem Essen warten,
dann sind wir ganz ungestört. Hähnchen und Pfifferlinge
«, lockte sie und nickte zur Ofentür hinüber. Sie
streifte sich Grillhandschuhe über, hob die Pastete aus
dem Ofen und stellte sie auf einem Rost ab.
Die Form war glühend heiß.
»Sie wird es uns bestimmt verzeihen«, sagte der
Mann.
Seine Stimme war tief und rau. Er richtete sich zu
seiner vollen Größe auf, legte ihr die Arme um die
Taille und schob sie vor sich her. Sie lachten, denn sie
trug ja noch die Grillhandschuhe, und er hatte diesen
Ausdruck in den Augen, den sie so liebte, einen Blick,
dem sie nie widerstehen konnte. Er schob sie weiter
durchs Wohnzimmer. Vorbei am Esstisch und weiter
zum Sofa.
»Karsten«, flüsterte sie. Aber das war nur ein schwacher
Protest. Sie war wie Teig zwischen seinen Händen.
»Lily«, flüsterte er und ahmte ihren Tonfall nach.
Sie ließen sich aufs Sofa fallen.
Vom Kind unter dem Baum war kein Laut zu hören.
Danach aßen sie schweigend.
Er verlor kein Wort über das Essen oder über den
schön gedeckten Tisch, aber er sah sie voller Anerkennung
an. Lily, sagte sein Blick, was du alles kannst. Er
hatte grüne Augen, die waren groß und klar. Sie versuchte,
nicht zuviel zu essen, obwohl ihr die Pastete
gut schmeckte, denn sie war schlank, und das wollte
sie auch bleiben. Karsten war ebenfalls schlank. Seine
Oberschenkel waren hart wie Stein. Er hatte dicke
braune Haare, die immer ein wenig zu lang im Nacken
waren, er sah frech damit aus und das erregte sie. Sie
konnte sich kaum vorstellen, dass er eines Tages in die
Breite gehen und seine sportliche Figur verlieren würde,
und kurz darauf die Haare, so wie es vielen Männern
erging, wenn sie sich der Vierzig näherten. Aber
das passierte nur den anderen, sie waren davon nicht
betroffen. Ihnen konnte nichts etwas anhaben, weder
die Schwerkraft noch der Zahn der Zeit.
»Räumst du den Tisch ab?«, fragte sie, als sie fertig
waren. »Dann hole ich Margrete.«
Sofort sprang er auf und begann, die Teller und Gläser
ineinander zu stellen.
Seine Bewegungen waren schnell und ein wenig zu
schwungvoll, das Porzellan klirrte in seinen Händen,
und sie hielt ängstlich die Luft an, denn sie hatten das
Service von Margretes französischer Urgroßmutter geerbt.
Sie ging in die Diele, um sich Schuhe anzuziehen.
Dann öffnete sie die Tür und spürte die Wärme
der Sonne, dazu eine sanfte Brise und den Geruch von
Gras und Wald. Sie bog ums Haus und ging auf den
Ahornbaum zu.
Ein furchtbares Gefühl traf sie plötzlich wie ein
Schlag.
Sie hatte die Kleine für einen Augenblick aus ihrem Bewusstsein
verbannt.
Sie beeilte sich, um es wiedergutzumachen. Mit dem
Wagen stimmte etwas nicht, er stand zwar noch genauso
da, wie sie ihn abgestellt hatte, dicht vor dem Stamm
des Ahornbaumes, aber die Decke war zerwühlt.
Wahrscheinlich hatte das Kind sie weggestrampelt, in
so einem kleinen Wesen steckt ja so viel Energie, dachte
sie, während sie gegen ihre Angst ankämpfte. Denn
jetzt sah sie das Blut. Als sie die Decke wegriss, wurde
sie starr vor Entsetzen. Das Kind war in Blut getränkt.
Lily stürzte ins Gras. Sie lag auf dem Boden und fuchtelte
mit den Armen, sie war außerstande aufzustehen.
Sie wollte sich übergeben, sie spürte, wie etwas Bitteres
in ihr hochstieg, dann stieß sie einen grauenhaften
Schrei aus.
Karsten kam um die Ecke gestürzt. Er sah sie hilflos auf
dem Boden liegen und er sah das Blut, es war klebrig
und fast schwarz. Mit vier Schritten hatte er den Wagen
erreicht, riss das Kind heraus und drückte es an seine
Brust. Er rief ihr zu, sie solle den Wagen vorfahren.
»Beeil dich, Lily«, schrie er. »Beeil dich!«
Ihre Antwort war ein Stöhnen. Er rief lauter. Er
brüllte wie ein wildes Tier, und endlich rappelte sie sich
auf und lief zur Garage. Dann fiel ihr ein, dass sie die
Schlüssel brauchte, und sie rannte ins Haus und riss die
Schlüssel vom Haken in der Diele. Sekunden später saß
sie hinterm Steuer. Sie fuhr im Rückwärtsgang aus der
Garage. Karsten riss die Tür auf und sprang mit Margrete
in den Armen ins Auto. Er tastete ihren Kopf ab,
untersuchte ihren Strampler.
»Ich glaube, sie blutet aus dem Mund«, keuchte er.
»Ich kann nichts sehen und ich kann es auch nicht anhalten.
Kannst du nicht schneller fahren? Fahr schneller,
Lily!«
Später wussten beide nicht mehr, wie lange sie für
die Fahrt zum Krankenhaus gebraucht hatten. Karsten
konnte sich vage daran erinnern, wie er durch das Foyer
gelaufen war und Glastüren aufgestoßen hatte.
Eine wilde Jagd durch die Gänge, mit dem blutenden
Kind im Arm, auf der Suche nach Hilfe. Lily konnte
sich an gar nichts erinnern. Die Welt drehte sich so
schnell, dass ihr schlecht wurde. Sie stolperte hinter
Karsten her, sie lief wie ein Hase auf der Flucht vor
den Jägern, wenn er weiß, dass sein Ende naht.
Endlich wurden sie von zwei Krankenschwestern
aufgehalten. Die eine riss Margrete an sich und verschwand
durch eine Tür.
»Sie warten hier!«, rief sie.
Das war ein Befehl.
Dann war sie weg.
Die Tür bestand aus Milchglas, durch das sie nichts
sehen konnten. Dort, am Ende des Ganges, befand
sich eine kleine Sitzgruppe, und sie nahmen Platz. Es
gab nichts zu sagen. Nach einigen Minuten ging Karsten
zu dem Wasserspender, der am Fenster stand. Er
riss einen Pappbecher aus dem Gestell, füllte ihn und
hielt ihn Lily hin. Sie schlug ihm den Becher mit einem
Schrei aus der Hand.
»Sie hat doch Geräusche von sich gegeben«, sagte er
hilflos. »Das hast du doch gehört. Sie atmet, Lily, da bin
ich mir ganz sicher.«
Er ging im Gang auf und ab.
»Sie müssen die Blutung stoppen!«, rief er. »Wahrscheinlich
wird sie eine Bluttransfusion bekommen.
Wir waren ja schnell hier.«
Lily gab keine Antwort. Weiter hinten im Gang lief
ein Junge mit einem Arm in einer Schlinge hin und her.
Das Drama, das sich nur wenige Meter weiter abspielte,
faszinierte ihn, und er starrte sie ungeniert an.
»Warum kommen die denn nicht«, flüsterte Lily.
»Was machen die denn bloß?«
Sie fühlte sich wie in einer Trommel.
Die Trommel drehte sich in rasanter Geschwindigkeit.
Das hier war weder Leben noch Tod. Später würden
sie diese Minuten als die reinste Hölle bezeichnen.
Eine Hölle, die ein jähes Ende nahm, als eine Krankenschwester
mit Margrete auf dem Arm durch die Glastür
trat. Margrete war in eine weiße Decke gewickelt.
Zu seinem großen Erstaunen sah Karsten, dass sie mit
den Händen fuchtelte.
»Sie ist vollkommen unversehrt«, sagte die Schwester.
Karsten nahm Margrete entgegen. Spürte den kleinen
Körper in den Armen, er war ganz warm.
Mit zitternden Händen wickelte er sie aus der Decke.
Margrete trug eine Papierwindel, ansonsten war
sie nackt.
»Sie ist unversehrt«, wiederholte die Krankenschwester.
»Es war nicht ihr Blut. Wir haben die Polizei
verständigt.«
Karsten und Lily Sundelin wurden in ein anderes
Zimmer gebracht, wo sie ungestört auf die Polizei
warten konnten. Lily wollte nach Hause. Sie wollte
mit niemandem sprechen, sie wollte in ihr Schlafzimmer,
sie wollte sich in einer Ecke verkriechen. Sie
wollte mit ihrem Mann und ihrem Kind im Doppelbett
sitzen und es nie wieder verlassen. Das Kind sollte nie
wieder im Wagen unter dem Ahornbaum liegen, nie
wieder unbeaufsichtigt schlafen. Nie wieder auch nur
für einen Augenblick aus ihrem Bewusstsein verbannt
sein. Aber sie mussten warten.
»Was sollen wir denen sagen?«, fragte sie ängstlich.
»Ich bin so nervös.«
Karsten Sundelin sah seine Frau verständnislos an.
Anders als Lily, die vollkommen verängstigt schien,
empfand er in erster Linie eine rasende Wut. Seine
Freundlichkeit und sein Verständnis für andere Menschen
hatten sich in Nichts aufgelöst, es raubte ihm
den Atem und ließ ihn vor Wut kochen. Er hatte für die
Polizei noch nie etwas übrig gehabt, obwohl er noch
nie mit ihr zu tun gehabt hatte. In seiner Vorstellung
waren Polizisten plumpe und schlichte Menschen,
die mit schwarzen Schnürstiefeln und albernen Mützen
herumrannten. Sie erinnerten ihn an breitbeinige
Handwerker, denen eine Menge Werkzeug am Gürtel
herum baumelte. Das waren junge und ungebildete
Menschen, die nichts über das Leben und seine Nuancen
wussten. Die Details, dachte Karsten Sundelin. Die
Einzelheiten, die dieses Verbrechen an Margrete und
an uns zu einer sehr ernsten Angelegenheit machen.
Die werden sie wahrscheinlich gar nicht begreifen. Sie
werden es als Jungenstreich betrachten. Und wenn so
ein halbwüchsiger Bengel dahintersteckt, dann kommt
er mit einer Verwarnung davon, denn das Leben hat
es bisher nicht gut mit ihm gemeint, der arme Kleine.
Aber ich werde ihnen schon ein paar Wahrheiten erzählen,
dachte er und trank den bitteren Kaffee, den
die Krankenschwester ihnen gebracht hatte.
Lily drückte das Kind so innig an sich, dass sie zitterte.
Sie betrachtete die Bilder an der gegenüberliegenden
Wand. Eines zeigte pastellfarbene Seerosen, die in einem
Teich schwammen, ein anderes einen norwegischen
Gebirgszug, einen blauen Bergrücken hinter dem anderen.
Auf dem Tisch lagen mehrere Gesundheitsmagazine.
Darin standen Artikel darüber, was man vermeiden
sollte, was man essen und trinken sollte, oder
eben nicht essen und trinken sollte und wie man leben
sollte.
Wenn man lange leben wollte.
Karsten lief unruhig im Zimmer auf und ab, er war
so ungeduldig wie ein gereizter Stier. Die Wache lag
ganz in der Nähe, nur wenige Minuten entfernt, es lag
natürlich an dem schwerfälligen Apparat, dass es so
ewig dauerte.
»Die müssen bestimmt zuerst einen Bericht schreiben
«, sagte er mit müdem Sarkasmus in der Stimme.

Karin Fossum

Über Karin Fossum

Biografie

Karin Fossum, geboren 1954 in Sandefjord/Norwegen, lebt in Sylling bei Oslo. Ihre international erfolgreichen Romane um Kommissar Konrad Sejer sind vielfach preisgekrönt und wurden fürs Kino und Fernsehen verfilmt. In Deutschland erschienen von ihr unter anderem »Stumme Schreie«, ausgezeichnet mit...

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