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Eine Rose für PutinEine Rose für Putin

Eine Rose für Putin

Roman

Oder Die unvollendeten Aufzeichnungen des Johann Stadt

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Eine Rose für Putin — Inhalt

Ein ungeklärter Kindesraub 1985 in Görlitz? Eine Entführung außer Landes? Eigentlich nicht vorstellbar zu Zeiten streng bewachter Grenzen – es sei denn ...

Johann Stadt hat sich mit seinem Regisseur in ein uckermärkisches Landhaus zurückgezogen, um diesen historischen Stoff zu entwickeln. Was dem Drehbuchschreiber dort jedoch widerfährt, ist mehr als der Musenkuss für eine unglaubliche Geschichte, er sieht sich plötzlich mit völlig unerwarteten Erscheinungen konfrontiert: misstrauischen Dorfpolizisten, einer immer wieder auftauchenden Postbotinnenleiche, unmusischen Provinzpolitikern, geschäftstüchtigen Atomforschern, dem langen Arm des KGB und nicht zuletzt einem aufgescheuchten Schwanenclan. Thomas Wendrichs ideensprühendes Debüt ist eine Roadnovel ohne Fahrbahnmarkierung - eine unerhörte Story über die Verschiebung des Westens in den Osten und die Ausbreitung des Ostens im Westen. Mit Gespür für Chaos, aberwitzige Situationen und literarische Traditionen erzählt er vom Wahnsinn, das Unfassbare festhalten zu wollen.

 

€ 19,99 [D], € 20,60 [A]
Erschienen am 16.02.2015
320 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-8270-1263-0
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 16.02.2015
320 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7783-7
»'Eine Rose für Putin' ist das vielversprechende Debüt eines Erzählers, der es geschickt versteht, verschiedene Geschichten miteinander zu verknüpfen, Realität und Fiktion auf oft unscheinbare Art und Weise ineinanderfließen zu lassen und sich dazu geschickt aus dem vorhandenen Arsenal literarischer Mittel und Motive zu bedienen.«
literaturkritik.de
»In seinem ersten Roman 'Eine Rose für Putin' geht es um West und Ost, ein ungeheuerliches Verbrechen und den Wahnsinn, das Unfassbare festzuhalten.«
flux fm
»Von den Kritikern hochgelobt, erzählt das Romandebüt des Schauspielers und Drehbuchautors Thomas Wendrich von der Ungeheuerlichkeit eines Verbrechens und der Unmöglichkeit , das Unfassbare dingfest zu machen.«
WDR 5 "Bücher"
»Belohnt werden wir außerdem von Thomas Wendrichs exzellentem Sprachgefühl. Lustvoll und selbstbewusst treibt er uns durch die verschiedenen Ebenen seines komplexen, tragischen, komischen Buches. Der Rhythmus ist schnell. Der Stil lakonisch und selbstironisch. Ein Abenteuer in jeder Beziehung.«
MDR Figaro
»Der Drehbuchautor hat einen furiosen Debüt-Roman geschrieben.«
rbb Kulturradio
»Wendrichs Roman ist Roadnovel, Polit-Thriller und ein phantastisches Mosaik aus Rückblenden und Gegenwart – ein ungewöhnliches und spannend zu lesendes Debüt.«
BR "Neues vom Buchmarkt"
»Nun, 45 Jahre später, gibt es wieder vertauschte Identitäten, Lügen und Geheimnisse, haarsträubend komisch ergänzt durch Schreib- und sonstige Krisen und verpackt in die Matroschkapuppe eines der originellsten Romane dieses Frühjahrs.«
Der Tagesspiegel
»Aktuell und auch kritisch kann man Wendrich allen, die sich für Krimis interessieren, nur empfehlen.«
Radio AFK

Leseprobe zu »Eine Rose für Putin«

Blatt 1
Traumhaft schön ist der Ort. Ruhig. Einfach und sehr praktisch. Die Vermieterin wünscht am Telefon einen produktiven Aufenthalt. Sie hat uns einen Strauß Forsythien auf den Tisch gestellt. Die Sonne wirft seinen verzweigten Schatten an die Wand, neben meinen. Ihre Wärme dringt mir ins Gesicht. Während ich mich strecke, treiben die grindigen Zweige erste Blüten. Entfalten sich lautlos. Gelb. Wie Wassertropfen blähen sie sich, bis sie zerreißen und ihren goldenen Stern nach dem Licht ausrichten.
Nimm mal das Gemüse vom Tisch!
M., mein Chef, bringt [...]

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Blatt 1
Traumhaft schön ist der Ort. Ruhig. Einfach und sehr praktisch. Die Vermieterin wünscht am Telefon einen produktiven Aufenthalt. Sie hat uns einen Strauß Forsythien auf den Tisch gestellt. Die Sonne wirft seinen verzweigten Schatten an die Wand, neben meinen. Ihre Wärme dringt mir ins Gesicht. Während ich mich strecke, treiben die grindigen Zweige erste Blüten. Entfalten sich lautlos. Gelb. Wie Wassertropfen blähen sie sich, bis sie zerreißen und ihren goldenen Stern nach dem Licht ausrichten.
Nimm mal das Gemüse vom Tisch!
M., mein Chef, bringt sich in Stimmung. Ich tue ihm den Gefallen.
Die ersten Tage in Schlehdorf sind in wohltuender Ruhe und Gleichförmigkeit verlaufen. Die Arbeit ist konzentriert, und nach einem schleppenden halben Jahr spürt M., wie er sagt, wieder diese kreative Kraft. Wir lauern gemeinsam auf den Anstoß, der den Stein ins Rollen bringt. So lange der ausbleibt, verhalten wir uns oft wie zwei Blinde, die sich um ein Fernglas streiten. Ich krame die Sächsische Zeitung vom 17. Juli 1985 aus dem Hefter PUTIN und beginne einen rot umrahmten Artikel laut zu lesen.
Damit fing alles an, sage ich:

Görlitz. (dpa) Gefundenes Mädchen nicht die kleine Rose W. Die Volkspolizei bittet die Bevölkerung um ihre Mithilfe. Bei dem am späten Samstagnachmittag in einer als Viehtränke genutzten Badewanne (Foto) lebend gefundenen Kleinkind weiblichen Geschlechts handelt es sich doch nicht um das seit einer Woche an der Landeskrone vermisste Mädchen. Dies ergaben die Untersuchungen des Findelkinds. Das kleine Mädchen wurde am Samstag von einem Bauern in Neusorge entdeckt. Es trug eine blaugestreifte Jacke und eine Sonnenmütze mit gelber Plastikblende. Desweiteren wurde bei ihm ein roter Beißring (Foto) gefunden sowie ausreichend Nahrung in Reichweite des Kindes. Das Mädchen weist folgende Merkmale auf:
– circa ein Jahr (12 Monate) alt
– 73 Zentimeter groß
– Augenfarbe grün/blau
– Haarfarbe hellbraun
– Gewicht 9600 Gramm
Als weitere Besonderheit sei erwähnt, daß das Kind keinerlei Impfungen bekommen hat. Wer kann Angaben zum Auffindeort Großlanger Wiesch machen? Wer hat am Samstag, den 13. Juli 1985 Fahrzeuge auf der Umgehungsstraße hinter Neusorge bemerkt? Wer hat im Zeitraum der letzten 6 Monate dieses Mädchen (Foto) gesehen? Wir bitten, alle Hinweise den örtlich zuständigen Dienststellen der Volkspolizei zu übermitteln.

 

Die Badewannen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren!
M. stand lange in einem Winkel des Landhauses, der eine kilometerweite Aussicht über Hecken, Felder und Wald bot. Nur dass er den Kopf nicht hob, um hinauszusehen. Er stierte auf seine Handrücken. Die ganze Zeit. Diesen Menschen stillstehen zu sehen ist ein seltener Anblick. Lange stand M. so da, und nun kehrt er mit der Feststellung, dass ihm die heutigen Badewannen zu klein seien, an seinen Computer zurück. Er klappt den Laptop auf und beginnt, wie es seine Art ist, im Netz nach Musik zu forschen. Die Badewannen waren früher alle viel größer, murmelt er noch einmal, und ich denke darüber nach. Ja, ja. Er hat recht, ich erinnere mich. Es ist eine angenehme Erinnerung. Eine Erinnerung an die Kindheit. Eine Zeit also, in der einem alle Badewannen naturgemäß sehr viel größer und weiter vorgekommen sein mussten, als dies im Erwachsenenalter der Fall ist. Dass die Badewannen heute tatsächlich kleiner sind, so denke ich, ist dem verordneten Trend geschuldet, Energie zu sparen, wo es nur geht. Und Wasser. Ein überlebenswichtiger Ressourcenschutz. Leider nimmt dieser Trend einem beträchtlichen Teil der Menschheit die Möglichkeit, einmal in ihrem Leben vollkommen ausgestreckt und ohne anzustoßen knapp unter der Wasseroberfläche eines wohltemperierten Vollbads zu schweben. Die Nase als Leuchtturm, die Ohren in der Brandung. Ein Zustand des Müßiggangs, in dem mir schon oft die entscheidenden Lösungen für hartnäckige Probleme zugeflogen sind. Und Probleme haben wir gerade genug.
Ächzend richtet M. sich auf. Er dreht an den Reglern seiner Boxen, und leise weinend macht sich Travis in der großen Landhausküche breit. Warum regnet es immer nur auf mich? M.s Schulter schmerzt, aber ein Dreieckstuch als Armstütze findet er unmännlich. Er hat sich mit vier jungen Türken eingelassen, die ihm nachts in einer dunklen Kreuzberger Ecke entgegenkamen. Hand am Sack, Basecaps auf halb acht, allesamt ein bis zwei Köpfe kleiner als er. Warum regnet es immer nur auf mich? M. gab den von ihnen geforderten Laufweg nicht frei und krachte nach einem kurzen Rempler mit anschließendem Handgemenge ungebremst auf die Schulter. Er trug dabei eine Schallplatte unterm Arm, die er seiner Freundin zum Geschenk machen wollte, und rettete sie sogar, indem er sich drehte, um das Vinyl zu schützen. 300 Pfund Lebendgewicht fielen auf die Seite. Die Schulterpfanne stöhnte auf. Nichts zerbrach, aber es war auch nichts mehr ganz. Warum regnet es immer nur auf mich? Ich sehe M. beim Musikhören zu. Es ist seine große Leidenschaft. Am schlimmsten waren die Schritte der Wegrennenden. Er hörte sie noch kurz, dann lag er ohnmächtig und mit sich allein im Dreck. Ein Hüne von einem Menschen. Ein Stier, ein Eber, ein Pfau. Mit Verstand und Herz. Das ist der M. – und lag dennoch am Boden, die Schulter im Arsch und im Hirn das kochende Blut, vergebens.

Blatt 2
Johann, fragt M., bin ich ein Manipulator?
Der große Regisseur M. dreht sich am heutigen Tag zum ersten Mal ganz offen in meine Richtung. Ich schaue ihn an und weiß: Äußerste Vorsicht ist geboten. Will ich nicht den ganzen schönen Arbeitstag aufs Spiel setzen, muss ich eine Antwort finden, die nicht nur richtig, sondern auch genehm ist. Er scheint gut drauf zu sein. Und wir haben eine Menge vor. Darum sucht er Streit, das ist zu merken. Streit als Ausgangspunkt unserer heutigen Arbeit. Temperatur. Emotionale Aufladung für die Schreibsklaverei. Klar schwingt in seiner Frage Hoffnung mit. Er wäre so gern ein ganz großer Manipulator. Er wäre so gern alles, was toll und perfekt ist. Aber er ist genau das Gegenteil davon. Denn dafür fehlen ihm die Voraussetzungen. Er ist zu ehrlich. Zu einfach. Zu gradlinig. Seine Stärke ist das Argument. Die Überzeugung. Die Klarheit. Und natürlich das unbedingte Rechthaben. Er versucht nicht selten zu manipulieren, merkt aber meist schon im Versuchen, dass es ein lächerliches und zum Scheitern verurteiltes Unterfangen ist. Außerdem ist er viel zu ungeduldig. Mit Manipulationen sät man, denke ich, was man Tage, Wochen, Jahre später ernten will. M. liebt die Ergebnisse, aber direkt, und zwingt die Zeit regelmäßig unters Joch, nur um noch schneller recht zu haben.
Wenn überhaupt, dann bist du ein Verführer, gestehe ich ihm zu. Falls seine Überzeugungsarbeit mal nicht fruchtet. Tatsachen schaffst du, und deshalb sind wir hier! Und dann sage ich: Nenne mir einen einzigen vernünftigen Grund, warum eine Mutter ihr Kind verlässt oder, auf gut Deutsch, wegschmeißt. Unsere Geschichte handelt davon. Also lass es uns herausfinden. Denn es ist geschehen und wir wollen wissen. Wer weiß, der kann, sagt der schwarze Müller.
Das sind die Fakten vom 7. Juli 1985: Es war warm an diesem Tag. Ein Sommertag vom Feinsten. Die wunderbare Landschaft des Neißetals hielt die Vögel zum Singen und die Winde zum Verweilen an. Die Tiere staunten. Alles so schön. Alles so langsam. Alles so einmalig. Ein junger Handwerker nahm trotz allem einen Auftrag an. Schwarz wie üblich, als Zubrot für die kleine Familie. Der Wärmetauscher im Restaurant auf der Landeskrone war defekt. Sein Bruder arbeitete da als Kellner und gab ihm den Tipp. Die Ersatzteile zweigte der noch unerfahrene Installateur in seinem Betrieb ab und das Werkzeug trug er ohnehin immer am Mann. Es gab einen Friedrich Engels auf die Hand. Fünfzig Mark. Die konnte der junge Vater gut gebrauchen. Nur, die Tochter musste mit. Rose hatte keine Betreuung. Denn die Mutter war bei ihrer Mutter. Aber es sollte kein Problem sein, sie kurz beim Küchenpersonal abzugeben. Es war früher Nachmittag, und Rose schliefe sicher noch mal ein.
Die Sonne stand hoch, als er losfuhr. Rose brabbelte auf der Rückbank, angeschnallt im ausgebauten Kinderwagen. Die Tauben flatterten ihre nachmittäglichen Runden über Görlitz, der Stadt am Fuße des Kegelbergs. Wildtauben waren es. Sie hatten ihre Nester in den Büschen um die Landeskrone. Von Weitem sah der Hügel aus wie künstlich angelegt. Stand man direkt davor, war die Landeskrone einfach ein natürlicher Hang mit Bäumen. Buchen vor allem. Gerade gewachsen und schön.
Der Trabant schnarrte. Das Zweitaktöl verbrannte. Die Straße hinter dem Wagen hüllte sich in blauen Nebel, es ging bergauf. Rose lachte. Sie fasste sich an die Zehen. Der Motor stotterte. Es rächte sich, dass er nicht noch tanken war. Der Sprit stand schräg und fand den Weg nicht in den Hubraum. Der junge Vater bückte sich während der Fahrt zum Beifahrersitz und tastete nach dem Reservehebel. Er legte ihn um, der Motor fing sich wieder. Zu Rose, die er im Rückspiegel sah, sagte er, dass er den Benzinkanister umfüllen müsse. Sie lachte ihn an.
Der kaum befestigte Rastplatz unterhalb des Gipfellokals war über und über mit Fahrzeugen zugestellt. So was hatte er noch nie erlebt. Da war absolut kein Durchkommen. Staunend hielt der junge Mann am Straßenrand und machte den Motor aus. Es wurde ruhig. Die Autos schienen verlassen. Nur um die Motorhaube eines blauen Ladas scharten sich die Leute. Männer vor allem. Der junge Vater stieg aus. Angezogen vom Kommentar eines aufgeregten Berichterstatters, ging er zu der Menschentraube. Die Männer verfolgten auf einem Kofferfernseher, der mit der Wagenbatterie des Ladas betrieben wurde, das Wimbledonfinale von Boris Becker gegen Kevin Curren. Westfernsehen! Der Kommentator überschlug sich förmlich. Eine Sensation lag in der Luft. Unter den Zuschauern befanden sich auch die Besatzungen eines Pritschenwagens sportbegeisterter Sowjetsoldaten sowie eines Begleitfahrzeugs der sowjetischen Militärpolizei, eines UAZ. Lachend und rauchend verfolgten die Rotarmisten ebenfalls das Spiel. Der neugierige Installateur stellte sich auf die Zehenspitzen und schaute interessiert auf den kleinen Bildschirm.
Wennde ausm Dal raus bist, hasde richtsch guddn Empfang. Der Zuschauer strahlte, ein anderer mahnte zischend zur Ruhe.
Da der junge Vater (wie so viele Einwohner im Görlitzer Neißetal) keinen Westsender empfangen konnte, fieberte auch er gespannt dem Sieg von Becker entgegen und vergaß dabei, dass er eigentlich nur Benzin hatte umfüllen wollen.
Dann war es vollbracht. Der Jubel war kurz. Die Menschen zerstreuten sich. Geschäftig knatterte und quietschte es. Der Qualm verzog sich langsam. Der Vater öffnete den Kofferraum und hievte einen Zwanzig-Liter-Kanister heraus. Er wuchtete ihn zur Motorhaube und lächelte Rose an. Doch aus dem Lächeln wurde ein stummer Schreck. Er beugte sich ganz bis an die Scheibe und beschirmte mit den Händen seinen suchenden Blick: Rose war verschwunden.
Und ist es bis heute.

Blatt 3
Görlitz ist doch auch scheiße. M. kratzt sich am Kopf. Er starrt auf den PC.
Nie weiß ich, was er gerade denkt. Er ist unentschlossen, scheint mir. Die Begebenheit auf der Landeskrone ist der perfekte Beginn einer entsetzlichen Tragödie, aber irgendetwas scheint ihn zu stören. Unsere Geschichte liegt schon eine Weile als Drehbuch in der zweiten Fassung vor. Man kann die Mängel, vor allem aber auch die Vorzüge deutlich als solche erkennen. Vieles ist richtig, aber manches einfach noch nicht gut genug. Es gab unterschiedliche Einschätzungen von ersten Lesern. Die meisten schienen begeistert, einige verwirrt, ein guter Freund von M. war bestürzt. Zu düster, zu gefährlich, zu grausam, hatte er geurteilt.
Am interessantesten aber war die Haltung der federführenden Redakteurin. Sie las das Buch und lud uns feierlich zu einem Italiener ein. M. lehnte das ab. Er wolle nicht bestochen werden, er wolle Fakten. Also trafen wir uns bei ihm. Sie zeigte sich detailversessen (Interessant, dass die Fahrzeuge des KGB im Geburtsort Lenins gebaut wurden) und klagte über die Welt, in der wir leben (Ein Glück, dass es uns trotz allem so gut geht). Sie lobte und kritisierte zugleich. Dies tat sie auf so gewählte Weise, dass wir am Ende nicht wussten, was sie tatsächlich über unser Drehbuch dachte. Wenn ihr mich fragt, ist die Sache auf einem sehr guten Weg. Kurz und knapp benannte sie das Für und Wider. Gerade so, dass sie sich, falls der fertige Film von den Zuschauern gemocht und also ein Erfolg werden würde, klar sagen könnte: Seht ihr, der Film ist großartig! Ihre einschätzenden Worte waren aber genauso gut geeignet, im Fall eines Misserfolgs hart mit uns ins Gericht zu gehen und zu sagen: Ich habe es euch doch von Anfang an erklärt, wie es hätte besser gehen können, aber ihr habt ja nicht auf mich hören wollen! Die damals getroffene Aussage würde ihr am Ende also gleich beide Reaktionen ermöglichen. Das imponiere mir wirklich sehr, gestand ich. Das sei Politik, resümierte M. gelassen.
Vielleicht sollten wir über eine gegenwärtigere Handlung nachdenken?
Ich hatte das schon eine Weile vor. Es ließe einen direkteren Zugriff auf die heutige Lebenswelt zu und würde eine Menge Kosten sparen, da alles Historische wegfiele. Die Haltung unserer Redakteurin scheint mir ein idealer Kern für die charakterliche Neuausrichtung unserer Hauptfigur. Nicht so ein sympathischer Handwerkerbursche mit Hang zur Melancholie, sondern ein junger, aufstrebender Politiker, gerissen und zielorientiert, liberal und im Parlament der Stadt vertreten. Ein Mann unserer Zeit mit Familie und Wünschen, einem gesunden Menschenverstand und gründlichem Vernichtungswillen gegenüber allem, was sich ihm in den Weg stellt.
M. horcht auf. Es scheint ihm zu gefallen, doch rechnet er natürlich sofort den schreibtechnischen Arbeitsaufwand vor, den diese neue Ausrichtung mit sich bringt.
Dass er Görlitz als Handlungsort nicht mag, war mir schon aufgefallen, aber er hatte es nur noch nie so deutlich kundgetan. Seine Abneigung scheint der Unkenntnis geschuldet. Er hatte es immerhin bis Dresden und Prag geschafft. Aber Görlitz?
Da kann ich ja gleich in Polen drehen!
Es ist ihm ein Gräuel. Eigentlich ein neugieriger und aufgeschlossener Mensch, pflegt M. dennoch seine Vorurteile.
Aber wie meinst du das, Johann? Gegenwart?
Das Zentrum dieser Geschichte wäre eine schrecklich normale Familie. Vielleicht ist sie schrecklicher normal als andere Familien. Ihr Erscheinungsbild ist es aber nicht: Mutter, Vater, Sohn und Tochter. Wir sehen sie auf dem gemeinsamen Weg zu einem Wochenendvergnügen. Eventuell zum Spieleparadies im Elbepark Dresden. Für den Sohn der Familie, den kleinen Jonas, ein ständiger Wunsch. Vier Jahre alt ist er und darf den Kinderwagen schieben. Marie, seine Schwester, ist noch zu klein. Sie liegt im Wagen und staunt über ihren unverglasten Ausblick auf die Welt.
Auf dem Weg begegnen sie einem Hundehalter, der sein Tier übel verdrischt. Einen Dobermann, der in der Stadt im wahrsten Wortsinn nicht haltbar ist, immer überall hinrennen muss und eigentlich den Auslauf eines Rennpferdes braucht. Der Hundehalter hat einen Knoten in die Leine gebunden und schlägt dem Hund fluchend auf Rücken und Kopf. M. meint, dass ihm die Menschen, die ihre Hunde misshandeln, immer noch lieber seien als diejenigen, die sich vollständig von ihren Haustieren domestizieren lassen. Menschen, die mit ihren Hunden in einem Bett schlafen (es sind doch Rudeltiere) oder lieber verhungern, als der Katze nichts zu fressen zu geben. In seiner Anmerkung liegt eine gewisse Ironie. Die Natur macht sich mittels schlauer Haustiere (Hunde, Katzen, Kleinstschweine) den Menschen untertan.
Ich erinnere mich an eine unschöne Szene, unlängst im Park erlebt, und schlage sie ihm vor: Ein Kind erschrickt vor einem freilaufenden Hund. Der Hund ist nicht böse, aber eben freilaufend. Von mir aus ein Schäferhundmischling, selbst noch klein und tapsig. Er wedelt mit dem Schwanz, und je schneller das Kind zu seinen Eltern rennt, desto höher springt er neben ihm her und wirft seine Schnauze an dessen Seite. Ein Mann schreitet ein und hebt das Kind schließlich hoch. Wütend wendet er sich an den Hundebesitzer, er solle seinen Köter gefälligst an die Leine nehmen. Nicht, dass der auch nur ansatzweise reagieren würde. Lapidar pfeift er seinen Jungspund zurück und rät dem Mann, doch selber mal einen Tag an der Leine zu laufen. Dann wisse er, wie sich ein Tier fühle.
Besser, ruft M. und: Schreib auf!

Blatt 4
Innen. / Außen. / Tag. Die Familie erreicht das Spieleparadies. Am Eingang ist abzusehen, dass es sehr voll werden wird. Noch sind die vier ganz guter Dinge. Der Vater erklärt dem Sohn, dass eine Kastanie nicht nur der Kopf für ein Kastanienmännlein ist, sondern auch der Samen für Tausende neue Kastanien. Die Bäume schlagen gerade aus. Das Frühjahr steht in frischgrüner Montur hinter den Häusern. Jonas muss sich mit den Kastanien noch gedulden.
Langsam schreiten sie in der Reihe voran. Opa! Jonas schert aus und rennt den Weg zur Straße zurück, denn er hat den Großvater entdeckt. Der hatte versprochen, die Familie zu begleiten. Gemeinsam stürmen die zwei nun an der Warteschlange vorbei und entern das Spieleparadies. Es ist laut, die Erwachsenen müssen beinahe schreien, um sich zu verständigen. Sie ergattern einen Vierertisch im Café.

Innen. / Tag. Jonas ist schon weg. Ins Maikäferland. Dort ist alles so groß, dass sich die Kinder fühlen wie Käfer im Wald. Der Großvater bestellt Kaffee. Er scheint von der Woche geschafft. Seine Schwiegertochter fragt nach. Er winkt ab und stöhnt: Die Firma! Sein Sohn lächelt. Jonas kommt angerannt.
Durst!
Vergessen!, erwidert der Großvater und bestellt mit ihm zusammen eine Apfelschorle. Wieder rennt Jonas los, während seine Schwester im Wagen erstaunlich ruhig schläft.
Das Maikäferland nimmt vorübergehend niemanden mehr auf. Zu viele Besucher. Jonas wechselt in die Kinderstadt. Ein Straßenzug mit Häusern in seiner Größe. Bunt und spießig wie die Welt seiner Eltern. Er schaut aus einem Fenster im zweiten Stock und beobachtet ein Mädchen, das sich gestoßen hat. Der Schmerz anderer fasziniert Jonas. Er ist selber extrem empfindlich. Mit offenem Mund sieht er das Loch in der wollenen Strumpfhose des Mädchens und die beschwichtigende Handbewegung der Mutter.
Der Großvater referiert über Anstrengungen und Erfolge der letzten Wochen. Eine Pose, die er pflegt. Als Atomphysiker im ehemaligen Forschungsreaktor von Rossendorf hatte er sich nach dem Fall der Mauer und dem absehbaren Ausschlachten seiner Forschung relativ schnell mit einer eigenen Firma selbständig gemacht. Ein als Start-up getarntes Unternehmen, das eigentlich ein Spin-off gewesen ist, wie der Großvater heute stolz hervorzuheben pflegt. Er patentierte Forschungsergebnisse, löste geschickt einige immobile Tranchen aus der Verwaltung durch die Treuhand und band vor allem qualifizierte Kollegen ein. So wuchs seine Firma recht bald zu einem unverzichtbaren Baustein im Spiel international kooperierender Forschungszentren. Derzeit arbeitet er an der Entwicklung einer Methode zur Alzheimer-Früherkennung. Er hat einen indischen Investor aufgetan und testet seit achtzehn Monaten mithilfe eines Partners in Rostow die Wirkung. Die ersten Ergebnisse seien vielversprechend und, wie er immer wieder erklärt, zukunftsweisend. Dennoch zieht sich das Prozedere der Patentierung hin. Es gab Rückschläge. Vor einem Vierteljahr war ein Proband gestorben. Das wäre er so oder so, wegen eines angeborenen Herzfehlers, wie sich bei der Obduktion herausgestellt hatte. Nur dass es ausgerechnet während der klinischen Erprobung im Institut seines russischen Partners geschah, wirft ein ungünstiges Licht auf die gesamte Arbeit der letzten sechs Jahre. Das kurz vor der Zulassung stehende Konzept, das auf der Anwendung atomarer Substanzen im absoluten Nanobereich basiert, steht auf dem Spiel und damit eine Menge Geld. Geld, das er seinen Kindern vererben will, denn allein für sie, so hört er nicht auf zu versichern, arbeitet er.


Bis zu jenem Abend, als sich M. … (Es folgt ein langer unleserlicher Absatz, der die gesamte Rückseite von Blatt 4 ausfüllt. – Anmerkung des Herausgebers)


Thomas Wendrich

Über Thomas Wendrich

Biografie

Thomas Wendrich, geb. 1971 in Dresden, studierte Schauspiel an der HS für Film und Fernsehen in Babelsberg und war bis 1999 Mitglied des Berliner Ensembles. Dort spielte und lernte er u.a. bei Schleef, Müller, Heise, Wilson und Zadek. Seit dem Studienabschluss an der Drehbuch-Akademie der dffb in...

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»'Eine Rose für Putin' ist das vielversprechende Debüt eines Erzählers, der es geschickt versteht, verschiedene Geschichten miteinander zu verknüpfen, Realität und Fiktion auf oft unscheinbare Art und Weise ineinanderfließen zu lassen und sich dazu geschickt aus dem vorhandenen Arsenal literarischer Mittel und Motive zu bedienen.«

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»In seinem ersten Roman 'Eine Rose für Putin' geht es um West und Ost, ein ungeheuerliches Verbrechen und den Wahnsinn, das Unfassbare festzuhalten.«

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»Von den Kritikern hochgelobt, erzählt das Romandebüt des Schauspielers und Drehbuchautors Thomas Wendrich von der Ungeheuerlichkeit eines Verbrechens und der Unmöglichkeit , das Unfassbare dingfest zu machen.«

MDR Figaro

»Belohnt werden wir außerdem von Thomas Wendrichs exzellentem Sprachgefühl. Lustvoll und selbstbewusst treibt er uns durch die verschiedenen Ebenen seines komplexen, tragischen, komischen Buches. Der Rhythmus ist schnell. Der Stil lakonisch und selbstironisch. Ein Abenteuer in jeder Beziehung.«

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»Der Drehbuchautor hat einen furiosen Debüt-Roman geschrieben.«

BR "Neues vom Buchmarkt"

»Wendrichs Roman ist Roadnovel, Polit-Thriller und ein phantastisches Mosaik aus Rückblenden und Gegenwart – ein ungewöhnliches und spannend zu lesendes Debüt.«

Der Tagesspiegel

»Nun, 45 Jahre später, gibt es wieder vertauschte Identitäten, Lügen und Geheimnisse, haarsträubend komisch ergänzt durch Schreib- und sonstige Krisen und verpackt in die Matroschkapuppe eines der originellsten Romane dieses Frühjahrs.«

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