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Eine perfekte Lüge

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Thriller

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Eine perfekte Lüge — Inhalt

Als Hannah an einem Tag im Sommer Mark begegnet, ist es um sie geschehen. Die beiden ziehen zusammen, heiraten, das vollkommene Glück. Doch als Mark nach einer Geschäftsreise plötzlich spurlos verschwunden ist, beschleicht Hannah ein ungutes Gefühl. Weshalb ist ihr Mann nicht zu erreichen? Warum sind all seine Papiere verschwunden? Wieso wurde ihr Konto geplündert? Und wer ist die Fremde, die dauernd anruft? Hannah beschließt zu handeln. Doch je mehr Fragen sie stellt, desto weniger Antworten bekommt sie. Gefangen in einem schier endlosen Labyrinth von Rätseln, wird ihr langsam klar, dass Mark keineswegs der Sunnyboy ist, für den sie ihn immer gehalten hat. Und bald hegt sie einen grauenhaften Verdacht...

 

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 11.05.2015
Übersetzt von: Elvira Willems
384 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7748-6
»Auch ohne Schockeffekte erzeugt Lucie Whitehouse in ihrem Buch Hochspannung und eine beklemmende Atmosphäre.«
Rhein-Neckar-Zeitung

Leseprobe zu »Eine perfekte Lüge«

1
Es regnete in Strömen, und hier draußen, wo die Fahrbahn ungeschützt war, rüttelte der Wind an Hannahs altem VW, als wollte er ihn von der Straße schubsen. Auf dem Weg nach Heathrow sah sie normalerweise zu, wie die Flugzeuge im Minutentakt in den Sinkflug gingen, doch heute Abend war der Rhythmus gestört und es vergingen zwei Minuten und jetzt sogar drei, bis sich die Scheinwerfer des nächsten Flugzeugs durch die aufgewühlten Wolken kämpften. Sie umfasste das Lenkrad noch fester, sah in den Rückspiegel und wechselte auf die Überholspur.
Links von ihr [...]

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1
Es regnete in Strömen, und hier draußen, wo die Fahrbahn ungeschützt war, rüttelte der Wind an Hannahs altem VW, als wollte er ihn von der Straße schubsen. Auf dem Weg nach Heathrow sah sie normalerweise zu, wie die Flugzeuge im Minutentakt in den Sinkflug gingen, doch heute Abend war der Rhythmus gestört und es vergingen zwei Minuten und jetzt sogar drei, bis sich die Scheinwerfer des nächsten Flugzeugs durch die aufgewühlten Wolken kämpften. Sie umfasste das Lenkrad noch fester, sah in den Rückspiegel und wechselte auf die Überholspur.
Links von ihr ragte jetzt das Holiday Inn auf, ein hässlicher Betonzahn als Silhouette gegen den Himmel, das Leuchten der grünen Neonschrift verschwamm in der feuchten Luft. Sie nahm die Ausfahrt zu Terminal 3, und das Kribbeln in ihrem Bauch wurde stärker. Sie waren inzwischen zwar verheiratet, doch die Fahrt zum Flughafen war immer noch aufregend. Sie müsste Mark nicht abholen, wahrscheinlich ginge es sogar schneller, wenn er sich ein Taxi in die Stadt nahm, besonders an so einem stürmischen Abend, doch die Fahrt, die Ankunftshalle, das Gedränge an der Absperrung – das alles erinnerte sie beide an die Zeit vor ihrer Hochzeit, als JFK und Heathrow die Pole gewesen waren, um die ihre Wochenenden kreisten.
Die ersten beiden Ebenen des Parkhauses waren wie üblich schon voll. Zögernd fuhr sie hinauf in die dritte Ebene, wo sie in der Nähe der Kassenautomaten eine Parkbucht fand. Nach einem raschen Blick in den Spiegel stieg sie aus und ging zum Aufzug.
In der Ankunftshalle herrschte hektische Betriebsamkeit, selbst für einen Freitagabend. Unter der niedrigen Decke warteten Hunderte von Menschen, ihre Gesichter bleich im grellen Licht der Neonröhren. In drei oder vier Reihen drängten sie sich zwischen der Absperrung in der Mitte der Halle und einer Reihe kleinerer Läden: wie immer ein paar Fahrer mit Namensschildern, eine Gruppe Rucksackreisender, die ihre Shorts und T-Shirts verfluchen würden, sobald sie einen Schritt nach draußen taten, und eine Großfamilie – gut fünfundzwanzig oder dreißig Menschen – in traditionellen afrikanischen Gewändern, ein Feuerwerk aus Farben und Mustern.
Sie schlängelte sich zu den hoch oben angebrachten Monitoren, wo sie sah, dass Marks Flugzeug soeben gelandet war. Es würde noch fünfzehn, zwanzig Minuten dauern, bis er rauskam, und so kaufte sie sich in der kleinen Marks & Spencer-Filiale ein Sandwich und setzte sich auf eine Bank am anderen Ende der Halle. Am Nachmittag war sie im Feinkostladen gewesen und hatte französisches Brot gekauft und ein Stück exzellenten Roquefort – dazu ein Glas Wein, mehr wollte Mark nach einem Abendflug nicht. Doch sie war zu hungrig, um bis dahin zu warten, denn sie hatte seit dem Mittagessen nichts gegessen: Das Vorstellungsgespräch bei AVT am Nachmittag hatte viel länger gedauert als erwartet, und es war schon nach sieben gewesen, als sie in Parsons Green aus der U-Bahn gestiegen war.
Von der Bank sah sie zu, wie die automatische Schiebetür in unregelmäßigem Abstand Menschen ausspuckte. Der Monitor listete eine lange Reihe von Flügen mit erheblichen Verspätungen auf. Die Passagiere, die jetzt herauskamen, waren vermutlich in dem Flugzeug aus Freetown gewesen, zwei Maschinen früher. Sie hatten anderthalb Stunden Verspätung. Hannah beobachtete einen schlaksigen, stark sonnengebräunten Mann in Jeans und einem Khakihemd, der in die Halle trat und den Blick über die Menschenmenge schweifen ließ. Hinter der Absperrung auf der anderen Seite schob sich mit glücksstrahlender Miene eine junge Frau nach vorn, stürzte sich in seine Arme und gab ihm einen Kuss, der einen älteren Mann ein Stück weiter auf der Bank zu einem missbilligenden Schnauben provozierte. Wieder kribbelte es in Hannahs Magengrube. Komm schon, Mark.
Sie erinnerte sich, wie sie einmal auf der anderen Seite des Atlantiks auf ihn gewartet hatte, bevor sie wieder nach London gezogen war. Terminal 7 am JFK war öde, dort gab es weder Cafés noch Läden, um sich die Zeit zu vertreiben, nur einen Zeitungskiosk, eine Kaffeebar und ein paar Reihen harter Plastikstühle. Für den Fall, dass er verspätet landete, hatte sie immer ihren Laptop mitgenommen, doch sie hatte unmöglich arbeiten können, weil jedes Mal, wenn jemand aus der Schiebetür kam, ihr Kopf hochschoss. Sie wollte den Augenblick nicht verpassen, da Mark sie erblickte und sich auf seinem Gesicht ein Lächeln ausbreitete. Die ersten paar Mal war das Lächeln von einem albernen Grinsen abgelöst worden, wie um seine Verlegenheit darüber zu überspielen, dass er etwas von sich preisgegeben hatte, doch bald kehrte eine gewisse Routine ein und das hörte auf. Er umarmte sie so fest, dass sie Angst bekam, er würde sie erdrücken, dann nahmen sie ein Taxi und fuhren direkt zu ihrer Wohnung und gingen ins Bett. Danach zogen sie sich wieder an und machten sich auf zu Westville auf der 10th Street, um Hotdogs zu essen.
Die Tür öffnete sich jetzt regelmäßiger und entließ einen steten Strom von Menschen. Einige sprachen mit amerikanischem Akzent, was vielleicht hieß, dass sie in Marks Flugzeug gesessen hatten; die Flüge vor und nach ihm waren aus Ägypten und Marokko gekommen. Hannah stand auf und ging näher heran. Einige Männer in Anzügen mit leichten Koffern, zwei Paare, eine Familie, die mit einem schwankenden Gepäckturm auf einem Gepäckwagen kämpfte, dessen Vorderräder nicht gehorchen wollten. Ein kleiner Junge, der seinen Vater schneller entdeckte als seine Mutter, löste sich aus ihrem Griff und tappte auf wackeligen dicken Beinchen unter der Absperrung durch auf ihn zu, was von der Menschenmenge mit amüsiertem Lachen quittiert wurde.
Nach fünfundzwanzig Minuten war ihr klar, dass Mark aufgehalten worden sein musste. Er war fast immer im ersten Schwung Passagiere, die das Flugzeug verließen, und er hatte diesmal nur seinen kleinen Lederkoffer mitgenommen, um nicht an der Gepäckausgabe warten zu müssen. Vielleicht hatte er im Flugzeug etwas liegengelassen und war noch mal zurückgegangen, vielleicht war er aber auch von der Zollkontrolle zu einer Überprüfung herausgepickt worden. Sie schob den Ärmel hoch und schaute auf ihre Uhr – eine Rotary, die ihre Mutter ihr zum High-School-Abschluss geschenkt hatte. Fünf nach zehn. Sie tippte Marks Nummer auf ihrem BlackBerry an, doch dann überlegte sie es sich anders: Wenn sie ihn jetzt anrief, verdarb sie es. Sie würde noch zehn Minuten warten und ihn, wenn es sein musste, dann anrufen.
Doch um Viertel nach kam niemand mehr heraus, der mit amerikanischem Akzent sprach; die meisten Leute, die jetzt durch die Türen kamen, unterhielten sich in Schnellfeuer-Spanisch. Der Einzige, der genauso lange wartete wie sie, war ein Mann Mitte fünfzig in marineblauem Blazer und Bundfaltenhose. Jetzt tauchte seine Tochter auf. Hannah überlegte, ob sie sich vertan hatte, aber sie war sich sicher, dass Mark Freitag gesagt hatte, zur gewohnten Zeit.
Sie wählte seine Nummer, doch der Anruf ging direkt zur Mailbox, und sie legte auf, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Es sah ihm gar nicht ähnlich, einen Flug zu verpassen, aber vielleicht war das die Erklärung. Wahrscheinlich hatte er das Flugzeug verpasst und hatte ein späteres genommen. Das war ihm auf dem Heimweg von Toronto nach New York schon einmal passiert.
Erneut blickte sie hoch zu den Monitoren. Sein Flug wurde gar nicht mehr angezeigt, doch es folgten noch zwei weitere Maschinen aus New York: Eine war gerade gelandet, die andere war im Anflug. Vielleicht saß er in einer davon. Wenn, würde er sie anrufen oder ihr eine SMS schicken, sobald er das Handy wieder einschalten konnte.
Das Gedränge war inzwischen nicht mehr ganz so groß, und diesmal bekam sie den Platz an der Absperrung direkt gegenüber der Tür – »den goldenen Punkt«, wie Mark ihn nannte. Alle paar Minuten warf sie einen Blick auf ihr Handy und wartete bis zehn nach elf, fast eine ganze Stunde. Als die letzten Passagiere aus dem zweiten Flugzeug aus Amerika durch die Türen kamen, wählte sie noch einmal seine Nummer, doch wieder erreichte sie nur die Mailbox.
Allmählich machte Hannah sich Sorgen. Wenn er einen anderen Flug genommen hatte, warum hatte er sie dann nicht angerufen? Was war, wenn mit seinem Flugzeug etwas passiert war? Sie rief ihn noch einmal an und gab dann ihren Platz an der Absperrung auf und ging zum Notausgang. Die Informationsschalter der Fluggesellschaften waren in der Abflughalle, und wenn sie über den Hof zwischen den beiden Gebäuden ging, war sie viel schneller, als wenn sie sich durch das Gewirr aus Gängen und Rolltreppen kämpfte.
Im Hof fegte ein starker Wind, der den Regen wie Schwärme winziger Fische vor sich hertrieb, ihn einen Augenblick hochpeitschte, um ihn im nächsten zu Boden zu schleudern. Die schwere Tür wurde ihr aus der Hand gerissen und knallte hinter ihr zu. Über ihr kämpfte sich gerade ein weiteres Flugzeug durch die Wolkendecke, dessen Motoren die Luft mit entsetzlichem Brausen erfüllten. Hannah zog den Kopf ein und rannte.
Der Spurt dauerte höchstens dreißig Sekunden, doch als sie eintrat, musste sie sich die nassen Haare aus dem Gesicht wischen. Im Vergleich zu der Ankunftshalle war die Abflughalle von Terminal 3 ein Muster an gut beleuchteter Modernität mit großzügiger Deckenhöhe, doch als sie den Schalter von American Airlines gefunden hatte, der Fluggesellschaft, mit der Mark normalerweise flog, zog die Frau dahinter gerade ihre Jacke an.
»Ich habe den Computer schon ausgeschaltet«, sagte sie, ohne aufzusehen.
»Ich will nur wissen, ob mein Mann heute Abend auf einem Flug war.«
»Oh.« Jetzt blickte die Frau auf und strahlte über das ganze Gesicht. »Das hätte ich Ihnen eh nicht sagen können. Leider. Datenschutz.«
Angesichts solch kleinlicher Bürokratie stieg in Hannah die gewohnte Gereiztheit auf. »Im Ernst?«, sagte sie. »Er ist mein Mann.«
»Tut mir leid.« Die Frau zuckte die Achseln. Sie schien sich über die Gelegenheit, ihre Macht auszuspielen, zu freuen, und Hannahs ganzer Ärger richtete sich jetzt gegen sie. In unmittelbarer Nähe von Duty-free-Läden zu arbeiten war keine Entschuldigung dafür, so viel Make-up aufzulegen. Wie alt war sie überhaupt unter dieser Totenmaske aus Grundierung?
»Hören Sie«, sagte Hannah und legte die Hände auf den Schalter, »ich will nur wissen, ob meinem Mann auch nichts passiert ist. Können Sie mir wenigstens sagen, ob es auf den Flügen aus New York heute Abend irgendwelche Probleme gab?«
Die Frau seufzte. »Nichts«, sagte sie. »Ein paar Verzögerungen wegen des starken Winds, aber mehr nicht.«
»Gott sei Dank.«
Hannah war schon halb wieder durch die Halle, da hielt sie inne, um zu überlegen, wohin sie überhaupt wollte. Sie rief Mark noch einmal an. Immer noch nichts. Diesmal hinterließ sie eine Nachricht. »Hi, ich bin’s. Ich bin in Heathrow. Wo bist du? Ich wollte dich abholen, aber ich glaube nicht, dass du hier bist. Ruf mich an, sobald du meine Nachricht hörst. Ich mach mir Sorgen.« Sie lachte ein wenig, um anzudeuten, dass sie wusste, dass das lächerlich war: Mark war der Letzte, der in Schwierigkeiten geriet, und wenn mit den Flugzeugen nichts passiert war, war auch ihm nichts passiert.
Sie legte auf und überlegte, ob sie jemanden anrufen konnte. Neesha, seine Sekretärin, vielleicht? Nein, es war fast halb zwölf. Und wenn Neesha gewusst hätte, dass es ein Problem gab, hätte sie sich gemeldet. Das Gleiche galt für David, seinen Geschäftspartner. Mark war diesmal allein nach Amerika geflogen, also konnte sie sich bei niemandem nach ihm erkundigen. Wenn sie heute Nacht nichts mehr von ihm hörte, musste sie bis zum Morgen warten, bevor sie herumtelefonieren konnte.
Oben auf dem Kurzzeitparkplatz konnte sie gerade noch so den Drang unterdrücken, gegen den Ticketautomaten zu treten. »Zwölf Pfund für zwei lausige Stunden?« Ihre Stimme hallte an den Wänden des leeren Gangs wider.
Auch auf der M4 zurück nach London war es jetzt ruhig, nur die Straßenlaternen warfen vereinzelte Lichtkegel auf die Fahrbahn. Auf dem erhöhten Abschnitt der Straße über Brentford glitt ihr Blick über Büros, die bis zum Montag verlassen bleiben würden, geisterhafte Schemen von Tischen, Stühlen und Computern, und plötzlich kam ihr der erschreckende Gedanke, dass das fast so etwas wie ein Sinnbild ihrer Karriere war – weit weg, verblasst und abgeschlossen hinter Glas, durch das sie sehen, aber nicht die Hand strecken konnte.
Als sie die Quarrendon Street hinunterfuhr, löste sich ihre letzte Hoffnung in Luft auf. Wenn Mark je vor ihr nach Hause kam, waren alle Fenster hell erleuchtet, doch heute Nacht lag das Haus im Dunkeln, wie sie es verlassen hatte.
Lynda, seine – ihre – Putzfrau war da gewesen, und es roch aufdringlich nach Möbelpolitur. In der Küche holte Hannah eine Flasche Wein aus dem Regal, schenkte sich ein Glas ein und setzte sich an ihren Laptop, um ihre E-Mails zu checken. Ihr BlackBerry hatte ab und zu Ausfälle, in denen stundenlang keine Nachrichten ankamen, und dann trudelten plötzlich alle auf einmal ein. Doch das war diesmal nicht der Fall: Die letzte E-Mail auf Handy und Computer war die von ihrem Bruder, der wissen wollte, wie ihr Vorstellungsgespräch gelaufen war.
Sie öffnete ein neues Nachrichtenfenster und setzte Marks Adresse ein.
Hallo, Du Heathrow-Vermisster, tippte sie. Vermutlich sitzt Du entweder noch in einem Flugzeug oder irgendwas ist mit Deinem Handy, also versuche ich es per E-Mail. Sag mir Bescheid, was los ist. Du fehlst mir hier in der Quarrendon Street. Haus – und Bett – sind leer ohne Dich …
Sie trank einen Schluck Wein – einfach köstlich: Seine Vorstellung von einem Wein für jeden Tag gehörte in eine vollkommen andere Preisklasse als ihre –, dann stand sie auf und ging mit dem Glas zu den Terrassentüren, die sich zu dem kleinen, zum Teil gepflasterten Hof hinter dem Haus öffneten. Wenn sie die Augen vor dem Licht von drinnen abschirmte, konnte sie die Steinplatten sehen und weiter hinten die Sträucher und die Zierkirsche. Der Wind hatte ordentlich gehaust. Ein Holzstuhl war quer durch den Garten geflogen und lag auf dem Steintrog, in dem sie über den Sommer Tomaten gezogen hatte, und das Pflaster war mit Laub und Ästen übersät. Ein einziges Durcheinander; wenn der Regen bis dahin aufgehört hatte, würde sie am nächsten Tag rausgehen und aufräumen.
In einer Wolkenlücke war kurz ein Flugzeug zu sehen, das in Richtung Heathrow flog. Schon war es wieder verschwunden. Mark war wahrscheinlich noch in der Luft, sagte sie sich, und in ein paar Stunden würde sie wach werden, wenn er sich gerade zu ihr ins Bett legen wollte, und sie würde einen Herzinfarkt bekommen, weil sie ihn für einen Einbrecher hielte.
Sie drehte sich zum Raum um und hielt inne. Ab und zu hatte sie immer noch solche Momente, in denen sie sich der schieren Größe des Hauses bewusst wurde. Sie war verblüfft gewesen, als Mark ihr erzählt hatte, dass er es mit Ende zwanzig gekauft hatte; die beiden Häuser in der Straße, die verkauft worden waren, seit sie hier eingezogen war, hatten über zwei Millionen erzielt. »Klar, heutzutage«, hatte er gesagt. »Ich hab es vor zwölf Jahren gekauft, lange vor dem derzeitigen Boom, und damals war es eine Ruine. Ich habe es von einem alten Paar übernommen, das seit den Sechzigern nichts dran gemacht hatte, und ich musste es völlig sanieren – neue Leitungen, neue Rohre, alles.«
»Trotzdem …«
Er hatte die Achseln gezuckt. »Ich hatte Glück – das Geschäft lief gut, und der Preis stimmte. Es war eine gute Investition.«
An den Gedanken, dass dies jetzt ihre Küche war, hatte sie sich erst gewöhnen müssen. Sie hatte die Küche in ihrer New Yorker Wohnung mit ihren unverputzten Backsteinwänden und ihrer funktionalen Einrichtung geliebt, doch im kalten Licht der Wirklichkeit betrachtet, war es nicht mehr gewesen als ein gut zwei Meter langer Schlauch. Um zu kochen, hatte sie ständig etwas hin und her schieben müssen, wie bei diesem Spiel mit den beweglichen Fliesen, die man hin und her schieben musste, um ein Bild korrekt zusammenzusetzen. Sie hatte auf Arbeitsplatte, Herd und Hocker ständig neue Plätze für Teller, Messer und Schneidebretter finden müssen. Die Küche hier war sicher zehnmal so groß. In dem unwahrscheinlichen Fall, dass sie je für dreißig Personen kochen wollte, war das hier locker möglich, ohne in Platznot zu geraten.
Alles hier war groß – einfach alles. Wäre es nicht so stilvoll gemacht, würde es leicht protzig wirken. Die ursprüngliche Außenwand war aufgebrochen worden, um die Küche seitlich zwei Meter zu erweitern, dabei war sie ursprünglich schon sechs Meter breit gewesen. Die Decke war hoch und zum Teil mit riesigen Dachfenstern versehen, um mehr Licht hereinzulassen, und der Boden war mit walisischen Schieferplatten ausgelegt, unter denen sich für den Winter eine Fußbodenheizung verbarg. Es gab Arbeitsflächen aus Edelstahl, einen Profiherd und neben der Tür zum Wohnzimmer einen amerikanischen Kühl-Gefrier-Schrank.
»Ich konnte mich einfach nicht mehr an so ein mickriges kleines Ding gewöhnen«, hatte Mark gesagt. »Der Kühlschrank in meiner Wohnung in Tribeca war groß wie ein Kleiderschrank – damit war ich für alles, was kleiner ist, verdorben.«
»Verwöhnter Rotzbengel.«
»Ich kann’s nicht leugnen.« Er hatte sie angegrinst, und dabei hatten sich in seinen Augenwinkeln Fältchen gebildet.
Plötzlich überkam Hannah eine solche Sehnsucht, dass sie sich wieder an ihren Laptop setzte und nachsah, ob es irgendwelche Nachrichten im Zusammenhang mit Flügen aus New York gab, nicht nur vom JFK, sondern auch von Newark und La Guardia. Nichts. Das war neurotisch, sagte sie sich, sie machte sich grundlos Sorgen. Es gab eine einfache Erklärung, und morgen war er bestimmt zu Hause. Alles war gut.

2
Als Hannah wach wurde, drang an den Rändern der Vorhänge Licht ins Zimmer. Die andere Seite des Betts war leer, doch wenn Mark auf Reisen war, wachte sie morgens immer allein auf, also dauerte es einen Augenblick, bis ihr wieder einfiel, dass sie eigentlich nicht hätte allein sein sollen. Sie stützte sich auf den Ellbogen und griff nach ihrem BlackBerry. Keine neuen Nachrichten.
Sie legte sich noch einmal hin und dachte kurz nach, dann warf sie die Decke zurück und stand auf. Marks Lieblingspullover aus grauem Kaschmir hing über der Stuhllehne, und sie zog ihn über ihren Pyjama. Unten lag die Post auf der Fußmatte: nur eine Stromrechnung, ein Kontoauszug von Coutts für Mark und wieder mal ein Serienbrief von Savills, die wissen wollten, ob sie vorhatten, das Haus zu verkaufen. Die Rechnung und den Kontoauszug legte sie zu der Post vom Vortag auf den Tisch im Flur, dann ging sie in die Küche.
Während sie darauf wartete, dass das Wasser kochte, schaute sie sicherheitshalber auf ihrem Laptop nach ihren E-Mails, doch die einzigen neuen Nachrichten waren Werbung. Auch von Penrose Price war noch nichts gekommen, und das Vorstellungsgespräch war inzwischen eine Woche her. Dabei wollte sie die Stelle unbedingt haben. AVT, wo sie am Vortag gewesen war, spielte einfach nicht in derselben Liga. Doch wenn man sie per E-Mail informieren würde, dann nicht an einem Samstag. Außerdem würden sie eh einen richtigen Brief schicken – das passte viel besser zu der Firma. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Absage kam, in welcher Form auch immer. Wenn es gute Nachrichten gäbe, hätte sie sie längst bekommen.
Sie trank ihren Kaffee und überlegte, was sie machen sollte. Vielleicht hatte Mark einen Nachtflug erwischt und landete gerade in Heathrow. Sie nahm ihr Handy und drückte die Wahlwiederholung. Wieder die Mailbox. Diesmal hinterließ sie keine Nachricht. Sie hatte ihm am Abend schon aufs Band gesprochen und ihm eine E-Mail geschickt; er wusste also, dass sie sich fragte, was los war. Inzwischen war sie leicht genervt über seine Rücksichtslosigkeit – es konnte doch nicht so schwer sein, anzurufen und eine kurze Nachricht zu hinterlassen, oder? –, doch sofort überkam sie eine Welle der Besorgnis. Irgendetwas stimmte nicht. Das sah ihm gar nicht ähnlich: Wenn er nicht wie angekündigt nach Hause gekommen war, hatte er sich bisher immer gemeldet.
Es war fünf vor neun, eigentlich noch ein bisschen früh für einen Samstag, doch Neesha hatte einen dreijährigen Sohn und war wahrscheinlich schon seit Stunden auf. Hannah scrollte durch ihre Kontakte, bis sie ihre Handynummer fand.
Marks Sekretärin – eine bildhübsche Frau mit französischen und indischen Vorfahren – war in Südafrika aufgewachsen und dann auf die London School of Economics gegangen, wo sie ihren Mann Steven kennengelernt und geheiratet hatte. Sie war siebenundzwanzig, und Mark vertraute ihr seit kurzem kleinere eigene Projekte an, denn er fürchtete, sie würde gehen, wenn er ihr keine berufliche Perspektive bot. Ihr Sohn Pierre war ungefähr zehn Jahre früher zur Welt gekommen als geplant, hatte sie Hannah beim Sommerfest von DataPro anvertraut, doch die Mutterschaft hatte ihrem Ehrgeiz keinen Abbruch getan. Mark hatte gesagt, wenn sie als Projektmanagerin so effizient sein würde wie als Sekretärin, würde sie innerhalb von fünf Jahren eine Spitzenposition im Team besetzen.
Sie hörte ein Freizeichen, doch nach dem sechsten oder siebten Klingeln sprang der Anrufbeantworter an, und Neeshas Stimme bat den Anrufer, eine Nachricht zu hinterlassen.
Hannah hustete, denn ihr Hals war plötzlich ganz trocken. »Hi, Neesha«, sage sie. »Hier ist Hannah Reilly. Tut mir leid, dass ich Sie am Wochenende belästige, aber könnten Sie mich zurückrufen, wenn Sie die Nachricht hören?«
Nach zwei Scheiben Toast und einem Blick über die Nachrichten im Netz ging sie nach oben und zog ihre Laufsachen an. Sie lief nicht besonders gern – Ach, sei ehrlich, Hannah, warf ihre innere Stimme ein, du hasst es –, doch sie hatte das Laufen in den letzten drei, vier Monaten in ihr Programm zur, wie sie es nannte, psychischen Stabilisierung aufgenommen. Sie war sich durchaus bewusst, wie leicht es wäre, in Depressionen über ihre Situation zu versinken, denn ihr fehlte eine feste Alltagsstruktur mit einem gewissen Maß an Disziplin und Bewegung. Das bezog sich natürlich nicht auf ihr Leben mit Mark – als sie mit ihm darüber gesprochen hatte, hatte er sie gefragt, ob sie unglücklich mit ihm sei, und sie hatte ihn angesehen, als wäre er verrückt –, sondern auf die Arbeit beziehungsweise auf die Tatsache, dass sie keine hatte.
Sie waren inzwischen fast acht Monate verheiratet, doch die ersten drei Monate nach der Hochzeit war sie noch in New York geblieben. Mark hatte öfter in der amerikanischen Dependance von DataPro gearbeitet, und sie hatten darüber diskutiert, ob er sein Hauptbüro ganz dorthin verlegen und lieber ab und zu nach London fliegen sollte, wo sein neuer Partner David übernehmen konnte. Doch nach ungefähr einem Monat hatten sie immer häufiger über den Umzug gesprochen, und eines Freitagabends war Mark gekommen und hatte sie schuldbewusst angeschaut. Er hatte ihr einen Martini gemixt – Wodka mit Cranberry Bitters – und ihr erzählt, dass die Unternehmensberater, mit denen sie zusammenarbeiteten, um die laufenden Geschäftskosten während der Wirtschaftskrise möglichst zu senken, ihnen dringend empfohlen hatten, das Büro in den USA zu schließen. Mark sagte, er sei die Zahlen immer wieder durchgegangen und sei zu dem Ergebnis gekommen, dass es sinnvoll wäre.
»Bist du dir ganz sicher?«, hatte sie gefragt. Ihr war ganz bang ums Herz geworden.
»Es war ihre wichtigste Empfehlung – im Grunde die einzige, die bezüglich der Geschäftskosten überhaupt ins Gewicht fiel. Ich finde es auch schrecklich. Du weißt ja, dass es immer mein Ziel war, ein Büro in New York zu haben, aber eigentlich können wir die US-Geschäfte auch gut von London aus abwickeln. Wir müssen nicht unbedingt persönlich hier präsent sein. Es tut mir schrecklich leid, Han.«
Sein Einkommen war ungefähr fünfmal so hoch wie ihres, und sie war nur Angestellte und nicht Inhaberin einer Firma wie er. Und dann war da noch die Sache mit den amerikanischen Visa – sie waren beide Briten, also war es auf lange Sicht am einfachsten, in London zu leben. Und während Hannahs Wohnung im West Village nur eine Mietwohnung gewesen war, hatte er bereits dieses Haus in London besessen. Es war ihr klar, bevor er es zur Sprache brachte: Falls sie je zusammen an einem Ort leben wollten, dann sprach alles dafür, dass sie die Zelte abbrach. Nach einigen fruchtlosen Bemühungen, Leon, ihren alten Chef, davon zu überzeugen, sie für ihn ein Büro in London eröffnen zu lassen, hatte Hannah vor fünf Monaten gekündigt, ihre Wohnung leer geräumt und ihre Besitztümer wieder nach London verfrachtet. Damit waren sieben Jahre Leben und Arbeiten in New York zu Ende gegangen. Bis sie Mark begegnet war, hatte sie gedacht, sie würde für den Rest ihres Lebens dortbleiben.
Doch ganz abgesehen davon, dass sie unbedingt mit ihm zusammen sein wollte, war sie auch überrascht, wie sehr sie es genoss, wieder in London zu sein. Schon bevor sie Mark gekannt hatte, war sie recht häufig herübergekommen, um ihren Bruder und ihre Eltern zu besuchen und den Kontakt zu Freunden nicht zu verlieren, aber nach zwei oder drei Jahren hatte sie sich wie eine Touristin gefühlt, die immer nur die schönen Seiten der Stadt zu sehen bekam – Restaurants, Galerien, die neuen Bars, in die Freunde sie schleppten –, jedoch keine wirkliche Verbindung mehr zu der Stadt hatte, keine Alltagsbeziehung.
Dieses Gefühl war inzwischen fast ganz verschwunden, und sie genoss es, wieder ein paar der britischen Traditionen zu pflegen, die sie vermisst hatte. In der Woche zuvor war sie mit Mark zum Bishop’s Park spaziert, um sich in der Bonfire Night das Feuerwerk anzusehen. Das Feuerwerk von Macy’s am 4. Juli war beeindruckend, keine Frage, doch sie fühlte sich emotional nicht davon angesprochen. An die kleineren Feuerwerke, zu denen sie und ihr Bruder Tom als Kinder mit ihren Eltern gegangen waren, hatte sie dagegen vielschichtige Erinnerungen. Kandierte Äpfel hatten dazugehört und das Anzünden des riesigen Scheiterhaufens, dem sie in den Wochen zuvor beim Wachsen zugesehen hatten – Gartenabfälle, kaputte Paletten und meterweise alte Zäune –, bis er eine Höhe von gut fünf oder sechs Metern hatte. Bishop’s Park war natürlich nicht dasselbe – es gab wegen der städtischen Feuerschutzbestimmungen kein großes offenes Feuer –, doch das feuchte Novembergras roch hier genauso wie in Worcestershire, und es hatte ihr gefallen zuzusehen, wie die Themse am Rand des Parks im Dunkeln still und leise an ihnen vorbeiglitt, während sich das am Himmel explodierende Blau, Rot und Grün darin spiegelten.
Im Flur im Erdgeschoss setzte sie sich auf die unterste Treppenstufe, um ihre Laufschuhe anzuziehen, verließ das Haus, steckte den Schlüssel in die Jackentasche und zog den Reißverschluss zu. Die niedrige Hecke zwischen Hauswand und Gehweg war nass vom Regen, der über Nacht gefallen war, und an einem perfekten Spinnennetz im Gartentor hingen Tropfen wie Glasperlen. Vorsichtig öffnete sie das Tor, um es nicht zu zerstören.
Die Quarrendon Street hinauf ging sie mit langen Schritten, um sich aufzuwärmen. Inzwischen kannte sie einige der Nachbarn, wenigstens vom Sehen, und sie nickte dem Mann aus Nummer 23 zu, der ihr mit dem Telegraph und einer Tüte – vermutlich mit Croissants aus dem Feinkostladen – unter dem Arm auf dem Gehweg entgegenkam. Mit seiner skeptischen Miene und dem grauen Haar, das über den Samtkragen seines dreiviertellangen Kamelhaarmantels strich, erinnerte er sie an Bill Nighy. Er war ein typischer Bewohner dieser Gegend voller wohlhabender Familien, die ihre Kinder jeden Morgen in makellosen Schuluniformen und Strohhüten zu der privaten Vorschule brachten, und gut erhaltenen Vertretern der älteren Generation. Es war ungewöhnlich, dass ein Junggeselle Ende zwanzig in so einem Viertel ein Haus kaufte – zum einen gab es weitaus trendigere Gegenden als Fulham, und zum anderen war es zwar sehr teuer, aber kein bisschen protzig. Mark hätte sich ein riesiges renoviertes Loft in den Docklands oder im East End leisten können – Glas, Chrom und Ledersofas –, doch er hatte sich für ein traditionelles viktorianisches Einfamilienhaus entschieden, und dafür liebte sie ihn.
Sie überquerte die New King’s Road und lief langsam den Gehweg hinunter. Von den Bäumen, die die an Hochzeitstorten erinnernden Regency-Häuser von der Straße trennten, tropfte es heftig; das Wasser prasselte auf die heruntergefallenen Blätter, die in einer durchweichten, homogenen Schicht den Boden bedeckten.
Hannah hatte gewusst, dass es nicht leicht sein würde, wieder einen Job zu finden, besonders einen wie den in New York, doch wie schwer es sein würde, hatte sie gewaltig unterschätzt. Sie hatte gedacht, mit ihren Erfahrungen in Amerika und dem Ruf, Kampagnen entworfen zu haben, die auf beiden Seiten des Atlantiks funktioniert hatten, würde sie innerhalb von drei oder vier Monaten eine neue Stelle finden, selbst im aktuellen wirtschaftlichen Klima. »Die Leute nehmen immer die besten Bewerber«, hatte Mark gesagt, als sie das erste Mal darüber gesprochen hatten. »Vielleicht dauert es ein Weilchen, bis sich was ergibt, was dir gefällt, aber mach dir keine Sorgen, dass du keinen Job findest. Die werden sich um dich reißen und dich mit Kusshand nehmen.«
Doch dem war nicht so. Inzwischen waren fünf Monate ins Land gegangen, und sie war zwar dreimal in die letzte Runde gekommen, aber sie hatte kein einziges Angebot erhalten. Zuerst hatte sie sich voller Selbstbewusstsein nur auf Stellen beworben, die ihrer alten Position bei Leon entsprachen, doch nachdem drei Monate vergangen waren und dann vier, hatte sie Abstriche gemacht. Sie hatte sich gesagt, es sei nur logisch – England steckte in einer Rezession, Jobs waren Mangelware, vielleicht war es überheblich gewesen, davon auszugehen, sie könnte in einer ähnlichen Position einsteigen, schließlich hatte sie sich auch bei Leon im Laufe der Jahre hochgearbeitet –, aber als sie auch diese Jobs nicht bekam, hatte sie angefangen, das Problem bei sich zu suchen.
»Nein«, hatte Mark am letzten Sonntag gesagt, als sie im Richmond Park spazieren gegangen waren. Er hatte ihre Hand genommen, sie in seine Armbeuge gelegt und an den schweren dunkelblauen Wollstoff seines Jacketts gedrückt. Sie hatte sich an ihn geschmiegt und zugesehen, wie ihre Atemwolken sich vermischten. Es war zwar erst Anfang November, aber über Nacht hatte es starken Frost gegeben und der Boden unter den Füßen knirschte. Die Spitzen von Marks Ohren, die unter seiner Wollmütze hervorschauten, waren rosa.
»Es liegt nur an der Wirtschaftskrise«, sagte er. »Du weißt, dass du gut bist, und der richtige Job wird kommen. Es ist wie bei allem … man wartet und wartet, bis man glaubt, man hält es keine Sekunde länger aus, und just in dem Augenblick, wenn man denkt, man explodiert gleich oder springt von der nächsten Klippe, passiert es.«
»Als ob du eine Ahnung von Klippen hättest, Mr. Tycoon mit fünfundzwanzig«, sagte sie und stupste ihn mit dem Ellbogen in die Seite, doch sie wusste, dass er, was das Warten anging, recht hatte. Sie hatte Glück gehabt nach der Uni – »Glück hat damit nichts zu tun«, sagte Mark immer – und eine der wenigen Stellen für Absolventen bei J. Walter Thompson bekommen, doch auf der Stelle danach bei einer kleineren Agentur hatte sie noch fast ein Jahr festgehangen, nachdem sie zu dem Schluss gekommen war, wenn sie nicht vor Langeweile sterben wollte, müsste sie gehen. Wenn ich noch eine Kampagne für Hundefutter machen muss, hatte sie damals gedacht, drehe ich komplett durch. Der Job bei Leon hatte sie Gott sei Dank davor bewahrt, aber jetzt war sie wieder in derselben Situation. Nein, schlimmer: Damals hatte sie wenigstens einen Job gehabt, auch wenn der darin bestanden hatte, Pferdefleisch zu bewerben. Jetzt war sie sich mit jeder Woche, die verstrich, der wachsenden Distanz zwischen ihr und einer bezahlten Anstellung bewusst, und ihre letzten Kampagnen wurden immer bedeutungsloser. Ihre Währung verlor an Wert.
Als sie sich dem Eel Brook Common näherte und Geschwindigkeit aufnahm, wurde ihr Atem schneller. Sie schlängelte sich durch die doppelte Absperrung, die Fahrradfahrer aus dem Park fernhalten sollte, und ging auf den Rasen. Es lief sich nicht gut auf dem durchgeweichten Boden, doch sie zwang sich, zwei Seiten des Rechtecks zu laufen, bevor sie an dem kleinen Spielplatz in der oberen Ecke stehen blieb. Sie wurde besser, doch sie würde nie eine geborene Läuferin sein, eine von denen, die jetzt doppelt so schnell wie sie ihre Runden zogen und dabei kaum hörbar atmeten. Sie war fit, aber sie hatte nicht den richtigen Körperbau fürs Laufen, so lautete jedenfalls ihre Theorie. Sie war überzeugt, dass sie es, wenn sie zu diesen Frauen mit jungenhafter Figur gehören würde, um einiges leichter hätte. Mark hatte ihr vorgeschlagen, lieber ins Fitnessstudio zu gehen, doch solange sie keinen Job hatte, war ihr nicht wohl bei dem Gedanken, 80 Pfund im Monat für Mitgliedsgebühren auszugeben. Er hatte gelacht und gemeint, sie solle nicht vergessen, dass sie verheiratet waren und dass das, was ihm gehörte, auch ihr gehörte, aber sie brachte es trotzdem nicht über sich.
Sie zog den Reißverschluss ihrer Tasche auf und holte das Handy heraus, um zu sehen, ob sie einen Anruf verpasst hatte. Nichts. Sie schaute nach der Uhrzeit: zwanzig nach zehn. Bei der Zeitverschiebung von fünf Stunden dauerte es noch ewig, bis sie vernünftigerweise ihre Freunde in New York anrufen konnte, um sich zu erkundigen, ob sie etwas von ihm gehört hatten, besonders an einem Samstag. Bis halb zwei musste sie mindestens warten. Sie steckte das Handy wieder in die Tasche und verschränkte die Arme hinter den Kopf, denn sie spürte die Anspannung in Hals- und Schultermuskeln. Zwei Meter weiter schnüffelte ein stämmiger schwarzer Labrador in einer Chipstüte, bis seine Besitzerin von ihrer Unterhaltung aufsah und ihn energisch zu sich rief.
Sie spürte die Kälte und machte sich wieder auf den Weg. Die Woche über half ihr der Sport, denn er gab ihr das Gefühl, ein Ziel zu haben oder wenigstens etwas zu tun. Stundenlang las sie jeden Tag die Fachpresse, sah sich im Internet die neuen Kampagnen anderer Leute an, schrieb E-Mails an ihre Kontakte, um sich zu erkundigen, ob jemand etwas von einer freien Stelle gehört hatte, doch sobald sie sich einmal ein paar Minuten nicht konzentrierte, hatte sie das Gefühl, der Tag würde zu einem langen, endlosen Abhang von Stunden, den sie hinunterstürzen konnte, ohne dass etwas sie aufhielt. Wenn sie es zuließ, würde das auch heute passieren. Sie hatte die Regel aufgestellt, sich am Wochenende nicht um die Jobsuche zu kümmern, um es, wenn auch nur künstlich, von der »Arbeits-« Woche abzugrenzen. Doch sie musste irgendetwas finden, um sich an diesem Samstag von dem wachsenden Gefühl abzulenken, dass irgendetwas nicht stimmte.
Nach zwei mühsamen Runden lief sie nach Hause, wo sie noch einmal Telefon und Laptop auf Nachrichten überprüfte, bevor sie nach oben ging, um zu duschen. Das Bad hatte Mark zur selben Zeit renovieren lassen wie die Küche, und es war zwar nicht groß, aber ohne Frage das mondänste Bad, das sie je in einem Privathaus gesehen hatte. Dusche, Badewanne und zwei Waschbecken waren in elegantem Weiß gehalten, im Kontrast dazu die grauen Porzellanfliesen am Boden und das dunkle, fast schwarze Holz. Er hatte ihr gesagt, wie es hieß, doch sie hatte es wieder vergessen. War es Wenge? Sie war sich nicht sicher. Mit den drei wunderschönen hohen Orchideen und Handtüchern, die, wenn sie aus dem Trockner kamen, aussahen wie neu, erinnerte es vielleicht ein wenig an ein Hotelbadezimmer, doch Mark hatte ein paar architektonische Details behalten – die Tragbalken und das viktorianische gemusterte Fensterglas –, um diesem Eindruck entgegenzuwirken. Der Raum war vielmehr elegant und luxuriös.
Als sie ihre Haare trockenrubbelte, klingelte draußen auf der Kommode im Flur ihr Handy. Sie bückte sich, um abzunehmen, und schaute auf die Uhr am Bett. Elf. Wahrscheinlich zu früh, falls er noch in New York war. Vermutlich war es Neesha.
»Hannah?«
Mark. Ihr fiel ein riesiger Stein vom Herzen. »Du lebst«, sagte sie und atmete aus. »Gott sei Dank … ich hab mich schon gefragt, ob du Anweisungen für deine Beerdigung hinterlassen hast.« Sie nahm das Telefon mit zum Bett und setzte sich. »Was ist passiert?«
»Es tut mir schrecklich leid, dass ich dich gestern Abend nicht angerufen habe. Gott, das Ganze war eine Katastrophe, ehrlich, Han, die reinste Farce. Zuerst steckte der Typ im Verkehr fest und kam eine Dreiviertelstunde zu spät, und ich hatte das Flugzeug schon so gut wie verpasst, bevor wir überhaupt angefangen hatten, aber wir hatten sechs Monate gebraucht, um einen Termin zu finden, also beschloss ich, die Kröte zu schlucken und einen späteren Flug zu nehmen. Am Ende saßen wir bis ungefähr halb zehn beim Frühstück, und ich nahm ein Taxi direkt zum Flughafen, aber der Verkehr war natürlich mörderisch, und als ich endlich am Flughafen war, waren sämtliche Flüge ausgebucht, absolut proppevoll. Ich hab’s bis kurz vor drei probiert, falls ein Platz frei würde, aber dann hab ich das Handtuch geschmissen und bin zurück in die Stadt.«
»Warum hast du mich nicht angerufen?«
»Ich wollte ja, im Taxi, aber dann rief David an und hatte ein Problem, und wir brauchten Ewigkeiten, es zu klären, und ich dachte, es wäre eh besser, dich anzurufen, wenn ich wüsste, wann ich käme. Am JFK wollte ich mein Handy rausholen, um dich anzurufen, und da merkte ich, dass ich es im Taxi liegengelassen hatte. Die Nummer des Taxis hatte ich mir natürlich nicht gemerkt, also kann ich es wohl in den Wind schießen – meine ganzen Kontakte, Fotos, alles.«
»Mist.« Mit einem Zipfel des Handtuchs wischte sie ein Rinnsal weg, das ihr den Nacken hinunterlief. Inzwischen war sie richtig sauer auf ihn, schließlich war sie mitten im Gewitter raus nach Heathrow gefahren und hatte zwei Stunden dort gewartet – während ihr Bilder von transatlantischen Flugzeugkatastrophen durch den Kopf gegangen waren. »Warum hast du mich nicht von einer Telefonzelle aus angerufen?« Sie konnte ihre Verärgerung nicht ganz verbergen.
»Es ist mir jetzt unangenehm«, sagte er, und seine Verlegenheit war selbst auf die Entfernung von fünftausend Kilometern zu hören, »aber ich weiß deine Nummer nicht auswendig. Ohne mein Handy bin ich aufgeschmissen.«
Sie dachte darüber nach. Sie wusste seine Nummer auch nicht auswendig, bis auf die Ziffern 675 am Ende. Sobald sie sie in ihr BlackBerry eingetippt hatte, hatte sie sich nicht mehr daran erinnern müssen. »Du hättest mir doch eine E-Mail schicken können.«
»Wollte ich ja, aber als ich ins Hotel zurückkam, hat das WLAN nicht funktioniert – siehst du jetzt, was ich mit Farce meinte? Und dann habe ich mich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, für einen Augenblick hingesetzt und bin im Sessel eingeschlafen. Als ich wach wurde, war es bei dir bereits Mitternacht, und ich dachte, du wärst im Bett.« Er seufzte. »Heute Morgen funktioniert das WLAN wieder, und so bin ich an deine Nummer gekommen. Mir ist eingefallen, dass du sie vor ein paar Wochen wegen des Abendessens in die E-Mail an Pippa geschrieben hast. Gott, ich bin ein alter Mann. Mein Hals ist ganz steif … ich habe ungefähr drei Stunden völlig verrenkt im Sessel geschlafen; ich glaube nicht, dass ich mich ein einziges Mal gerührt habe.«
Hannah merkte, dass ihre Verärgerung wich. Er hatte in letzter Zeit hart gearbeitet, selbst für seine Verhältnisse. Wegen der Krise liefen die Geschäfte bei DataPro ruhig, statt zu florieren, und Mark bemühte sich, jeden einzelnen Kunden zu halten, indem er nicht nur die branchenführenden Softwarelösungen bot, die die Firma zu dem gemacht hatten, was sie war, sondern dazu auch den bestmöglichen Service. Hinzu kam noch die Sache mit dem Buy-out. Vor einem Monat war eine amerikanische Firma an ihn und David herangetreten – einer ihrer größten Konkurrenten –, und während sie gedacht hatte, Mark würde den Gedanken, die Firma zu verkaufen, kurzerhand ablehnen, war er zuerst fasziniert gewesen und hatte sich dann immer mehr dafür erwärmt.
»Wie ich die Sache sehe«, hatte er ein paar Tage nach der ersten Anfrage beim Frühstück gesagt, »könnte es eine tolle Gelegenheit sein.« Er hatte gerade einen Toast mit Butter bestrichen und verharrte, das Messer mitten in der Luft. »Ich leite DataPro, seit ich dreiundzwanzig bin – die Vorstellung, mal etwas anderes zu machen, wäre spannend. Ja, mehr noch, sie ist geradezu aufregend. Wenn wir verkaufen, könnte ich mit dem Geld etwas ganz anderes aufbauen. Aber, weißt du, ich bin jetzt vierzig, ich bin verheiratet …«
»Ach ehrlich?«
»Ja.«
»Ich hatte ja keine Ahnung. Die Glückliche.«
»Glücklich oder geduldig, kommt drauf an, wen du fragst.« Er lächelte sie an. »Aber ich würde gern mehr Zeit mit dir verbringen und weniger im Büro. Und vielleicht sind in nicht allzu ferner Zukunft ja auch noch andere zu bedenken …«
»Andere …? Oh.« Plötzlich wirkten seine Augen ernst, und sie hatte, überrascht über seine Eindringlichkeit, den Blick abgewandt und nach der Kaffeekanne gegriffen. Sie wünschte sich Kinder, dessen war sie sich ziemlich sicher, doch sie musste sich noch an den Gedanken gewöhnen. So wie sie sich auch noch daran gewöhnen musste, dass sie verheiratet war … Manchmal, wenn sie allein war und darüber nachdachte, war sie beinahe verdutzt: Wie war das passiert? Vor gut einem Jahr war sie doch noch Single gewesen.
»Und wann kommst du zurück?«, fragte sie jetzt. »Kriegst du heute Abend einen Flug? Hast du die Fluggesellschaft schon angerufen?«
»Also, es ist folgendermaßen: Der Typ, mit dem ich mich gestern getroffen habe, ist, glaube ich, scharf darauf, bei uns abzuschließen, aber er will, dass ich erst seinen Partner kennenlerne. Der war diese Woche in Kalifornien, also war er gestern nicht da und Donnerstag auch nicht. Aber am Montag ist er in New York, und er hat vorgeschlagen, dass wir uns dann alle zusammensetzen.«
»Ah.«
»Ich weiß. Gestern habe ich gesagt, ich könnte nicht, aber da ich das Wochenende jetzt eh schon ruiniert habe, scheint es mir sinnvoll, hierzubleiben und es hinter mich zu bringen, statt noch eine Reise zu machen, besonders wenn ich die Sache auf diese Weise unter Dach und Fach bringen kann. Es war von Montagnachmittag die Rede. Wenn das klappt, könnte ich einen Nachtflug nehmen und am Dienstagmorgen zu Hause sein. Macht es dir was aus?«
»Abgesehen davon, dass ich schrecklich enttäuscht bin?« Sie lachte ein wenig, um ihn davon abzulenken, dass sie tatsächlich enttäuscht war. »Unsinn, du Dummkopf, natürlich macht es mir nichts aus. Klingt doch sinnvoll. Wie du sagst, vielleicht springt ein wichtiger Deal dabei raus.«
»Vermutlich groß genug, den potenziellen Buy-out noch attraktiver zu machen. Wenn die sehen, dass wir neue Kunden gewinnen, insbesondere aus den USA, insbesondere im augenblicklichen Klima …«
»Dann hast du keine andere Wahl, oder? Und es sind nur zwei Tage, die überlebe ich schon. Hey, jetzt wo du übers Wochenende in New York bist und nichts vorhast, könntest du doch Ant und Roísín anrufen und hören, ob sie da sind.«
»Ja, gute Idee, das mache ich vielleicht. Kannst du mir ihre Nummer mailen?« Sie hörte, dass er einen Schluck trank, und dann klapperte eine Tasse auf einer Untertasse. Das war eine Marotte von ihm, eine Abneigung gegen Becher – sie zog ihn gern damit auf. »Schon was von Penrose Price gehört?«, fragte er.
»Nein, und ich versuche, auch nicht daran zu denken. Heute höre ich eh nichts mehr.«
»Halt die Ohren steif.«
»Nein, da wird nichts mehr draus. Aber immer nach vorne schauen.«
»Also, mach am Wochenende auf jeden Fall was Entspannendes, ja? Keine Jobsuche!«
»Versprochen.«
»Warum gehst du nicht in die Werner-Herzog-Doppelvorstellung im BFI?«
»Nein, die wolltest du auch sehen. Das versuchen wir in der Woche, wenn du wieder da bist. Vielleicht rufe ich meinen Bruder an und höre mal, ob er Zeit zum Abendessen hat.«
»Okay, gute Idee. Ich mache hier eins nach dem anderen. Zuerst gehe ich mal ins Fitnessstudio und schaue, ob ich meinen Hals wieder eingerenkt kriege, damit ich nicht das ganze Wochenende durch die Gegend laufe wie Frankensteins Monster.« Seine Stimme wurde jetzt um einiges tiefer und gewann an Selbstbewusstsein. »Ich werde dich vermissen«, sagte er. »Halt dir den Dienstag frei, ja? Ich mache den Nachmittag blau, wenn ich kann, und dann unternehmen wir was Schönes.«
Sie trocknete sich die Haare und zog sich an, und dann ging sie hinunter in die Küche und mailte ihm Ants und Roísíns Nummern. Vielleicht konnte er sich am Abend mit ihnen zum Essen treffen oder am nächsten Tag zum Brunch in Cobble Hill; gleich bei ihnen um die Ecke gab es ein Bistro, das phantastische Eier mit Paprika auf Sauerteig-Toast machte. Und die Mimosas – Gott, dachte sie, so einen könnte ich jetzt vertragen. Wenn sie tagsüber Alkohol trank, war sie normalerweise erledigt, aber die amerikanische Brunch-Kultur mit ihren Mimosas und Bloody Marys war die zivilisierte Ausnahme. Das vermisste sie an New York.
Sie stellte sich vor, wie Mark Ant und Roísín am Tisch gegenübersaß, und war eifersüchtig. Sie mochte die beiden sehr, die besten Freunde, die sie in ihrer Zeit drüben gefunden hatte. Roísín hatte sie kennengelernt, als Ecopure, die Firma, bei der sie arbeitete, Hannahs Agentur beauftragt hatte, eine Anzeigenkampagne für ein neues Sortiment an Haushaltsreinigern zu entwickeln. Hannah hatte Roísín eines Tages zum Mittagessen eingeladen und was dann passierte, war ähnlich intensiv gewesen wie Liebe auf den ersten Blick. Sie hatten über ihr Leben gesprochen, ihre Eltern, wo sie aufgewachsen waren. Roísín erzählte, dass sie mit neunzehn allein von San Francisco nach New York gezogen war und drei verschiedene Jobs gehabt hatte, bis sie genug Geld gespart hatte, um an der New York University einen Marketing-Abschluss zu machen. Die Geschichte gefiel Hannah: Sie hatte ein klares Bild der entschlossenen, selbstbeherrschten neunzehn Jahre alten Roísín vor Augen. Als sie sich in der Woche danach ganz privat auf ein paar Drinks trafen und lange nach Mitternacht aus einer Kneipe irgendwo im East Village wankten, hatte Ro sie umarmt und ihr mit einem leichten Lallen gesagt, so jemanden wie sie habe sie nicht mehr getroffen seit dem Tag, als sie Ant kennengelernt hatte.
Die beiden hatten auch Hannah und Mark miteinander bekannt gemacht. Als Ant im Jahr zuvor eine Megabeförderung feiern konnte, hatten sie beschlossen, mit dem Extrageld für den Sommer ein Haus auf Long Island zu mieten. Es war schon recht spät im Jahr, um ein Haus zu suchen, aber innerhalb von zwei Wochen hatten sie ein altes, leicht baufälliges holzverkleidetes Haus in Montauk gefunden, nur wenige Minuten vom Strand. Ab und zu fuhren sie allein hin, doch an den meisten Wochenenden luden sie Freunde aus der Stadt ein. Hannah fragten sie immer, und sie bekam fast jedes Mal eines der zwei winzigen, nach Meer riechenden hinteren Schlafzimmer mit Blick über die breite Lagune hinter dem Haus. Ungefähr sechs Wochen nachdem sie das Haus gemietet hatten, stieß Hannah, als sie im Taxi vom Bahnhof kam, auf einen großen, dunkelhaarigen Mann, der in dem Gartensessel auf der Veranda schlief, Roísíns Panamahut über die Augen gezogen, die langen, nackten Füße auf der Holzkiste, die sie draußen als Tisch für Getränke benutzten, während in seiner Hand der letzte Schluck seiner Bierflasche warm wurde. Er schlief so tief und fest, dass er nicht einmal aufwachte, als Hannah die Fliegengittertür aus der Hand rutschte und hinter ihr zuschnappte wie ein Kiefer.
Auf dem Küchentisch lag ein Zettel, auf dem stand, dass die anderen an den Strand gegangen waren. Als Hannah ihnen folgte und Ro auf dem gewohnten Platz am Fuß der Dünen entdeckte, fragte Hannah sie, wer der Mann war.
»Mark. Ein neuer Freund von Ant«, hatte Roísín geantwortet und sich vorgebeugt, um die Nackenträger ihres roten Bikinioberteils zu binden. »Sie haben sich vor ein paar Wochen auf Harrys Junggesellenabschied kennengelernt und sich gleich blendend verstanden. Ein Landsmann von dir … Brite.«
»Ehrlich?« Hannah schmierte sich mit Sonnenschutzfaktor 25 ein, denn ihre Schultern fühlten sich schon verbrannt an. Die Sonne war so intensiv, dass der Strand selbst durch die Sonnenbrille aussah wie ausgeblichen. So viel wie heute war den ganzen Sommer noch nicht los gewesen, der breite weiße Sandstreifen war von zahllosen Menschen zwischen zwanzig und dreißig bevölkert, die ein Sonnenbad nahmen oder Volleyball spielten. Paare sahen kleinen Kindern zu, die herumsausten oder eifrig im Sand buddelten. Hier und da saßen ältere Paare in Liegestühlen und lasen Taschenbuchkrimis. Am Wasser entdeckte Hannah Ant und Laura, eine alte Freundin der beiden, die versuchten, sich in der Brandung auf den Beinen zu halten. »Du hast ihn noch nie erwähnt«, sagte sie.
»Ehrlich? Ich dachte, ich hätte schon mal was von ihm erzählt.«
»Oh, als wüsstest du das nicht.«
Roísín zuckte die Achseln und setzte eine Unschuldsmiene auf.
»Ich hoffe, du führst nichts im Schilde.«
»Was denn? Ich weiß, dass du mit Beziehungen nichts am Hut hast … jedenfalls nicht mit anständigen.«
»Was ist denn falsch an unanständigen?«
»Nichts, was mich angeht. Und ganz ehrlich, wenn ich nicht verheiratet wäre …«
»Lebt er hier?«
»Gewissermaßen … oder zumindest bisher. Er besitzt eine Softwarefirma. Der Hauptsitz ist in London, aber sie haben ein Büro in Tribeca und er pendelt hin und her. Früher hatte er mal eine Wohnung. Gestern Abend hat er erzählt, dass er so viel unterwegs ist, dass er sich inzwischen lieber im Hotel einquartiert.«
»Hm.« Hannah zögerte, weitere Fragen zu stellen, denn sie wollte keinen Verdacht erregen. Also änderte sie ihre Taktik und fragte nach den neuesten Managementmachenschaften bei Ecopure, ein Thema, über das Roísín garantiert zahllose Anekdoten von sich geben konnte.
Sie waren den ganzen Nachmittag am Strand geblieben, und gegen halb fünf war Mark den Weg durch die Dünen heruntergekommen. Er hatte sich umgezogen und trug jetzt eine ausgeblichene blaue Badehose mit Delphinmuster, und Hannah sah hinter den Gläsern ihrer Sonnenbrille zu, wie er den Strand hinunterging und ins Wasser watete. Ein paar kraftvolle Kraulzüge brachten ihn rasch hinter die Brandung. Er schwamm rund zwanzig Minuten, bevor er wieder an Land kam und sich neben Laura setzte. Das Wasser zog beim Abfließen Linien durch die Haare auf seiner Brust und an seinen Beinen. Roísín stellte ihn und Hannah einander vor, und sie führten das typische Briten-in-Amerika-Gespräch – »Woher kommst du?«, »Was machst du?« –, um herauszufinden, ob es eine Verbindung zwischen ihnen gab oder sie gemeinsame Bekannte hatten, was jedoch nicht der Fall war. Seine Stimme war tief und warm, ohne jeden regionalen Einschlag. Er erklärte, er sei in Sussex aufgewachsen. »Und du?«, fragte er.
»Malvern.«
»Ist das weit entfernt?«, fragte Roísín.
»Pole.« Er lächelte. »Lichtjahre.«
»Ungefähr zweihundertfünfzig Kilometer«, erklärte Hannah. »Sussex ist an der Südküste, Malvern in der Mitte.«
»Ich dachte, Malvern läge in der Nähe von Schottland.«
Hannah sah Mark an und verdrehte die Augen. »Ob du’s glaubst oder nicht, Roísín und ich sind seit fünf Jahren gute Freundinnen.« Er lachte.
Sie gingen alle zusammen zurück zum Haus; Hannah, Laura und Ro vorneweg, und als Hannah sich kurz umdrehte, um etwas zu Ant zu sagen, bemerkte sie Marks Blick. Dasselbe passierte, als sie, nachdem sie sich auf dem mit struppigem Seegras bewachsenen Fleck vor dem Haus abgeduscht hatten, in die Küche gingen und etwas zu essen vorbereiteten, was sie am Abend mit an den Strand nehmen konnten. Sie schnitt Tomaten und blickte auf, um Ro zu fragen, ob sie eine Vinaigrette machen solle, und sah ihm tief in die Augen. Sie hatte als Erste den Blick abgewandt, obwohl er heute behauptete, es sei andersherum gewesen.
Tagsüber war es über dreißig Grad warm gewesen, doch sobald die Sonne unterging, sank die Temperatur rasch, und vom Meer setzte eine überraschend scharfe Brise ein. Ant und Justin – auch ein alter Freund vom College – gruben eine flache Grube in den Sand, während die anderen an der Flutlinie entlangspazierten, um Treibholz zu sammeln und die Reste von Feuerholz, das am 4. Juli, am Wochenende zuvor, an den Strand gebracht worden war, um ein Lagerfeuer zu machen. Mark kam mit einem Ast aus den Dünen zurück, der gut zwei, zweieinhalb Meter lang war und den er über der Schulter trug wie ein Joch.
Sie benutzten ihn als Bank, saßen in einer Reihe und tranken Bier aus der Kühlbox, während die Sonne unterging und das Feuer heiß genug brannte, um ihre Würstchen zu grillen. Nachdem sie gegessen hatten, streckte er sich im Sand aus, und das Feuer warf einen glühenden Schein auf sein Gesicht, während er eine lange, witzige Geschichte darüber erzählte, wie ihm einmal in Rio die Geldbörse gestohlen worden war und er zur Polizei gegangen war, um den Diebstahl anzuzeigen, und beinahe selbst wegen des Verbrechens eingebuchtet worden war. Die Augen unter der Baseballmütze verborgen, die sie sich von Ant geliehen hatte, beobachtete Hannah ihn und empfand dabei ein seltsam hüpfendes Gefühl in der Magengrube.
Roísín und Ant waren müde und gingen, nachdem die letzte Farbe am Himmel hinter den Dünen verschwunden war, irgendwann zurück zum Haus, und was Hannah vermutet hatte – dass Justin es auf Laura abgesehen hatte, ob aus echtem Interesse oder nur, weil er aus Gewohnheit baggerte –, wurde bestätigt, als er sie fragte, ob sie Lust auf einen Strandspaziergang habe. Zu Hannahs Überraschung stand Laura auf, klopfte, ohne zu zögern, den Sand von ihren Shorts, und Hannah blieb mit Mark allein zurück. Er legte noch ein Stück Treibholz aufs Feuer und machte es sich wieder im Sand bequem. Das Gefühl in ihrem Magen wurde stärker, bis es sich beinahe anfühlte wie ein Krampf.
»Ant hat mir erzählt, dass du für die Granola-Werbung verantwortlich bist, die ich jedes Mal sehe, sobald ich hier den Fernseher einschalte«, sagte er.
»Cereal Killers? Ja, ich muss mich schuldig bekennen. Ziemlich billiges Wortspiel, aber …«
»Nein, es ist toll … witzig. Scheint ein großer Erfolg zu sein?«
»Also, die Grain Brothers sind zufrieden, sie setzen zwölfmal so viel Harvest Bite um wie sonst, also …«
»Zwölfmal? Na, kein Wunder, dass sie zufrieden sind.« Er nahm einen Stock und schürte das Feuer. »Wolltest du das immer schon machen – Werbung?«
»Also, es war kein Kindheitstraum, aber, ja, seit der Uni.«
»Und hier zu leben?«
»Das war in der Tat ein Kindheitstraum.«
»Ehrlich? Bei mir auch. Ich saß zu Hause in meinem Schlafzimmer und grübelte schon damals, wie ich es wahr machen könnte.«
»Also, das nenne ich zielstrebig«, meinte sie lachend. »Ich habe einfach nur gehofft, es würde klappen.«
Sie redeten stundenlang, liefen im Dunkeln herum, um Holz zu sammeln, sobald das Feuer herunterbrannte, und kehrten dann zum selben Fleck zurück. Als sie irgendwann ins Haus schlichen und darauf achteten, dass die Fliegengittertür nicht laut hinter ihnen zuschlug, zeigte der alte Wecker aus den Siebzigern 02.42 Uhr an. Sie hätten sich keine Mühe machen müssen, leise zu sein, denn Justin lag nicht auf dem ihm zugewiesenen Schlafsofa. Unten am Strand hatten sie über alles Mögliche gesprochen: ernste Dinge – sie war selbst überrascht gewesen, dass sie ihm von der Scheidung ihrer Eltern erzählt hatte –, aber auch lauter Unsinn, Geschichten über den Handel mit Pferdefleisch, über die Uni und über die Familienschildkröte, die sie und Tom einmal mit in den Familienurlaub nach Südfrankreich geschmuggelt hatten. Abgesehen von Roísín konnte Hannah sich nicht erinnern, jemals jemanden kennengelernt zu haben, der sich so für die Einzelheiten ihres Lebens interessierte: welche Bücher sie mochte, welche Musik, wo sie aufgewachsen und wo zur Schule gegangen war, wo sie in London gelebt hatte, bevor sie in die USA gezogen war, selbst die Arbeit ihres Vaters als Akademiker an der Bristol University.
»Ich will keinen auf Justin machen«, hatte er im Dunkeln hinter ihr gesagt, als sie durch die Dünen zum Haus gingen und der Stechginster an ihren Jeans zupfte, »aber ich hab überlegt … ich bin die ganze nächste Woche noch in New York. Würdest du abends mal mit mir essen gehen?«
Sie zögerte, und ihr Magen zog sich einmal fest zusammen. »Ja«, sage sie klar in die Dunkelheit hinein. »Ja, das wäre schön.«

3
Der Sturm hatte überraschend viele Schäden angerichtet. Obwohl der Garten kaum größer war als sechs Meter mal sechs Meter, würde sie zum Aufräumen eine Weile brauchen. Nicht nur die Haufen heruntergefallener Blätter und die abgerissenen Äste des Kirschbaums; der Wind hatte auch Müll hineingeweht – nasse Zeitungsseiten und ein paar Chipstüten, und in den oberen Ästen des Baums flatterte eine zerfetzte weiße Plastiktüte. Hannah hob den Holzstuhl auf und stellte ihn wieder auf die Beine, dann ging sie ins Haus, um Säcke für Gartenabfälle und den Besen zu holen.
Inzwischen war es halb zwölf. Sie hatte Tom angerufen und sich mit ihm für acht Uhr zum Abendessen verabredet. Sie würden sich da treffen wo sie sich immer trafen, seit sie wieder in London war, in einem kleinen, in einer Seitenstraße in Chinatown versteckten Restaurant, wo es echte Sichuan-Küche gab. Toms Freund Zhang An hatte es ihm empfohlen, und Hannah hatte den Verdacht, dass man ihren Bruder strenggenommen als Bang-Bang-Hühnchen-süchtig bezeichnen konnte.
Es war schön, ihn allein zu sehen, ohne Mark oder Toms Frau Lydia, die mit ihrer Mutter für ein langes Wochenende nach Harrogate gefahren war. Ein Abend zu viert war zwar immer lustig, aber nicht dasselbe. Sie mochte Lydia sehr, doch Mark und Tom waren so verschieden, dass das Gespräch manchmal erstarb. Es gab keine Probleme; sie hatten nur außer Hannah keine Gemeinsamkeiten. Mark gab sich große Mühe – im Sommer unterhielt er sich mit Tom über Kricket und jetzt im Herbst über die Rugby-Liga, und einmal, als sie zum Essen verabredet waren, hatte Hannah ihn dabei erwischt, wie er sich vorher auf der Webseite der Harlequins auf den aktuellen Stand brachte –, doch sie waren einfach von verschiedenem Schlag. Tom unterrichtete Englisch an einer Schule in Highbury, und Mark leitete DataPro; Tom mochte Thomas Pynchon und David Foster Wallace und dünne, von unglücklichen jungen Männern verfasste Bändchen, und Mark las, sofern sie ihm nicht etwas besonders ans Herz legte, nur Sachbücher – Biografien von Präsidenten und Wirtschaftsbossen, Geschichte und Wirtschaft – oder Klassiker aus der Penguin-Reihe.
Sie krempelte die Ärmel hoch, langte in das Becken des kleinen Wasserspiels und holte das halb verfaulte, tote Laub aus dem eiskalten Wasser, das den Abfluss verstopfte. Das Ding brachte sie immer zum Lachen. Allein der Begriff »Wasserspiel« war lächerlich – prätentiös, würde ihre Mutter sagen –, doch dieses Exemplar war besonders scheußlich. Marks Renovierungsarbeiten hatten sich nicht auf den Garten erstreckt, darin hatte er so gut wie nichts gemacht. Eine Fläche, gerade groß genug, um abends mit einem Drink draußen zu sitzen, war gepflastert. Nach ihrem Einzug hatte sie im Laufe des Sommers die Verantwortung für hier draußen übernommen. Als sie den üppig wuchernden wilden Wein zurückgeschnitten hatte, war rechts hinten in der Ecke der Umfassungsmauer ein kleines, zorniges Steingesicht zum Vorschein gekommen. Weitere Nachforschungen hatten ergeben, dass es ein Wasserspeier war, der sogar noch funktionierte, und wenn man den verdeckten Schalter neben den Terrassentüren betätigte, tropfte aus den gespitzten Steinlippen des Engels Wasser in das flache Becken unter seinem Kinn.
»Hast du das gesehen?«, hatte Hannah gefragt und Mark in den Garten geführt.
»Ja«, sagte er. »Deswegen habe ich den wilden Wein so wuchern lassen.«
»Komm schon, es ist doch wahnsinnig komisch.«
»Es ist lächerlich. Er sieht aus, als wäre er beim Zahnarzt und würde in die Schale spucken. Schnell, deck ihn wieder zu, bevor ihn jemand sieht.«
»Kommt gar nicht in Frage … ich finde ihn lustig. Und er funktioniert.«
Mark hatte ein Gesicht gezogen, das dem in Stein Gehauenen nicht unähnlich war, und die Arme um ihre Taille geschlungen. »Ich sehe dich gern im Garten«, sagte er. »Es steht dir, meine englische Rose.« Er strich über eine Strähne, die sich aus dem lockeren Knoten gelöst hatte, zu dem sie ihr Haar band, wenn sie arbeitete. Sie war von Natur aus blond, wurde im Winter dunkler, in der Sonne jedoch schnell wieder heller, besonders ums Gesicht. Sie hatte sich nie Strähnchen färben lassen, und sie wusste, dass ihm das gefiel, genau wie die Tatsache, dass sie kein großes Tamtam um ihre äußere Erscheinung machte, was er als bewusst ästhetisches Laisser-faire interpretierte. Ganz zu Anfang ihrer Beziehung hatte er den Kopf dicht neben ihren auf das Kissen gelegt und ihre Wange gestreichelt. »Trägst du überhaupt Make-up?«
»Ein bisschen. Puder, Eyeliner und Mascara. Aber wenn ich ehrlich bin, ich kann’s nicht besonders gut. Wenn ich nur die ganzen makellos aufgemachten New Yorkerinnen so ansehe, wünschte ich mir, ich könnte es auch, aber …«
»Warum?«, fragte er. »Du bist eben ein klassischer Typ, zeitlos … du musst nicht jeden Trend mitmachen.«
Als sie jetzt die Hand schüttelte, bis sich die nassen Blätter lösten und in den Müllbeutel fielen, dachte sie auf einmal, dass sie einem Beobachter, der sie nicht weiter kannte und ihr hier draußen zusah, ganz schön spießig vorkommen musste. Erstaunlich, wie sie in wenigen Monaten von einer New Yorkerin mit einer Reihe von toten Orchideen auf dem Gewissen zu einer Londonerin mit Verantwortung für einen ganzen Garten geworden war, und sei er noch so klein. Wenn sie überlegte, dass es ganz leicht auch anders hätte kommen können, kam ihr die Veränderung umso verblüffender vor.
An dem Wochenende in Montauk hatte Mark am Nachmittag, kurz bevor sie zurück in die Stadt gefahren waren, ihre Tasche nach unten getragen und sie gefragt, ob sie am Freitag Zeit zum Abendessen habe. Sie hatte ja gesagt, und sie hatten sich in einer Bar in Chelsea verabredet. Doch im Laufe der Woche hatte ihr immer mehr vor dem Abend gegraut. Die Magenschmerzen, die sie abends am Strand gehabt hatte, waren wieder da, sobald sie daran dachte, und wurden mit jedem Tag stärker, bis sie sich schließlich eingestand, dass es Angst war. Sie fühlte sich zu Mark hingezogen – hatte sie sich nicht mehrmals bei dem Gedanken daran erwischt, wie sich der weiche Stoff seines alten T-Shirts zwischen seinen Schulterblättern gedehnt hatte, als er sich hingehockt hatte, um das Lagerfeuer zu schüren? –, doch das an sich war kein Grund zur Panik: Sie war Anfang dreißig, sie lebte in New York, sie ging mit Männern aus, sie lebte nicht zölibatär. Das Problem war, dass sie ihn mochte, wirklich mochte.
Nachdem sie sich in ihrem kühlen, klimatisierten Schlafzimmer die ganze Nacht hin- und hergeworfen hatte, schickte sie ihm am Freitagmorgen eine E-Mail, ihr wichtigster Kunde habe für den Abend kurzfristig ein Meeting einberufen, gefolgt von einem Abendessen mit seinem Chef. Es tut mir schrecklich leid, dass ich absagen muss, hatte sie geschrieben. Vielleicht laufen wir uns ja irgendwann im Sommer noch mal in Montauk über den Weg? Sie war davon ausgegangen, dass er die Botschaft zwischen den Zeilen verstehen würde – schlag kein neues Date vor –, und zwanzig Minuten später antwortete er auch tatsächlich: Kein Problem, ich verstehe das vollkommen. Man sieht sich mal wieder am Lagerfeuer. Aber wie sie es befürchtet hatte, war sie nicht erleichtert, dass er sie vom Haken ließ, sondern hatte plötzlich das starke Gefühl, etwas Wichtiges zu verlieren.
Am Abend verließ sie kurz nach sieben das Büro, und weil ihre Stimmung immer mehr in den Keller sank, fuhr sie mit dem Fahrrad von Midtown zur Buchhandlung McNally Jackson in SoHo. Sie hatte den Laden vor Jahren schon entdeckt, kurz nachdem sie nach New York gezogen war, und da sie damals fast niemanden kannte, hatte sie es sich angewöhnt, abends dort hinzugehen, sich ein Buch zu kaufen und sich mit einem Glas Wein ins Café zu setzen, manchmal bis der Laden schloss. Dort war immer etwas los, und die Kundschaft war interessant zu beobachten und zu belauschen. Sie hatte Blind Dates erlebt, die spektakulär den Bach hinuntergegangen waren, und eines, das unglaublich gut gelaufen war; Menschen, die auf ihren Laptops still an Drehbüchern schrieben; Eltern, die in der Stadt waren, um ihre an der New York University studierenden Kinder zu besuchen; Leute, die Businesspläne für die Gründung ganzheitlicher Therapiezentren diskutierten. Auch erstklassiger Klatsch war ihr zu Ohren gekommen. Zwischen den Büchern und dem Treiben im Café hatte sich die Einsamkeit, die sie, von London entwurzelt, am Anfang manchmal überkommen hatte, in Luft aufgelöst.
Als sie an diesem Abend ihr Fahrrad draußen anschloss, verfärbte sich der Himmel über der Prince Street perlmuttrosa. Es war Mitte Juli, und die Stadt kochte; um die nackten Knöchel spürte sie die vom Asphalt aufsteigende Hitze. Im Laden verbrachte sie fünfzehn Minuten damit, ein Buch auszuwählen – den neuen Alan Hollinghurst, bei dem sie eigentlich auf die Taschenbuchausgabe hatte warten wollen, aber egal, sie brauchte Aufmunterung –, und dann bestellte sie am Tresen ein Glas Wein und ging damit an einen Tisch am Fenster, der gerade frei wurde. Die Fenster waren zur Straße geöffnet, und sie hörte Gesprächsfetzen von Passanten und Musik aus Autos, die sich der Ampel auf der Lafayette Street näherten. Am Tisch gegenüber saß eine mondäne Schwarze, die Hannah auf Ende zwanzig schätzte, in einem Seidenkleid mit roter Schärpe. Sie unterhielt sich mit einem Angestellten. Sie würde gleich nach unten gehen, um aus ihrem neuen Roman zu lesen.
Der Wein war trocken und kalt, und schon bald war Hannah völlig in ihren Hollinghurst versunken. Eine leichte Brise war aufgekommen, die die Feuchtigkeit ein wenig vertrieben hatte und über die kurzen Haare in ihrem Nacken gestrichen war, denn sie saß mit dem Rücken zum Fenster. Von der Lesung stieg in Salven immer wieder Applaus die Treppe herauf.
Sie hatte ihren Wein etwa zur Hälfte getrunken, als sie von ihrem Buch aufblickte. Drüben am Haupteingang überflog ein Mann, der, zumindest von hinten, aussah wie Mark, den kleinen Tisch mit Sachbüchern. Er trug einen Anzug, doch Krawatte und Jackett hatte er abgelegt. Er war genauso groß wie Mark und von derselben Statur, und auch seine Haare erinnerten sie an ihn: dunkelbraun und hinten kurz geschnitten, oben etwas länger und ganz leicht gelockt. Der Mann legte das Buch in seiner Hand beiseite und ging um den Tisch auf die andere Seite, und Hannahs Herz schlug wild gegen ihre Rippen. Er war es. Es war tatsächlich Mark. Mist … Mist. Sie dachte an ihre E-Mail, die offenkundige Lüge. Oh, Mist. Es war ja schön und gut, sich mit einer Ausrede davor zu drücken, einen Typ in einer Bar zu treffen, doch einen Freund von Freunden – einen Freund von Ant und Roísín – anzulügen, das ging eigentlich gar nicht.
Was sollte sie machen? Entweder, sie rührte sich nicht vom Fleck und hoffte, dass er sie nicht sah, oder sie stand auf und ging, bevor er sie entdeckte. Doch genau wie er fast direkt vor ihrer Nase stand, würde sie auch direkt vor seiner Nase stehen, sobald er den Kopf hob. Wenn sie sich nicht vom Fleck rührte und sich hinter ihr Buch duckte, ging es vielleicht gut. Wenn sie aufstand, um zu gehen, zog sie wahrscheinlich eher die Aufmerksamkeit auf sich.
Ein oder zwei Minuten lang beobachtete sie ihn heimlich über die Kante des Buchs hinweg und wünschte, sie hätte die Haare offen, damit sie sie sich tief ins Gesicht fallen lassen konnte. Offensichtlich suchte er ernsthaft nach etwas zu lesen; er nahm ein Buch in die Hand, las den hinteren Umschlag oder den Klappentext oder in zwei Fällen sogar die ersten ein, zwei Seiten, bevor er es weglegte und nach einem anderen griff. Es war qualvoll: Wann wählte er sich endlich eins aus und ging, um Himmels willen? Ihr Magen schmerzte wieder, doch diesmal aus schierer Angst davor, erwischt zu werden.
Nach fünf oder sechs Minuten hatte er sich endlich entschieden und ging mit einem Buch zur Kasse auf der anderen Seite des Ladens. Hannah atmete leise und lange aus und nahm einen kräftigen Schluck Wein. Die Kasse war direkt am Hauptausgang; er würde den Laden verlassen, ohne sie zu sehen – sie war noch mal davongekommen. Ihre Atmung entspannte sich, sie blieb aber lieber auf der Hut und vergrub den Kopf wieder in ihrem Buch. Nur einmal schaute sie kurz hoch und sah, dass er das Wechselgeld einsteckte und sich seine Neuerwerbung unter den Arm klemmte.
Doch eine Minute später fiel von rechts ein Schatten über sie, und ihr wurde bewusst, dass jemand an ihrem Tisch stand. Langsam hob sie den Blick. Dunkelgraue Anzughose. Ein unzerknittertes weißes Hemd mit feinen eingewebten Streifen, eindeutig teuer.
»Hallo«, sagte er. »Dachte ich doch, dass du das bist.«
»Gott, Mark. Wow! Hallo. Hi.« Hannah merkte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss.
Er lächelte. »Zwei Dumme …« Mit einem Nicken wies er auf ihr Glas, das jetzt fast leer war. »Ich bin reingekommen, um genau dasselbe zu machen.«
»Ehrlich? Also, ja, ist toll hier, oder? Ich liebe den Laden.«
»Ich auch. Ist das gut?« Er zeigte auf ihr Buch.
»Also, ich habe gerade erst angefangen, aber, ja, ich glaube schon. Einer meiner Lieblingsautoren.«
»Ich hab den Roman gelesen, für den er den Booker bekommen hat, aber ich bin, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, kein großer Romanleser. Aber der hat mir gefallen.« Er schob die Tüte unter seinem Arm ein Stück hoch, um sie sicherer zu halten, und blickte rüber zum Tresen. »Ich wollte mir gerade ein Glas Wein holen, soll ich dir noch eins mitbringen?«
Hannah zögerte. Die ganze Situation war ihr unendlich peinlich. Er hatte jedes Recht, stocksauer auf sie zu sein, doch trotz ihrer glasklaren Lüge schien er keinerlei Groll zu hegen. Sie konnte ihm diese Höflichkeit wenigstens vergelten. »Ja, wenn du möchtest?«
»Klar.«
Sie beobachtete ihn, wie er am Tresen wartete, vollkommen entspannt. Er sagte etwas zu dem bärtigen Typ hinter dem Tresen, worüber der lachte, während er den Wein einschenkte. Mark kam mit den Gläsern herüber und stellte eines auf den Tisch.
»Danke«, sagte sie, »das ist sehr nett. Schau, du musst nicht … Ich meine, wenn du hier bist, um ein bisschen in Ruhe zu lesen … aber wenn du möchtest …« Sie zeigte auf den freien Stuhl.
»Nur wenn ich dich nicht störe?«
»Nein, überhaupt nicht.« Sie schüttelte den Kopf. Als er den Stuhl unter dem Tisch herauszog, nutzte sie die Gelegenheit, die Situation zu klären. »Also«, sagte sie, »wegen heute Abend. Es tut mir schrecklich leid … die ganze Sache war ein einziges Chaos. Nachdem der Kunde so kurzfristig auf diesem Meeting bestanden hatte, hat er heute Mittag angerufen und alles wieder abgesagt. Anscheinend hat die Frau des großen Chefs ganz plötzlich einen Abszess am Zahn und er wollte bei ihr in Boston bleiben.« Gott, Hannah, wo kommt das denn jetzt her? Abszess am Zahn?
»Kein Problem.« Mark fuhr mit der Hand durch die Luft. »So was passiert mir dauernd. Manchmal habe ich das Gefühl, es ist schier unmöglich, ein normales Privatleben zu führen. Ein paar von meinen Freunden in London haben langsam die Schnauze voll, dass ich mich so rar mache.«
»Das Gefühl kenne ich.«
Er trank einen Schluck. »Dann fährst du dieses Wochenende nicht mit nach Montauk? Normalerweise bist du doch dabei, oder?«
»Normalerweise schon – ich liebe den Strand –, aber ich habe morgen Abend was vor, also ging es nicht.« Sie lächelte. »Mein Assistent ist Schlagzeuger einer Band, und sie haben morgen in Williamsburg einen Gig. Ich habe ihm versprochen zu kommen und für einen Abend das Groupie zu spielen.«
Er trank noch einen Schluck Wein, und sie bemerkte, wie seine langen geraden Finger den zarten Stiel des Weinglases hielten. »Klingt lustig.«
»Ja, sie haben sich gerade erst gegründet, deswegen brauchen sie jede Unterstützung, aber meine Quellen im Büro meinten, sie wären ziemlich gut.«
Die Lesung unten war zu Ende, und etliche Leute kamen in das Café und besetzten die wenigen freien Plätze. Die Frau, die gelesen hatte, stand in der Nähe, belagert von Männern mit Tätowierungen und T-Shirts mit ironischen Sprüchen, die sie mit ernsten, ehrfürchtigen Fragen zu beeindrucken versuchten.
»Als wir unser New Yorker Büro eröffnet haben und ich die ganze Zeit hier gelebt habe, statt hin- und herzufliegen«, sagte Mark, »bin ich oft hergekommen. Ich fand’s nett, hier zu sitzen und einen Happen zu essen und ein Glas Wein zu trinken. Um einiges angenehmer, als allein zu Hause in meiner Wohnung zu hocken.«
»Wir haben sicher mal am selben Tisch gesessen«, sagte sie, auch wenn sie wusste, dass sie sich daran bestimmt erinnern könnte. »Bei mir war es nämlich genauso. Manchmal mache ich es heute noch, wenn ich unerwartet mal nichts vorhabe. Wie heute Abend.«
»Ich auch. Wie heute Abend.«
»Tut mir leid.« Sie verzog das Gesicht.
Er verdrehte die Augen. »Bitte.« Er wies mit dem Kopf in die Richtung der Autorin und ihrer tätowierten Anhänger. »Was meinst du? Hat einer von denen eine Chance?«
So mit ihm hier zu sitzen war unglaublich entspannt; das Gespräch lief ganz von selbst, natürlich und ungezwungen wie in der Nacht am Strand. Wieder konzentrierte er sich fast ausschließlich auf sie und fragte nach ihrem Job und ihrer Familie. Sie tranken ihren Wein aus, und Hannah holte noch eine Runde. Als dieses Glas dann zur Neige ging, war sie angenehm beschwipst und musste sich eingestehen, dass sie in den letzten sieben Jahren außer mit Freunden oder ihrem Bruder mit niemandem so einen schönen Abend verbracht hatte. Die Gedanken an die Zeit davor schob sie rasch beiseite.
»Hättest du Lust, einen Happen essen zu gehen?«, fragte Mark, als sich draußen auf der Straße das spezielle Manhattan-Zwielicht ausbreitete, das alles schärfer und klarer kontrastierte. »Ich hab nicht viel zu Mittag gegessen, und wenn ich noch so ein Glas auf leeren Magen trinke, red ich nur noch Blödsinn.«
Draußen wartete er, während sie ihr Fahrrad aufschloss – er sagte, er sei beeindruckt, dass sie in Manhattan Fahrrad fuhr –, und dann spazierten sie um die Ecke in die Mulberry Street zu einem im Stil eines Diners eingerichteten Italiener, von dem er wusste, dass er eine tolle Kritik im New York Magazine bekommen hatte. Dort setzten sie sich auf die beiden Hocker am Tresen nahe des Eingangs und bestellten Hühnchen-Parmesan-Sandwiches, die ungefähr doppelt so groß waren wie alles, was Hannah je an Sandwiches untergekommen war. »Und das«, meinte sie, »will was heißen.« Sie diskutierten über die Kampagne für einen neuen Produzenten gesunder Snacks, an der sie gerade arbeitete, und sie fragte ihn, wie und wann er seine Firma gegründet hatte. Worüber sie sich danach unterhalten hatten, daran konnte sie sich nicht mehr genau erinnern. Sie wusste nur noch, dass sie miteinander gesprochen hatten wie Menschen, die sich seit zwanzig Jahren kennen und sich bloß noch nie ihre besten Geschichten erzählt hatten. Wieder machte sich die Spannung in ihrem Bauch bemerkbar, doch es war weder Angst noch Verlegenheit, sondern schlicht eine Reaktion auf seine Nähe. Sie saßen auf den Hockern so nah, dass ihre Knie sich fast berührten. Sie hatte seine Hände beobachtet, die das Sandwich hielten oder den Kronkorken der Bierflasche auf der Resopalfläche des Tresens schnippten, und sie hatte sich danach gesehnt – körperlich danach gesehnt –, die Hand auszustrecken und ihn anzufassen.
Als er sich zu ihr drehte und sie mit ernstem Blick maß, war es auf der Uhr hinter der Bar halb zwölf. »Sag mal, das mit dem späten Meeting war doch eine Masche, um mir eine Abfuhr zu erteilen, oder?«
Sie biss sich innen in die Wange, um nicht zu lachen, und sah ihm direkt in die Augen. »Ja.«
Er schüttelte den Kopf. »Nicht mal die geringsten Gewissensbisse. Das mit dem Abszess am Zahn war übrigens nicht schlecht.«
Jetzt lachte Hannah laut heraus. »Vielleicht kann ich es wiedergutmachen«, sagte sie und griff nach ihrem Glas, »indem ich dich morgen Abend zu einem Gig nach Williamsburg einlade? Die Band soll ausgezeichnet sein.«

4
Der Wind hatte die Plastiktüte in hundert Fetzen gerissen, so dass sie aussah wie ein vergessenes Halloween-Monster, das in den Ästen des Kirschbaums festhing. Hannah stand auf der obersten Stufe der Trittleiter, um sie mit der Küchenschere rauszuschneiden, als sie auf dem Tisch drinnen ihr Handy klingeln hörte. Sie überlegte, es klingeln zu lassen, doch dann dachte sie, es könnte noch einmal Mark sein, und stieg rasch hinunter.
Als sie abhob, war es jedoch nicht Mark, sondern Neesha. »Hi«, sagte sie. »Wie geht’s Ihnen? Tut mir leid, dass ich erst jetzt zurückrufe, aber ich habe gerade erst meine Mailbox abgehört. Wir waren heute Morgen mit Pierre schwimmen und sind dann gleich zu Stevens Eltern gefahren. Sie haben wohl angerufen, als wir im Schwimmbad waren.«
»Machen Sie sich keine Sorgen. Es tut mir leid, dass ich Sie überhaupt angerufen habe, besonders am Wochenende. Ich wollte nur fragen, ob Sie wissen, wo Mark ist, aber es hat sich erledigt, inzwischen habe ich von ihm gehört. Er hat mich vor ungefähr einer Stunde aus New York angerufen.«
»New York?« Neesha klang verdutzt.
»Ja, er hat gestern seinen Flug verpasst, und ich habe mir Sorgen gemacht, weil er nicht angerufen hat, aber es hat sich herausgestellt, dass er sein Handy in einem Taxi liegengelassen hat.«
Neesha sagte nichts, und Hannah runzelte die Stirn. »Ist alles in Ordnung?«, fragte sie.
Eine weitere Pause, kurz nur, aber deutlich. »Ja, ja.«
»Ganz sicher?«
»Ja. Ich meine, natürlich.«
Hannah spürte die Verwirrung am anderen Ende der Leitung förmlich. »Was ist los?«, fragte sie.
»Nichts.«
»Bitte, Neesha.«
Neesha zögerte. »Ehrlich, es ist nichts«, sagte sie. »Nur … Ich habe da wohl was durcheinandergebracht, das ist alles. Ich dachte nicht, dass er in New York ist.«
»Was haben Sie denn gedacht, wo er ist?« Wieder eine Pause. »Neesha?«
»Also, ich … ich dachte, Sie wären an diesem Wochenende in Rom.«
»Rom?« Hannah lehnte sich an den Küchentresen. »›Sie‹? Sie meinen, Mark und ich?«
»Ich dachte, er hätte gesagt, er würde mit Ihnen nach Rom fliegen. Als Überraschung.« Neesha atmete schwer aus. »Gott, Hannah, es tut mir leid. Ich habe es vollkommen vermasselt, oder? Ich habe offensichtlich das falsche Wochenende im Kopf, und jetzt habe ich es verdorben. Mist. Mark bringt mich um.«
»Nein, Neesh…«
»Es ist mein Fehler … Bei mir geht es drunter und drüber. Ich find’s toll, dass er mir die Projekte anvertraut hat, und ich will sie gut machen – wirklich gut –, aber ich kann nicht gleichzeitig auch noch sein Sekretariat führen, nicht richtig, besonders nicht, wenn ich zeitig wegmuss, um Pierre abzuholen. Das ist nicht der erste dumme Fehler, der mir unterlaufen ist. Also, ich bitte Sie nur ungern, aber … Könnten Sie das vielleicht für sich behalten? Ich weiß, dass Sie dazu keinen Grund haben, nachdem ich Ihnen die Sache verdorben habe, aber wenn Sie …«
»Machen Sie sich darum keine Sorgen«, sagte Hannah. »Es ist meine Schuld, ich hätte Sie nicht unter Druck setzen sollen. Wie auch immer, ich hasse Überraschungen, eigentlich haben Sie mir einen Gefallen getan. Das bleibt unser Geheimnis.«
Im Hof stieg Hannah wieder auf die Leiter, doch die Gelassenheit von vorher war dahin und an ihre Stelle war ein seltsam juckendes Gefühl getreten, als trüge sie einen kratzigen Wollpullover direkt auf der Haut.
Was war los mit ihr? Es war doch alles gut. Mark war nichts passiert, er arbeitete auf einen neuen Vertragsabschluss hin, der erhebliche Auswirkungen auf den potenziellen Unternehmensverkauf hatte, was hieß, dass sie in Zukunft mehr Zeit miteinander verbringen konnten. Am Dienstag kam er nach Hause, und wenn er den Nachmittag freimachen konnte, würden sie etwas Schönes unternehmen. Und heute Abend würde sie mit Tom essen gehen, nur sie beide, und wie lange hatten sie das schon nicht mehr gemacht? Alles war gut, mehr als gut, ausgezeichnet.
Sie machte sich daran, kleine tote oder vom Sturm angebrochene Äste abzuschneiden, und warf sie am Fuß der Leiter auf den Boden. Plötzlich hatte sie wieder Neeshas Stimme im Ohr. Ich dachte, Sie wären an diesem Wochenende in Rom. Ich dachte, er hätte gesagt, er würde mit Ihnen nach Rom fliegen. Als Überraschung. Um Himmels willen, Hannah, sagte sie sich, es war nur ein Missverständnis … Hatte Neesha das nicht gesagt? Hatte sie nicht gesagt, sie hätte schon mehr Fehler gemacht, seit sie zusätzlich neue Aufgaben übernommen hatte? Sie war eine typische berufstätige Mutter, die versuchte, alles unter einen Hut zu bringen, und unter dem Druck ab und zu schon mal was durcheinanderbrachte. Wenn Hannah sich an so etwas festbiss, machte sie sich nur unnötig verrückt.
Aber, sagte eine leise Stimme, da ist noch etwas, nicht wahr? Anfang der vergangenen Woche – Montag oder Dienstag? – hatte Mark vor dem Abendessen noch eine Stunde in seinem Arbeitszimmer gearbeitet, und sie hatte ihm einen Gin Tonic gebracht. Als sie die Treppe hochging, hörte sie ihn reden, doch als sie die Tür öffnete, drehte er sich rasch um – fuhr zusammen, sagte die Stimme, er fuhr zusammen – und legte auf, ohne sich zu verabschieden; zumindest kam es ihr so vor. Als sie ihn fragte, wer dran gewesen sei, antwortete er, David Harris, und sie war überrascht: Sein Partner war erst vor einem Jahr zu DataPro gekommen, und soweit sie es beurteilen konnte, war ihre Beziehung recht formell. Es verwunderte sie, dass Mark ein Telefonat mit ihm einfach so beenden würde.
Damals hatte sie nicht weiter darüber nachgedacht. Konnte doch sein, dass sie sich verabschiedet hatten, als sie gerade die Türklinke runtergedrückt hatte: Die Tür war zu gewesen, sie hatte Marks Worte nicht verstehen können. Und er war nur zusammengefahren, weil sie ihn erschreckt hatte. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie reinkam. Wie auch immer: Sie hatte keine Ahnung, wie Mark und David am Telefon miteinander umgingen. Sie redeten dauernd miteinander, wahrscheinlich gingen sie inzwischen längst viel entspannter miteinander um.
Vor allem aber vertraute sie Mark. Es gab keinen Grund, ihm nicht zu vertrauen. Er hatte ihr noch nie auch nur den geringsten Grund gegeben anzunehmen, er könnte sich für eine andere interessieren oder fände andere Frauen überhaupt attraktiv. In den anderthalb Jahren seit dem Tag am Strand in Montauk hatte sie noch nie erlebt, dass er eine hübsche Frau, die ein Restaurant betrat oder auf der Straße an ihnen vorbeiging, mit einem zweiten Blick bedachte. Selbst im Sommer in Griechenland schien er die schönen, gebräunten Italienerinnen und Schwedinnen, die in ihren winzigen String-Bikinis ins Wasser gingen, nicht zu bemerken.
Sie fühlte sich absolut sicher bei ihm; das war mit ein Grund, warum sie wusste, dass ihre Beziehung richtig war und warum sie sich überhaupt auf ihn eingelassen hatte. Klar, er war nicht perfekt. Wer war das schon? Es gab Zeiten, da war er müde und mundfaul, was sie nervte, wenn sie den Tag allein verbracht hatte und reden wollte, und vor zwei Monaten war er einmal bis spätnachts mit seinem alten Collegefreund Dan Kwiatkowski aus gewesen, während sie mit einem Magen-Darm-Infekt zu Hause lag, was sie ein bisschen blöd gefunden hatte, aber das waren im Grunde nur Kleinigkeiten, Bagatellen. Sie war sich absolut sicher, dass er sie liebte. Selbstverständlichkeiten fielen ihm leicht – er machte ihr Komplimente, wenn sie etwas Neues trug, sagte ihr, dass sie schön war –, aber seine Liebe zeigte er ihr hauptsächlich in praktischen Dingen. Als es im letzten Jahr kurz vor Weihnachten in New York zu einem Schneesturm gekommen war, hatte sie ihn, als sie von der Arbeit nach Hause kam, auf dem Gehweg auf Knien angetroffen, wo er an ihrem Auto Schneeketten anbrachte. »Oho«, sagte Roísín, als Hannah ihr davon erzählte, »den hast du aber wirklich am Haken. Dass Frauen sich zu Weihnachten immer Parfüm und Designer-Handtaschen wünschen … wenn du Frostschutzmittel und Rauchmelder bekommst, weißt du Bescheid. Wenn ein Mann anfängt, sich Sorgen zu machen, dir könnte etwas passieren, dann liebt er dich wirklich.«
Wie konnte sie beschreiben, wie Mark mit ihr umging? Er war einfach … auf ihrer Seite. Zum Beispiel konnte man sich nur schwer jemanden vorstellen, der sie bei der Jobsuche mehr unterstützt hätte. Er hörte stundenlang zu, wenn sie ihre Ideen und Möglichkeiten – und in letzter Zeit ihre Sorgen – mit ihm besprach. »Halt die Ohren steif« – das hatte er auch am Morgen am Telefon wieder gesagt. Sie hatte schon die ersten widerlichen Anflüge von Depression über das Ganze gespürt, doch seine Zuversicht war nicht ins Wanken geraten.
Hannah schüttelte den Kopf, als könnte sie damit das juckende Gefühl loswerden. Das war doch lächerlich: Sie liebten einander. Und was taugte eine Ehe ohne Vertrauen? Ein Gefühl wie rasender Zorn überkam sie: Sie weigerte sich, ja, sie weigerte sich schlichtweg, so zu sein wie ihre Mutter. Sie würde auf gar keinen Fall zulassen, dass ihre Unsicherheit so lange an ihrer Ehe nagte, bis diese zusammenkrachte, weil sie völlig unterhöhlt war.
Sie schnitt die letzten Äste ab, stieg von der Leiter und stopfte das tote Holz in einen Müllsack. In den Ecken des Hofs sammelte sie die Chipstüten und durchgeweichten Zeitungen ein und kehrte energisch mit dem Besen über die Steine, um das klebrige, nasse Laub zu lösen.
Ich dachte, Sie wären an diesem Wochenende in Rom. Ich dachte, er hätte gesagt, er würde mit Ihnen nach Rom fliegen. Als Überraschung.
Jetzt meldete sich die Stimme in ihrem Kopf wieder: Und wenn du ihn, als du letzte Woche rauf in sein Arbeitszimmer gingst, dabei erwischt hast, wie er Reisevorbereitungen für Rom traf? Alles, was er heute Morgen gesagt hat … der verpasste Flug, das verlorene Handy, dass er eingeschlafen ist … was ist, wenn das alles gelogen war? Eine Menge ganz bequemer Gründe, warum er dich nicht anrufen konnte, oder?
Schluss damit, sagte sie der Stimme. Genug von deinen ätzenden, verräterischen Anspielungen.
Rom, meldete sie sich noch einmal. Als Überraschung.
Eine Überraschung: Obwohl sie sich dagegen wehrte, schoss das Wort ihr im Kopf herum. Hatte Mark wirklich einen Überraschungswochenendtrip geplant? Er plante oft schöne Sachen für sie – in jüngster Zeit konnte er sich fast genauso fürs Theater erwärmen wie sie, und erst letzte Woche hatte er Karten für La Bohème in Covent Garden gekauft –, doch da fragte er sie vorher immer. Und darüber war sie froh. Sie hatte es immer schon ein wenig anmaßend gefunden, seine Partnerin oder seinen Partner mit etwas zu überraschen und dann zu erwarten, dass sie oder er von einem Augenblick auf den anderen alles stehen und liegen ließ. Sie hatte mit Mark darüber gesprochen, und er war ganz ihrer Meinung gewesen.
Sie arbeitete noch zehn Minuten weiter und versuchte, sich abzulenken, doch die Stimme in ihrem Kopf wollte einfach nicht schweigen. Schließlich gab sie es auf und ging in die Küche. Um Zeit zu gewinnen, trank sie ein Glas Leitungswasser, und dann setzte sie sich an den Tisch und suchte im Internet die Telefonnummer des W Downtown, dem Hotel, in dem Mark immer wohnte, wenn er in New York war. Sie tippte die Nummer in ihr Handy, doch sie zögerte noch. Sollte sie wirklich? Ausgeschlossen, wenn sie das machte, dann war sie genau wie ihre Mutter, schnüffelte herum, überprüfte Sachen. Aber das war noch kein Hinterherschnüffeln, oder? Sie wollte in einem Hotel anrufen, wo sie bitten würde, in das Zimmer ihres Mannes durchgestellt zu werden, damit sie mit ihm reden konnte. Sie tat das nur, um die keifende Stimme in ihrem Kopf zum Schweigen zu bringen; mehr nicht. Bloß, um zu beweisen, was sie schon wusste: dass sie keinen Grund hatte, sich Sorgen zu machen.
Sie drückte den Knopf und zwei oder drei Sekunden verstrichen, dann klingelte es. Nach ein paar Sekunden miserabler Lounge-Musik versicherte ihr eine Stimme vom Band, ein Mitarbeiter werde sich in Kürze um ihr Anliegen kümmern. Noch mehr schreckliche Musik, und dann wurde ihr Anruf entgegengenommen. Sie war mit der Reservierungshotline verbunden worden, doch als sie erklärte, was sie wollte, stellte man sie zur Rezeption durch.
»Mark Reilly?«, fragte die Empfangsdame. »Bleiben Sie bitte einen Augenblick dran.«
Hannah wartete. Sie fühlte sich schon besser. Sie würde kurz mit ihm reden, ihm sagen, dass sie ihn liebte, und dann konnte sie beruhigt wieder nach draußen gehen.
»Hallo?«
»Hi, ja?«
»Es tut mir leid«, sagte die Empfangsdame, »aber wir haben im Augenblick keinen Gast mit diesem Namen bei uns.«
»Oh.« Im ersten Augenblick war Hannah völlig vor den Kopf gestoßen.
Das Schweigen dehnte sich aus. »Kann ich Ihnen sonst noch irgendwie behilflich sein?«
»Es tut mir leid«, sagte sie, »aber wären Sie so freundlich, noch einmal nachzusehen? Ich war mir sicher, dass mein Mann dieses Wochenende bei Ihnen wohnt. Ich habe heute Morgen mit ihm gesprochen.«
Wieder gab es eine kurze Pause, das Klappern einer Computertastatur. »Nein, es tut mir leid«, sagte die Frau, »ich bin mir ganz sicher, dass wir keinen Mr. Reilly hierhaben. Vielleicht ist er in einem unserer anderen Hotels in der Stadt?«
»Klar, ja, natürlich. Ich versuche es dort. Danke.«
Sie legte das Handy auf den Tisch. Ihr Herz pochte wie wild. Mark wohnte immer in dem Hotel in Downtown Manhattan, weil es am nächsten zur Wall Street lag, wo die meisten Kunden von DataPro ihre Büros hatten; außerdem war es ausgeschlossen, dass er in Midtown Manhattan wohnen würde, denn das fand er schrecklich, die ganze Hektik und die Touristen. Und wenn er umziehen müsste?, dachte sie. Was, wenn er wieder in Downtown einchecken wollte, nachdem er den Flug verpasst hatte, und sie ausgebucht waren?
Ein wenig positiver gestimmt, klappte sie ihren Laptop wieder auf und suchte die Nummern der anderen Ws heraus. Inzwischen gab es drei, am Union Square, am Times Square und auf der Lexington Avenue. Eines nach dem anderen rief sie sie an, doch überall gab man ihr dieselbe Antwort: Im Augenblick kein Gast dieses Namens.
Mark nannte das Arbeitszimmer gern seinen Adlerhorst. Er hatte den ehemaligen Dachboden umbauen lassen, und das Dach fiel auf beiden Seiten des Raums steil ab, so dass man sich dort fühlte wie in einem Zelt oder einem Baumhaus. Die Treppe nach oben war steil, und von den Fenstern hatte man einen Blick über die Landschaft aus Schornsteinen, Antennen und alten Satellitenschüsseln bis zu der Turmspitze der Kirche in der Studdridge Street und den Hochhäusern im Süden auf der anderen Seite des Flusses. Der Raum war bewusst spärlich möbliert: ein Lloyd-Loom-Korbsessel, in dem er gern saß und las, ein antiker türkischer Teppich und sein wunderschöner georgianischer Schreibtisch mit der Original-Auflage aus geprägtem Leder.
Sie riss die lange Schublade knapp über Kniehöhe auf und versuchte nicht darüber nachzudenken, was sie da machte. Ohne die geringste Vorstellung, wonach sie suchte, kramte sie darin herum: Heftklammern, Stifte, eine halbe Rolle extrastarke Pfefferminzbonbons, an der sich noch das aufgerissene Papier kringelte, eine Papiermohnblüte vom Gedenktag für die Gefallenen der Weltkriege und eine Swan-Vesta-Streichholzschachtel mit den brüchigen Überresten eines vierblättrigen Kleeblatts, das sie gefunden und ihm als Glücksbringer geschenkt hatte. Hier war sein Ausweis vom Ladies’ Day in Royal Ascot im Juni, wo er einige Kunden zu einem Firmenausflug mitgenommen hatte; eine alte Kassette – auf dem Etikett war mit Filzstift »Hendrix« gekritzelt; ein paar Euro-Münzen und ein anatomisch nicht ganz korrekter blauer Hund aus Fimo, den Dans und Pippas Sohn Charlie gemacht hatte – nachdem er im Ofen gebacken worden war, hatte Charlie ihn vor ein paar Wochen seinem Patenonkel Mark geschenkt.
Sie bückte sich und ging auch die übrigen Schubladen eine nach der anderen durch. Drei waren leer, in einer war eine Zigarrenschachtel voller Flügelklammern und Bic-Kugelschreiber, und eine weitere enthielt alte Ausgaben von Prospect und The Economist. Sie fuhr mit den Händen ganz hinten in die Schubladen und in die Ecken, doch sie fand nichts, was auf eine Affäre hindeutete, keine versteckten Fotos, keine handschriftlichen Notizen, keine Visitenkarten von Hotels, von denen sie nicht wusste, dass er dort gewohnt hatte. Ja, es gab überhaupt nichts Verdächtiges oder Unangenehmes, nicht einmal ein verstecktes Exemplar von Hot Babes. Erleichtert lachte sie über die Vorstellung. Sie konnte sich Mark nicht vorstellen, wie er Pornos kaufte – viel zu plump.
Das Einzige, was sie überraschte, war, dass die Schublade rechts unten leer war. Dort bewahrte er, wie sie wusste, den alten Aktenordner mit seinen Bankunterlagen auf; er hatte ihn ihr zwei Wochen vor ihrer Heirat gezeigt, »falls ich mal unter einen Bus gerate«. Gott sei Dank hatte sie ihn nie öffnen müssen, und ihre eigenen Bankunterlagen bewahrte sie getrennt auf, unten im Schreibpult im Wohnzimmer in dem Ziehharmonikaordner, den sie seit jeher dafür benutzte.
Sie sah sich im Raum um, doch der Aktenordner war nirgends zu sehen. Er musste ihn herausgeholt haben, um Rechnungen zu bezahlen oder Erspartes umzuschichten, aber wo hatte er ihn danach hingetan? Sie hatte ihn nirgendwo im Haus gesehen, doch das überraschte sie nicht, denn eigentlich erledigte er seine persönlichen Finanzaktionen hier oben am Schreibtisch. Ein paar Minuten hatte die Stimme in ihrem Kopf gnädig geschwiegen, doch jetzt fing sie wieder an zu wispern: Wo ist der Ordner? Warum hat er ihn hier rausgeholt?
Hannah hockte sich auf den Stuhl, stützte den Kopf einen Augenblick in die Hände und legte die Finger über die Ohren, als könnte sie die Stimme so ausblenden. Sie war entsetzt über sich selbst – sie verhielt sich genauso wie ihre Mutter in den letzten Wochen, bevor ihr Vater ausgezogen war. Rief Hotels an … kramte in Schreibtischschubladen. Es war so schäbig, so … madig. Dabei hatte sie sich doch geschworen, nie so zu werden.
Wo ist die Akte?, fragte die Stimme.
Ist gut, erwiderte sie wütend, ist gut, ich such danach. Ich suche sie, finde sie, und dann ist Schluss mit dem Rätselraten, klar? Sie stand auf, warf einen letzten Blick durch den Raum und ging dann nach unten, wo sie in ihrem Schlafzimmer nachsah und dann in den beiden Gästezimmern. Der Ordner war nicht da, und er war auch nicht im Wohnzimmer, weder unter dem Couchtisch noch im Schreibpult noch irgendwo im Regal. Sie überprüfte sogar die Schubladen und Schränke in der Küche, doch sie fand ihn nirgends.
Auf der Uhr am Herd war es zwanzig nach eins; wenn sie erst um acht mit Tom zu Abend essen wollte, sollte sie sich jetzt eine Kleinigkeit zu Mittag machen, auch wenn sie überhaupt keinen Hunger hatte. Sie zog ihre Handschuhe wieder an, ging raus in den Garten und machte sich daran, Unkraut und lange Grasbüschel auszureißen, die in dem leeren Tomatentrog und um den Fuß der Sträucher an der Mauer sprossen. Doch nach fünf Minuten hielt sie inne.
Wo war Mark? In New York. Mit Rom hatte Neesha sich nur geirrt. Er wohnte offensichtlich diesmal nicht im W, sondern woanders – nachdem er seinen Flug verpasst hatte, hatte er dort kein Zimmer mehr bekommen und in einem anderen Hotel eingecheckt.
Aber wenn das der Fall ist, argumentierte die Stimme in ihrem Ohr, hätte er dir dann nicht sagen müssen, wo er wohnt, besonders da er sein Handy verloren hat und das Hoteltelefon die einzige Möglichkeit ist, ihn zu erreichen? Und warum zum Teufel hatte sie ihn nicht gefragt? Aber warum hätte sie das tun sollen? Sie hatte angenommen, er wäre im W; sie hatte keinen Grund gehabt, etwas anderes anzunehmen.
Sie erinnerte sich an das Telefongespräch, bei dem sie ihn gestört hatte, sein verdutztes Gesicht, als sie die Tür zum Arbeitszimmer geöffnet hatte. Und jetzt fehlten seine Bankunterlagen. Sie richtete sich auf, drückte die Schultern durch und atmete mehrmals ganz langsam und tief durch. Die Sonne war hinter einer Wolke verschwunden, im Schatten war die Luft so kalt, dass sie ihr in den Nasenlöchern brannte. Sie machte sich lächerlich, war genauso hysterisch wie ihre Mutter in ihren schlimmsten Zeiten. Sie liebte ihren Mann und sie wusste, dass er sie liebte. Sie vertraute ihm und hatte auch keinen Grund, das zu ändern.
Dennoch beschlich sie plötzlich das Gefühl, dass sie jetzt, wo sie angefangen hatte zu zweifeln, den Aktenordner unbedingt finden musste. Solange sie sich nicht seine Kontoauszüge angesehen und davon überzeugt hatte, dass er sie nicht versteckt hatte, um Beweise dafür zu verbergen, dass er Geld für Hotels, Abendessen und Geschenke – Rom-Trips – für eine andere Frau ausgegeben hatte, würde die keifende Stimme in ihrem Kopf keine Ruhe geben.

5
DataPro residierte in zwei Etagen eines großen, modernen Gebäudes ein Stück vom Fluss versetzt in Hammersmith in der makellos langweiligen Gartenlandschaft eines exklusiven Gewerbeparks. Mark hatte hier, wie er ihr erzählt hatte, mit zwei Räumen angefangen: ein Büro für ihn und eins für zwei Programmierer. Zu Anfang hatte er die Räume immer nur von Monat zu Monat gemietet, doch im selben Ausmaß, wie die Firma gewachsen und gewachsen war, hatte sich auch die Bürofläche vergrößert, und er hatte zuerst die Räumlichkeiten auf der anderen Seite des Flurs hinzugemietet und dann die daneben und dann die daneben auch noch. Das Internet-Start-up, das gleichzeitig in das Gebäude eingezogen war und übertrieben selbstbewusst einen Zehnjahresvertrag für die Etage obendrüber unterzeichnet hatte, war 2001 pleitegegangen, und DataPro hatte ihre Etage übernommen, so dass die Firma jetzt auf zwei Etagen über tausend Quadratmeter einnahm.
Ihren Wagen ließ Hannah in der Manbre Road stehen und ging zu Fuß zum Eingang des Parks. Samstags war hier kein Wachmann, also zwängte sie sich an der Schranke für die Autos vorbei und folgte dem Gehweg, bis sie zu dem Rasen kam, der sich vom Fuß des DataPro-Gebäudes bis zum Spazierweg am Themseufer erstreckte. Jemand hatte an diesem Tag schon den Rasen geharkt: Obwohl der Wind in der vergangenen Nacht fast das ganze Laub von den Weißbirken gerissen hatte, war am Boden kaum ein Blatt zu sehen.
Kaltes Sonnenlicht reflektierte auf den vierzehn verspiegelten Etagen des Gebäudes und in den Becken der Springbrunnen links und rechts des Haupteingangs. Bring’s hinter dich, sagte sie sich. Geh da rauf, sieh nach, fahr wieder nach Hause und vergiss das Ganze. Sie warf einen letzten Blick auf den Fluss und trat dann durch die Drehtür ein.
Der Empfang war ein riesiger Raum mit Marmorfußboden, von dessen hoher Decke eine gigantische Skulptur aus verknoteten Stahlelementen hing, die sie an Weltraummüll erinnerte – ein defekter Satellit, dazu verdammt, auf ewig die Erde zu umkreisen. Die Aufzüge befanden sich an der hinteren Wand, doch davor stand eine Reihe von Drehkreuzen. Ohne Sicherheitsausweis führte kein Weg hindurch. Doch am Empfang saß Tony, den grauen Kopf über die Sportseiten des Mirror gebeugt, den er ordentlich auf dem Tisch vor sich glattgestrichen hatte. Sie hatte schon öfter mit ihm zu tun gehabt – zum ersten Mal, als sie aus New York auf Besuch gewesen war und Mark mit ihr hierhergekommen war, damit sie die Mitarbeiter von DataPro kennenlernte, und seit sie wieder in London lebte, ziemlich regelmäßig. Tony gehörte nicht zur Mannschaft von DataPro, sondern war bei der Firma angestellt, die das Gebäude verwaltete, doch Mark hatte sie ihm bei ihrem ersten Besuch vorgestellt, und er wusste, wer sie war.
»Mrs. Reilly?« Er blickte von der Zeitung auf und lächelte sie an. Es war kühl im Raum, und er trug seine Dienstkleidung für die kalte Jahreszeit: einen gerippten Aranpullover, auf dem in Höhe des Herzens der Name der Gebäudeverwaltung aufgestickt war. »Was für ein unerwartetes Vergnügen.«
»Wie geht es Ihnen, Tony?«
»Ganz gut, danke, nicht schlecht. Heftiger Sturm letzte Nacht, was? Ich bin heute Morgen auf dem Weg hierher durch den Bishop’s Park gegangen. Da lagen überall Äste rum.«
Hannah verzog das Gesicht. »Ja, ich habe zu Hause auch gerade aufgeräumt.«
»Aber wir haben hier alles unter Kontrolle. Die Gärtner waren heute Morgen schon da und haben die Anlagen wieder picobello hergerichtet.« Er sah sie an, als müsste sie erleichtert sein, als könnte es irgendwie Marks Geschäfte beeinträchtigen, wenn das Gelände draußen in Unordnung wäre.
»Das ist gut. Tony, könnte ich vielleicht kurz für ein paar Minuten nach oben? Mark ist übers Wochenende weg, und wir haben am Montagmorgen gleich einen Termin bei der Bank, und Mark hat mir gerade gesagt, dass er seine ganzen Unterlagen im Büro liegen gelassen hat. Wäre das okay?«
»Also, es ist absolut gegen die Vorschriften«, sagte er. »Ohne Ausweis darf hier niemand rein …«
»Ich weiß, und es tut mir auch leid, dass ich überhaupt fragen muss … aber …«
»Ach, ich nehme Sie doch nur auf den Arm.« Er zwinkerte ihr zu. »Natürlich können Sie rauf. Mr. Harris ist auch da, aber er ist gerade raus, um was zu Mittag zu essen. Ich sage ihm Bescheid, dass Sie da sind, falls er zurückkommt, bevor Sie gehen.« Tony stand hinter seinem Tisch auf und ging zu der Sicherheitsschranke aus Rauchglas, um sie mit einer Karte, die an einem langen Band an seinem Gürtel hing, zu öffnen. »Bitte schön.«
Der Aufzug beförderte Hannah lautlos in den siebten Stock, wo sie in die Halle trat. Der Empfangstresen war natürlich unbesetzt, und in den Büros hinter der Glaswand vor ihr brannte nirgendwo Licht. Eine Etage höher waren mit Sicherheit einige Programmierer bei der Arbeit. Mark zahlte großzügige Boni, wenn Projekte früh fertig waren, was hieß, dass seine Leute rund um die Uhr arbeiteten, die Woche durch und auch am Wochenende. In ihrer Etage ging es sehr viel lässiger zu als hier. Es war nicht Silicon Valley, doch es gab einen großen Raum mit Sofas und Knautschsesseln, Tischkicker und Billard und ein Regal voller koffeinhaltiger, süßer Getränke und tödlicher Knabbereien. Viele Programmiererinnen und Programmierer waren zwischen zwanzig und dreißig, und die Atmosphäre da oben erinnerte eindeutig an einen Computerclub an der Uni.
Im Gegensatz dazu war diese Etage das Gesicht von DataPro, das die Kunden zu sehen bekamen. Hier war alles hell. Die Tische waren groß und ordentlich aufgeräumt, die Computer wurden jedes Jahr durch neue ersetzt, und die Wände, die nicht aus Glas waren, waren in einem frischen Cremeton gestrichen. Auf dem sandfarbenen Teppichboden standen überall üppige Bambuspflanzen und glänzende dunkelgrüne Sukkulenten, die Hannah sonst noch nirgendwo gesehen hatte. Das Ganze erinnerte an Strand und Tropen.
Marks Büro lag am Ende des Flurs. Es war immer noch das Büro, das er schon ganz am Anfang gehabt hatte, einer der ursprünglich zwei Räume. Als sie überrascht gefragt hatte, ob er nicht in Versuchung gekommen sei, das viel größere Eckbüro mit Blick über den Fluss zu beziehen, hatte er geantwortet, dieses Büro besitze für ihn einen sentimentalen Wert und sei groß und elegant genug für Treffen mit Kunden, wenn er nicht das Konferenzzimmer benutzen wollte.
Hannah schob die schwere Glastür auf und trat ein. Die Außenwand war ebenfalls aus Glas und bot einen Blick über die Dächer von Hammersmith. Direkt darunter lag der Eingang zum Gebäude und davor eine gepflegte Rasenfläche, doch wenn man sich fast ganz in die Ecke stellte und nach links schaute, konnte man den Fluss sehen. Wenn ich die Gelegenheit gehabt hätte, mir das Eckbüro unter den Nagel zu reißen, hätte ich mich daraufgestürzt, dachte sie. Besonders schön war der Fluss hier nicht, und das gegenüberliegende Ufer wirkte ziemlich heruntergekommen, gerade jetzt im November, wenn das Grün des Sommers abstarb. So weit im Westen war von dem architektonischen Glanz im Zentrum von London nichts zu spüren. Ja, die einzige von Menschen geschaffene Struktur war das alte Möbellager von Harrods am gegenüberliegenden Ufer. Trotzdem, es war die Themse, die jetzt bleifarben in der spätherbstlichen Sonne lag und unablässig vorbeiströmte, wie sie es seit Jahrhunderten tat, mächtig und unergründlich.
Hannah wandte sich Marks Schreibtisch aus hellem Holz zu. Sie musste sich beeilen. Das Letzte, was sie wollte, war, David zu begegnen und ihm eine Lüge auftischen zu müssen, was sie hier zu suchen hatte. Außerdem würde er es bestimmt Mark gegenüber erwähnen, wenn er sie hier traf. Wie lange er wohl brauchte, um etwas zu Mittag zu essen? Abgesehen von dem Gewerbepark und dem Charing Cross Hospital an der Fulham Palace Road gab es in diesem Teil von Hammersmith hauptsächlich Wohnhäuser. Zu Fuß waren es von hier allein bis zum nächsten langweiligen Eckladen sicher zehn Minuten. Aber Tony hatte nicht gesagt, wie lange David schon weg war.
Hannahs Blick ruhte ein paar Sekunden auf dem gerahmten Foto, das rechts vom Computer auf dem Schreibtisch stand. Sie hatten beide keinen Profifotografen gewollt – das hätte im Kontext ihrer Hochzeit viel zu protzig und formell gewirkt –, doch Ant hatte darauf bestanden, ohne Fotos ginge es gar nicht, und hatte die Rolle des Fotografen übernommen. Hannah nahm das Foto und betrachtete es. Sie standen auf den Stufen des Rathauses von Chelsea. Mark, grinsend, in einem eleganten marineblauen Anzug, sie in einem Hängekleid aus perlmuttfarbener Seide. Er blinzelte in die grelle Aprilsonne, eine Hand fest um ihre Taille. Sie hatte eine Hand gehoben, um ihre Augen vor dem Konfettiregen zu schützen, den Pippa und Roísín gerade über ihren Köpfen niedergehen ließen. Marks Lächeln – wenn es auf einen gerichtet war, hatte man das Gefühl, vor einem großen Fenster zu stehen und die Sonne durch die Scheibe zu spüren, Licht und Wärme.
Kurz nachdem das Foto gemacht worden war, hatte er sich ihr zugewandt, um sie zu küssen, Konfetti auf den Schultern. »Sieh dich an«, sagte er. »Du bist genau das, was ich mir immer gewünscht habe.«
An dem Tag hatte sie ihn während des extravaganten Mittagessens im Claridge’s, beim Champagner danach und auf der Taxifahrt nach Heathrow, von wo sie nach Capri fliegen wollten, immer wieder angesehen und Mein Mann gedacht und es kaum glauben können. Jetzt, nur sieben Monate später, schnüffelte sie an einem Samstagnachmittag in seinem Büro herum. Was sie da tat, widerte sie an. Also los, dachte sie, such nach dem Ordner und geh wieder.
Die Schubladen glitten mühelos auf, wie auf Luftkissen. Sie ging eine nach der anderen durch, ohne sich von irgendetwas ablenken zu lassen. Sie suchte nur nach dem grau marmorierten Karton. Bis zu den letzten beiden Aktenordnern in der Reihe war sie sich sicher, sie würde die Unterlagen nicht finden, doch als sie die unterste der drei rechten Schubladen öffnete, genau die Stelle, wo er die Bankunterlagen auch in seinem Schreibtisch zu Hause verwahrte, fiel ihr Blick darauf. Sie legte den Ordner auf den Schreibtisch und schlug ihn auf.
Sie fand einen Stapel Unterlagen, ungefähr zweieinhalb Zentimeter dick, obendrauf ein Auszug von Marks Girokonto bei Coutts. Sie überflog rasch die Auflistung der letzten Buchungen, doch es fiel ihr nichts Ungewöhnliches ins Auge, keine großen Beträge an Tiffany, ans Waldorf-Astoria oder – soweit sie sehen konnte – einen schicken Blumenladen. Sie drückte die Klammer auf, die die Unterlagen zusammenheftete, und holte den Kontoauszug heraus. Aber als sie zur zweiten Seite blätterte, sah sie, was darunter abgelegt war: ein Brief von der Bausparkasse. Ihr Blick glitt auf eine Zahl: 130.000 Pfund. Sie nahm den Brief heraus und las ihn. »Nach unserem Treffen kürzlich kann ich Ihnen heute die von Ihnen gewünschte Aufstockung Ihrer Hypothek auf 130.000 Pfund bestätigen.« Sie überflog den Rest und wandte sich dem angehefteten Beleg zu, einem neuen Tilgungsplan. Wie ferngesteuert streckte sie die Hand nach Marks Schreibtischstuhl aus, zog ihn heraus und setzte sich.
Wenn der Tilgungsplan korrekt war, hatten sie fast 700.000 Pfund Schulden. »Siebenhunderttausend«, murmelte sie schockiert. Sie hatte ja keine Ahnung gehabt, dass die Hypothek so hoch war, ein gigantischer Betrag. Selbst wenn sie einen Job gehabt hätte, hätte sie mit ihrem Gehalt niemals einen Kredit in dieser Höhe tragen können. Er lief natürlich auf Marks Namen und ihr Einkommen spielte keine Rolle, doch er hatte ihr gesagt, da er das Haus schon über zehn Jahre besaß, sei die Hypothek so gut wie abbezahlt. Neben den regelmäßigen Raten habe er einige Sondertilgungen geleistet. Nach mehreren hitzigen Diskussionen war das für sie der Hauptgrund gewesen, ihm auch weiterhin die Zahlungen zu überlassen, ohne dass sie etwas dazu beitrug, zumindest bis sie einen neuen Job gefunden hatte.
Doch die Hypothek so aufzustocken, ohne mit ihr darüber zu sprechen, war etwas ganz anderes. Wie konnte er nur? Waren sie nicht verheiratet? Sollte man über so etwas nicht sprechen und Entscheidungen gemeinsam treffen? Vielleicht, dachte sie, würde Mark argumentieren, er habe sie nicht unnötig beunruhigen wollen, solange sie keinen Job hatte – und sie hatte keinen Job, weil sie gekündigt hatte, um nach London zu ziehen, zu ihm. Vielleicht war das Haus auch schon so lange in seinem Besitz – viel länger, als sie sich kannten –, dass er es in gewisser Weise immer noch als seins betrachtete oder zumindest als seine Verantwortung.
Doch wie auch immer er es vor sich selbst rechtfertigte – falls er überhaupt das Gefühl gehabt hatte, er müsste es rechtfertigen –, Hannah war sauer. Wie konnte er nur? Nach unserem Treffen kürzlich: Er hatte einen Termin bei der Bausparkasse gehabt, war dort gewesen, um die Sache mit jemandem zu besprechen, ohne es ihr gegenüber überhaupt zu erwähnen. Was hieß, dass er eines Tages in nicht allzu ferner Vergangenheit nach Hause gekommen war und sie in Bezug auf das, was er den Tag über gemacht hatte, angelogen hatte. Sie schlug das Blatt um und sah nach dem Datum: 29. Oktober, das war keine vierzehn Tage her. Gott.
Sie lehnte sich auf dem Stuhl zurück und spürte, wie aus ihrem Ärger etwas anderes wurde. Zuerst konnte sie das Gefühl nicht benennen, doch dann wusste sie es: Kränkung. Sie war gekränkt. Wollte Mark sie denn nicht an seinem Leben teilhaben lassen? Betrachtete er sie nicht als ebenbürtige Partnerin, die wissen will, was los ist, und in wichtige Entscheidungen einbezogen werden möchte? Auch wenn sie im Augenblick keinen Beitrag zur Tilgung der Hypothek leistete, ging das hier doch sie beide etwas an. Sie würde das Ihre beitragen, sobald sie einen Job hatte. Außerdem: Was war, wenn ihm etwas zustieß? Dann hatte sie eine Hypothek von 700.000 Pfund am Hals und wusste nicht einmal etwas davon.
Unter die Kränkung mischte sich noch etwas anderes. Vernünftig oder nicht, es demütigte sie, dass er ihr nichts davon gesagt hatte – sie fühlte sich herabgesetzt. Als sie sich kennengelernt hatten, war sie vollkommen unabhängig gewesen, beruflich erfolgreich, finanziell eigenständig, mit einer Mietwohnung im West Village. Sie hatte in einer der teuersten Städte der Welt ein gutes Leben geführt und dabei sogar noch etwas zur Seite legen können. Und jetzt war sie arbeitslos und lebte unter dem Dach und vom Geld eines anderen und wurde nicht einmal auf dem Laufenden gehalten. Sie spürte den brennenden Zorn in ihrer Brust und atmete tief durch.
Und dann war da noch die andere große Frage: Warum hatte Mark die Hypothek überhaupt aufstocken müssen? Irgendetwas war los, von dem sie nichts wusste. Steckte er in finanziellen Schwierigkeiten? Das konnte sie sich eigentlich nicht vorstellen. Marks Firma hatte keine Probleme – das war ausgeschlossen. Er verdiente ein hohes Gehalt und lebte entsprechend, wenngleich mit sehr viel Geschmack.
Sie dachte an die vergangenen Wochen. War irgendetwas anders gewesen? Hatte er sich, was Geld anging, anders verhalten? Nein, sie glaubte nicht. Sicher, er hatte nicht von kostspieligen Anschaffungen gesprochen, etwa einem neuen Auto, oder von Urlaub, doch er hatte Geld ausgegeben wie immer: Sie waren genauso oft zum Essen ausgegangen, er hatte, ohne lange zu überlegen, ein Taxi herbeigewunken. Am vergangenen Wochenende hatte er ihr an dem Stand in der Nähe von Aragon House einen großen, handgebundenen Blumenstrauß gekauft, und da sie ihrer Mutter so einen Strauß zum Geburtstag geschenkt hatte, wusste Hannah, wie teuer die waren. Und erst letzte Woche war er mit zwei neuen Hemden nach Hause gekommen. Würde er weiter in der Jermyn Street einkaufen, wenn er finanziell unter Druck stünde?
Vielleicht steckte nicht er persönlich in Schwierigkeiten, sondern doch DataPro. Vielleicht borgte er privat Geld, um es in die Firma zu pumpen. Wie konnte sie das herausfinden? Sie musste ihn fragen, doch wenn er ihr die Aufstockung der Hypothek verheimlichte, wollte er offensichtlich nicht, dass sie davon erfuhr. Aber eigentlich war sie überzeugt, dass DataPro nicht in Schwierigkeiten steckte. Sie hatten oft über die Wirtschaftskrise gesprochen und inwiefern sie das Geschäft beeinträchtigte, doch er hatte ihr mehrmals gesagt, die Geschäfte liefen zwar etwas zögerlicher, aber ohne Probleme. Es waren zwar keine riesigen Aufträge, doch sie hatten seit Anfang letzten Monats zwei neue Kunden gewonnen, und in New York stand ein neuer Vertragsabschluss in Aussicht. »Ruhig, aber stabil«, hatte Mark gesagt.
Sie legte die Unterlagen wieder in die Schachtel und blätterte durch die nächsten Seiten, darunter Briefe von Jupiter Asset Management, UBS, Santander und Kent Reliance. »Sehr geehrter Mr. Reilly«, hieß es in dem Brief von Santander. »Vielen Dank für Ihr Schreiben vom 24. Oktober. Hiermit bestätige ich Ihnen wunschgemäß die Auflösung Ihres Festzins-Sparkontos und die Überweisung des Schlusssaldos auf Ihr Girokonto.« Sie blätterte zurück zu den anderen Briefen. Sie waren alle desselben Inhalts: Seine Konten wurden aufgelöst und das Geld – in zwei Fällen ein Minus, Strafzinsen dafür, dass er das Geld vor Ablauf des Vertragszeitraums abhob – wurde auf sein Girokonto überwiesen. Für jemanden mit seinem Einkommen waren es keine Riesenbeträge, doch sie summierten sich auf rund 73.000 Pfund.
Eine Welle der Übelkeit schlug über Hannah zusammen. Was zum Teufel war da los? Was machte er da? Warum kratzte er so viel Geld zusammen?
Eine andere Frau, sagte die hinterhältige Stimme in ihrem Kopf, doch das tat sie ab. Warum sollte er sein Geld zusammenkratzen, wenn er eine Affäre hatte? Das kam ihr nicht logisch vor. Wenn er vorhat, dich zu verlassen, sagte die Stimme. Vielleicht hat er eine Geliebte und will mit dem Geld noch ein Haus kaufen, eines, in dem sie leben kann und wo er sie besuchen kann, bis er den Mut aufbringt, dich zu verlassen.
Stopp – Ruhe! Das war verrückt … So was dachten nur Leute, die irre waren. Mark hatte keine Affäre, er hatte keine Geliebte. Eine Geliebte, um Himmels willen … was war das überhaupt für ein Begriff? Sie lebten in London im einundzwanzigsten Jahrhundert, nicht im Paris des neunzehnten. Und Mark würde sich nicht mit so einer dauerhaften Lügengeschichte abgeben, eine andere Frau, ein anderes Haus. So einer war er nicht. Wenn er eine andere hatte, würde er es Hannah sagen, und das wär’s.
Sie schob den Stuhl zurück, stand auf und ging zum Fenster. Dort beugte sie sich vor, bis ihre Stirn das kalte Glas berührte. Ihr war heiß und ihr Herz pochte wild. Sie konzentrierte sich auf die Kühle auf ihrer Haut und versuchte nachzudenken. Wenn es keine andere Frau war und nicht DataPro, was dann?
Schulden. Sie löste die Stirn von dem Glas und richtete sich kerzengerade auf. Was, wenn er Schulden hatte? Ja, das konnte schon eher sein. Das klang sehr viel wahrscheinlicher als der Gedanke, er hätte eine andere. Was, wenn er Schulden hatte und sich deswegen schämte und den Gedanken nicht ertrug, sie könnte es erfahren?
Mark scheute sich nicht, Risiken einzugehen; das hatte sie von Anfang an gewusst. Man musste sich nur die Firma ansehen, DataPro: Wie viele andere dreiundzwanzigjährige Uniabsolventen stellten zwei Altersgenossen ein, mieteten Büros in London und boten den großen Finanzmächten des Londoner Banken- und Finanzviertels ihre Dienste an? Den Nerv für so etwas besäße sie nie im Leben. Sie hatte sich in Firmen, bei denen andere die finanziellen Risiken eingingen, nach oben gearbeitet und war am Ende des Monats bezahlt worden. Auf die Idee, eine eigene Firma zu gründen, wäre sie in diesem Alter nicht gekommen.
Ja, er war irgendein finanzielles Risiko eingegangen, was er jetzt bedauerte – die Idee setzte sich fest. Er liebte die Gefahr und forderte gern sein Glück heraus: Das hatte sie schon an dem ersten Nachmittag in Montauk gesehen, als er viel zu weit hinausgeschwommen war. Die Strömung war stark; selbst sichere Schwimmer kamen gelegentlich nicht dagegen an. Mark war vierzig, körperlich kein großer Draufgänger mehr, wie er sagte, doch seine Freunde, die Kwiatkowskis, hatten ihr kürzlich bei einem Abendessen von den Skireisen erzählt, die sie zusammen unternommen hatten, bevor ihre Söhne Charlie und Paddy auf der Welt waren.
»Also, wir sind zwar zusammen in Urlaub gefahren«, hatte Pippa gesagt und die Ellbogen behutsam zwischen Gläser und leere Käseteller auf den Tisch gestützt, »aber Mark haben wir erst nach Einbruch der Dunkelheit zu sehen bekommen. Dan und ich sind gemütlich auf den blauen Pisten gefahren und haben allen Mut zusammengenommen, um uns am dritten Tag mal auf eine rote Piste zu wagen. Mark haben wir vom Lift aus gesehen, wie er ganz in Schwarz wie der Mann aus der Milk-Tray-Werbung auf seinem Snowboard vorbeisauste, als wären die Höllenhunde hinter ihm her.«
»Eines Nachmittags«, fuhr Dan fort, »habe ich ungelogen darüber nachgedacht, wie man seinen Leichnam in die Heimat überführt … Müssten wir uns an die Botschaft wenden, um das zu regeln, oder an die Versicherung? Pippa und ich waren ganz stolz auf uns, denn wir waren gerade eine haarige rote Piste runtergefahren und wollten …«
»Haarig!«, warf Mark lachend ein. »Das war ein Anfängerhügel.«
»Es war die schwierigste der roten Pisten, Alter. Egal, wir wollten mit dem Lift wieder rauf, und da sahen wir ihn die schwarze Piste runterkommen. O Mann …« Dan schüttelte den Kopf. »Eine Seite der Piste war ziemlich glatt, irre steil, klar, aber wenigstens mit Schnee bedeckt. Die andere Hälfte … Im Grunde war es bloß ein Felshang mit ein bisschen Schnee hier und da, wo überhaupt genug Fläche war, dass er liegen bleiben konnte. Nicht zu vergessen, dass es die erste Woche war, in der dein Mann überhaupt auf einem Snowboard stand … Wir sahen also zu, wie er auf dem Ding da runterkam, und das Board hatte schätzungsweise gerade mal sechsmal Kontakt mit dem Hang. Er hüpfte von einem nackten Felsbrocken zum nächsten … Mir wurde schon vom Zusehen übel.«
Hannah blickte auf den Fluss, und ihr Herzschlag beruhigte sich etwas. Schulden … Wenn es Schulden waren, wie war er da reingeraten? Eine Fehlinvestition? Dass etwas Unkompliziertes schiefgelaufen war, war unmöglich. Wenn er Geld in einen Investmentfonds gesteckt hätte oder so und der wäre abgestürzt, wäre er nicht mit Schulden zurückgeblieben, dann hätte er nur verloren, was er investiert hatte. Und für so etwas hätte er erst einmal Geld haben müssen. Man borgte sich kein Geld, um so eine Investition zu tätigen, dazu waren die Erträge nicht hoch genug. Man musste die ganzen Gebühren zahlen und dann die Zinsen für den Kredit, bevor man überhaupt daran denken konnte, Gewinn zu machen. Außerdem war sie überzeugt, dass Mark einen Investmentfonds als biedere, langfristige Investition betrachten würde, stabil, nicht sonderlich spektakulär. Nein, für so etwas hatte er definitiv keinen Kredit aufgenommen.
Etwas mit höherem Risiko, weniger reguliert. Hatte er sich auf Börsenwetten eingelassen? Damit konnte man sich sehr schnell sehr ernsthaft in Schwierigkeiten bringen. Sie hatte gelesen, dass man so ein Konto bei einem Online-Broker eröffnen konnte, und dann fing man an, ohne irgendwelches Geld einzuzahlen, und führte nur sein Konto, bis sie einen aufforderten abzurechnen. Man setzte darauf, ob Kurse um einen halben Punkt rauf- oder runtergingen – Aktien, Rohstoffe, Währungen, was auch immer lief –, man wettete auch gegen sich selbst, um das Risiko zu streuen, jeden Tag neu, jede Stunde, ja, sogar jede Minute. Was, wenn er mit so etwas angefangen hatte? Sie konnte sich durchaus vorstellen, wie Mark im Büro saß und online mit dem Markt spielte, allein um des Nervenkitzels willen. Vielleicht hatte er es gemacht und sich verkalkuliert, vielleicht war er auch weggerufen worden, um etwas Dringendes zu erledigen, ohne seine Positionen zu schließen, und als er zurückgekommen war, war er mit Tausenden in den Miesen.

Lucie Whitehouse

Über Lucie Whitehouse

Biografie

Lucie Whitehouse wurde 1975 in England geboren, studierte klassische Literatur an der Oxford University und lebt mittlerweile in Brooklyn, New York. Dies ist ihr dritter Roman.

Pressestimmen

Rhein-Neckar-Zeitung

»Auch ohne Schockeffekte erzeugt Lucie Whitehouse in ihrem Buch Hochspannung und eine beklemmende Atmosphäre.«

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