Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Eine neue Hüfte ist wie ein neues Leben

Eine neue Hüfte ist wie ein neues Leben

Roman

E-Book
€ 7,99
€ 7,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Eine neue Hüfte ist wie ein neues Leben — Inhalt

Eigentlich sollte es für die fünf Müller-Schwestern in den Sommerferien zum Radwandern in die Lüneburger Heide gehen. Doch dann ändern die Tanten ihre Pläne und fliegen nach Gran Canaria! Sie wollen ihrem Neffen Toni eine Freude machen. Seit seinem Ausscheiden aus einer Vorabendserie ist der arme Junge nämlich gezwungen, sich als Alleinunterhalter in einem All-Inclusive-Hotel zu verdingen. Weit weg von Zuhause muss er schreckliches Heimweh haben. Was gibt es da besseres als einen Überraschungsbesuch der Familie?

€ 7,99 [D], € 7,99 [A]
Erschienen am 15.09.2014
256 Seiten, NDEPUB
EAN 978-3-492-96618-4

Leseprobe zu »Eine neue Hüfte ist wie ein neues Leben«

1

 

Ein einziger Irrgarten war das hier. Kilometerlange Hallen, Wegweiser, Treppen, Aufzüge. Und überall wimmelte es von Menschen, die herumwuselten wie die Ameisen. Mit den vielen Schildern konnte man auch nichts anfangen. Da waren nur Nummern drauf, Buchstaben und seltsame Symbole wie bei einer Schnitzeljagd. Wer sollte sich denn in so einem Labyrinth zurechtfinden? Ebba jedenfalls war mit ihrem Latein am Ende.

»Helga!«, wandte sie sich an ihre Schwester. »Du bist doch schon mal geflogen. Mit deinem Wolfgang nach Mallorca damals. Du weißt, wie das [...]

weiterlesen

1

 

Ein einziger Irrgarten war das hier. Kilometerlange Hallen, Wegweiser, Treppen, Aufzüge. Und überall wimmelte es von Menschen, die herumwuselten wie die Ameisen. Mit den vielen Schildern konnte man auch nichts anfangen. Da waren nur Nummern drauf, Buchstaben und seltsame Symbole wie bei einer Schnitzeljagd. Wer sollte sich denn in so einem Labyrinth zurechtfinden? Ebba jedenfalls war mit ihrem Latein am Ende.

»Helga!«, wandte sie sich an ihre Schwester. »Du bist doch schon mal geflogen. Mit deinem Wolfgang nach Mallorca damals. Du weißt, wie das hier geht.«

Helga sah von ihrem rosafarbenen Koffer auf und schob würdevoll ihre Sonnenbrille im Haar zurecht.

»Also, das ist ganz einfach«, sagte sie, aber ihr ratloser Blick sprach eine andere Sprache. »Wir müssen erst zu unserem Gate, genau, und dann am Terminal unsere Koffer abgeben.«

»Schon klar, aber woher wissen wir, wo unser Gate ist?«

»Das hängt mit der Flugnummer zusammen. Wir müssen einfach beim Boarding nachfragen. Die wissen das.«

Helga wirkte nicht so, als wüsste sie so genau, wovon sie sprach. Wieder ließ Ebba den Blick durch die riesige Halle gleiten. Vielleicht hätten sie lieber nicht von Düsseldorf fliegen sollen. Gleich beim ersten Flug in ihrem Leben ein so großer Flughafen.

»Dann müssen wir also zuerst zu den Leuten vom Boarding.«

Sie sah auf die Uhr. Nur noch vier Stunden bis zum Flug. Waren sie nicht viel zu spät dran? Hätten sie nicht doch früher kommen sollen? Nachher reichte wieder die Zeit nicht. Sie spürte, wie sich ihr Brustkasten verengte. Jetzt nur nicht hektisch werden, Ebba, sagte sie sich. Damit machst du alles nur noch schlimmer.

»Wo bleibt denn nur Kamilla?«, presste sie hervor. »Muss die immer zu spät kommen? Furchtbar ist das.«

Sie hätten alle zusammen herfahren sollen. In einem Auto, so wie Ebba es vorgeschlagen hatte. Aber Kamilla musste ja selbst am Steuer sitzen, in ihrem eigenen Auto, sonst wurde ihr schlecht während der Fahrt. Das war typisch für sie. Immer diese Extrawürstchen.

»Sie muss gleich da sein«, kam es von Immi, die sich an einem Geländer abstützte. Sie griff sich an die Hüfte, als wollte sie die Schmerzen lindern. »Kamilla und Heinz waren direkt hinter uns.«

»Geht’s dir nicht gut?«, erkundigte sich Ebba.

»Nein, nein, geht schon. Alles in Ordnung, Ebba. Du kennst mich. So schnell haut die gute Immi nichts um.«

»Wir sollten einfach hier stehen bleiben«, meinte Helga. »Heinz darf vorm Eingang nicht parken. Kamilla wird schnell aus dem Auto springen und ihn ans Steuer lassen.«

Immi sah sich um und steuerte mit steifen Bewegungen eine Bank an. »Tut mir leid, aber ich kann nicht mehr. Meine Hüfte bringt mich um.« Mit einem Stöhnen setzte sie sich. »Wer sagt’s denn? Jetzt geht’s wieder.«

In zwei Wochen würde sie operiert werden. Sie sollte ein neues Hüftgelenk bekommen. Ebba hatte sich gefragt, ob es wirklich eine gute Idee war, ausgerechnet jetzt mit Immi in den Urlaub zu fahren. Aber ihre Schwester hatte nur gelacht. »Wir wollen schließlich nicht bergsteigen, Ebba. Wir liegen den ganzen Tag am Pool und machen gar nichts. Das ist doch kein Problem.«

Auf der Bank schien es ihr gleich viel besser zu gehen. Sie strahlte Ebba begeistert an. »Die vier Müller-Schwestern auf großer Fahrt. Ist das nicht wunderbar? Wann waren wir das letzte Mal zusammen unterwegs? Helene Bruns war ja ganz beleidigt, dass wir nicht wie geplant mit den Landfrauen in die Lüneburger Heide sind. Aber ich hab zu Helene gesagt, Helene, sag ich, wer will denn in die Lüneburger Heide, wenn er nach Gran Canaria kann? Du etwa? Das hat sie ganz fuchsig gemacht. Ich weiß schon, das war nicht gerade nett von mir, aber ich hab noch gemeint: Wir haben da unten halt Familie, da kann man nichts machen. Aber grüß mir deine Schwester in der Lüneburger Heide. Ich sage euch, die ist ganz grün geworden vor Neid. Wenn ihr mich fragt: Das hat sie nun davon. Sie hat ja nie ein gutes Haar an unserem Toni gelassen. Als wenn Toni was dafür gekonnt hätte, dass er anders war als die anderen Jungen. Ich meine, seht euch doch den Sohn von Helene an, den Max. Ich weiß noch, als der in die Schule gekommen ist. Wisst ihr, was der am ersten Tag zu seiner Lehrerin gesagt hat?«

»Immi, sei mal kurz ruhig«, meinte Ebba und ließ ihren Blick über die Wegweiser schweifen. »Helga, kannst du dich noch erinnern, in welche Richtung ihr zuerst gegangen seid, damals, als ihr nach Mallorca geflogen seid?«

»Das war was mit Boarding. Und dann Terminal.«

Immi streckte das eine Bein aus und rieb über ihre Hüfte. »Schule ist unnötig, hat er gesagt, der Max. Hier lernt man nicht, wie man Geld macht. Das muss sich mal einer vorstellen. Hat er natürlich zu Hause gehört, bei seinem Vater. Aber der Max, der stellt sich dann vor allen Leuten hin und plaudert das aus.«

»Was denn für ein Terminal?«, fragte Ebba. »Da vorne auf dem Schild steht was mit Terminal soundso.«

»Dann müssen wir da hin.«

»Bist du dir sicher, Helga?«

»Ja, ganz sicher.«

»Wenn ihr mich fragt, soll sich die Helene lieber um ihren eigenen Sohn Sorgen machen«, fuhr Immi fort. »Jetzt, wo wir unter uns sind, kann ich’s ja sagen: Einen Porsche fahren ist nämlich nicht alles. Der Max hat ja jetzt die Scheidung durch, seine zweite Frau war das schon, und außerdem …«

In diesem Moment verstummte Immi und sah auf. Kamilla war plötzlich aufgetaucht, lautlos wie eine dunkle Wolke. Sie wirkte so abgekämpft, als hätte sie es mit allerletzter Kraft zum Flughafen geschafft. Das Ganze nahm sie sichtlich mit, dabei waren sie ja noch gar nicht losgeflogen. Sie würden sich auf einiges gefasst machen müssen.

Ebba fragte sich, was wohl gerade in Kamillas Kopf vorging. Ihre Schwester war nämlich etwas speziell. Sie brauchte Ordnung in ihrem Leben, um es mal vorsichtig zu sagen. Sie putzte ständig. Wusch sich gern die Hände. Sortierte alles nach komplizierten Systemen. Sie zählte, bildete Quersummen und stellte Bezüge her. Auf diese Weise ordnete sie die Welt. Und trieb alle Menschen um sich herum regelmäßig in den Wahnsinn.

Dieser Urlaub bedeutete Stress für sie, das war klar. Aber Kamilla hielt sich demonstrativ aufrecht, mit einem Blick, den Ebba nur zu gut kannte. Die kleine Märtyrerin. Aufrecht stehen und weitermachen, egal was passiert.

»Was willst du denn mit den Koffern?«, fragte Helga und deutete auf die beiden riesigen Hartschalenkoffer, die Kamilla hinter sich herzog. »Die kannst du nicht mitnehmen. Nur zwanzig Kilo, das haben wir doch gesagt.«

Kamilla sah irritiert zu ihrem Gepäck. »Dann nehme ich halt einen ins Handgepäck.«

»Da gehen nur acht Kilo«, meinte Helga. »Und die Tasche darf nicht länger als sechzig Zentimeter sein.«

Natürlich, da kannte Helga sich genauestens aus. Auch wenn sie nicht wusste, wo man eincheckte. Ebba schüttelte grimmig den Kopf. Das war mal wieder typisch. Helga hatte Tage damit zugebracht, die passende Strand- und Abendgarderobe einzupacken. Fast eine ganze Woche ohne ihren kontrollsüchtigen Ehemann, das musste gefeiert werden. Da wurde jedes Gramm Gepäck verplant. Aber wenn es darum ging, sich am Flughafen zu orientieren, war sie wirklich keine Hilfe.

»Ich hab doch nur das Nötigste eingepackt«, meinte Kamilla. »Wirklich.«

»Was hast du denn alles darin?«, fragte Ebba.

»Ich sag doch, nur das Nötigste. Mein Desinfektionsset, wegen der Toiletten. Und etwas Nachtwäsche. Das war’s eigentlich schon. Also quasi gar nichts.«

»Zeig mal her, ich seh mir das an!«

Ebba wollte nach einem der Koffer greifen, doch Kamilla stellte sich ihr in den Weg. Nervös sah sie sich in der Halle um. Da waren überall Leute. Doch Ebba nahm keine Rücksicht darauf.

»Nein, Ebba, das ist … hör auf, das … Ebba!«

Ein Gezerre um den Koffer entstand. Ebba wollte nach dem Griff schnappen, doch dann hatte sie plötzlich eine Schnalle in der Hand. Im nächsten Moment sprang der Koffer auf. Mit einem lauten Rums. Mitten in der Halle.

Die Schwestern rückten näher und starrten verwundert in den Koffer. Ebba konnte es nicht glauben. Kamilla hatte einen ganzen Drogeriemarkt eingepackt. Putz- und Desinfektionsmittel in allen denkbaren Größen und Ausführungen. Plastikhandschuhe, Mundschutz, eine Klobürste. Bett- und Tischwäsche. Einen Wasserkocher. Rohrreiniger.

Keine der Schwestern sagte etwas. Dann fischte Ebba eine Flasche Möbelpolitur hervor und hielt sie Kamilla entgegen.

»Was willst du denn damit?«

Kamilla wurde kleinlaut. »Man weiß ja nie, wo man hinkommt. Ich will für alle Eventualitäten gerüstet sein. Ihr wisst doch, dass ich es gern ordentlich hab.«

Was wohl die Untertreibung des Jahrhunderts war.

Helga deutete auf einen Stapel Zeitungen und ein Kreppklebeband. Ehrlich interessiert fragte sie: »Und wozu brauchst du das, Kamilla?«

»Das ist, falls man die Fenster nicht ausreichend verdunkeln kann. Dann kann ich Zeitungen an die Scheiben kleben. Ihr wisst doch, wie schlecht ich schlafe. Über so was muss ich mir eben vorher Gedanken machen, damit ich vorbereitet bin.«

»Das geht aber nicht, Kamilla«, meinte Ebba. »Das Zeug muss hierbleiben.«

»Nein! Dann zahl ich halt drauf.«

»Das hättest du vorher anmelden müssen«, meinte Helga. »Das geht nicht so kurz vorher. Die müssen das planen mit dem Gepäck.«

Kamilla stützte sich an einer Säule ab. Sie war am Ende ihrer Kraft. »Dann muss eine von euch einen Koffer hierlassen. Es geht nicht anders. Immi! Du brauchst doch nichts. Einen Badeanzug können wir dir auch vor Ort kaufen.«

Immi sah aus wie ein angeschossenes Waldtier. »Aber …«

»Ich kauf dir auch ein Kleid zum Wechseln, versprochen«, meinte Kamilla. »Bitte, Immi, du musst das für mich tun. Du kannst mich hier nicht hängen lassen.«

Ebba warf einen weiteren Blick zur Uhr. Hier verrann wertvolle Zeit.

»Schluss jetzt!«, sagte sie. »Wir klären das mit der Frau am Schalter. Vielleicht lässt sich ja doch noch was machen. Pack deinen Koffer zusammen, Kamilla.« Sie blickte sich um. »Also. Wo müssen wir hin, Helga?«

»Zum Boarding-Terminal.«

»Gut. Ihr habt es gehört. Dann los!«

Und damit setzten sie sich in Bewegung.

 

 

 

2

 

Die Idee mit der Urlaubsreise war beim Kegelabend in der Gaststätte Mühlenkamp entstanden, wo sich die Müller-Schwestern einmal im Monat gemeinsam mit Immis Nachbarin Gisela Bertling trafen. Gisela hatte sie auf das Thema gebracht, nachdem sie drei Mal hintereinander Rinne geworfen hatte – was in der Tradition ihres Kegelabends bedeutete, dass sie eine Runde Aufgesetzten ausgeben musste.

»Nicht schon wieder!«, sagte sie und ließ sich auf die Bank fallen. »Da muss ich wohl noch eine Runde schmeißen.«

Doch statt mit der Bestellung in den Wirtsraum zu gehen, wechselte sie das Thema. »Sagt mal, wie geht’s eigentlich eurem Toni? Seit der nicht mehr im ›Männerknast‹ mitspielt, gucken Alfons und ich uns die Serie nicht mehr an. Ich finde die jetzt langweilig. Kommt der noch mal in die Serie zurück?«

»Wie soll der denn zurückkommen?«, meinte Kamilla. »Toni ist beim Ausbruch erschossen worden. Oder vielmehr Willi, so hieß er ja. Ich mein, tot ist tot, oder?«

»Na ja. Bobby ist damals einfach aufgewacht, und da waren die letzten fünfzig Folgen von ›Dallas‹ nur ein Traum gewesen.«

»Nein, Gisela. Das ist endgültig. Toni kommt nicht mehr zurück.«

»Wirklich eine Schande. Das hat uns immer so gut gefallen, wenn er im Fernsehen war. Wann hat man das schon mal, dass man da einen persönlich kennt?«

»Ihm geht’s gut«, sagte Ebba, um das Thema zu beenden. Gisela musste nicht unbedingt erfahren, was seitdem passiert war. »Eine Runde Aufgesetzten also.«

»Spielt der denn mal woanders mit?«, fragte Gisela weiter. »Wenn ja, dann müsst ihr mir unbedingt Bescheid sagen.«

Ebba presste die Lippen aufeinander. Sie versuchte, die Schwestern mit einem finsteren Blick zum Schweigen zu bringen, doch vergebens.

»Der arme Junge ist arbeitslos«, sagte Immi. »Schon seit Monaten. Furchtbar ist das.«

»Es liegt am Geschäft«, sagte Kamilla. »Knallhart geht es da zu. Heute bist du ganz oben, und morgen kannst du schon wieder abstürzen. Das ist wirklich nicht einfach.«

»Arbeitslos?«, fragte Gisela erschrocken. »Aber was wird denn jetzt aus ihm? Der Junge hat doch nichts anderes gelernt, oder?«

»Er ist nicht arbeitslos«, ging Ebba dazwischen. »Er hat ein Engagement. In einem Hotel. Er arbeitet als Unterhalter.«

»In einem Hotel? Und wo?«

»Auf Gran Canaria«, sagte Kamilla. »In so einem Touristenort. Das ist ein All-inclusive-Hotel.«

»Ehrliche Arbeit ist das«, sagte Ebba entschieden, um jede Kritik schon im Vorfeld zu ersticken. »Und er verdient gutes Geld.«

Wäre Toni da gewesen, hätte er sich wohl sehr über diese Schützenhilfe gewundert. Aber Ebba sagte das ja auch nur gegenüber Gisela. Schließlich wollte sie vor anderen Leuten nichts auf Toni kommen lassen.

Gisela schien jetzt endlich zu spüren, dass man über dieses Thema mit den Müller-Schwestern lieber nicht sprach. Sie stand auf und nahm ihre Handtasche.

»Dann besorge ich mal ein Tablett mit Aufgesetztem«, sagte sie und steuerte den Wirtsraum an. »Wartet auf mich, bevor ihr mit der nächsten Runde anfangt.«

Als sie allein waren, meinte Immi: »Wieso sollen wir das mit Toni denn keinem sagen? Ist das etwa schlimm? Gran Canaria ist doch eine schöne Insel. Die Bösels waren letzten Winter da – das ist ein einziger Traum dort, sagt Marianne. Und man glaubt ja gar nicht, wie günstig der Urlaub war. Aber in dem Flieger, ja, da saß man wie in einer Sardinenbüchse, sagt die Marianne. Das muss schlimm gewesen sein. Und als sie gelandet sind, da …«

»Ich finde auch, dass das mit Toni jeder wissen darf«, ging Kamilla dazwischen. »Deine Tochter hat jahrelang auf Juist im Hotel gearbeitet. Das ist doch ehrliche Arbeit. Hast du gerade selbst gesagt.«

Ebba hatte anfangs auch gefunden, dass Tonis Engagement auf Gran Canaria ehrliche Arbeit war. Aber dann hatte sie erfahren, was der Sohn von Helene Bruns gesagt hatte. Max, der in München bei einer Medienagentur arbeitete und auf Heimatbesuch gerne mit seinem blöden Angeberporsche so lange durch Papenburg knatterte, bis ihn auch jeder gesehen hatte. »Peinlich«, hatte Max über Tonis Engagement gesagt. »Wer so was macht, der ist ganz unten angekommen. Das ist schlimmer als Taxifahren.«

Und Helene hatte sich das Ganze mit stiller Genugtuung angehört. Das war typisch für sie. Sicher freute sie sich insgeheim darüber, dass ihr Junge so erfolgreich war und Toni nicht.

Ebba hoffte ja immer noch, diese Schauspielerei sei nur eine Phase. Toni war doch in einem Alter, wo sich so was noch ändern konnte. Natürlich, er hatte ein Talent, das war auch ihr nicht verborgen geblieben. Schon als Kind war das so gewesen. Wenn er eine Aufführung mit dem Schultheater hatte, dann hatte man immer den Eindruck gehabt, als sei es gar nicht Toni, sondern ein anderer Mensch, der da oben auf der Bühne stand. Beeindruckend war das gewesen, keine Frage. Aber deshalb musste man doch nicht gleich einen Beruf daraus machen.

Eine Zeit lang hatte Toni sich irgendwie durchgeschlagen, doch dann war plötzlich der Erfolg in dieser Vorabendserie gekommen. Plötzlich war er berühmt gewesen, und alle hatten sein Gesicht gekannt. Auch das war im Grunde schrecklich gewesen. Man konnte mit ihm nicht mehr in Ruhe in der Papenburger Eisdiele sitzen, ohne dass er alle fünf Minuten von irgendjemandem angesprochen wurde. Als wäre er Franz Beckenbauer. Oder Angela Merkel. Nur wegen so einer dummen Vorabendserie.

Aber so schnell, wie der Ruhm gekommen war, so schnell war er wieder vorbei gewesen. Und Toni war plötzlich arbeitslos gewesen. Ebba hatte gehofft, dass er nun vielleicht endlich eine Umschulung machen würde. Das hatte sie ihm immer wieder vorgeschlagen. Es gab doch eine Menge Möglichkeiten. Er war als Kind immer so gut in Mathe gewesen. Wäre denn da eine Ausbildung bei der Sparkasse nicht das Passende? Aber was das anging, konnte Toni richtig dickköpfig sein. Sie hatte keine Ahnung, von wem er diese Sturheit hatte.

Es war auch nicht das erste Mal, dass das so lief. Damals nach der Schule hatte er unbedingt nach Berlin gemusst. Alles andere war egal, Hauptsache Berlin. Nach seiner Ausbildung an der Schauspielschule war er dann schon mal arbeitslos gewesen, und als da das Angebot vom Staatstheater Oldenburg gekommen war – nur wenige Kilometer von seiner alten Heimat entfernt! –, da hatte er glattweg abgelehnt. Einen gut bezahlten Job. Oldenburg war dem Herrn damals wohl nicht trendig genug gewesen. Das hatte wirklich keiner verstanden.

Und heute würde er – selbst wenn er wollte – nicht mehr nach Oldenburg kommen können. Seit seiner Rolle in »Aufruhr im Männerknast« haftete ihm ein gewisser Makel an. Die Kulturleute in Oldenburg fanden nun, dass er nicht mehr dem Stil des Theaters entsprach. Das hatte jedenfalls ihre Freundin Brigitte gesagt, die im Theater an der Kasse arbeitete und jeden Tratsch im Haus mitbekam. Diese schnöseligen Kulturfritzen.

Aber so waren sie, die jungen Leute heutzutage. Es ging nur um Party und Selbstverwirklichung. Ebba hatte schon immer gesagt: Man muss hingehen, wo die Arbeit ist. Da muss man halt auf Berlin verzichten. Und offenbar hatte Toni das inzwischen begriffen. Nach einer Menge von Niederlagen. Er hatte zwar seine Wohnung in Berlin noch nicht gekündigt, aber er arbeitete auf unbestimmte Zeit als Entertainer auf der Urlaubsinsel.

»Wie es ihm jetzt wohl geht?«, meinte Kamilla, während sie am Tisch saßen und auf Gisela warteten. »Ob er sich da unten wohlfühlt?«

»Er muss auf jeden Fall furchtbares Heimweh haben«, sagte Immi. »Ganz allein auf dieser Insel. Für vierzehn Tage mag das ja gehen. Aber Toni ist schon zwei Monate da. Und solange sich nichts an seiner Situation ändert, wird er wohl auch da bleiben. Der arme Junge. Dabei kennt er da unten doch keinen.«

»Und er ist so sensibel«, fügte Kamilla hinzu. »Das war er schon immer.«

»Eigentlich sollten wir ihn da unten besuchen«, meinte Immi. »Wir würden ihm eine solche Freude damit machen!«

»Ja, das wär was!«, meinte Helga. »Wir Müller-Schwestern auf Gran Canaria.«

Und dann sprachen alle durcheinander.

»Wir könnten seelische Unterstützung leisten.«

»Wir könnten ihn in seiner Show anfeuern!«

»Oder wir machen unsere Rommé-Abende, so wie früher, als er noch zur Schule gegangen ist.«

»Wir könnten ihm sein Lieblingsessen kochen!«

»Sauerbraten mit Rotkohl und Salzkartoffeln.«

»Er wird sich wie zu Hause fühlen.«

»Richtig! Essen ist das beste Mittel gegen Heimweh!«

»Und jeden Abend würden wir im Publikum sitzen. Wir wären seine größten Fans!«

Ebba ging dazwischen. »Stopp, stopp! Hört schon auf damit. Ihr wisst genau, dass das nichts wird.«

Die anderen wurden still. Natürlich wussten sie das.

»Wir werden niemals alle zusammen eine Woche freikriegen«, sagte Immi. »Bei uns auf dem Hof geht das ja auch gar nicht, da werde ich gebraucht. Was sollen wir denn den Kühen erzählen?«

»Bei mir ist es das Gleiche«, meinte Ebba. »Ewald wird mir was flöten, wenn ich noch mal wegwill.«

»Aber eine schöne Vorstellung ist es schon, nicht wahr?«, meinte Kamilla.

Eine Weile herrschte Schweigen.

»Ich hab’s!«, rief Helga auf einmal und sah begeistert in die Runde. »Ich hab die Idee!«

»Spuck’s schon aus«, sagte Ebba.

»Wir haben uns schon freigenommen. Genau eine Woche.«

Zuerst verstand Ebba nicht. Aber dann fiel der Groschen. Die Urlaubsfahrt der Landfrauengruppe, zu der sie sich angemeldet hatten. Radwandern in der Lüneburger Heide. Die Reise war schon seit Ewigkeiten geplant, eben weil es in der Landwirtschaft so schwer war, sich eine Woche freizuschaufeln.

»Du meinst …?« Ebba stockte.

»Die Landfrauen können ohne uns fahren«, meinte Helga. »Schließlich geht es um unseren Neffen. Da haben die sicher Verständnis. Familie geht vor.«

Ebba sah in die Runde. Die Gesichter der anderen hellten sich auf. Begeisterung flackerte in ihren Augen auf. Eben war es noch eine fixe Idee gewesen, aber jetzt bot sich plötzlich eine Möglichkeit.

Die Tür flog auf, und Gisela kam mit einem Tablett in der Hand herein. Als sie die Müller-Schwestern so einträchtig und gut gelaunt am Tisch sitzen sah, blieb sie stehen und sah sie fragend an.

Ebba begann zu lachen. Dann winkte sie Gisela zu sich.

»Komm her, Gisela. Es gibt was zu feiern.«

»Ach so? Was denn?«

»Wir fliegen nach Gran Canaria.«

Über Alex Steiner

Biografie

Alex Steiner, geboren 1973 in der westdeutschen Provinz, hat es nie bereut, in die Großstadt gezogen zu sein. Und seine zahlreichen Tanten feiern auf dem Berliner CSD inzwischen genauso ausgelassen wie auf dem heimischen Schützenfest.

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden