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Eine Liebe in BlackmooreEine Liebe in Blackmoore

Eine Liebe in Blackmoore

Roman

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Eine Liebe in Blackmoore — Inhalt

England, 1820. Kate Worthington hat sich geschworen, niemals zu heiraten. Sie möchte frei sein und die Welt bereisen. Ihre Mutter missbilligt das, schließlich ziemt sich das nicht für eine junge Frau. Als Kate jedoch auf das Anwesen Blackmoore eingeladen wird, lässt sie sich auf eine Wette mit ihrer Mutter ein: Gelingt es Kate, drei Heiratsanträge in Blackmoore zu bekommen – und sie alle abzulehnen –, ist sie frei. Wenn nicht, entscheidet ihre Mutter über ihre Zukunft. Ein Kinderspiel, denkt Kate. Doch kaum in Blackmoore angekommen, merkt sie, dass es gar nicht so leicht ist, in wenigen Tagen drei Männerherzen zu erobern – und zu brechen. Und als sie schließlich einen Antrag bekommt, stellt sie mit Entsetzen fest, dass ihr Herz etwas ganz anderes will als ihr Verstand ...

€ 16,00 [D], € 16,50 [A]
Erschienen am 03.04.2018
Übersetzer: Heidi Lichtblau
368 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-86612-450-9
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 03.04.2018
Übersetzer: Heidi Lichtblau
368 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-99007-3

Leseprobe zu »Eine Liebe in Blackmoore«

1. Kapitel

Lancashire, England, Juli 1820

 

Die Waldlerche kündet von Herzeleid. Der melodische Gesang der Misteldrossel zeugt von ihrer Kühnheit. Und das Lied der Amsel gleicht dem fröhlichen Pfeifen eines Heimkehrers.

An diesem Tag war es die Waldlerche, die mich in meinem unsteten Umherwandern innehalten ließ und ans Fenster lockte. Ich lehnte mich hinaus, lauschte ihrer Geschichte von Herzschmerz und Kummer und spürte, wie meine Ruhelosigkeit für einen kurzen Moment nachließ. Das Lied mit seiner abfallenden Tonfolge endete nie glücklich, ganz [...]

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1. Kapitel

Lancashire, England, Juli 1820

 

Die Waldlerche kündet von Herzeleid. Der melodische Gesang der Misteldrossel zeugt von ihrer Kühnheit. Und das Lied der Amsel gleicht dem fröhlichen Pfeifen eines Heimkehrers.

An diesem Tag war es die Waldlerche, die mich in meinem unsteten Umherwandern innehalten ließ und ans Fenster lockte. Ich lehnte mich hinaus, lauschte ihrer Geschichte von Herzschmerz und Kummer und spürte, wie meine Ruhelosigkeit für einen kurzen Moment nachließ. Das Lied mit seiner abfallenden Tonfolge endete nie glücklich, ganz gleich, wie oft ich die Waldlerche singen hörte.

Kein Vogelgesang gefiel mir so gut wie ihrer, doch heute machte mich die traurige Weise nervös. Ich trat vom Fenster zurück und warf einen weiteren Blick auf die Uhr am Kaminsims. Erst drei! Ich verfluchte das langsame Kriechen der Zeit an diesem Tag, der außer Warten nichts für mich bereitzuhalten schien. Es dauerte noch etliche Stunden, bis die Nacht anbrach und ich mich schlafen legen konnte, um tags darauf endlich nach Blackmoore aufzubrechen. Eigentlich hätte es mir nichts ausmachen dürfen, mich gedulden zu müssen – schließlich wartete ich schon mein Leben lang auf einen Besuch in Blackmoore. Doch an diesem letzten Tag kam es mir unerträglich vor.

Ich öffnete meinen Reisekoffer, nahm die Mozartnoten heraus, die ich dort am Morgen schon verstaut hatte, und verließ mein Gemach. Draußen hörte ich lautes Gejammer. Ich eilte den Gang entlang und hastete die Treppe hinunter, wo ich um ein Haar über Maria gestolpert wäre, die bäuchlings auf einer Stufe lag.

»Was ist denn los? Was ist passiert?« Ich beugte mich über sie und malte mir im Geiste allerhand Katastrophen aus, die meiner jüngeren Schwester zugestoßen sein mochten, während ich in meinem Zimmer ziellos umhergelaufen war.

Sie rollte sich zu mir herum. Das dunkle, wellige Haar klebte ihr an den feuchten Wangen, und sie schluchzte so heftig, dass sich ihre Brust hob und senkte. Ich packte sie am Arm und schüttelte sie leicht. »Erzähl schon, Maria! Was ist passiert?«

»Mr Wilkes ist abgereist und kehrt womöglich nie mehr zurück!«

Ich lehnte mich zurück und betrachtete sie ungläubig. »Ernsthaft? Du weinst wegen Mr Wilkes?«

Sie antwortete mit einem weiteren Schluchzer.

Ich zog mein Taschentuch aus der Tasche und drückte es ihr in die Hand. »Komm, Maria. Kein Mann ist so viele Tränen wert.«

»Mr Wilkes schon!«

Das wagte ich zu bezweifeln. Ich wollte ihr das Gesicht mit dem Taschentuch abtupfen, doch sie stieß meine Hand weg. »Du weißt schon, dass es zum Weinen bequemere Orte gibt als die Treppe?«, bemerkte ich seufzend.

»Mama! Kitty ist wieder garstig zu mir!«, schrie sie und ballte die Hände zu Fäusten.

»Kate!«, erinnerte ich sie. »Und ich bin nicht garstig. Nur praktisch veranlagt. Apropos praktisch …« Wieder näherte ich mich mit dem Taschentuch ihrem Gesicht. »Wie kann man mit so viel Flüssigkeit im Gesicht überhaupt atmen?«

Wimmernd schob sie das Taschentuch weg. »Bleib mir mit deiner praktischen Veranlagung vom Hals. Ich will sie nicht!«

»Natürlich nicht.« Mir riss der Geduldsfaden. »Lieber liegst du auf der Treppe und heulst einem Mann hinterher, dem du nur fünfmal begegnet bist.«

»Mama! Kitty ist wieder unerträglich!«, kreischte sie und funkelte mich an.

Nun wurde es mir endgültig zu bunt. »Ich heiße Kate! Nach Mama kannst du im Übrigen lange rufen, die ist unterwegs und macht Aufwartungen. Und wenn du nicht Vernunft annehmen willst, dann will ich dich auch nicht trösten. So, nun entschuldige mich bitte. Ich muss ein Mozartkonzert üben.«

Maria fixierte mich mit ihrem Blick und rührte sich kein Stück, sodass ich gezwungen war, mich am Geländer festzuhalten und über sie hinwegzuspringen, um den Treppenfuß zu erreichen. Mit einem angewiderten Kopfschütteln betrat ich den Salon und zog die Tür fest hinter mir zu. Im nächsten Moment setzte sich das Klagen meiner Schwester fort, schrill und laut. Meine Katze, die auf dem Pianoforte kauerte, machte einen Buckel und stimmte mit ein. Ich warf ihr einen empörten Blick zu. »O nein, nicht du auch noch!«

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, Mozart falsch zu spielen, hingegen nur eine richtige. Nämlich so präzise, als ginge es um eine mathematische Gleichung, und in regelmäßiger Manier, als sei jeder Ton ein kleiner, gehorsamer Soldat, der nur seine vorgegebene Zeit beanspruchen dürfe. Für den verstörenden Einfluss der Leidenschaft gab es bei Mozart keinen Platz. Ebenso wenig wie für eine Katze namens Cora, die sich in dem Wunsch, dem Lärm zu entfliehen, an meine Schulter krallte. Und ganz gewiss gab es bei Mozart keinen Platz für Schwestern, die genau dann vor der Salontür greinten, wenn ich zu üben versuchte.

Nachdem ich mich etliche Minuten abgemüht hatte, Marias lautes Gewimmer zu übertönen, spielte ich Mozart eindeutig verkehrt, ja, ich hämmerte mit so viel Leidenschaft auf die Tasten ein, dass mir ein Fingernagel brach.

»Verflixt!«, murmelte ich, und aus der Halle ertönte ein weiterer Schluchzer. Ich legte den Kopf zurück und brüllte: »So sollte man Mozart nicht spielen! Er würde sich im Grabe herumdrehen, wenn er das hören müsste!«

Vor der Tür waren eilige Schritte zu hören, und Marias Schluchzen verwandelte sich in klagendes Gebrabbel. »Kitty war so garstig, Mama! Sie hat kein Mitleid mit meinem Liebeskummer und sagte, ich solle anderswo heulen, wo doch jeder sehen kann, dass ich in diesem Moment einfach weinen musste und mich zufällig gerade in der Nähe der Treppe aufhielt, als es mich überkam, und ich mir den Ort also nicht etwa ausgesucht habe …«

»Oh, nicht jetzt, Maria!«

Beim Klang der Stimme meiner Mutter sprang Cora von meiner Schulter zu Boden, schoss wie ein Blitz durch den Raum und versteckte sich unter einem Stuhl. Im nächsten Moment flog die Tür auf, und Mama kam hereingerauscht. Sie hatte sich nicht einmal die Zeit genommen, die Haube abzulegen, und atmete so heftig, dass sich ihre Brust in fast schon ungestümer Manier hob und senkte.

»Ist das wahr?« Sie legte sich die Hand auf den wogenden Busen. »Kann das wirklich wahr sein, Kitty?«

»Kate«, erinnerte ich sie und spielte weiter. Mozart erfordert Konzentration, und ich gedachte den Umstand zu nutzen, dass sich Marias Gejammer mittlerweile zu Wimmern abgeschwächt hatte.

Doch Mama eilte umgehend zum Pianoforte und riss das Notenbuch herunter.

»Mama!« Ich schoss hoch und griff nach den Noten, doch sie wich zurück und hielt sie sich über den Kopf. Als ich ihr ins Gesicht blickte und ihre Miene sah, pochte mein Herz schneller vor Angst.

»Ist es wahr?«, fragte sie erneut mit leiser und bebender Stimme. »Hat dir Mr Cooper einen Heiratsantrag gemacht, und du hast abgelehnt? Ohne mich auch nur zurate zu ziehen?«

Ich schluckte meine Nervosität hinunter und zuckte beiläufig mit den Schultern. »Weshalb hätte ich dich zurate ziehen sollen? Du weißt, was ich von der Ehe halte.« Ich schnappte nach meinen Noten, doch Mama hielt sie nur umso höher, weshalb sie für mich, die ich ein Stück kleiner war als sie, nun unerreichbar waren. »Außerdem sprechen wir von Mr Cooper! Der schon mit einem Bein im Grab steht und vermutlich kein weiteres Jahr mehr erleben wird, wenn überhaupt.«

»Umso besser! Hätten doch alle meine Töchter solch ein Glück! Wie hast du dir diese Gelegenheit nur entgehen lassen können, Kitty?«

Angewidert schürzte ich die Lippen. »Ich habe es dir bereits mehrfach erklärt, Mama. Ich habe nicht die Absicht, irgendjemanden zu heiraten! Und nun gib mir bitte meine Noten zurück. Du möchtest doch gewiss, dass ich in Blackmoore anständig vorspiele!«

Sie kniff die Lippen zusammen, lief rot an und schleuderte meine Noten hinunter. Die Blätter landeten ungünstig auf dem Holzboden und knickten dabei um wie die Flügel eines verwundeten Vogels.

»Mama! Mozart!« Ich bückte mich und beeilte mich, die Seiten einzusammeln.

»Oh, Mama! Mozart!«, imitierte sie mich mit schriller Stimme und wedelte mit den Händen vor ihrem Gesicht herum. »Mama, ich habe keine Lust auf etwas so Vernünftiges wie eine gute Partie! Mama, ich will nur nach Blackmoore reisen, Mozart spielen und mein Leben vergeuden, anstatt die wenigen sich mir bietenden Gelegenheiten zu ergreifen!«

Ich erhob mich mit heißem Gesicht und drückte mir meine Noten an die Brust. »Ich finde nicht, dass man meine Lebensziele, sosehr sie sich von deinen auch unterscheiden mögen, als Vergeudung bezeichnen sollte …«

»Deine Lebensziele! Meine Güte, das ist ja zum Schießen!« Sie schritt vor mir auf und ab, und ihre Schuhe gaben bei jedem Schritt ein Klackern von sich, als würde sie meinen Willen zertrampeln wollen und meine Stimme desgleichen, wenn sie es denn könnte. »Was genau sind denn deine Lebensziele?«

»Du kennst sie«, murmelte ich.

Sie blieb vor mir stehen und stemmte die Hände in die Seiten. »Welche meinst du? Andere Menschen zu enttäuschen? Wertvolle Ressourcen zu verschwenden? Eine alte Jungfer zu werden wie deine Tante Charlotte?« Sie zog die dunklen Augenbrauen zusammen. »Habe ich in dich investiert, um im Gegenzug nichts zurückzubekommen – außer einem törichten Mädchen, das sich nur für Blackmoore und Mozart interessiert?«

Ich reckte das Kinn und betete darum, dass es nicht zitterte. »Das stimmt doch gar nicht. Ich interessiere mich für mehr als das. Zum Beispiel für Indien, und mir liegt an Oliver, und ich …«

»Kind, erwähne bitte nicht Indien. Nicht schon wieder!« Sie warf die Arme in die Höhe. Unwillkürlich zuckte ich zusammen. »Unglaublich, dass Charlotte gewagt hat, dich gegen meinen Wunsch einzuladen. Indien! Als wärst du mir nicht ohnehin schon Last genug mit deiner Dickköpfigkeit und deiner …« Sie wirbelte herum und stolzierte wieder auf mich zu. Ich ermahnte mich, nicht vor ihr zurückzuschrecken, drückte Mozart an mich, reckte weiterhin krampfhaft mein Kinn und hielt ihrem Blick stand.

»Jetzt ist Schluss, Kitty.« Sie hob einen Finger und wedelte damit vor meinem Gesicht hin und her. »Mir reicht es mit deinem Eigensinn. Ich werde dir zeigen, dass ich weiß, was das Beste für dich ist, und ich werde unverzüglich damit beginnen. Du wirst nicht nach Indien reisen. Deiner Tante Charlotte werde ich persönlich schreiben und ihr erklären, dass ich endlich eine Entscheidung getroffen habe. Und …« Sie packte mich am Kinn und drückte es nach oben, sodass sich mein Mund schloss, den ich bereits geöffnet hatte, um zu protestieren. Sie kam mir mit dem Gesicht so nahe, dass ich den schalen Tee in ihrem Atem riechen konnte, und flüsterte: »Und du wirst nicht nach Blackmoore fahren. Du wirst hierbleiben und lernen, wo dein Platz ist. Und versuch bloß nicht, mit deinem Vater darüber zu sprechen, oder du wirst in noch größeren Schwierigkeiten stecken als ohnehin schon.«

Mit einer schwungvollen Bewegung entließ sie mich aus ihrem Griff. Ihre dunklen Augen leuchteten triumphierend auf.

Mit heftig klopfendem Herzen schüttelte ich den Kopf. »Nein, Mama. Bitte. Nicht Blackmoore. Bitte nimm mir nicht Blackmoore weg …«

»Ach nein?« Sie brachte mich mit einem kalten Blick zum Schweigen. »Geh in dein Zimmer, und pack deine Sachen wieder aus, Kitty.«

Ich sah ihr in die Augen. Sie besaßen dieselbe Farbe wie die alte, verrostete Falle, die ich mit sieben im Wald entdeckt hatte. Ein Kaninchen hatte sich zwischen ihren Eisenzähnen verfangen. Als ich das Tier entdeckte, kämpfte es zwar nicht mehr, doch es atmete noch. Ich beugte mich darüber, und da bewegte das kleine Wesen die Augen. Hektisch versuchte ich, es zu befreien, doch das rostige alte Metall widersetzte sich all meinen Bemühungen, es aufzustemmen.

Schließlich war ich in meiner Verzweiflung zum Delafield Manor gerannt und hatte Henry geholt. Beim Anblick des Kaninchens schüttelte er den Kopf. Dann hob er einen großen Stein auf und bat mich, mir die Ohren zuzuhalten und mich umzudrehen. Ich weinte, tat aber wie geheißen.

Wenige Augenblicke später legte er mir die Hand auf die Schulter. Ich öffnete die Augen und senkte die Hände. Er sagte, es sei das Beste gewesen, was wir für das arme Ding hätten tun können. Vermutlich hatte Henry die Falle später fortgeschafft. Jedenfalls sah ich sie nie wieder, wenngleich ich fast jeden Tag im Wald verbrachte. Aber ihren Anblick vergaß ich nie. Die großen Zähne, die rostige Farbe und ihr hartnäckiger Griff gingen mir nicht aus dem Kopf.

Dieselbe kalte Hartnäckigkeit entdeckte ich nun in den Augen meiner Mutter. Sie würde mir Blackmoore genauso wegnehmen wie die Hoffnung auf Indien – und sie würde sich durch nichts abhalten lassen. All meine Versuche, mich gegen ihren Willen aufzulehnen, wären vergebens.

»Ich heiße nicht Kitty, sondern Kate!«, zischte ich, griff nach meiner Katze und verließ den Raum. Ich hatte ganz vergessen, dass Maria noch immer auf der Treppe lag, und stolperte über sie. Dabei fiel ich auf beide Ellbogen, da ich weder Cora noch meine Mozartnoten loslassen wollte.

Ich weinte nicht, obschon mir der Schmerz an beiden Armen hochschoss und mir Cora in dem Versuch, sich aus meinem Griff zu winden, die Wange zerkratzte. Ich weinte nicht, als ich mich wieder aufrappelte, begleitet von Marias Geschrei, ich solle doch aufpassen, wohin ich träte. Und ich weinte nicht, während ich die restlichen Stufen emporlief, den Gang entlang zum letzten Schlafgemach rechter Hand hastete und die Tür hinter mir zusperrte.

Ich setzte Cora auf dem Boden ab und warf meine Noten aufs Bett. Meine Ellbogen und Schienbeine pochten schmerzhaft, doch das war nichts verglichen mit dem Schmerz, den ich angesichts meiner Ohnmacht und Hilflosigkeit verspürte. Ich hielt mir den Kopf, ging auf und ab und kämpfte gegen die Tränen an. Etwas in der Art hätte mir schwanen müssen. Es war so typisch für Mama: Just in dem Augenblick, da ich dachte, mein Herzenswunsch ginge endlich in Erfüllung, kam sie daher und zerstörte alles. Noch mehr als ihr Einschreiten machte mir jedoch meine vollkommene Machtlosigkeit zu schaffen. Mit siebzehn war ich eine Gefangene dieses Hauses aus Stein und Glas, aus verhärteten Gefühlen und Erwartungen, die ich nie erfüllen würde.

Am liebsten hätte ich laut losgeschrien. Blinde Zerstörungswut packte mich, doch dann hielt ich inne. Das letzte Mal, als ich einem derartigen Drang nachgegeben hatte, bereute ich es anschließend. Mein Blick fiel auf das lose Bodenbrett unter dem Fenster. Dann sah ich zur Holztruhe an meinem Bettende. So lange schon war sie verschlossen gewesen. Doch jetzt hatte ich nichts mehr zu verlieren, wenn ich hineinsah.

Mit zitternden Händen zog ich an dem losen Dielenbrett unter dem Fenster, bis es sich mit einem Knarzen aus seinen Nuten löste. Ich schob meine Hand in das Loch und schrammte mit den Fingerspitzen über das alte, zersplitterte Holz, bis sie sich um das glatte Metall des Schlüssels schlossen, der wie immer schwerer war als in meiner Erinnerung. Ich kniete mich damit vor die Holztruhe und betrachtete das Schloss, das ich schon seit ewigen Zeiten nicht mehr geöffnet hatte. Nach einem tiefen Atemzug steckte ich den Schlüssel hinein, drehte ihn und hob den Deckel.

Zederngeruch stieg mir in die Nase. Er erinnerte mich an meine Kindheit, an Geheimnisse. Mit angehaltenem Atem hob ich das Holzmodell aus der Truhe und stellte es auf dem Boden ab. Dann schloss ich die Truhe wieder und platzierte das Modell behutsam auf ihrem Deckel.

Ich kniete mich hin und betrachtete es mit einer Mischung aus Bewunderung und Bedauern. Ich liebte das Holzmodell und bedauerte es zugleich für das, was ich ihm angetan hatte. Vorsichtig fuhr ich mit dem Finger die Kontur des Daches nach und hielt inne, als ich die Stelle erreichte, an der es zersplittert war. Ich hob den Finger und setzte ihn erst da auf, wo das Modell wieder unbeschädigt war. »Das ist Blackmoore«, flüsterte ich. »Es hat fünfunddreißig Räume, zwölf Kamine, drei Etagen, zwei Flügel …«

 

 

 

2. Kapitel

Vier Jahre zuvor

 

»Es ist für mich so schwer auszuhalten, dass du jeden Sommer nach Blackmoore fährst und ich noch kein einziges Mal dort war. Ich hatte gedacht, du würdest deine Mutter darum bitten, dass ich diesen Sommer mit von der Partie sein darf.«

Von ihrem Fensterplatz aus beobachtete mich meine beste Freundin Sylvia mit gekräuselter Stirn. »Ich weiß«, entgegnete sie und streckte eine tröstende Hand aus, die ich nicht wollte. »Es tut mir leid, Kitty! Ich habe Mama Dutzende Male gefragt. Sie hat aber leider Nein gesagt. Wie letztes Mal.«

»Aber weshalb? Ich weiß, dass es in Blackmoore viele Gästezimmer gibt. Ich esse nicht viel und wäre auch nicht im Weg. Warum hat sie abgelehnt? Hat sie etwas gegen mich? Ist das der Grund, warum ich nicht eingeladen werde?«

Sylvia zuckte die Achseln und schüttelte vage den Kopf. »Das kann ich dir nicht sagen.«

Ich warf mich neben sie auf die Polsterbank, schlug die Hände vors Gesicht und gab einen erstickten Schrei von mir.

Schritte erklangen, dann war Henrys Stimme zu hören. »Was ist das für ein Geschrei?«

»Kitty sehnt sich danach, Blackmoore kennenzulernen. Wieder einmal.« Sylvia sprach, als würde ihre Geduld auf eine Probe gestellt, was mich veranlasste, mich aufrecht hinzusetzen und die Hände zu senken.

»Ihr versteht das nicht. Keiner von euch.« Ich sah von ihr zu Henry und wieder zurück. Beide starrten mich an, als wäre ich nicht ganz bei Sinnen. »Ihr habt immer dort hinreisen können, ich hingegen nie.«

Sie konnten nicht nachempfinden, wie es war, Sommer für Sommer zurückgelassen zu werden. So war es schon gewesen, solange ich mich erinnern konnte. Sie konnten sich das erdrückende Gefühl nicht vorstellen, das mich überkam, wenn ich mir ausmalte, wie sie die Küste, die Heidelandschaft und das große Haus mit seinen Geheimgängen erforschten, während ich auf dieselben Steinwände und dieselben Hecken starren musste wie schon mein Leben lang.

»Es ist doch nur ein Haus, Kitty«, sagte Sylvia.

Ich schüttelte den Kopf. »Das ist es eben nicht.« Denn das war es auch nicht. Nicht für mich.

Für Sylvia war Blackmoore einfach nur das großväterliche Anwesen, der Ort, an dem die Familie die jährliche Sommerfrische verbrachte. Für mich jedoch wäre es eine wenigstens zeitweise Flucht vor der endlosen Monotonie meines häuslichen Lebens gewesen.

»Was denn dann?«, fragte Henry, der mich mit seinen grauen Augen ernster musterte als gewöhnlich. So als wäre ihm meine Antwort wichtig.

»Es ist Abenteuer«, erklärte ich, und das Wort schmeckte wie Freiheit. »Ich habe nicht einmal die Grafschaft verlassen, in der ich geboren wurde, habe noch nie das Meer oder die Moorlandschaft gesehen. Und jeden Sommer brecht ihr zu diesem großartigen Haus auf, das auf einer Klippe mit Blick aufs Meer thront und das Heidemoor im Rücken hat. Und ihr zieht mich auf …« Ich bedachte Henry mit einem spitzen Blick, und er grinste schelmisch zurück. »Ihr zieht mich mit Gerüchten über Gespenster im Moor, Geheimgängen und Schmugglern auf und weigert euch, mir zu sagen, ob irgendetwas davon wirklich stimmt.« Ich seufzte. »Ich würde alles dafür geben, mit nach Blackmoore zu dürfen.«

»Alles?« Henry sah mich zweifelnd an. »Du übertreibst ja wohl.«

»Keineswegs, Henry! Ich schwöre dir, ich würde alles dafür geben!«

»Was denn zum Beispiel?«

Ich versuchte, mir etwas Passendes zu überlegen, damit sie die ganze Tiefe meiner Gefühle verstehen könnten, und sah an mir herab. Nein, nicht meine Finger. Für das Musizieren am Pianoforte brauchte man sie alle. Einen Zeh? Vielleicht einen kleinen?

»Ich würde einen kleinen Zeh hergeben, um Blackmoore sehen zu können«, erklärte ich.

Sylvia wurde blass, doch Henrys Augen leuchteten interessiert auf.

»Einen kleinen Zeh? Keinen großen?«

Ich kaute auf meiner Unterlippe. »Nein, große Zehen sind fürs Gleichgewicht unentbehrlich, glaube ich.«

Mit spitzbübisch glitzernden Augen lehnte Henry sich vor. »Und wie würdest du vorgehen, um den kleinen Zeh abzutrennen?«

»Henry!«, protestierte Sylvia.

Er hielt eine Hand hoch, um sie zum Schweigen zu bringen, und sah mich herausfordernd an.

Ich schluckte. »Ich würde … Ich würde Cook fragen, ob sie ihn mir abschneidet.«

Sylvia schaute entsetzt. »Blut? In der Küche? Nein, Kitty. Ausgeschlossen.«

Tapfer versuchte ich, mich mit dem Gedanken anzufreunden. »So schlimm wäre es gar nicht«, erklärte ich. »In einer Küche gibt es hie und da gewiss ohnehin Blut, von rohem Fleisch etwa oder …«

Sylvia hielt sich die Ohren zu und schüttelte den Kopf. »Ich bitte dich, kein Wort mehr davon!«

Henry konnte sich das Grinsen kaum verkneifen. »Und was würdest du mit dem kleinen Zeh tun, Kitty? Gibt es irgendwo einen Markt für kleine Zehen im Austausch gegen Fahrten nach Blackmoore?«

Meine maßlose Enttäuschung schlug in Zorn um. Ich packte das Kissen an meiner Seite und schleuderte es in seine Richtung. Zu meinem Verdruss schlug er es mühelos beiseite. »Ich weiß nicht, ob es solch einen Markt gibt, Henry Delafield. Vielleicht kannst du es mir ja sagen, da du Blackmoore eines Tages besitzen wirst. Na, gibt es einen Markt für kleine Zehen?« Ich beugte mich vor und fing an, die Bänder meines Schuhs zu lösen. »Weil ich ihn mir nämlich gleich abschneiden lasse und damit meine Fahrt dorthin bezahle, ganz gleich, ob eure Köchin etwas gegen Blut in der Küche hat oder nicht!«

Wegen meiner zittrigen Finger brachte ich mit den Schnürbändern, die sich irgendwie verknotet hatten, nichts zuwege. Mit glühendem Gesicht und tränenverschleiertem Blick zerrte ich erfolglos an ihnen. Plötzlich kletterte Henry über Sylvia, schob sie zur Seite und setzte sich neben mich. Er ergriff meine Hände und zog sie von meinen Schuhen weg.

»Kitty«, sagte er leise. »Hör auf. Hör damit auf!« Halbherzig versuchte ich, ihm meine Hände zu entziehen.

»Es tut mir leid«, flüsterte er und lehnte den Kopf nahe an meinen. »Ich hätte dich mit Blackmoore nicht aufziehen dürfen. Ich weiß, was du empfindest.«

Seine Worte hatten dieselbe Wirkung auf mich wie Wasser, das man in ein Feuer schüttet. Ich entriss ihm meine Hände, hielt sie mir vors Gesicht und atmete tief durch. Wieder einmal hatte ich überreagiert. Das war eine meiner großen Schwächen. Genauer gesagt: eine der großen Schwächen aller Worthington-Frauen. Und nun, da mein Zorn verraucht war, schämte ich mich, war deshalb jedoch nicht weniger traurig. Und fühlte mich nicht weniger beraubt, nicht weniger enttäuscht. Im nächsten Moment spürte ich, wie Henry die Hand leicht auf meinen Hinterkopf legte.

»Komm, Kitty. Gestalten wir den Tag lieber unblutig.« Sein Ton war locker und schmeichelnd. »Lass uns stattdessen überlegen, was du während unserer Abwesenheit tun könntest. Du solltest ein großes Abenteuer planen, damit du bei unserer Rückkehr etwas Aufregendes zu erzählen hast.«

Ich ließ die Hände fallen und funkelte ihn an. »Du weißt genauso gut wie ich, dass es hier nichts Abenteuerliches gibt. Wenn doch, hätten wir es längst herausbekommen. Aber wie dem auch sei: Ein Abenteuer allein zu bestehen, macht keinen Spaß.« Missmutig und verbittert verschränkte ich die Arme vor der Brust. »Meine Frage lautet jedoch: Warum? Warum hat mir eure Mutter nie gestattet, euch zu begleiten?«

Henry und Sylvia schwiegen, obwohl ich sie eindringlich ansah. Ein hässlicher Verdacht schlich sich in meine Gedanken. Er soufflierte mir eine Frage, die mir so zuwider war, dass sich meine Mundwinkel nach unten verzogen, als hätte ich in etwas Saures gebissen.

»Wird Miss St. Claire in Blackmoore etwa wieder mit von der Partie sein?«

Henrys reservierte Miene beantwortete mir meine Frage. Sylvia warf mir einen mitleidigen Blick zu.

Mein Verdacht – meine Eifersucht – lachte schadenfroh auf und setzte sich bequemer hin, als plane sie einen sehr langen Besuch.

»Eure Mutter hat also nichts dagegen, Gäste einzuladen. Sie hat nur einfach etwas gegen mich!«

»Nimm’s nicht persönlich, Kitty. Du weißt doch, dass sie vorhat, Miss St. Claire und Henry …«

»Sylvia!« Henry warf seiner Schwester einen warnenden Blick zu.

»Was denn? Das ist doch kein Geheimnis! Das wissen wir alle schon seit Ewigkeiten.«

Betretene Stille trat ein. Ich betrachtete den gelben Sofabezug und dachte nur daran, wie sehr ich Miss St. Claire hasste, wenngleich ich ihr noch nie begegnet war.

Henry drehte sich so jäh zu mir, dass ich zusammenfuhr und ihn überrascht ansah. Seine grauen Augen wirkten stählern, und unvermittelt entdeckte ich etwas in ihnen, das mir noch nie aufgefallen war – einen eisernen Willen. »Eines Tages werde ich dich nach Blackmoore mitnehmen, Kitty. Versprochen.« Wieder ergriff er meine Hand und drückte sie fest. »Ich gebe dir mein Wort!«

Ich kniff die Lippen zusammen, um meine Zweifel für mich zu behalten. Mrs Delafield bekam ihren Willen. Grundsätzlich. Wenn sie mich in Blackmoore nicht zu sehen wünschte, würde ich auch nie hinkommen. Da Henry jedoch weiterhin meine Hand drückte und das allmählich wehtat, drückte ich im Gegenzug die seine. »Nun gut«, flüsterte ich, gab den Kampf auf und lächelte ihm zuliebe ein wenig.

Der folgende Monat verstrich so langsam, dass ich schier verrückt zu werden glaubte. Während dieses langen, faulen Sommermonats voller Müßiggang, Gleichförmigkeit und unaufhörlichem Nichts knirschte ich mit den Zähnen und fluchte in mich hinein, wann immer ich an die Delafields und Miss St. Claire in Blackmoore dachte. Eines Tages vernahm ich von einem Dienstboten, die Delafields seien zurückgekehrt. Ich lief die Treppe hinab, hielt mich am Geländer fest, um die Ecke zu umrunden, und sprang die abschließenden drei Stufen hinunter, bevor ich bemerkte, dass die Eingangstür offen stand.

Jameson, unser Butler, beugte sich vor und versperrte mir die Sicht auf die Tür. Als ich überrascht stehen blieb, rief jemand: »Wenn du das bist, Kitty, halt dir die Augen zu!«

Beim Klang von Henrys Stimme bekam ich Herzklopfen. Ich lehnte mich vor, um an Jamesons Rücken vorbeisehen zu können.

»Ich meine es ernst. Halt dir die Augen zu, oder ich mache kehrt und gehe auf der Stelle nach Hause. Dann wirst du deine Überraschung nie zu Gesicht bekommen!«

Seufzend hielt ich mir die eine Hand vor die Augen. »Ja gut. Ich halt sie ja schon zu!«

Ich hörte ein Schlurfen, das sich an mir vorbei Richtung Salon bewegte. Wie lang das dauerte! Nur die Angst, Henry könnte seine Drohung wahr machen, ließ mich die Augen weiterhin geschlossen halten, denn Geduld war noch nie meine Stärke gewesen.

»Kann ich jetzt gucken?«, bettelte ich.

Henry ergriff meine Hand. »Nein, halt dir die Augen weiter zu«, sagte er nahe an meinem Ohr. Mein Herz pochte schneller vor Aufregung. »Komm hier entlang.« Er führte mich an der Hand. Ich stieß an eine Wand, dann an einen Türpfosten und schließlich mit dem Knie an ein Möbelstück.

»Autsch! Kannst du mich nicht vorsichtiger führen?«

»Pst. Beschwerden sind nicht gestattet.«

Henry ließ meine Hand los und stellte sich hinter mich, drehte mich ein wenig und sagte dann: »Jetzt. Jetzt darfst du schauen!«

Rasch schlug ich die Augen auf und starrte verständnislos auf den Tisch vor mir. Henry hatte mich ins Esszimmer geführt, und auf dem Tisch stand etwas, das wie das Modell eines Hauses aussah.

Ich drehte den Kopf, um Henry einen fragenden Blick zuzuwerfen. Nur ein Monat war vergangen, doch er hatte sich verändert. Sein Haar war länger und dunkler als sonst. Dabei kam er immer mit hellerem, sonnengebleichtem Haar zurück. Doch dieses Jahr hatte es einen dunklen, goldenen Ton, der fast schon Braun genannt werden konnte. Die Sommersprossen auf seinen Wangenknochen waren verblichen. Nur seine grauen Augen mit dem dunkelgrauen Ring um die Iris waren dieselben geblieben. Und in diesem Augenblick war sein Lächeln so breit, dass es mich schier überwältigte.

Er trat um mich herum und deutete mit einer großartigen Geste auf das Modell. »Miss Katherine Worthington, hiermit stelle ich Ihnen Blackmoore vor.«

Mein Herz schlug so heftig, dass es wehtat. Ich sah von ihm zu dem Modell und wieder zurück, und als er grinsend nickte, fiel ich auf die Knie und brachte das Haus damit auf Augenhöhe. Das Holz war so bemalt, dass es wie Stein aussah. Die Fenster, die Eingangstüren, die Kamine – alles war vorhanden.

»Woher hast du das?«, fragte ich ehrfürchtig.

»Das habe ich gebaut!«

Ich sah ihn verständnislos an. »Das hast du gebaut?«

»Mein Großvater hat mir bei dem Entwurf geholfen«, versetzte er leichthin. »Und Sylvia am Ende beim Bemalen. Doch der Großteil der Handarbeit stammt von mir.«

Noch immer starrte ich ihn mit großen Augen an. »Das muss dich doch jede Tageslichtstunde deiner Ferien gekostet haben!«

Er hob die Schulter, doch sein halb unterdrücktes Lächeln sagte mir, dass ich ins Schwarze getroffen hatte. Was auch sein äußeres Erscheinungsbild erklärte. Ich wusste, dass Henry sich in Blackmoore eigentlich am liebsten im Freien aufhielt. Für gewöhnlich verbrachte er den ganzen Tag im Heidemoor und am Strand. Gern ging er mit dem Gärtner Vögel beobachten, und ich wusste, dass nur der größte aller Anreize ihn den ganzen Monat lang im Haus gehalten hätte.

Ich war überwältigt und hatte plötzlich einen Frosch im Hals. Ich räusperte mich. »Viel Zeit hast du wohl nicht mit Miss St. Claire verbringen können.«

Er kniete sich neben mir hin und verbiss sich ein Lächeln, wobei in seiner Wange eine kleine Kerbe erschien. »Nein. Nicht viel.«

Ich nickte und kaute auf meiner Unterlippe. Die Frage, die mir auf der Zunge lag, wagte ich nicht zu stellen. Ich wollte wissen, nein, ich musste wissen, ob er das Haus für mich gebaut hatte. Ob es etwas zu bedeuten hatte. Ob ich ihm etwas bedeutete.

»Ich schätze, nun stehe ich in deiner Schuld und muss eine Möglichkeit finden, mich zu revanchieren.« Ich hielt den Atem an, und mein Gesicht glühte vor Verlegenheit. »Da du deine Ferien und Miss St. Claire aufgegeben hast …«

Henry warf mir einen Seitenblick zu und sagte dann schmunzelnd: »Ich habe es nicht für dich gebaut, Kitty.«

»Nicht?« Ich war enttäuscht und erleichtert zugleich.

Er schüttelte den Kopf. »Nein, du undankbares Gör, das habe ich nicht.«

Er beugte sich näher zu mir, legte den Kopf schräg und studierte das Modell. Dann ergriff er die winzige Türklinke an der Eingangstür.

»Ich habe es«, murmelte er und öffnete die Miniaturtür, »deinen Zehen zuliebe getan.«

Vor Freude schnappte ich nach Luft, neigte den Kopf und spähte durch die offene Eingangstür des Modells. Ich entdeckte einen schwarz-weißen Schachbrettboden, auf einer Seite einen Kamin und einen Türbogen am hinteren Ende des Raumes, der zu einer Treppe führte.

Ich verkniff mir ein Grinsen und zwinkerte dann heftig, um nicht loszuheulen. Es war einfach zu viel. »Meine Zehen danken dir«, flüsterte ich schließlich.

Obwohl ich Henry nicht ansah, konnte ich sein Lächeln spüren. Es glich einem Sonnenstrahl auf meinem Gesicht, und meine Wangen erglühten. Dann deutete er auf das Modell und sagte: »Es hat fünfunddreißig Räume, zwölf Kamine, zwei Flügel, einen Wintergarten, Ställe und einen erstklassigen Ausblick. Es heißt, es gebe einen Geheimgang, der während der Reformation von Priestern benutzt wurde. Ein Gerücht, das ich weder bestätige noch leugne, da du es zweifellos faszinierender und geheimnisvoller finden wirst, etwas zu haben, worüber du dir den Kopf zerbrechen kannst.«

Ich riss mich von dem Modell los und sah ihn an. Er sprach rasch und erklärte mir etwas von der Bibliothek, die über dreitausend Bücher hätte. Doch ich nahm nichts wahr außer Henrys leuchtenden grauen Augen, den vereinzelten Sommersprossen auf seinen Wangenknochen, dem goldbraunen Haar, das ihm in die Stirn fiel, und den Lippen, die sich auf eine ganz besondere Art wölbten, wenn er lächelte.

»Es steht dem Meer zugewandt und hat das Heidemoor im Rücken«, sagte er. »Nun weißt du es.« Ein triumphierender Unterton schlich sich in seine Stimme. »Nun weißt du genau, wie Blackmoore aussieht. Eines Tages wirst du es selbst sehen, wie ich es dir versprochen habe.« Er begegnete meinem Blick mit einem warmen Lächeln. »Bis dahin darfst du das Modell behalten.«

Julianne Donaldson

Über Julianne Donaldson

Biografie

Julianne Donaldson ist eine hoffnungslose Romantikerin. Sie hat Englische Literatur studiert, was ihre Leidenschaft fürs Schreiben nur noch verstärkt hat. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Salt Lake City, reist aber bei jeder sich bietenden Gelegenheit nach England.

Pressestimmen

lovelybooks.de/Buchraettin

»Für alles LeserInnen von historischen Romanen mit englischem Flair, die ein wenig an Jane Austen Bücher erinnern.«

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