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Eine große ZeitEine große Zeit

Eine große Zeit

Roman

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Eine große Zeit — Inhalt

Wien, 1913. Lysander Rief, ein aufstrebender junger Schauspieler, hat alle Zelte in

London abgebrochen und sich nicht zufällig in die Stadt Sigmund Freuds begeben.

Vor seiner Hochzeit muss er sich einem delikaten Problem stellen. Doch als er im

Wartezimmer von Dr. Bensimon Hettie begegnet, weiß er sofort, diese unergründlichen

braungrünen Augen werden ihn nicht mehr loslassen.

Hettie Bull öffnet ihm alle Türen zum ausschweifenden Wiener Künstlerleben, sie

betört, umgarnt und blendet ihn und drängt ihn in ein undurchschaubares Spiel,

das ihn zur Flucht aus Wien und in die Arme zweier britischer Agenten treibt.

Boyds neuer Roman ist eine Erkundung der Tiefen menschlicher Psyche und ein

Spionageroman zugleich. Mit meisterlicher Hand entwirft Boyd einen Kosmos, der

die Unruhe und Rastlosigkeit einer Epoche zeigt, den schmalen Grat zwischen Brillanz

und Scheitern. Eine große Zeit ist aber nicht allein ein Parforceritt durch Europa

und die Wirren des Ersten Weltkriegs, es ist ein großer wahrhaftiger Roman,

den der Autor uns zu seinem 60. Geburtstag schenkt.

€ 22,90 [D], € 23,60 [A]
Erschienen am 03.03.2012
Übersetzt von: Patricia Klobusiczky
448 Seiten
EAN 978-3-8270-1066-7
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 25.02.2012
Übersetzt von: Patricia Klobusiczky
448 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7540-6
„Eine große Zeit“ ist kluge und spannende Unterhaltung in der Tradition von Greene und Ambler.“
STERN
„Sex, Skandale, Spione – was will man mehr.“
Brigitte
„Irrungen und Wirrungen einer krisenhaften Epoche – meisterhaft erzählt. William Boyd ist ein Zauberer, der seine Fiktionen über die Wirklichkeit triumphieren lässt.“
ZDF „Das blaue Sofa“

Leseprobe zu »Eine große Zeit«

TEIL EINS
WIEN 1913–1914

1. Ein auf konventionelle Weise geradezu gutaussehender
junger Mann
Es ist ein strahlend klarer Sommertag in Wien. Du stehst in einem
verzogenen Pentagramm aus zitronengelbem Sonnenlicht
an der scharfen Ecke Augustinerstraße und Augustinerbastei,
gleich gegenüber der Oper, und beobachtest gleichgültig,
wie alle Welt an dir vorüberzieht, während du auf irgendjemanden
oder irgendetwas wartest, das deine Aufmerksamkeit
weckt und fesselt, ein stärkeres Interesse aufkommen lässt. In
der Atmosphäre dieser Stadt ist heute ein eigenartiges [...]

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TEIL EINS
WIEN 1913–1914

1. Ein auf konventionelle Weise geradezu gutaussehender
junger Mann
Es ist ein strahlend klarer Sommertag in Wien. Du stehst in einem
verzogenen Pentagramm aus zitronengelbem Sonnenlicht
an der scharfen Ecke Augustinerstraße und Augustinerbastei,
gleich gegenüber der Oper, und beobachtest gleichgültig,
wie alle Welt an dir vorüberzieht, während du auf irgendjemanden
oder irgendetwas wartest, das deine Aufmerksamkeit
weckt und fesselt, ein stärkeres Interesse aufkommen lässt. In
der Atmosphäre dieser Stadt ist heute ein eigenartiges Prickeln
zu spüren, beinah wie Frühling, obwohl der schon lange vorbei
ist, aber dir fällt an den Passanten diese leichte Unruhe auf, die
der Lenz mit sich bringt, ein Hauch von Ausgelassenheit, das
Gefühl ungeahnter Möglichkeiten, ein Anflug von Verwegenheit
– wer weiß, um welche Art von Verwegenheit es sich hier
in Wien wohl handeln könnte? Doch du hältst die Augen offen,
bist außergewöhnlich ruhig, bereit, alles – jede Krume, jedes
Münzlein – aufzufangen, das die Welt dir beiläufig in die Hände
spielen mag.
Und dann siehst du – zu deiner Rechten – einen jungen
Mann aus dem Hofgarten schlendern. Er ist Ende zwanzig,
auf konventionelle Weise geradezu gutaussehend, aber dir
springt er ins Auge, weil er keinen Hut trägt, eine Ausnahmeerscheinung
in der Menge geschäftiger Wiener, die alle einen
Hut aufhaben, Männer wie Frauen. Und während dieser auf
konventionelle Weise geradezu gutaussehende junge Mann
zielstrebig an dir vorbeigeht, bemerkst du seine feinen braunen, vom Wind zerzausten Haare, seinen hellgrauen Anzug und die auf Hochglanz polierten, ochsenblutroten Schuhe. Er ist mittelgroß, aber breitschultrig, Körperbau und Haltung haben
etwas von einem Sportler an sich, stellst du fest, als er dich
nur wenige Schritte entfernt passiert. Er ist glattrasiert – auch
das ist hier, in dieser Hochburg der Gesichtsbehaarung, ungewöhnlich
–, und du bemerkst, dass sein tailliertes Jackett gut
geschnitten ist. Ein eisblaues Seidentaschentuch quillt in lockeren
Lagen aus seiner Brusttasche. Sein Kleidungsstil wirkt
durchaus gesucht – er ist nicht nur auf konventionelle Weise
geradezu gutaussehend, er ist auch geradezu ein Dandy. Du beschließt,
ihm ein Weilchen zu folgen, da du eine leise Neugier
verspürst und ohnehin nichts Besseres vorhast.
Vor dem Michaelerplatz bleibt er unvermittelt stehen, hält
inne, starrt auf irgendeinen Aushang und setzt dann seinen
Weg zügig fort, als hätte er einen Termin und wollte sich nicht
allzu sehr verspäten. Du folgst ihm rund um den Platz bis in
die Herrengasse – die schräg einfallenden Sonnenstrahlen heben
Details der mächtigen, prachtvollen Gebäude hervor, werfen
scharfe, dunkle Schatten auf die Friese und Karyatiden,
die Giebel und Gesimse, die Baluster und Architrave. Vor dem
Kiosk mit den ausländischen Zeitungen und Zeitschriften
bleibt er stehen. Er sucht den Graphic aus, bezahlt, faltet ihn
auf und wirft einen Blick auf die Schlagzeilen. Ein Engländer
also – wie langweilig –, deine Neugier schwindet dahin. Du
kehrst um und läufst zum fünfeckigen Fleckchen Sonne zurück,
das du an der Ecke verlassen hattest, in der Hoffnung,
dass du dort auf Anregenderes stoßen wirst, und lässt den jungen
Engländer seines Weges ziehen, wohin und zu wem auch
immer er so entschlossen eilte …
Lysander Rief bezahlte seinen drei Tage alten Graphic (Auslandsausgabe),
warf einen Blick auf eine der Schlagzeilen –
»Friedensvertrag in Bukarest unterschrieben – Zweiter Balkankrieg
beendet« – und fuhr sich unwillkürlich mit der Hand
durch die glatten feinen Haare. Sein Hut! Verdammt. Wo hatte
er seinen Hut gelassen? Auf der Bank im Hofgarten – natürlich
–, auf der er geschlagene zehn Minuten gesessen und in
einem Anfall rasender Unentschlossenheit ein Blumenbeet angestarrt
hatte, während er sich beunruhigt fragte, ob er wirklich
das Richtige tat, plötzlich war er unsicher, zog die Wienreise
in Zweifel sowie all ihre Verheißungen. Und wenn es ein
Fehler war, seine Hoffnung enttäuscht und sich am Ende alles
als sinnlos erweisen würde? Er sah auf die Armbanduhr. Verdammt
noch mal. Wenn er zurückginge, würde er zu spät zu
seinem Termin erscheinen. Er mochte diesen Hut, die Kreissäge
mit der schmalen Krempe und dem kastanienbraunen
Seidenband, die er bei Lockett’s in der Jermyn Street gekauft
hatte. Bestimmt war sie im Nu gestohlen worden – ein weiterer
Grund, nicht zurückzugehen –, und wieder verfluchte er seine
Zerstreutheit, während er die Herrengasse entlanglief. Das
zeigte doch ganz deutlich, wie angespannt, wie aufgewühlt er
war. Wie konnte man von einer Parkbank aufstehen und weggehen,
ohne sich automatisch den Hut aufzusetzen … Offenbar
machte ihm dieser dräuende Termin sogar noch mehr
zu schaffen, als seine vordergründige, vollkommen verständliche
Nervosität vermuten ließ. Ganz ruhig, sagte er sich und
lauschte dem rhythmischen Klappern der Metallhalbmonde,
die in seinen Lederabsätzen eingelassen waren, wenn sie auf
das Steinpflaster trafen – ganz ruhig. Das ist doch nur der erste
Termin – du kannst jederzeit gehen, nach London zurückfahren
–, niemand hält dir deswegen eine geladene Pistole an
den Kopf.
Er atmete tief durch. »Es war ein schöner Augusttag im
Jahre 1913«, sprach er vor sich hin, wenn auch mit gedämpfter
Stimme, gerade laut genug, um auf ein anderes Thema zu
kommen und seine Stimmung zu heben. »Es war ein schöner
Augusttag des Jahres … ach, 1913«, wiederholte er auf Deutsch
und fügte die Jahreszahl auf Englisch hinzu. Zahlen fielen ihm
schwer – lange Nummern und Jahreszahlen. Seine Deutschkenntnisse
wurden rasch besser, aber er würde Herrn Barth,
seinen Sprachlehrer, wohl darum bitten, eine Stunde lang nur
Zahlen zu üben, um sie sich endlich einzuprägen. »Ein schöner
Augusttag – «. An einer Mauer fiel ihm ein weiteres verunstaltetes
Plakat auf, wie dasjenige, das er am Michaelerplatz erblickt
hatte – inzwischen das dritte, seit er am Morgen seine
Pension verlassen hatte. Man hatte einige Fetzen abgerissen,
überall dort, wo der Leim nicht stark genug klebte. Beim ersten
Plakat – das gleich neben der Tramhaltestelle hing, unweit
der Pension – war sein Auge am Körper der spärlich bekleideten
Maid hängengeblieben, die dort abgebildet war (der Kopf
fehlte). Sie war fast nackt, geduckt, presste die Hände wie zum
Schutz an ihre üppigen Brüste, während zwischen ihren runden
Schenkeln ein beinah unsichtbarer, hauchdünner loser
Schleier die Scham verdeckte. Die Zeichnung trug ungeachtet
ihrer Stilisierung (der duftige, frei schwebende Schleier)
realistische Züge, die besonders ansprechend waren, und so
hatte er innegehalten, um sich das genauer anzusehen. Er hatte
nicht die geringste Vorstellung von dem Hintergrund dieses
Bildes, weil alles drum herum abgerissen worden war. Allerdings
hatte auf dem zweiten verschandelten Plakat die Spitze
eines schuppigen, gezähnten Reptilienschwanzes einen Anhaltspunkt
dafür geliefert, warum die Nymphe oder Göttin,
oder wer auch immer die Maid war, sich derart zu grausen
schien. Und auf diesem dritten Plakat war immerhin noch ein
Teil der Beschriftung erhalten geblieben: PERS-, darunter und,
eine Zeile weiter schließlich Eine Oper von Gottlieb Toll-.
Er dachte: Pers … Persephone? Eine Oper über Persephone?
Hatte man sie nicht in die Unterwelt verschleppt, so dass Narziss
– oder wer? – sie dort herausholen musste, ohne sich ein
einziges Mal umzuwenden? Oder war das Eurydike gewesen?
Oder vielmehr … Orpheus? Nicht zum ersten Mal ärgerte er
sich über seine eklektische Bildung. Es gab einige wenige Dinge,
über die er sehr viel, und viele Dinge, über die er kaum etwas
wusste. Er tat einiges, um dem abzuhelfen – er las alles
Mögliche, arbeitete an seinen Gedichten –, doch hin und wieder
wurde er aus heiterem Himmel mit seiner Unwissenheit
konfrontiert. Das gehörte nun mal zu den Risiken seines Berufs.
Gerade die klassischen Mythen und Bezüge stellten für
ihn ein undurchdringliches Durcheinander dar, um nicht zu
sagen eine entscheidende Lücke.
Wieder betrachtete er das Plakat. Diesmal hatte die obere
Kopfhälfte dem Vandalismus standgehalten. Arabesken aus
wild wehenden Haarsträhnen und weit aufgerissene Augen,
die über den zerfetzten Längsstreifen spähten, als würde die
Maid voller Entsetzen hinter einem Bettlaken hervorlugen. Als
er die Fragmente der drei Plakate in Gedanken zusammensetzte,
um sich ein möglichst umfassendes Bild von der Göttin
zu machen, spürte er eine flüchtige Erregung. Eine nackte
Frau, jung, schön, schutzlos einem schuppigen, eindeutig
phallischen Ungeheuer ausgeliefert, das sich an ihr zu vergehen
drohte … Eindeutig war auch die Erregungsabsicht dieser
Plakate, und ebenso eindeutig stand fest, dass sie gegen die
allgemeine Prüderie verstießen und einen wohlanständigen
Bürger dazu verleitet hatten, die Aushänge zu schänden. Alles
wahrscheinlich sehr modern – sehr wienerisch.
Lysander ging weiter und unterzog seine Gefühle einer ge16
wissenhaften Prüfung. Warum löste ein Plakat, das die anstehende
Vergewaltigung irgendeiner mythologischen Gestalt
zeigte, bei ihm Erregung aus? War das normal? Lag es, genauer
gefragt, vielleicht an der Pose – die Hände, die sich schützend
um die Brüste wölbten, sie hielten, aufreizend und abwehrend
zugleich? Er seufzte: Wer könnte diese Fragen schon beantworten?
Der menschliche Geist war unendlich rätselhaft, vielschichtig
und abgründig. Ja, ja, ja. Genau deswegen war er
schließlich nach Wien gekommen.
Er überquerte den Schottenring und die ausgedehnte Grünfläche
vor dem riesigen grauen Universitätsgebäude. Dort sollte
er hingehen, um mehr über Persephone zu erfahren – er
könnte jemanden fragen, der Latein und Griechisch studierte–,
doch etwas ließ ihm keine Ruhe, ihm wollte partout kein Ungeheuer
einfallen, das in Persephones Geschichte eine Rolle
spielte … Im Gehen achtete er auf die Straßenschilder – bald
wäre er am Ziel. Er blieb stehen, um eine Trambahn vorbeifahren
zu lassen, danach bog er nach rechts in die Berggasse und
dann links in die Wasagasse. Nummer 42.
Er schluckte, plötzlich hatte er einen trockenen Mund, und
dachte: Vielleicht sollte ich einfach umkehren, meine Koffer
packen, nach London zurückfahren und mein überaus bequemes
Leben wieder aufnehmen. Aber damit wäre, wie er
sich vor Augen führte, sein eigentümliches Problem nach wie
vor ungelöst … Das breite Tor zur Nr. 42 stand offen, und er
trat in die Einfahrt. Kein Pförtner oder Hauswart in Sicht. Er
hätte mit einem Aufzug aus Stahlgeflecht nach oben fahren
können, aber er nahm lieber die Treppe. Erster Stock. Zweiter.
Schmiedeeisernes
Geländer, die Handleiste aus lackiertem
Holz, gesprenkelter Granit für die Stufen, die Wandmitte vertäfelt,
darunter grüne Kacheln, darüber weiße Tünche. Auf
solche Details konzentrierte er sich, um nicht an die Dutzenden – womöglich Hunderten – Menschen zu denken, die vor
ihm diese Stufen hinaufgegangen waren.
Im zweiten Stock erwarteten ihn Seite an Seite zwei massiv
getäfelte Türen mit Kämpferfenstern. Auf der einen stand
Privat. Die andere war über der separaten Klingel mit einem
kleinen Messingschild versehen, das dringend einer Politur
bedurfte: Dr. J. Bensimon. Lysander zählte bis drei und drückte
auf die Klingel, mit einem Mal hatte er die Gewissheit, das
Richtige zu tun, vertraute auf die neue, bessere Zukunft, die er
sich hiermit sichern wollte.

William Boyd

Über William Boyd

Biografie

William Boyd, 1952 in Ghana geboren, gehört zu den überragenden europäischen Erzählern unserer Zeit. Er schreibt Romane, Kurzgeschichten und Drehbücher und wurde vielfach ausgezeichnet. Im Berlin Verlag erschienen zuletzt »Ruhelos« (2007), »Einfache Gewitter« (2009), »Nat Tate« (2010), »Eine große...

Pressestimmen

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„Eine große Zeit“ ist kluge und spannende Unterhaltung in der Tradition von Greene und Ambler.“

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„Sex, Skandale, Spione – was will man mehr.“

ZDF „Das blaue Sofa“

„Irrungen und Wirrungen einer krisenhaften Epoche – meisterhaft erzählt. William Boyd ist ein Zauberer, der seine Fiktionen über die Wirklichkeit triumphieren lässt.“

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