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Eine Frau mit Penetrationshintergrund

Eine Frau mit Penetrationshintergrund

Roman

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Eine Frau mit Penetrationshintergrund — Inhalt

Paula hatte sie alle: Esoteriker, High- Performer und Elektriker. Fazit: Sie kennt viele Männer, mit denen sie Sex haben kann, aber sie kennt keinen, der bei ihr bleibt. Das muss sich ändern. Gutmensch Korbinian wäre genau der Richtige, doch der findet Paula viel zu oberflächlich. Also begibt sich Paula in ein Kloster auf Sinnsuche – die tatsächlich zu einer durch und durch sinnlichen Erfahrung wird …

€ 4,99 [D], € 4,99 [A]
Erschienen am 13.04.2015
288 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98216-0

Leseprobe zu »Eine Frau mit Penetrationshintergrund«

Für Liz Obletter und die Schwestern der Abtei S. Vor allem Schwester R, die mir vieles beibrachte.

 

Sechs Monate, bevor sich die schwere Tür hinter mir schließt, sitze ich mit Mimi im Wartezimmer von Dr. Eugenides und beantworte Fragen in einem Psychotest. Mimi liest die Fragen vor, ich antworte.
»Sie haben eine erste Verabredung mit dem Mann Ihrer Träume«, liest Mimi, »was ziehen Sie an?
A) Einen knappen Mini. Schließlich soll er sehen, was er bekommt. B) Eine Bluse und eine Hose. Bloß nicht zu aufreizend. C) Ein Kleid, das meine Weiblichkeit betont, [...]

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Für Liz Obletter und die Schwestern der Abtei S. Vor allem Schwester R, die mir vieles beibrachte.

 

Sechs Monate, bevor sich die schwere Tür hinter mir schließt, sitze ich mit Mimi im Wartezimmer von Dr. Eugenides und beantworte Fragen in einem Psychotest. Mimi liest die Fragen vor, ich antworte.
»Sie haben eine erste Verabredung mit dem Mann Ihrer Träume«, liest Mimi, »was ziehen Sie an?
A) Einen knappen Mini. Schließlich soll er sehen, was er bekommt. B) Eine Bluse und eine Hose. Bloß nicht zu aufreizend. C) Ein Kleid, das meine Weiblichkeit betont, ohne zu sexy zu wirken. D) Irgendwas, er interessiert sich schließlich für meine inneren Werte. Also ? «
Ich kann auf solche Fragen nicht antworten. Was Frauenmagazine angeht, habe ich eine Hirnblockade. »Ich verstehe die Frage nicht. Woher will ich schon vor dem ersten Date wissen, dass er der Mann meiner Träume ist ? «
»Keine Ahnung. Du weißt es eben einfach.«
»Aha.« Das ist natürlich viel zu einfach. Wenn ich weiß, dass er mein Traummann ist, warum sitzen wir dann in einem Restaurant herum? Sollten wir uns nicht schwitzend in den Laken wälzen, einfach aus Freude darüber, dass wir uns haben? Sogar Romeo und Julia haben gevögelt, sobald die Amme mal kurz woanders hingeguckt hat. Und die waren minderjährig und kannten sich vom ersten Treffen bis zum Tod gerade mal fünf Tage. Das geht mir alles zu langsam.
»Ich nehme E: Ich ziehe gar nichts an.«
Mimi mag Testfragen in Frauenzeitungen. Unseren ersten gemeinsamen Psychotest haben wir mit zwölf ausgefüllt : » Finden Jungs dich süß ? « Der Inhalt hat sich seitdem nicht verändert, außer, dass jetzt auch gevögelt werden darf. Dieser hier will wissen: »Sind Sie bereit für die große Liebe?« Ich ahne ungefähr, wie die Antwort lauten wird.
Mimi seufzt. »Nehmen wir die nächste Frage. Sie wollen ihm Ihre Liebe beweisen. Wie machen Sie das? A) Sie kaufen ihm einen Kasten Bier. B) Sie schenken ihm ein Buch, das Sie aus den schönsten Urlaubsfotos und Ihren Notizen selbst gebastelt haben. C) Sie buchen einen Wochenendtrip nach Paris, die Stadt der Liebe. D) Sie dekorieren das Bett mit Rosenblättern und geben sich ihm hin.« Das ist wirklich herrlich. Einmal habe ich die Sache mit den Rosenblättern ausprobiert. Das war, als ich noch jung war und den Blödsinn geglaubt habe, der in Frauenzeitschriften steht. Hinterher war das ganze Bett voller Blattläuse.
» Ich nehme A «, sage ich. » Mit dem Rest kann kein vernünftiger Mann etwas anfangen. Außerdem kann ich Schnittblumen nicht leiden.« Schnittblumen zu bekommen ist für mich das Gleiche, als würde man mir ein frisch überfahrenes Eichhörnchen überreichen. Ich will mir nichts in die Vase stellen, was kurz darauf anfängt zu faulen.
Mimi malt einen Schnörkel um meine Antwort. »Bitte sehr. Immerhin sind wir da einer Meinung. Nächste Frage. Mit welchem Makel könnten Sie am ehesten leben ? A ) Mit seinem ausdauernden Schnarchen. B) Mit seinen rustikalen Manieren. C) Mit seinem gewöhnungsbedürftigen Freundeskreis. D) Ich liebe einfach alles an ihm.« Mimi sieht mich erwartungsvoll an. Ich sehe die Sprechstundenhilfe erwartungsvoll an und hoffe, dass ich endlich ins Sprechzimmer darf. Die tippt aber gerade etwas in ihren Computer. Also zurück zu den Fragen. Mein Schlaf ist mir heilig. Ich verstehe nicht, warum Leute darauf bestehen, ihre Nächte damit zu verbringen, sich an einen anderen Menschen zu klammern und dessen körperlichen Auswürfen zu lauschen. Ich schlafe am liebsten alleine. Die Getrennte-Schlafzimmer-Theorie hat in mir eine militante Anhängerin gefunden. Aber die Leute hören ja nicht auf mich. Lieber wälzen sie sich morgens völlig übernächtigt aus dem Bett, um ihre Partner anschließend in Schlaflabore zu schleppen. Mimi weiß das. A fällt also aus.
» Okay, okay «, sagt sie. » B und C gehen auch nicht. D vielleicht ? «
» Nein. «
»Aber warum nicht? Er ist schließlich dein idealer Partner ! «
Mimi und ich kennen uns, seit wir Teenager sind. Wir sind so etwas wie Lara Croft und Terry Sheridan, zwei Seiten ein und derselben Münze. Ich sehe mich allerdings mehr auf der Lara-Croft-Seite. Mimi ist martialer. Wenn es ein Problem gibt, und auf dem Tisch liegen zur Klärung des Sachverhaltes ein Holzstab und ein Klappmesser, würde sie alles daran setzen, irgendwoher eine Bazooka zu organisieren. Ich habe keine Ahnung, woher ihr plötzlicher Hang zur Romantik kommt. Vielleicht ist es das Alter. Wenn das Leben einem erst mal die Kanten abgeschliffen hat, wird man milder.
» Ich kenne ihn doch gar nicht ! «, rufe ich. » Warum soll ich alles an einem lieben, den ich gar nicht kenne ? «
» Das ist doch nur ein Test ! «, ruft Mimi zurück. Die Sprechstundenhilfe guckt hinter ihrem Tresen hervor. Vielleicht nimmt sie mich doch schneller dran. Nur der Ruhe wegen.
»Meinetwegen«, sage ich. »Dann nehme ich eben B. « Ich esse auch gerne mit den Fingern, und ein herzhafter Rülpser entspannt ungemein. Den Rest kriegt man hin, indem man sich mit dem Typen einfach nicht in der Öffentlichkeit blicken lässt.
»Okay, letzte Frage.« Mimi ist ihrem Ziel, der Erklärung meines bedauernswerten Familienstandes, jetzt ganz nahe. »Er möchte Ihnen einen Heiratsantrag machen. Was ist für Sie der schönste Ort dafür ? A ) Am Strand unter Palmen. B) In einem vollen Restaurant. C) An Ihrem gemeinsamen Lieblingsort. Oder: D) Im Rahmen einer Fernsehshow.«
»Oder : E) in Ihrem Schlafzimmer«, schlage ich vor. Sollte irgendjemand in diesem Leben auf die Idee kommen, mir einen Heiratsantrag zu machen, hoffe ich, dass er dabei so diskret wie möglich vorgeht. Wenn mein zukünftiger Exmann um meine Hand anhält, will ich auf keinen Fall irgendwelche Zeugen dabei haben. So was macht sich später schlecht vor dem Scheidungsrichter.
»Du bist ein hoffnungsloser Fall«, sagt Mimi und kritzelt irgendwas in die Tabelle, in der man die Gesamtpunktzahl des Probanden einträgt. Ich weiß jetzt schon, was dabei herauskommt. Aber es ist immer schön, das eigene Scheitern mit den Worten eines Experten erklärt zu bekommen.
» Sie sind von einer festen Bindung meilenweit entfernt «, liest Mimi vor. »Sie kennen nur ein Wort: Ich. Und noch mal Ich. Zu teilen fällt Ihnen schwer – sich anzupassen auch. Wo andere nach Harmonie streben, gehen Sie stur auf Konfrontationskurs. Das macht Sie zu einem interessanten, aber unbequemen Partner. Versuchen Sie es doch mal mit ein bisschen Zärtlichkeit. «
»Das steht da?«
»Wort für Wort.«
Erstaunlich. Wirklich erstaunlich.
Die Sprechstundenhilfe schaut über den Rand ihrer kleinen Theke. Wie eine Schnappschildkröte, kurz bevor sie sich eine Maus holt.
» Frau Lambert ? «
» Ja ? «
»Dr. Eugenides erwartet sie.«

 

 

Um 1880 meldete der Arzt Dr. Joseph Mortimer Granville in London den ersten mechanischen Vibrator zum Patent an. Der Arzt litt an einer dauerhaften Sehnenscheidenentzündung der rechten Hand, die von der Behandlung seiner Patientinnen herrührte. Granville hatte sich als Therapeut der weiblichen Hysterie einen Namen gemacht. Die Symptome reichten von Schlaflosigkeit über Reizbarkeit und Nervosität bis hin zu übermäßiger Feuchtigkeit der Vagina. Die gängige Therapie bestand aus einer manuellen Massage der Vulva und Klitoris. Das Ergebnis, der hysterical paroxysm, war den männlichen Ärzten unerklärlich. Die Patientinnen gaben quiekende Geräusche von sich, krampften oder stöhnten. »Im Anschluss an die Behandlung wirkt die Patientin entspannt, fast sediert«, notierte ein Assistent das verblüffende Ergebnis. Damals galt der Orgasmus als eine Fähigkeit, die allein den Männern vorbehalten war. Die Praxen von Ärzten wie Dr. Granville waren übervoll. Manchmal frage ich mich, ob wir wirklich so viel weiter gekommen sind.
Der Stuhl, in dem ich jetzt liege, sieht aus, als hätte ihn Dr. Granville noch persönlich zusammengeschraubt. Die Fußschalen sind aus Stahl gefertigt, das Gestell ist ein weiß lackiertes Metallgestänge und hat ungefähr die gleiche Temperatur wie Trockeneis. Als ich hinaufsteige, laufen blechern klingende Echos durch das ganze Ding. Viele Frauen suchen sich einen weiblichen Gynäkologen, weil sie sich schämen. Ich gehe immer zu Männern. Wenn ich mir schon von einem Fremden zwischen die Beine starren lasse, will ich wenigstens sicher sein, dass derjenige ein bisschen Spaß dabei hat. Dr. Eugenides ist so jung, dass ich ihn gerne an meine Brust drücken möchte, um ihn ein bisschen aufzupäppeln. Er kommt frisch aus dem Krankenhaus und hat die Praxis voll möbliert einem Arzt abgekauft, der offenbar an Altersschwäche eingegangen ist. An der Wand neben der Tür hängt ein Rahmen, in den Dr. Eugenides die passende Urkunde zum Promotionsthema geheftet hat: The role of cancer stem cells in triple negative breast cancer related chemoresistance. Er ist also nicht nur jung, sondern hat auch noch ein Herz für das menschliche Leben. Wirklich erfrischend. Dafür hat er sich ein paar putzige Patientinnen verdient. Ich leiste nur ein bisschen Starthilfe. Monatlich. Weil er so nett ist.
»Na, wie geht’s uns denn heute?« Der Krankenhausjargon hat sich noch nicht ganz abgeschliffen. Ganz der zuverlässige Onkel.
»Ich bin nur zur Kontrolle hier«, sage ich. Statt einer hübschen Unterhose trage ich einen blauen Schlüpfer, auf dem in großen, silbrig glitzernden Buchstaben steht: »Hallo, wie geht’s?« Menschen in unbehagliche Situationen zu bringen ist eine meiner größten Leidenschaften. Dr. Eugenides guckt schnell weg und klappert mit dem Besteck, das er freundlicherweise in eine Nierenschale mit warmem Wasser legt. Ich ziehe in der Zwischenzeit den Slip aus. Er hat seinen Moment gehabt.
»Dann wollen wir mal«, sagt der Doktor mit so viel Schwung in der Stimme, als hätte er vor, einen Reifen zu wechseln. Mit weit gespreizten Beinen auf einem hässlichen Stuhl zu liegen und den Unterleib mit Metallklemmen aufgestemmt zu bekommen ist nichts, was ich täglich brauche. Aber mir gefallen die kleinen Details, die drum herum passieren. Ich mag es, wenn die Sprechstundenhilfen ohne anzuklopfen hereinkommen, um Karteikarten zu holen. Mir gefällt, wie neutral sie dabei gucken. Wie sie sich darum bemühen, einen routinierten Blick auf die Vulva der Stunde zu werfen und dann wieder rauszumarschieren. Wahrscheinlich gewöhnt man sich mit der Zeit an alles. Das Leben der Menschen wird von Routine zusammengehalten. Ich habe mich nie an irgendwas gewöhnen können. Wenn man der Routine ab und zu einen Stein in den Weg legt, wird es deutlich interessanter.
Dr. Eugenides werkelt umständlich mit dem Besteck, während er gleichzeitig versucht, seine Armbanduhr in mir verschwinden zu lassen. Eine Weile murmelt er vor sich hin, dann stockt er plötzlich. Er zieht das Besteck heraus und legt es in die Nierenschale zurück. Dann nestelt er an seinen Handschuhen.
Es gibt zwei Arten des Innehaltens. Die erste ist die freudige Variante. Man sieht plötzlich einen lang vermissten Freund auf der Straße. Man vergleicht die Lottozahlen und merkt, dass man sechs Richtige hat. Dann gibt es noch die andere Variante: Man hebt ein Loch für ein Haus aus, und der Bagger stößt auf etwas Hartes. Einen Bunker. Oder eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg, bei der der Zünder freiliegt. Das Innehalten von Dr. Eugenides gehört eindeutig zu der zweiten Sorte.
»Was ist los?«
» Nichts. « Er zögert, als würde er noch etwas sagen wollen, und hätte es sich dann anders überlegt. »Es ist nichts.« Wir wissen beide, dass er lügt.
»Dr. Eugenides«, sage ich sehr freundlich. »Sie haben gerade bis zum Ellenbogen in meiner Vagina gesteckt. Wir sind also intim gewesen. Wenn irgendwas nicht in Ordnung ist, können Sie es mir ruhig sagen. Ich bin erwachsen.«
Sein Gesicht verbiegt sich, und für einen Moment sieht er aus wie ein Schuljunge, dem man gerade die Löffel langgezogen hat. Dann hat er sich wieder im Griff.
»Es ist nur ein Gedanke, der mir gerade kam. Nichts wirklich Wissenschaftliches.« Er probiert ein Lächeln. Offenbar fühlt er sich auf dem Gebiet jenseits der Ratio nicht sehr wohl. Weil ich nichts sage, muss er wohl oder übel weitersprechen. »Ich habe mir Ihre Vagina angesehen«, sagt er. »Das Vestibulum vaginae ist schön rosig, die Cervix geschlossen, die Flora intakt. Alles in Ordnung so weit. Aus medizinischer Sicht. Aber dann überkommt mich plötzlich so ein Gefühl. Zuerst ist es also nur ein Gedanke, aber er geht nicht weg. Ich sehe also noch mal genau hin. Pars posterior, Pars anterior, alles okay. Aber der Gedanke geht immer noch nicht weg.«
Ich unterbreche ihn nicht. Einmal habe ich als Testperson an einer Versuchsreihe an der Universität teilgenommen. Die Studenten sollten mit Quizfragen herausbekommen, an welcher seltenen Immunkrankheit wir litten. Morbus Wilson, Schnitzler-Syndrom, Kostmann, Wiscott-Aldrich. Was ihnen am meisten Spaß machte, war, mit lateinischen Fachbegriffen um sich zu werfen. Wenn ein Arzt einem sagen will, dass man bald einem Krebsleiden erliegt, ist Respekt geboten. Ich ermuntere Dr. Eugenides also mit einem Nicken, weiterzumachen.
»Dann, als ich das Besteck rausziehe, kommt ein Bild dazu. Nicht verschwommen, sondern ganz klar. « Für den Rest schämt er sich. Seine Lippen pappen zusammen. Als hätte er statt Labello Sekundenkleber draufgeschmiert.
» Dieses Bild hat also etwas mit mir zu tun «, schlage ich darum vor. Aber ich tappe vollkommen im Dunkeln.
»Es ist, wie gesagt, nichts wirklich Wissenschaftliches. «
»Damit kann ich leben.«
Er holt noch mal tief Luft. »Es ist Ihre Vagina«, sagt er dann. »Ich glaube, sie hat Sehnsucht nach Liebe. «

 

 

Arthur Schopenhauer hat einmal geschrieben:
»Alle wahre und reine Liebe ist Mitleid, und jede Liebe, die nicht Mitleid ist, ist Selbstsucht.« Ich weiß nicht, ob er recht hat. Aber ich weiß, dass mir die Liebe Angst macht. Vielleicht liegt es daran, dass ich Belege der Liebe nur aus zweiter Hand kenne. Meine Eltern gehören nicht zu denen, die sich mit 80 voller Zuneigung gegenseitig die Windeln wechseln werden. Sie sind zusammen, weil es zu kompliziert wäre, die Steuerbescheide auseinanderzupflücken.
Also habe ich mich an Filme gehalten. Das Problem ist, dass die meisten Liebesfilme schlecht ausgehen, selbst dann, wenn es ein Happy End gibt. Nehmen wir zum Beispiel »E-Mail für dich«. Tom Hanks spielt darin einen stinkreichen Buchladenmonopolisten, der sich in eine relativ erfolglose, aber liebevolle Buchhändlerin verknallt, was er aber nicht weiß, denn die beiden schreiben sich zunächst unter Decknamen nur E-Mails. Im wahren Leben killt er ihren Shop aus gnadenloser Profitgier, merkt aber gleichzeitig, dass er die kleine Buchhändlerin liebt. Und sie ihn. Ein Happy End also, aber leider eines, das einen hässlichen Beigeschmack hat. Sie hat schließlich keine Existenzgrundlage mehr, sondern nur einen Knacker mit unglaublich viel Geld. In Zukunft wird ihr nichts anderes übrig bleiben, als mit seiner Kreditkarte shoppen zu gehen, den einen oder anderen Ladies Lunch zu besuchen und sich mit Cosmopolitans zu betäuben. Davon wird sie über kurz oder lang schrecklich bitter werden, ihre Mundwinkel werden anfangen zu hängen, und er wird beginnen, mit einer Bibliothekarin frisch von der Uni zu vögeln, weil er keine mies gelaunte, verbraucht aussehende Tante will, die ihm den ganzen Tag Vorwürfe macht. Ich fasse zusammen: Mann gewonnen, Buchladen und Selbstachtung verloren, und als wäre das alles nicht schon genug, muss sie sich auch noch alle sechs Monate zum Schönheitschirurgen begeben, um die verdammten Mundwinkel in den Griff zu kriegen.
Oder »Titanic«. Schöne junge Frau aus gutem, aber mittellosem Hause soll für einen zünftigen Preis an einen neureichen Heini verscherbelt werden, verliebt sich aber, während der Kahn unaufhaltsam dem sicheren Ende entgegenschippert, in einen knackigen armen Künstler, von dem sie sich in einem unter Deck geparkten Auto entjungfern lässt. Dann sinkt das Schiff, der junge Kerl erfriert, und sie steht ohne Jungfräulichkeit und Familienanschluss da. Kurz: Mann gewonnen, dann verloren, Jungfräulichkeit futsch und damit die Chancen auf dem Heiratsmarkt quasi gleich null, Mutter weg, vermutlich abgefrorene Zehen wegen der verdammten Kälte. Und dann, am Ende, schmeißt sie den Klunker, der ihr und all ihren Freunden ein Leben in Saus und Braus beschert hätte, achtlos ins Meer.
Und »Pretty Woman«: Eine junge Frau mit Penetrationshintergrund, die aber eigentlich nur keine Zeit hat, was Vernünftiges zu machen, gabelt einen reichen Macker mit Höhenangst und Vaterkomplex auf. Penetrationshintergrund ist übrigens ein super Wort. Da kann sich meine Freundin mit Migrationshintergrund gehackt legen, wenn ich dazu komme und sage : Hallo, ich bin Paula, eine Frau mit Penetrationshintergrund. Das dürfte ungefähr die gleiche Wirkung haben, wie wenn ich sage: »Sie sind nicht depressiv. Sie haben einfach nur ein beschissenes Leben.« Aber ich schweife ab. Nachdem sie sich ein paar Tage lang von allen Leuten runtermachen lässt, schlüpft sie in ein hübsches Kleid und wirft mit Schneckenhäusern um sich, woraufhin sich der reiche Kerl denkt, ach kuck mal, die kann ja richtig ulkig sein. Und außerdem kann Molly the Lolly natürlich noch ein paar Tricks, die die Weiber aus dem Country Club nicht drauf haben, weshalb der Macker beschließt, sie zu behalten. Und in einem lichten Moment sagt sie: »Nein danke, ich will lieber würdevoll leben als den Rest meiner Tage von deinen widerlichen Freunden wegen meines Jobs angegrapscht werden.« Leider lässt sie sich dann doch noch mit ein paar billigen Schnittblumen und einem Auto aus dem Hotelfuhrpark rumkriegen. Fortan wird sie in einem schicken Penthouse sitzen und bei jeder Party Streit bekommen, weil irgendein Kerl von ihrer kleinen Ich-AG gehört hat und versucht, einen Rabatt zu kriegen. Ihr Mann wird in eine unschöne Serie von Schlägereien verwickelt und zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt. Hinterher ist er natürlich seine Kunden los, muss Stück für Stück seine Häuser, Wohnungen und Autos verschachern, und wenn sie beide Ende 50 sind, steht sie wieder an irgendeinem Straßenstrich, um genug Geld fürs Frühstück und die Miete reinzuholen.
Wie gesagt, die Liebe macht mir Angst. Vielleicht sehe ich auch nur die falschen Filme. Aber wenn ich mich zwischen Vollkontakt mit einem spanischen Inquisitor und einem hilflos flatternden Herzen entscheiden müsste, würde ich mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit den Inquisitor nehmen. Ich mag es, wenn die Qualen vorhersehbar sind.
Mit einer Vagina, die Sehnsucht nach Liebe hat, ist natürlich alles anders.
Ich muss Mimi aus der Praxis schleifen, was ziemlich kompliziert ist, weil sie mindestens 20 Kilo schwerer ist als ich. Wir schwanken wie zwei Matrosen, die nach ein paar knackigen Seestürmen zum ersten Mal wieder Land unter den Sohlen spüren. Ich ächze. Mimi wird von Lachkrämpfen geschüttelt. Ich kneife sie in den Arm und sage: »Reiß dich zusammen.« Die alte Frau, die sich im Treppenhaus an uns vorbeischiebt, packt den Bügel ihrer Handtasche fester. Das hat man davon, wenn man zu ganzheitlichen Ärzten geht.

 

 

Das Testergebnis einer Frauenzeitschrift halte ich gerade noch aus, aber ein weissagender Gynäkologe ist an diesem Tag zu viel für meine Nerven. Ich brauche jetzt was zu trinken, und zwar etwas, das stärker ist als Kräutertee. Wir gehen in die nächste Eckkneipe und bestellen zwei Bier.

Paula Lambert

Über Paula Lambert

Biografie

Paula Lambert, geboren 1974, hat mit ihrer Kolumne in der Zeitschrift GQ Monat für Monat Heerscharen von Lesern erregt. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Pressestimmen

Brigitte Balance

»Das neue Lambert-Buch ist lustig, direkt und der Beweis, dass sexy klug sein kann!«

klatsch-tratsch.de

»Es ist die Unterscheidung von Sexualität und Erotik, die Paula Lambert zu einer absoluten Solitärin des Themas macht.«

GQ

Großartig!

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