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Ein Winter voller WunderEin Winter voller Wunder

Ein Winter voller Wunder

Roman

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Ein Winter voller Wunder — Inhalt

Als ihr Mann stirbt, ist Bea nach dreißig Jahren Ehe wieder allein. Für immer, so denkt sie. Ihren Schmerz bekämpft sie, indem sie sich in die Arbeit stürzt, und bald ist ihr Café bekannt für den besten Karottenkuchen von Sydney. Aber dann, kurz vor Weihnachten, lockt eine Brieffreundschaft Bea nach Schottland. Der glitzernde Lichterzauber und die tanzenden Schneeflocken führen sie unvermittelt zurück in die Vergangenheit und zu einer heimlichen Liebe – die sie vor langer Zeit zu vergessen versuchte.

Erschienen am 02.10.2017
Übersetzer: Anja Mehrmann
336 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-31156-4
Erschienen am 02.10.2017
Übersetzer: Anja Mehrmann
368 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97862-0

Leseprobe zu »Ein Winter voller Wunder«

Prolog

Bea stand im Licht des frühen Abends und ließ sich den warmen Wind von New South Wales durch das lange, graue Haar wehen. Es war der Jahreszeit entsprechend mild, und die Stadt strahlte etwas Erwartungsvolles aus. Für die Einwohner von Sydney galt: Je wärmer, desto besser, denn das erlaubte ihnen, alles zu genießen, was das Leben im Freien zu bieten hatte. Sie starrte auf das Wildschwein aus Bronze, das vor ihr stand; Il Porcellino starrte zurück, und ihre Finger zuckten in der Tasche ihres grasgrünen Leinenkittels. Pendler, die es kaum erwarten [...]

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Prolog

Bea stand im Licht des frühen Abends und ließ sich den warmen Wind von New South Wales durch das lange, graue Haar wehen. Es war der Jahreszeit entsprechend mild, und die Stadt strahlte etwas Erwartungsvolles aus. Für die Einwohner von Sydney galt: Je wärmer, desto besser, denn das erlaubte ihnen, alles zu genießen, was das Leben im Freien zu bieten hatte. Sie starrte auf das Wildschwein aus Bronze, das vor ihr stand; Il Porcellino starrte zurück, und ihre Finger zuckten in der Tasche ihres grasgrünen Leinenkittels. Pendler, die es kaum erwarten konnten, nach Hause zu kommen und das Beste aus dem sonnigen Abend zu machen, entweder bei einem Ausflug zum Strand oder beim Abendessen im Garten, eilten hinter ihr die Macquarie Street entlang, streiften ihre Jacketts ab und krempelten die Hemdsärmel hoch. Kollegen, die schon jetzt die weihnachtliche Partysaison einläuteten, schlenderten gemeinsam über die Straße, die Arme einander kumpelhaft um die Schultern gelegt, und ihre beschwipsten Neckereien schweißten sie mehr zusammen als jede teambildende Maßnahme am Tisch eines Konferenzraums. Bea beneidete sie um ihre Sorglosigkeit. Sie blickte sich verstohlen um, dann schob sie ihre Schüchternheit beiseite, machte einen Schritt nach vorn und rieb behutsam die blank polierte Nase des Bronzewildschweins.

»Bitte.« Sie formte das Wort mit den Lippen und schloss kurz die Augen, bevor sie die kleine, runde Münze mit dem viereckigen Loch darin in das Wasser zu Füßen der Statue warf. Sie legte den Kopf in den Nacken, atmete tief ein und blickte hinauf zu den prachtvollen Arkaden mit den dekorativen grünen Geländern aus Schmiedeeisen, hinter denen lange Gänge verliefen. Es war ein schönes Gebäude in dieser Stadt, die sie beide liebten; das war an sich schon ein Trost. Es gab weitaus schlimmere Orte zum Sterben.

 

»Ah, da sind Sie ja wieder. Haben Sie einen kleinen Spaziergang gemacht?« Die freundliche Krankenschwester schaltete die Neonröhre an der Zimmerdecke aus. Nun war der Raum in mattes Licht getaucht; die Wandleuchte über dem Waschbecken gab nur einen schwachen Lichtschein ab. Das war überaus passend; angenehm und beruhigend.

»Eigentlich nicht, ich bin nur hinausgegangen, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Heute Abend ist es warm.« Bea griff in den Stoff ihres Kittels und rieb ihn zwischen den Fingern.

Die Schwester nickte. Ihre Schicht würde nicht vor dem Morgen enden; das Wetter draußen spielte für sie also kaum eine Rolle. Sie berührte Peters Handgelenk, strich ihm sanft über die Stirn und blickte ihm lächelnd in die trüben Augen. »Ich bin gleich wieder da, Peter«, sagte sie.

Bea war sehr dankbar, dass die Schwestern so höflich zu ihrem Mann waren. Ob er sie nun hörte und verstand oder nicht – sie war froh, dass sie davon ausgingen, dass er es konnte.

Sie nahm ihren Platz auf dem Plastikstuhl neben Peters Bett wieder ein, noch immer in der Kleidung, die sie schon seit zweiundsiebzig Stunden trug, zerknittert und mit Kaffeeflecken übersät und Spuren von Wimperntusche am Ärmel, die sie sich müde mit dem Arm aus dem nass geweinten Gesicht gewischt hatte.

»Wenn Sie etwas brauchen, Mrs Greenstock, dann klingeln Sie einfach«, sagte die Krankenschwester, während sie auf die Tür zusteuerte.

Bea nickte. »Ja, vielen Dank. Glauben Sie, dass er im Augenblick etwas braucht? Mehr Medikamente vielleicht?«

Die Schwester lächelte und sagte langsam wie zu einem Kind: »Nein. Keine Medikamente mehr. Ich glaube, es ist das Beste, wenn wir der Natur ihren Lauf lassen.«

»Wenn Sie schätzen sollten … was glauben Sie, wie lange wird es noch dauern?« Sie sprach leise, mit abgewandtem Blick, denn sie fühlte sich schuldig, weil sie diese Frage stellte.

Die Schwester schüttelte den Kopf und antwortete ebenso leise: »Das ist schwer zu sagen. Manchmal kann es ziemlich schnell gehen, wenn das letzte Stadium begonnen hat. Aber manche Menschen halten lange durch, sie klammern sich tagelang an das Leben. Wir wissen es nicht, aber ich würde sagen, dass es bei Peter bald so weit ist. Es ist gut, dass Sie hier sind.« Kleine Fältchen zeigten sich in ihren Augenwinkeln, als sie lächelnd die Tür schloss.

Bea war der Schwester dankbar für ihre Aufrichtigkeit und Freundlichkeit. Sie beugte sich auf dem Stuhl vor und stützte die Ellbogen auf ihre knochigen Knie. »Hast du das gehört, Liebling? Es ist gut, dass ich hier bin. Aber ehrlich gesagt, wäre es mir lieber, wenn keiner von uns beiden hier sein müsste. Ich wünschte, wir wären auf einem kleinen Segelboot zu den Whitsundays unterwegs und würden Fisch für das Mittagessen fangen, um ihn dann mit einem Glas kaltem Wein hinunterzuspülen. Danach würden wir auf dem Deck in der Sonne ein Nickerchen halten, und nach dem Aufwachen würden wir in diesem herrlichen Meer schwimmen und dann an Land gehen, um über den feinen, weißen Sand zu laufen, uns irgendwo hinzusetzen und einfach die Seele baumeln zu lassen.« Sie lächelte. »Erinnerst du dich noch an dieses wundervolle Weihnachtsfest? Nur wir beide. Es war wie im Paradies, nicht wahr? Das schönste Weihnachten, das wir je hatten.«

Bea hielt die Hand ihres Mannes und beugte sich über ihn. Seine Augen schienen trüber geworden zu sein, aber er bewegte den Kopf kaum merklich von einer Seite zur anderen, als suchte er ihr Gesicht, das er nicht mehr sehen konnte.

»Alles ist gut, mein Schatz. Ich bin bei dir. Ich gehe nicht weg.«

Ein leichtes Zucken umspielte seinen Mund. Im gedämpften Licht dieses Krankenhaustrakts schien er sie ein letztes Mal anzulächeln, aber das war vermutlich nur Wunschdenken. Er war mit seinem eigenen Kampf beschäftigt, schweißgebadet und nach Krankheit riechend, während sein Körper sich gegen das Unvermeidliche wehrte. Es war ein süßlicher, unangenehmer Geruch, der ihr in Zukunft an bestimmten Blumen und im Atem von Alten und Kranken auffallen und sie sofort wieder in diesen Raum und diesen Augenblick zurückversetzen würde.

Bea dachte an die vielen Sterbebettszenen, die sie in Filmen und Theaterstücken miterlebt hatte. Mühsam herausgebrachte letzte Liebeserklärungen oder Geständnisse, während im Hintergrund die Geigen im Crescendo spielten. Das war natürlich alles völliger Blödsinn. Bisher hatte sie nur einen einzigen Menschen sterben sehen, bei einem Verkehrsunfall eines Morgens an der Ecke Elizabeth Street und Park Street, und er hatte kaum noch einmal die Augen geöffnet, bevor er starb. Peter kämpfte um jede Sekunde, eisern und entschlossen bis zuletzt. Sie wünschte, die Filmszenen wären kein Blödsinn, sie wünschte, er würde sich aufsetzen, ihr in die Augen sehen, mit geröteten Wangen ihr Gesicht berühren, ihr sagen, dass alles gut werden würde, dass er nichts bereue und sie immer geliebt habe. Dass Letzteres stimmte, wusste sie, aber der Gedanke, es nie wieder zu hören, machte sie unglaublich traurig.

Auf einmal empfand sie heftige Zuneigung und Dankbarkeit für diesen Mann, der in ihr die Liebe seines Lebens gefunden hatte und zufrieden war, an ihrer Seite zu sein, obwohl er wusste, dass er für sie erst an dritter Stelle kam, nach ihrem Sohn und nach der Erinnerung an einen, den sie vor langer Zeit geliebt hatte. Sogar jetzt, während er seine letzten Atemzüge tat, machte er alles mit sich selbst aus, schien bis zum Schluss Rücksicht auf ihre Bedürfnisse zu nehmen, indem er ihr auch diese Erfahrung noch so angenehm wie nur möglich machte. Sie brauchte keine Geigen.

»Es war ein Segen für mich, dass ich dich gefunden habe, Peter. Du bist ein wunderbarer Mann, ein großartiger Freund, und ich liebe dich – das weißt du, oder?« Sie seufzte. »Was soll ich jetzt nur machen, mein Schatz? Wohin soll ich gehen?« In ihrem Inneren hörte sie seine Worte laut und deutlich, das Mantra, nach dem er gelebt hatte: »Vergiss nie, dem Mutigen gehört die Welt. Wir haben nur dieses eine Leben!«

»Ich weiß …« Sie nickte. Ihre silbernen Armreife stießen klirrend gegeneinander, das Geräusch zerriss die Stille. Sie drückte seine Hand fest und hoffte, dass er den Druck erwidern würde.

»Oh, mein Lieber, deine Hand ist ganz kalt.« Sie beugte sich über ihn und küsste ihn auf die Nase, die sich unter ihren Lippen genauso kalt anfühlte, aber sein Körper war noch heiß; tief in seinem Innern schien ein Feuer zu glühen, das jedoch nicht mehr imstande war, irgendetwas außerhalb seiner unmittelbaren Reichweite zu erwärmen.

Peter drehte kaum merklich den Kopf, und mit all der Kraft, die ihm noch geblieben war, griff er nach oben und an ihr vorbei, offenbar konzentrierte er sich auf eine Stelle rechts neben ihrem Kopf. Seine dünnen Beine drehten sich in dieselbe Richtung, als wollte er versuchen, sein Sterbebett zu verlassen.

»Wo willst du hin?«, fragte sie und begann zu weinen, denn im selben Moment wusste sie, wohin er ging und dass sie ihm nicht folgen konnte. »Geh nur, mein Liebling, geh, wo immer du hingehen willst. Es ist in Ordnung. Geh und schlaf, und vergiss nicht, dass du geliebt wirst.«

Peter sank auf das flache Kissen zurück, und sein Atem wurde unregelmäßig. Er öffnete und schloss den Mund, als versuchte er etwas zu sagen. Sie beugte sich über ihn, legte ihr Ohr an seinen Mund und hörte ihn sehr leise seine letzten Worte flüstern: »Es war so schön.«

»O ja, Peter, das war es! Das war es wirklich!«

Die Pausen zwischen seinen Atemzügen wurden immer länger, bis es schließlich ganz still wurde.

Bea wartete und blickte ihn an, konzentrierte sich ganz auf die wächserne Haut an seiner Halskuhle, in der Hoffnung auf ein weiteres Zucken, was bedeuten würde, dass er noch immer bei ihr war und sie noch nicht anfangen musste zu trauern. Aber da war keines mehr.

Man hatte ihr gesagt, dass sie die Ruftaste drücken sollte, wenn das Unvermeidliche eintrat oder wenn sie irgendetwas brauchte, aber stattdessen saß sie da und hielt seine Hand. Die andere Hand legte sie auf seine Armbeuge, denn dort fühlte er sich noch warm an. Sie wollte einfach so sitzen bleiben, bis die Wärme verschwand, wollte ihn in den Schlaf singen wie ein kleines Kind und auf den richtigen Augenblick warten, um rückwärts aus dem Zimmer zu schleichen und die Tür einen Spaltbreit offen zu lassen.

Es war weit nach Mitternacht, als sie ihre Liebe schließlich verließ und die Tür hinter sich schloss, nach beinahe dreißig Jahren Ehe.

In der Kantine des Krankenhauses war es ruhig, nur hin und wieder wurde die Stille von einer Gruppe erschöpfter Ärzte gestört, die zerknitterte OP-Kittel trugen und dunkle Schatten unter den Augen hatten. Sie nickten ihr kurz zu, denn sie wussten, dass es keine glücklichen Umstände sein konnten, die sie um diese unchristliche Uhrzeit ganz allein vor einer Tasse heißem, dünnem Kaffee aus der Maschine ausharren ließen. Sie war dankbar, dass sie sie in Ruhe ließen, denn sie wollte mit den Bildern allein sein, die in ihrem Geist allmählich Gestalt annahmen. Peters letzte Minuten brannten sich in ihr Gedächtnis ein, und sie würde sich an jedes Detail erinnern können, wann immer sie in Zukunft das Bedürfnis danach verspüren würde.

Sie musterte die Wände der Kantine, die in den vergangenen zehn Tagen ihre Zuflucht gewesen war, der Ort, zu dem sie stündlich geschlichen war, wenn die Schwestern in das Zimmer kamen, um es »ihm bequem zu machen«. Bea ließ ihnen immer zehn Minuten Zeit, die Aufgaben zu erledigen, die sie nicht mit ansehen wollte; nicht um ihrer selbst, sondern um Peters willen. Ein seltsamer Gedanke, dass nun eine andere Person mitten in der Nacht auf diesem Plastikstuhl sitzen und versuchen würde, das Gefühl der Betäubung loszuwerden. Angehörige, die dasselbe durchmachten, würden die Speisekarte mit den Panini überfliegen, Schokoriegel aus den flachen Körben nehmen und in ihren Taschen nach Wechselgeld suchen. Eine Welle von Mitleid für diese Menschen überrollte sie, denn sie wussten nicht, was auf sie zukam und dass es schrecklich war.

»Da bist du ja!« Wyatts Stimme riss sie aus ihren Grübeleien. Sein kurzärmeliges weißes Hemd war aufgeknöpft und enthüllte ein bisschen zu viel von seiner Brust, und an seinen Khakishorts klebten Grashalme; er sah aus wie jemand, der gerade aus dem Garten hereingekommen war. Er klang leicht verärgert, so als hätte sie sich vor ihm versteckt; seine Haltung und sein Ton verrieten, dass ihm dieses ganze Hin und Her mächtig auf die Nerven ging.

»Ich konnte das blöde Auto nirgendwo abstellen, nicht mal jetzt, mitten in der Nacht. Wir haben das Jahr 2013, wir können Shuttles ins Weltall schicken und mehr Daten auf Chips speichern, als die Nationalbibliothek in Canberra umfasst, aber wir bringen es nicht fertig, uns nach ein paar Stunden wieder Zutritt zu einem inzwischen geschlossenen Parkhaus zu verschaffen. Das ist einfach lächerlich.« Er klimperte mit den Autoschlüsseln.

Bea nickte. Genauso war es. Einfach lächerlich.

»Also, wie geht es ihm?« Wyatt stemmte die Hände in die Hüften; wieder hatte sie den Eindruck, dass er ihr aus irgendeinem Grund böse war.

Sie blickte ihren Sohn an und nestelte an den Armreifen an ihrem Handgelenk. »Er ist tot, Wyatt. Er ist vor ein paar Stunden gestorben.« Es war das erste Mal, dass sie es laut aussprach. »Eigentlich war es ganz friedlich. Er ist einfach eingeschlafen. Ich habe seine Hand gehalten. Er schien an mir vorbeigreifen zu wollen, als versuchte er, irgendwo hinzugelangen. Ich habe ihm gesagt, dass es in Ordnung ist, dass er gehen darf. Die Erlaubnis, mich zu verlassen. Und er ist gegangen.« Sie lächelte kurz.

»O Mama«, sagte er mit ausdrucksloser Stimme.

Sie fragte sich, was das bedeuten sollte. »O Mama, es tut mir so leid« oder: »Ich wünschte, ich wäre eher gekommen« oder: »Bitte, Mutter, nicht so theatralisch.« Es war schwer zu sagen. Wyatt war ein Mensch, der besser mit praktischen Dingen als mit Gefühlen umgehen konnte. Zweifellos hätte er am liebsten sofort mit ihr über die Vorbereitungen zur Beerdigung und über Finanzielles gesprochen, Dinge, mit denen er etwas anfangen konnte, aber nicht darüber, wie sie sich fühlte. Das brachte er einfach nicht fertig.

»Ich wusste nicht, was ich tun sollte, darum habe ich dich angerufen.« Ihr war auf unbehagliche Weise bewusst, dass sie sich für die Unannehmlichkeiten rechtfertigen musste, die sie ihm bereitete.

»Natürlich.« Er nickte. »Ich bringe dich nach Hause, wenn du so weit bist.« Wyatt legte ihr eine Hand auf die Schulter, zog sie jedoch schnell wieder zurück.

Sie spürte den Abdruck seiner Finger auf der Haut; es fühlte sich an wie eine Verbrennung. Sie überlegte, ob sie ihn daran erinnern sollte, dass weder Herzkrankheiten noch Kummer ansteckend waren. Doch er neigte ohnehin zu keinem von beidem. Sie empfand eine Mischung aus Enttäuschung und Erleichterung. Obwohl es schön gewesen wäre, in einer alles umfassenden Umarmung zu verschwinden, hätte sie das in äußerste Verlegenheit gebracht; sie waren einfach völlig aus der Übung.

Zwanzig Minuten später rauschte Wyatts großer, glänzender Holden Storm, ausgestattet mit warmem Leder und einem beeindruckenden, raumschiffartigen Display am Armaturenbrett, über die Elizabeth Street und bog dann in die Reservoir Street im Herzen des wohlhabenden Stadtteils Surry Hills ein. Beide Straßen waren nahezu menschenleer. Das Scheinwerferlicht des Wagens streifte die Häuserwände, und Bea zuckte zusammen bei dem Gedanken, dass sie etliche Anwohner aufwecken würden.

Wyatt hielt am Bordstein und wandte sich seiner Mutter zu. »Bist du sicher, dass ich nicht mit raufkommen soll?« Dass er seinen Gurt nicht öffnete und den Motor laufen ließ, sagte ihr alles, was sie wissen musste.

»Nein, nein, es geht mir gut. Fahr du nur zu Sarah und Flora zurück. Danke, dass du den weiten Weg auf dich genommen hast, Wyatt, mitten in der Nacht.«

»Wenn du meinst.«

»Ja, absolut. Nach Manly brauchst du noch eine gute halbe Stunde. Fahr lieber los, mein Schatz.«

Sie spürte, wie seine Anspannung nachließ, und ihr wurde bewusst, dass auch sie sich vor der Aussicht auf Small Talk und lange Schweigepausen bei einer Tasse Tee gefürchtet hatte.

Bea stieg die Treppe hinauf und drehte den Schlüssel im Schloss; in der Wohnung war es still und dunkel. Peter war zehn Tage im Krankenhaus gewesen, und sie war nur drei Mal auf einen Sprung nach Hause gefahren, um zu duschen und sich umzuziehen; doch heute Nacht kamen ihr die Zimmer noch leerer vor, als spürten die Ziegel und der Mörtel, dass er nicht mehr nach Hause kommen würde. Sie ließ sich auf das Sofa fallen und saß dort in der Dunkelheit, fand Trost in dem Frieden und der besonderen Stille, die die Nacht mit sich bringt.

Peters Turnschuhe standen im Badezimmer nebeneinander auf dem Boden. Seine Pyjamas lagen noch im Wäschekorb, und seine Bücher waren in zwei Stapeln auf seinem Nachttisch angeordnet. Einer der Stapel wartete darauf, gelesen zu werden, der andere bestand aus seinen Lieblingsbüchern, die er gern in seiner Nähe hatte. Rudyard Kiplings Dschungelbuch, das er seit seiner Jugend geliebt hatte, gehörte dazu. Beas Gedanken schweiften zurück in die Vergangenheit, zu einem anderen Buch von Kipling, einem anderen Mann, einem anderen Leben. Ein großer Mann mit einem grünen Schal, der ihr die Hand auf das Herz gelegt und so den Takt geschlagen hatte. Das war vierunddreißig Jahre her, und doch erinnerte sie sich daran, als wäre es gestern gewesen.

Sie nahm ein grünes Seidenkissen in die Hand und drückte es an sich, während sie Peters Sachen betrachtete. Sie waren nun alle überflüssig, einschließlich der Brille, die neben dem Etui auf dem Couchtisch lag. Behutsam nahm sie sie in die Hand und drückte sie sachte an ihre Brust. Wie seltsam, dass diese harmlosen Gegenstände auf einmal so große Bedeutung annahmen, sich von etwas Alltäglichem in wertvolle Talismane verwandelten. Sie fing an zu schluchzen, ihr Verlust und die Erschöpfung überrollten sie wie eine Welle, die sie nach Luft schnappen ließ. Sie weinte nicht nur um den wundervollen Mann, den sie verloren hatte, sie weinte auch um die wahre, bedingungslose Liebe, die sie ihm nicht hatte geben können.

»Es tut mir leid, Peter. Es tut mir so leid.«

Eins

Langsam öffnete Bea ein Auge und spähte von ihrem Kopfkissen aus in den neuen Morgen. Die Reste eines Traums gingen ihr noch durch den Sinn – er hatte sie in vergangene Zeiten zurückgeführt, zum Takt einer Trommel und dem Flattern der Segel eines Windjammers, der durch die Wellen pflügte. Zur heftigen Sehnsucht einer jungen Frau, deren Körper sich nach den Berührungen ihres Mannes verzehrte, zur Erinnerung an einen Tanz unter Sternen auf einem schwankenden Deck, dem Gefühl seines Baumwollhemdes unter ihren Fingerspitzen, zu seinem Blick, der ihrem begegnete, sie in sich aufnahm. Und zu seiner Stimme, tief und entschlossen, den lauten, deutlichen Worten, ausgesprochen an einem stillen, heißen Sommerabend, während die Zikaden zirpten und schwarze Flughunde über ihren Köpfen kreisten. »Ich möchte mit dir fortgehen. Ich möchte mich irgendwo niederlassen, wo wir einander lieben können, ohne verurteilt zu werden und ohne uns verstecken zu müssen. Ich wünschte, ich könnte dich heiraten, gleich hier und jetzt. Ich werde dich niemals gehen lassen. Ich werde dich mitnehmen, hier drin …« Mit zwei Fingern hatte er sich im Rhythmus seines Herzschlags auf die Brust geklopft.

Bea seufzte. Die Sonne schien durch das offene Fenster herein und warf den gezackten Schatten des voll erblühten Lacebark-Flaschenbaums auf den Holzfußboden. Instinktiv streckte sie die Hand zur anderen Seite des Betts aus. Sie konnte kaum glauben, dass schon ein ganzes Jahr vergangen war, seit sie auf der spärlich beleuchteten Station eines Krankenhauses Abschied von Peter genommen hatte; aber der Schmerz hatte nachgelassen, wenigstens ein bisschen. Was sie überraschte, waren Augenblicke wie dieser, wenn sie die Hand ausstreckte und feststellen musste, dass er nicht in einem seiner blau gestreiften Pyjamas neben ihr lag, oder wenn sie nach ihm rufen wollte, um ihm irgendetwas zu erzählen.

Schuldbewusst blickte Bea auf Peters Bettseite. Auch nach so vielen Jahren hatte ein beunruhigender Traum, ein Erinnerungsblitz, ein Bild, ein Wort noch diese Wirkung auf sie: All das konnte sie in eine Zeit vor Peter zurückversetzen, eine Zeit, bevor ihre ganze Welt aus den Fugen geraten war. Und dann war er – glücklicherweise – aufgetaucht und hatte sie mit seiner Liebenswürdigkeit gerettet.

Sie warf die leichte Baumwolldecke von sich und schwang die Füße auf den nackten Holzfußboden, sodass ihr der Seidenpyjama um die Beine floss und die Ärmel bis zu den Handgelenken hinabrutschten. Eigentlich mochte sie den Kontrast zwischen dem cremefarbenen Stoff und den hellen Altersflecken auf ihrem Handrücken. Den Seidenkimono zog sie heute nicht an, sie ließ ihn auf dem Bett liegen und stellte sich vor den hohen Spiegel, streckte die Arme hoch über den Kopf und drehte sich ruckartig nach links, während sie auf das vertraute Knackgeräusch ihres Nackens wartete. Danach beugte sie sich vor, die Hände über dem Kopf gefaltet, und so verharrte sie eine Minute lang, bis ihr Rücken ebenso geschmeidig war wie ihr Pyjama. Das waren nur einige der kleinen Rituale, die sie zu Beginn jedes neuen Tages zelebrierte.

Bea hielt den Atem an und zog die Jalousie hoch. Wie stets erfüllte sie der Blick auf die Reservoir Street unter ihr mit Freude und Erleichterung. Sie unterschied sich so sehr von Kings Cross, wo sie sich sechs Jahre lang ein schäbiges, möbliertes Zimmer mit Wyatt geteilt hatte. Selbst Jahrzehnte später noch juckte ihr bei der Erinnerung an das winzige, heiße Zimmer die Haut. Sie lächelte, als sie den Anblick der abschüssigen Straße mit den aufgereihten viktorianischen Villen in Pastellfarben und den schmiedeeisernen Balkonen in sich aufnahm, die stolz auf beiden Seiten der Durchgangsstraße prangten. Ein Läufer quälte sich auf der anderen Straßenseite die Steigung herauf. Als er sie sah, hob er eine Hand – lustig, wie viele Leute sie wegen ihres Geschäfts kannten.

Sie seufzte. Es war ein großartiger Tag, der auf einen schönen Sommer hoffen ließ, und trotz der drohenden Einsamkeit hatte die frühe Stunde etwas Wunderschönes an sich, die Stille vor dem Wahnsinn des Tages. Sie war schon immer eine Frühaufsteherin gewesen, und das hatte sich als äußerst förderlich für den Erfolg der Reservoir Street Kitchen erwiesen. Weil sie mit den Hühnern aufstand, brannte bei ihr schon das Licht, waren die Öfen warm und aufnahmebereit, die Wasserkessel gefüllt und die Lieferungen sortiert und verstaut, bevor Kim und Tait auftauchten.

Bea warf einen letzten liebevollen Blick auf die leichte Delle auf Peters Seite des Betts, die hoffentlich niemals verschwinden würde. Denn so konnte sie sich vorstellen, er sei nur kurz fortgegangen, um unten im Hafenviertel The Rocks einen Kaffee zu trinken oder die Morgenzeitung zu holen. Irgendwie half es ihr, sich vorzumachen, dass er jeden Moment zurückkommen könnte.

Im Hintergrund dudelte Radio 2GB, Alan Jones’ unverkennbare Stimme erfüllte den Raum und informierte sie über die jüngsten Vorkommnisse in aller Welt. Mehr brauchte sie nicht, um bessere Laune zu bekommen. Sie hatte noch immer nichts von Wyatt oder Sarah wegen der bevorstehenden Weihnachtsfeiertage gehört, und genau in diesem Augenblick hasste sie es, dass sie die beiden brauchte. Sie versuchte, stoisch zu bleiben, sich nicht länger mit der Tatsache zu befassen, dass sie ihren Sohn und seine Familie nur einmal im Monat sah oder von ihnen hörte. Doch es half nichts, es machte ihr etwas aus, vor allem weil dieser spärliche, unangemessene Kontakt bedeutete, dass sie von ihrer Enkelin Flora ferngehalten wurde, einer quirligen Dreizehnjährigen, die Bea vergötterte. In den letzten Jahren war sie an Floras Geburtstag immer zwanzig Minuten zu früh bei dem Haus in Manly angekommen, um noch ein bisschen Zeit mit ihrer Enkelin zu verbringen, bevor sie hinausging, um mit ihren Freundinnen zu spielen. Und jedes Jahr hatten sie nach Sarahs Weihnachts-Grillfest miteinander am Strand gesessen und geplaudert. Bea fragte Flora, welche Bands »in« waren, und Flora neckte sie und nannte sie eine alte Oma, obwohl sie dieses Jahr erst dreiundfünfzig geworden war. Ja, sie sah die Familie ihres Sohnes wirklich selten, aber Bea rief sich ins Gedächtnis, dass sie viel beschäftigt waren und ein ausgefülltes Leben führten und dass wenig Kontakt besser war als gar keiner.

Sie machte sich eine Tasse Earl Grey mit einem großen Zitronenschnitz, stellte sich vor die offenen Glastüren, die auf den kleinen Balkon führten, und blickte hinaus in den warmen Morgen von Sydney. Der weite Himmel war klar und strahlend blau, und ihre Gedanken wanderten zu einem ebenso vollkommenen Sommertag vor genau einem Jahr zurück, an dem die Sonne ihrer Trauer zu spotten schien. Es war sieben Tage nach Peters Tod gewesen, sie hatte auf dem Sofa gesessen, elegant in dezentes Aubergine gekleidet, der Welt entrückt und unnahbar wie eine Bienenkönigin, umgeben von einem Schwarm summender Gäste. Genau wie bei einer Hochzeit hatte jeder ein wenig Zeit mit ihr, der Hauptattraktion, verbringen wollen. Der Trick bestand darin, sich nicht vereinnahmen zu lassen und nicht zu viel zu reden; auf einer Beerdigung beschränkt man sich auf kurze, bedeutungsvolle Sätze. »Herzliches Beileid …«, »Für ihn ist es ein Segen …«, »Jetzt ist er erlöst …«, »Er war ein wunderbarer Mensch.« Die Beileidsbekundungen ähnelten sich sehr sowohl im Inhalt als auch in der Art, wie sie vorgebracht wurden, den Kopf zur Seite geneigt, mit kummervoller Miene, die Stimme kaum mehr als ein Flüstern.

Das einzige aufrichtige Gefühl hatte Flora gezeigt, die das Ganze eher als Party betrachtet hatte und der auf erfrischende Art nicht klar war, warum es unangemessen sein könnte, laut zu lachen, zu singen oder dem ahnungslosen kleinen Honigfresser auf dem Baum unterhalb des Balkons Häppchen zuzuwerfen. Bea hatte gesehen, wie Wyatt seine Tochter von der anderen Seite des Raumes wütend angestarrt hatte – was vermutlich wirkungsvoller war, als direkt einzugreifen. Sie erkannte, dass Flora immer schon so gewesen war, nie wirklich im Einklang mit dem, was der Rest des Rudels von ihr erwartete. Und in Wahrheit gefiel ihr Floras Haltung: Bei einer Beerdigung sollte das Leben eines Menschen gefeiert werden. Peters Leichenschmaus war viel zu ruhig verlaufen; das leise Klirren von Glas gegen Glas und das kaum hörbare Summen der Gespräche war beklemmend gewesen. Sie hatte beobachtet, wie sich Peters Schwester und sein Bruder flüsternd und hinter vorgehaltener Hand unterhielten, heimlich die Brauen hoben und den Kopf schüttelten, bevor sie den nächsten Schluck Wein tranken, auf eine Art, die dafür sorgte, dass sich jeder im Raum unbehaglich und ausgeschlossen fühlte.

Es war kein Geheimnis, dass sie Bea nicht mochten, und offen gesagt war auch sie nicht übermäßig angetan von ihnen; sie erinnerte sich noch, wie sie ihr die kalte Schulter gezeigt hatten, als sie sich vor vielen Jahren zum ersten Mal begegnet waren. Ein Gespräch darüber, warum sie Bea so gering schätzten, hatte nie stattgefunden, aber vermutlich lag es daran, dass sie weit unter dem Niveau lag, das sie sich für jemanden wie Peter erhofft hatten. Sie war seine erste Frau und viel jünger als er gewesen – eine gerade Fünfundzwanzigjährige und ein reifer Mann von siebenundvierzig, was sie vermutlich ebenso wenig guthießen. Mit ihrem kleinen Sohn und ohne ehrenhafte Vorgeschichte – weder war sie in jungen Jahren tragisch verwitwet, noch musste sie sich um ein verwaistes Kind kümmern, das nicht ihr eigenes war – betrachtete man sie als beschädigte Ware. Doch jetzt, nachdem sie Peter in ein ruhiges Grab an einem sonnigen Fleck des South-Head-General-Friedhofs gebettet hatten, von dem aus man auf die Tasmanische See blicken konnte, hatte sich die Abneigung von Peters Angehörigen in Feindseligkeit verwandelt. Und eines wusste Bea genau: Der Grund war, dass der Großteil von Peters Vermögen an sie gegangen war … an sie, die vermeintliche Hochstaplerin! Zwar war es kein riesiges Vermögen, aber es war genug, um gut davon zu leben. Und es war ein weiterer Grund, ihrem wunderbaren Ehemann ewig dankbar zu sein.

Sie hatte sich in dem Raum umgesehen und sofort gewusst, was die junge Bea den Beerdigungsgästen zugerufen hätte: »Wisst ihr was? Ich möchte jetzt viel lieber allein sein, und die Hälfte von euch hat Peter sowieso nicht gemocht. Bitte, seht zu, dass ihr schleunigst nach Hause kommt, und wenn ihr weg seid, werde ich Wein trinken und barfuß tanzen, bis ich völlig erschöpft bin und endlich schlafen kann!« Aber sie war nicht mehr die Bea von früher; sie war über fünfzig und hatte gelernt, dass es manchmal das Beste war, sich an die alte Regel zu halten: »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold«. Genau auf diese Art überstand sie die nächste Stunde voller Plattitüden darüber, dass die Zeit all ihre Wunden heilen würde. Sie wusste aus bitterer Erfahrung, dass das nicht stimmte. Fünfunddreißig Jahre waren vergangen, und noch immer beschleunigte sich ihr Puls, wenn sie daran dachte, wie sie sich mit bloßen Händen an ihren Liebsten geklammert, ihn angefleht, angebettelt hatte, sie nicht allein zu lassen. Die Zeit hatte ihre Wunden nicht geheilt; sie hatte nur eine dünne Schicht von Empfindungslosigkeit darübergelegt, die den Schmerz betäubte, sodass sie leichter damit leben konnte.

Bea schüttelte den Kopf, um die Erinnerung loszuwerden, hob die Tasse mit dem nach Zitrone schmeckenden Tee an die Lippen und ging langsam zum Sofa hinüber. An ihrem Handgelenk ertönte das vertraute Klirren. Zwölf schmale, silberne Armreife waren an ihrem linken Arm aufgereiht, jeden einzelnen davon hatte ihr Peter zu einem besonderen Geburtstag oder zum Hochzeitstag geschenkt; in die Innenseite jedes Reifes war eine Liebeserklärung oder ein lustiger Spruch eingraviert. Auf dem Armreif, den er ihr zu ihrem fünfzigsten Geburtstag geschenkt hatte, stand: »Jetzt bist du offiziell alt! Willkommen im Club!«

Sie lächelte bei der Erinnerung an seinen wundervollen Humor und wünschte sich ein weiteres Mal, sie hätte ihn ebenso sehr lieben können, wie er sie geliebt hatte. Sie war glücklich mit ihm gewesen, er war Wyatt ein guter Vater und hatte ihr geholfen, die Reservoir Street Kitchen aufzubauen, das Café, das ihr ganzer Stolz und ihre Freude war. Aber sosehr sie sich auch wünschte, es möge anders sein: Ihre Gefühle für ihn waren immer ein blasses Abbild dessen geblieben, was sie für ihre erste Liebe empfunden hatte, ihre Hand in seiner, als sie über das hölzerne Deck schwebten, der Vollmond für eine nahezu vollkommene Kulisse sorgte, als das Herz ihr in der Brust hüpfte und ihr Fuß im Takt der Musik auf den Boden tippte, in jener Nacht, die, wäre es nach ihr gegangen, niemals hätte zu Ende gehen sollen. Bea strich sanft über das dunkelgrüne Seidenkissen und ließ ihre freie Hand auf dem Stoff ruhen.

Nachdem sie geduscht und ihr dickes graues Haar zu üppigen Wellen geföhnt und es mit einer Haarspange zu einem losen Knoten zusammengenommen hatte, trug sie dunkelroten Lippenstift auf und tuschte sich zwei Mal die langen Wimpern. Während sie ihre olivenfarbene Dreiviertelhose mit einer ärmellosen Tunika und drei Halsketten aus dicken, beigen Perlen kombinierte, rief sie sich ins Bewusstsein, welch großes Glück sie gehabt hatte. Wenn Peter nicht gewesen wäre, hätte ihr Leben tatsächlich ganz anders verlaufen können. Dann schlüpfte sie in ihre petrolblauen Chucks und verbannte die Erinnerungen und den Traum an den Rand ihres Bewusstseins.

Bevor sie nach unten ging, um das Café aufzumachen, betrachtete sie das Foto an der Wand und sprach dieselben Worte in den strahlend blauen Morgen, die sie auch an den vergangenen 364 Tagen gesagt hatte.

»Es tut mir leid, Peter. Es tut mir leid.«

Amanda Prowse

Über Amanda Prowse

Biografie

Amanda Prowse kündigte vor fünf Jahren ihren Job als Unternehmensberaterin, um sich fortan nur noch dem Schreiben zu widmen. All ihre Bücher haben drei Dinge gemeinsam: Sie halten uns nachts davon ab, die Nachttischlampe auszuknipsen. Sie erzählen Geschichten, die mitten aus dem Leben gegriffen...

Pressestimmen

Luzerner Rundschau

»Große Gefühle, interessante Handlungsorte und sympathische Protagonisten machen den Reiz dieses Romans aus.«

Kommentare zum Buch

Ein wundervolles Buch
Reading Books am 19.11.2017

Amanda Prowse ist für mich eine Autorin deren Bücher ich einfach lesen muss. Wo bei anderen Romanen auch der Klappentext wichtig ist, reicht hier der Autorenname. Sie ist für mich ein Garant für gute Geschichten, echte Figuren und ergreifende Schicksale. Nicht anders ist es auch jetzt in "Ein Winter voller Wunder".   Ich bin so froh, dass es endlich mal eine etwas in die Jahre gekommende Protagonistin gibt, die zudem noch ehrlich und ohne Klischees dargestellt wird. Figurprobleme werden von Prowse genauso selbstverständlich dargestellt wie leichte Selbstzweifel ihrer Figuren. Das macht die ganze Geschichte für mich persönlich noch greifbarer.   Der klare, einfache Schreibstil der Autorin macht es wie erwartet einfach in Buch und Handlung zu finden. Die Geschichte selbst hält den Leser danach gefangen. Dieses Buch kann man einfach nicht zur Seite legen. Es ist wie gewohnt großartig, Figuren und Handlung sind durchdacht und dank der realistischen Darstellung wirkt es mehr wie eine Darstellung tatsächlich lebender Personen als einer "erfundenen" Geschichte.   Wer Amanda Prowse und ihre Bücher noch nicht kennt, sollte dies unbedingt nachholen. "Ein Winter voller Wunder" ist für mich nicht unbedingt ihr bisher bestes Buch, doch es steht ihren anderen Romanen in Gefühl und Schicksal kaum nach. 

Zauberhafter Vorweihnachtsschmöker mit viel Herz - & auch Verstand ;)
Sagota am 11.11.2017

Als ihr Mann nach über 30 Ehejahren stirbt, stürzt sich Bea in die Arbeit in ihrem Café in einem Stadtteil von Sydney, wo sie von Kim und Tait, zwei wundervollen Mitarbeitern, unterstützt wird. Ihren Sohn Wyatt hingegen sieht sie eher selten; die beiden haben ein eher distanziertes Verhältnis. Als es jedoch Probleme in der Schule für die Enkelin Flora gibt, wendet sich Wyatt doch an seine Mutter und die Familie sorgt erst mal für Abstand zwischen der 13jährigen Flora und ihren Eltern Wyatt und Sarah. Bea freut sich sehr über den Besuch der Enkeltochter und die beiden kommen sich näher: Man kommt überein, dass Flora nicht mit den Eltern in den Weihnachtsurlaub fährt, stattdessen jedoch eine spontane Reise ins entfernte Schottland mit Bea antritt.... Diese Entscheidung entpuppt sich als die beste, die die Familie je treffen konnte, denn es gibt ein Geheimnis, dem sich Bea nach Jahrzehnten endlich stellt und die mit einer verlorenen Liebe zu tun hat, über die sie stets schwieg...   Dieser Roman, der mich wirklich bezaubern konnte, behandelt die Themen Konflikte in der Familie, Geheimnisse und ein spätes zweites Glück, die Pubertät und das Älterwerden, moralische Vorstellungen gegenüber unverheirateten jungen Müttern gestern und heute, den Neuanfang und einiges mehr: Amanda Prowse hat mit Bea, Flora, Wyatt, Sarah und auch Mr. Giraldi sehr authentische Figuren in dieser wunderschönen und hoffnungsstimmenden Geschichte geschaffen, die mir sehr sympathisch waren. Ihr Stil ist sehr gut zu lesen, flüssig und klar und die Charaktere sind in all ihren Facetten schillernd dargestellt: Die Probleme der Familie wirken sehr realistisch und die Handlung ist spannend, emotional und sehr in die Tiefe gehend. Es gibt einige sehr weise und lebenskluge, auch lebensbejahende Sätze zu entdecken, die mir gut gefallen haben und inhaltlich sehr stimmig waren, etwa   "Wenn die Zeit sie (Bea) etwas gelehrt hatte, dann, dass die Welt ein schönerer Ort war, wenn man weder Bedauern noch Groll im Herzen trug" (Zitat)   Auch das bestickte Tuch von 1850 aus St. Andrews und die Botschaft der Stickerin fand ich sehr schön: Die erste Romanhälfte ist in Australien, Sydney verortet und die zweite Hälfte - nachdem Bea und Flora aufbrachen, spielt in Schottland/Edinburgh oder auch "Auld Reekie". Bea ist in England aufgewachsen und erstmals seit Jahrzehnten wieder im Königreich: Edinburgh in der Vorweihnachtszeit mit seinem allein architektonischen Zauber und die Stimmung Beas und Floras ist in einer Art beschrieben, dass man selbst große Lust empfindet, vor Weihnachten noch in diese tolle Stadt zu reisen. Ein elektronischer Briefkontakt führte im Grunde nach Edinburgh, der als solcher ebenfalls einige (witzige) Überraschungen bereithält.   Fazit:   "Ein Winter voller Wunder" von Amanda Prowse ist gerade jetzt in der trüben und dunklen Jahreszeit ein zauberhafter, sehr positiver Frauen- und Liebesroman, der mich sehr gut unterhalten konnte und nie trivial war: Ein richtiger "Wohlfühlroman" mit dennoch wichtigen Botschaften, Mut im Leben zu haben und einen Neuanfang zu wagen, wenn er angezeigt ist - auch jenseits der 50 ;) Mit einer absoluten Leseempfehlung vergebe ich die volle Punktezahl und 5*. Vielen Dank an den Piper-Verlag fürs Veröffentlichen und Anja Mehrmann für die Übersetzung!   Einzelbeurteilung:   Schreibstil: 5/5 Charaktere: 5/5 Spannung: 4/5 Ende: 5/5 Cover: 5/5

Gib der Liebe eine zweite Chance
Marie's Salon du Livre am 16.10.2017

Bea ist sich bewusst, wie viel Glück sie hatte Peter zu begegnen. Alleinerziehend, ohne Familie und Freunde ist Peters Freundlichkeit und Liebe, wie ein Lichtstreifen am Ende des Tunnels. 27 Jahre sind sie ein glückliches Paar, wenn Peter auch weiß, dass er nicht Beas ganz große Liebe ist. Seine Liebe reicht für beide und auch für Wyatt, Beas Sohn. Als Peter stirbt, bleibt Bea alleine in Sydney zurück und kümmert sich um ihr gemeinsames Cafe. Die Arbeit lenkt sie von ihrem Schmerz ab und hindert sie auch daran, sich zu sehr an die schmerzliche Vergangenheit zu erinnern. Eines Tages flattert ganz altmodisch ein Brief per Post in Beas Haus. Darin erfährt sie von einem weltumspannenden Forum für außergewöhnliche Cafes. Der Schreiber sitzt in Edinburgh und mit Hilfe Flora, Beas 13jährige Enkelin beginnt ein elektronischer Schreibwechsel zwischen Alex und Bea. Wie es der Zufall will, beschließt sie ganz kurzfristig vor Weihnachten nach Schottland zu fliegen, um ein wenig vom Weihnachtszauber in Edinburgh zu erleben. Flora begleitet ihre Großmutter, in der Hoffnung, dass ein wenig Abstand von den Ereignissen in ihrer Schule ihr gut tun würde. So tauschen sie den australischen Sommer mit dem Winter in Schottland und Bea stellt sich in kleinen Schritten ihrer Vergangenheit.   Wie hat es mir gefallen?   Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar. Sobald Weihnachten vor der Tür steht, schießen die passenden Geschichten wie Pilze aus dem Boden. Normalerweise halte ich mich von der speziellen Lektüre fern, da ich mich nicht auf eine Jahreszeit, zum Lesen von Weihnachtsgeschichten, beschränke. Aber wer mich kennt und mir schon länger folgt, dass ich eine entscheidende Schwachstelle habe. Sobald Schottland erwähnt wird, bin ich ein leichtes Opfer. So auch dieses Mal, denn Edingburgh zur Weihnachtszeit ist ein Reisetraum, den ich mir noch erfüllen muss. Die Geschichte beginnt allerdings im heißen Australien. Bea stürzt sich nach dem Tod ihres Mannes Peter in die Arbeit. Ihr Cafe ist weiterhin sehr erfolgreich. Aber Bea leidet unter der Entfremdung zu ihrem Sohn Wyatt. Noch ist ihr dafür keine Lösung eingefallen. Als Flora, ihre Enkelin kurzfristig zu ihr kommt, erreicht sie ein Brief aus Schottland. Mit Floras Hilfe nimmt sie per eMail Kontakt mit dem Absender auf. Bea versucht Flora gute Tipps zu ihren schulischen Problemen zu geben und Flora zeigt ihr, wie sie richtig mit einem Laptop umgeht. Wie es der Zufall so will, gelangen die beiden nach Schottland und dort angekommen, ziehen die zwei los und erliegen dieser zauberhaften Stadt. Bea erzählt von ihrer ersten großen Liebe und ihre ungemein offenherzige Enkelin gibt ihr die Kraft sich ihren Erinnerungen zu stellen. Die Geschichte besticht vor allem durch die wundervollen Beschreibungen der Orte, egal ob in Australien oder Schottland. Ortstypische Leckereien lassen meinen Magen laut knurren. Zusammen mit den sympathischen Figuren, allen voran Bea ergibt sich ein Buch, das mich sofort in seinen Bann zog. Ein wenig Drama, Wertevorstellungen der 70iger Jahre, verlorene Familien und zweite Chancen haben mich auf guten Niveau unterhalten. Somit hat die Weihnachtssaison für mich begonnen.   Seite 273 "Bedingungslose Liebe lässt sich leicht behaupten, wenn sie niemals auf die Probe gestellt wurde."   www.mariessalondulivre.at

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