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Ein Winter mit Baudelaire

Ein Winter mit Baudelaire

Roman

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Ein Winter mit Baudelaire — Inhalt

Es wird Herbst in Paris, als Philippe den Boden unter den Füßen verliert. Nach der Trennung von seiner Frau zwingt sie ihn, die gemeinsame Wohnung zu verlassen, und verwehrt ihm den Kontakt zu seiner Tochter. Als wenig später sein Arbeitsvertrag nicht verlängert wird, ist das der letzte Schritt, der ihn in den Abgrund stürzen lässt. Das Leben auf der Straße droht ihm den Rest seiner Würde zu nehmen. Doch dann begegnet er Baudelaire, der ihn mit beständigem Optimismus und treuem Hundeblick auf vier Pfoten zurück ins Leben führt. Dank ihm und mithilfe des einfallsreichen Kebabverkäufers Bébère und der weisen Toilettenfrau Sarah findet Philippe den Mut für einen Neuanfang. Und auf einmal scheint der Tag, an dem er seine Tochter wieder in die Arme schließen kann, gar nicht mehr so fern.

€ 7,99 [D], € 7,99 [A]
Erschienen am 04.10.2010
Übersetzt von: Sabine Schwenk
288 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95121-0

Leseprobe zu »Ein Winter mit Baudelaire«

Für sie,
damit man sie nicht mehr ansieht, ohne sie zu sehen.

 

Für Pascal und seine »kleine Promenadenmischung« Jessica,
ohne die es dieses Buch nicht geben würde.

 

Ich singe den kotbespritzten Hund, den armen Hund, den Hund ohne Behausung, den streunenden Hund, den Seiltänzerhund, den Hund, dessen Instinkt, wie der des Armen, des Zigeuners und des Komödianten wunderbar geschärft ist durch die Not, die so gute Mutter, die wahre Schutzgöttin der gescheiten Leute! Ich singe die armseligen Hunde, die einsam in den gewundenen Schluchten der unermesslichen [...]

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Für sie,
damit man sie nicht mehr ansieht, ohne sie zu sehen.

 

Für Pascal und seine »kleine Promenadenmischung« Jessica,
ohne die es dieses Buch nicht geben würde.

 

Ich singe den kotbespritzten Hund, den armen Hund, den Hund ohne Behausung, den streunenden Hund, den Seiltänzerhund, den Hund, dessen Instinkt, wie der des Armen, des Zigeuners und des Komödianten wunderbar geschärft ist durch die Not, die so gute Mutter, die wahre Schutzgöttin der gescheiten Leute! Ich singe die armseligen Hunde, die einsam in den gewundenen Schluchten der unermesslichen Städte umherirren, und sie, die dem verlassenen Menschen mit geistvoll blinzelnden Augen sagten: »Nimm mich zu dir, und aus dem Elend von uns beiden machen wir dann vielleicht so etwas wie Glück!«

 

Charles Baudelaire, »Die braven Hunde«,
Le Spleen von Paris

 

Es war einmal

 

Auf der Straße ist es menschenleer. Dabei ist die Luft noch mild. Die Abende und Nächte bleiben frisch, aber die laue Lichtfülle des Tages klingt immer deutlicher in ihnen nach. Es ist ein Abend im Mai, Anfang Mai, eine zarte Dämmerung.
Der Sonntag neigt sich dem Ende zu. Die Schatten werden länger, sie strecken und räkeln sich in der Melancholie eines Wochenendes, das diesem Vorort mit seinen kleinen Einfamilienhäusern am Stadtrand von Paris den Rücken kehrt.
Aus den halb geöffneten Fenstern dringen Geräusche von Existenzen, die sich täglich kreuzen wie gebrochene Linien, ohne einander über nachbarschaftliche Höflichkeit oder städtische Gleichgültigkeit hinaus jemals wirklich zu begegnen. In wirren Spiralen entweichen sie, wirbeln einen Moment über dem Asphalt und steigen zum Himmel hinauf, um sich dort im dumpfen, erstickten Dröhnen der Stadt zu verlieren. Gesprächsfetzen überlagern die Stimme der Sprecherin der Acht-Uhr-Nachrichten. Gegenüber schleudert eine Waschmaschine brummend die Wäsche der vergangenen Woche. Ein Stück weiter rennen Kinder lachend durchs Wohnzimmer, während die Mutter, über den Küchentisch gebeugt, Alleinsein und Geldnot in einem Glas Wodka ertränkt. Nebenan liebt sich ein frisch verheiratetes Paar. Ein Haus weiter betrügt eine Frau ihren Ehemann, der auf Dienstreise ist. Weiter oben kocht ein Paar, ein anderes streitet sich wegen einer versalzenen Suppe. Ein weiteres isst zu zweit zu Abend, jeder in seine Gedanken versunken, verbunden nur noch in der gemeinsamen Sorge um offene Haushaltsrechnungen.
All diese leise rauschenden Existenzen verschmelzen zu einem dumpfen, wirren Lärm, der nichts als Schweigen ist. In diesem Geflecht aus Geräuschen hört niemand die Schreie einer sich heftig streitenden Familie oder das Ächzen des Gürtels, mit dem ein Mann dem Sonntagsvergnügen einer kleinen ehelichen Züchtigung frönt, oder die Stimme von Philippe, der auf der Bettkante seiner Tochter zärtlich »Es war einmal …« flüstert.

 

Der Sternenprinz und die Prinzessin der Morgenröte

 

Claire hat die Augen geschlossen. Ihr Atem geht gleichmäßig und ruhig. Philippe stützt die Hände auf die Knie, steht vorsichtig auf und geht leise auf die Zimmertür zu.
»Papa ?«
Philippe dreht sich um, kehrt ans Bett seiner Tochter zurück, streicht ihr sanft übers Haar.
»Schlaf, meine kleine Prinzessin …«
»Noch eine Geschichte …«
»Es ist spät, du hast morgen Schule …«
»Aber … ich bin schon sechseinhalb!«
»Eben drum, ein großes Mädchen wie du braucht Kraft, damit es gut lernen kann …«
»Bitte, Papa …«
Philippe wirft einen Blick zur halb geöffneten Tür, seufzt, setzt sich wieder aufs Bett.
»Also gut, aber nur eine, und zwar eine kurze, sonst schimpft die Mama noch mit mir!«
Mit unterdrücktem Lachen halten sich beide den Zeigefinger vor den Mund und machen »Pst!«.
»Der Sternenprinz und die Prinzessin der Morgenröte!«
»Noch mal ?«
»Ja !«
»Aber die habe ich dir doch eben schon erzählt!«
»Papa …«
Philippe sieht seiner Tochter forschend ins Gesicht, in ihre vor Ungeduld glänzenden Augen, und muss lächeln. Kinder lieben es, wenn man ihnen immer wieder die gleiche Geschichte erzählt. Der abgesteckte, vertraute Weg umfängt, umhüllt sie wie eine dicke, beruhigende Daunendecke.
»Na gut …«
Claire nimmt die Hand ihres Vaters.
»Papa ?«
»Ja, Prinzessin ?«
»Wirst du uns auch nicht vergessen, wenn du weg bist?«
»Was für ein Gedanke ! Niemals! Außerdem bin ich ja nur für ein paar Wochen weg …«
»Wie viele ?«
Ein angedeutetes Lächeln, dem jede Überzeugung fehlt, huscht über Philippes Gesicht.
»Nicht lang …«
Claire macht einen Schmollmund.
»Ich rufe dich jeden Abend an, um dir eine Geschichte zu erzählen.«
Die Augen seiner Tochter leuchten.
»Versprochen ?«
»Versprochen.«
Claire kuschelt sich tiefer unter die Decke und schließt die Augen. Philippe sieht sie durchdringend an, dann beginnt er mit dem Märchen, das ihm seine Großmutter oft erzählt hat, als er so alt war wie seine Tochter jetzt.
»Vor langer, langer Zeit, so will es eine uralte Legende, gab es die Sterne noch nicht. Nachts war der Himmel schwarz wie Tinte. Die Nacht war das Reich der Götter und bösen Geister und für die Menschen tabu. Weil zwischen den Mächten des Himmels und der Hölle ein heftiger Krieg tobte, traute sich nach Einbruch der Dunkelheit niemand mehr aus dem Haus. Niemand, bis auf einen jungen Mann und ein junges Mädchen. Sie liebten sich, aber sie stammten aus zwei verfeindeten Dörfern. Wenn sie zusammen waren, strahlten sie vor Glück, und dieses Licht störte die Dunkelheit und durchkreuzte die Pläne der göttlichen Rivalen. So wurde zwischen den himmlischen und den unterirdischen Mächten ein außergewöhnlicher Waffenstillstand beschlossen. Sie verbündeten sich, um das Liebespaar zu fangen. Die beiden wurden getrennt. Den jungen Mann sperrte man in den Himmel und in die Nacht; das junge Mädchen wurde dazu verurteilt, nur auf der Erde und am Tag zu leben. Der junge Mann weinte so bitterlich, dass seine Tränen kleine, glitzernde Löcher in den Schleier der Nacht rissen, und daraus wurden die Sterne. Durch diese funkelnden Öffnungen suchte er unermüdlich den Erdball ab, um seine Geliebte wenigstens zu sehen. Das junge Mädchen aber stand in der Morgenröte auf und starrte minutenlang, während die Sterne vor dem erbleichenden Himmel erloschen, wie gebannt und ohne auch nur ein einziges Mal zu blinzeln, in die tausend Augen ihres Geliebten. Dann weinte auch sie und bedeckte die Erde mit einer feuchten Tränenschicht, die wir als Morgentau kennen.«
Am Ende der Geschichte angelangt, betrachtet Philippe das schlafende Gesicht seiner Tochter. Er blinzelt nervös.
»Schlaf, meine kleine Prinzessin, die Sterne passen auf dich auf …«
Vorsichtig löst er seine Finger aus Claires Hand, streichelt ein letztes Mal ihr Haar, das sich wirr übers Kopfkissen breitet, steht leise auf und geht aus dem Zimmer.

 

Auf der Schwelle

 

Am Fuß der Treppe ein Koffer. Philippe bleibt stehen und wirft einen kurzen Blick darauf. Durch den Türspalt der Küche dringt das Klirren von Besteck, das ins Körbchen der Spülmaschine fällt.
Einen Moment hält er regungslos inne, dann geht er zu Sandrine, die nach dem Abendessen das schmutzige Geschirr in die Maschine räumt. Vom Türrahmen aus beobachtet er ihr Tun, ohne dass sie ihn eines Blickes würdigt.
Sie hatten sich auf einem Fest kennengelernt. Philippe war aus seinem Heimatort Le Havre in die Hauptstadt geflohen und brachte zu dieser Zeit mit Hilfe von unzähligen kleinen Nebenjobs sein Studium zu Ende. Für Sandrine hatte er damals den Reiz des Exotischen und stellte eine Kampfansage an ihre Herkunft dar. Als Tochter aus gutem Hause stammte sie aus Versailles, kam aus einer Familie, in der Abtreibung ein Tabuthema war, und ihre Eltern hatten die Sache zunächst ignoriert und darauf gewartet, dass ihr diese Flausen wieder vergingen. Aber sie war schwanger geworden. In Versailles sah man sich genötigt, den Schein zu wahren: kleine Hochzeit, diskret und überstürzt, minimale finanzielle Unterstützung, die ausschließlich der kleinen Enkelin und nicht dem unerwünschten Vater zugedacht war. Ansonsten wollte man nichts damit zu tun haben. Zumindest nicht, solange Sandrine auf ihrem Fehler beharrte. Anfangs hatte die junge Frau, die gegen ihren Clan rebellierte, Philippes Kampfgeist bewundert. Doch die Erinnerung an das frühere Leben hatte an ihren Gefühlen genagt. Ihr Alltag und ihr Ehemann wurden ihr immer mehr zur Qual. Es war wie eine Falle, die über dem Ausreißer zuschnappt.
Sandrine schaltet den Geschirrspüler ein. Sein gelassenes Brummen füllt den Raum. Philippe wendet sich ab und lässt seinen Blick durchs Fenster schweifen. Die Bäume blühen.
»Deine Sachen stehen neben der Tür.«
Er sieht sie wieder an. Sandrine zündet sich eine Zigarette an, atmet langsam die erste Rauchwolke aus, geht ein paar Schritte, nimmt sich einen sauberen Aschenbecher. Ihre Absätze klacken auf dem weißen Fliesenboden.
»An deiner Entscheidung lässt sich nicht mehr rütteln? Nicht mal für eine Woche oder zwei?«
Sandrine blickt ihm fest in die Augen.
»Philippe, wir sind jetzt seit drei Monaten geschieden. Ich hatte dir zwei Monate gegeben, um eine Lösung zu finden, aber nichts ist passiert. Ich habe dir noch einen Monat gegeben, immer noch nichts. Ich war mehr als entgegenkommend, findest du nicht?«
»Man merkt, dass du noch nie gezwungen warst, in meiner Situation eine Wohnung zu finden …«
Sandrine seufzt.
»Was ?«
»Nichts … Mein Vater hat mich von Anfang an gewarnt …«
Mit bitterem Lächeln schüttelt Philippe den Kopf.
»Dein Vater! Für sein geliebtes kleines Töchterchen war ich sowieso nie gut genug … Ist er derjenige, der sagt, dass ich Claire am Wochenende nur dann zu mir holen darf, wenn ich eine Wohnung habe?«
Sandrine zieht schweigend an ihrer Zigarette.
»Sag schon, ist er derjenige?«
»Philippe, ich bin müde. Du machst mich müde.«
Sie setzt sich.
»Deine Schlüssel.«
Philippe starrt sekundenlang auf die Hand, die sie ihm entgegenstreckt, dann legt er den Schlüsselbund auf den Tisch.
»Ich werde jeden Abend anrufen.«
Als einzige Reaktion zieht Sandrine wieder an ihrer Zigarette.
»Du kannst verlangen, dass ich eine Wohnung habe, um meine Tochter in angemessener Weise zu empfangen, aber du kannst mich nicht daran hindern, mit ihr zu telefonieren !«
Sandrine atmet den letzten Rauch aus und zerdrückt mit einer schroffen Geste ihre Zigarette.
»Hör zu«, versetzt sie. »Wir beschränken uns von jetzt an aufs absolute Minimum. Hallo und Tschüs, wenn du Claire anrufst. Ansonsten klärst du alles mit meinem Anwalt, okay ?«
Sie starren sich an. Philippe dreht sich wortlos um, nimmt seinen Koffer und verlässt das Haus.
Draußen, auf der Fußmatte, bleibt er mit gesenktem Kopf stehen, den Arm nach hinten gestreckt, die Hand an die Türklinke geklammert.
Aus den Fenstern der Nachbarhäuser dringen noch Geräusche. Wie zuvor entweichen sie in wirren Spiralen, wirbeln einen Moment über dem Asphalt und steigen zum Himmel hinauf, um sich dort im erstickten Brummen der Stadt zu verlieren.
Philippe zündet sich eine Zigarette an und hebt den Kopf. Ziellos streift sein Blick durchs Leere, bis er sich jenseits der kleinen Einfamilienhäuser und Bäume zwischen den Hochhäusern verfängt, die den Blick zum Horizont versperren. Die ersten Sterne zerreißen schon die Dämmerung.

 

Städtische Randgebiete

 

Er fährt. Lange. Ohne genaues Ziel. Er folgt den Windungen der Straße und den Zufällen der Abzweigungen.
Er fährt von Vorort zu Vorort. Einer grenzt an den anderen. Was sie trennt, sind nur zwei Schilder, auf jeder Seite der Landstraße eins. Das rechte in Fahrtrichtung verkündet den Namen einer Gemeinde, während das andere auf der linken Seite durchgestrichen ist. Nur an diesen beiden Punkten wird die Grenze sichtbar. Anderswo ist sie nicht wahrnehmbar. Dasselbe diffuse Grau zieht sich über alle Gebäude, hinter deren scheinbarer Einförmigkeit das Stadtbild ein unpersönliches, verzerrtes Gesicht zeigt. Alte Häuser in welkem Stil neben Gebäuden von konturloser Modernität. Überbleibsel von Stadt, die durch Bruchstücke von Industrie- und Gewerbegebieten zersetzt sind. Es ist noch nicht die Hauptstadt, aber auch nicht ganz Provinz. Nur ein Zwischenraum ohne klare Identität.
Er bremst, hält an einer roten Ampel. Es ist Nacht geworden. Die Straßenlaternen werfen gleichmäßige, reglose Lichtstreifen in bleichem Gelb auf die Szenerie, dazu das grelle Blinken einzelner Schilder. Die meisten Fensterläden sind geschlossen. Die Eisengitter vor den Geschäften sind heruntergelassen. Der Rathausplatz direkt gegenüber ist leer. Außer einigen Autos weit und breit keine Spur von Leben. Nur auf dem Bürgersteig taucht zwischen zwei Schattenflecken verstohlen ein Hund auf.
Die Ampel wird grün. Er fährt los. Am Ende der kleinen Ortschaft, das zugleich den Beginn der nächsten markiert, erhebt sich eine Friedhofsmauer, der einzige greifbare, wenn auch paradoxe Beweis dafür, dass es hier wirklich Leben gibt.
Philippe tritt aufs Gas. Es ist fast Mitternacht.

 

Mit angezogenen Beinen

 

Gegen zwei Uhr morgens betritt er ein Hotel der Kette Formule 1.
»Guten Abend, haben Sie noch Zimmer frei?«
»Tut mir leid, wir sind voll.«
»Ah ja … Danke.«
Eine Stunde und ein Dutzend Hotels später geht er rauchend auf dem Parkplatz einer Tankstelle hin und her. Es weht ein frischer Wind mit kräftigen, stoßartigen Böen. Er zieht den Kopf ein, verschränkt die Arme vor der Brust, und in dieser gebeugten Haltung läuft er weiter den körnigen Asphalt entlang, bis er schließlich wieder ins Auto steigt. Die Hauptstadt liegt vor ihm, jenseits der Ringautobahn. Einige der großen Gebäude, die den Blick versperren, sind mit Satellitenschüsseln gespickt, die wie Girlanden unter den Fenstern hängen und ihnen eine seltsame Ähnlichkeit mit riesigen, eckigen Weihnachtsbäumen verleihen.
Nachdem er eine weitere halbe Stunde herumgefahren ist, schlägt er die Richtung seines Büros ein. Nach mehreren Runden durchs Stadtviertel parkt er schließlich vor dem Bistro, in dem er manchmal, wenn er morgens noch Zeit hat, einen Kaffee trinkt.
Er steigt aus, öffnet den Kofferraum, dann seine Tasche und nimmt einen Anzug heraus, den er auf einem Bügel an einen der hinteren Kleiderhaken hängt. Er greift auch nach einem Lederblouson, den er mit in den Wagen nimmt.
Drinnen stellt er den Handywecker auf sieben, die Uhrzeit, zu der die Putzkolonne im Büro einrückt. Dann klappt er die Rückenlehne des Beifahrersitzes so weit nach hinten, dass die Kopfstütze die hintere Sitzbank berührt, legt sich auf den Rücken, mummt sich in den Blouson ein und schließt endlich die Augen. Es ist kurz nach vier Uhr morgens.
Eine Viertelstunde später, wenn überhaupt, richtet er sich wieder auf und reibt sich mit verzerrtem Gesicht das Steißbein. Er blickt auf seine Beine, die er nicht ausstrecken kann. Er dreht sich um, klappt die Rückenlehne der Sitzbank herunter und versucht, die Bank so weit zurückzuschieben, dass er seinen Sitz komplett in die Horizontale bringen kann. Vergeblich. Der Winkel zwischen Rückenlehne und Sitzfläche lässt sich nicht weiter verringern. Es bleibt ein kleiner, unguter Höhenunterschied, der sich an den Lendenwirbeln bemerkbar macht.
Er dreht sich auf die Seite. Trotz der leicht getönten Scheiben wird der Innenraum des Wagens vom bleichen Licht einer Straßenlaterne durchflutet. Er richtet sich wieder auf, greift nach dem Bügel, an dem sein Anzug hängt, und befestigt ihn am gegenüberliegenden Haken, sodass der Schatten genau auf sein Gesicht fällt.
Wieder legt er sich hin, zieht die Beine hoch, schiebt den linken Arm unter den Kopf und schließt die Augen. Nach und nach wird sein Atem langsamer und tiefer.
Plötzlich hallt das Knattern eines frisierten Mopeds durch die Nacht, kommt näher und zerreißt die Stille. Ein schrilles Spektakel.
Er schlägt die Augen auf, seufzt, macht sie wieder zu. Er bewegt seinen Arm, dann die Beine, verharrt, bewegt sich wieder, erstarrt, rührt sich nochmals, reißt sich plötzlich mit einer brüsken Bewegung den Blouson herunter, der ihm als Decke gedient hat, und richtet sich ganz auf. Er streicht sich mit der Hand durchs Haar, über den Hals, das Gesicht, lässt seinen Blick ziellos umherirren.
Ein Auto fährt vorbei. Von den Scheinwerfern geblendet, kneift er die Augen zusammen. Der Wagen bremst ab, wird langsamer, hält an, um in die Querstraße einzubiegen. Während sich das Auto entfernt und nur noch das künstliche Dämmerlicht der Stadt die Dunkelheit stört, bringt er die Rückenlehne des Beifahrersitzes wieder in Normalposition, steigt aus und legt sich, den Lederblouson um den Oberkörper geschlungen, mit angezogenen Beinen auf die Rückbank.
Es ist fast 5 Uhr 15.

Über Harold Cobert

Biografie

Harold Cobert, 1974 in Bordeaux geboren, hat Literatur studiert. Nach einem Surfunfall im Alter von zwanzig Jahren begann er zu schreiben. Er ist Theater-, Film- und Fernsehautor und hat in Frankreich unter anderem eine Reihe Essays über Mirabeau veröffentlicht. Nach »Ein Winter mit Baudelaire«...

Medien zu »Ein Winter mit Baudelaire«

Pressestimmen

Kronen Zeitung (A)

»Zauberhafte Geschichte für die kalte Jahreszeit.«

Braunschweiger Zeitung    

»Ein Buch, das berührt, sehr sogar!«

Oberhessische Presse  

»Einfach großartig – (…) der französische Autor schreibt mit viel Einfühlungsvermögen und Poesie. (…) ›Ein Winter mit Baudelaire‹ ist ein Roman voller Gegensätze, der poetisch, zärtlich, einfach herzerwärmend aber dennoch traurig geschrieben ist.«

Absolut Beautiful (A)

»Ein liebevoll-feinsinniger Roman über die Achterbahn namens Leben.«

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