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Ein unruhiges GrabEin unruhiges Grab

Ein unruhiges Grab

Thriller

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Ein unruhiges Grab — Inhalt

Als Inspector Brook in die Abteilung für unaufgeklärte Fälle versetzt wird, ist er wenig begeistert. Eine Kindesentführung hält gerade ganz Derby in Atem und es nagt an ihm, nicht bei der Aufklärung mithelfen zu dürfen. Doch bald entdeckt er in den alten Akten zwei lange zurückliegende Morde an Jungen aus der Gegend mit erschreckenden Parallelen zu einem Fall, den Brook aus seiner Zeit als Polizist in London nur zu genau kennt. Gibt es da einen Zusammenhang? Holen seine Dämonen ihn nach all den Jahren ein? Und sollte ein Serienmörder über einen so langen Zeitraum unentdeckt geblieben sein? Er weiß nur eins, wenn er mit dieser Theorie Recht hat, muss er schnell sein, denn ein offenbar fatales Datum rückt näher ...

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 10.08.2015
Übersetzt von: Juliane Pahnke
592 Seiten, Broschur
EAN 978-3-8333-1003-4
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 10.08.2015
Übersetzt von: Juliane Pahnke
608 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7794-3

Leseprobe zu »Ein unruhiges Grab«

1
Samstag, 22. Dezember 1973, Derby
Der Junge schaute von den Fußballkarten auf, die er sortiert hatte, und beobachtete, wie seine Mum sich noch eine Zigarette ansteckte. Ihre Hände wirkten unbeholfen und steif, als sie nach Feuerzeug und Schachtel griff, doch schließlich, nach dem leisen Zischen von Gas und einer flackernden Flamme war es geschafft. Das goldene Feuerzeug warf sie auf den Kaffeetisch, nahm zitternd einen Zug und behielt das blaugraue Gift einen Herzschlag lang in den Lungen, ehe sie es quer durch den Raum blies.
Jeff sah ihr schweigend zu, [...]

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1
Samstag, 22. Dezember 1973, Derby
Der Junge schaute von den Fußballkarten auf, die er sortiert hatte, und beobachtete, wie seine Mum sich noch eine Zigarette ansteckte. Ihre Hände wirkten unbeholfen und steif, als sie nach Feuerzeug und Schachtel griff, doch schließlich, nach dem leisen Zischen von Gas und einer flackernden Flamme war es geschafft. Das goldene Feuerzeug warf sie auf den Kaffeetisch, nahm zitternd einen Zug und behielt das blaugraue Gift einen Herzschlag lang in den Lungen, ehe sie es quer durch den Raum blies.
Jeff sah ihr schweigend zu, wie sie versuchte, sich zurückzulehnen und zu entspannen. Doch es ging nicht. Sie hockte sich wieder auf die Sofakante, die Beine leicht angewinkelt, die verspannten Schultern unter den ungekämmten Haaren unsichtbar. Sie rang die von der Hausarbeit geröteten Hände, knibbelte an ihren eingerissenen Nägeln und drehte die zwei Ringe um ihren Ringfinger.
»Ich bin hungrig, Mum«, sagte Jeff. Ein typisch kindlicher Satz, eine implizierte Bitte.
Ohne zu ihm zu schauen, antwortete sie mit heiserer und erstickter Stimme. »Dad kommt in einer Stunde heim.«
Jeff starrte sie an, ohne zu blinzeln, und wartete, dass sie nachgab. Was nicht passierte. »Aber ich habe jetzt Hunger.«
»Du kriegst ein Sandwich, wenn Dad nach Hause kommt«, antwortete sie und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie dieses Gespräch sie zunehmend mitnahm. Sie schaute in seine Richtung, als wollte sie ihn beschwichtigen. Doch es klappte nicht.
»Aber …«
»Du musst warten«, blaffte sie. Wieder wandte sie das Gesicht ab, als sehnte sie sich danach, wieder in die Träumerei zu verfallen. In jenes Land der Leere, in dem sie sich vor dem Schmerz verstecken und sich einreden konnte, dass es irgendwann vorbei war.
»Darf ich mir dann eine Scheibe Brot mit Schmalz machen?« Seine Mum gab keine Antwort. Sie starrte nur auf den Bärenfellteppich, als wäre ihr Sohn gar nicht da und hätte nichts gesagt. Aber er war da und er wollte eine Antwort. Er spürte, wenn er noch einmal nachhakte, bekam er, was er wollte. »Darf ich …?«
»Mach dir halt eins«, bellte sie und drehte an den Ringen, als versuchte sie, sich den Finger abzuschrauben. »Mach dir ruhig eins«, wiederholte sie leise mit geschlossenen Augen. Ein blindes Nicken, als wollte sie sich bestätigen, dass sie die Kontrolle hatte.
Jeff starrte teilnahmslos ihr blasses, angespanntes Gesicht an und versuchte vergebens, mit ihren rotgeweinten Augen Kontakt aufzunehmen. Schließlich legte er die Karten in zwei Stapeln ab – die zum Behalten und die zum Tauschen – und trottete in die Küche. Okay. Musste er sich eben selbst was zu essen machen. Nicht der beste Ausgang, aber immer noch ein kleiner Erfolg. Ein Lichtstreif, ein Spalt in der Mauer des Schweigens, die seine Mum und sein Dad um ihn und das, was passiert war, errichtet hatten.
Es war Ewigkeiten her, verdammt. Ihr habt immer noch mich.
Er zog die Küchentür hinter sich zu und ließ einen Spalt offen, durch den er ins Wohnzimmer spähen konnte. Nach seinem Verschwinden schaute seine Mum kurz zu dem Kamin, ehe sie weiter den Teppich anstarrte und ein zerknülltes Taschentuch aus dem Ärmel zog.
Jeff hatte das erwartet und sein Blick folgte kurz ihrem zu dem einzigen Foto, das noch auf dem Kaminsims stand: das Foto seines toten Bruders, des kleinen Donny. Das unbeholfen über einer Ecke des Rahmens befestigte schwarze Band verdeckte ein Ohr und teilweise sein dämliches, schiefes Grinsen. Donnys Grinsen, das Grinsen, das alle herumkriegte. Mit dem er noch immer den Löwenanteil von allem bekam, vor allem, wenn es um die Liebe ihrer Eltern ging.
Leugne es nicht, Mum. Du mochtest Donny lieber. Das war schon immer so gewesen. Mum nahm immer Donnys Wort für wahr, damit Jeff an allem die Schuld bekam. Jeff konnte fast Donnys weinerliche Stimme hören, die ihn anklagte. Jeff war’s. Er hat damit angefangen.
Jeff seufzte. Ja, er hatte angefangen. Er hatte auf Donny gehockt, bis dieser kaum mehr atmen konnte. Er hatte Donnys Spielzeug geklaut, hatte ihm die Hose runtergezogen – und tausend andere Dinge. Manchmal ging es dabei um Insekten. Aber gab es Donny das Recht, irgendwelche Märchen zu erzählen?
Jeff runzelte hinter der Tür die Stirn, als seine Mum die Schleusen öffnete und still in den fest zusammengeknüllten Stoffballen aus Baumwolle schluchzte. Ihre Schultern zuckten, als müsste sie kotzen.
Biste jetzt glücklich, Don-kee? Du hast Mum zum Weinen gebracht, Don-kee. Gefällt dir das?
Er starrte das Foto seines toten Bruders an mit dem Grinsen und der Haartolle und dem zu großen Dennis-der-Quälgeist-Pullover. Mum hatte den Pullover aufgehoben, das wusste er. Sie hatte ihn unter der Treppe versteckt, aber eines Nachts, kurz nach dem Ertrinken, war Jeff nach unten geschlichen und hatte sie dabei beobachtet, wie sie das Gesicht darin vergrub und versuchte, einen Hauch von Don-kees Gestank zu erhaschen, soweit davon noch was übrig war, nachdem der Fluss ihn und seinen dämlichen Geruch für immer fortgespült hatte.
Er wandte sich elend ab. Drei Tage bis Weihnachten. Das war sonst immer eine glückliche Zeit. Der Baum stand (obwohl er nicht so sorgfältig geschmückt war wie in den vergangenen Jahren), und es lief sogar was Anständiges in allen drei Fernsehprogrammen. Gute Filme schon morgens, wenn er aus dem Bett hüpfte. Herrlich.
Aber statt der üblichen Vorfreude nun das – Langeweile und Tränen. Kein Fernsehen. Keine Geräusche außer dem Ticken der Uhr und dem erstickten Schluchzen seiner Mum. Wenigstens kam Dad bald heim, und dann hatte er Ferien. Dad gab sich immerhin Mühe, den Anschein von Normalität zu wahren. Er arbeitete den ganzen Tag, auch die Samstage. Nicht wie Mum! Außerdem hatte er das Haus geschmückt, den Baum aufgestellt und sogar was gekocht. Trotzdem hatte er Zeit, mit seinem Sohn in den Garten zu gehen und mit ihm einen Schneemann zu bauen. So machte das ein guter Vater.
Jeffs Laune besserte sich schlagartig, als er an seine Geschenke dachte. Dieses Jahr doppelt so viel. Sie hatten ja Don-kees Geschenke schon gekauft und eingepackt, bevor er in den Fluss fiel, weil er seinen blöden Ballon erwischen wollte. Danach hat Mum es nicht ertragen, sie zurückzugeben. Also krieg ich alles.
Lächelnd griff Jeff nach dem Schmalztopf auf der Fensterbank und zog eine Scheibe Weißbrot aus dem Brotkasten. Er stocherte mit dem Messer im Topf herum, um an dem harten, grauen Fett an der Oberfläche vorbei zu dem fleischigen, braunen Matsch darunter zu gelangen. Lecker. Er schüttete etwas Salz auf die Scheibe und nahm einen großen, schmierigen Bissen. Dabei schaute er aus dem Fenster auf das raue, kalte Winterwetter da draußen. Es begann wieder zu schneien. Wunderbar.
Sein Blick wanderte zu dem Schneemann, während er sich den Rest des Brots in den Mund stopfte. Der Schneemann sah schon ganz weich und dreckig aus, aber da es wieder schneite, konnte er ihn vielleicht mit frischem Schnee neu bauen, sobald sein Dad nach Hause kam. Beim Kauen bemerkte er verärgert, dass die Nase verschwunden war. Irgendwie musste die Karotte runtergefallen sein. Er lief zurück in das stickige Wohnzimmer. »Bin draußen, Mum.« Eine Feststellung, keine Frage. Aber sie bemerkte ihn kaum.
Sie richtete sich für einen Moment auf, aber drehte sich bei ihrem Versuch, elterliches Verantwortungsgefühl zu zeigen, nicht mal zu ihm um. »Zieh dich warm an«, krächzte sie.
»Ich weiß«, stöhnte Jeff. Er griff nach Mantel, Mütze und Handschuhen, die im Flur auf dem Regal lagen, und rannte nach draußen. Die Tür knallte er hinter sich zu. Sein oranger Lederfußball lag direkt vor der Küchentür. Er nahm ihn auf und köpfte ihn weg. Beinahe hätte er sich dabei auf die Schnauze gelegt, aber seine jungen, biegsamen Gliedmaßen halfen ihm, auf den Beinen zu bleiben. Er passte diesmal besser auf und knirschte rings ums Haus zu der überfrorenen Veranda, wobei ihn der eisige Wind, der über das erstarrte Land fegte, mit voller Wucht traf. Der Schnee fiel in wilden Spiralwirbeln.
Jeff stand einfach da und betrachtete das weiße Wunderland, das sich vor ihm ausbreitete. Weiche, unberührte Schneeflächen, die ihn einluden, ihnen die Jungfräulichkeit zu nehmen. Eins nach dem anderen. Er stapfte zum Schneemann, um die Karotte aufzuheben – nur um festzustellen, dass sie nicht mehr da war. Sie war nicht ins Gesicht des Schneemanns gedrückt und lag auch nicht darunter auf dem Boden. Das brachte ihn zum Grübeln. Vielleicht hatte ein Vogel sie geklaut. Oder ein anderes Tier. Doch dann sah er erschrocken die Fußstapfen, die zu dem Schneemann gelaufen waren, dann umdrehten und wieder zu dem Tor führten, von dem sie gekommen waren.
»Mhhhhh.« Jeffs Stiefel schwebte über einem der Abdrücke, weil er erst glaubte, es müssten seine sein. Nein, zu klein. Für sein Alter hatte er ziemlich große Füße. Er verlagerte sein Gewicht auf den anderen Fuß und trat auf den Abdruck, um sich zu vergewissern, dass seine Füße zwei oder drei Schuhgrößen größer waren. Und er wusste, dass die Füße seines Dads noch größer waren.
»Unlogisch, Captain Kirk«, überlegte er laut mit einem Zitat aus seiner absoluten Lieblingsserie. (Don-kees Lieblingsserie war Magpie. So ein Loser.) Jeff folgte der Spur vom Tor, die direkt in den Wald gingen und von dort über den Golfplatz führten.
Nach ein paar Metern blieb er stehen und hob den Kopf. Seine scharfen Augen folgten dem Weg, den der Karottendieb über das Feld Richtung Horizont genommen hatte. Der Wind ließ für einen Augenblick nach und mit ihm das Schneegestöber, das seine Sicht behinderte. In der Ferne, am Rand eines kleinen Wäldchens, das an den Golfplatz grenzte, entdeckte er eine kleine Gestalt. Obwohl derjenige ein gutes Stück entfernt stand, schien er die Entfernung zwischen ihnen mühelos zu überwinden, als streckte er die Hand nach ihm aus, um Jeffs Herz mit einer unsichtbaren Hand zu zerquetschen. Jeff spürte, wie sein Puls raste und sein Atem stoßweise ging.
»Nein«, keuchte Jeff. »Das kann nicht sein.« Er rieb sich die Augen und schaute noch einmal, doch es blieb kein Zweifel. Die Gestalt eines kleinen Jungen stand stocksteif inmitten der tobenden Elemente. Schlimmer noch, dieser kleine Junge schien ihn direkt anzustarren. Der knallrot und schwarz geringelte Pulli schien die schmale Gestalt schrumpfen zu lassen, als handelte es sich um einen Rock, der bis zum Oberschenkel reichte – und nicht um einen Wollpullover.
»Dennis der Quälgeist«, schnaufte Jeff. Verwirrt drehte er sich zu dem Haus um, wo der Pulli seines Wissens nach versteckt war. Sorgfältig verpackt im Wandschrank, wenn seine Mum nicht gerade ihr tränenüberströmtes Gesicht darin vergrub.
»Don-kee«, murmelte er kaum hörbar. Er starrte wieder auf die Gestalt in der Ferne und versuchte, das Gesicht des Jungen zu erkennen. Aber der Schnee wurde in seine Augen getrieben und er konnte schlecht sehen. Die Gestalt hatte sich nicht bewegt. Sie stand einfach da, ein Arm hing nach unten, ein Arm war angewinkelt. Die Hand steckte in einem Handschuh und hielt einen Ballon umklammert, der im Wind tanzte.
»Don-kee!«, wiederholte er. Dieses Mal schrie er den Namen der Erscheinung jenseits des Felds zu. Keine Reaktion. Jeff bewegte sich langsam und widerstrebend vorwärts. Er ging auf das Ebenbild seines toten Bruders zu. Dann zögerte er, lief zurück und trat dabei immer wieder auf die fremden Fußstapfen, bis alle Spuren verschwunden waren. Den ganzen Weg bis durchs Gartentor und zum Schneemann. Niemand durfte etwas erfahren.
Er wirbelte wieder herum und ballte wütend die Fäuste. Ihm waren die Weihnachtsgeschenke eingefallen. Die er jetzt teilen musste. Er dachte an das schiefe Grinsen. Im nächsten Moment lief er auch schon auf die Bäume zu und stapfte über den vernarbten, weißen Grund. »Wage es ja nicht, Don-kee!«, schrie er, als er nur noch hundert Meter entfernt war. »Wehe, du erzählst es ihnen.«
In dem Moment blies eine Windböe ihm Schnee ins Gesicht und Jeff stolperte über die eigenen Füße und schlitterte über ein Grasbüschel. Als er wieder hochkam, war die Gestalt verschwunden. Jeff stand auf, wischte den Schnee ab und fragte sich, ob seine Augen ihm einfach nur einen bösen Streich gespielt hatten. Wie man Wasser auf einer heißen Straße flirren sieht. Aber dann entdeckte er den Ballon, der im Wind auf und ab hüpfte, bevor sein Besitzer außer Sichtweite verschwand. Er lief über den Hügel auf dem Golfplatz in Richtung des neunten Fairway.
»Warte!«, kreischte Jeff und beschleunigte seine Schritte. »Ich komme!« Er rannte wieder los und hielt sich an die deutliche Spur auf dem gefrorenen Grund. Seine Rufe verhallten in der Dämmerung, während er der trittsicheren Gestalt tiefer in die Dunkelheit folgte. »Sag ihnen kein Wort, Don-kee. Gleich hab ich dich.«
DI Walter Laird lief mit knirschenden Schritten über den glatten, weißen Untergrund zu dem Bienenstock geschäftiger Kollegen, die hundert Meter weiter am Abhang arbeiteten. Erst als er die vom Schnee verwehten Senken und die wenigen braunen Bäume entlang seines Wegs bemerkte, erkannte Laird, dass er sich auf einem Fairway des Allestree Park Golfplatzes befand. Und obwohl er kein Sportler war, vermutete er, dass die Kriminaltechniker, die ihre Arbeit fieberhaft auf einer Anhöhe verrichteten, die von noch mehr Bäumen umstanden war, auf einem Putting-Grün arbeiteten. Im Sommer jedenfalls, aber jetzt erblickte er überall, wo er auch hinschaute, die Farben des tiefsten Winters. Der blendend weiße Schnee dominierte und wurde nur von dem beruhigenden, ausgewaschenen Braun und Hellgrün von winterschlafenden Sträuchern und Bäumen unterbrochen, die überall verstreut als Hindernisse für Anfänger und als Begrenzung des Golfkurses standen.
Als Laird sich dem Pulk der Techniker näherte, die nach jedem Gewaltverbrechen mit Todesfolge auf den Plan gerufen wurden, hob sich ein knalliger Farbtupfer von der Ödnis ab. Ein glänzender rot-schwarzer Ballon hatte sich im Geäst eines Baums verfangen, wenige Meter über dem hastig errichteten Tatortzelt. Der Anblick erschütterte Laird, und er spürte, wie er tief in seine eigene Gedankenwelt versank, ehe ein junger Mann mit jugendlicher Ausstrahlung aus dem Zelt kam.
Detective Constable Clive Copelands Gesicht war so weiß wie der Boden um ihn herum. Das Schicksal des Opfers hatte sich ihm in die Augäpfel gebrannt. Er starrte Laird mit leerem Blick an und brachte kein Wort hervor, sondern nickte seinem DI nur knapp zu.
»Clive«, sagte Laird und kämpfte gegen das unpassende Lächeln an, das seine Mundwinkel zucken ließ. »Du wirst dich schon dran gewöhnen«, fügte er hinzu und unterließ diesmal die übliche Hänselei wegen Copelands Unerfahrenheit.
Der starre Blick des jüngeren Mannes zuckte hoch und sein Kopf fuhr zu Laird herum. Er brauchte einen Moment, ehe er die Worte seines Vorgesetzten verarbeitet hatte. »Ich hoffe nicht, Boss«, antwortete er.
»Merk dir, was sie jetzt sagen«, sagte Laird. »Was haben wir?«
»Einen Jungen namens Jeff Ward, Boss. Wir haben ihn noch nicht identifizieren lassen, aber das ist er definitiv. Ist gestern gegen Mittag verschwunden. Er wurde erwürgt.« Er schwieg und biss sich auf die Unterlippe, als wäre die folgende Information von großer Wichtigkeit. »Zwölf Jahre alt.«
Laird schüttelte den Kopf. »Scheißkerl. Irgendwelche …?«
»Nichts Sexuelles, soweit wir es beurteilen können. Kleidung scheint intakt zu sein.«
»Gott sei Dank.«
»Ich glaube, Gott hat damit nichts zu tun, Boss. WPC Langley hat die Eltern bereits befragt. Die Familie schien vorher schon in Trauer zu sein. Sie haben ihr anderes Kind vor ein paar Monaten beerdigt – den jüngeren Sohn. Er ist ertrunken.«
»Ward«, murmelte Laird, schaute in den bleigrauen Himmel und dachte nach. »Aber nicht der kleine Donny Ward, von dem in der Zeitung berichtet wurde?« Copelands schwaches Nicken bestätigte die Befürchtung. »Herr im Himmel. Zwei Kinder verloren in nur zwei Monaten …«
»Ich weiß.«
»Zum Sterben schöne Weihnachten«, knurrte Laird.
»Und ich dachte, meine Familie hätte es nach der Sache mit Tilly schwer«, sagte Copeland.
»Immer mit der Ruhe, Junge«, sagte Laird und musterte den jungen Mann scharf. »Wir haben hier einen Job zu erledigen.«
Copeland lächelte schwach. »Na klar, Boss.«
»Geh mal mit mir durch, was wir bisher haben«, fuhr Laird fort und dachte dabei wieder an sein erstes totes Kind. Konzentrier dich auf die Fakten. Immer schön den Kopf beschäftigen.
»Natürlich«, willigte Copeland ein. Er suchte sein Heil in den Einzelheiten des Verbrechens. Er hob den Arm und deutete nach links, wo ein Kriminaltechniker in seinem Anzug kniete und kaum sichtbare Spuren im frischen Schnee vermaß. »Die Wards leben ungefähr eine Meile von hier entfernt an der West Bank Road. Wir konnten sogar einige der Fußstapfen des toten Kindes ausmachen, muss vom Haus direkt hierhergelaufen sein.«
»Und dann hat der Scheißkerl sich angeschlichen und ihn gepackt«, schloss Laird daraus.
»Das glaube ich nicht, Boss.«
»Nein?«
»Es ist komisch. Es scheint zwei verschiedene Fußspuren zu geben, die vom Haus wegführen, auch wenn sie schwer auszumachen sind. Als habe jemand sie zertrampelt …«
»Zertrampelt?«
»Unter dem frischen Schnee ist das nur schwer zu beurteilen, aber es sieht so aus, als habe jemand sich die Mühe gemacht, alle deutlichen Spuren zu verwischen, indem er mit den eigenen Füßen darübergestapft ist.«
»Eine Verfolgungsjagd?«
»Eher nicht.«
»Könnte auch der Täter sein, der den Tatort verlässt und seine Spuren verwischt, oder?«
»Vielleicht. Aber wir haben eine schwache Spur, die in die entgegengesetzte Richtung führt und von der wir eher glauben, es könnte sich um die des Täters handeln. Die Techniker glauben, es sei vielmehr der kleine Ward gewesen, der seinem Mörder folgte und dabei alle Fußspuren verwischte.«
»Er muss ihn also gekannt haben.«
»So sieht es aus«, stimmte Copeland zu.
»Der Vater war’s«, sagte Laird. »Darauf setz ich nen Fünfer.«
»Kann dein Geld leider nicht annehmen, Boss«, sagte Copeland bedauernd. »Der Vater war noch bei der Arbeit, als Jeff verschwand. Er hat ein Alibi.«
»Das hast du bereits überprüft?«
Copelands Blick wirkte vorwurfsvoll. »So feucht bin ich nicht mehr hinter den Ohren.«
»Doch, bist du«, grinste Laird, wurde jedoch gleich wieder ernst. »Also gut, nicht der Vater. Aber ein Perverser hat den Jungen in die Finger gekriegt und ihn zu Tode gewürgt. Zeugen?«
»Die Kollegen gehen schon von Haus zu Haus. Bis jetzt nichts. Bis auf das hier.« Copeland bedeutete Laird, ihm zu einem der Fußstapfen zu folgen, der deutlicher zu erkennen war. »Die Spuren stammen von einem kleinen Schuh. Größe 32.«
»Glaubst du, das war das Werk eines anderen Kindes?«, fragte Laird.
»Ich würde es zumindest nicht ausschließen«, sagte Copeland. »So was kommt immer häufiger vor.«
»Okay, dann überprüfen wir auch die Schulkameraden des Jungen. Schau mal, wie viele in der Gegend wohnen und bring sie aufs Revier. Was ist mit anderen Zeugen? Leute mit Hunden, Schlittenfahrer, Polarforscher?«
»Niemand hat ihn auch nur schreien gehört, Boss.«
»Kannst du etwa schreien, wenn jemand die Hände um deinen Hals drückt?«, fragte Laird.
»Vermutlich nicht«, räumte Copeland ein. »Und die Male an seinem Hals zeigen, dass der Mörder ein Seil verwendet hat.«
»Zeig mir das mal bitte.«
Sie gingen zurück zum Tatortzelt und schauten an den beiden Technikern vorbei, die dort noch in ihre Arbeit vertieft waren. Als die Kamera aufblitzte, erkannte Laird die Linie, wo sich das Seil in die Haut gegraben hatte.
»Nicht gut«, sagte Laird. Er schob sich an dem jüngeren Mann vorbei und verbrachte einige Minuten damit, nur auf Jeff Wards leblose Leiche zu starren, die wie eine Puppe in den Schnee geworfen worden war. »Ein Seil? Deutet ja fast auf eine geplante Tat hin. Hoffen wir einfach, dass wir den Fall rasch aufklären.«
»Merkwürdig«, sagte Copeland hinter ihm, der ebenfalls den leblosen Jungen betrachtete. »Kein Zeichen für einen Kampf.«
»Wir reagieren alle unterschiedlich, Clive.«
»Aber wenn ich an seiner Stelle wäre, würde ich versuchen, mich loszureißen oder irgendwas zu tun.«
»Man kann nie vorhersehen, wie Leute reagieren«, erklärte Laird. »Einige sind wie gelähmt vor Angst, wenn sie wissen, dass sie sterben werden.«
»Aber er hat sich weder gewehrt noch versucht zu flüchten«, sagte Copeland.
»Was erst recht dafür spricht, dass es jemand war, den der Junge kannte«, sagte Laird.
Die beiden traten aus dem Zelt zurück in die winterliche Kälte. Es war erst Vormittag und fühlte sich bereits nach Abenddämmerung an. Sobald sie die eifrigen Kollegen hinter sich gelassen hatten, tastete Laird vergeblich nach seinen Zigaretten. Leider bemerkte Copeland den dezenten Hinweis nicht. Also gab Laird die Suche nach Zigaretten auf. Seine Miene war grimmig. »Ich hasse häusliche Gewalt. Okay, überprüf du das Alibi des Vaters, und wenn es in Bronze gegossen ist, erweitere die Ermittlungen auf andere Verwandte und frag nach Freunden und Nachbarn. Vielleicht gibt’s ja einen verklemmten Pädophilen in der Gegend.«
»Aber der kleine Ward wurde nicht geschändet.«
»Wenn es ein Ersttäter war, ist dem Perversling vielleicht einer abgegangen, bevor er den Akt vollziehen konnte. Heißt nicht, dass er ihn nicht auch vergewaltigen wollte. Wenn es ein nächstes Mal gibt, hat das Opfer vielleicht nicht so viel Glück.«
»Glück?«, rief Copeland empört und fuhr noch einmal herum.
»Du weißt schon, was ich meine«, sagte Laird. »Und Clive!« Copeland blickte ihn an. »Schön behutsam. Wir wollen nicht mehr Tränen und Jammern als unbedingt nötig. Und sorg dafür, dass von der Truppe genug Mädels dabei sind, die Händchenhalten können.«
Copeland wollte schon verschwinden, als sein Blick eine Gestalt bemerkte, die am Horizont durch den Schnee auf sie zu stapfte. Er atmete scharf ein und nickte zu der Gestalt. »Tut mir leid, aber …«
Laird drehte sich um. »Was in Gottes Namen hat Bannon hier zu suchen?«
Die beiden Polizisten beobachteten den in mehrere Schichten verpackten Mann mit wildem, grauen Bart und noch wilderem Silberhaar, der auf den Tatort zukam. Er lief mit Schwierigkeiten und Laird vermutete, dass daran nicht nur der Untergrund schuld war.
»Himmel«, sagte Copeland. »Er hat ganz schön abgebaut. Ist noch nicht besonders lange im Ruhestand, oder?«
»Nicht so laut, Clive«, murmelte Laird. »Er ist ein Freund von mir und war mal der beste Detective, den wir hatten.« Zur Begrüßung rief er Bannon mit einem betont freundlichen Lächeln entgegen: »Sam! Was hat dich denn hierher verschlagen?«
Bannon kam keuchend zum Stehen. Sein dürres, pockennarbiges Gesicht war von der Anstrengung gerötet. Laird konnte sehen, dass er eine Menge Gewicht verloren hatte, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Und selbst zu dieser frühen Stunde stank sein Atem schon nach Whiskey.
»Walter«, begrüßte Bannon ihn. Er schaute Copeland an und kniff die Augen zusammen. »Wir kennen uns doch.« Copeland wand sich unter dem strengen Blick der kobaltblauen Augen des Älteren.
»DC Copeland«, stellte Laird ihn vor.
Bannon kniff die Augen zusammen, als ginge er in Gedanken Beweismaterial durch. »Clive Copeland, genau – Matildas Bruder. Herzliches Beileid.«
Copeland wurde kreidebleich. Es schmerzte noch immer.
»Du solltest gar nicht hier sein, Sam«, sagte Laird und trat zwischen Copeland und Bannon.
Bannon tastete im dicken Anorak nach Zigaretten, zog ein volles Päckchen Capstan Full Strength heraus und bot es den beiden an. Sein plötzliches Grinsen enthüllte schwärzlich gelbe Zähne. Beide Polizisten lehnten ab, obwohl Laird die Zigarette aus Bannons Mund nahm und für später einsteckte.
»Das hier ist ein Tatort, Boss«, sagte Laird leise.
Bannon nickte, als fiele ihm erst jetzt ein, wie man sich dort angemessen verhielt. »Tatort, richtig.«
Laird betonte jedes einzelne Wort, als müsse er mit einem Kind reden. »Boss. Sam. Du musst gehen. Du darfst nicht hier sein.«
»Ach, komm schon, Walter«, sagte Bannon und zwinkerte ihm zu. »Du kannst so einen Fall nicht vor mir verbergen. Es ist schon wieder passiert, oder?«
»Schon wieder passiert?«, fragten Laird und Copeland gleichzeitig.
Bannon tippte gegen seine Nase. »Du kannst mich nicht täuschen, Wally.« Er nickte zu dem Zelt. »Ich habe im Radio davon gehört. Es ist der vermisste Junge von den Wards, oder?« Ihr Schweigen bestätigte seinen Verdacht. »Dachte ich mir. Wie lange ist er schon tot?«
»Sir«, setzte Copeland an. »Ich glaube nicht …«
»Wie lange?«, schrie Ex-DCI Bannon plötzlich frustriert. Der Laut wurde von der Schneedecke verschluckt, aber trotzdem hörten alle ringsum sofort auf zu arbeiten und fuhren zu ihnen herum.
Laird seufzte. Dann nickte er DC Copeland zu.
»Seit ungefähr zwanzig Stunden, schätzen wir«, sage Copeland widerstrebend.
Bannon begann wieder zu lächeln. »Dann wurde er gestern ermordet.« Er strahlte Laird an. »Am 22. Dezember.«
»Oh nein«, stöhnte Laird. »Nicht schon wieder die Tour.«
»Aber habe ich nicht recht?«, strahlte Bannon.
»Ich will davon nichts hören, Sam.«
»Aber …«
»Schluss!«, rief Laird. »Und jetzt verschwinde von hier, bevor ich dich abführen lasse.«
Bannons Miene war sichtlich verärgert. »So was würdest du deinem alten Vorgesetzten antun?«
Laird starrte ihn an. Seine Kiefermuskeln malmten.
Bannon nickte unglücklich, ehe er sich abwandte und davonstolperte. »Also gut, Wally. Aber du wirst es schon sehen«, murrte er ein letztes Mal über die Schulter. »Wirst schon sehen, dass ich recht habe.«
Als Bannon etwa fünfzig Meter entfernt war, wandte Laird sich wieder dem Tatort zu.
»Alles in Ordnung, Boss?«, hakte Copeland vorsichtig nach.
»Frag nicht«, befahl Laird.

2
Sonntag, 22. Dezember 1963, Kirk Langley, Derby
»Und jetzt sagen alle Cheeeese.« Bert Stanforth spähte durch den Sucher seiner nagelneuen Kodak Instamatic 100 auf die Gruppe. Mit einem Knie stützte er sich auf den Teppich.
»Cheese!«, riefen die versammelten Jugendlichen. Der Lärm war ohrenbetäubend und die Kinder grinsten und schnitten Grimassen mit Zahnlücken. Sie hielten sich aneinander fest und dabei drohten viele, das Gleichgewicht zu verlieren
Stanforth versuchte, sich zu beeilen, denn mit jeder Sekunde wuchs die Wahrscheinlichkeit, dass alles im Chaos in sich zusammenfiel. So war es immer, wenn Kinder stillhalten sollten.
»Wartet mal!« Stanforth senkte die kleine Kamera und schaute nach dem Blitzwürfel, ehe er eine Einstellung vornahm. Er lächelte entschuldigend. Das war seine allererste Kamera, die er extra für diesen Anlass gekauft hatte, und sein Unbehagen mit der neuen Technik war offensichtlich.
»Jetzt aber. Cheese!«
»Cheese!«
Die Kinder warteten auf den Blitz und zappelten dabei wie Aale. Einige stützten sich zitternd auf ein Bein und wurden nur von den anderen Körpern aufrecht gehalten, als sie sich zum Geburtstagskind Billy Stanforth beugten, der Arm in Arm mit seinem besten Freund Teddy Mullen in der Mitte des Bilds stand. Andere grinsten schüchtern, verbargen ihre Verlegenheit hinter den Schultern der Freunde, während Charlotte Dilkes nur verträumt Billy anstarrte. Man konnte ihrem Blick ansehen, wie verknallt sie in ihn war.
Partyhüte, die sie aus der Zeitung von gestern gebastelt hatten, fielen auf den Teppich oder wurden mit einer Hand auf dem Kopf festgehalten, was nur noch mehr Tumult verursachte. Andere Kinder, vor allem die Jungs, rangelten miteinander, um nicht in den Hintergrund gedrängt zu werden. Sie drückten die Schultern der anderen vor sich nach unten und wollten auch mittig im Bild stehen, wenn der Fotobeweis für William Stanforths 13. Geburtstag festgehalten wurde.
»Ich bin Hillary auf der Spitze des Everest!«, schrie ein Junge und reckte den Kopf über die der anderen.
»Und ich bin sein Sherpa Tenzing Norgay!«, schrie ein anderer und versuchte, neben ihm auf die Rücken der anderen zu steigen.
»Nur noch einen Moment«, murmelte Bert Stanforth und überprüfte noch einmal den Blitz. Der Lärm seiner Fotomotive wurde lauter.
»Beeil dich, Bert«, sagte seine Frau in der Küchentür, von wo der köstliche Geruch nach frisch gebackenen Würstchen im Schlafrock waberte. »Die Kinder sind am Verhungern.«
»Okay, jetzt aber«, rief Stanforth. »Cheese!«
»Cheese!«, kreischten die jungen Stimmen noch lauter als zuvor.
Auf der Seite neben dem Gedränge der lachenden Kinder stand Billys ältere Schwester, die fünfzehnjährige Amelia. Sie schaute eher nachsichtig auf das Gedränge der Jüngeren, die ihren Vater bedrängten, endlich das Foto zu machen. Ein Lächeln klebte an ihren Lippen, als sie auf die Uhr ihres Großvaters schaute. Mit jeder Sekunde, die sie hier festgehalten wurde, verdüsterte sich ihre Laune.
Mach schon dieses verdammte Foto, Dad! Brendan wird nicht ewig auf mich warten.
Sie schaute verstohlen zu ihrem Fluchtweg, doch der wurde im Moment von ihrer Mutter versperrt, die glücklich lächelte und die Hände wie so oft in einem knittrigen Geschirrhandtuch vergraben hatte. Ruth Stanforth war eine rundliche Frau Ende vierzig. Ihre einzige Atempause von der Geburt und Aufzucht dreier Kinder waren jene Stunden, die sie vor dem Herd damit verbrachte, das Fleisch zu kochen, das ihr Mann aus seiner Fleischerei nach Hause brachte. Das ständige Stehen hatte ihre Beine zusammen mit der eiweißreichen Ernährung an den Fußknöcheln dicker als an den Waden werden lassen.
Amelia bemerkte den Blick ihrer Mutter und musste für die Sekunde, die sie brauchte, um sich frustriert abzuwenden, eine unbändige Freude vortäuschen, die sie nicht verspürte.
Er wird nicht warten, wenn ich zu spät bin. Und was dann? Dann muss ich für den Rest des Tages diese verfluchten Knirpse hüten. Sie spürte einen Kloß in ihrem Hals und schluckte. Ich verliere ihn. Viele Mädchen sind hinter meinem Bren her. Er wartet nicht. Und er wird nicht herkommen, um mich zu sehen. Nicht, nachdem Dad ihn das letzte Mal zum Teufel gejagt hat.
»Du sprichst nicht mehr mit diesem jungen Mann, Amelia«, hatte er gesagt. »Habe ich mich klar ausgedrückt?«
Amelia erschauderte bei der Erinnerung an den Tonfall ihres Vaters und die kurz darauf belauschte Unterhaltung, die er mit ihrer Mum führte.
»Dieser Brendan ist ein falscher Fuffziger, Mutter.«
»Aber Bert, sie ist schon fast sechzehn. Alt genug, um ihr eigenes Leben zu führen«, hatte ihre Mum geantwortet.
»Sie ist noch nicht sechzehn.«
»Bert …«
»Nicht, solange sie unter meinem Dach lebt, Mutter. Nicht bei dem. Die McClearys sind Kriminelle, nutzlose Zigeuner. Walter Laird hat mir erzählt, der junge Brendan sei bei ihnen schon auf dem Radar wegen Diebstahls.«
»Ich weiß, er ist etwas wild, Bert. Aber er ist doch noch so jung.«
»Er ist siebzehn, Mutter. Und Walter sagt, er raucht und trinkt und Gott weiß, was er noch macht. Willst du, dass deine junge Tochter sich schwängern lässt wie das Flittchen Vivienne Wie-heißt-sie-Noch aus dem Dorf?«
Amelia versuchte, ihren Vater nicht finster anzustarren, während er das Gesicht hinter der Kamera verbarg. Hast du dich nie verliebt, Dad? Wenn doch, du würdest mich nicht so leiden lassen und mir verbieten, Brendan zu sehen. Verbotene Liebe. Damit kannte Amelia sich aus. Sie war fast in Tränen ausgebrochen, als sie letzten Monat in der Schule Romeo und Julia lasen. Ihr Englischlehrer hatte ihnen erzählt, Romeos Geliebte sei sogar noch jünger gewesen als sie. Gerade so alt, um ihre Regel zu bekommen. Trotzdem hatte Julia nicht zugelassen, dass irgendwas – nicht mal der Tod – zwischen sie und den Jungen kam, den sie liebte.
Amelia schaute wieder auf die Uhr, auf der die Tage bis zu ihrem sechzehnten Geburtstag ebenso heruntertickten wie die Zeit ihres Rendezvous’ in Kirk Langley. In wenigen Wochen wurde sie zur Frau. Dann gab es keinen guten Grund mehr, sich gegen Brendans Überredungskünste zu wehren. Wenn sie ihn nur so lange glücklich machen konnte! Schon jetzt schmerzte ihr Körper geradezu vor Sehnsucht nach ihm und wenn sie in seinen starken Armen lag, spürte Amelia, wie die Versuchung sich in ihrem tiefsten Inneren rührte. Sie liebte Brendan. Und bevor sie ihm erlaubt hatte, die Hände unter ihren Pullover zu stecken, hatte Brendan ihr seine Liebe genauso gestehen müssen.
Anfangs hatte sie sich schmutzig gefühlt. Aber jetzt nicht mehr. Die Versuchung wurde in der Bibel beschrieben. Das hatte sie im Religionsunterricht gelernt. Erst letzte Woche hatten sie die Geschichte von Adam und Eva und ihrer Begegnung mit der Schlange im Garten Eden durchgenommen. Und obwohl die Lehrerin ihren Sündenfall schmallippig und angewidert beschrieb, hatte Amelia die Torheit verstanden, wie es Schwester Assumpta niemals möglich sein würde – und wenn sie das Thema unterrichtete, bis sie hundert war.
Wieder schaute Amelia auf die Uhr. Ihr Blick blieb an ihrer jüngeren Schwester hängen, die neben der Standuhr am Ende der ersten Reihe Kinder stand. Billys Zwilling Francesca war die Einzige, die nicht grinste oder sich ungeduldig über die Unfähigkeit ihres Vaters ausließ. Stattdessen blickte sie Amelia kühl an, dass ihr beinahe das stille Lächeln der Vorfreude verging. Sie beugte sich zu Amelia herüber. »Ich wette, du vermisst Brendan. Na, ich wette, dich vermisst er nicht.« Bei diesen hohntriefenden Worten wurde Amelia blass.
»Halt die Klappe«, flüsterte Amelia.
»War das nicht vorhin sein neues Püppchen?«, murmelte Francesca, ohne den Mund zu öffnen.
Amelia fuhr zu ihr herum. Ihr Gesicht war finster. »Ich sagte, du sollst die Klappe halten, Fran.«
»Ist eher in meinem Alter als in deinem. So ein dreckiger, oller Kerl«, fuhr Francesca kaum hörbar fort.
Das plötzliche Aufblitzen der Kamera ließ die anderen aufgeregt schreien. Die Kinder rieben sich die Augen, ehe sie versuchten, ihre verschränkten Arme und Beine zu entknoten.
»Okay, jetzt noch eins!«, scherzte Bert Stanforth, was ihm einen Chor der Protestrufe einbrachte. Er lachte, während er den Film weiterspulte. »War nur ein Witz.«
»Brendan liebt mich«, erklärte Amelia ihrer anzüglich grinsenden Schwester. »Heute ist Billys Geburtstag. Fang lieber keinen Streit an, Fran.«
Das Grinsen verschwand von Frans Gesicht und sie wurde rot vor Wut. »Heute ist auch mein Geburtstag«, spie sie hervor.
Amelia lächelte, weil sie spürte, dass hier die Chance zum Gegenschlag lauerte. Sie schaute sich gespielt interessiert um. »Sag mal, Schwesterchen. Wer von den Knirpsen ist eigentlich mit dir befreundet? Ach nein, warte. Keiner. Du hast ja keine Freunde.«
Mrs Stanforth tauchte in der Küchentür auf. Sie hatte wieder das Geschirrhandtuch in den Händen. Sie lächelte mütterlich nachsichtig auf die versammelte Party. Das Festmahl war fertig: Schinkensandwichs mit einer dünnen Schicht Butter, eine selbst gemachte Pastete mit Eiern und Schinken, Würstchen im Schlafrock, Pfirsiche aus der Dose mit Kondensmilch und zur Krönung ein Trifle und ein Teller mit Jammie Dodgers, gefüllten Keksen mit Marmelade, mit denen sich die verfressene Bande vollends den Bauch vollschlagen konnte.
»Geht durch das Esszimmer und bedient euch an der Limonade, Kinder«, rief sie, was ihr lautes Jubeln einbrachte. »Ich bringe das Essen.«
»Los geht’s«, sagte Mr Stanforth und scheuchte die eifrigen Jugendlichen Richtung Esszimmer, in dem der brandneue, ausgezogene Klapptisch und die geliehenen Stühle standen. »Wascht euch vorher die Hände«, neckte er sie, während er die Kinder vor sich her scheuchte.
»Willst du neben mir sitzen, Billy?«, hauchte Charlotte Dilkes und lächelte ihn strahlend an.
»Nein, danke«, antwortete Billy und schob sich an ihrem dürren Körper vorbei. Teddy Mullen, der wie immer in Billys Fahrwasser unterwegs war, grinste gemein und sie verdrückte eine Träne, ehe sie missmutig den anderen ins Esszimmer folgte.
Der Flur war fast leer. Amelia wartete, bis ihr Vater ihr den Rücken zuwandte und schlich sich dann Richtung Haustür.
»Wo willst du hin, Amelia?«, rief Francesca. Ein boshaftes Grinsen erhellte ihr Gesicht.
Bert Stanforth drehte sich zu seiner Tochter um. »Amelia?«
Sie fuhr herum. Ein fahles Lächeln lag auf ihrem Gesicht. »Wollte nur die letzten Kinder suchen, Dad.«
»Aber die sind schon alle da«, strahlte Mr Stanforth. »Komm, hilf uns beim Verteilen.«
Amelia folgte ihm pflichtbewusst ins Esszimmer und starrte Francesca hasserfüllt an, als sie an ihr vorbeiging.
Amelia stand in dem Wintergartenanbau neben dem Haus und schaute hin und wieder hinaus auf die dunkle, windige Landschaft. Durch die leise klirrenden Fenster hoffte sie, einen Blick auf Brendan zu erhaschen, wie er die Moor Lane von Kirk Langley herunterkam und zu dem Mietbungalow seines Vaters in der Pole’s Road lief. Sie hätte sich vor einer Stunde mit ihm treffen sollen, und tief in ihrem Herzen wusste sie bereits, dass er nicht länger als zehn Minuten auf sie gewartet hatte.
Amelia kam immer pünktlich zu den geheimen Treffen und heute hatte sie ihn zum ersten Mal versetzt. Wenigstens war sie damit noch im Plus – Brendan hatte sie schon dreimal versetzt. Und wenn er kam, verspätete er sich jedes Mal.
»Ich bin dran!«, rief Billy.
»Rück mal ein Stück«, beschwerte sich Teddy Mullen. »Du hast viel mehr Platz.«
Amelia wandte sich von der Dunkelheit ab. Das feuchte Handtuch hing in ihrer Hand. Billy und Teddy beugten die Köpfe gleichzeitig über eine Schüssel mit Wasser und versuchten, ihre Zähne in die Äpfel zu schlagen, die auf der Oberfläche hüpften. Nach einigen vergeblichen Versuchen nahm Billy die Hände hinter dem Rücken weg und packte die Seiten der Schüssel. Wenige Sekunden später warf er die nassen Haare nach hinten und biss in einen grünen Apfel.
»Gewonnen!«, schrie Billy und riss Amelia das Handtuch aus der Hand. »Ich hab gewonnen!«
»Du hast geschummelt«, keuchte Teddy und tauchte aus seiner vergeblichen Tauchfahrt im Wasser auf. »Du musst die Hände hinter dem Rücken behalten.« Teddy drehte sich zu Amelia um. »Er hatte die Hände nicht hinter dem Rücken, Amelia. Du hast gesehen, wie er schummelt.«
Amelia wurde von Teddys flehendem Blick aus ihrer Träumerei gerissen. Sie war nur ungern Schiedsrichter bei diesem kindischen Spiel. Ihr Dad war für das Blindekuhspiel im Wohnzimmer verantwortlich und ihre Mum passte auf das Eselschwanzspiel auf.
»Nein, niemals!«, widersprach Billy. »Ich habe die Hände hinter dem Rücken gehabt. Sag’s ihm, Schwesterchen.«
»Ja, stimmt«, bestätigte Amelia, ohne Teddy dabei anzusehen.
Billy hüpfte ausgelassen herum und boxte in die Luft, um seinen Sieg zu feiern. Teddy ignorierte das Getue seines Freunds und starrte Amelia an. Ihre Entscheidung machte ihn sprachlos.
»Das ist nicht fair«, krächzte er, als er endlich die Sprache wiederfand.
Billy warf das nasse Handtuch nach Teddys Kopf. »Das ist nicht fair«, äffte er ihn nach. »Trockne dich ab und krieg dich ein, du Depp. Heute ist schließlich mein Geburtstag.« Er marschierte zum nächsten Spiel, während Teddy sich das Handtuch über den Kopf zog und seinen Blick wieder auf Amelia richtete.
Stumm gab er ihr das nasse Handtuch zurück und schüttelte den Kopf. »Das ist nicht fair«, murmelte er, ehe er seinem krähenden Freund zurück ins Haus folgte.
Edna Hibbert suchte nach drei schwindelerregenden Drehungen mit verbundenen Augen das Gleichgewicht. Sobald sie wieder stabil stand, machte das spindeldürre Mädchen einen zögernden Schritt und blieb stehen, um eine blonde Strähne hinters Ohr zu streichen und nach Hinweisen zu lauschen. Die anderen Kinder schauten sich an und konnten kaum ihre Freude verhehlen. Einige hielten die Luft an, um nicht aus Versehen ihre Position preiszugeben. Aber diejenigen, die mehr nach Aufmerksamkeit heischten, gaben kleine Laute von sich, damit Edna sich in ihre Richtung drehte, woraufhin sie ganz ausgelassen zappelten, weil sie die Aussicht lockte, selbst ins Rampenlicht zu gelangen. Das Rascheln von Kleidung, ein unterdrücktes Kichern, ein Stuhl, der bewegt wurde – Ednas blinder Kopf fuhr zu jedem Geräusch herum. Schließlich entschied sie sich für eine Richtung und streckte forschend die Hände aus. Sie blieb quasi direkt über Charlotte Dilkes stehen, die sich hinter einen Stuhl duckte. Die Tränen wegen Billy waren bei dieser aufregenden Jagd schnell vergessen.
Im nächsten Moment stürzte Edna sich auf das Mädchen und zog die Augenbinde herunter, als Charlotte aufschrie. »Hab dich!«
»Du bist dran, Charlotte«, lachte der beleibte Bert Stanforth. Er schaltete das große Licht an und nestelte an seiner kalten Pfeife. Edna gab ihm die verknotete Augenbinde, damit er den Knoten löste.
»Was ist das?«, fragte Charlotte und zeigte durch das Fenster auf den dichten, grauen Rauch und den orangen Feuerschein. Sie rannte zur Hintertür und weiter in den Garten, um besser zu sehen.
»Feuer!«, kreischte der winzige Roger Rawlins und hüpfte aufgeregt auf und ab. »Feuer, Feuer!«
Bert Stanforth stürzte in die Dunkelheit. Edna und die anderen Blindekuhspieler waren dicht hinter ihm. Andere Kinder kamen mit nassen Haaren aus dem Wintergaren. Sie kreischten und zeigten atemlos und voller Begeisterung auf die Flammen.
»Mutter, der Schuppen brennt«, rief Stanforth über den Lärm des Infernos seiner Frau zu, als sie mit noch mehr aufgeregten Kindern in den Garten kam. »Ruf die Feuerwehr.«
»Dafür ist es zu spät, Bert«, antwortete Ruth, das Geschirrhandtuch fest um die Hände gewickelt.
Stanforth drehte sich wieder zu den gewaltigen Flammen um, die wenige Meter entfernt in den Himmel schlugen. Sie hatte recht; das Feuer war außer Kontrolle. Die Farbverdünner standen im Schuppen, außerdem ein Ersatzkanister mit Benzin. Stanforth bremste sich, breitete die Arme aus und trat zurück, um die aufgeregten Kinder, die auf das Feuer glotzten, auf sichere Entfernung zu halten. Zum Glück stand der alte Schuppen weit genug weg vom Haus mitten im Garten. »Du hast recht, Mutter. Wenigstens wird das Feuer sich nicht ausbreiten. Aber die Kinder sollen zurückbleiben.«
»Ich frage mich, wie es dazu kommen konnte.«
Amelia kam von allen anderen unbemerkt angerannt. Nur Francesca bemerkte sie, die sich an die Hose ihres Vaters klammerte. Amelias Gesicht wirkte erhitzt und zeigte Spuren von Tränen. Hatte sie geweint? Doch dieses Mal wollte Francesca ihren Zorn nicht auf sich ziehen und schwieg lieber.
»Was ist passiert?«, kreischte Amelia über das Wüten und Knistern der Zerstörung.
Stanforth zuckte mit den Schultern. »Ich wünschte, das wüsste ich, Liebes.« Er drehte sich wieder zu seiner Frau um und sah sie verwirrt an. »Hast du irgendwas im Ofen gelassen, Mutter?«
»Nein. Wieso?«
»Ich rieche verbranntes Fleisch.«
»Der Ofen ist ausgeschaltet, Bert.«
Stanforth verarbeitete die Information. Dann fuhr sein Kopf zu der Feuersbrunst herum. Entsetzt starrte er in die Flammen. »Oh mein Gott …«
Im selben Moment löste Charlotte Dilkes ihren Blick von dem Feuer. Suchend ließ sie ihn über die Reihe der strahlenden, aufgeregten Gesichter schweifen, die großen Augen wie hypnotisiert von den Flammen, die aus dem Schuppen in den Himmel schlugen.
»Wo ist Billy?«, fragte sie laut.

Steven Dunne

Über Steven Dunne

Biografie

Seit dem Abschluss seines Studiums an der Kent University hat Steven Dunne immer geschrieben, meistens eher zum Vergnügen. Eine Zeitlang hat er sich – allerdings wenig erfolgreich – als Comedy-Autor versucht und als freier Journalist für die Times, den Independent und den Guardian gearbeitet....

Weitere Titel der Serie »DI Damen Brook«

Um ein ruhigeres Leben zu haben, wechselte Detective Inspector Damen Brook von der Londoner Metropolitan Police nach Derby. Doch auch im ländlichen Derbyshire muss er in blutigen Verbrechen ermitteln.

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