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Ein Tag im Sommer

Ein Tag im Sommer

Roman

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Ein Tag im Sommer — Inhalt

Sommer in Nantucket. Es ist Graduation-Day, der wichtigste Tag des Jahres. Ende des Schulalltags, Aufbruch in ein aufregendes neues Leben. Doch als Penny, Hobby, Jake und Demeter abends von der Abschlussfeier nach Hause fahren, rast das Auto einen Abgrund hinunter. Ein Unfall, der das Leben aller verändert, auch das ihrer Eltern. Pennys Mutter zieht sich in sich zurück, Jakes Eltern fliehen ans andere Ende der Welt. Doch ein Neuanfang ist für sie alle nur möglich, wenn sie sich den traumatischen Erlebnissen stellen — und den Geheimnissen, die sie bisher voreinander verborgen haben.

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 14.04.2014
Übersetzt von: Almuth Carstens
448 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7618-2

Leseprobe zu „Ein Tag im Sommer“

Nantucket
Nantucket: Der Name der Insel beschwor tosende Brandung
herauf,
kopfsteingepflasterte Straßen, die aus Ziegeln gemauerten
Villen von Walfänger-Kapitänen, einen zerbeulten Jeep
Wrangler mit Surfbrett auf dem Dach, ebenso wie Cocktailpartys
auf sanft gewellten grünen Rasenflächen, Investmentbanker in
ausgeblichenen roten Hosen und Bootsschuhen an den nackten
Füßen, ein blondes kleines Mädchen mit Weintraubeneis am
Stiel, das ihm auf das Baumwollkleid tropft. Nantucket: Das war
das Land des Reichtums und der Privilegien, ein sommerlicher
Tummelplatz für all [...]

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Nantucket
Nantucket: Der Name der Insel beschwor tosende Brandung
herauf,
kopfsteingepflasterte Straßen, die aus Ziegeln gemauerten
Villen von Walfänger-Kapitänen, einen zerbeulten Jeep
Wrangler mit Surfbrett auf dem Dach, ebenso wie Cocktailpartys
auf sanft gewellten grünen Rasenflächen, Investmentbanker in
ausgeblichenen roten Hosen und Bootsschuhen an den nackten
Füßen, ein blondes kleines Mädchen mit Weintraubeneis am
Stiel, das ihm auf das Baumwollkleid tropft. Nantucket: Das war
das Land des Reichtums und der Privilegien, ein sommerlicher
Tummelplatz für all jene mit einem Stammbaum vom Typ Eliteschule,
Geldadel und Beziehungen in höchste Kreise.
Nur wenige Außenstehende (und mit „Außenstehende“
meinten wir jeden Gast, vom gelegentlichen Tagesbesucher aus
West Bridgewater bis zu Monica „Muffy“ Duncombe-Cabot,
die seit ihrer Zeugung im Jahr 1948 jeden Sommer auf der Insel
verbrachte) begriffen, dass Nantucket ein realer Ort war,
bevölkert von realen Menschen. Wie alle anderen Orte war es
die Heimat von Ärzten und Taxifahrern und einem Polizeichef
und Klempnern und Tellerwäschern und Versicherungsvertretern,
das Zuhause von Mechanikern und Physiotherapeutinnen
und Lehrern und Barkeepern. Sie machten das wahre Nantucket
aus: die Pfarrer und die Müllmänner und die Hausfrauen
und die Arbeiter, die die Schlaglöcher in der Surfside Road reparierten.
Am 16. Juni feierten siebenundsiebzig Zwölftklässler der Nantucket
High School ihren Abschluss. Es war einer der ersten milden
Tage des Jahres – warm genug, um auf dem Footballfeld zu
sitzen und sich zu wünschen, man würde wie Garrick Murrays
Großmutter einen breitkrempigen Strohhut tragen.
Oben auf dem Podium stand Penelope Alistair. Obwohl sie
erst im vorletzten Schuljahr war, hatte man Penny gebeten, die
Nationalhymne zu singen. Ihre Stimme war die Nantuckets, ihr
Klang so rein und klar, dass sie keine Begleitung brauchte. Gemeinsam
mit ihr formten wir die Worte mit den Lippen, aber keiner
wagte, laut zu singen, denn keiner wollte eine andere Stimme
hören als Pennys.
Als sie fertig war, folgte ein Takt dröhnender Stille, dann jubelten
wir alle. Die Zwölftklässler, die ordentlich aufgereiht auf
einer provisorischen Bühne hinter dem Podium saßen, riefen
Beifall, bis die Quasten auf ihren Baretten tanzten.
Penny setzte sich ins Publikum zwischen ihren Zwillingsbruder
Hobson Alistair und ihre Mutter Zoe. Zwei Stühle weiter saß
Pennys Freund Jake Randolph, der zusammen mit seinem Vater
Jordan Randolph, Herausgeber des Nantucket Standard, der Zeremonie
beiwohnte.
Jetzt betrat Patrick Loom, Abschiedsredner der Schulabsolventen,
das Podium, und einigen von uns stiegen Tränen in die
Augen. Wer erinnerte sich nicht daran, wie er in seiner Pfadfinderuniform
mit einem Mayonnaiseglas in der Hand Geld für
die Opfer von Hurricane Katrina gesammelt hatte? Das hier
waren unsere Kinder, die Kinder Nantuckets. Diese Abschlussfeier
würde wie alle anderen Teil unserer kollektiven Erinnerung
werden, unseres kollektiven Erfolgs.
Dreiundzwanzig der siebenundsiebzig Zwölftklässler hatten
einen Aufsatz mit dem Titel „Wie es ist, auf einer Insel dreißig
Meilen vor der Küste aufzuwachsen“ geschrieben. Sie alle waren
im Cottage Hospital zur Welt gekommen; durch ihre Adern floss
Sand. Sie waren vertraut mit Nordostwinden und Nebel. Sie
wussten, dass im Norden die Kongregationalisten und im Süden
die Unitarier dominierten. Sie lebten in grauen Schindelhäusern
mit weißen Zierleisten. Sie kannten den Unterschied zwischen
Karibik-Kammmuscheln (klein) und Tiefsee-Kammmuscheln
(groß). Sie hatten auf einer Insel ohne Ampeln, ohne Autobahn
oder Umgehungsstraßen fahren gelernt. Sie waren ebenso sicher
vor Axtmördern und Entführern und Vergewaltigern und Autodieben
wie vor den heimtückischeren Übeln Fast Food und Wal-
Mart und pornografische Zeitschriften und Pfandleihen und
Schießstände.
Manche von uns hatten Angst, diese Jugendlichen in die weite
Welt zu entlassen. Die meisten von ihnen würden aufs College
gehen – Boston University oder Holy Cross oder, im Fall von Patrick
Loom, Georgetown –, einige sich aber auch ein Jahr freinehmen
und in Stowe Ski laufen, wieder andere auf Nantucket
bleiben, sich Jobs besorgen und ein Leben führen, das sich nicht
allzu sehr von dem ihrer Eltern unterschied. Wir hatten Angst,
die Partys rund um das Abschlussfeierwochenende würden unsere
Kinder dazu verleiten, zu viel zu trinken, ungeschützten Geschlechtsverkehr
zu haben, mit Drogen zu experimentieren oder
sich ihren Eltern zu widersetzen, weil sie verdammt noch mal
achtzehn waren und tun und lassen konnten, was sie wollten.
Wir hatten Angst, dass sie beim Aufwachen am Montagmorgen
glauben könnten, die besten Jahre ihres Lebens lägen hinter
ihnen. Das Lampenfieber, das sie beim ersten Footballspiel des
Herbstes verspürt hatten, wenn sie unter den Scheinwerfern
aufs Spielfeld liefen oder die Cheerleadertruppe anführten, war
für immer Vergangenheit. Auch im nächsten September würden
die Nantucket Whalers spielen, würde das Wetter schön sein
und die Luft nach gegrillten Hotdogs riechen, aber die Spieler
würden andere sein und die Zwölftklässler, die jetzt unter unseren
Augen ihre Zeugnisse entgegennahmen, Schnee von gestern.
Ehemalige.
Die Highschoolzeit war vorbei.
Der 16. Juni hatte etwas Bittersüßes an sich, und als wir am
Ende der Zeremonie das Footballfeld verließen, meinten einige
von uns, sie würden insbesondere diesen Abschlussfeiertag nie
vergessen, entweder weil das Wetter so spektakulär oder Patrick
Looms Rede so ergreifend gewesen war.
Es stimmte, dass wir uns an den diesjährigen Abschlussfeiertag
stets erinnern sollten, allerdings nicht aus diesen Gründen.
Wir würden uns daran erinnern, weil in dieser Nacht, der Nacht
des 16. Juni, Penelope Alistair ums Leben kam.
Was?, schrie die Welt ungläubig auf. Die Welt wünschte sich
das Nantucket, das in ihrer Fantasie lebte: die Insel mit dem eisgekühlten
Gin Tonic auf dem Verandageländer, den vom Wind
geblähten Segeln, den reifen Tomaten auf der Ladefläche des
Lieferwagens von der Farm. Die Welt wollte sich nicht mit dem
Bild einer toten Siebzehnjährigen konfrontieren, aber die Welt
musste wissen, was wir wussten: Nantucket war ein realer Ort.
Wo manchmal tragische Dinge passierten.

Jake
Aus der Luft sah alles anders aus. Dort, unter ihm, war Nantucket
Island, das einzige Zuhause, das er je gekannt hatte. Da
waren der Long Pond und der Miacomet Golf Course und die
Flickenteppichfelder der Bartlett Farm. Da war der geschwungene
weiße Streifen Strand entlang der South Shore. Schon reihte
sich dort ein Auto ans andere. An diesem Strand hatte Jake jeden
Sommersonntag seines Lebens verbracht, gemeinsam mit seinen
Eltern und den Alistairs und den Castles. Sie waren gesurft
und hatten Touch Football gespielt und sich in den Dünen versteckt;
sie hatten sich auf der Ladefläche von Mr Castles Pick-up
aus Boogieboards und Badelaken Burgen gebaut. Jake erinnerte
sich an den Geruch von brennender Holzkohle und marinierten
Steaks und Maiskolben, von denen Kräuterbutter tropfte. Immer
hatte es ein Lagerfeuer mit Marshmallows und Feuerwerk gegeben,
das Mr Castle von Geschäftsreisen mitgebracht hatte.
Jake spürte, wie die Hand seines Vaters seine Schulter umfasste
und drückte. Es geschah jetzt vier-, fünfmal stündlich, dass
sein Vater ihn berührte, aus keinem anderen Grund als dem, sich
zu vergewissern, dass sein Sohn noch da war.
Jake schaute auf die Hummock Pond Road wie ein Wahrsager,
der eine Handfläche liest, auf eine Lebenslinie ohne Leben,
eine Liebeslinie ohne Liebe. Die Straße verlief von der Stadt aus
nach Süden. Aus der Luft betrachtet, war sie nur eine Schneise
durch den Kiefernwald. Die auf ihr fahrenden Autos sahen aus
wie Spielzeug.
Jake presste seine Stirn an die vibrierende Fensterscheibe. Das
Flugzeug schwebte über Madaket und Eel Point hinweg. Nantucket
verschwand. Nein!, dachte Jake. In seinen Augen brannten
Tränen. Nantucket ging ihm verloren. Jetzt lag Tuckernuck
unter ihnen, dann Muskegut, dessen Ufer von Seehunden wimmelten.
Dann das yankeeblaue Wasser des Nantucket Sound.
Wenn er nur hinausspringen, sicher landen, zurückschwimmen
könnte! So viel Schreckliches war in den letzten vier Wochen geschehen,
und dazu gehörte auch das, was seine Eltern als Lösung
auserkoren hatten: Sie suchten das Weite.

Jordan
Das Telefon hatte mitten in der Nacht geklingelt. Niemand, besonders
nicht der Vater eines Teenagers mit eigenem Wagen,
wollte von diesem Geräusch geweckt werden. Aber Jordan war
Herausgeber der Inselzeitung Nantucket Standard, daher klingelte
das Telefon bei den Randolphs öfter mitten in der Nacht
als in anderen Haushalten. Leute riefen an, um Neuigkeiten zu
melden oder das, was sie für Neuigkeiten hielten.
Auch Zoe hatte schon mitten in der Nacht angerufen, aber
immer auf Jordans Handy, und er hatte sich angewöhnt, es auszuschalten,
wenn er ins Bett ging, um unnötige Dramen zu vermeiden.
Alles, was Zoe ihm um zwei Uhr morgens zu sagen hatte,
würde um acht Uhr besser klingen, wenn er im Auto unterwegs
zur Redaktion war.
Es war Samstagnacht oder, genau genommen, Sonntagmorgen,
nämlich achtzehn Minuten nach eins. Jordan wusste ziemlich
genau, was um diese Zeit auf der Insel los war. An einem
Sonntagmorgen um ein Uhr Mitte Juni würden sich Menschenmassen
aus der Chicken Box auf die Dave Street ergießen, wo
sie eine Reihe Taxis und ein Streifenwagen erwarteten. Im Ortszentrum
würden Grüppchen vor dem Boarding House und dem
Pearl auf dem Bürgersteig stehen, und irgendeine Frau würde unweigerlich
versuchen, die kopfsteingepflasterte Straße auf Zehn-
Zentimeter-Absätzen zu überqueren. Und eine ältere, gesetztere
Klientel würde das Club Car verlassen, sobald der Pianist mit
„Sweet Caroline“ fertig war.
Jordan war vor ein paar Jahren selbst im Club Car gewesen,
mit Zoe, an dem Abend, an dem sie das erlebten, was sie inzwischen
„den Moment“ nannten. Den Moment, in dem sie beide
Bescheid gewusst, aber nicht agiert hatten. Das taten sie erst ein
Jahr später, auf Martha’s Vineyard.
Das Telefon, das Telefon. Jordan war wach. Sein Verstand reagierte
sofort, doch er brauchte einige Sekunden, bevor er seinen
Körper in Bewegung setzen konnte.
Er schwang seine Beine auf den Fußboden. Ava schlief in
Ernies Zimmer, mit Ohrstöpseln und akustischer Einschlafhilfe
und verschlossener Tür und heruntergelassener Jalousie. Und
dem magischen Elixier ihres allnächtlichen Zolpidem, das ihre
Dämonen verstummen ließ. Im Fall eines Feuers wäre sie vollkommen
darauf angewiesen, dass er sie rettete.
Feuer?, dachte er.
Und dann fiel es ihm ein: Abschlussfeier.
Er rannte ans Telefon. Die Anruferkennung verkündete: Gemeinde
Nantucket. Das bedeutete Polizei oder Krankenhaus oder
Schule.
„Hallo?“, sagte Jordan und versuchte dabei, wach und gefasst
zu klingen.
„Dad?“
Das war das einzige Wort, das Jake äußern konnte, gefolgt von
Schluchzen, aber Jordan beruhigte die Tatsache, dass sein Sohn
am Leben war, dass er sprechen konnte, dass er sich an seine
Telefonnummer erinnert hatte.
Ein Polizist kam an den Apparat. Jordan kannte viele der Beamten,
doch nicht alle, insbesondere nicht die Sommeraushilfen.
„Mr Randolph?“, sagte die unbekannte Stimme. „Sir?“

Zoe
Sie hatte Schwächen, ja, das stimmte. Welche war wohl die
schlimmste? Die offenkundige natürlich, aber die würde sie zunächst
beiseitelassen und sich der Zeit vor ihrer Affäre mit Jordan
Randolph zuwenden. Was waren damals ihre Fehler gewesen?
Sie war selbstsüchtig, ichbezogen, egozentrisch – aber galt das
nicht eigentlich für jeden? Gelegentlich – aber nur gelegentlich
– hatte sie ihr eigenes Glück wichtiger genommen als das
der Zwillinge. Einmal hatte sie Hobby und Penny bei den Castles
einquartiert und war für eine Woche nach Cabo San Lucas
geflogen. Sie hatte sich und Al und Lynne Castle eingeredet, sie
leide an einer saisonabhängigen Depression, hatte Lynne sogar
angelogen, nämlich behauptet, ein Arzt auf dem Festland, der
mythische „Dr. Jones“, habe tatsächlich SAD bei ihr diagnostiziert
und ihr die Reise nach Cabo „verschrieben“. Die Lüge war
unnötig gewesen: Lynne sagte, sie verstehe; Zoe verdiene eine
Woche Auszeit. Sie wisse sowieso nicht, wie Zoe es schaffe, die
Zwillinge allein großzuziehen.
Der Ausflug war eine einmalige Sache geblieben. (In Zoes Erinnerung
schimmerte er: ihr Liegestuhl an dem Endlos-Pool, die
Muschel-Ceviches und Mango-Daiquiris und der siebenundzwanzigjährige
Hotelangestellte, den sie mühelos verführt und
sich in fünf von sieben Nächten in ihr Bett geholt hatte.) Hatte
sie in dieser Woche Schuldgefühle gehabt, ohne ihre Kinder verreist
zu sein? Wenn ja, entsann sie sich nicht. Und doch hatte
sie, als die beiden ihr bei der Heimkehr juchzend vor Glück in
die Arme gefallen waren, sich geschworen, sie nie wieder allein
zu lassen. Und sie hatte Wort gehalten.
Allerdings gab es Abende, an denen Zoe eine Flasche guten
weißen Burgunder aufmachte und sich sechs Sopranos-Episoden
hintereinander anschaute, während die Kinder Müsli aßen und
allein zu Bett gingen. Und manchmal verlor Zoe die Geduld mit
den Zwillingen, einfach nur deshalb, weil sie zwei komplexe Lebewesen
waren und sie mit ihnen nicht mehr fertig wurde. Zoe
hatte den größten Teil ihres elterlichen Erbes für ein Cottage am
Strand ausgegeben, eine unpraktische Wahl für eine Familie. Sie
trieb nie Sport und war koffeinsüchtig. Sie hatte den Satz „Mein
Mann ist tot“ geäußert, um sich das Mitgefühl bestimmter Personen
zu sichern. (Der Polizeibeamte, der sie auf der Route 3 bei
Tempo 145 angehalten hatte, war nur ein Beispiel.)
Sie hatte sehr viele Fehler.
Zoe bildete sich gern ein, sie lägen zum größten Teil im Verborgenen,
obwohl sie wusste, dass sie bei den Insulanern nicht
nur als freier Geist galt, sondern auch als wandelndes Pulverfass.
Sie hatte das Gefühl, ihre Kompetenz als Mutter würde äußerst
kritisch beurteilt, weil sie zu lax, zu nachsichtig sei. Sie ließ die
Zwillinge allein zu Hause, seit sie acht Jahre alt waren. Als sie
neun wurden, erlaubte sie ihnen, mit dem Rad in die Stadt zu
fahren. Einmal – ein einziges Mal – war es vorgekommen, dass
Hobby die ganze Strecke bis zur Main Street ohne Helm geradelt
war. Ed Kapenash, der Polizeichef, hatte Zoe bei der Arbeit
angerufen und ihr gesagt, von Rechts wegen müsse er ihr einen
Strafzettel verpassen, weil sie ihrem Sohn das Radfahren ohne
Helm gestattet hatte. Zoe entgegnete, sie gestatte ihren Kindern
nicht, ohne Helm zu fahren; da sie arbeiten müsse, sei sie nicht
zu Hause gewesen, um zu sehen, ob Hobby einen trug. Sobald sie
die Worte ausgesprochen hatte, wusste sie, wie übel sie klangen.
Ed Kapenash wird beim Jugendamt anrufen und mir die Zwillinge
wegnehmen lassen, dachte sie. Ich bin eben doch nicht fähig,
sie allein großzuziehen. Aber Ed Kapenash hatte nur geseufzt
und gesagt: „Bitte erklären Sie Ihren Kindern, dass sie nie wieder
ohne Helm Radfahren dürfen.“
Zoe war sofort nach Hause gedüst, fest entschlossen, Hobby
zu bestrafen, ihn womöglich sogar zu verhauen, doch dann erklärte
er ihr, sein alter Helm sei ihm zu klein. Zoe überprüfte
die Sache und stellte fest, dass er Recht hatte; es gab im ganzen
Haus keinen Helm, der ihm passte. Er wuchs so schnell.
Zoe war sich sicher, dass die Geschichte über Hobby ohne
Helm auf dem Fahrrad die Runde machen und den Verdacht
der Bürger von Nantucket bestätigen würde: Sie war eine nachlässige
Mutter. Kein Helm im Haus, der dem Jungen passt! Und
als wäre das noch nicht schlimm genug, fuhr Zoe einen 1969er
orangeroten Karmann Ghia, den sie sich in ihrer Zeit auf der
Kochschule gekauft hatte. Obwohl die Leute immer hupten oder
winkten, wenn sie sie darin sahen, war sie überzeugt davon, dass
sie sich alle insgeheim fragten, warum sie zwei Kinder in einem
Auto ohne Airbags herumkutschierte.
Sie kaufte keine Bio-Milch.
Sie nahm es nicht so genau mit den Zubettgehzeiten und den
Altersfreigaben für Filme.
Sie erlaubte den Zwillingen, selbst zu entscheiden, was sie
anzogen, was einmal dazu geführt hatte, dass Hobby sein Little-
League-All-Star-Trikot fünf Tage hintereinander trug, und ein
andermal dazu, dass Penny in Leggings und Nachthemd zur
Schule ging.
Im Grunde konnte aber niemand Zoes Erziehungsstil kritisieren.
Sie hatte so fabelhafte, so begabte Kinder! Die Vorzeigeschüler
der vorletzten Klasse: Hobson und Penelope Alistair.
Fangen wir mit Hobson an, den alle Hobby nannten, fünf Minuten
vor Penny geboren. Er war die Reinkarnation seines Vaters,
der ebenfalls Hobson Alistair geheißen hatte. Hobson senior war
der unglaublich hoch gewachsene und gebieterische Mann ihrer,
Zoes, Träume gewesen, ein Mann, stark wie ein Baum. Zoe hatte
ihn mit zweiundzwanzig kennengelernt, als sie in Poughkeepsie
am Culinary Institute of America studierte. Hobson senior war
nur sechs Jahre älter als Zoe, aber bereits Ausbilder an dieser
Schule. Er leitete eine Unterrichtseinheit mit dem Titel „Fleischverarbeitung
“ und war ein hervorragender Schlachter; er konnte
ein Rind oder Schwein mit Hackbeil und Ausbeinmesser so elegant
zerlegen, dass es aussah wie ein Ballett.

Über Elin Hilderbrand

Biografie

Elin Hilderbrand lebt mit ihrer Familie auf Nantucket, Massachusetts. Ihre Romane sind in den USA regelmäßig auf den Top Ten der Bestsellerlisten. Die Gesamtauflage liegt weltweit bei über 1,5 Millionen Exemplaren, die Rechte wurden in 18 Länder verkauft.

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