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Ein Mann ein BootEin Mann, ein Boot

Ein Mann ein Boot

Wie man als Landratte zum Segler wird

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Ein Mann ein Boot — Inhalt

Das ideale Geschenk für Skipper und Seglerfreunde und alle, die es werden wollen

»Schon lange hatte ich davon geträumt, ein Boot zu besitzen. Ein richtiges Boot mit Segeln, das lautlos übers Meer gleitet, mit Kojen, einem Kühlfach, in dem eiskaltes Bier lagert, und einem Anker, den ich auswerfe, wenn wir eine Bucht entdecken, in der das Wasser den roten Abendhimmel spiegelt ...«

Wie aus einer süddeutschen Landratte ein Segler wird, mit Familiencrew und Hund an Bord: Voller Abenteuerlust erzählt Rüdiger Barth von der Sehnsucht nach dem Wasser und der Leidenschaft echter Männer für ihr Boot.

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 12.05.2014
320 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30194-7
€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 22.08.2011
320 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95279-8

Leseprobe zu »Ein Mann ein Boot«

EINS VORWEG, dieses Buch ist nichts für trockene Kehlen. Es wird manches Mal geflucht auf den folgenden Seiten, ich weiß auch nicht recht, warum, muss mit dem Bootsleben zu tun haben. Mit der Art, wie wir sailors so sind. Es wird auch oft gesoffen in diesem Buch, da werde ich keinen enttäuschen, no, Sir, doch am Ende werden Sie, verehrte Leser, die Böe in der Ferne wittern können, so wie ich sie zu wittern gelernt habe – und wie ich lernte, die Wellen auszureiten und den Rum zu verschütten und den Anker zu lichten und in einer mondhellen Nacht [...]

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EINS VORWEG, dieses Buch ist nichts für trockene Kehlen. Es wird manches Mal geflucht auf den folgenden Seiten, ich weiß auch nicht recht, warum, muss mit dem Bootsleben zu tun haben. Mit der Art, wie wir sailors so sind. Es wird auch oft gesoffen in diesem Buch, da werde ich keinen enttäuschen, no, Sir, doch am Ende werden Sie, verehrte Leser, die Böe in der Ferne wittern können, so wie ich sie zu wittern gelernt habe – und wie ich lernte, die Wellen auszureiten und den Rum zu verschütten und den Anker zu lichten und in einer mondhellen Nacht vielleicht sogar Schmetterlinge aus Lichtfunken ins Meer zu malen.
So vieles. Ich habe gelernt, einen Traveller nach Lee rauschen zu lassen – was auch immer das ist, ein Traveller – und einen elf Meter hohen Mast zu legen; ich habe bei Windstärke fünf bis sechs Anlegemanöver gemacht, bis ich das Anlegen beinahe beherrschte; ich kann neuerdings sogar über Bord pinkeln, ohne die Pinne loszulassen. Bei allem Respekt, es erwartet Sie ein wilder Ritt, wenn Sie noch ein hundsgewöhnlicher Landmensch sind. Wer schwanger ist oder es schnell am Nacken kriegt, sollte besser aussteigen, wem leicht übel wird, dem rate ich rundweg von der Lektüre ab.
Also Leuten wie mir selbst.
Ich will keinem was vormachen. Ich gehörte nicht immer zu den Helden der See. Es gibt in unserem Land Millionen Menschen, die figgerig werden, wie ich es werde, wenn man ihnen eine Silikonpistole in die Hand drückt. Die eine Heidenangst schon bei der Vorstellung bekommen, auf einer schlingernden Plastikschale in ein Gewitter zu geraten. Und genug, da wette ich, die, wenn sie sich hinter die Brandung gekämpft haben, sofort dieses »Der weiße Hai«-Thema hören, dudu-dudu- dudu, und beim Schwimmen im Meer die Beine anziehen. Aber von denen will ja keiner ein eigenes Boot, oder?
Vielleicht sind Sie aber auch, wie ich es war. Sie hätten gern eines. Sie trauen sich aber nicht. Nicht nur es zu wagen, sondern sogar es auszusprechen. Weil es so lächerlich klingt. Weil so vieles dagegenspricht. Zum Beispiel die eigene Ehefrau. Meine sagte: »’tschuldigung, mein Lieber, aber wenn es einer nicht kann, dann du.« Das hat sie gesagt, ich schwör’s, und zwar gerade, als ich mich aus innerster Überzeugung aufgemacht hatte, ein Seemann zu werden.
Schon lange hatte ich davon geträumt, ein Boot zu besitzen. Ein richtiges Boot mit Segeln, das lautlos übers Meer gleitet, nur die Kraft der Winde ausnutzend, eins mit Kojen, in denen man schlafen kann, einem Kühlfach, in dem eiskaltes Bier lagert, und einem bleiernen Anker, den man auswirft, wenn man eine Bucht entdeckt hat, in der das Wasser den roten Abendhimmel spiegelt. Mehrere meiner Freunde besitzen ein Segelboot. Sie sagten schon lange »Du musst dich zu deinem Glück zwingen. Kauf dir ein Boot, das kostet nicht so viel, wie du denkst. Wenn du eins hast, lernst du das Segeln. Und wir helfen dir.« Ich fand stets, das klang gut.
Selbstverständlich hörte ich mir alle Gegenargumente an. Sie waren durch und durch stichhaltig. Mein Vater erzählt bis heute gerne, einer seiner früheren Geschäftspartner, ein Anwalt, bekannter Mann in München, sei beim Segeln auf dem Starnberger See ertrunken. Allein unterwegs, es war kühl, Sturm kam auf, der Baum wehte ihn von Deck, bumms, tot. So gefährlich ist Segeln. Mein Bauch wiederum raunte, ich sei schon oft seekrank gewesen, ich könne es jederzeit wieder werden. Seekrank sein ist nicht schön, ein bisschen wie sterben, nur dass man nicht stirbt. Man hängt über der Reling und wartet, bis es nachlässt. Manchmal dauert es, bis es nachlässt. Meinem Vater wie meinem Bauch schleuderte ich das beste, aber auch einzige Argument entgegen, das mir einfiel: Ihr werdet schon sehen, wenn ihr dabei seid!
Und so stand ich eines Tages da, in Bogense, Nordfünen, Dänemark. Ein kühler Tag im Mai. Um meine Füße schmiegten sich Lederstiefel, mit denen man auch die Antarktis hätte befahren können. Meine Handschuhe waren an den Innenseiten angeraut, doch zwei Fingerkuppen lagen frei, wegen des Gefühls. Ein Himmel ohne Sonne, neun Grad, Windstärke drei bis vier aus Nordwest, das Meer lag da, als warte es auf uns. Die Crew: meine Frau Anna, die mitzog, weil sie immer mitzieht, wenn’s drauf ankommt. Zwei beste Freunde, die uns halfen. Und natürlich der Skipper. Darf ich mich schon so nennen ?
Unser Boot, Liv, eine Bianca Commander 31, neun Meter fünfunddreißig lang, zwo Meter siebzig breit und dreieinhalb Tonnen schwer, Baujahr 1974, war ein paar Wochen zuvor zu Wasser gelassen worden, der Mast, das Rigg, die Segel montiert. Nun startete ich den Motor, der, obschon etwas älter, schnurrend ansprang, und wir glitten gemeinsam aus dem Hafen, hinaus auf die blanke See, dorthin, wo jetzt ein schmaler Strahl der Sonne das Wasser glitzern ließ.
Mal sehen, sagten wir uns, wo wir heute Abend landen.

 

EINS

 

SÜCHTIG WERDEN

 

 

 

1
AM TAG, an dem unser Sohn auf die Welt kommt, beschließe ich vor lauter Glück, uns ein Segelboot zu kaufen. Ich erzähle es meiner Frau nicht sofort, das wäre nicht sehr klug, ich warte ab, bis sie wieder stark genug ist, mich für verrückt zu erklären. Dann schauen wir unseren Sohn an, der noch sehr klein ist, wirklich wahnsinnig klein, und ich deute auf seine gebogenen Waden. »Seemannsbeine«, flüstere ich, und mein Sohn zwinkert mir zu. »Zwo zu eins«, sage ich.
Ich bin an den Hängen des Schwarzwalds groß geworden. Bei uns in Baden gibt es den eingedeichten Rhein, früher von Mücken umschwirrt, die bei uns Schnaken heißen, ein paar Baggerseen und oben in den Bergen die Schwarzenbachtalsperre, die man sonntags gar nicht sieht vor lauter Harley-Hintern auf Picknickdecken. Segeln tut da kein Mensch. Aus meiner Kindheit kenne ich das malerische Bild, wenn ein Dutzend Enten aus einem Feld aufsteigen, ich weiß, wie sich der Knall eines Gewehrschusses anfühlt im eigenen Magen, und ich sehe noch vor mir, wie erst ein schlaffer Körper abstürzt und bald darauf einzelne Federn zu Boden schweben. In meiner Familie gibt es, historisch gesehen, viele Jäger, aber keinen einzigen seefahrenden Entdecker. Ich werde der erste sein. Ein Pionier. Mein Sohn wird mal sagen können: »Mein Vater war ein Segler. Und meine Mutter wurde auch zu einer Seglerin. Ich habe segeln gelernt, da war ich nicht viel größer als eine Boje.« Das soll er mal sagen dürfen.
Also werde ich mir ein Haus auf dem Meer kaufen. Ein altes Boot mit Seele, mit viel Holz, ächzendem Tauwerk und langer Geschichte, weil vor allem solche Boote einen Charakter haben, und ein Boot ohne Charakter will ich nicht. Am besten eines, das so alt ist wie ich selbst, womöglich mein Baujahr, 1972.
» Und denk an Pumba «, fahre ich fort, » sie wäre total heiß. «
»Das ist unfair«, erwidert meine Frau.
»Drei zu eins.«
Wir haben einen Hund, der groß ist und schwarz und aussieht wie eine Mischung aus Problembär und Alf. Es wäre ihm peinlich, erkannt zu werden, daher wollen wir ihn im Verlaufe dieser Geschichte Pumba nennen, wie das furzende Hängebauchschwein aus dem »König der Löwen«, ohne dass ich erläutern möchte, wieso. Pumba ist ein Weibchen, auch wenn sie das zu verbergen sucht. Sie schwimmt für ihr Leben gern. Tappst freudig auf Stegen herum, erklettert begeistert Bordwände und schaut sehnsuchtsvoll Wildgänsen nach, die vor ihr flüchten – noch sehnsuchtsvoller aber, wenn sie nicht flüchten. Sie ist, man kann es so sagen, ein Wasserhund. Vielleicht wäre ich ohne Pumba gar nicht auf die Idee mit dem Boot gekommen. Obwohl, nein, das ist zu viel der Ehre.
Einmal segelten wir auf dem Plöner See in der Holsteinischen Schweiz, in Sachen Berge ein Witz, aber schön dort. Wir hatten uns eine Jolle gemietet, es sah nicht sehr windig aus, aber es war windig. Und es war das erste Mal, dass wir unseren Sportbootführerschein lässig auf die Theke knallen konnten. Davon träumt man ja als Segelschüler: sich einfach mal irgendwo eine Jolle zu mieten, an einem dieser friedlichen Seen, wo man sonst nur steif am Ufer sitzt und bei einem hellen Hefeweizen den weißen Segeln hinterhersieht. Da draußen pfiff eine böige Brise, die unser kleines Boot bedenklich in Schräglage brachte. Meine Frau traute sich nicht an die Pinne, was ungewöhnlich ist, sie sagte, sie fühle sich doch noch zu unsicher. »Mach du mal«, forderte sie mich auf.
Wenn man in die richtige Richtung guckt, sieht der Plöner See aus, als wäre er aus Skandinaviens Wäldern herausgepult. Es war nicht viel Betrieb, und so sausten wir hierhin und dorthin, mit viel Druck auf den Lappen, wie man so sagt, ordentlich Schweißperlen auf der Stirn und Pumbas Gehechel in den Ohren. Vor lauter Wonne – es war ein heißer nordischer Tag – wäre sie über Bord ins Wasser gesprungen, wenn Anna sie nicht an der Leine gehalten hätte. Das gehört zu den komplizierteren Dingen: mit einem Hund an Bord eines Segelbootes die Leinen und die Leine auseinanderzuhalten. Wenn sich das alles verknotet, gute Nacht! Dann reicht ein strammer Windstoß, und der Hund wird einmal gekielholt und wieder retour.
Aber das weiß der Hund ja nicht, zum Glück, und so hatte Pumba keinen blassen Schimmer, dass es nur ein wenig misslingendes Gefummel gebraucht hätte, und sie wäre entweder erdrosselt oder ertränkt worden oder beides zugleich. Stattdessen leuchteten ihre Augen vor Begeisterung, als wir wieder anlegten, ein Unterfangen, das mir zugegebenermaßen nicht auf Anhieb gelang. Eine unidentifizierbare Strömung drückte uns vier Mal wieder vom Steg weg, sodass ich auf kleinstem Raum mehrfach meine ganze Kunst aufbieten musste, die vor allem darin bestand, in Bruchteilen einer Sekunde den Kopf einzuziehen und von der einen Cockpitwand zur anderen hinüberzuhechten. Von meiner Panik bemerkte Pumba nichts. Hinterher sah sie ganz segelgeil aus, fand ich. Auf ihre Stimme kann ich seitdem zählen. Drei zu eins, wie gesagt.
»Du kannst nicht segeln«, hielt mir meine Frau vor, als wir wieder an Land waren. Da hatte ich sie gerade nach Hause gesegelt. Unser Sohn war zu jenem Zeitpunkt noch nicht mal im Werden.
Und jetzt wiederholt sie diesen Satz, unseren Sohn in ihren Armen.
»Eben«, entgegne ich und lächele weise, denn was anderes bleibt dem Pilger, der einer Bestimmung folgt, die sonst niemand erkennt? Und füge hinzu: »Es wird ein Wunder sein.«

 

2
EIN PAAR WOCHEN vor jenem ersten Törn auf dem Plöner See, in einem makellosen Sommer der Nullerjahre, hatten wir unseren Segelkurs auf der viel besungenen Außenalster in Hamburg gemacht, der Hahnenkamm-Abfahrt unter den Segelseen. Lacht da wer? Der kennt die Alster nicht. Das heimtückischste aller Reviere. Selbst die Fischer der bretonischen Gezeitenfjorde und die Piraten der molukkischen Garnelensümpfe würden mit den Hamburger Fallwinden ihre liebe Mühe haben und Patenthalse auf Patenthalse hinschmettern.
Den »Sportbootführerschein für Binnengewässer« bestand ich bei Vollflaute in einer Jolle, einer fünf Meter langen, offenen Nussschale. Seitdem habe ich den Lappen, drin pappt ein Bild von mir, das mich vollbärtig zeigt und wie im Rausch, aber segeln kann ich trotzdem nicht. Wenn Böen kommen und sich das Boot jäh auf die Seite legt, kralle ich mich unwillkürlich an der Bordwand fest, wenn die Segel knallen, schaue ich besorgt auf den Mast, und als ich einmal zu schnell in den Hafen gedonnert kam, rammte ich versehentlich eine Handvoll Kindersegler in ihren Optimisten aus dem Weg.
Daran erinnert mich jetzt wieder meine Frau. Wir sitzen in einem Café an der Alster, der Kleine schläft, so Kleine schlafen ja viel. Pumba hat sich zwischen uns ausgerollt, da macht ihr niemand was vor. Ich erinnere Anna an die Regatta, die unseren Anfängerkurs krönte. Meine Frau war am Ruder, sie verpatzte den Start, drehte ab, prallte gegen eine Boje, und ich wedelte vorne machtlos mit der Leine des Vorsegels herum. Wir kamen erst ins Ziel, als die anderen schon ihr Alsterwasser zischten.
Unsere reizende Freundin Kornelia, die auch teilnahm, erzählt gemeinsamen Freunden seither gerne, wie sehr wir zwei uns bei dem Kurs gestritten hätten, wie ein altes Ehepaar. Dies sei eine rundweg falsche Interpretation, widerspreche ich stets voller Würde. Anna pflichtet mir ebenso würdevoll bei. In diesem Moment bin ich stolz auf meine Frau, weil sie sich vor uns wirft, wie sich das gehört. Jeder Hader ist vergessen, die vergeigte Regatta verblasst. Es habe nur Idee gegen Idee gestanden, verkünden wir, je nachdem, wer das Steuer in den Händen gehalten habe; Befehl gegen Trotz.

 

3
DER KAPITÄN IST SCHULD, er hat mich verführt und auch Anna. Vielleicht sollte ich ihn kurz vorstellen, die meisten werden zwar schon eine Geschichte von ihm gelesen haben, denn wer Bücher liest, liest auch Zeitungen, und der Kapitän ist eigentlich überall zu lesen. Aber wer weiß schon, dass der Name aus der Sonntagszeitung zu einem Menschen aus Fleisch und Blut gehört? Der Kapitän ist seit einiger Zeit Anfang vierzig und wäre am liebsten U-Boot-Kommandant geworden; immerhin hat er es zu einem blitzenden, schmalen schwedischen Holzboot gebracht. Nach jedem Törn sieht er aus, als hätte er die Seeschlacht am Skagerrak persönlich befehligt. Der Bart wie aus silbernen Drahtfäden gewirkt, die Wangen verbrannt, und der Blick verliert sich irgendwo zwischen Nordnordwest fünf bis sechs und der kurzen, steilen Welle des Kleinen Belts. Wenn der Kapitän ankert, springt er ab und zu von seinem Boot unvermittelt ins Meer und krault zu einem anderen Schiff, um es sich aus der Nähe zu betrachten. Manchmal hat er Glück, und der Skipper bittet ihn an Bord, und sie heben einen zusammen. Manchmal hat er noch mehr Glück, und der Skipper ist eine Skipperin. So viel Glück hat er aber selten, hört man.
An einem Sommerwochenende nach einer beglückenden Fußball-WM segelten wir durch die Dänische Südsee. Der Tramp war noch dabei, ein knuffiger Kerl und Lehrmeister aller Klassen, der es schon mal auf die Titelseite der Hamburger Morgenpost gebracht hat, als der FC St. Pauli in letzter Sekunde den Klassenerhalt sicherte und die Fans vor Glück durchdrehten; er war auf dem Foto der Typ in der Mitte, der mit der lederbesetzten Baseballjacke, die Hände ausgebreitet, als wäre er der Vetter vom Heiland. Der Tramp hat auch ein eigenes Boot, ein Folkeboot, das dem des Kapitäns ähnlich sieht.
Am Nachmittag ankerten wir vor einer lang gezogenen Insel namens Drejø, wir schwammen und lasen und tranken. Die Sonne ging nicht unter, der Himmel färbte sich langsam rot und blau. Einen nach dem anderen ruderte uns der Tramp mit seinem kleinen Dinghi an Land, wir grillten Würstchen und Krabben im Schilf. (Die Krabben waren voller Eier und schmeckten nach überhaupt nichts; wir warfen sie ins Meer, was uns ein schlechtes Gewissen bereitete. Bis einer sagte: »Staub zu Staub.«) Das Boot war ein Schemen im weichen Nachtlicht des Nordens. Schließlich gluckste uns das Wasser vom Rausch in den Schlaf.
Seitdem möchte ich es selbst können: segeln. Auf dem Wasser zu Hause sein, der Wind bestimmt, wohin die Reise geht, und keiner quatscht einem rein.
Na ja, das klingt ein bisschen pathetisch, aber wer kein Pathetiker ist, sollte sich entweder gar kein Segelboot zulegen – niemals ! – oder alternativ ein Motorboot. So wie einer meiner Kollegen, der Segler insgeheim verlacht. » Put the Hebel on the table«, sagt er gerne, grinst und tut mit der rechten Hand so, als gäbe er Vollgas, zwei Maschinen, jede mit 120 PS, wrumm! Natürlich geht es da um eine Lebensanschauung, das ist gar keine Frage.
Vielleicht habe ich in all den Gesprächen mit dem Kapitän und dem Tramp nicht die Falten um ihre Augen und ihre Stirn gesehen, die entstehen, wenn man die Wolken am Horizont anspäht und den Bauch des eigenen, blendend weißen Segels, die von der Reflektion des Sonnenlichts auf den Wellen kommen, aber auch vom ständigen Besorgtsein. Kein guter Segler, der nicht ständig besorgt ist, wenn er sein Boot führt. Ob der Wind dreht, ob der Wind nicht dreht, ob der Anker hält, ob das Wasser, das in der Bilge schwappt, nicht in der letzten Stunde ein bisschen sehr viel mehr geworden ist? Früher habe ich diese Falten nicht gesehen. Dabei bin ich hochtalentiert darin, mir Sorgen zu machen, und mir fallen schon von selbst mehrere tausend Gründe ein, warum ich mir kein Boot kaufen sollte.
Und das sei nur das Äußerliche, meint der Tramp. Man werde nach ein paar Wochen auf See auch innerlich ein wenig, nun ja, merkwürdig. »Wenn man immer nur sich selbst um sich herum hat«, sagt er, »bekommt man seinen eigenen Rhythmus. Seine eigenen Gedanken. Man braucht, bis man sich wieder an das Leben an Land gewöhnt hat. Und bis sich die Leute nicht mehr wundern, weil man sich so seltsam benimmt. «
So gehen die Geschichten. Oder vielmehr: So fangen sie an. Bei anderen Hobbys macht man Feierabend, trinkt ein Bier und geht duschen. Beim Segeln ist man tagelang, wochenlang nur Segler. Ich kenne Juristen, die sich nicht mehr rasieren, habe von Radiomoderatoren gehört, die einen halben Tag lang geschwiegen haben sollen, von Agnostikern, die gläubig geworden seien auf See. Sie stellt was mit einem an. An Land würde es niemals hervorgelockt. Eine Veränderung geschieht. Aber was für eine? Das ist das Geheimnis. Ich will es herausfinden.
Da sind schon ein paar Falten um meine Augen, glaube ich. Freudenfalten. Gibt es die?

Über Rüdiger Barth

Biografie

Rüdiger Barth, Jahrgang 1972, im Schwarzwald aufgewachsen, lebt mit seiner Familie in Hamburg. Er ist Mitglied der Chefredaktion des stern und veröffentlichte bei Malik »Die 10 – Magier des Fußballs«, »Wilde Dichter« und zuletzt »Ein Mann, ein Boot«.

Pressestimmen

Stuttgarter Zeitung

»Die See, schreibt Rüdiger Barth, stellt was mit einem an. `An Land würde es niemals hervorgelockt. Eine Veränderung geschieht.´ Wenn das nicht neugierig macht, was dann?«

OCEAN7 - das österreichische Yachtmagazin (A)

»Die Geschichte einer Seglerkarriere, die manche aus eigener Erfahrung kennen.«

Inhaltsangabe

INHALT

EINS VORWEG

EINS

SÜCHTIG WERDEN

ZWEI

VOM SUCHEN

DREI

VOM FINDEN

VIER

LIV

FÜNF

MAST AB

SECHS

ÜBERWINTERN

SIEBEN

MAST HOCH

ACHT

DURCHSTOß

NEUN

VERTEUFELT ENG

ZEHN

SEEKLAR

ELF

HINAUS

ZWÖLF

LIV & WIR

GLOSSAR

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