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Ein Löwenjäger

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Roman

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Ein Löwenjäger — Inhalt

Vor 25 Jahren stieß ich in Patagonien auf die Existenz eines pittoresken französischen Abenteurers vom Ende des 19. Jahrhunderts. Ein Waffenhändler, Magnetiseur, Forscher und Aufschneider, der in Feuerland eine als „wunderlich“ geltende Expedition durchgeführt hatte. Jahre später erfuhr ich, dass er auch ein Freund Manets war, der von ihm ein kurioses Porträt als Löwenjäger gemacht hatte.

Dies ist die phantastische Geschichte ihrer Begegnungen. Wir setzen darin von den Pariser Großen Boulevards über an die Ufer der Magellanstraße, durchqueren Revolutionen in Peru, die Pariser Kommune und die Blutige Woche, treffen Mallarmé, Berthe Morisot, eine Gräfin unter den Petroleusen, eine wilde Frau, angebliche Kannibalen… Und im Hintergrund der Landschaft auch der Autor, auf der Suche nach der vergangenen Zeit: der einzigen Jagd, bei der man versichert sein kann, am Ende vom Raubtier getötet zu werden, der einzigen Forschungsreise, die immer unter den Zähnen von Anthropophagen endet.     O.R.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 01.10.2013
Übersetzer: Doris Heinemann
208 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7671-7

Leseprobe zu »Ein Löwenjäger«

1 Achtundsechzig Löwen, plus einem

Der auf der blauen Erde ausgestreckte Löwe nimmt die
gesamte Breite des Bildes ein, der Kopf liegt am linken
Rand, das offene Maul lässt die Reißzähne sehen, aus einem
schwarzen Loch neben dem offenen, glänzenden Auge
(dem Glasauge, werden böse Zungen spotten) tropft ein
wenig Blut, die Hinterbeine ragen rechts aus dem Bild
hinaus. Im Vordergrund links ein Baumstamm, eine Vertikale
in schwarzgeschupptem Aschgrau mit einzelnen gelben
und dunkelgrünen Tupfen, er verdeckt einen Teil der
Mähne, die schwarz auf dem fahlen Fell [...]

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1 Achtundsechzig Löwen, plus einem

Der auf der blauen Erde ausgestreckte Löwe nimmt die
gesamte Breite des Bildes ein, der Kopf liegt am linken
Rand, das offene Maul lässt die Reißzähne sehen, aus einem
schwarzen Loch neben dem offenen, glänzenden Auge
(dem Glasauge, werden böse Zungen spotten) tropft ein
wenig Blut, die Hinterbeine ragen rechts aus dem Bild
hinaus. Im Vordergrund links ein Baumstamm, eine Vertikale
in schwarzgeschupptem Aschgrau mit einzelnen gelben
und dunkelgrünen Tupfen, er verdeckt einen Teil der
Mähne, die schwarz auf dem fahlen Fell liegt. Auf der Borke
hat der Maler das Bild signiert: »Manet, 1881« (ein junges
Mestizenpaar, beide ziemlich dick, fragt sich ratlos,was da
steht: Miguel? Não, não é Miguel). Im Hintergrund spenden
kümmerliche Bäume einen leichten, von gelb-rosa Sonnenflecken
gebrochenen Schatten, links vom Baumstamm ist
der Boden blau, rechts geht er ins Fliederfarbene, unten ins
Moosgrüne. Anscheinend war er eindeutig violett, als das
Bild im Salon von 1881 ausgestellt wurde, was Huysmans
als »viel zu einfach« bezeichnete. Der Jäger nimmt den
rechten Teil des Mittelgrunds ein. Er steckt in einer Jacke
von fast schwarzem Grün mit dickenvergoldeten Knöpfen,
die von einem Gürtel mit großer Schnalle zusammengeschnürt
wird. Darunter erkennt man die Manschetten
eines weißen Hemds und im offenen Kragen den Hals
eines Catchers. Das rechte Knie am Boden, den Zwillingslauf
des Gewehrs, dessen Kolben in seiner rechten Armbeuge
glänzt, nach unten gerichtet, an den Füßen prächtige
Stiefel, auf deren schwarzem Leder Lichter spielen, scheint
er auf etwas zu lauern, aber worauf? Hat er den tödlich
getroffenen Löwen hinter ihm nicht gesehen? Erwartet er
noch einen weiteren? Fürchtet er, man könne ihm seinen
Bettvorleger klauen? »Die Pose dieses Jägers mit Koteletten,
der in den Wäldern von Malmaison Kaninchen zu jagen
scheint, ist kindisch«, schreibt, wieder einmal, Huysmans,
das Aas. Tatsächlich, er sieht aus, als hätte er auf einer
Dorfkirmes seinen Kopf durch das Loch einer Plakatwand
mit der naiven Darstellung einer Löwenjagd gesteckt. Einen
ausdruckslosen Dummkopf, so scheint es, das Gesicht
drückt allenfalls ziemlich grobe Gefühle aus, verärgertes
Überraschtsein und eine vage Herausforderung in der Art
eines »Komm nur näher, ich mach dich platt«. Beleibt, gedunsen,
sehr buschige, gebogene Brauen, über den Mund
hängender dicker Walross-Schnurrbart, breite Koteletten,
die ein beginnendes Doppelkinn umrahmen. Er trägt einen
hohen schwarzen Hut mit blauem Band und Feder. Sein
Gesicht ist schweinchenrosa mit Couperose-Flecken
(doch auch hier haben sich die Farben verändert: Laut JacquesÉmile
Blanche war die Hautfarbe ursprünglich »rot wie
eine Tomate«). Er hat ziemlich viel Ähnlichkeit mit der nostalgischen
Vorstellung, die man sich von einem auvergnatischen
Kneipenwirt oder Kohlenhändler jener Zeit macht,
auf seiner Schulter würde man eher einen Lappen als einen
Gewehrriemen erwarten. Sein linker Stiefel wirkt wirklich
zermalmend. Mit Leuten, die solche Stiefel tragen, sucht
man keinen Streit. Sein Blick ist stumpf und starr.
Warum hat Manet, »der heitere, blonde Manet, der so
viel Anmut ausstrahlte«, diese Speckschwarte gemalt? Maler
und Modell bilden doch immerhin auf seltsame Art ein Paar,
es muss etwas wie Verführung, ein Einverständnis zwischen
ihnen gewesen sein: Wie kam der geistvolle Manet dazu, diesen
stumpf blickenden Klotz zu porträtieren? Das fragst du
dich, als du vor einem Jahr im zweiten Saal auf der zweiten
Etage des Museu de Arte von São Paulo vor dem Chasseur de
lions, dem Löwenjäger, stehst. Was mochte er an ihm finden,
an diesem Pertuiset, denn so hieß er, Eugène Pertuiset. Belustigte
er ihn mit seinem Großtun? Verblüffte er ihn mit
seinen Geschichten? Führte dieser massige Mensch das
Abenteurerleben, von dem Manet eine Zeitlang geträumt
hatte, als er mit sechzehn Jahren auf einem Segelschulschiff
anmusterte? Damals hatte er den von Blitzen und Sturzregen
berstenden Himmel erlebt, die riesigen meergrünen
Wogen, vor denen man unwillkürlich die Augen schließt,
den heiser tosenden Sturm. Später, auf seinen Bildern, sollte
das Meer bis zum Himmel steigen. Er hatte Delphinschulen
spielen, Gischtfontänen aus der Stirn der Pottwale aufsteigen
und die Schneegipfel einer Insel in den Horizont
schneiden sehen, er hatte das Schieferdach des Äquators
erlebt, die Späße der Seeleute beim Überqueren der Äquatorlinie,
Meeresleuchten, Elmsfeuer und wie die Rahmasten
in die schwere See eintauchten. Er war durch die Straßen
von Rio de Janeiro gelaufen, unter Balkonen, aus denen ihm
die Blicke schöner schwarzer Augen folgten. Diese dunklen
Augen, wie Löcher in den kreidigen Gesichtern, dieses
dunkle Haar und die Bewegung der bunten Fächer über dem
perlenden Weiß der Kleider würde er später malen. Später
würde er diese schönen Kreolinnen, die er als etwas schüchterner
Schiffsjunge nicht anzusprechen wusste, nicht anzusprechen
wagte, kennenlernen, sie würden ihm Modell
sitzen, und er würde ihnen Fächer und Veilchensträuße
schenken, ihnen allen in einer einzigen Frau: Berthe.
Die Idee für den Balkon sei ihm nicht erst, wie die Kunsthistoriker
glauben, 1868 in Boulogne-sur-Mer gekommen,
erklärst du abends Isabel. Ihr esst in dem Viertel São Paulos
zu Abend, das den seltsamen Namen Higienopolis trägt,
auf der Terrasse eines Restaurants, das von einer Argentinierin
geführt wird. Ihr Mann ist während der Diktaturverschwunden,
in der Mechanikerschule der Marine in
Buenos Aires oder sonst wo gefoltert, in einer Garage, einem
dreckigen Keller, es könnte auch in einer Kirche gewesen
sein, aus einem Flugzeug in den Río de la Plata,
den »löwenfarbenen« Fluss, geworfen oder in einer Tierverwertungsanlage
verbrannt, wer weiß. Es war nicht 1868
in Boulogne-sur-Mer, sondern zwanzig Jahre zuvor in Rio,
als er unter den schmiedeeisernen Balkonen flanierte, die
die üppigen weißen Kleider und die schwarzen Augen der
Frauen von Rio wie Käfige umschlossen. »Hast du es vor
Augen, dieses Bild vom Balkon?« Ja, sie hat es vor Augen,
Isabel ist trotz ihres zarten Alters sehr »kultiviert«, wie man
es früher nannte. Nun, es ist die Allegorie seiner aussichtslosen
Liebe zu Berthe – aussichtslos nach den bürgerlichen
Grundsätzen, denen er anhing, so revolutionär er in seiner
Kunst auch sein mochte. Die dumme Pute rechts, die sich
gerade die Handschuhe an- oder auszieht und von der es
heißt, sie sei Geigerin, steht für seine Frau, die Holländerin;
sie war, wie du weißt, Pianistin – im Krankenhaus von Chaillot
spielte sie Wagner für den sterbenden Baudelaire. Der
Kleine hinten im Dunkeln ist Léon, der Sohn, den er mit der
Holländerin hatte und den er nie anzuerkennen wagte, weil
der Junge lange vor der Heirat zur Welt kam – du verstehst?
Weißt du, was später aus dem kleinen Léon werden wird?
Er wird Pulver verkaufen, das die Leistung von Legehennen
steigert! Klingt wie ein Witz, doch es stimmt: Angelköder
und Pulver für Legehennen … Aber erst einmal ist er da, er
ist im Schatten. Und die andere ist im Licht, die dumme
Pute, die ihre Handschuhe an- oder auszieht. Allein schon
diese beiden bedeuten »verboten«. Die schwarzen Augen,
die anderswo hinschauen, zur linken Seite des Bildes, das
schwarze Haar, das prächtige weiße Kleid, die Hände, die
den Fächer umschließen, diese schöne Melancholie sind dir
verboten. Das ist die Bedeutung von Der Balkon, und genau
so versteht es der Typ mit der blauen Krawatte und dem
Über-Ich-Anzug in der Mitte des Bilds, der nicht zu wissen
scheint, wohin mit seinen Händen. Große Fledermäuse
schwimmen durch das Dunkel der Nacht, die Caipirinhas
und der Wein aus Mendoza haben dich erhitzt und vor
allem Isabels Augen, dunkel und glänzend wie Anthrazit.
Du schwafelst und stellst nebulöse Theorien auf, bloß weil
du ihr gefallen möchtest.
Manet hatte zur See gehen wollen, wie Gauguin es später
tat, und schließlich wurde er dann Maler, als Maler stellte
er sich dem Meer, machte daraus diese hohe, von Gischt
durchzogene blaugrüne Wand, die im Bild aufsteigt und
den Blick versperrt wie die Mauer, vor der Maximilian erschossen
wird. Auf dem Meer beschießen sich Schiffe mit
Kanonenkugeln und sinken, zieht ein Dampfer seine Kielwasserbahn,
fliehen Männer auf einem Kahn von einer
Gefängnisinsel. Er hatte sich ein Leben mit Berthe vorgestellt,
doch dann war es sein Bruder, der gute Eugène, der
sie heiraten und langweilen würde. In der Malerei jedoch
waren sie für immer vereint, in den Porträts, die er von ihr
malte und aus denen uns ihre schwarzen Augen ansehen.
Und kurz vor seinem Tod malte er diesen Löwenjäger, auf
den du vor einem Jahr im Museu de Arte von São Paulo gestoßen
bist. Du bist nicht etwa in das Museum gegangen,
um dieses Bild zu sehen, du wusstest nicht einmal von
seiner Existenz. Du bist hingegangen, um eine Degas-Ausstellung
zu sehen, und vielleicht auch, weil das Museum
ein ruhiger und kühler Ort ist, dergleichen ist selten in São
Paulo. Aber du erkennst ihn wieder, diesen Pertuiset – du
bist dieser fetten Vogelscheuche schon einmal begegnet,
vor einem Vierteljahrhundert, in Punta Arenas am Ufer der
Magellanstraße.
Du warst dorthin geraten, weil du dich damals ein wenig
als Journalist betätigtest – es war zur Zeit des Falklandkriegs
– und vor allem wegen Bruce Chatwins In Patagonien:
Für dich war diese südamerikanische Gegend der Inbegriff
des Romantischen. In Ushuaia in Feuerland hattest du eine
ängstliche Volksschullehrerin kennengelernt, die einigen
feuerländischen Erwachsenen Französisch beibrachte. Als
du sie fragtest, warum diese Leute eine Sprache lernten,
die zu sprechen sie nie Gelegenheit haben würden (und die
sie selbst sehr schlecht sprach), antwortete sie: »Weil sie
sich langweilen.« Diese junge Frau war eine Illustration zu
den Zeilen aus Die Prosa von der Transsibirischen Eisenbahn,
die Chatwin seinem Buch vorangestellt hat: »Nichts bleibt
mir mehr, nur noch Patagonien, Patagonien, das meiner
grenzenlosen Traurigkeit entspricht.« Ihr Mann arbeitete
auf dem Marinestützpunkt und warf dir immer schreckliche
Blicke zu, anscheinend hielt er dich für den Liebhaber
seiner Frau und obendrein für einen Spion. Polizisten drohten
dir mit Festnahme, weil du das Meer angesehen hattest,
was, wie sie sagten, Ausländern nicht gestattet sei. In Punta
Arenas kauftest du einige Wochen darauf (die Malwinen,
Malvinas, waren wieder die Falklandinseln geworden) in
einer Buchhandlung an der Plaza de Armas ein Buch über
die Entdeckungsreisen im Großen Süden. Aus dieser Petite
Histoire australe erfuhrst du, dass ein Franzose namens Pertuiset
1873 eine, vom Verfasser als »exzentrisch« bezeichnete,
Forschungsreise in Feuerland unternommen hatte.
Darunter war ein Stich von ihm, ein Vollporträt: Er ist exakt
so gekleidet wie auf Manets Bild, er trägt eine Jacke mit rundem
Kragen und großen runden Knöpfen, die mit einem
Ledergürtel zusammengezurrt ist, die Hosenbeine in die
Stiefel gesteckt, den gleichen hohen Hut mit breitem Band,
dieselben Koteletten, denselben Schnurrbart, dasselbe Gewehr,
denselben Ausdruck imposanter Dummheit. Fehlt
nur der Löwe. Der Kerl war nicht sonderlich aufregend,
aber immerhin ziemlich pittoresk, und als du aus dem
Buch von seiner Tätigkeit als Waffenhändler erfuhrst, ließ
dich das träumen, er habe vielleicht Geschäfte mit Rimbaud
gemacht. Übrigens machtest du dir den Spaß, ihn als Blaise
Cendrars’ sechsten Onkel zu betrachten, den, der loszog
mit einer »Gruppe von Astronomen, die den Himmel erforschen
wollten über der Westküste Patagoniens«: »Elektromagnetisch
fischtet ihr / I n den Fjorden von Feuerland / Am
Ende der Welt / I m Schein der Leuchtfische moosartige Protozoen
/ Die es abgetrieben hatte in den Wassern / Und sammeltet
ihr Meteorsteine voller Magneteisenstein …« So, ein
wenig poetisiert, hat dieser Prahlhans in einem entlegenen
Winkel deines Gedächtnisses überdauert, als abenteuerliche
und leicht groteske Gestalt, bis zu dem Tag, etwa fünfundzwanzig
Jahre später, an dem du ihn im Museo de Arte
von São Paulo unverhofft wiedersiehst: bereit, auf dich anzulegen,
hinter sich auf der blauen Erde den ausgestreckten
Löwen mit einem schwarzblutigen Loch neben dem linken
Auge. Als hätte es der Kerl auf dich abgesehen.
In seiner Nachbarschaft hängen Courbets Porträt seinerTochter
Zélie und ein weiteres Bild von Manet, eine ganz
in Schwarz gekleidete Amazone auf einem Rappen. In den
Sälen sind sehr wenige Leute. Die Degas-Ausstellung zieht
etwas mehr Publikum an als die ständige Sammlung, aber
auch bei ihm herrscht nicht gerade Gedränge. Unter anderem
hängt bei Degas auch ein hinreißendes Bild von Berthes
Schwester Yves Morisot. Alles ist in schwärzlichem
Braun: hell das Sofa, die Wände, ein Rahmen, vielleicht der
eines Spiegels, Yves’ recht präraphaelitisch wirkendes Gesicht,
ihre Arme und Schultern unter einem durchsichtigen
Schleier und ihre Hände, dunkel das Kleid. Nur hinter dem
Nacken der jungen Frau leuchtet grün das Rechteck eines
zum Garten hin offenen Fensters. Ihre Nase strebt ein wenig
in die Höhe, der Mund schmollt oder ist traurig – vielleicht
beißt sie sich auch auf die Lippen? Wenn man bedenkt,
dass diese Grazie einen Steuereinnehmer aus Quimperlé
heiraten wird … Der noch dazu Kriegsinvalide ist … Die
Neigung, sich in eine gemalte Frau zu verlieben, zeugt vermutlich
von einem recht primitiven Zugang zur Kunst, und
du neigst im höchsten Grade dazu. Die drei Schwestern Morisot,
Yves, die jung sterben sollte, Edma und Berthe, waren
Schönheiten, du bedauerst, sie nicht kennengelernt zu haben.
Edma zog nach Lorient, um sich dort in der, jedenfalls
hofft man das für sie, dekorativen Gesellschaft eines Marineoffiziers
zu langweilen. Man denkt an die Bovarys (aber
nicht an die Chatterleys). Du bist verliebt in diese Yves (doch
ein recht ungewöhnlicher Vorname für eine Frau), die Degas
dir vorstellt, du bist verliebt in Edma, die Berthe auf der
Terrasse des Hauses in der Rue Franklin malte, wie eine
hübsche Füchsin steht sie da in ihrem schwarzen Kleid,
vor sich die Seine und den Invalidendom, und du bist verliebt
in Berthe, wie Manet sie malte, mit einem schwarzen
Hut und einem kleinen Veilchenstrauß am Ausschnitt oder
sich verspielt einen Fächer vor die Augen haltend, oder die
Hände im Muff, mager und spitz wie eine Straßenkatze,
oder auf dem Sofa zurückgelehnt, ein wenig zerzaust, mit
einer Andeutung von Unordnung auch im schwarzen Stoff
über ihrer Brust, und Mund und Augen so herausfordernd,
dass man glauben möchte, sie hätten sich an jenem Tag geliebt,
oder auch, wie sie eine rosa Schuhspitze unter einem
schwarzen Kleidersaum hervorlugen lässt. Und weißt du,
wo sie ist, diese Berthe mit dem entzückenden rosa Schuh?,
fragst du Isabel, die es nicht weiß. In Hiroshima, gleich neben
der verkohlten Kuppel, die an die Zerstörung der Stadt
erinnert. Pertuiset ist der Anti-Morisot, denkst du plötzlich.
Schwerfälligkeit gegen Anmut, der schwarze Stiefel, der das
rosa Tanzschühchen zermalmt. Tumber Gleichmut gegen
Melancholie. Die Sorte Mensch, bei dem man denkt, er sei
gut fürs Leben gerüstet, ein echtes Rhinozeros.
Das Museu de Arte ist ein verglaster Betonquader auf karminroten
Beinen und liegt direkt an der Avenida Paulista.
Sein Gründer Assis Chateaubriand (der so hieß, weil sein
Großvater väterlicherseits den Verfasser der Erinnerungen
von jenseits des Grabes verehrte) war ein feuriger Kuppler,
Begründer eines Presseimperiums und ein Intrigant, der
Präsidenten machte und sie wieder aus dem Amt stieß, ein
genialer Zyniker, ein brasilianischer Citizen Kane. Dieser
unerhört kühne und völlig skrupellose kleine Mann aus
dem Nordosten, der nie seine Schulden zahlte, dieser unermüdliche
Unternehmer, Charmeur, Frauenheld und Mörder
trug stets, ob unter dem weißen Leinenanzug oder dem
Frack, eine 38er im Gürtel und schoss durchaus auch selbst
auf seine Gegner, wenn er nicht seine jagunços, seine Killer,
auf sie hetzte. Dieser Abenteurer, der die brasilianische
Bourgeoisie verachtete, ging beim Aufbau der Sammlung
des Museums genauso vor wie bei all seinen anderen Geschäften:
Er schröpfte die Reichen, die sich – so groß war
seine Macht und so sehr stand er im Ruf der Unerbittlichkeit
– seinen Befehlen nicht zu entziehen wagten. Indem
er sie zum Mäzenatentum zwinge, biete er ihnen eine Lebensversicherung
gegen den Bolschewismus, pflegte er zu
sagen. Und so sei auch der Löwenjäger nach São Paulo gekommen,
erzählt dir Isabel: Nach einem festlichen Dinner
stand dieser fürchterliche kleine Mann auf und zeigte auf
einen Bankier oder einen fazendeiro, der sich in diesem
Augenblick vermutlich fühlte wie der vom Zeigefinger des
Lehrers bedrohte Klassenschlechteste – und kein Zweifel,
er war es, den der alte Pirat meinte: »Seu João oder Guilherme
oder Antônio, du wirst einen Beitrag zur Kultur des
brasilianischen Volkes leisten und hunderttausend Dollar
spenden, damit wir Senhor Wildenstein in New York einen
Manet abkaufen können.« Und der Betreffende lächelte
dann gezwungen, denn er wusste, wenn er nicht gehorchte,
wäre er, zumindest wirtschaftlich und gesellschaftlich, ein
toter Mann.

Olivier Rolin

Über Olivier Rolin

Biografie

Olivier Rolin, 1947 geboren, ist Autor mehrerer Romane, von denen zwei auf Deutsch vorliegen: »Meroe« (2002 im Berlin Verlag) und »Die Papiertiger von Paris« (2003). Von seinem Bruder Jean Rolin erschien 2012 im Berlin Verlag die literarische Reportage »Einen toten Hund ihm nach«.

Pressestimmen

Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Olivier Rolins Roman "Ein Löwenjäger" ist eine wunderbar unterhaltsame Geschichte über Pioniergeist, Aufschneiderei, Kunst und Träumerei. [...]. Er konstruiert eine literarische Traumwelt voll teils handfester, teils rätselhafter Entsprechungen. [...]. Nebenbei bewahrt er eine Randfigur der Geschichte vorm Vergessen, und Literatur ist Erinnern in kunstvoll gesetzten Worten: "Das wenige, das nicht verlorengeht, wird zum Roman."«

ORF Ö1 "Ex Libris"

»Herausgekommen ist ein spritziger, gleichzeitig skurriler und tiefgründiger Roman über eine ungewöhnliche Konstellation [...]. In seiner feinen und federleichten Prosa schildert Rolin die Freundschaft dieser beiden so unterschiedlichen Männer, er beschreibt Manets Pariser Leben und Pertuisets seltsam-bombastische Abenteuer und kommt beiden dabei sehr nahe. Er spürt Manets Empfindlichkeit nach und Pertuisets Aufschneidertum und ist dabei oft ironisch, aber nie abschätzig oder despektierlich. [...]. Es ist ein kluger und feinsinniger Roman geworden, mal witzig und mal nachdenklich, in dem Olivier Rolin nicht zuletzt die Vergänglichkeit thematisiert und den Versuch, sie schreibend zu überwinden. Abenteuer, Humoreske, Zeitbild, Porträt - es findet sich eine Menge in Rolins Buch.«

Die Rheinpfalz

»Ein poetischer, amüsanter, sprachmächtiger und lebenspraller Roman.«

LesArt

»Seine ausladenden Beschreibungen und intellektuellen Andeutungen auf Politik, Kunst und die künstlerischen und politischen Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts in seinem in Frankreich bereits 2008 erschienen jüngsten Roman dürften vor allem Kennern dieser Epoche viel Freude bereiten. Aber auch die Liebhaber der französischen Literatur im Allgemeinen, in deren Tradition sich Rolins Stil eindeutig einreiht, kommen bei der Lektüre von „Ein Löwenjäger“ mit Sicherheit auf ihre Kosten.«

WDR 5 "Bücher"

»Rolin zeichnet in seinem Roman aber nicht nur das Porträt zweier eigenwilliger Männer, sondern entfaltet das Panorama einer Epoche in Paris und auf den Weltmeeren. Die sprachlich geschmeidige, amüsante Spurensuche eines Zeit- und Lebensgefühls.«

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