Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Blick ins Buch
Ein Körnchen Wahrheit Ein Körnchen Wahrheit

Ein Körnchen Wahrheit

Teodor Szacki ermittelt weiter

Taschenbuch
€ 10,00
E-Book
€ 8,99
€ 10,00 inkl. MwSt.
Lieferzeit 2-3 Werktage
Jetzt kaufen Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 8,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Ein Körnchen Wahrheit — Inhalt

Nach seiner Scheidung kehrt Teodor Szacki Warschau den Rücken und zieht in ein kleines Weichsel-Städtchen. Als er gerade anfängt, sich in der Idylle zu langweilen, geschieht ein Mord an einer im Ort hoch angesehenen Dame. Der Fundort der Leiche neben der Alten Synagoge sowie die grausame Art der Verletzungen lassen unter den Leuten alte antisemitische Vorurteile wieder aufblühen. Schnell ist das Medieninteresse an dem Fall enorm und gegen all die Lügen und die sich ausbreitende Hysterie kämpfend, versucht Szacki der Wahrheit näher zu kommen…

 

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.07.2016
Übersetzt von: Barbara Samborska
512 Seiten, Broschur
EAN 978-3-8333-1011-9
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 01.07.2016
Übersetzt von: Barbara Samborska
512 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7869-8
»"Ein Körnchen Wahrheit" ist clever konstruiert, die fiktiven Verbrechen werden geschickt verknüpft mit realen Ereignissen aus dem Jahr 2009, in dem die Story spielt, und der düsteren Vergangenheit. Tief taucht man ein in die polnische Geschichte, die hierzulande vielen Lesern so fremd ist, obschon mit der deutschen so eng verknüpft. [...]. Der alte Wahn und der neue Antisemitismus bilden die Folie, vor der Szackis Mordermittlungen in Sandomierz spielen. Sie füllen mehr als 500 Seiten, da der Autor nicht nur Spannung erzeugen, sondern ein Panorama der polnischen Gesellschaft skizzieren möchte.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Leseprobe zu »Ein Körnchen Wahrheit «

Erstes Kapitel
Mittwoch, 15. April 2009
Die Juden begehen feierlich den siebten Tag des Pessach-Festes, das an ihren Zug durch das Rote Meer erinnert, für die Christen ist es der vierte Tag der Osteroktav und für die Polen ist es der zweite Tag einer dreitägigen Staatstrauer nach dem Brand in Kamień Pomorski. In der Welt des großen europäischen Fußballs schaffen es Chelsea und Manchester United ins Halbfinale der Champions League, in der Welt des polnischen Fußballs wird gegen Fans von ŁKS Łódż Anklage wegen Volksverhetzung erhoben, weil sie Trikots mit [...]

weiterlesen

Erstes Kapitel
Mittwoch, 15. April 2009
Die Juden begehen feierlich den siebten Tag des Pessach-Festes, das an ihren Zug durch das Rote Meer erinnert, für die Christen ist es der vierte Tag der Osteroktav und für die Polen ist es der zweite Tag einer dreitägigen Staatstrauer nach dem Brand in Kamień Pomorski. In der Welt des großen europäischen Fußballs schaffen es Chelsea und Manchester United ins Halbfinale der Champions League, in der Welt des polnischen Fußballs wird gegen Fans von ŁKS Łódż Anklage wegen Volksverhetzung erhoben, weil sie Trikots mit der Aufschrift »Tod dem Judenklub Widzew« trugen. Das Landespolizeipräsidium veröffentlicht die Kriminalstatistik für den Monat März – im Vergleich zum Vorjahr ist ein Anstieg der Straftaten um elf Prozent zu verzeichnen. Die Polizei kommentiert: »Die Krise zwingt die Leute dazu, straffällig zu werden. In Sandomierz zwang sie bereits die Verkäuferin einer Metzgerei dazu, unterm Ladentisch Zigaretten ohne Zollbanderole zu verkaufen, die Frau wurde festgenommen.« In Sandomierz wie auch im übrigen Polen ist es kalt, die Temperatur steigt nicht über 14 Grad, aber immerhin ist es der erste sonnige Tag nach einem eisigen Osterfest.
1
Geister erscheinen bestimmt nicht um Mitternacht. Um Mitternacht laufen noch die Spätfilme im Fernsehen, träumen die Halbwüchsigen intensiv von ihren Lehrerinnen, während die Liebespaare in ihren Betten Kraft schöpfen für ein weiteres Mal, holen die guten Ehefrauen noch einen Kuchen aus dem Backofen, und ihre bösen Ehemänner wecken die Kinder auf, weil sie mit besoffenem Kopf versuchen, die Wohnungstür aufzuschließen. Es herrscht noch viel zu viel Leben um Mitternacht, als dass die Geister der Verstorbenen Eindruck machen könnten. Ganz anders ist es da in der Stunde vor Tau und Tag, wenn selbst der Nachtdienst an den Tankstellen einnickt und das trübe Licht Existenzen und Gegenstände zutage fördert, von deren Dasein wir bisher nichts ahnten.
Es war fast vier Uhr morgens, in einer Stunde würde die Sonne aufgehen, und Roman Myszyński kämpfte, umgeben von Toten, im Lesesaal des Staatsarchivs Sandomierz mit dem Schlaf. Um ihn herum stapelten sich Kirchenbücher aus dem 19. Jahrhundert, und obwohl die Mehrzahl der Einträge eher die freudigen Momente des Lebens betraf, obwohl die Anzahl von Taufen und Hochzeiten größer war als die der Totenscheine, konnte er sich nicht von dem Gedanken befreien, dass all diese Neugeborenen und Neuvermählten schon seit etlichen Jahrzehnten unter der Erde lagen und dass diese Bücher, nur selten abgestaubt und durchgeblättert, der einzige verbliebene Beweis für ihre Existenz waren. Wobei, wenn man bedachte, wie der Krieg mit polnischen Archiven verfahren war, hatten sie, die hier im Staatsarchiv schlummerten, immerhin noch Glück gehabt.
Es war verdammt kalt, der Kaffee in der Thermosflasche längst alle, und das Einzige, wozu Myszyński noch fähig war, war, sich Vorwürfe zu machen wegen seiner idiotischen Idee, eine Firma für Ahnenforschung zu gründen, anstatt die Assistentenstelle an der Universität anzunehmen. Das Einkommen an der Hochschule war zwar gering, aber dafür regelmäßig, und die Krankenversicherung zahlten sie ebenfalls – zwei deutliche Pluspunkte. Und Pluspunkte blieben es auch im Vergleich mit den Planstellen an den Schulen, die Kommilitonen aus seinem Jahrgang angetreten hatten. Diese Stellen waren genauso schlecht bezahlt, aber unangenehm angereichert durch ständigen Frust und straffällige Bedrohungen seitens der Schüler.
Er blickte in das aufgeschlagene Buch, das vor ihm lag, und den von einem Priester der Pfarrgemeinde Dwikozy im April 1834 in Schönschrift niedergeschriebenen Satz: »Eltern des Täuflings und Taufpaten sind des Lesens unkundig.« Das war’s dann wohl mit der adligen Abkunft von Włodzimierz Niewolin. All jenen, die jetzt noch meinten, der Vater von Ururgroßvater Niewolin habe nach dem Taufbesäufnis möglicherweise bloß einen schlimmen Tag gehabt, nahm dessen Tagwerk sogleich sämtliche Zweifel – er war Landmann. Myszyński war sicher, wenn er sich bis zur Heiratsurkunde durchgewühlt hätte, würde sich zeigen, dass die im Taufregister als Mutter genannte Marjanna Niewolinowa – fünfzehn Jahre jünger als ihr Angetrauter Jakub – Dienstbotin gewesen war. Vielleicht hatte sie sogar noch bei den Eltern gewohnt.
Er stand auf und streckte sich energisch, dabei stieß er mit den Fingern an ein altes Vorkriegsfoto vom Marktplatz von Sandomierz an der Wand. Er rückte es wieder zurecht und fragte sich, ob der Platz auf der Postkarte irgendwie anders aussähe als heute. Bescheidener. Er schaute aus dem Fenster, aber die Frontfassade des Markts war vom dunklen Nebel der Morgendämmerung verhangen. Was für ein Blödsinn, warum sollte der alte Marktplatz anders aussehen und warum dachte er überhaupt darüber nach, er musste sich an die Arbeit machen, wenn er Niewolins Vergangenheit rekonstruieren und es noch bis dreizehn Uhr zurück nach Warschau schaffen wollte.
Was würde er noch finden? Die Heiratsurkunde, das dürfte nicht schwierig sein, und auch die Geburtsurkunden von Jakub und Marjanna müsste er ausfindig machen können. Zu seinem Glück und dem anderer Forscher mussten seit Beginn des 19. Jahrhunderts und gemäß dem Code Napoléon alle Urkunden von den Pfarreien im Herzogtum Warschau in zwei Exemplaren ausgefertigt und ans Staatsarchiv überstellt werden – später wurde dieses Prinzip zwar gelockert, aber zumindest dieserorts konnte man sich auch danach nicht beschweren. In Galizien sah es viel schlimmer aus, und die früheren polnischen Randgebiete waren in genealogischer Hinsicht ein einziges schwarzes Loch, im Warschauer Archiv für die Gebiete östlich des Bug lagerten nur ein paar kümmerliche Überreste von Akten. Marjanna, die um 1814 geboren war, dürfte demnach kein Problem sein. Was Jakub betraf – ausgehendes 18. Jahrhundert –, sah es auch noch nicht schlecht aus, die Pfarrer waren gebildet und mit Ausnahme einiger besonders träger Pfarrämter sollten die Bücher vollständig sein. Für Sandomierz hatte es sich als hilfreich erwiesen, dass im letzten Krieg weder die Deutschen noch die Sowjets den Ort in Schutt und Asche gelegt hatten. Die ältesten Akten des Staatsarchivs stammten aus den Achtzigerjahren des 16. Jahrhunderts. Davor verlor sich jede Spur, denn erst mit dem Konzil von Trient war die Kirche auf die Idee gekommen, ihre Schäfchen zu registrieren.
Er rieb sich die Augen und beugte sich wieder über die ausgebreiteten Akten. Er brauchte die Heiratsurkunden aus Dwikozy, und dann konnte er auch gleich noch nach Marjannas Mutter suchen. Eine geborene Kwietniewska. Hmm. Im Kopf des Forschers begannen die Alarmglocken zu läuten.
Zwei Jahre waren vergangen, seit er gegen alle guten Ratschläge seine Firma – Złoty Korzeń, Goldene Wurzel – gegründet hatte. Die Idee war ihm gekommen, als er auf der Suche nach Material für seine Doktorarbeit im Zentralarchiv für alte Akten einigen Leuten begegnet war, die unbeholfen und mit wirrem Blick nach Informationen über ihre Vorfahren suchten und die sich damit abmühten, ihren eigenen Stammbaum zu erstellen. Einem jungen Burschen hatte er aus Mitleid geholfen, einem Mädchen ihres umwerfend schönen Busens wegen und schließlich Magda, weil sie so entzückend war mit ihrem riesigen Stammbaum, der an die biblische Wurzel Jesse erinnerte. Es endete damit, dass Magda und ihr Stammbaum ein halbes Jahr bei ihm wohnten. Fünf Monate zu viel, sie zog mit Tränen in den Augen wieder aus und mit der Gewissheit, dass ihre Ururgroßmutter Cecylia ein Bastard gewesen war, weil nur die Hebamme sie 1813 aus der Taufe gehoben hatte.
Damals hatte er beschlossen, sich den genealogischen Irrsinn der Menschen zunutze und sein Geschick im Umgang mit den Archiven zu Geld zu machen. Als er sein Gewerbe anmeldete, war er erregt von seiner Vision, Geschichtsdetektiv zu werden, und es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, dass sein Firmenname – Złoty Korzeń – wahrhaftig jeden einzelnen seiner Kunden dazu bringen sollte, zunächst nachzufragen, ob er etwas mit dem berühmten Schwimmer und Goldmedaillengewinner Jürgen Korzen zu schaffen hätte, nur um sich dann noch einen plumpen Witz abzuringen, ob er denn auch so ein Goldjunge wäre.
Anfangs hatte er wie im Roman noir seine Zimmerdecke angestarrt und hauptsächlich darauf gewartet, dass das Telefon irgendwann einmal klingeln würde, aber schließlich kamen die Kunden doch. Ein Zufall folgte dem anderen, eine Empfehlung ergab die nächste, es wurden immer mehr, in der Mehrzahl leider nicht von Brünetten mit langen, bestrumpften Beinen. Es kamen vor allem zwei Typen. Typ eins waren komplexbehaftete Brillenträgerinnen, deren Gesichtsausdruck sagte: »Ich hab dir doch nichts getan!« und die noch nie richtiges Glück im Leben gehabt hatten, sodass sie schließlich hofften, dessen Sinn und Wert in weitverzweigten Ahnen zu finden. Demütig und zugleich erleichtert, als hätten sie diesen Stoß erwartet und vielleicht sogar herbeigesehnt, nahmen sie dann die Nachricht entgegen, dass sie die Nachkommen von Niemand aus Nirgendwo waren.
Der zweite Typ – Typ Niewolin – ließ von Anfang an durchblicken, er zahle nicht für die Information, dass er einer Familie von betrunkenen Fuhrleuten und schäbigen Huren entstamme, sondern ausschließlich dafür, dass ein wappengeschmücktes Adelshaus und somit ein Ort gefunden wurde, wo er mit den Kindern hinfahren und den er ihnen zeigen konnte: Hier stand einst der Herrenhof, in dem Urgroßvater Polikarp seine Wunden kurierte, die er während des Aufstands davongetragen hatte. Welcher Aufstand, war völlig egal. Anfangs war Roman Myszyński ehrlich bis auf die Knochen gewesen, doch dann musste er sich eingestehen, dass er eben eine private Firma hatte und kein Forschungsinstitut. Wenn Adel Prämien, Trinkgelder und weitere Kunden brachte – dann eben Adel. Sollte jemals jemand auf den Gedanken kommen, sich ein Bild von der Vergangenheit Polens machen zu wollen, und zwar einzig und allein mithilfe von Romans Untersuchungsergebnissen, er würde unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass Polen nicht das Land primitiver Bauern war, sondern wohlsituierter Bürger. Trotz gelegentlicher Zugeständnisse log Roman niemals – er wühlte nur so lange in irgendwelchen Seitenlinien, bis er auf einen möglichen Herrn samt Gutshof stieß.
Schlimm war es, bei der Recherche auf einen Juden zu treffen. Historische Argumente wie diese, in der Zwischenkriegszeit seien in Polen nun einmal ganze zehn Prozent der Einwohner Juden gewesen, oder insbesondere zur Zeit Kongresspolens und in der Region Galizien finde man verstärkt Vorfahren mosaischen Glaubens, überzeugten niemanden. Zweimal war ihm das passiert – beim ersten Mal wurde er mit Flüchen bedacht, beim zweiten Mal bekam er fast eins aufs Maul. Zuerst war er sehr verwundert, dann kam er nach einigen Tagen intensiven Grübelns zu dem Schluss: Der Kunde ist König. Für gewöhnlich berührte er das Problem schon beim ersten Gespräch, und wenn sich zeigte, dass das Thema allzu heftige Emotionen hervorrief, war er durchaus bereit, einen eventuellen Itzek unter den Teppich zu kehren. Aber das geschah äußerst selten. Die Judenvernichtung hatte die Krone des israelischen Stammbaums gekappt.
Und jetzt war hier in den Dokumenten aus dem 19. Jahrhundert so mir nichts, dir nichts Marjanna Niewolin, geborene Kwietniewska, aufgetaucht. Es war zwar nicht die Regel, aber von Monatsnamen abgeleitete Familiennamen − kwiecień verwies auf den Blütenmonat April – deuteten häufig auf Konvertiten hin mit eben jenem Monat als Name, in dem die Taufe stattgefunden hatte. Ähnlich war es mit Namen, die sich von Wochentagen herleiteten oder die mit »Nowa« – neu – begannen. Auch ein Name wie Dobrowolski konnte darauf hinweisen, dass irgendein Vorfahre freiwillig – dobrowolnie – vom mosaischen zum christlichen Glauben übergetreten war. Roman wollte gerne glauben, dass hinter all dem immer wieder die Liebe gestanden hatte. Dass sich Menschen, vor die Wahl gestellt, gegen ihren Glauben entschieden und die Liebe wählten. Unter den Hochwohlgeborenen war der Katholizismus die beherrschende Religion gewesen, und so fanden Konversionen hauptsächlich in diese Richtung statt.
Eigentlich konnte Roman die Spur Kwietniewska verwerfen, er war ohnehin überrascht, dass Niewolins Wurzeln so weit zurückreichten. Aber zum einen war er neugierig, und zum anderen nervte ihn dieser Fatzke, der mit seinem Siegelring, bislang noch ohne Wappen, immer so vor seiner Nase herumwedelte.
Roman öffnete auf seinem Laptop eine seiner unverzichtbaren Arbeitsgrundlagen, das eingescannte Geografische Wörterbuch des Königreichs Polen und anderer slawischer Länder, ein monumentales Werk vom Ende des 19. Jahrhunderts, in dem nahezu jedes noch so kleine Dörfchen innerhalb der Landesgrenzen erfasst war. Er suchte nach dem Stichwort Dwikozy und erfuhr, dass es sich dabei um ein Dorf und vormals kirchlichen Gutshof mit 77 Häusern und 548 Einwohnern handelte. Kein Wort über eine jüdische Gemeinde, kein Wunder, wenn man bedachte, dass Juden in der Regel die Ansiedlung auf Kirchengütern untersagt gewesen war. Wenn Marjanna einer Familie von Konvertiten aus der Umgebung entstammte, musste man in Sandomierz oder Zawichost suchen. Roman überflog die gescannten Seiten und fand heraus, dass es in Sandomierz fünf jüdische Herbergen, eine Synagoge, 3250 Katholiken, 50 Orthodoxe, einen Protestanten und 2715 Juden gegeben hatte. In Zawichost bekannten sich von 3948 Seelen ganze 2401 zur mosaischen Religion. Ziemlich viel. Er schaute auf die Karte. Seine Intuition sagte ihm, dass er mit Zawichost ins Schwarze getroffen hatte.
Er schob den Gedanken, seine Zeit zu verschwenden, beiseite, stand auf, machte ein paar Kniebeugen, verzog das Gesicht, als er hörte, wie es in seinen Knien knackte, und verließ den Lesesaal. Er drückte auf den Lichtschalter im dunklen Korridor, aber nichts geschah. Er drückte noch zweimal. Immer noch nichts. Unsicher sah er sich um. Er war ein alter Hase, er hatte schon viele Nächte in Archiven verbracht – trotzdem verspürte er eine gewisse Unruhe. Der Genius Loci, dachte er und seufzte mitleidig über seine blühende Fantasie.
Ungeduldig drückte er ein weiteres Mal auf den Lichtschalter, und nach einigem Flackern ergoss sich das bleiche Licht der Neonröhren ins Treppenhaus. Roman sah hinunter auf das gotische Portal, das in den Verwaltungstrakt des Archivs führte. Es sah – wie sollte man es ausdrücken – irgendwie bedrohlich aus.
Er räusperte sich, um die Stille zu durchbrechen, und begann, die Treppe hinunterzusteigen. Niewolins Angelegenheit und die seiner Urahne, der geborenen Kwietniewska und späteren Konvertitin, bekamen einen pikanten Beigeschmack durch die Tatsache, dass das Gebäude des Stadtarchivs von Sandomierz im 19. Jahrhundert eine Synogage gewesen war. Der Lesesaal und die Büros der Mitarbeiter befanden sich im Verwaltungsanbau – im Kahal der jüdischen Gemeinde bei der Synagoge. Die Akten hatten die ehemaligen zentralen Gebetsräume in Beschlag genommen. Roman dachte darüber nach, dass dies einer der interessantesten Orte war, die er in seiner Karriere als Vergangenheitsdetektiv je gesehen hatte.
Unten angekommen, stieß er die schwere nägelbeschlagene, eiserne Tür auf. Nussgeruch von altem Papier strömte ihm entgegen. Der alte Gebetssaal hatte die Gestalt eines großen Hexagons, das man auf ausgeklügelte Weise den Bedürfnissen des Archivs angepasst hatte.
Mitten im Raum war ein durchbrochener Würfel aus stählernen Gängen, Stiegen und vor allem Regalen installiert worden. Der Würfel war kaum kleiner als der Raum selbst, man konnte ihn gerade so an den Außenwänden entlang umrunden, in sein Inneres gehen, in das Labyrinth schmaler Gänge oder in höher gelegene Stockwerke hinaufklettern und sich dort in alte Akten vertiefen. Die Konstruktion des Gerüsts ließ den Würfel aussehen wie eine überdimensionale Bima, in der man statt der Thora Dokumente studierte, die über Geburten, Eheschließungen, Steuern und Gerichtsurteile Auskunft gaben. Die Bürokratie als heiliges Buch der Moderne, dachte Roman. Ohne Licht zu machen, umkreiste er das Gerüst; seine Finger glitten über den kalten Putz. So kam er zur Ostwand, in der man noch etliche Jahrzehnte zuvor in einer Aron Hakodesch genannten Nische die Rollen der Thora aufbewahrt hatte. Roman knipste seine Taschenlampe an, ihr Licht durchdrang die dichten Staubteilchen, die in der Luft schwebten, und holte aus der Dunkelheit einen goldenen Greif hervor, der eine Tafel mit hebräischen Schriftzeichen hielt. Roman vermutete, es sei eine der Bundestafeln. Er lenkte das Licht höher, aber die Polichromien befanden sich weiter oben im Gewölbe und verschwanden im Dunkel. Er kletterte die steilen, durchbrochenen Stiegen hinauf bis zur höchsten Etage, begleitet von einem metallenen Echo, er befand sich schon dicht unter dem Gewölbe. Während er zwischen den aktengefüllten Regalen hindurchging, begann er im Licht der Taschenlampe die Darstellung der Tierkreiszeichen zu betrachten, die den Bereich unter der Decke des Saals schmückten. Beim Krokodil runzelte er die Stirn. Ein Krokodil? Er sah auf das benachbarte Bild – den Schützen – und begriff, das Krokodil sollte eigentlich ein Skorpion sein. Vielleicht war das Absicht? Er erinnerte sich lediglich, dass es im Judaismus nicht erlaubt war, Menschen abzubilden, aber als er zu den Zwillingen trat, sah er doch die Abbildung zweier menschlicher Gestalten, wenngleich ohne Köpfe. Er schüttelte sich.
Er fand, es sei genug mit dem Ausflug, und bemerkte den sich um ein Rundfenster windenden Leviathan. Den Geist des Todes und der Zerstörung umgab ein Fleck fahlen Lichts, als wäre dort der Zugang zu seinem Unterwasserkönigreich. Roman wurde es zunehmend unbehaglich. Er verspürte plötzlich das dringende Bedürfnis, das Archiv zu verlassen, aber da nahm er aus dem Augenwinkel unter dem runden Fenster eine Bewegung wahr. Er schob seinen Kopf ins Innere des Ungeheuers. Durch die schmutzige Scheibe konnte er nicht viel erkennen.
Hinter ihm, auf der anderen Seite des Saals, knarrte eine Diele. Roman fuhr herum und schlug sich schmerzhaft den Kopf an. Er fluchte und kroch rückwärts aus dem Rundfenster. Erneutes Knarzen.
»Hallo! Ist da wer?«
Er leuchtete mit der Taschenlampe nach allen Seiten, sah aber nur Akten, Staub und die Tierkreiszeichen.
Diesmal knarrte es dicht neben ihm, Roman schrie leise auf. Er brauchte eine Weile, um seine Atmung zu beruhigen. Großartig, dachte er, ich sollte mir noch weniger Schlaf und noch mehr Kaffee gönnen. Energisch schritt er über den stählernen Gang, um zu den Stufen zu gelangen, die steil hinab und ihn zurück auf den Boden führten. Von dem Abgrund, der zwischen ihm und der Wand des Gebetssaals klaffte, trennte ihn nur eine kümmerliche Barriere.
Weil die oberste Etage des Gerüsts sich in gleicher Höhe mit den Fenstern befand, durch die das Licht in den Saal fiel, kam er auch an den seltsamen Konstruktionen vorüber, die zum Öffnen und Reinigen derselben dienten. So etwas wie Zugbrücken, die sich jetzt in der Senkrechten befanden. Wollte man zu einem Fenster gelangen, musste die Blockade eines dicken Seils gelöst und die Zugbrücke so heruntergelassen werden, dass sie bis in die Fensternische hineinreichte. Eine kuriose Konstruktion, dachte Roman, schließlich rührten sich weder das Aktengerüst noch die dicken Mauern der Synagoge je vom Fleck, man hätte sie also getrost fest miteinander verbinden können. Jetzt erinnerte ihn das Ganze an ein Schiff mit hochgezogenem Fallreep, fertig zum Auslaufen. Er leuchtete die Installation mit der Taschenlampe ab, und endlich kam er zur Treppe. Gerade setzte er einen Fuß darauf, als ein gewaltiger Knall den Raum erfüllte, durch die Treppe lief eine Erschütterung, er verlor das Gleichgewicht und stürzte nur deshalb nicht ab, weil er sich mit beiden Händen an den Barrieren festhielt. Die Taschenlampe hatte er dafür loslassen müssen, sie schlug zweimal auf den Boden und erlosch.
Er stand kerzengerade da, sein Herz raste. Hektisch und leicht hysterisch musterte er die Umgebung. Die Zugbrücke, an der er vorbeigegangen war, war heruntergefallen. Er sah sie an und atmete schwer. Schließlich lachte er auf. Ohne es zu wollen, musste er irgendwo angestoßen sein.
Physik ja, Metaphysik nein. So einfach war das. Auf jeden Fall würde es das letzte Mal sein, dass er nach der Dämmerung zwischen all diesen uralten Toten arbeitete. Er tastete sich bis zur Zugbrücke vor und griff nach dem Seil, um sie wieder in die Senkrechte zu bringen. Natürlich war es verklemmt. Lästerlich fluchend rutschte er auf Knien bis in die Fensternische. Das Fenster ging auf dieselben Büsche hinaus wie der vom Leviathan bewachte Okulus.
Die Welt da draußen war jetzt die einzige Lichtquelle, und das war ein äußerst dürftiges Licht. Drinnen konnte man praktisch überhaupt nichts sehen, draußen verwandelte sich das Morgengrauen in einen frühlingshaften, noch schüchternen Tagesanbruch, aus dem Dunkel traten die Bäume hervor, der Boden der Schlucht, die die Altstadt umgab, die Villen auf der gegenüberliegenden Seite der Böschung und die Mauer des früheren Franziskanerklosters. Der finstere Nebel wandelte sich in Grau, die Welt war noch unscharf und verschwommen, als spiegele sie sich in Seifenwasser.
Roman schaute zu der Stelle, an der er vorhin die Bewegung wahrgenommen hatte – zu den Büschen dicht an den Überresten der Wehrmauer. Er strengte seinen Blick an – von dem Meer in Grau hob sich dort etwas in sterilem Weiß ab. Er wischte mit dem Ärmel über die Scheibe, aber der raffinierte Zugbrückenmechanismus trug nicht unbedingt zu ihrer häufigen Reinigung bei, er verteilte also nur den Staub auf dem Glas.
Er öffnete das Fenster und blinzelte, kalte Luft streifte sein Gesicht.
Wie eine Porzellanpuppe, die im Nebel verschwimmt, dachte Roman Myszyński, als er vor der Synagoge die Leiche erblickte. Sie wirkte unnatürlich, beunruhigend weiß, sie leuchtete in dieser Absenz von Farben.
Mit lautem Knall fiel hinten die schwere Tür zur alten Synagoge ins Schloss, als seien alle Geister herausgeflattert, um zu sehen, was es da draußen für sie gebe.
2
Staatsanwalt Teodor Szacki konnte nicht einschlafen. Es dämmerte schon, und er hatte die ganze Nacht über kein Auge zugemacht. Schlimmer noch, die kleine Nymphomanin hatte ebenfalls kein Auge zugemacht. Er hätte gern nach einem Buch gegriffen, stattdessen lag er reglos da und tat, als schliefe er. Er spürte ein Krabbeln hinter seinem Ohr.
»Schläfst du?«
Er schmatzte ein paarmal und brummte etwas, um sie abzuwimmeln.
»Ich schlafe nämlich nicht.«
Er musste seine ganze Willenskraft zusammennehmen, um nicht laut zu seufzen. Angespannt wartete er darauf, was geschehen würde. Denn es würde etwas geschehen – dessen war er sich sicher. Der warme Körper hinter seinem Rücken bewegte sich unter der Bettdecke und lachte grunzend wie eine Trickfilmfigur, die gerade einen Plan zur Eroberung der Weltherrschaft schmiedet. Dann spürte er einen Biss in sein Schulterblatt. Er sprang vom Bett auf, den Fluch, den er auf den Lippen hatte, konnte er gerade noch unterdrücken.
»Bist du verrückt geworden?!«
Das Mädchen stützte sich auf die Ellenbogen und funkelte ihn angriffslustig an.
»Na klar, ich bin total verrückt, gerade habe ich mich gefragt, ob du’s mir nicht noch mal besorgen willst. Jesses, ich bin aber auch unmöglich.«
Szacki hob mit abwehrender Geste die Hände zum Himmel und flüchtete auf eine Zigarette in die Küche. Er war schon an der Spüle, als ihn ein kokettes »Ich warte« erreichte. Da kannst du lange warten, dachte er und zog sich seine Fleecejacke über. Die Zigarette glimmte, er stellte den Wasserkocher an. Hinter dem Fenster hoben sich schwarzgraue Dächer von hellgrauen Wiesen ab, durch das dunklere Band der Weichsel vom blassen Nichts des Karpatenvorlandes getrennt. Ein Auto fuhr über die Brücke, zwei Lichtbündel, die sich durch den Nebel schoben. Alles in diesem Bild war monochrom, auch der weiße Fensterrahmen mit der abblätternden Farbe, Szackis blasses Gesicht, sein eisgraues Haar und die schwarze Jacke.
Was für ein verdammtes Kaff, dachte Szacki und zog den Rauch tief ein. Die rot glühende Spitze ließ die Welt nicht mehr ganz so monochrom erscheinen. Was für ein verdammtes Kaff, in dem er inzwischen schon ein paar Monate festsaß, und falls ihn jemand gefragt hätte, wie es dazu gekommen war, hätte er nur hilflos mit den Achseln gezuckt.
Am Anfang war da ein Fall gewesen. Es gab immer irgendeinen Fall. Aber dieser hier war besonders undankbar und langwierig gewesen. Begonnen hatte alles mit dem Tod einer ukrainischen Prostituierten im Bordell an der Krucza-Straße – keine hundert Meter von Szackis Büro entfernt. Für gewöhnlich bedeutete das Auffinden der Leiche in Fällen wie diesem auch gleich dessen Ende. Alle Zuhälter und Huren waren innerhalb einer Viertelstunde verschwunden, Zeugen ließen sich aus naheliegenden Gründen nicht finden, und diejenigen, die sich meldeten, konnten sich an nichts erinnern, und man konnte überhaupt von Glück sagen, wenn es gelang, die Leiche zu identifizieren.
Diesmal war alles anders gekommen. Eine Freundin der Toten hatte sich gemeldet, die Leiche bekam den Namen Irina, ihr Zuhälter auf dem Phantombild sogar ein hübsches Gesicht, aber das Heiligkreuz-Symbol tauchte erst auf, als die ganze Sache schon längst in Gang gekommen war. Szacki war zwei ganze Wochen lang mit Olga, der Freundin der Toten, einem Dolmetscher und einem Fremdenführer in der Gegend von Sandomierz und Tarnobrzeg umhergefahren, um den Ort zu finden, an dem die Mädchen nach ihrer Ankunft aus dem Osten gefangen gehalten worden waren. Olga schwadronierte drauflos, was sie während ihrer Reise alles aus verschiedenen Fenstern und manchmal auch hinter den Autoscheiben gesehen hätte, der Dolmetscher übersetzte, und der Fremdenführer überlegte laut vor sich hin, wo welcher Ort wohl sein könnte, dabei mischte er die eine oder andere ländliche Anekdoten unter, was Szacki zur Weißglut trieb. Ein einheimischer Polizist saß am Steuer und brachte mit jedem Gesichtsmuskel zum Ausdruck, dass er diese Tour für verlorene Zeit hielt. Gleich zu Beginn hatte er von der Auflösung des einzigen Bordells in Sandomierz erzählt, im Sommer sei das gewesen, und mit dem Bordell seien auch Fräulein Kasia und Fräulein Beata verschwunden, die sich nach der Arbeit im Laden und im Kindergarten im Bordell mit ihren Körpern ein kleines Zubrot verdient hätten. Die restlichen Frauen seien kleine Dilettantinnen gewesen aus der Lebensmittelfachschule. Aber in Tarnobrzeg oder in Kielce – da sähen die Dinge anders aus.
Schließlich hatten sie, allen Querelen zum Trotz, das abgelegene Haus im Industrieviertel von Sandomierz gefunden. Das Haus. In dem zum Schlafzimmer umfunktionierten Gewächshaus lag eine kleine Blondine aus Weißrussland fast in den letzten Zügen, von einer Magen-Darm-Grippe ausgezehrt, sonst war niemand da. Das Mädchen wiederholte immer wieder hysterisch, die Männer seien zum Markt gefahren und dass sie sie umbringen würden. Ihre Angst machte auf die anderen großen Eindruck – aber nicht auf Szacki. Ihm gab stattdessen das Wort »Markt« zu denken. Das Schlafzimmer im Gewächshaus war riesig, außerdem befanden sich auf dem Grundstück noch ein großes Wohnhaus, eine Werkstatt und ein Magazin. Szacki stellte sich Sandomierz auf Polens Landkarte vor. Ein Provinzstädtchen mit zwei Amateurhuren. Eine Kirche neben der anderen. Still, schläfrig, nichts los. In die Ukraine ist es nah. Nach Weißrussland nicht weit. Zweihundert Kilometer bis zur Hauptstadt, nach Łódż und nach Krakau noch weniger. Alles in allem kein übler Ort als Umschlagplatz und Lager für lebende Ware. Der Markt.
Sie nahmen das wankende, kranke Mädchen mit, fuhren los, und wie sich herausstellte, gab es diesen Markt tatsächlich, und er war ziemlich groß: ein Basar zwischen Altstadt und Weichsel, eine Börse für absolut alles und unmittelbar an der Umgehungsstraße. Szacki sah den Ortspolizisten an, und der antwortete: »Die Russen erledigen ihre Deals untereinander, mischt man sich besser nicht ein, das haut einem nur die Statistik kaputt. Hier und da sacken wir einen Lausebengel mit ein paar illegalen DVDs oder ein bisschen Gras ein. Soll keiner sagen, wir zeigen kein Interesse.«
Es schien unwahrscheinlich, dass es Mafiosi gab, die so blöd waren, auf dem Basar mit Menschen zu handeln, auch wenn er außerhalb jedes staatlichen Hoheitsgebiets lag. Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich, denn sie wurden fündig. Zwei große Lieferwagen zwischen den Konfektionsständen, theoretisch mit Klamotten, praktisch mit zwanzig gefesselten Mädchen, die in die bessere Welt aufgebrochen waren. Es war der größte Erfolg der Polizei von Sandomierz seit der Zeit, als sie das gestohlene Fahrrad von Pater Mateusz wiedergefunden hatten, die Lokalblätter schrieben einen ganzen Monat lang über nichts anderes, und Szacki war für ein Weilchen der Kleinstadt-Celebrity. Es war ein schöner Herbst.
Und es hatte ihm gefallen.
Und er hatte gedacht: Vielleicht?
Sie hatten im Kollegenkreis in der Pizzeria Modena nicht weit von der Staatsanwaltschaft etwas getrunken, und weil er schon einen in der Krone hatte, fragte er mit unschuldiger Miene, ob sie nicht vielleicht eine Vakanz hätten. Sie hatten. So was passierte einmal in zwanzig Jahren, aber jetzt war tatsächlich ein Posten frei.
Er hatte ein neues Leben beginnen wollen. In den Klubs Mädchen aufreißen, Abenteuer und Höhenflüge erleben, frühmorgens an der Weichsel joggen und schließlich die wahrhaftigste Liebe seines Lebens finden und gemeinsam mit ihr alt werden in einem kleinen, weinüberwucherten Haus in der Nähe vom Piszeczele-Park. So, dass man nach einem kurzen Spaziergang zum Marktplatz kam, im Kleinen Café oder im Corps de Garde sitzen und einen Kaffee trinken konnte. So lebendig war dieses Bild gewesen, als er hierhergezogen war, dass man es nur schwerlich einen Plan oder einen Traum hätte nennen können. Es war eine Realität, die in sein Leben eingriff und zu wirken begann. Ganz einfach. Er erinnerte sich immer noch genau an den Moment, als er sich auf den Bänken am Schloss in der Herbstsonne gewärmt und seine Zukunft so deutlich vor sich gesehen hatte, dass ihm beinahe die Tränen in die Augen traten. Endlich! Endlich hatte er gewusst, was er wollte.
Gelinde gesagt, hatte er sich geirrt. Gelinde ausgedrückt, hatte er sein über die Jahre aufgebautes Leben für ein Hirngespinst in der Sickergrube versenkt und stand jetzt da mit absolut nichts. Anstelle des Stars der Staatsanwaltschaft der Hauptstadt war er ein Misstrauen erweckender Fremder in einem Provinzstädtchen, das nach achtzehn Uhr vollkommen ausgestorben war – und zwar leider nicht, weil sich die Einwohner gegenseitig umbrachten. Sie mordeten nicht. Sie vergewaltigten nicht. Sie organisierten sich auch nicht in verbrecherischen Zellen. Wenn Szacki in Gedanken den Katalog der Fälle durchging, mit denen er sich beschäftigte, spürte er einen leichten Anflug von Sodbrennen im Hals. Das konnte alles einfach nicht wahr sein.
Seine Ehe hatte er, das war noch weit vor dem Umzug in dieses Kaff gewesen, wegen einer unerquicklichen, kurzlebigen und niemanden zufriedenstellenden Romanze mit der Journalistin Monika Grzelka in eine tiefe Grube gestürzt, aus der herauszukommen es keine Chance gab. Weronika und er hatten es zwar noch ein bisschen miteinander versucht, zum Wohle des Kindes, aber es war nur noch ein feiges Dahinsiechen gewesen. Er hatte immer geglaubt, ihm stünde mehr zu und Weronika zöge ihn hinab. Indessen war noch kein halbes Jahr seit der endgültigen Trennung vergangen, als sie anfing, sich mit einem gefragten Rechtsanwalt zu treffen, der ein Jahr jünger war als er. Zuletzt hatte sie ihn lakonisch davon in Kenntnis gesetzt, die beiden hätten beschlossen, im Haus des Rechtsanwalts in Wawer zu leben. Es wäre nicht schlecht, wenn Szacki sich mal mit Tomasz treffen würde, immerhin zöge der ja nun auch die gemeinsame Tochter mit groß.
Eigentlich hatte Szacki alles verspielt, was zu verspielen war. Er hatte nichts und niemanden, außerdem war er aus freien Stücken zu einem Vertriebenen auf ungeliebtem Terrain geworden. Dass er Klara angerufen hatte, die er vor einem Monat im Klub aufgerissen und drei Tage später wieder abgewimmelt hatte, weil sie ihm bei Tageslicht weder schön noch klug noch interessant erschien, war nicht mehr als ein Akt der Verzweiflung gewesen. Und der endgültige Beweis für seinen Sturz.
Szacki stand in der Küche, drückte die Zigarette aus und kehrte in die monochrome Welt zurück. Nur für einen Augenblick – auf seiner Fleecejacke tauchten lange rote Fingernägel auf. Er schloss die Augen, um seine Verärgerung zu verbergen, konnte sich aber zu keiner Grobheit gegen das Mädchen durchringen, das er erst verführt und dem er jetzt noch falsche Hoffnungen gemacht hatte, es könnte womöglich etwas mit ihnen werden.
Er stieg brav wieder ins Bett zu langweiligem Sex. Klara wand sich unter ihm, als wolle sie auf diese Weise den Mangel an Zärtlichkeit und Fantasie wettmachen. Sie sah ihn an und las anscheinend etwas in seinem Gesicht, das sie veranlasste, sich noch mehr zu bemühen. Sie zappelte und stöhnte.
»O ja, fick mich, ich gehöre dir, ich will dich tief in mir spüren.«
Staatsanwalt Teodor Szacki versuchte sich zurückzuhalten, er versuchte es wirklich. Aber es gelang ihm nicht. Er brach in lautes Gelächter aus.
3
Keine Leiche sieht gut aus, aber es gibt schlimm, und es gibt schlimmer. Die Tote im Graben vor der mittelalterlichen Stadtmauer von Sandomierz gehörte zur zweiten Kategorie. Einer der Polizisten war gerade dabei, die Blöße der Frau mitleidig zu verhüllen, als die Staatsanwältin am Tatort erschien.
»Noch nicht zudecken.«
Der Polizist hob den Kopf. »Jetzt hör aber auf, ich kannte sie schon seit dem Kindergarten, so kann sie nicht liegen bleiben.«
»Ich kannte sie auch, Piotr. Das spielt jetzt wirklich keine Rolle.« Staatsanwältin Barbara Sobieraj kniete sich neben die Leiche. Tränen verschleierten ihr den Anblick. Sie hatte schon öfter tote Körper gesehen, meistens in Autowracks auf der Umgehungsstraße, und ein paar kannte sie vom Sehen. Niemals zuvor jedoch war jemand darunter gewesen, mit dem sie persönlich bekannt war. Und erst recht keine langjährige Freundin. Sie wusste besser als die meisten, dass es immer Menschen gibt, die Verbrechen begehen, und dass ihnen andere zum Opfer fallen. Aber das hier – darauf war sie nicht vorbereitet.
Sie räusperte sich, um den Hals frei zu machen. »Weiß es Grzegorz schon?«
»Ich dachte, du sagst es ihm. Du weißt ja …«
Barbara sah Piotr, den alle den Marschall nannten, an und wollte schon explodieren, aber dann begriff sie, dass er recht hatte. Seit vielen Jahren war sie eine Freundin des glücklichen Ehepaars Elżbieta und Grzegorz Budnik. Selbst als es mit dem Tratsch angefangen hatte, wenn Ela damals aus Krakau nicht zurückgekommen wäre, wer weiß … So manch einer hatte sie wohl schon das Aufgebot bestellen hören. Dummes Gerede und alte Geschichten, aber es half nichts, der Marschall hatte recht. Es war an ihr, Grzegorz ins Bild zu setzen. Leider.
Sie seufzte. Das hier war kein Unfall gewesen, auch kein tätlicher Angriff, kein Überfall und auch keine Vergewaltigung durch einen betrunkenen Penner. Jemand hatte sich ziemlich viel Mühe gemacht, sie zu töten, sie anschließend gewissenhaft zu entkleiden und in die Büsche zu legen. Und dann auch das noch … Barbara versuchte, nicht hinzusehen, aber ihr Blick fiel immer wieder auf den entstellten Hals ihrer Freundin, mehrfach quer aufgeschlitzt. Er erinnerte sie an Kiemen, dünne Hautblättchen, zwischen denen Fragmente von Venen, Kehlkopf und Speiseröhre zu sehen waren. Das Gesicht über dieser makabren Wunde dagegen war seltsam friedlich, es trug sogar ein leichtes Lächeln und rief zusammen mit der unglaublichen gipsweißen Blässe der Haut einen Eindruck von Unwirklichkeit und Statuenhaftigkeit hervor. Barbara dachte, möglicherweise war Elżbieta im Schlaf ermordet worden. Sie klammerte sich an diesen Gedanken, sie wollte einfach daran glauben. Der Marschall trat zu ihr und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Tut mir entsetzlich leid, Barbara.«
Ihr Nicken war ein Zeichen, dass er den Leichnam jetzt zudecken konnte.
4
Solche Kaffs haben auch ihre guten Seiten: Alles liegt ganz in der Nähe. Gleich nach dem Anruf seiner Chefin aus der Staatsanwaltschaft verließ Szacki Klara und seine gemietete Einzimmerwohnung im Haus an der Długosz-Straße mit einem Seufzer der Erleichterung. Klein, hässlich und heruntergekommen hatte die Wohnung dennoch einen entscheidenden Vorteil – ihre Lage. In der Altstadt mit Blick auf die Weichsel und das historische Gymnasium, das die Jesuiten im 17. Jahrhundert gegründet hatten. Er verließ das Haus und gelangte, auf dem nassen Kopfsteinpflaster entlangrutschend, raschen Schritts zum Marktplatz. Die Luft war zwar noch immer winterlich frisch, aber man spürte schon die Veränderung. Der Nebel lichtete sich mit jedem Schritt, und Szacki hoffte, es würde der erste von vielen herrlichen Frühlingstagen werden. Wirklich, er brauchte in seinem Leben dringend positive Erregung. Sonnenwärme zum Beispiel.
Er ging über den völlig verlassen daliegenden Marktplatz, an der Post vorbei, die sich in einem schönen Gebäude mit Bogengängen befand, und gelangte in die Żydowska-Gasse, wo er schon von Weitem den Schein aufblitzender Lampen wahrnahm. Das berührte eine empfindliche Seite in seinem Inneren, der Anblick von Blaulicht im Nebel war Teil des Rituals.
Geweckt werden vom Telefon in aller Frühe, sich aus Weronikas warmen Armen winden, im Korridor nach den Anziehsachen tasten, und vor dem Rausgehen noch einen schnellen Kuss auf die Stirn des schlafenden Kindes. Dann die Fahrt durch das allmählich erwachende Warschau, verlöschende Straßenlaternen, Nachtbusse, die in ihre Depots fuhren. Vor Ort das skeptische Lächeln von Kuzniecow, die Leiche, dann einen Kaffee am Drei-Kreuze-Platz. Und der Zusammenstoß mit der nörgelnden Chefin in der Staatsanwaltschaft. »Unsere Büros befinden sich anscheinend in unterschiedlichen Raum-Zeit-Dimensionen, Herr Szacki.«
Ihm war ganz schlecht vor Sehnsucht nach seinem früheren Leben, als er die Synagoge hinter sich ließ und an den Zweigen sich festhaltend die Böschung hinunterkletterte. Den roten Haarschopf von Prinzipienreiterin Sobieraj erkannte er sofort. Sie stand da, den Kopf gesenkt, als wollte sie ein Totengebet sprechen, statt die Ermittlung zu leiten. Ein feister Bulle hatte seine Hand auf ihre Schulter gelegt, als wäre er mit ihr im Schmerz verbunden. Ganz wie Szacki es vermutet hatte: Eine Stadt, in der es mehr Kirchen gab als Bars, musste ihren Einwohnern zwangsläufig einen schmerzhaften Stempel aufdrücken. Sobieraj drehte sich zu Szacki herum, viel zu überrascht vom Anblick des neuen Kollegen, als dass sie die Grimasse des Widerwillens auf ihrem Gesicht hätte verbergen können.
Er nickte allen zur Begrüßung zu, dann trat er an die Leiche heran und hob ohne viel Federlesen die Folie hoch, die sie bedeckte. Eine Frau. Zwischen vierzig und fünfzig. Grauenhaft durchtrennter Hals, keine anderen sichtbaren Verletzungen. Das sah nicht nach Überfall aus, eher nach einem sonderbaren Verbrechen im Affekt. Immerhin, endlich eine ordentliche Leiche. Er wollte den Körper schon wieder zudecken, aber irgendetwas ließ ihm keine Ruhe. Er musterte ihn noch zweimal von Kopf bis Fuß und scannte den Tatort mit seinem Blick. Etwas war nicht so, wie es sein sollte, etwas stimmte ganz und gar nicht, aber er hatte keine Ahnung, was es war, und das war ein sehr beunruhigendes Gefühl.
Er warf den Plastiksack beiseite, sechs Polizisten wandten darauf verschämt den Blick ab. Amateure.
Nun wusste er, was nicht stimmte. Die Blässe. Diese irreale Blässe des toten Körpers, so etwas kam in der Natur einfach nicht vor. Und da war noch etwas.
»Verzeihung, aber das ist meine Bekannte«, sagte Sobieraj hinter seinem Rücken.
»Das war Ihre Bekannte«, knurrte Szacki zurück. »Wo sind die Techniker?«
Stille. Er drehte sich um und sah den dicken, glatzköpfigen Polizisten mit dem herabhängenden Marschall-Piłsudski-Gedächtnis-Schnurrbart an. Wie war noch mal sein Spitzname? Der Marschall? Wie originell.
»Wo sind die Techniker?«, fragte er noch einmal.
»Marysia wird gleich hier sein.«
Hier kannten sich alle mit Vornamen. Lauter gute Freunde, verdammter kleinstädtischer Klüngel.
»Lasst das Team aus Kielce kommen, sie sollen ihr gesamtes technisches Spielzeug mitbringen. Bevor sie eintreffen, den Leichnam abdecken, das Gelände im Umkreis von fünfzig Metern absperren und niemanden reinlassen. Gaffer so weit wie möglich fernhalten. Ist der Einsatzleiter schon da?«
Der Marschall hob grüßend die Hand und betrachtete Szacki, als wäre der ein Außerirdischer, dann blickte er fragend zu Sobieraj hinüber, die aber selbst völlig verdattert dastand.
»Hervorragend! Ich weiß, es ist neblig, dunkel, und man sieht einen Dreck. Aber alle aus diesen Häusern hier« – er deutete mit der Hand auf die Gebäude an der Żydowska-Straße, drehte sich um und wies auf die Villen auf der anderen Seite des Stadtgrabens – »müssen befragt werden. Vielleicht leidet ja einer unter Schlaflosigkeit, vielleicht hat jemand eine kranke Prostata, vielleicht gibt’s da so ein Heimchen am Herd, das noch Suppe kocht, bevor es zur Arbeit geht. Jemand könnte etwas gesehen haben. Klar?«
Der Marschall nickte. Inzwischen hatte Sobieraj sich wieder beisammen, sie trat an Szacki heran, so dicht, dass er ihren Atem roch. Sie war groß gewachsen für eine Frau, ihre Augen befanden sich fast auf gleicher Höhe. Auf dem Land finden sich immer gut gebaute Mädels, dachte Szacki und wartete darauf, was jetzt geschehen würde.
»Verzeihen Sie, aber leiten Sie jetzt die Ermittlungen?«
»Ja, schon.«
»Und dürfte ich vielleicht erfahren warum?«
»Was halten Sie davon: Weil es hier ausnahmsweise mal nicht um einen betrunkenen Radfahrer geht und auch nicht um ein gestohlenes Handy in der Grundschule.«
Sobierajs dunkle Augen verdunkelten sich noch mehr. »Ich werde mich in dieser Sache an Mischa wenden«, zischte sie.
Szacki tauchte hinab in die ungenutzten tiefsten Tiefen seiner Willenskraft, um nicht die Beherrschung zu verlieren und in Gelächter auszubrechen. Ach du allerliebstes Herrgöttl, die nannten ihre Chefin hier tatsächlich Mischa – also Bärchen.
»Tun Sie das. Je früher, desto besser. Schließlich hat sie mich aus der Falle geholt, weg von einem unheimlich interessanten Zeitvertreib, und angeordnet, dass ich mich um das hier kümmere.«
Sobieraj sah aus, als würde sie jeden Moment in die Luft gehen, machte dann aber auf dem Absatz kehrt und stiefelte, die Hüften wiegend, davon. Schmale, wenig attraktive Hüften, befand Szacki, während sein Blick ihr dennoch folgte.
Er wandte sich wieder an den Marschall. »Kommt auch irgendwann mal jemand von der Kripo? Oder fangen die erst um zehn an zu arbeiten?«
»Bin schon da, Junge, bin schon da«, vernahm er eine Stimme in seinem Rücken.
Hinter ihm saß auf einem zusammenfaltbaren Anglerschemel ein schnurrbärtiger Alter – die hatten hier fast alle Schnurrbärte – und rauchte eine Zigarette ohne Filter. Nicht die erste. Auf einer Seite des Schemels lagen ein paar abgeknipste Filter, auf der anderen die Kippen. Szacki hielt die Verwunderung auf seinem Gesicht zurück und trat zu ihm. Er hatte vollkommen graues kurzes Haar, ein von tiefen Furchen durchzogenes Gesicht und helle wässrige Augen – ganz wie ein Selbstbildnis von Leonardo da Vinci. Der wohlgepflegte schmale Schnurrbart dagegen war rabenschwarz, was der Erscheinung des Alten etwas Dämonisches, Beängstigendes verlieh. Der Alte blickte gelangweilt vor sich hin.
Szacki ging auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen. »Teodor Szacki.«
Der alte Polizist schniefte, warf seine Kippe auf die entsprechende Seite des Schemels und gab ihm die Hand, ohne sich zu erheben. »Leon.«
Er hielt Szackis Hand fest und nutzte sie dann als Stütze, um sich zu erheben. Er war groß, sehr schlank und sah unter seiner dicken Jacke und dem Schal wie eine Vanilleschote aus – dürr, biegsam und schrumpelig. Szacki ließ die Hand des Alten los und wartete darauf, dass der sich genauer vorstellte, aber da kam nichts. Stattdessen schielte der Alte zum Marschall hinüber, worauf dieser wie am Gummiband gezogen herbeihüpfte: »Herr Inspektor?«
Aber das musste ein Irrtum sein, dachte Szacki. Viel zu hoher Dienstgrad für einen Schnüffler von der Provinzkripo.
»Macht, was der Staatsanwalt gesagt hat. Kielce kommt in zwanzig Minuten«, sagte der Alte.
»Nun mal langsam, das sind fast hundert Kilometer«, wandte Szacki ein.
»Ich hab sie schon vor ’ner Stunde gerufen. Dann hab ich darauf gewartet, dass sich die Herrschaften von der Staatsanwaltschaft herbemühen. Gut, dass ich meinen Schemel mitgenommen habe. Kaffee?«
»Wie bitte?«
»Ob Sie ’nen Kaffee wollen, Herr Staatsanwalt? Der Schnabelschuh macht um sieben auf.«
»Solange wir dort nichts essen müssen.«
Der Alte nickte anerkennend. »Jung, zugereist, aber er lernt schnell. Gehen wir. Ich will wieder hier sein, wenn die Kinder mit ihren Spielsachen anrücken.«
5
Die Gaststube Der Schnabelschuh, wie man das beste Touristenlokal am Ort genannt hatte − direkt am Markt, am Weg zur Kathedrale und zur Burg, – war ein Inbegriff dessen, was Restaurants an zivilisierten Orten seit gut zehn Jahren nicht mehr waren: ein riesiger unfreundlicher Raum, darin Tische mit Tischtüchern und Mitteldeckchen und plüschbezogene Stühle mit hohen Lehnen. Wandleuchten an den Wänden, vom Sturzboden herabhängende Kandelaber. Die mit ihren Absätzen klappernde Kellnerin musste eine dermaßen große Entfernung zurücklegen, dass Szacki sicher war, der Kaffee würde unterwegs kalt werden.
Kalt war er nicht, aber man schmeckte darin eine leichte Note von schmutzigem Spüllappen – ein Zeichen dafür, dass die Espressomaschine in dieser repräsentativen Sandomierzer Gaststätte nicht besonders weit oben stand auf der Liste der Dinge, die tagtäglich gesäubert wurden. Wundert mich das?, dachte Szacki. Kein Stück.
Inspektor Leon trank wortlos seinen Kaffee und sah durch das Fenster die Attika des Rathauses an. Als säße Szacki nicht auch hier. Der beschloss, sich dem Tempo des Alten anzupassen und geduldig zu warten, bis er erfahren würde, wozu er hierhergeschleppt worden war. Schließlich setzte der Inspektor seine Tasse ab, hüstelte und knipste von einer Zigarette den Filter ab. Er seufzte.
»Ich werde Ihnen helfen.« Seine Stimme klang unangenehm, wie schlecht geölt.
Szacki sah ihn fragend an.
»Haben Sie jemals außerhalb von Warschau gelebt?«
»Erst jetzt.«
»Also wissen Sie einen Dreck vom Leben.«
Szacki entschied sich, das bis auf Weiteres nicht zu kommentieren.
»Aber das ist keine Sünde. Jeder Grünschnabel weiß einen Dreck vom Leben. Aber ich werde Ihnen helfen.«
Langsam kochte der Ärger in Szacki hoch. »Und umfasst diese Hilfe nur die Ausübung Ihrer Pflicht oder noch etwas anderes? Wir kennen uns nicht, ich kann nur schwer einschätzen, ob Sie ein gutes Herz haben.«
Jetzt erst betrachtete Leon den Staatsanwalt eingehender. »Kein sehr gutes«, entgegnete er, ohne zu lächeln. »Aber ich bin verdammt neugierig, wer die Ehefrau von diesem Hampelmann Budnik abgeschlachtet und in die Büsche geworfen hat. Meine Intuition sagt mir, Sie werden es herausfinden. Aber Sie sind nicht von hier. Jeder wird mit Ihnen reden, aber keiner wird Ihnen etwas sagen. Vielleicht hat das ja auch sein Gutes, je weniger Informationen, desto klarer der Verstand.«
»Mehr Information bedeutet mehr Wahrheit«, warf Szacki ein.
»Wahrheit hin oder her, Überflüssiges wird nicht wahrhaftiger, wenn es in der Klärgrube schwimmt«, krächzte der Inspektor. »Und unterbrechen Sie mich nicht, junger Mann. Sie werden das eine oder andere Mal Schwierigkeiten haben zu verstehen, wer denn nun wirklich mit wem und warum … Dann helfe ich Ihnen.«
»Sind Sie mit all denen befreundet?«
»Ich schließe nur schlecht Freundschaften. Und stellen Sie mir keine überflüssigen Fragen, sonst ändere ich vielleicht ganz schnell wieder meine gute Meinung über Sie.« Szacki hatte durchaus weitere Fragen, wichtige Fragen. Er beschloss, sie sich für später aufzuheben.
»Und ich ziehe es vor, wenn wir bei der Höflichkeitsform bleiben«, schloss der Polizist. Szacki gab nicht zu erkennen, wie sehr ihm dieser Vorschlag gefiel. Er nickte nur zustimmend mit dem Kopf.
6
Die Schaulustigen mehrten sich, zum Glück blieben sie hinter der Absperrung, wie man es ihnen gesagt hatte. Szacki hörte aus den halblaut geführten Gesprächen den Namen Budnik heraus. Er würde in Erfahrung bringen müssen, wer die Tote war. Aber zuerst brauchte es eine genaue Untersuchung des Tatorts und eine Autopsie. Alles Übrige konnte warten.
Zusammen mit dem Inspektor, dessen Familiennamen Wilczur er infolge ihres Gesprächs im Schnabelschuh erfahren hatte, stand er bei dem von einem Sichtschutz abgeschirmten Körper, einer der Kielcer Techniker fotografierte den Leichnam. Szacki betrachtete den präzise durchtrennten Hals, der aussah, als hätte man ihn für ein anatomisches Präparat hergerichtet, und, hol’s der Teufel, er konnte jenes unerträgliche Summen in seinem Kopf immer noch nicht ganz zuordnen. Etwas war faul. Natürlich würde er in Erfahrung bringen, was es war, aber er wollte verstehen, bevor die Verhöre und die Suche nach Sachverständigen anfingen. Der Chef der Spurensicherung trat zu ihnen, ein sympathischer Mann in den Dreißigern, mit Glupschaugen und dem sonstigen Erscheinungsbild eines Judoka. Nachdem sie sich vorgestellt hatten, richtete er seine Fischaugen auf Szacki.
»Von wo hat es Sie denn hierher verschlagen, Herr Staatsanwalt, bloß so, aus purer Neugier?«, fragte er.
»Von Warschau.«
»Direkt aus unserem Hauptstädtchen?« Er versuchte gar nicht erst, sein Erstaunen zu verbergen, so, als käme gleich hinterher die Frage, ob man Szacki wegen Trunkenheit, Drogen oder Belästigung am Arbeitsplatz gefeuert hätte.
»Wie ich schon sagte, ich bin aus Warschau.« Szacki konnte Verkleinerungsformen, die man eigentlich den Warschauern nachsagte, auf den Tod nicht ausstehen. Hauptstädtchen.
»Aber haben Sie was ausgefressen, oder ist das irgendwie anders zustande gekommen?«
»Irgendwie anders.«
»Aha.« Der Polizist wartete eine Weile auf den Fortgang des herzlichen Gesprächs, gab dann aber auf und wechselte das Thema. »Außer dem Körper haben wir nichts gefunden, keine Klamotten, keine Tasche oder Schmuck. Es gibt keine Schleifspuren, Kampfspuren sind auch nicht vorhanden. Es sieht aus, als sei sie hierhergetragen worden. Wir haben an der Schlucht Abgüsse von Reifenspuren und von frischen Schuhabdrücken genommen. Steht dann natürlich alles im Protokoll, ich würde mir aber keine allzu großen Hoffnungen machen, es sei denn, aus der Autopsie ergibt sich noch was.«
Szacki nickte. Nicht, dass er besonders beeindruckt gewesen wäre. Er hatte bisher alle seine Fälle gelöst, indem er sich auf Personen- und nicht auf Sachbeweise stützte. Selbstverständlich wäre es besser, man hätte in den Büschen das Tatwerkzeug oder einen direkten Hinweis auf den Mörder gefunden, aber er hatte sich schon lange damit abgefunden, dass Angenehmes im Leben von Teodor Szacki beileibe keine Alltäglichkeit war.
»Herr Kommissar!«, rief einer der Techniker, die an der Böschung die Büsche durchkämmten.
Der Glupschäugige gab ihnen ein Zeichen, dass sie warten sollten, und rannte zu den mittelalterlichen Resten der Stadtmauer hinüber, die einst die ganze Stadt umschlossen hatte und heute hauptsächlich dazu diente, dass man in ihrem Schatten traditionellen polnischen Süßwein in sich hineinschüttete. Szacki folgte dem Techniker, der sich an der Mauer hinhockte, um blattlose Zweige und das Gras vom Vorjahr auseinanderzuzerren. Der Glupschäugige griff mit seiner behandschuhten Hand hinein und hob vorsichtig etwas heraus. Genau in dem Moment brach die Sonne durch die Wolken hindurch und spiegelte sich so kräftig in dem Gegenstand, dass Szacki für einen Moment geblendet war. Erst als er ein paarmal geblinzelt hatte, um die vor seinen Augen flatternden schwarzen Flecken zu vertreiben, konnte er erkennen, dass der Techniker ein eigenartiges Messer hochhielt. Vorsichtig barg er es in einem der hermetisch schließenden Beutel für Beweismittel und streckte ihnen diesen entgegen. Das Werkzeug musste höllisch scharf sein, denn durch sein bloßes Eigengewicht durchtrennte es den Beutel und fiel herunter. Das heißt, es wäre heruntergefallen, hätte der Techniker es nicht im letzten Moment am Griff erwischt. Er fing es auf und sah sie an.
»Du hättest einen Finger verlieren können«, sagte der Glupschäugige ruhig.
»Du hättest das Tatwerkzeug auch mit deinem Blut besudeln können, Dummkopf«, sagte Wilczur.
Szacki sah den alten Polizisten an. »Woher wissen Sie, dass es das Tatwerkzeug ist?«
»Das nehme ich doch mal stark an. Hier unter einem Busch haben wir einen präzise durchtrennten Hals gefunden und unter dem zweiten Busch ein Rasiermesser, da wird doch wohl ein Zusammenhang bestehen.«
»Rasiermesser« war eine ziemlich gute Bezeichnung für das Messer, das der Glupschäugige jetzt in einen zweiten Beutel steckte, diesmal wesentlich vorsichtiger. Es hatte eine rechteckige Klinge ohne Spitze und ohne jegliche Krümmung an der Schnittlinie, dafür glänzte sie wie ein Spiegel. Der Griff aus dunklem Holz wirkte im Verhältnis zur Klinge sehr zerbrechlich. Die Klinge selber war wuchtig, etwa dreißig Zentimeter lang und zehn Zentimeter breit. Ein Rasiermesser, um einen Riesen zu barbieren. Das war kein Spielzeug für Sammler, sondern ein echtes Werkzeug. Vielleicht ein Tatwerkzeug, vor allem aber ein Werkzeug mit einem bestimmten Verwendungszweck. Sicher nicht, um einer Frau mit Schuhgröße fünfzig die Beine zu rasieren.
»Fingerabdrücke, Mikrospuren, Blut, Körperflüssigkeit, DNA-Material, chemische Untersuchung«, zählte Szacki auf. »So schnell es geht. Ich will heute noch genaue Bilder von diesem Prachtstück haben.«
Er gab dem Glupschäugigen seine Visitenkarte. Der steckte sie in die Tasche. Und konnte seine Augen nicht von dem übergroßen Rasiermesser nehmen.
7
Staatsanwalt Teodor Szacki hatte kein Glück mit seinen Vorgesetzten. Die vorige war eine technokratische Hündin gewesen, eiskalt und so reizvoll wie ein aus dem Schnee herausgebuddelter Leichnam. Immer wenn er in ihrem Büro gesessen und darunter gelitten hatte, dass diese Person ohne jegliche Weiblichkeit versuchte, auf ihn einen weiblichen Eindruck zu machen, hatte er überlegt, ob man es wohl noch schlechter treffen konnte. Ein boshaftes Geschick beantwortete nicht allzu viel später seine Frage.
»Den müssen Sie jetzt aber wirklich probieren.« Maria Miszczyk, seine neue Vorgesetzte und von allen, sich selbst eingeschlossen, zu Szackis Entsetzen nur Mischa, also Bärchen, genannt, schob ihm den Kuchenteller direkt vor die Nase. Das Angebot bestand anscheinend aus Schichten von Rumkugelmasse, Biskuit und Baiser.
Sie lächelte ihn strahlend an. »Unter das Baiser habe ich noch eine dünne Schicht Pflaumenmus gegeben. Ich hatte noch etwas vom letzten Herbst übrig. Jetzt nehmen Sie schon.«
Szacki wollte nicht, aber Miszczyks herzliches Lächeln war wie der Blick einer Kobra. Eine Hand, vom Gehirn nicht zu kontrollieren, langte nach dem Kuchen und stopfte es Szacki einfach in den Mund. Er lächelte schief, und sein Anzug übersäte sich mit Krümeln.
»Na schön, Barbara, dann sag uns mal, worum es geht«, sagte Miszczyk und stellte den Kuchenteller zurück.
Sobieraj saß steif auf einem Ledersofa – Konstanciner Chic der Achtzigerjahre –, von Szacki im dazugehörigen Sessel nur durch ein Glastischchen getrennt. Wenn Miszczyk in ihrem Büro eine häusliche Atmosphäre hatte schaffen wollen und sich dafür den weitverbreiteten polnischen Wohnzimmerwürfel zum Vorbild genommen hatte, konnte man durchaus von Erfolg sprechen.
»Ich möchte verstehen« – Sobieraj wollte oder konnte den Vorwurf in ihrer Stimme nicht unterdrücken –, »warum ich, die ich seit sieben Jahren in unserer Staatsanwaltschaft selbstständig ermittle, jetzt von dem Mord an Ela abgezogen werde. Und ich möchte wissen, warum Herr Szacki die Ermittlung leiten soll, dessen Leistungen ich nicht in Abrede stellen möchte, der aber unsere Stadt und ihre Eigenheiten kaum kennt. Und ich möchte noch hinzufügen, dass es mir unangenehm war, es von ihm am Tatort erfahren zu müssen. Du hättest mich wenigstens darauf vorbereiten können, Mischa.«
Miszczyks Gesicht verwandelte sich ganz und gar in mütterliche Besorgnis. Es schlug einem daraus so viel Wärme und Verständnis entgegen, dass Szacki plötzlich wieder den Geruch vom Speiseraum seines Kindergartens in der Nase hatte. Er konnte sich vollkommen sicher fühlen, die Kindergärtnerin würde das Problem so lösen, dass bestimmt niemand traurig war. Und dann würde sie alle an sich drücken.
»Ich weiß ja, Barbara, entschuldige. Aber als ich das von Ela erfahren habe, musste ich rasch handeln. Normalerweise würde so ein Fall auf dich warten. Aber der hier ist nicht normal. Ela ist eine Freundin, die dir nahesteht. Grzegorz war auch mal mit dir zusammen. Du warst mit beiden befreundet, ihr habt euch getroffen. Jeder Anwalt könnte das gegen uns verwenden.«
Sobieraj nagte an ihrer Lippe.
»Außerdem ist es bei Ermittlungen alles andere als hilfreich, wenn Gefühle im Spiel sind.« Szacki versetzte ihr einen weiteren Stoß, nahm sich ein zweites Stück Kuchen und erwiderte Sobierajs mörderischen Blick mit einem Lächeln.
»Sie wissen einen Scheißdreck über meine Gefühle.«
»Diese Unwissenheit ist ein Segen.«
Miszczyk klatschte in die Hände und sah sie an, als wollte sie sagen: »Kinder, Kinder, nun gebt aber endlich Ruhe.« Szacki zwang sich, den Blick nicht zu senken und den Vorwurf in ihren sanften, butterweichen, mütterlichen Augen zu ertragen.
»Ihr könnt später noch aufeinander herumhacken, meine Lieben. Jetzt sage ich euch, wie die Situation aussieht.«
Sobieraj zitterte und fing schnell an zu reden. Wie viele solcher neurotischen Tussis hatte Szacki in seinem Leben schon gesehen? Eine ganze Legion.
»Ich hoffe doch, dass −«
»Barbara«, fiel Miszczyk ihr ins Wort. »Ich höre mir eure Meinungen und Vorschläge gerne an. Das tue ich immer, das weißt du doch, nicht wahr? Aber jetzt sage ich euch, wie’s weitergeht.«
Sobieraj schloss blitzschnell den Mund, und Szacki sah Miszczyk aufmerksam an. Sie war immer noch die Mutti mit den sanften Augen, dem Lächeln der Kindertherapeutin und einer Stimme aus Vanillearoma und Backpulver. Aber ließ man ihr Äußeres für einen Moment beiseite, blieb eine entschiedene Zurechtweisung ihrer Untergebenen und Freundin übrig.
Miszczyk goss allen Tee nach.
»Ich kannte Ela Budnik, ich kenne auch Grzegorz, wie jeder hier. Man muss ihn nicht mögen oder mit ihm einer Meinung sein, aber man kann ihn nur schwerlich übersehen. Das wird oder ist bereits eine Ermittlung, die hohe Wellen schlägt. Die Situation, in der die Freundin der Toten die Ermittlung leitet …«
»Und Freundin des Hauptverdächtigen«, warf Szacki ein.
Sobieraj schnaubte.
»Passen Sie auf, was Sie da sagen. Sie kennen diesen Menschen ja nicht einmal.«
»Das muss ich nicht. Er ist der Ehemann der Toten. In diesem Stadium macht ihn das zum Hauptverdächtigen.«
»Das meine ich ja.« Sobieraj hob triumphierend die Hände. »Genau deshalb sollte Szacki sich aus der Sache heraushalten.«
Miszczyk wartete einen Moment, bis wieder Stille einkehrte.
»Eben deshalb wird sich Staatsanwalt Szacki nicht aus der Sache heraushalten, sondern die Ermittlung leiten. Weil ich eine Situation vermeiden will, in der Leiche, Verdächtige und Ermittler eine Gruppe von Freunden bilden, die gestern noch zum Grillen verabredet waren. Trotzdem hast du recht, Barbara, Herr Szacki ist neu hier. Und deshalb wirst du ihm auch mit deinen Kenntnissen über alles, was diese Stadt und ihre Bewohner betrifft, zur Seite stehen.«
Szacki entfuhr ein erleichterter Seufzer, als sich das große Stück Kuchen erfolgreich durch seine Speiseröhre gezwängt hatte. Da steht uns ja ein köstliches Vergnügen ins Haus, dachte er. Sobieraj saß steif auf dem Sofa, sie hatte sich in eine einzige gigantische Grimasse verwandelt. Miszczyks mütterliches Auge glitt über die Tassen und den Kuchenteller. Den drehte sie um hundertachtzig Grad.
»Auf dieser Seite ist mehr Pflaumenmus«, flüsterte sie theatralisch und nahm sich noch ein Stück.
Szacki hielt die Audienz für beendet und stand auf. Miszczyk gab ihm durch ein Handzeichen zu verstehen, dass sie noch etwas sagen würde, sobald sie aufgegessen hatte.
»Wir treffen uns hier wieder um neunzehn Uhr. Dann will ich die ersten Protokolle sehen und den genauen Ermittlungsplan. Die Medien schickt ihr alle zu mir. Wenn ich merken sollte, dass private Animositäten euch bei dieser Sache behindern …«
Sobieraj und Szacki hefteten einmütig ihren Blick auf die krümelbehangenen Lippen ihrer Chefin. Sie schenkte ihnen ein warmes Lächeln.
»… dann mache ich euch dermaßen die Hölle heiß, dass ihr es nie wieder vergesst. Und an verfügbaren Beschäftigungen in staatlichen Einrichtungen bleibt dann für euch nur noch Fußbodenwischen im Knast. Ist das klar?«
Szacki nickte, verbeugte sich vor den Damen und fasste nach der Türklinke.
»Gehe ich recht in der Annahme, dass ich meine übrigen Fälle jemand anderem überlasse?«
Miszczyk zeigte ein weiches Lächeln. Szacki begriff, dass seine Frage überflüssig gewesen war. Dass der Gedanke, seine Chefin könnte nicht daran gedacht haben, sie geradezu beleidigte. Bestimmt war alles geregelt, und die Sekretärin hatte die Akten längst aus seinem Büro geschleppt.
»Sie sind wohl verrückt geworden«, sagte Miszczyk. »Los, an die Arbeit.«
8
Staatsanwalt Teodor Szacki stand in seinem Büro, sah aus dem Fenster und dachte bei sich, dass die Provinz auch ihre guten Seiten hatte. Ein riesiges Büro, aus dem man in Warschau gut und gerne drei Zweierbüros gemacht hätte, stand ganz allein zu seiner Verfügung. Mit schöner Aussicht auf das Grün, das Villenviertel und die Türme der Altstadt in der Ferne. Von seinem Haus bis zur Arbeit war es ein Spaziergang von zwanzig Minuten. Er hatte einen Panzerschrank und darin die Akten seiner acht laufenden Fälle – genau siebenundneunzig weniger als in Warschau vor einem halben Jahr. Er hatte dieselben Bezüge wie in der Hauptstadt, und der vorzügliche Kaffee in seinem Lieblingskaffeehaus an der Sokolnicki-Straße kostete nicht mal fünf Złoty. Na, und schließlich – er schämte sich dessen, konnte aber seine Genugtuung nicht verhehlen – hatte er auch endlich eine ordentliche Leiche. Plötzlich schien ihm dieses unsäglich schläfrige Nest doch ein recht brauchbarer Ort zu sein.
Türenknallen. Szacki wandte sich um und ergänzte seine Aufzählung in Gedanken: Er hatte auch eine Partnerin, die aus der Staatsanwaltschaft der Stadt ihren Lebenssinn gemacht hatte. Automatisch setzte er seine kühle Staatsanwaltsmaske auf, während er verfolgte, wie Prinzipienreiterin Sobieraj mit einer Mappe in der Hand in sein Büro trat.
»Das ist eben gekommen. Das sollten wir uns ansehen.«
Er wies mit der Hand auf das Sofa (jawohl, er hatte auch ein Sofa in seinem Büro), und sie nahmen nebeneinander Platz. Er schielte auf ihr Dekolleté, konnte aber nichts Interessantes entdecken, es war vollkommen von einem asexuellen Rollkragenpullover verhüllt. Er öffnete die Mappe. Das erste Bild war eine Nahaufnahme des durchtrennten Halses der Toten. Sobieraj schnappte hörbar nach Luft und wandte den Blick ab, Szacki wollte schon eine Bemerkung loslassen, aber dann tat es ihm leid, und er behielt seine Bosheit für sich. Es war weder ihre Schuld noch ihr Fehler, dass sie, wie alle anderen hier, in ihrem ganzen Leben noch nicht so viele Leichen gesehen hatten wie er im Lauf eines einzigen Jahres.
Er legte die Fotos der Leiche beiseite.
»Wir müssen ohnehin erst die Autopsie abwarten. Gehen Sie in die Oczko-Straße?«
Sie sah ihn verständnislos an.
»Entschuldigen Sie. Ins Krankenhaus. Zur Autopsie.«
In ihren Augen blitzte Angst auf, aber sie beherrschte sich schnell. »Ich denke, wir sollten zusammen hingehen.«
Szacki nickte zustimmend und breitete auf dem Tisch ein gutes Dutzend Fotos von dem Rasiermesser aus, das man von allen Seiten abgelichtet hatte. Nach dem darunter sichtbaren Maßband war das Messer über vierzig Zentimeter lang, die rechteckige Schneide davon allein circa dreißig. Der Griff war mit dunklem Holz verkleidet, auf der Fassung aus Messing war etwas eingraviert. Szacki suchte die Vergrößerung heraus. In verblassten Buchstaben stand dort C.RUNEWALD. Auf einer der Vergrößerungen sah er die sich in der glatten Klinge spiegelnde Hand des Fotografen. Besser gesagt der verheirateten Fotografin, wie sich aus dem Ehering schließen ließ. Die schimmernde Klinge war völlig frei von Flecken, Kratzern und Scharten. Zweifellos ein Meisterwerk der Kunst der Metallverarbeitung. Ein altes Meisterwerk.
»Denken Sie, das ist die Tatwaffe?«
Szacki dachte, Höflichkeitsformen allein waren schon ermüdend, während einer Ermittlung aber geradezu unerträglich.
»Ich denke, das alles ist seltsam und theatralisch. Eine nackte Leiche mit aufgetrenntem Hals, daneben eine altmodische Rasiermachete und keinerlei Spuren eines Kampfes oder Handgemenges.«
»Und kein Blut auf der Schneide.«
»Sollen die im Labor mal zeigen, was sie draufhaben. Ich denke, die finden Blut, Mikrospuren, eine DNA. Das Messer wird uns mehr verraten, als demjenigen, der es dort liegen gelassen hat, lieb ist.«
»Liegen gelassen?«
»So blank, geschniegelt und unberührt? Das hat jemand mit Absicht getan. Selbst bei gemeinen Morden im Affekt denkt ein besoffener Penner daran, das Tatwerkzeug mitzunehmen. Ich glaube nicht, dass das Messer zufällig in diesem Gebüsch gelegen hat.«
Sobieraj kramte aus ihrer Tasche eine Lesebrille hervor und begann, die Bilder aufmerksam zu betrachten. Das große braune Gestell sah gut an ihr aus. Szacki dachte: Wenn die Rasiermachete eine Botschaft ist, dann muss man jemanden finden, der sie lesen kann. Verdammter Mist, was für ein Sachverständiger könnte sich darum kümmern? Einer für Hieb- und Stichwaffen? Für Metallkunde? Für Kunst?
Sobieraj reichte ihm das Foto mit der Vergrößerung des holzverkleideten Griffs und nahm ihre Brille ab.
»Wir müssen uns einen Sachverständigen für Blankwaffen suchen, am besten einen Fachmann aus dem Museum. Vielleicht kennt er ja die Firma.«
»C. Runewald?«, fragte Szacki.
Sobieraj begann zu lachen. »Grünewald. Vielleicht ist es höchste Zeit für eine Brille, Herr Staatsanwalt.«
Szacki verzichtete auf ein ironisches Grinsen, keine Gegenstöße. Fast keine. »Höchste Zeit, dass Sie mir etwas über die Verstorbene und ihre Familie erzählen.«
Sobierajs Miene verdunkelte sich.
9
Staatsanwalt Teodor Szacki war unzufrieden. Sobierajs Bericht über die Budniks hatte zwar viele Informationen enthalten, aber auch viel Gefühl. Die Tote war für ihn nicht länger das Resultat eines Verbrechens, für das jemand zur Rechenschaft gezogen und bestraft werden musste. Der Ehemann der Toten war nicht länger der Verdächtige Nummer eins. Dank Sobierajs stark emotional gefärbter Erzählung waren beide zu Menschen aus Fleisch und Blut geworden, die Grenze zwischen Information und Interpretation war überschritten. Ohne es zu wollen, sah Szacki bei dem Gedanken an die Tote jetzt eine freundliche Lehrerin vor sich, die ihren Schülern auf Fahrradausflügen die Natur erklärte. Ihr Mann hatte nicht nur für die langen Sitzungen der Beigeordneten kandidiert, sondern war auch ehrenamtlich tätig und willens, um jede noch so kleine Angelegenheit zum Wohle der Stadt bis zur Erschöpfung zu kämpfen. Szacki bezweifelte, dass es in Polen noch ein zweites parteiloses Ratsmitglied gab, dem es gelang, den gesamten Rat zu einstimmigen Beschlüssen zu bewegen – zum Wohle von Sandomierz. Basta, basta, basta, er wollte nicht über die Budniks nachdenken, nicht bevor er mit dem alten Polizisten gesprochen hatte, der ihm schon zu verstehen gegeben hatte, dass er von diesen weltlichen Heiligen nicht gerade die beste Meinung hatte.
Er versuchte, seinen Kopf mit der Suche nach Informationen zu dieser geheimnisvollen Rasiermachete zu beschäftigen, und hier steckte der zweite Grund für seine Unzufriedenheit. Teodor Szacki traute seinen Mitmenschen nicht über den Weg. Menschen mit einem Hobby schon gar nicht. Insbesondere die Sammlerleidenschaft hielt er für eine Störung, und Menschen, die dazu fähig waren, dermaßen auf ein einziges Thema fixiert zu sein, für potenziell gefährlich. Er hatte einen Selbstmord gesehen, verursacht durch den Verlust einer numismatischen Sammlung; zwei Ehefrauen, deren Vergehen darin bestanden hatte, die kostbarste Briefmarke ihres Mannes zerrissen und die Erstausgabe von Die Mädchen von Wilko beziehungsweise Das Birkenwäldchen verbrannt zu haben – auch sie waren beide nicht mehr am Leben. Ihre Ehemänner, die Mörder, wachten bei ihren Leichnamen, weinten und wiederholten in einem fort, sie verstünden nicht, wie so etwas hatte geschehen können.
Die Welt der Messer war ebenfalls eine Welt von Liebhabern und Sammlern, und unter dem Namen Stich erschien sogar eine Zeitschrift, deren Autoren versicherten: »Wir möchten dir, lieber Leser, genaue Informationen über qualitativ hochwertige Messer und ähnliche Themen liefern. Auch interessante Merkwürdigkeiten fehlen nicht. Ein Beispiel dafür ist in der nächsten Ausgabe ›Die Peitsche‹, scheinbar exotisch, wird sie schon seit langer Zeit in Polen geflochten. Selbstverständlich geht es auch weiter mit der Artikelserie über lange Blankwaffen.«
Peitschen, Säbel und Fleischermesser – wahrhaftig ein reizendes Hobby, regte sich Szacki auf, während er sich in Diskussionsforen über Klingen, Griffe, Schleifmethoden, Schmiedekunst und Hauen und Stechen vertiefte. Er las die Bekenntnisse eines Schriftstellers, der eigenhändig Samurai-Schwerter fertigte, er las über den »Vater des modernen Damast«, der die Technologie der Herstellung von Damaszener Stahl beherrschte, er betrachtete Bilder von militärischen Ehrendolchen, von Jagdmessern zum Aufbrechen von Wild, von Schwertern, Bajonetten, Rapieren und Pallaschen. Er hätte nicht gedacht, dass die Menschheit so viele Arten an scharfen Gegenständen hervorgebracht hatte.
So viele, aber eine Rasiermachete hatte er nicht gefunden.
Schließlich schoss er in einem Akt der Verzweiflung mit seinem Handy ein paar Fotos von der mutmaßlichen Tatwaffe und schickte sie an die Redaktion der Zeitschrift. Vielleicht konnte ihm der Stich ja doch etwas darüber sagen.
10
Der Frühling kam und ging, und an diesem Abend spürte Teodor Szacki empfindlich die Kälte, als er die Mickiewicz-Straße zur Pizzeria Modena hinunterging, wo er sich mit Wilczur verabredet hatte. Der Inspektor hatte sich nicht zu einem Treffen am Marktplatz überreden lassen und behauptet, er könne »dieses ganze gottverdammte Museum nicht ausstehen«. Aber selbst Szacki wohnte bereits lange genug in Sandomierz, um zu verstehen, worum es ging.
Sandomierz bestand aus zwei, eigentlich sogar aus drei Städten. Die dritte war die sogenannte Hütte auf der anderen Seite des Flusses, ein Überbleibsel aus einer Zeit, in der die Roten alle Anstrengungen unternommen hatten, die kirchliche Bürgerstadt in eine Industriestadt zu verwandeln, und dort eine riesige Glashütte hingestellt hatten. Die andere Seite war eine düstere, hässliche Gegend, die durch einen stillgelegten Bahnhof, eine scheußliche Kirche und einen riesigen Fabrikschornstein abschreckte, der zu jeder Tag- und Nachtzeit das Panorama des Karpatenvorlandes verschandelte, das man sonst vom hohen linken Weichselufer stundenlang hätte betrachten können.
Stadt Nummer zwei war das Sandomierz, in dem sich tatsächlich das alltägliche Leben abspielte. Hier gab es eine kleine Siedlung mit zum Glück nicht eben invasiven Plattenbauten, ein Stadtviertel mit Einfamilienhäusern, Schulen, Parks, dem Friedhof, dem Militärposten, der Polizei, dem Busbahnhof, kleineren und größeren Geschäften und der Bibliothek. Kurzum, eine polnische Kleinstadt, vielleicht ein wenig gepflegter und hübscher als andere, weil sie auf den Hügeln lag. Aber sie hätte sich durch nichts von unzähligen anderen polnischen Kaffs unterschieden, wäre da nicht Stadt Nummer eins gewesen.
Stadt Nummer eins war das Postkarten-Sandomierz von Pater Mateusz und Jarosław Iwaszkiewicz, ein Kleinod auf der Weichselböschung, das unveränderlich jeden entzückte und in das Szacki sich seinerzeit verliebt hatte. Er schlenderte immer noch manchmal bis zur Brücke, nur um die an der Böschung übereinandergetürmten Bürgerhäuser, den ehrwürdigen Bau des Collegium Gostomianum, die Türme von Rathaus und Kathedrale, die Renaissanceattika des Opatów-Tors und die Burg zu betrachten. Je nach Tageszeit und Wetterverhältnissen bot sich ihm jedes Mal ein anderer Anblick, der ihm immer wieder zu Herzen ging.
Leider war es ein Anblick, und Szacki wusste das mittlerweile nur zu gut, der nur aus der Ferne einen stark italienischen, ja toskanischen Eindruck erweckte. Das Innere der Altstadt war schon recht polnisch. Sandomierz war von Krakau, vor allem aber von Warschau viel zu weit weg, als dass es wie Kazimierz Dolny ein Kurort hätte werden können. Dabei hätte es das hundertfach verdient gehabt, eben weil es so eine schöne Stadt war und nicht bloß ein Dorf mit drei Renaissancehäusern und ein paar Dutzend Hotels, in denen jeder dahergelaufene polnische Firmenchef seine Geliebte vögeln konnte. Seine Lage abseits der Touristenwege führte dazu, dass die hübschen Gassen der Altstadt von Sandomierz Langeweile, gähnende Leere, polnische Hoffnungslosigkeit und den Geruch eines, wie hatte der Inspektor es genannt, »gottverdammten Museums« verströmten. Am Nachmittag verschwanden die Schulausflügler, die älteren Bewohner verschanzten sich in ihren Bürgerhäusern, kurz darauf schlossen die wenigen Geschäfte und ein bisschen später die Kneipen. Szacki war es schon passiert, dass er abends um sechs den Weg von der Burg zum Opatów-Tor hinuntergeschlendert war, ohne einer einzigen lebenden Seele zu begegnen. Eine der schönsten Städte Polens lag dann verlassen da, ausgestorben und deprimierend.
Szacki stiefelte entlang zum Modena. Autos tauchten auf, Leute, Geschäfte, noch gut besucht um diese Zeit, Kinder mit ihren Handys, irgendwer aß einen Pfannkuchen, ein anderer rannte zum Bus, jemand rief einer Frau auf der anderen Straßenseite zu, ja doch, er komme ja gleich, ob sie sich bitte noch einen Moment gedulden könne. Immerhin. Aber es war nicht genug. Szacki atmete tief durch, er hatte Angst davor, es sich selbst einzugestehen, aber die Großstadt fehlte ihm sehr. So sehr, dass selbst ein so bescheidener Ersatz wie Sandomierz bewirkte, dass das Blut wieder schneller in seinen Adern kreiste.
Das Modena war eine nach Bier stinkende Provinzspelunke, aber – und das musste man anerkennen – es gab hier die beste Pizza in ganz Sandomierz. Dank der »Romantica« mit doppeltem Mozzarella war Szackis Cholesterinspiegel mehr als nur einmal angestiegen. Inspektor Wilczur saß nach Schnüfflermanier in der dunkelsten Ecke, mit dem Rücken zur Wand. Ohne seine Jacke sah er noch dürrer aus, und Szacki musste dabei unwillkürlich an die Spiegelkabinette auf den Jahrmärkten der Urlaubsorte denken. Das konnte doch nicht möglich sein, dass ein Mensch derart schmal war. Es sah aus, als hätte man einen präparierten Kopf aus Jux auf alte Klamotten gesetzt.
Wortlos nahm er Wilczur gegenüber Platz und ging im Geist seinen Fragenkatalog durch. »Wissen Sie, wer das getan hat?«
Wilczur akzeptierte die Frage mit einem Blick. »Nein. Ich habe auch keine Ahnung, wer das getan haben könnte. Ich kenne niemanden, der das gewollt hätte. Niemanden, der von diesem Tod profitiert. Ich würde ja sagen, das war keiner von hier, wäre da nicht die Tatsache, dass es einer von hier gewesen sein muss. Ich glaube nicht an dahergelaufene Fremde, die sich so viel Mühe machen.«
Das waren sie eigentlich schon, die Antworten auf Szackis Schlüsselfragen. Zeit, zu den nebensächlichen überzugehen.
»Bier oder Wodka?«, fragte Szacki.
»Wasser.«
Szacki bestellte Wasser, eine Cola und eine »Romantica«. Dann lauschte er Wilczurs krächzender Stimme, während er in Gedanken ein Protokoll der Unterschiede zwischen dem Bericht des alten Polizisten und Sobierajs rührseliger Überlieferung anlegte. Die reinen Informationen des Alten waren die gleichen. Grzegorz Budnik war seit 1990, also »seit ewigen Zeiten«, Stadtrat von Sandomierz, mit ungestillten Ambitionen auf den Bürgermeisterposten, und seine verstorbene, fünfzehn Jahre jüngere Frau Elżbieta, Englischlehrerin an der berühmten »Eins«, also dem Allgemeinen Gymnasium im Gebäude des früheren Jesuitenkollegiums, leitete einen Künstlerklub für Kinder und beteiligte sich an allen möglichen lokalen Kulturveranstaltungen. Sie wohnten in einem kleinen Haus an der Katedralna-Straße, in dem angeblich früher der berühmte Autor Iwaszkiewicz gewohnt hatte. Nicht gerade vermögende, kinderlose Inhaber vieler Ehrenämter, wollte man unbedingt nach einem Etikett suchen, dann war er, wegen seiner Vergangenheit im Stadtrat, ein Roter und sie eine Schwarze wegen ihres Engagements in kirchlichen Initiativen und ihres dezent praktizierten Katholizismus.
»In gewisser Weise ist ihre Beziehung ein Symbol für diese Stadt«, hatte Sobieraj gesagt. »Menschen mit sehr unterschiedlichen Weltanschauungen, mit unterschiedlichen Geschichten, die theoretisch auf entgegengesetzten Seiten der Barrikade stehen. Aber immer fähig sind, miteinander zu einer Einigung zu finden, wenn es um das Wohl von Sandomierz geht.«
»In gewisser Weise ist ihre Beziehung ein Symbol für dieses Kaff«, sagte Wilczur. »Anfänglich wollten die Roten und die Schwarzen sich gegenseitig etwas beweisen, aber schließlich wurden sie einsichtig und einigten sich im Interesse aller. Nicht von ungefähr hockt der Magistrat in seinem Sitzungssaal im alten Dominikanerkloster mit Blick auf die Synagoge und das alte jüdische Viertel. Damit se nich vergessen, wos git is firs Gescheft«, ahmte er die jiddische Sprechweise des Magistrats nach. »Ich will Ihnen keinen Vortrag in Stadtgeschichte halten, aber kurz gesagt, zur Zeit der Kommunisten galt die Stadt einfach als bäh. So was wie Tarnobrzeg mit seinem Schwefel dagegen war fein, das galt vielleicht noch für die Glashütte am anderen Weichselufer, aber hier im Ort gab’s nichts weiter als die Macken der Intelligenzler und der Soutanenträger. In Warschau gab’s sogar einen Wegweiser nach dem ›feinen‹ Tarnobrzeg, hier dagegen nur Armut und Elend, wir galten als beschissenes Freilichtmuseum. Dann kam die Wende, die Leute freuten sich, aber nicht lange, denn plötzlich stellte sich heraus, das ist keine Stadt, sondern ein weltlicher Auswuchs auf dem gesunden Gewebe der Kirche. Erst wurde das Kino zum Katholischen Haus umfunktioniert. Dann fingen sie an, auf dem Marktplatz Gottesdienste abzuhalten. Auf der Festwiese haben sie Johannes Paul in Leuchtturmgröße hingestellt, nur damit sie anschließend einen Vorwand hatten: Es schickt sich nicht, dass dort Veranstaltungen stattfinden; jetzt scheißen da nur noch die Hunde auf den Platz. Und wir sind abermals ein elendes Freilichtmuseum mit mehr Kirchen als Kneipen. Dann kommen wieder die Roten ans Ruder, und nach einem Moment der Verwirrung zeigt sich, wenn es is e gits Gescheft, dann eiwei, eiwei, da können doch alle davon profitieren. Wenn dann auf Liegenschaften, die nun wieder der Kirche gehören, ein Laden gestellt wird oder eine Tankstelle, sind alle zufrieden.«
»War Budnik daran beteiligt?«
Wilczur zögerte, er bestellte noch ein Wasser, mit einer Geste, die wenigstens einen Malt-Whisky erwarten ließ. »Ich habe zwar damals in Tarnobrzeg Dienst getan, aber auch dort haben die Leute über Budnik geredet.«
»So ist Polen, geredet wird immer. Ich habe gehört, dass er nie in etwas verwickelt war.«
»Offiziell nicht. Aber die Kirche muss keine öffentlichen Ausschreibungen machen, sie kann wem auch immer verkaufen, was sie will. Und für wie viel sie will. Das war schon ziemlich eigenartig, da gibt die Stadt der Kirche die Liegenschaften mit Freuden zurück, im Rahmen der Wiedergutmachung für kommunistisches Unrecht, und die hat nichts Besseres zu tun als sie gleich weiterzuverkaufen, damit eine neue Tankstelle gebaut werden kann oder ein Supermarkt. Man weiß nicht, an wen, man weiß nicht, für wie viel. Aber Budnik war ein großer Verfechter davon, Gott zu geben, was Gottes ist, und dem Juden zu geben, was jüdisch ist.«
Szacki zuckte mit den Achseln. Er langweilte sich, es ermüdete ihn, dass alle Aussagen Wilczurs so negativ waren, vollgesogen mit polnischem Gift und klebrig wie die Tische im Modena.
»Solche Geschäfte werden doch landauf, landab in Polen gemacht, was hat das schon für eine Bedeutung? Hat sich Budnik dadurch Feinde gemacht? Etwas für jemanden nicht gedeichselt? Oder nicht so gedeichselt, wie er sollte? Hatte er einen Deal mit der Mafia? Vorläufig sieht mir das alles nach Kuhhandel aus, das reicht höchstens als Aufmacher für die lokale Schülerzeitung. Nichts, wofür man seiner Ehefrau die Kehle durchschneidet.«
Wilczur hob seinen dürren runzligen Finger. »Vielleicht sind die Liegenschaften hier ja nicht so viel wert wie an der Marszałkowska-Straße in Warschau, aber umsonst gibt sie auch hier keiner her.«
Er schwieg und versank in Gedanken. Szacki wartete und beobachtete den Inspektor. Er versuchte, in ihm den loyalen, erfahrenen Bullen zu sehen, aber Wilczur hatte etwas an sich, das ihn abstieß. Er sah aus wie ein Vagabund, und dieses Vagabundenhafte war so sehr Teil seiner selbst geworden, dass er anziehen und trinken konnte, was er wollte, er würde immer wie ein Wodka saufender Vagabund daherkommen. Es gab zwar bislang keinen vernünftigen Grund dafür, aber das Vertrauen, das Szacki Wilczur entgegenbrachte, schmolz von Minute zu Minute dahin. Kuzniecow fehlte ihm. Er fehlte ihm sogar sehr.
»Sie können ja selbst beobachten, wie es in der Stadt aussieht«, fuhr Wilczur fort. »Vielleicht schläft sie ihren Dornröschenschlaf, aber das ist ein Leckerbissen, wie es in Polen keinen zweiten gibt, mit den besten Voraussetzungen dafür, ein zweites Kazimierz Dolny zu werden oder sogar noch besser. Man baut einen Anlegeplatz, richtet das eine oder andere Spa ein, und gleich nebenan führt die Autobahn vorbei, von Warschau nach Rzeszów und weiter in die Ukraine. Noch ein Stückchen hin, auf der anderen Seite, die Autobahn von der Hauptstadt nach Krakau. Fünf Jahre weiter und hier stauen sich jeden Freitag von überall die BMWs. Wie hoch klettern dann die Grundstückspreise für Baugrund? Aufs Zehnfache? Zwanzigfache? Hundertfache? Man muss kein Genie sein, um das vorauszusehen. Und nun überlegen Sie mal. Sie kennen Sandomierz, haben viel Geld und große Pläne. Hotels, Restaurants, Villenviertel, Touristenattraktionen. In dieser Erde stecken tatsächlich Milliarden. Und Sie wissen das, können aber im besten Fall eine Laube im Garten ihrer Villa aufstellen, weil das städtische Bauland mit Pauken und Trompeten an die Kurie zurückfällt, nur damit es anschließend die Vertrauenswürdigsten und diejenigen mit den besten Beziehungen in die Hände kriegen. Wo wohnen Sie?«
»Zur Miete in der Długosz-Straße.«
»Haben Sie mal nachgeschaut, wie viel hier eine Wohnung kostet? Oder ein Haus? Oder ein Baugrundstück?«
»Na klar, sechzig Quadratmeter ungefähr zweihunderttausend, ein Haus das Dreifache.«
»In Kazimierz kostet eine Wohnung dieser Größe zwischen einer halben bis zu einer Million, bei einem Haus gibt es eigentlich keine Obergrenze, aber die Verhandlungen fangen bei einer Million für eine heruntergekommene Bruchbude am Ortsrand an.«
Szacki stellte sich vor, wie er bei seiner Bank den höchstmöglichen Kredit aufnähme, den man ihm gewährte, und hier drei Wohnungen kaufte, um ein paar Jahre später als glücklicher Rentier dazustehen. Hübsch, wirklich sehr hübsch.
»Okay«, sagte er langsam. »Nächste Frage: Wer ist der Bauherr, der sich wegen einer Hundehütte im Garten seiner Villa am meisten über den Tisch gezogen fühlt?«
Zur Antwort knipste Wilczur den Filter von der nächsten Zigarette ab. »Sie müssen eins verstehen«, sagte er. »Budnik mag hier niemand.«
Szacki rutschte hin und her. Er hatte zwar einen scharfen Hund als Ortspolizisten erwartet, aber hier hatte er es mit einem Paranoiker zu tun.
»Man hat mir von den Budniks gerade erst ein Bild in lauter Pastellfarben gemalt, bei allen beliebt, weltliche Heilige. Stimmt es, dass er die Fernsehserie Pater Mateusz hier nach Sandomierz geholt hat?«
»Das stimmt. Sie sollten in Nidzica drehen, aber Budnik kannte jemanden bei TVP und hat sie überredet, mit der Serie nach Sandomierz zu kommen.«
»Ist es wahr, dass es ihm zu verdanken ist, dass aus dem Wildwuchs am Piłsudski-Boulevard ein Park und eine Anlegestelle werden?«
»Die reine Wahrheit.«
»Stimmt es, dass er den Piszczele-Park instand gesetzt hat?«
»Ja, das hat sogar mich beeindruckt, ich war mir sicher, keiner wird mit dieser Lößbodenschlucht fertig, die ihren Namen Mördern und Vergewaltigern verdankt.«
Szacki hatte von keinerlei Sandomierzer Mördern und Vergewaltigern gehört, mal abgesehen von den lokalen Kneipen, in denen der Geschmack gemordet und der Gaumen brutal vergewaltigt wurde. Er behielt diese Bemerkung aber für sich. »Und worum geht es dann?«, fragte er.
Inspektor Wilczur machte eine vage Geste, mit der er ihm zu verstehen gab, er versuche, etwas Unfassliches in Worte zu fassen. »Kennen Sie den Typ bekannter Ehrenamtsinhaber, der keinen Widerspruch verträgt, weil er ständig auf dem Kreuzzug ist?«
Szacki bejahte.
»So ein Typ ist er. Egal, ob er recht hat oder nicht, er geht einem immer unglaublich auf den Sack. Ich kenne Leute, die sich auf seine Seite geschlagen haben, nur damit er endlich Ruhe gibt. Damit er aufhört zu schwafeln, einen nachts nicht dauernd anruft und den Zeitungen nicht die Türen einrennt.«
»Das reicht nicht«, kommentierte Szacki. »Das ist doch alles viel zu wenig. Ein nerviger Aktivist, der sein eigenes kleines Provinzsüppchen kocht? Die haben ihm nicht die Autoreifen zerschnitten, die Scheiben eingeschlagen oder den Hund abgemurkst. Die haben ihm auf brutale und keineswegs zufällige Weise die Frau umgebracht.«
Sobieraj hatte die Tote ganz eindeutig charakterisiert. Großartig, gut, frei von Fehlern, das Herz am rechten Fleck, auch wenn ihr Mann auf seinen Kreuzzügen noch so aggressiv war und die Leute wütend machte, bei ihr wurden alle ganz weich. Sie half, sie stand mit gutem Rat zur Seite, sie erledigte die Dinge. Die wandelnde Güte mit vollen Lippen, schmaler Taille und einem Herzen, angefüllt nur mit dem Besten. Frau Staatsanwältin Sobieraj hatte frei von jeglicher Objektivität ihr zu Ehren ein Loblied angestimmt und anschließend losgeheult. Es war einfach peinlich gewesen. Aber trotz allem glaubwürdig. Indessen hatte Szacki mit Wilczurs Bericht ein Problem. Etwas stimmte nicht. Er wusste noch nicht, was, aber irgendetwas war faul.
»Mutter Elżbieta von den Engeln, haben die Leute sie genannt«, sagte Wilczur.
»Eine Närrin?«
»Ganz und gar nicht. Eine Verkörperung der Güte.«
»Dem Bericht nach war sie eine Närrin.«
»Sie wissen das, ich weiß es, und sie wusste es auch, und sie hat diesen Spitznamen gehasst. Aber so nannte man sie und hielt das auch noch für ein Kompliment. Ich will ehrlich zu Ihnen sein, sie war nicht meine Kragenweite, aber sie hat jedes Kompliment verdient. Sie war wirklich ein guter Mensch. Ich will mich nicht wiederholen, aber alles, was Sie über sie gehört haben und noch hören werden, ist wahr.«
»Vielleicht hat sie auch genervt? War zu ›ehrenamtlich‹? Zu katholisch? Keine Ahnung, vielleicht hat sie auf den Folkloremärkten zu wenig eingekauft? Das hier ist Polen, sie mussten sie doch für etwas hassen, hinter ihrem Rücken über sie herziehen, neidisch auf sie sein.«
Wilczur zuckte mit den Achseln. »Nein.«
»Nein, und sonst nichts? Schluss mit der blitzschnellen Analyse?«
Der Inspektor nickte und knipste von der nächsten Zigarette den Filter ab, und Szacki verspürte eine lähmende Resignation. Er wollte zurück nach Warschau. Jetzt. Sofort. Auf der Stelle.
»Und die Beziehung zwischen den beiden?«, fragte er.
»Für gewöhnlich tun sich Leute aus der gleichen Liga zusammen, Sie kennen sicher das Prinzip. Schöne mit Schönen, Dumme mit Dummen, Verschwender mit Verschwendern. Frau Budnik dagegen stand zwei, drei Stufen über ihrem Mann. Wie kann ich Ihnen das erklären …?« Wilczur dachte nach, wobei sein Gesicht einen gespenstischen, toten Ausdruck annahm. Im fahlen Licht der Pizzeria hinter den Schwaden von Zigarettenrauch sah er wie eine stümperhaft reanimierte Mumie aus.
»Die Leute ertragen Budnik nur wegen seiner Frau. Sie denken, na wenn schon, hat er eben einen an der Klatsche, aber wenn eine solche Frau an seiner Seite steht, kann es so schlimm nicht sein. Und er weiß das. Budnik weiß, dass es widersprüchlich ist.«
Sobieraj hatte gesagt: »Ich wünschte mir, ein Mann wäre über so viele Jahre so verliebt in mich. Ich wünschte mir, tagtäglich so viel Bewunderung in jemandes Augen sehen zu können. Von außen schienen sie ein ungleiches Paar zu sein, aber sie waren großartig. Ich würde jedem so viel Liebe und solch eine Bewunderung wünschen.«
»Er bewunderte sie, aber es war etwas Schmutziges in dieser Bewunderung«, verspritzte Wilczur sein Gift, »etwas Besitzergreifendes, Klebriges, so würde ich es nennen. Meine Ex hat vor zehn, zwölf Jahren im Krankenhaus gearbeitet, als festgestellt wurde, dass Frau Budnik keine Kinder bekommen kann. Sie war vollkommen verzweifelt, er nicht die Bohne. Er hat gesagt, dann muss ich dich wenigstens mit niemandem teilen. Das war Leidenschaft, gewiss. Aber Sie wissen ja, wie das so ist mit der Leidenschaft.«
In der Tat, Szacki wusste es, aber er wollte Wilczur nicht beipflichten, weil er ihn immer weniger mochte und weil ihm jegliche Verbrüderung mit diesem Individuum abstoßend erschien. Er wollte das Gespräch nicht weiter in die Länge ziehen. Zwei Personen hatten ihm heute von den Budniks erzählt, aber er hatte den Eindruck, er wisse immer noch einen Scheiß, das brachte ihn alles nicht weiter.
»Haben Sie Budnik befragt?«, sagte Szacki zum Abschluss.
»Er ist in einer entsetzlichen Verfassung. Ich habe ihm nur einige ganz allgemeine Fragen gestellt, den Rest überlasse ich Ihnen. Er steht unter diskreter Beobachtung.«
»Wo ist er gestern gewesen?«
»Zu Hause.«
»Und sie?«
»Auch zu Hause.«
»Wie bitte?«
»Das behauptet er. Sie haben ferngesehen, sich aneinandergekuschelt und sind eingeschlafen. Vor Tagesbeginn ist er aufgestanden, um Wasser zu trinken, da war sie weg. Noch bevor er unruhig werden konnte, bekam er einen Anruf von Barbara Sobieraj.«
Szacki glaubte, nicht recht gehört zu haben.
»Das ist doch kompletter Blödsinn. Die dümmste Lüge, die ich in meiner ganzen Karriere gehört habe.«
Wilczur nickte nur zustimmend mit dem Kopf.
11
Staatsanwalt Teodor Szacki warf die in seinem Kühlschrank vor sich hin gammelnden Wurst- und Käsereste, eine zur Hälfte gegessene Pastete aus der Dose und ein Stückchen Tomate in den Müll, zögerte ein wenig beim Inhalt der Bratpfanne, aber schließlich landete die Bolognese-Soße von gestern auch in der Tonne. Der größere Teil von dem, was er zubereit hatte. Die ganze Zeit kochte er zu viel, so viel, dass es für eine dreiköpfige Familie und eventuelle Gäste reichen würde. In Sandomierz hatte er keine Familie, er hatte weder Freunde noch Bekannte oder Gäste, manchmal zwang er sich dazu, etwas für sich zu kochen, aber das Ritual einsamer Zubereitung und einsamen Verzehrs in der Küche war grässlich; er versuchte zu essen, wenn das Radio oder der Fernseher lief, aber diese Simulationen fremder Anwesenheit machten alles nur noch schlimmer. Er bekam keinen Bissen runter.
In die Läden zu gehen war für ihn eine Strafe. Er lernte, immer weniger einzukaufen. Anfangs – wie beim Kochen – hatte er automatisch so viel wie sonst auch immer in den Wagen gelegt. Er war daran gewöhnt, ganz egal, wie viel er auch einkaufte, es verschwand immer aus dem Kühlschrank. Jemand macht sich ein belegtes Brot, jemand kommt hungrig nach Hause, irgendwas wird abends beim Fernsehen geknabbert. Aber hier gab es nur ihn. Zuerst verzichtete er auf alles Abgepackte. In den Wurst- oder Käsepäckchen war zu viel für eine einzelne Person, jeden Tag warf er etwas weg. Er begann, nach Gewicht einzukaufen. Zweihundert Gramm Wurst, hundertfünfzig, hundert Gramm. Eines Tages stand er in diesem obskuren Konsumladen am Markt an der Kasse. Eine Kaisersemmel, ein Weißkäse, eine kleine Packung Orangensaft, fünfzig Gramm Rollschinken, eine Tomate.
Die Verkäuferin scherzte, er hätte wohl keinen Appetit. Wortlos ging er hinaus, konnte unterwegs gerade noch an sich halten und fing so erst zu Hause an zu weinen, während er sich sein Frühstück machte; als er sich mit den zwei belegten Broten auf dem Teller hinsetzte, schluchzte er so hysterisch, dass er überhaupt nicht mehr aufhören konnte. Tränen und Rotz verschmierten sich auf seinem Gesicht. Er heulte, wiegte sich dabei vor und zurück und konnte seinen Blick nicht von den Broten mit dem Rollschinken nehmen. Weil er begriff, dass er alles verloren hatte, was er liebte, und dass er es niemals wieder zurückerlangen würde.
Nach seinem Umzug aus Warschau hatte er fünfzehn Kilo abgenommen. Hier kannte ihn keiner, sie dachten alle, er sei schon immer so ein Hungerhaken gewesen. Die Anzüge hingen an ihm herunter, die Kragen waren ihm zu weit, und in die Gürtel musste er mit einem an der Gasflamme erhitzten Nagel zusätzliche Löcher stanzen.
Er hatte daran gedacht, sich in die Arbeit zu stürzen, aber hier gab es nicht so viel Arbeit. Er hatte daran gedacht, nach Warschau zurückzukehren, aber da war nichts, wohin er hätte zurückkehren können. Er hatte daran gedacht, jemandes Gesellschaft zu finden, die mehr wäre als nur ein Ausrutscher zwischendurch, aber dafür hatte er keine Kraft. Lange Zeit lag er einfach nur da und grübelte. Manchmal kam es ihm vor, als gehe es ihm schon besser, als stehe er schon wieder auf festem Boden, aber dann brach der Boden unter ihm weg, und er musste wieder einen Schritt zurückgehen. Er sah nicht, was sich dort befand, aber er tat diesen Schritt. Auf der anderen Seite der Kluft war sein altes Leben, schwirrten Weronika, Hela, Kuzniecow, seine Freunde. Licht, Stimmengewirr, ein Lachen. Bei ihm war nur Dunkelheit. Er versuchte, sich damit abzufinden, dass es immer so sein würde.
Er goss ein bisschen Wasser in die Bratpfanne mit der Soße und stellte sie auf den Herd. Bei Gelegenheit würde er sie abwaschen.
Wie konnte das alles nur sein? Menschen lebten nach ihrer Scheidung in Eintracht, manchmal waren sie sogar miteinander befreundet, sie zogen die Kinder gemeinsam auf. Demi Moore war auf Bruce Willis’ Hochzeit gewesen und umgekehrt, man musste nicht im selben Bett schlafen oder unter demselben Dach wohnen, um eine Familie zu sein. Er, Weronika und Hela würde immer eine Familie sein, ganz egal, was sich ereignet hatte und was sich noch ereignen würde.
Er griff nach dem Telefon, er hatte Weronikas Nummer noch immer im Kurzwahlspeicher. Nur dass sie jetzt Weronika war und nicht, wie früher, sein Kätzchen.
»Ja?«
»Hallo, ich bin’s.«
»Hallo, ich seh’s ja. Was willst du?«
Sie konnte unangenehm sein. Aber er verstand es.
»Ich rufe bloß so an. Um zu hören, ob alles okay ist. Wie geht’s dir, wie geht’s Hela?«
Ein Moment Stille.
»Schon wieder?«
»Was heißt hier ›schon wieder‹? Entschuldige, gibt es vielleicht einen besonderen Zeitraum, den ich einhalten muss, um anrufen zu dürfen und mich nach meiner Tochter zu erkundigen?«
Seufzen. »Alles in Ordnung mit deiner Tochter, ich treibe sie gerade an, dass sie ihre Hausaufgaben macht, sie schreibt morgen eine Klassenarbeit.« Ihre Stimme klang müde und lustlos, als hätte sie eine unangenehme Pflicht zu erfüllen.
Szacki spürte, wie ihm die Angriffslust in die Kehle stieg. »Was denn für eine Klassenarbeit?«
»Naturkunde. Teo, jetzt sag schon, was willst du wirklich? Entschuldige, aber ich bin ziemlich beschäftigt.«
»Ich würde wirklich gern wissen, wann meine Tochter mich hier mal besuchen kommt. Ich habe den Eindruck, du erschwerst ihr den Kontakt mit mir.«
»Werd nicht paranoid. Du weißt, dass sie nicht gern da runterfährt.«
»Weshalb? Weil ihr Stiefvater dann Konkurrenz bekommt und deine großartige neue Ehe nicht mehr so großartig ist?«
»Teo …«
»Sie muss doch verstehen, dass ich jetzt hier wohne.« Er hasste sich dafür, dass sich weinerliche Töne in seine Stimme mischten.
»Das musst du ihr schon selbst erklären.«
Er wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Hela sprach nicht gern mit ihm und hörte ihm auch nicht gern zu. Sie mochte ihr neues Zuhause, die zweihundert Kilometer entfernte, nur aus einem Zimmer bestehende Junggesellenbude ihres Vaters mochte sie nicht. Zuerst hatte sie noch versucht, diesen Widerwillen zu verbergen, in letzter Zeit aber nicht mehr.
»Gut, dann komme ich vielleicht.«
»Vielleicht. Wie du willst. Teo … ich bitte dich, wenn du nichts anderes hast, weswegen du anrufst …«
»Gib meinem kleinen Frechdachs einen Kuss, okay?«
»Okay.«
Sie wartete, ob er noch etwas sagen würde. Er spürte ihren Unmut und ihre Ungeduld. Er hörte die Geräusche auf der anderen Seite. Der Fernseher lief, Töpfe klapperten, jemand lachte, das Kind. Weronika legte auf, und in der kleinen Wohnung in der Długosz-Straße in Sandomierz herrschte Stille.
Szacki musste etwas tun, um nicht ins Grübeln zu verfallen. Er musste arbeiten, schließlich hatte er einen normalen Fall zu lösen. Er musste einen Ermittlungsplan erstellen, nachdenken, die einzelnen Handlungsetappen vorbereiten, alles in den Kalender eintragen. Warum tat er es nicht? Normalerweise hätte er schon drei Hefte mit Notizen gefüllt. Mit einer heftigen Geste öffnete er den Laptop, um nach Informationen zu suchen und sich auf Budniks morgige Vernehmung vorzubereiten. Er musste ja in den Medien reichlich präsent sein, sowohl er als auch seine Frau. Szacki würde Kommentare durchsehen müssen, Gerüchten nachgehen, Protokolle der Ratssitzungen durchforsten. Seinen Job machen. Ein kurzes Klingeln des Laptops informierte ihn, dass er eine neue Mail bekommen hatte.
From: redaktion@stich.com.pl
Subject: Re: Staatsanwalt fragt nach Rasiermachete
To: teodor.szacki@gmail.com
Date: 15. April 2009 19:44 CET
Ich grüße Sie!
Sie haben mich mit dem Staatsanwalt ganz schön erschreckt, ich dachte schon, wir hätten gegen irgendeinen Paragrafen verstoßen, weil wir Bilder von überlangen Messern gebracht haben. Zum Thema habe ich einige seriöse Sammler befragen müssen, um mich rückzuversichern, aber alle stimmen darin überein, dass Ihre »Rasiermachete« ein Chalef ist, also ein Messer zur rituellen Schächtung von Tieren, das der Shojchet, also der jüdische Metzger, benutzt.
Nach den Maßen lässt sich schlussfolgern, dass es zur Schächtung von Hornvieh bestimmt ist (die für Hühner und Lämmer bestimmten Messer sind kleiner), seinem Zustand nach könnte es gut und gerne noch in etlichen koscheren Metzgereien zum Einsatz kommen. Sie müssen wissen, dass Messer zur rituellen Schächtung in einem idealen Zustand sein müssen, jeder noch so kleine Kratzer, jede Scharte und jede Unebenheit schließen es von der Verwendung aus, die Schärfe der Schneide wird vor und nach jeder Verwendung mit dem Fingernagel geprüft. Nur ein perfekt geschärftes Messer kann mit einem einzigen Schnitt die Speiseröhre, den Kehlkopf, die große Halsvene und die Arterie durchtrennen, und das ist eine Bedingung bei einer rituellen koscheren Schächtung. Die Juden glauben, dies sei die humanitärste und am wenigsten schmerzhafte Art zu töten (inwiefern das der Wahrheit entspricht, ist eine andere Frage).
Ich hoffe, dass ich Ihnen behilflich sein konnte und dass das Messer – nebenbei gesagt, die Bezeichnung Rasiermachete gefällt mir sehr – nicht zu irgendwelchen schändlichen Zwecken benutzt wurde.
Herzlichst
Janek Wiewiórski
Redakteur
Szacki las die Mail ein paarmal, er verschwendete keinen Gedanken mehr an seine privaten Probleme. In dieser katholischen Stadt mit ihrer antisemitischen Vergangenheit hatte er die Ermittlung zum Mord an einer bekannten, öffentlich aktiven Person zu leiten, die wie eine Kuh in der jüdischen Metzgerei rituell abgeschlachtet worden war.
Es klopfte.
Das gibt wahrhaftig ein ziemliches Massaker, dachte Szacki und tadelte sich sofort für seine unpassende Wortwahl. Dann öffnete er die Tür.
Klara stand davor, splitterfasernackt, wie Gott sie schuf. Er betrachtete ihren reizenden knackigen Körper, die aufragenden jungen Brüste und die kastanienbraunen Locken, die über ihren Hals rieselten. Und lächelte glücklich und aufmunternd, während er rein gar nichts für sie empfand.
Aber das Lächeln war echt. Staatsanwalt Teodor Szacki hatte einen Fall und war glücklich darüber.

Zygmunt Miloszewski

Über Zygmunt Miloszewski

Biografie

Zygmunt Miłoszewski, geboren 1976 und früher Journalist bei Newsweek Polen, katapultierte sich mit »Warschauer Verstrickungen« in die erste Reihe der osteuropäischen Autoren, die gerade die internationale Krimiszene aufmischen. Für das Buch erhielt er den Preis Wielki Kaliber, die höchste polnische...

Medien zu »Ein Körnchen Wahrheit «

Weitere Titel der Serie »Teodor-Szacki-Reihe«

Trilogie des polnischen Autors Zygmunt Miloszewski um den eigenwilligen Staatsanwalt Teodor Szacki, die in drei verschiedenen polnischen Städten spielt, ebenso unkonventionell wie faktenreich und spannend erzählt.

Pressestimmen

Frankfurter Allgemeine Zeitung

»"Ein Körnchen Wahrheit" ist clever konstruiert, die fiktiven Verbrechen werden geschickt verknüpft mit realen Ereignissen aus dem Jahr 2009, in dem die Story spielt, und der düsteren Vergangenheit. Tief taucht man ein in die polnische Geschichte, die hierzulande vielen Lesern so fremd ist, obschon mit der deutschen so eng verknüpft. [...]. Der alte Wahn und der neue Antisemitismus bilden die Folie, vor der Szackis Mordermittlungen in Sandomierz spielen. Sie füllen mehr als 500 Seiten, da der Autor nicht nur Spannung erzeugen, sondern ein Panorama der polnischen Gesellschaft skizzieren möchte.«

Badische Zeitung

»Zygmunt Miłoszewski bietet ein Lese-Erlebnis der besonderen Art.«

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden