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Ein kenianischer SommerEin kenianischer Sommer

Ein kenianischer Sommer

Roman

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Ein kenianischer Sommer — Inhalt

Ein wunderbar romantischer Roman zwischen Europa und Afrika, Schweiz und Kenia, Herz und Verstand ...

Von wegen Sommer, Sonne, süßes Leben. Nach fünf Jahren Kenia sitzt Anita wieder im Flugzeug nach Hause. Ohne Job, ohne Mann, ohne Zukunftspläne. Und weil sie auch noch pleite ist, muss sie erst mal bei ihren stockkonservativen Eltern einziehen. Zum Glück ist da noch ihre Lieblingscousine, die lebenslustige Tessa, die Anita mit ihrem Optimismus ansteckt und für sie auf Männersuche geht. Doch dann begegnet Anita zufällig Simon wieder, dem kenianischen Arzt, den es wie sie nach Europa verschlagen hat …

€ 12,99 [D], € 13,40 [A]
Erschienen am 29.05.2017
220 Seiten
EAN 978-3-492-50075-3
€ 4,99 [D], € 4,99 [A]
Erschienen am 14.01.2014
224 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98036-4

Leseprobe zu »Ein kenianischer Sommer«

Leseprobe

Deine Erinnerungen sind ein Land,
aus dem dich keiner vertreiben kann.

Afrikanische Weisheit

 

SCHWEIZ

 

Das Flugzeug landet sicher in Zürich, und bald schon betrete ich auf etwas wackeligen Beinen Schweizer Boden.

Ich friere.

Innerlich und äußerlich.

Eiszeit in jeder Beziehung.

Es ist Nachmittag, und die Schweiz empfängt uns in ihrem schönsten Novembergrau. Düster und erdrückend tief hängen die Wolken über Zürich. Man könnte die Stimmung nur noch mit etwas Eisregen oder Graupelschauer toppen. Es schüttelt mich.

Noch während ich am Gepäckband [...]

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Leseprobe

Deine Erinnerungen sind ein Land,
aus dem dich keiner vertreiben kann.

Afrikanische Weisheit

 

SCHWEIZ

 

Das Flugzeug landet sicher in Zürich, und bald schon betrete ich auf etwas wackeligen Beinen Schweizer Boden.

Ich friere.

Innerlich und äußerlich.

Eiszeit in jeder Beziehung.

Es ist Nachmittag, und die Schweiz empfängt uns in ihrem schönsten Novembergrau. Düster und erdrückend tief hängen die Wolken über Zürich. Man könnte die Stimmung nur noch mit etwas Eisregen oder Graupelschauer toppen. Es schüttelt mich.

Noch während ich am Gepäckband auf meinen Koffer warte, suche ich durch die Glasscheiben nach meinen Eltern. Sie wollten mich abholen kommen. Mein Herz klopft vor Aufregung ein wenig lauter.

Nein!

Onkel Hugo ist da!

Es ist doch immer das Gleiche. Meine Eltern hatten wieder einmal Wichtigeres zu tun und haben, wie bereits so oft, Onkel Hugo als Ersatz geschickt.

Ich muss ein paar Mal schlucken.

Ich sehe meinen Koffer übers Rollband auf mich zukommen, aber ich lasse ihn einfach noch eine Runde drehen, damit ich mich sammeln kann. Ich zähle von hundert rückwärts. Das tut gut.

100, 99, 98 …

Möglicherweise tue ich Onkel Hugo unrecht.

87, 86, 85 …

Vielleicht verkenne ich, dass er ein echter Freund ist. Aber zu oft habe ich als Kind auf meine Eltern gewartet, und Hugo wurde vorgeschickt: bei meiner ersten Schultheateraufführung (ich spielte einen Baum), bei meinem ersten Musikschulkonzert (ich spielte Blockflöte), ja sogar bei meiner Lehrabschlussfeier kam Hugo, und dabei war ich so stolz auf den besten Lehrabschluss meines Jahrgangs.

80, 79, 78 …

Wahrscheinlich hat er sich nie aufgedrängt, sondern wurde ständig von meinen Eltern delegiert. Vielleicht kann er mich auch nicht sonderlich leiden?

73, 72, 71 …

Ich beschließe hier und jetzt, ihm noch einmal eine Chance zu geben, und winke ihm zu.

Hugos Empfang ist nicht gerade überschwänglich.

»Schnell, schnell, wir müssen weg«, meint er nach einer flüchtigen Umarmung, nimmt mir den Koffer ab und drängt mich zum Ausgang. Kein Wunder: Sein Auto steht direkt vor der Ankunftshalle im absoluten Parkverbot. Immerhin ist es noch da.

Ich schüttle den Kopf über seinen Leichtsinn.

»Ich habe mich in Zürich verfahren, und am Ende wäre ich fast zu spät gekommen«, entschuldigt er seinen ungewöhnlichen Parkplatz.

Nachdem wir losgefahren sind, fragt er: »Kann es sein, Anita, dass du ein wenig streng riechst? Es ist wohl Zeit, dass du wieder in die Zivilisation kommst.«

Was soll ich dazu sagen? Ich könnte ihm haarklein von meinem Übelkeitsanfall berichten, aber wirklich Spaß macht das ja auch nicht. Und ich habe noch ein wenig Kenya-Gold-Gelassenheit in mir. Nichts und niemand kann mich aus der Ruhe bringen.

Hugo ist inzwischen sowieso beschäftigt. Er muss sich konzentrieren. In Zürich ist der Verkehr dicht und hektisch. Wir Landeier haben immer ein wenig Mühe, uns darin zurechtzufinden.

Als wir dann endlich auf der Autobahn Richtung Schwyz sind, bin ich erleichtert, und auch Hugo entspannt sich ein wenig.

 

Was wird mich wohl zu Hause erwarten?

Als Dreißigjährige wieder in mein Elternhaus einzuziehen, mittellos und ohne Zukunftsperspektiven, so hatte ich mir mein Leben wirklich nicht vorgestellt.

Ist es das Eingeständnis meiner Niederlage? Habe ich versagt? Wie muss das für meine Eltern sein? Freuen sie sich auf mich?

Seit Jahren leben sie nun alleine in unserem Haus im Grossstein, einem Wohngebiet etwas oberhalb des Dorfkerns von Ibach, aber unterhalb von Schwyz. Die beiden führen seit Jahrzehnten eine Buchhandlung. Seit ein paar Jahren ist diese im Einkaufszentrum Kaufrausch eingemietet. Im Bücherverkaufen sind meine Eltern wirklich gut. Bücher sind ihr Lebensinhalt. Wie sie es geschafft haben, nebenbei auch noch drei Kinder zu zeugen und aufzuziehen, hat mich nachträglich oft gewundert. Wenn ich an meine Eltern denke, dann sehe ich sie immer mit einem Buch: im Urlaub, unter dem Weihnachtsbaum, beim Kochen, auf der Toilette. So bin ich aufgewachsen und wurde automatisch selber ein Bücherwurm. Auch als Teenager gab es für mich nur Bücher. Es war einfach selbstverständlich, dass ich eine Lehre als Buchhändlerin machte.

Erst nach der Lehre kam bei mir die Rebellin durch. Ich hatte eine richtige Wut auf Bücher, als ich merkte, dass das wahre Leben außerhalb von Buchdeckeln stattfand und wesentlich spannender war als in der Literatur. Ich hatte das Gefühl, viel verpasst zu haben, weil ich mich ständig hinter Büchern verkrochen hatte.

Was war ich doch immer für ein braves, pflegeleichtes Kind. Ich hatte ja meine Bücher.

Als Teenager hing ich nie mit zweifelhaften Freunden herum. Ich hatte ja meine Bücher.

Irgendwann lernte ich aber einen jungen Mann kennen, der noch nie ein Buch gelesen hatte und auch noch stolz darauf war. Dafür konnte er verdammt gut küssen. Und ein echter, hingebungsvoller Kuss war schon eine Offenbarung und nicht zu vergleichen mit dem gelesenen Kuss in einem Liebesroman.

Ich war erst zwanzig, als ich mich wie eine Verdurstende ins Leben stürzte und wirklich alles machte, was Gott verboten hat. Als Erstes zog ich zu Hause aus und mietete mich in einer Luzerner Wohngemeinschaft ein. Ich nahm nur noch Gelegenheitsjobs an und ging auf Reisen, sobald ich wieder etwas Geld zusammengespart hatte. Das Reisen wurde zur Leidenschaft, zum Inbegriff des Ausbruchs aus meiner Vergangenheit. Wie wunderbar, die Länder zu riechen, zu fühlen, zu spüren, statt nur darüber zu lesen und sie in teuren Bildbänden anzuschauen!

So kam ich irgendwann nach Kenia, lernte Jan kennen und blieb.

»Du siehst aber schlecht aus, Anita«, meint mein Onkel Hugo wenig feinfühlig, nach einem kritischen Seitenblick. Wahrscheinlich hat er recht.

»Ich fühle mich auch so«, antworte ich knapp.

»Diesmal hast du den Karren ganz schön in den Dreck gefahren, nicht wahr?«, macht Hugo ungerührt weiter.

Gut, dass ich noch meine angetrunkene Gelassenheit verspüre. Ich könnte Hugo vor Augen führen, dass er seit Jahrzehnten der Loser der Familie ist. Sein erfolgreiches Uhrengeschäft hat er schon vor zwanzig Jahren ruiniert. Als seine Frau ihn verließ, hat er wohl erst gemerkt, wie wichtig sie für sein Geschäft gewesen war. Dann hielt er sich mit gelegentlichen Aufträgen mehr schlecht als recht über Wasser. Meine Eltern unterstützten ihn und ließen ihn oft für sich arbeiten. Eine Erfolgsgeschichte sieht anders aus. Jetzt ist er pensioniert und lebt von seiner Rente. Nebenbei repariert er noch immer antike Uhren. Die Kunden kommen zeitweise von weit her mit ihren kostbaren Schmuckstücken angereist, weil er dafür ein Händchen hat, das muss man ihm lassen.

 

Nach Hause zu kommen, ist immer etwas ganz Besonderes. Diesmal ist es eine äußerst emotionale Angelegenheit. Ich muss schon weinen, als ich die Mythen, unsere Hausberge, die so prägnant über den Talkessel von Schwyz wachen, erblicke. Da sind so viele Ängste in mir. Diese Heimkehr bedeutet auch das Eingestehen einer großen, schmerzhaften Niederlage, das Aufgeben eines wunderschönen Traums.

»Na, jetzt aber«, poltert Hugo, der mit Tränen und Gefühlen schlecht umgehen kann.

»Wem das Wasser bis zum Halse steht, der sollte den Kopf nicht hängen lassen«, lässt er wieder einen seiner gefürchteten Sprüche los und lacht schallend dazu. Aber damit kann ich im Moment besser umgehen als mit Mitleid und Mitgefühl.

Es ist schon dunkel, als wir unser Haus erreichen. Hugo hupt kurz, und schon brennt das Licht auf der Vortreppe, und aus der sich öffnenden Haustür spurtet Kafka, unser Familienhund. Er rennt wie von Sinnen um mich herum, bellt und wedelt, und sobald ich in die Knie gehe und über sein Fell streichle, versucht er, mein Gesicht abzuschlecken.

»Kafka. Wie schön, dass du noch da bist«, sage ich zu dem alten Hund. Er hat mich sofort wiedererkannt.

»Kafka, beruhige dich!«

Mein Vater pfeift Kafka zurück. Meine Eltern wollen mich schließlich auch begrüßen. Wir stehen uns einen Moment lang unsicher gegenüber. Aber dann nimmt mich meine Mutter in die Arme und sagt: »Schön, dass du hier bist, Anita. Es wird alles gut.«

Alles wird gut?

Ich kann es nicht wirklich glauben, und trotzdem ist es wunderschön, dies aus ihrem Munde zu hören. Auch mein Vater drückt mich an sich.

»Mädchen, du brauchst eine Dusche«, sagt er dann lachend und küsst mich auf die Nasenspitze.

Hugo verabschiedet sich.

»Ich erwarte noch einen späten Kunden«, erklärt er.

 

Mit gemischten Gefühlen betrete ich mein neues altes Zuhause. Alles ist so vertraut und doch irgendwie fremd. Ich bin hier aufgewachsen, aber seit vielen Jahren war ich nur noch eine seltene Besucherin. Jetzt darf ich hier wieder wohnen, bin wieder abhängig von meinen Eltern. Ein komisches Gefühl.

Meine Mutter holt mich in die Realität zurück und erklärt: »Ich bring dich auf dein Zimmer. Dann duschst du in Ruhe, und ich koche uns ein Abendessen. Was meinst du?«

Gute Idee.

Mein Zimmer? Gibt es das noch?

Mein früheres Zimmer liegt im zweiten Stock und ist eine kleine Kammer. Aber, und das hat mich schon als Kind glücklich gemacht, es hat einen kleinen Balkon.

»Ich hatte den Raum inzwischen als Abstellraum benutzt und als Bügelzimmer. Deshalb steht hier jetzt auch ein kleiner Fernseher. Den habe ich dir stehen lassen. Ansonsten sind alle deine Dinge, die du hiergelassen hast, noch immer da. Wir haben nichts verändert.«

Im Badezimmer hat sie mir alles Nötige vorbereitet. Sie hat mir auch einige warme Kleider herausgesucht und in den Schrank gehängt.

»Du kannst auch gleich einen meiner Pyjamas anziehen und so runterkommen. Ein Bademantel hängt im Badezimmer.«

Ich stehe einen Moment lang einfach so da, leicht benommen, unsicher, verloren. Meine Mutter nimmt mich noch einmal in den Arm. »Das wird schon alles wieder«, flüstert sie mir ins Ohr und wiegt mich ein wenig hin und her. Ich rieche ihr komisches, altes Parfum mit der schwermütig-süßen Note. Nur sie alleine riecht so, da bin ich mir sicher. Dieser Duft hat mich durch meine Kindheit begleitet. Er riecht nach Geborgenheit und Liebe.

 

Bevor ich schon wieder in Tränen ausbreche und mir hier und jetzt das ganze vergangene Jahr von der Seele weine, setze ich mich in Bewegung. Die heiße Dusche tut mir wirklich gut. Ich weiß es auch zu schätzen, dass es in der Schweiz immer genug Wasser gibt und ich nicht mit jedem Tropfen haushalten muss. Ich lasse es schäumen, duften, perlen und hoffe, dass auch meine trübe Stimmung im Abfluss verschwindet.

 

»Erzähl mal, wie es dir so geht«, fragt mein Vater beim Abendessen in der Küche. Wo soll ich bloß anfangen?

»Ich kann nicht mehr richtig schlafen. Darum fühle ich mich wohl so krank und erschöpft. Ich fürchte mich im Dunkeln. Ich habe Albträume.«

»Das wird sicher besser, jetzt, wo du hier bist«, meint meine Mutter beruhigend und gießt mir Kaffee ein. Wir essen Röschti mit Landjägern, Käse und trinken Milchkaffee dazu. Das alles schmeckt für mich nach Zuhause.

»Dein Appetit hat jedenfalls nicht gelitten«, versucht mein Vater die Stimmung aufzuheitern.

»Ich weiß nicht, wann ich zuletzt etwas gegessen habe«, verteidige ich meinen Hunger.

»Haben die euch nicht einmal im Flugzeug ordentlich gefüttert?«, fragt er verwundert.

Ich erzähle ihm von dem furchtbaren Flug, von Lorenzo und von unserer Medizin.

Schon legt meine Mutter besorgt ihre Stirn in Falten: »Du fängst doch nicht an zu trinken, Anita? Alkohol ist keine Lösung.«

Ich beruhige sie. Obwohl – gerade wäre mir ein wenig danach …

Das Essen schmeckt unbeschreiblich gut. »Hunger ist der beste Koch«, würde Hugo jetzt wohl sagen. Aber es liegt auch daran, dass ich zu Hause bin und meine Mutter mir eines meiner Lieblingsgerichte gemacht hat. Mit vollem Magen werde ich plötzlich entsetzlich müde. Ich kann dem Gespräch nicht mehr folgen. Mir fallen mehrmals die Augen zu.

Meine Mutter bringt mich ins Bett, als wäre ich noch ein Kind. Sie bleibt eine Weile am Bettrand sitzen, wie sie es früher immer tat.

»Es tut mir leid, Anita, das alles so gekommen ist. Wir werden dir helfen. Das wird schon alles wieder«, sagt sie und hält meine Hand. Sie hat gepflegte, zarte Hände, und jeder Nagel sieht perfekt aus, lackiert in einem dezenten Altrosa. Meine Hände sind dagegen extrem braun gebrannt.

»Ich lasse das Nachttischlämpchen brennen.«

»Danke, Mama.«

Ach, es tut wirklich gut, sich fallen zu lassen. Zum ersten Mal seit Wochen fühle ich mich sicher und geborgen, und ich schlafe sofort ein.

 

Mitten in der Nacht wache ich auf, schweißgebadet. Die Albträume sind mir also auch in die Schweiz gefolgt. Ich brauche ein paar Minuten, um die Panik zu überwinden, die mir fast den Atem raubt. Und wo bin ich hier überhaupt? Zu Hause, in meinem alten Zimmer!

Beruhigt mich das? Was soll ich hier?

Ich stehe auf, schüttle mich ein wenig, aber die Gefühle von Angst und Schrecken bleiben.

Ich öffne die Balkontür, und die Novemberkälte erschlägt mich fast. Ich sehe keine Sterne. Nicht einen einzigen. Eigentlich sieht man heute Nacht überhaupt nichts. Der Nebel hat uns eingehüllt.

Nebel.

Ich habe ihn in Afrika nie vermisst. Er ist für mich der Inbegriff von Herbst und Winter in ihrer unangenehmsten Form. Das Gedicht von Hermann Hesse fällt mir ein:

 

Seltsam, im Nebel zu wandern!

Einsam ist jeder Busch und Stein.

Kein Baum sieht den andern.

Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,

als noch mein Leben licht war.

Nun, da der Nebel fällt,

ist keiner mehr sichtbar.

 

Ich war der ganz große Hit in der zweiten Grundschulklasse. Die Lehrerin wollte wissen, ob eine von uns ein Gedicht kennt, und ich habe dieses Hesse-Gedicht zitiert. Sie holte nach der Pause vier Lehrerkollegen ins Schulzimmer, und ich musste meinen Vortrag wiederholen. Rückblickend verstehe ich, wie schräg ihnen das vorgekommen sein muss: Da steht so ein kleines Mädchen mit roten Locken und Zahnlücken und zitiert mit theatralischem Ernst diese traurigen Zeilen.

Heute würde man vielleicht mit dem Schulpsychologen sprechen und irgendwelche Therapien in Betracht ziehen. Aber man wusste ja, aus welchem Hause ich kam, und so wunderte man sich nur.

Ich war sowieso schon früh eine Außenseiterin. Schließlich konnte ich bereits lesen und schreiben, bevor ich zur Schule ging. Das machte mich nicht gerade beliebt. Und meine roten Haare gaben meinem Image als Sonderling noch den Rest. Dies hatte zur Folge, dass ich meine Nase noch tiefer in Bücher steckte.

Brrr. Schnell schließe ich die Balkontür wieder. Jetzt bin ich wirklich wach. Ich sehe mich ein wenig in meinem Zimmer um. Da hängen sogar noch die Poster an den Wänden, die ich einmal aufgehängt habe. Ein riesiges Bild von R. Kelly hängt über meinem Bett. Damals war ich schon ein wenig in Aufbruchsstimmung.

 

I believe I can fly

I believe I can touch the sky

I think about it every night and day

Spread my wings and fly away

 

Wie oft habe ich das Lied mit R. Kelly um die Wette gesungen, ja geschrien. Ich war endlich verliebt und davon wie beflügelt und abgehoben. Ich habe alle Türen der Welt eingerannt und war überzeugt, nichts falsch machen zu können.

Und jetzt habe ich eine totale Bruchlandung vollbracht.

Nein, ich kann nicht fliegen. Definitiv nicht.

Ich reiße das Poster von der Wand. Auch die süßen Backstreet Boys wandern in den Müll, genauso wie das riesige Bild vom bärtigen Che Guevara mit seiner Mütze. Der kubanische Revolutionär wird von allen als Symbol für ihren persönlichen Widerstand, ihren eigenen Kampf, missbraucht. Ich glaube nicht, dass er Lust hat, von der Wand auf mich herabzuschauen. Jetzt schon gar nicht, wo ich so ein erbärmliches Bild abgebe: nicht der geringste Kampfgeist.

Keine Aufbruchsstimmung. Ein einziges Jammertal.

Ich fange an, meinen Koffer auszupacken. Es sind nur wenige Sachen, die ich nach fünf Jahren Kenia mit nach Hause gebracht habe. Viel habe ich dort nicht gebraucht. Einiges habe ich bei dem Überfall verloren. Mein Handy und mein Laptop fehlen mir am meisten.

Ich wühle hektisch in meinen alten Sachen herum, sortiere Kleider, untersuche alle Schränke und Schubladen. Ich bewundere meine riesige Büchersammlung und drehe und wende meine alten Schinken.

 

So geht es mir jetzt schon seit Wochen. Ich wache in der Nacht schweißgebadet auf, ein furchtbarer Albtraum steckt mir noch in den Knochen, und dann ertrage ich es nicht mehr, im Bett liegen zu bleiben. Ich wage es auch gar nicht, weil ich Angst vor dem nächsten Traum habe. Ich leide daher unter chronischem Schlafmangel.

Nachts erschrecken mich eigenartige Kratzgeräusche an der Tür. Erlösend fällt mir ein, dass das nur Kafka sein kann. Gerne öffne ich ihm meine Tür. Der kleine Mischlingshund überrennt mich geradezu. Als ich vor ihm kauere, um ihm für seinen Besuch zu danken, wirft er mich um mit seinen ungestümen Liebesbezeugungen. Ich lasse mich auf den weichen Teppich fallen und muss es mir wieder einmal gefallen lassen, dass der komische Hund an meiner Nase leckt. Dann aber, als würde er meine Müdigkeit spüren, oder als wäre er selber kein Nachttier, als wollte er nur endlich, dass im Haus Ruhe einkehrt, kuschelt er sich ganz nahe an mich, legt den Kopf auf seine Pfoten und schläft ein. So findet uns am Morgen meine Mutter: zwei aneinander gekuschelte Bodenschläfer.

 

»So geht das nicht weiter mit ihr«, höre ich auf dem Weg zur Küche meine Mutter sagen. Sie sitzt mit meinem Vater am Frühstückstisch.

»Sie war die halbe Nacht wach. Am Ende hat sie mit Kafka am Boden geschlafen.«

»Sie muss zum Arzt. Morgen«, beschließt mein Vater.

Ich schüttle nur den Kopf. Tja, ich bin zu Hause. Es ist wieder klar, wer hier bestimmt. Aber wahrscheinlich hat Papa recht: Ich brauche einen Arzt.

»Tatsächlich habe ich auf dem Boden dann sehr gut geschlafen«, erzähle ich später, bei Brötchen und Kaffee. »Bis Kafka wieder angefangen hat, seine Zunge in meine Nasenlöcher zu stecken.«

Kafka bellt, als er seinen Namen hört, und verzieht sich dann in seinen Hundekorb, wo er sicher auch lieber schläft als auf dem Boden.

 

Es ist Sonntagmorgen. Wir können also ganz gemütlich frühstücken. Nur mein Vater hat es plötzlich eilig. Er singt im Kirchenchor und muss los. Er war schon immer in vielen Vereinen. Er meint, das sei für einen Geschäftsmann unabdingbar wichtig. Man müsse viele Menschen kennen und alle möglichen Kontakte pflegen.

»Ich sage unserem Doktor, dass du morgen vorbeikommst, wenn ich ihn sehe.«

So läuft das hier.

 

Meine Mutter muss mir nun erzählen, wie es meinen Geschwistern geht.

Mein Bruder Tom lebt in Berlin als freier Journalist. Er hat Journalismus studiert und ist dann sofort so weit wie möglich von zu Hause weggegangen. Er ist der Einzige meiner Familie, der mich einmal in Kenia besucht hat. Damals habe ich ihm Land und Leute gezeigt, und am Ende hat er mich umarmt und gesagt, dass er meine Liebe zu diesem Land nun verstehen könne und dass er fände, ich hätte für mich genau den richtigen Platz, den passenden Job gefunden. Das hat mir viel bedeutet.

Tom ist heute achtundzwanzig Jahre alt, und er steht mir sehr nahe, obwohl wir uns nur selten sehen. Auch meine Mutter kann mir wenig Neues von ihm erzählen.

»Er kommt ja nie vorbei. Er schickt höchstens mal eine E-Mail«, beklagt sie sich. »Er arbeitet jetzt für Spiegel online. Das soll sehr spannend sein.«

Jenny, meine ältere Schwester, wohnt noch immer hier in der Gegend. Wir beide haben uns noch nie gut verstanden. Sie hatte als Kind eine Lese- und Schreibschwäche. Was für eine Katastrophe in einer Buchhändlerfamilie! Heute würde sie wohl stundenlang therapiert. Damals hat man sie gequält und als faul bezeichnet. Wie hätte sie mich in ihr Herz schließen können, wo ich doch schon lesen konnte, bevor ich zur Schule ging? Ich war einfach nur anwesend bei ihren endlosen Nachhilfestunden und lernte alles vor ihr. Wie muss sie mich gehasst haben, wenn ich dann auf den Familienfesten mit meinen Gedichtvorträgen daherkam. Daran hat sich auch nichts geändert, als ich anfing, sie aus ganzem Herzen zu bewundern. Sie wurde nämlich eine ausgezeichnete Kunstturnerin. Sie reiste in der ganzen Schweiz herum und nahm an Wettkämpfen teil. Wie habe ich Jenny um ihr Hobby und ihren Erfolg beneidet! Schon als Teenager leitete sie Gruppen in ihrem Sportverein. Meine Eltern hatten kaum je Anerkennung dafür übrig. Sport hatte in ihrem Leben nie einen Platz. Sport sei eine Beschäftigung für Proletarier, hatte mein Vater sogar einmal bemerkt.

Jenny wurde Sportartikelverkäuferin und eröffnete das erste Fitnesscenter in unserer Gegend. Heute ist sie verheiratet mit Jonas, einem sportlichen Frusthaufen, der einst beinahe Profi-Tennisspieler geworden wäre. Ihre Tochter Steffi muss das nun ausbaden. Die Erstklässlerin hat schon diverse Tennisturniere gewonnen.

»Das Mädchen hat sich vor einer Woche ihren Arm gebrochen. Als Jenny anrief, dachte ich zuerst, Steffi sei gestorben, so verzweifelt war sie«, erzählt meine Mutter kopfschüttelnd.

»Nur die Kleine ist nicht verzweifelt. Endlich hat sie ein wenig Freizeit, und der Druck ihrer Eltern lässt nach. Ich habe ihr schon viele Bücher geschenkt. Das sieht Jenny gar nicht gerne. Sie hat wohl Angst, ein bisschen geistige Horizonterweiterung könnte das Kind von seiner Konzentration auf den Filzball abbringen.«

Ja, das kann ich mir vorstellen.

»Du wirst alle bald sehen. Nächsten Sonntag, wenn Dein Vater fünfundsechzig wird. Es gibt ein großes Abendessen. Du wirst die ganze Verwandtschaft treffen.«

Nein.

Ich bin noch gar nicht da. Ich bin krank. Ich bin dem Ganzen nicht gewachsen.

Meine Mutter streicht mir übers Haar und meint: »Das wirst du durchstehen müssen, Anita. Für deinen Vater. Du schaffst das schon. Es dauert ja noch eine Woche.«

Auch die Tochter von Onkel Hugo werde da sein. Immerhin: ein Lichtblick.

Ich habe Tessa seit unserer gemeinsamen Schulzeit nicht mehr gesehen. Sie war eine Außenseiterin, wie ich. Das hat uns damals verbunden. Keine Ahnung, was Tessa heute macht und wo sie lebt. Und meine Mutter scheint nicht viel über die junge Frau zu wissen.

»Sie ist ja als Kind mit ihrer Mutter hier weggezogen. Letztes Jahr war sie plötzlich wieder da. Sie lebt in einem heruntergekommenen Haus und macht irgendetwas mit Kunst.«

Ich würde diese lieben Menschen ja alle gerne wiedersehen. Aber nach und nach, in leicht verdaulichen Mengen. Familienfeste hingegen waren mir schon immer ein Gräuel.

 

Während der ersten Woche im Haus meiner Eltern falle ich wieder in meine Kinderrolle zurück, bin ganz brave Tochter, und Vater und Mutter bestimmen, wo es langgeht.

Dr. Bruno Betschart, unser Familienarzt und der Freund meines Vaters, verschreibt mir am Montag ein Schlafmittel, untersucht mich mehr als gründlich und nimmt mir das Versprechen ab, mich bei sei-nem Kollegen, einem Psychologen, zu melden. Hier kommt dann allerdings meine alte Renitenz wieder durch, und ich verschweige Letzteres meinen Eltern.

Meine Mutter geht mit mir einkaufen, weil ich ja keine geeigneten Kleider für den Winter mehr habe. Ohne Gnade schleppt sie mich von Geschäft zu Geschäft, vor allem natürlich zu Leuten, die auch bei ihr Bücher kaufen. Sie schickt mich zum Frisör, weil ich da schon zwei Jahre lang nicht mehr war. Sie hilft mir, die letzten Reste Nagellack von meinen Zehennägeln zu entfernen. Ja, Nagellack an den Zehennägeln, das brauche ich wohl lange nicht mehr, denke ich wehmütig. Das war ein beliebter Zeitvertreib in Kenia: Unsere Köchin Gladys und ich haben uns gerne gegenseitig die Zehennägel bemalt, wenn wir nichts zu tun hatten. Dazu haben wir uns alles Mögliche erzählt, Musik gehört und vor allem viel gekichert und gelacht.

Meine Eltern sind wirklich großzügig, aber auch sehr bestimmend. Ich füge mich und bin dankbar, wie es sich gehört.

Mit den Medikamenten kann ich etwas länger schlafen, bevor mich die Albträume wieder einholen. Aber es reicht nicht, nur die Symptome zu behandeln, das muss ich schmerzlich lernen. Denn am Donnerstag schon muss ich als Notfall zu unserem Hausarzt.

Ich habe seit Montag ständig zunehmende Schmerzen in meinem rechten Arm, die bis in die Schulter streuen. Inzwischen kann ich den Arm kaum mehr anfassen, so sehr tut alleine schon die Berührung der Haut weh. Dazu kommt ein leichter Ausschlag, der juckt und mich genauso beunruhigt wie die Schmerzen. Auch mein Rücken tut weh.

Dr. Betschart untersucht meinen Ausschlag und hört sich mein Gejammer geduldig an. Ich bitte ihn auch zu berücksichtigen, dass ich aus Afrika komme.

»Es könnte ja irgendeine Tropenkrankheit sein«, mutmaße ich besorgt. »Da gibt es doch beispielsweise so hässliche Hautparasiten.«

Davor hat es mich schon immer geekelt. Es schüttelt mich, wenn ich nur an die Möglichkeit denke, von exotischen Würmern befallen zu sein, die sich in meinem Körper breitmachen und sich fröhlich in meinen Innereien vermehren.

Der Arzt unterdrückt ein Lächeln und fragt: »Hast du den Psychologen aufgesucht, den ich dir empfohlen habe?«

»Nein. Noch nicht.«

Er schiebt seine Brille auf die Nasenspitze und schaut mich mit seinen klaren, durchdringenden Augen an und meint ganz ernst: »Du hast Herpes Zoster.«

Meine Güte! Das klingt ja vielleicht gefährlich! Eine Geschlechtskrankheit? Ansteckend?

»Nur keine Panik«, lächelt er schon wieder und erklärt mir: »Du hast eine hundsgemeine Gürtelrose. Schmerzhaft und blöde, aber auch bei dir ist sie sicher nicht ohne Grund ausgebrochen. Psychischer Stress ist der beste Nährboden für diese Viren.« Er sieht mich freundlich an. »Man muss solch eine Gürtelrose ernst nehmen. Ich werde dir ein Virostatikum und ein Schmerzmittel verschreiben. Aber dennoch, so leid es mir tut, können die Schmerzen noch wochenlang andauern. Und ich weiß: Das sind ganz schlimme Schmerzen, die vom entzündeten Nervengewebe herrühren.«

Er kramt in seiner Schublade nach einem Stift, schreibt in meine Akten hinein. Dabei brummelt er vor sich hin: »Dummes Kind. Das kommt davon, wenn man nur die Symptome behandelt. Du musst zu diesem Psychologen gehen. Aber wer hört schon auf mich. Ich bin ja nur ein alter Mann.«

Im Moment fühle ich mich sehr schlecht, und ich würde ihm alles versprechen, um an die Schmerzmittel zu kommen.

»Sie helfen nicht bei allen, die Tabletten. Aber ich habe noch stärkere Drogen, wenn es nötig wird.«

Bei der Verabschiedung meint er wieder lachend: »Kein Grund, die Familienfeier am Sonntag zu schwänzen. Ich werde auch da sein.«

Er droht mit dem Finger.

 

Draußen wartet meine Mutter auf mich, sehr besorgt. Die Diagnose schockiert sie.

»Eine Gürtelrose? Mein Gott, was hat Afrika bloß aus dir gemacht!«

Ist Afrika schuld an meiner Gürtelrose? Ich weiß es nicht. Bisher habe ich keinen Schuldigen für mein Elend gesucht. Ich weine auf dem Heimweg leise vor mich hin.

Daheim verkrieche ich mich im Bett. Das Wetter ist sowieso unwirtlich: Regen und Nebel wechseln sich ab. Nicht einmal Kafka will raus. Er schläft gerne neben meinem Bett, wie es scheint. Und sobald ich aufstehe, wuselt er um mich rum. Seine übertriebene Anhänglichkeit liegt wohl auch daran, dass er sonst sehr viel alleine ist oder in der Buchhandlung in einer Ecke auf einer alten Wolldecke hocken muss. Mir tut seine Zuwendung gut.

Ich weiß, ich sollte mir über meine Zukunft Gedanken machen. Ich sollte in der Buchhandlung vorbeischauen, dem Stolz meines Vaters. Ich sollte wahrscheinlich wirklich zu einem Psychologen gehen.

Gut, dass es Krankheiten gibt, hinter denen man sich verstecken kann, die einem Zeit geben. Die Schmerzen sind enorm. Sie überlagern sogar meine psychischen Probleme. Aber die Medikamente machen mich müde, und es gibt Nächte, in denen ich nicht aufwache. Ein Segen.

 

Am Samstag steht plötzlich mein Bruder Tom vor meinem Bett.

»Anita, hallo Schwesterherz!«, ruft er aus und lässt sich neben mich auf die Decke plumpsen.

»Ich sag es ungern, aber du siehst völlig fertig aus. Trotzdem ist es schön, dich zu sehen.«

Wir umarmen uns.

Es ist gut, dass Tom hier ist.

»Super, dass du morgen dabei bist, bei dem großen Familienfest. Du weißt, mir graut vor so was«, meint er.

»Da geht es mir genauso. Einer spinnt doch immer bei diesen Veranstaltungen. Am Ende wollen noch alle, dass ich ein Gedicht vortrage.«

»Du könntest ja ein paar Reime in Suaheli vortragen. Das würde dieses Thema für immer erledigen, was meinst du?«

»Gute Idee.«

»Wir stehen das gemeinsam durch«, schwört Tom.

»Aber jetzt besuche ich ein paar Freunde in Luzern. Wir können dann morgen zusammen zum Aperitif gehen, was meinst du?«

»Prima.«

Er umarmt mich, und schon ist er weg.

So ist es immer mit meinem Bruder, und darüber beklagen sich meine Eltern auch oft: Er ist ständig unterwegs, meist auf dem Sprung, voller Energie und Elan und Unternehmungslust. Trotzdem: Ich halte große Stücke auf ihn. Er ist mein Lieblingsbruder, wie ich oft betone.

 

Am Sonntagmorgen tanzen ein paar erste, vorwitzige Schneeflocken vom Himmel. Sicher nur eine kleine Showeinlage zum Geburtstag meines Vaters. Meine Eltern sind furchtbar aufgeregt. Meine Mutter hat sich in eine dichte Wolke ihres süßen Duftes eingehüllt. Sie trägt ein neues Seidenkleid und fürchtet, mit ihren leichten, eleganten Schuhen auf der Straße auszurutschen. Mein Vater trägt seinen schönsten Anzug, der inzwischen überall ein wenig spannt.

Schon zum Frühstück lässt er zur Feier seines Tages eine Wagneroper durchs Haus hallen. Ein paar Walküren singen sich gegenseitig nieder oder kämpfen vielmehr mit vereinten Kräften gegen ein großes, mit vielen Bläsern besetztes Orchester an.

Kafka hat sich unter dem Sofa verkrochen. Er mag es nicht, wenn jemand so laut und hoch singt. Ich würde es Kafka heute gerne gleichtun. Stattdessen ziehe ich das Ensemble an, das meine Mutter mir zu diesem Anlass gekauft hat. Eine braune Strickjacke mit braunem Shirt, alles aus feinstem Kaschmir. Dazu trage ich eine schwarze Hose und – ein bisschen Renitenz muss einfach sein – ein Paar uralte Westernstiefel aus meiner Jugendzeit. Eine Halskette aus Kenia, aus Kokosschalenteilchen, habe ich noch aus meinem Koffer hervorgekramt. Simon, ein kenianischer Arzt, hatte sie mir einmal geschenkt, als wir noch dachten, wir könnten ein Paar werden.

 

»Wirst du uns heute wieder ein Gedicht vortragen?«, fragt mein Vater gut gelaunt beim Frühstück. Als er meinen bösen Blick sieht, lacht er mich aus.

»Das war doch nur Spaß.«

»Ich wüsste ein schönes Gedicht von Heinz Erhardt«, ruft Tom von der Tür her und durchdringt mit seiner Stimme nur knapp das Trompeten- und Posaunengeschmetter.

»Wenn die Opern dich umbrausen mit Getön, dann genieße auch die Pausen: Sie sind schön.«

Tom und ich lachen und kichern und können uns fast nicht mehr erholen. Mir rinnt ein wenig Kaffee aus dem Mundwinkel. Schließlich muss ich husten und prusten. Vater schüttelt nur den Kopf über unser kindisches Benehmen und schaut uns schließlich strafend über den Brillenrand hinweg an.

Das bringt uns gleich zum nächsten Lachanfall, denn wir können uns noch gut daran erinnern, wie uns früher diese eiskalten Brillenrand-Blicke zu Salzsäulen erstarren ließen vor lauter Angst, wir hätten unseren Vater erzürnt. Heute hat er zwar Geburtstag, aber keine Macht mehr über uns. Tom und ich genießen das.

»Wir gehen jetzt zur Kirche«, verkündet Mama. Der Kirchenchor wird singen, und mein Vater ist zum Zuhören verdammt. Dies soll eine besondere Ehre sein. Alle Gäste treffen sich mit Papa in der Kirche. Nur ich bin entschuldigt, weil ich krank bin. Und Tom ist zu meiner Begleitung bestimmt worden, worüber er sehr froh ist.

»Gut, dass ihr nicht mit in die Kirche kommt«, meint mein Vater, wieder gutmütig brummelnd, während er in seinen Mantel schlüpft. »Ihr würdet auch dort nur herumalbern.«

Er schimpft noch vor sich hin, dass er mal mit dem Hausarzt reden müsse. Vielleicht hätte ich die falschen Medikamente bekommen. Aber seine Worte gehen schließlich in einem heftigen Crescendo unter: Alle Musiker singen, blasen, streichen wieder einmal um die Wette. Sogar die Pauken schlagen kräftig zu. Wagner muss etwas an den Ohren gehabt haben.

 

»Ihr seht sehr, sehr gut aus«, rühme ich das festlich gekleidete Paar. Tatsächlich: Meine Eltern sind ein schönes, elegantes Paar. Und kaum sind sie aus dem Haus, rennen Tom und ich auf den CD-Player los. Wir erreichen den Stopp-Schalter gleichzeitig und bereiten Wagners Walküren ein abruptes Ende. Die Stille im Haus ist wohltuend. Kafka kommt erfreut unter dem Sofa hervor und wedelt mit dem Schwanz. Tom und ich rezitieren im Chor: »Wenn die Opern dich umbrausen mit Getön, dann genieße auch die Pausen: Sie sind schön.«

Lachend räumen wir gemeinsam den Frühstückstisch ab. Später spazieren wir durch die Kälte den Hügel hinunter, über die Muotabrücke zum Restaurant Rose. Kafka rennt freudig um uns herum und vor uns her, um uns dann wieder direkt vor den Füßen fast zum Stolpern zu bringen. Ich gelobe, in Zukunft öfter mit ihm ins Freie zu gehen. Das wird uns beiden guttun.

 

Das Fest ist genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte: eine Mischung aus Oktoberfest und Minenfeld. Es beginnt mit einem Hammer: Onkel Hugo kommt in Begleitung einer Frau. Sie ist blond, attraktiv und kommt aus Hamburg. Sie lacht und strahlt, als würde sie die absolute Verblüffung und die versteckte Ablehnung meiner Familie gar nicht wahrnehmen.

Mein Herz erobert Inge im Sturm. Aber meine Eltern begrüßen sie mit einem steifen Lächeln und wissen gar nicht, was sie sagen sollen. Sicher nehmen sie es Hugo übel, dass er sie ohne Vorwarnung an einem offiziellen Fest mit dieser Frau überrascht. Immerhin ist es seit fünfzehn Jahren seine erste weibliche Begleiterin.

Hugo scheint ständig in sich hinein zu lachen und genießt die Situation.

»Wie kann er nur. Wie geschmacklos«, zischt meine Schwester Jenny in mein Ohr. »Der muss wohl unbedingt heute im Mittelpunkt stehen. Das sollte doch Papas Tag sein.«

»Oh, hallo liebe Jenny. Ich freue mich auch, dich zu sehen«, sage ich artig, ihre Worte bewusst ignorierend.

»Hallo, Anita. Wow, du siehst ja wirklich total schlecht aus«, meint sie und küsst mich flüchtig. Ihr Gesicht fühlt sich knochig an, ihre Umarmung hat nichts Herzliches.

Ich würde Jenny ja gerne antworten, dass ich wenigstens wüsste, warum ich schlecht aussehe.

Aber nein, ich bin heute nett.

Ich halte meinen Mund.

Meine Nichte Steffi wirkt sehr still. Ihr Arm ist eingegipst. Aber traurig scheint sie nicht zu sein. Jonas, ihr Vater, lässt das Familientreffen mit Geduld über sich ergehen, betont distanziert. Wir halten ihn wohl alle von Wichtigerem ab. Schon klar.

Tessa ist die schönste Überraschung für mich. Meine Cousine sieht fröhlich aus. Sie trägt Kleider in schrillen Farben, wild kombiniert, und hat kurze, schwarze Stoppelhaare. An ihren Ohren baumeln gigantische Ohrringe, an den Handgelenken klappern diverse bunte Ringe. Sie ist ein wenig blass und mager, hat sich aber als Kompensation eine Tonne roten Lippenstift auf die Lippen gepinselt.

»Komm sobald du kannst bei mir vorbei«, sagt sie zu mir. »Wir müssen unbedingt unsere alte Freundschaft aufwärmen.«

Na, so richtige Freundinnen waren wir nie. Aber wir könnten es immerhin werden. Sie sieht jedenfalls aus wie die Freundin, die ich jetzt brauchen könnte.

Und dann erzählt sie mir verschwörerisch: »Wie gefällt dir Inge? Ich habe sie im Internet für meinen Vater gefunden. Sie ist klasse.«

Das muss ich eindeutig bejahen.

»Aber wie wird sie wohl Hugos blöde Sprüche aushalten?«, wage ich einzuwerfen.

Tessa lacht nur.

»Da kennst du Inge schlecht. Stell dir vor: Papa muss für jeden Spruch zwei Franken in die Ferienkasse zahlen. Es soll schon recht viel Geld zusammengekommen sein.«

Wir lachen gemeinsam über diese gute Idee.

»Inge plant schon eine Weltreise.«

 

Ich sitze zwischen meiner Mutter und Tom. Jenny und Familie sitzen mir gegenüber. Während des mehrgängigen Essens kommen immer wieder Gäste zu mir und fragen, wie es mir geht. Sie möchten, dass ich ihnen von Kenia erzähle. Irgendwann scheint das meiner Schwester mächtig auf die Nerven zu gehen. In übertriebener Lautstärke, damit ihre wichtige Meinung auch wirklich alle hören, sagt Jenny: »Wie konntest du auch erwarten, in Afrika leben zu können? Wie naiv muss man sein, zu meinen, anderswo sei alles besser? Uns war das doch allen klar, dass man dort als Schweizerin nicht leben kann. Wir sind einfach ein viel besseres Leben gewohnt, auf einem viel höheren Niveau, in jeder Beziehung. Und wenn ich diese korrupten Politiker im Fernsehen sehe, dann kriege ich die Krätze.«

Das kann ich nicht einfach so unerwidert lassen: »Aber du weißt schon, dass diese zugegeben kriminellen Typen immer auf Helfer angewiesen sind? Und da gehören leider solche Länder wie die Schweiz dazu. Unsere Banken helfen gerne, Gelder verschwinden zu lassen, auch wenn Blut daran klebt, auch wenn Menschen deswegen verhungern, so-lange sie damit Geld verdienen.«

»Du willst ja wohl nicht der Schweiz die Schuld für das Elend in Afrika geben wollen?«, höhnt Jenny.

»Eine Mitschuld hat Europa mindestens«, antworte ich. »Und eine Mitverantwortung.«

Mein Bruder Tom kommt mir zu Hilfe: »Ich habe erst vor Kurzem darüber geschrieben, dass in Afrika jeden Monat eine halbe Million Menschen sterben, deren Tod sich mit den richtigen Medikamenten meist leicht hätte verhindern lassen. Sie sterben an Malaria, Tuberkulose, Aids, Masern, Tetanus. Gerade mal zwei Dollar pro Jahr stehen einem Afrikaner im Durchschnitt für Medikamente zur Verfügung.«

Dazu fällt mir ein: »Afrika hat drei Viertel aller Aidskranken, aber nur ein Viertel aller Aids-Medikamente.«

Tom bekommt nun Freude am Vortrag: »Aber auch die medizinische Forschung hilft nicht weiter. Neunzig Prozent der Forschungsgelder hier werden für Medikamente investiert, die nachher nur zehn Prozent der Menschen beglücken. Mit den Krankheiten der Armen mag sich keiner groß beschäftigen.«

Dazu sage ich nur: »Man verdient ja auch mehr, wenn man ein Mittel erfindet, das die Zähne weißer macht oder die Haare auf der Glatze wieder wachsen lässt.«

Eine halbe Million Afrikaner sterben jeden Monat! Jeden Monat.

Beim Tsunami 2004 waren es 300 000 Menschen, und die ganze Welt stand Kopf. Gut, man darf natürlich nicht die eine Katastrophe mit der anderen aufrechnen.

Giftig schneidet Jenny uns das Wort ab: »Aber eines könnt ihr ja wohl wirklich nicht wegdiskutieren: Deine lieben Kenianer, Anita, diese wunderbaren Menschen, die haben sich noch vor Kurzem gegenseitig die Schädel eingeschlagen, auf grausamste Weise. Und dies ohne Einwirkung von außen. Und wenn die Kenianer so großartige, zivilisierte Menschen wären und nur arme Opfer, dann wärst du ja heute wohl auch nicht hier.«

Was soll ich darauf antworten? Sie hat ja recht.

Nur tut es sehr weh, es von ihr derart unsanft um die Ohren gehauen zu bekommen. Ich halte die Klappe und beiße auf einem Fingernagel herum.

Einen Moment lang herrscht Stille am Tisch. Es ist mir peinlich. Bin ich schuld an der schlechten Stimmung? Jenny schickt mir vorwurfsvolle, böse Blicke über den Tisch. Meine Mutter zupft nervös an ihrer Serviette herum.

Ich hätte zu Hause bleiben sollen.

Nur Tessa zwinkert mir vom anderen Tischende her zu.

Onkel Hugo rettet mich, weil er wieder einmal zum Anstoßen aufruft und einen Trinkspruch von Theodor Storm zum Besten gibt: »Der Nebel steigt, es fällt das Laub. Schenk ein den Wein, den holden! Wir wollen uns den grauen Tag vergolden, ja, vergolden.«

Und sofort schreien alle, dass er jetzt zahlen müsse. Er habe doch versprochen, keine Sprüche mehr zu machen. Vor allen Gästen überreicht der gut gelaunte Hugo seiner Inge zwei Franken. Dann lacht er zu mir rüber, und mir wird klar, dass er mich ganz bewusst gerettet hat.

 

Tante Tina, Papas ältere Schwester, ist ein Original. Sie lebt längst im Altersheim und wird nur noch zu besonderen Festen abgeholt. Da sie geistig bereits einigermaßen verwirrt ist, überfordern sie diese Anlässe regelmäßig. Wahrscheinlich würde sie sogar lieber im Heim bleiben. Aber sie weiß, was sich in unserer Familie gehört. Da gibt es kein Entkommen. Außerdem isst sie gerne auswärts. Allerdings trinkt sie auch gerne auswärts. Und so sorgt Tante Tina dafür, dass man mich und das Streitgespräch schnell vergisst. Sie fällt nämlich noch vor dem Kaffee vom Stuhl, und als ihr eine Bedienung beim Aufstehen helfen will, schlägt Tina nach der Frau und beschimpft sie. Sie inszeniert einen regelrechten kleinen Tumult. Während des Kaffees schläft sie dann allerdings ein, und als sich irgendwann unter ihrem Stuhl auch noch eine kleine Pfütze bildet, fangen heftige Diskussionen an, wer denn nun die Tante ins Heim zurückfahren müsse.

Mir geht es nicht mehr besonders gut, und ich versuche, mich unsichtbar zu machen. Ich habe Schmerzen und bin unendlich müde. Manchmal befürchte ich, auch vom Stuhl zu kippen. Aber das muss ich jetzt durchstehen. Familienfeste sind nun mal kein Zuckerschlecken. Ich beobachte und wundere mich nicht einmal mehr. Das ist sie, meine Familie: ein komischer, schwieriger und irgendwo doch liebenswerter Haufen.

Die Schwarzwäldertorte kann ich nicht mehr essen, und ich schiebe sie möglichst unauffällig meiner Nichte Steffi zu. Ich habe nämlich gesehen, mit welchem Heißhunger sie über ihr eigenes Stück hergefallen ist.

Schon bin ich allerdings wieder auf eine versteckte Landmine getreten.

»Wie kannst du nur, Anita! Du weißt, dass Steffi sich gesund ernähren und auf die Figur achten muss. Wie kannst du mir so in den Rücken fallen«, beschimpft mich meine Schwester. »Sie hat das Zeug, einmal eine große Tennisspielerin zu werden. Aber das scheint hier keiner zu respektieren. Du stopfst sie mit Süßigkeiten voll, und Mama gibt ihr ständig Bücher, die sie nicht braucht.«

Darauf fällt mir dann nur eine giftige Bemerkung ein, die ich mir nicht verkneifen kann: »Ach, ich wusste ja gar nicht, dass Bücher Spitzensportlern schaden. Ist ein bisschen Allgemeinbildung im Spitzensport kontraproduktiv?«

Und Tom gibt meiner Schwester noch den Rest: »Du hast doch bloß Angst, sie könnte anfangen, selbstständig zu denken, und merken, dass sie gar nicht Tennisspielerin werden will.«

Wums.

Diese Mine ist voll explodiert.

Jenny stochert mit spitzem Finger in unsere Richtung und keift: »Ihr habt ja keine Ahnung. Wir haben eben Ziele und kämpfen dafür. Wir haben dazu noch ein florierendes eigenes Geschäft. Ihr dagegen trödelt bloß in der Welt herum, habt keinen Ehrgeiz und setzt euch einfach wieder bei den Eltern an den Tisch, wenn alles schiefläuft, und ihr schämt euch nicht einmal. Aber immer gleich groß das Maul aufreißen.«

Jenny steht auf, packt ihre Sachen zusammen und verlässt den Saal. Tochter und Ehemann folgen ihr.

Gut, dass jetzt grad der Kirchenchor reinkommt, um ein paar lustige Lieder zu Papas Geburtstag zu singen. Tom und ich nutzen die Gelegenheit, ein wenig vor die Tür zu gehen.

»Du kannst noch so lange weggewesen sein, hier ändert sich nie etwas«, sagt Tom und zündet sich eine Zigarette an. Es ist eiskalt, und doch scheint mir der frische Wind gerade irgendwie gut zu tun. Kafka hat sich uns angeschlossen und schnüffelt neugierig auf dem Vorplatz herum.

»Wenn mir eines in Kenia sicher nie gefehlt hat, dann diese gezwungenen Feste. Diese Zusammenkünfte, die oft gemütlich beginnen, aber meist in kleine Massaker ausarten. Warum ist eigentlich Jenny immer noch so giftig? Wird sie sich nie ändern?«

»Sie hatte eine schwere Kindheit«, sagt Tom, schneidet eine Grimasse und lacht dazu.

»Tom, ich kann hier nicht mehr lange bleiben. Ich habe Schmerzen, und ich fühle mich ziemlich elend.«

Tom legt mir mitfühlend den Arm um die Schulter.

»Da schlage ich doch vor, dass ich dir ein Taxi rufe. Ich werde wohl hier noch die Stellung halten müssen, als einziger Vertreter der Kinder. Aber ich sehe wirklich nicht ein, dass du dich weiter hier herumquälst.«

Kafka rennt wie verrückt um mich herum und wedelt mit dem Schwanz. Er freut sich auch auf sein Zuhause.

Am Montag raffe ich mich endlich dazu auf, unserer Buchhandlung einen Besuch abzustatten. Es ist ja nur ein kurzer Fußmarsch zum Einkaufszentrum. Ich bin schockiert, wie das riesige Gebäude bereits leuchtet und glitzert, als wäre morgen schon Weihnachten − und als gäbe es danach nie mehr ein weiteres Weihnachtsfest. Sogar das letzte, magerste Bäumchen im Freien ist gnadenlos mit Lichtern behängt worden und steht kurz vor dem Zusammenbruch. Dazu werfen Scheinwerfer abwechselnd schrille Farben auf das Gebäude. Das Einkaufszentrum gefällt mir sonst ausnehmend gut. Hier ist alles so sauber und gepflegt. Auch wenn ich in Kenia manchmal das Handeln gemocht habe, ist es doch auch entspannend, wenn alles seinen festen Preis hat und sich der auch nicht verändert, je nachdem, ob ich nun weiß oder schwarz bin. Und dass ich einfach Ware betrachten kann, ohne ständig vollgequatscht und später verfolgt zu werden. Aber ich lasse mich nicht von den Angeboten verführen. Ich suche meine Eltern.

Im Buchladen selber begrüßt mich Vroni, unsere langjährige Angestellte, fröhlich. Meine Eltern sind gerade im Lager.

»Oh, wie schön, fängst du schon heute an? Das ist großartig. Ich habe wirklich darauf gewartet.«

Wie bitte? Arbeite ich hier? Weiß sie mehr als ich?

Ich ahne, dass meine Eltern wieder einmal über meinen Kopf hinweg für mich Entscheidungen getroffen haben.

Vroni, der wohl meine Verwirrtheit aufgefallen ist, entschuldigt sich: »Ich dachte ja nur. Ich habe natürlich schon gesehen, dass du erst ab Dezember im Arbeitsplan eingetragen bist.«

Ich lasse mir den Plan zeigen. Ich bin als Vollzeit-Angestellte eingeteilt worden.

Ich schüttle den Kopf. Warum wundert mich das überhaupt? Und andererseits: Ich habe keinen Job. Ich brauche einen Job. Also, was soll’s? Sicher wäre ich gerne gefragt geworden, aber ich bin wieder zu Hause, liege den Eltern tatsächlich auf der Tasche, wie das Jenny schon so nett bemerkt hatte. Also werde ich nun halt in die Pflicht genommen.

Neugierig schlendere ich die riesigen Bücherwände entlang, bleibe an den Wühltischen stehen. Die Faszination der Bücher, ihre Schönheit, die große Auswahl: Doch, irgendwie packt es mich wieder. Meine Eltern haben eine sehr schöne Buchhandlung. Sie haben ja auch schon immer ihre ganze Energie in ihr Geschäft gesteckt.

Jetzt kommen sie mit einem Rollwagen voller Bücherkisten aus dem Lager zurück. Sie freuen sich, mich zu sehen.

Aber hat meine Mutter nicht verweinte Augen? Benimmt sie sich nicht eigenartig?

Ich täusche mich bestimmt. Ich bin doch die mit den Problemen.

Was für Probleme sollte sie denn haben?

»Ich arbeite bei euch?«, frage ich meinen Vater und klimpere ein wenig mit den Wimpern.

Er wird durch meine Frage nicht im Geringsten verunsichert.

»Ach, ich wollte noch warten, bis du gesund bist, um mit dir darüber zu reden. Aber du weißt ja, für das Weihnachtsgeschäft brauchen wir immer zusätzliche Angestellte. Also bietet sich das doch an, nicht wahr?«

Ich müsse nur sagen, wann ich bereit sei, anzufangen.

Nach meinem Willen wird gar nicht erst gefragt.

Ich habe zwar noch immer Schmerzen, manchmal sehr heftige. Aber es kommt mir doch so vor, als würde dieser Job mir ein wenig helfen, in die Normalität zurückzufinden. Lange werde ich hier nicht bleiben. Aber es ist eigentlich eine ideale Übergangslösung.

»Ich kann nächste Woche anfangen. Gib mir einfach noch diese Woche, Papa.«

»Das ist prima. Dann kann Mama auch mal ein paar freie Tage nehmen. Sie hat in letzter Zeit zu viel gearbeitet.«

Wenn mein Vater das sagt, dann muss es aber ziemlich hart gewesen sein. Ich nehme mir vor, meiner Mutter mal auf den Zahn zu fühlen, was denn überhaupt los ist. Da stimmt doch etwas nicht. Freie Tage! So etwas gab’s doch für meine Mutter früher auch nicht.

 

Kafka zerrt an mir herum. Er will weiter. Draußen ist es aber heute auch ausnehmend schön. Die Luft ist beißend kalt, aber der Himmel blau, und die Sonne scheint. So lässt sich auch der Herbst ertragen. Ich beschließe, einfach mal nachzuschauen, wo Tessa eigentlich wohnt.

Meine Güte! Nach einer halben Stunde Fußmarsch stehe ich fassungslos vor einem alten Haus. Ja, sie hat ein eigenes Haus. Das schon. Aber dieses Haus mutet beinahe ein wenig afrikanisch an. Es ist extrem klein und total verwittert, die Farbe an den Fensterläden abgeblättert, die Treppe zum Eingang völlig schief. Das Haus ist lediglich eine etwas bessere Holzhütte. Große, mächtige Bäume umgeben es, aber so ohne Blätter machen diese auch nicht viel her.

Ob das Dach noch dicht ist? Friert man hier nicht Tag und Nacht?

»He, da draußen! Kommt gefälligst rein, wenn ihr schon hier seid!«

Tessa hat ein Fenster geöffnet und winkt. Sogar Kafka sträubt sich ein wenig, die lotterige Treppe zum Hauseingang hochzuklettern. Aber wenn ich es muss, dann auch er.

»Was für eine Überraschung!«

Tessa freut sich wirklich, umarmt mich und knuddelt meinen Hund. Das Haus hat eine ganz besonders gemütliche Atmosphäre. Es gleicht auch im Inneren einer einfachen Hütte. Aber es überrascht mit seinem Charme.

»Man hat über mich gelacht, als ich das Haus gemietet habe. Aber es ist so billig, und ich kann hier tun und lassen, was ich will. Im Sommer habe ich einen herrlichen Platz im Freien, wo ich gerne arbeite oder kleine Feste feiere. Im Winter ist das Ganze mit Arbeit verbunden, weil ich mit Holz oder Holzkohle heizen muss. Aber das geht schon.«

Tessa trägt eine Schürze, und diese ist bekleckert mit allen Farben.

»Ich male grad mal wieder«, entschuldigt sie ihre Aufmachung.

»Kommt ihr noch kurz mit ins Atelier?«

Wir klettern eine weitere Treppe hinauf. In ihrem winzigen Atelier unter dem Dach stehen viele Bilder herum. Ich bin total überrascht: Nur traurige, weinende Frauen.

»Ach, das hat dir noch keiner erzählt?«

Tessa spült ihren Pinsel aus und erzählt: »Es war ein Zufall. Ich hatte ja gar keinen Erfolg mit meinen Gemälden. Aber als mich mein Mann verlassen hatte, da habe ich meine ganze Trauer auf die Leinwand geknallt. Man hatte mir gerade eine Ausstellung angeboten, und ich beschloss, meine Trauer zum Thema zu machen. Eine Journalistin einer Frauenzeitschrift war von meinen gemalten Tränen ergriffen. Echt, sie fing auf der Vernissage an zu weinen. Das steckte noch andere an. Es war verrückt. Plötzlich war ich interessant und bekam viel Aufmerksamkeit in den Medien.« In der Kunstszene, da wundere sie gar nichts mehr. »Es geht doch längst nicht mehr um Können, sondern um die richtige Vermarktung«, schimpft sie. Inzwischen seien alle Aussteller nur an ihren Tränen-Bildern interessiert.

»Gut, vielleicht sollte ich mich nicht beklagen, wo doch der Rubel so schön rollt.«

Aber irgendwie fühle sie sich in ihrer Künstlerehre gekränkt.

Wir klettern die steile Holztreppe in ihr kleines Wohnzimmer hinunter. Kafka legt sich gleich wie eine Katze vor den Kachelofen, der eine wohlige Wärme ausströmt. Ich aber bin hin und weg von der schönen Stube und schaue in jeden Winkel. Sie ist klein, und viele Bilder haben da nicht Platz. Aber Tessa zeigt hier ihr Können, scheinbar nur für Insider. Hier hängen Landschaftsbilder, Sonnenblumen, lachende Menschen genauso wie abstrakte, wilde Farbexplosionen. Ihre Vielseitigkeit beeindruckt mich.

»Ach komm! Vielseitigkeit ist nun mal gar nicht gefragt. Dann heißt es doch gleich, der Künstler habe keine Linie, keinen Stil, keinen Wiedererkennungswert«, meint Tessa verlegen, als ich anfange, ihr Komplimente zu machen. »Mit Können allein schafft man es heute nicht mehr, zu überleben.«

Der Nachmittag bei Tessa geht schnell rum. Wir lachen, wir finden sofort den gemeinsamen Nenner. Sie hört mir zu, ich höre ihr zu. Wir werden Freundinnen. Und eine Freundin kann ich wirklich brauchen in dieser kalten Zeit hier.

»Was, du wirst wieder Buchhändlerin?«, fragt Tessa schockiert, als ich ihr von meinem unfreiwilligen Job erzähle.

»Pass auf dich auf! Du hattest andere Pläne. Das bist nicht du.«

»Ja, aber wohin hat mich das bisher gebracht?«

»Na, du musstest eben zuletzt einen Rückschlag einstecken. Aber das ist doch nicht das Ende. Du wirst doch nicht deine Abenteuerlust, deine Freiheitsliebe begraben wollen?«

Sie schaut mich so schockiert an, dass ich lachen muss.

»Ich werde dir einen Mann suchen«, sagt Tessa wild entschlossen. Schon für ihren Vater, meinen Onkel Hugo, habe sie im Internet Inge gefunden.

»Das war eine schwierige Aufgabe, glaube mir. Für dich wird das eine viel leichtere Übung.«

Ich versuche ihr zu erklären, dass ich im Moment komplett andere Prioritäten gesetzt hätte.

»Aber ich darf mich doch ein wenig im Internet umschauen für dich, oder?«

Ich zucke nur die Achseln. Soll sie doch.

 

Gerne ziehe ich schließlich wieder heimwärts. Die Schmerzen in meinem Arm sind groß, der Juckreiz meldet sich auch schon wieder. Kafka scheint ebenfalls keine Lust mehr zu haben und zieht kräftig an der Leine. Ich muss mich richtig bemühen, Schritt zu halten.

Meine Mutter sieht beim Abendessen immer noch so mitgenommen aus. Mein Vater tut so, als wäre alles wie immer und fragt mich nach Tessa aus. Aber als er sich dann in den Schachclub verabschiedet, fühle ich meiner Mutter auf den Zahn.

»Nein, es ist alles in Ordnung. Ich habe nur ein wenig Kopfschmerzen, Anita, wirklich«, wiegelt sie ab. Typische Frauenausrede. Nicht mit mir.

»Du hast heute geweint. Und das kommt sehr selten vor, soweit ich mich erinnern kann. Also erzähl mir nichts von Migräne!«, kontere ich ein wenig erbost.

Mama fängt an, den Tisch abzuräumen, und hantiert hyperaktiv in der Küche herum, um mir ausweichen zu können. Aber ich verfolge sie hartnäckig.

Irgendwann entdecke ich wieder Tränen in ihrem Gesicht. Wir setzen uns noch einmal an den Küchentisch.

»Ich bin enttäuscht und wütend«, gibt sie schließlich zu und knüllt und knetet ihr Taschentuch.

»Ferdinand hat, obwohl ich immer dagegen war, unser Geld in Aktien angelegt. Und jetzt sausen alle Werte in den Keller. Aber nicht nur das: Er hat Lehman-Brothers-Aktien gekauft! Wir haben 30 000 Franken unwiderruflich verloren!«

Sie hätten doch beide all die Jahre so unglaublich viel und hart gearbeitet.

»Wir haben keine Reisen gemacht, die Freizeit war knapp. Die Buchhandlung stand immer über allem. Und jetzt, wo es ohnehin schwieriger wird, Bücher zu verkaufen, verspielt Papa unsere Ersparnisse.«

Am meisten beschäftige sie der Vertrauensbruch. Sie habe genauso viel gearbeitet, sogar ihre eigenen Lebenspläne hintangestellt. Es sei genauso ihr Geld gewesen. Aber Papa habe eigenmächtig entschieden und gehandelt, wie eigentlich immer.

»Du kennst ihn ja«, schluchzt sie resigniert.

Ja, ich kenne ihn. Aber es kommt mir vor, als würde meine Mutter ihn erstmals mit anderen Augen sehen, nach all diesen Jahren. Sie hat ihn noch nie vor mir kritisiert, stand immer wie eine Eins hinter ihm. Wieso entdeckt sie erst jetzt seine Charakterschwächen? Er war schon immer ein Despot, ein Macho, wenn auch ein meist liebenswerter.

Ich halte meine Mutter in den Armen und bin sprachlos und erschüttert.

 

Mein Vater hat in dieser Woche vier Banktermine. Aber er kann sein Geld nicht retten. Gewisse Aktienverluste müsse man aussitzen. Es könne ja wieder alles besser werden. Aber die Lehman-Brothers-Bank, die gibt es nun mal nicht mehr. Diese Aktien sind nur noch Altpapier.

Wenn wir uns zu den Mahlzeiten in der Küche treffen, ist die Stimmung gezwungen normal. Man redet über dies und das, und trotzdem stehen die Probleme meiner Eltern fast greifbar wie ein Koloss mitten auf dem Küchentisch.

Ich versuche, mich um mich selbst zu kümmern. Ich ruhe mich aus, nehme brav alle vorgeschriebenen Tabletten und bemühe mich, gesund zu werden.

Mein Vater hat mir einen Turm von Büchern auf meinen Nachttisch gelegt. Aber über Afrika ist nichts dabei, und noch habe ich keine Lust, etwas über andere Themen zu lesen. Ich habe mir den Job ja nicht ausgesucht. Ich werde mich schon wieder einarbeiten. Irgendwann.

 

Täglich schaue ich kurz bei Tessa vorbei. Sie tut mir gut. Sogar Kafka freut sich immer auf die Besuche bei ihr. In ihrer Stube mutiert er jeweils zur Hauskatze und liegt auf der Ofenbank, bis wir wieder heimwärts ziehen. Manchmal würde ich am liebsten gleich bei Tessa bleiben.

Meist sitzt sie am Computer, wenn ich zu Besuch komme. Tessa scheint internetsüchtig zu sein, was sie gar nicht gerne hört. Aber sie kennt sich auch wirklich aus in dieser Welt.

»Ich habe meinem Vater eine Frau gefunden«, betont sie, als gebe ihr das die Berechtigung, halbe Tage am Computer zu verbringen. »Ich bin auch schon für dich auf der Suche, liebe Anita«, sagt sie immer wieder, und in meinen Ohren klingt es gefährlich nach einer Drohung.

In einer schwachen Stunde hat sie mir tatsächlich das Versprechen abgenommen, ich müsse mich mit mindestens drei Männern treffen, die sie für mich aussuchen würde. Allerdings erst im Dezember, wenn ich wieder gesund sei und arbeiten könne.

Manchmal habe ich ein mulmiges Gefühl in der Magengrube. Irgendwann wird es wirklich Dezember, und ich werde gesund. Tessa wird nicht locker lassen. Ich kenne sie.

Mit wem wird sie mich verkuppeln wollen? Mit einem anderen Buchhändler? Wer passt denn überhaupt zu mir? Wie sollte er sein, mein Traummann?

Ich musste diese Frage bereits Tessa gegenüber versuchen zu beantworten. Das fiel mir schwer. »Humorvoll und zärtlich sollte er sein. Dazu darf er nicht konservativ und festgefahren sein. Er muss wie ich die Freiheit lieben, begeisterungsfähig sein, Ideale und Ideen haben, Fernweh und Abenteuerlust.«

»Ha, da muss ich ja lachen. Wo ist denn deine eigene Abenteuerlust geblieben?«, spottet Tessa.

Das trifft mich.

Sie lenkt sofort ab.

»Anita, ich habe dir eine CD gebrannt. Du wirst sie lieben. Hör sie dir zu Hause in Ruhe an.«

Eine CD? Bücher. Musik.

Man versucht, mich aus meiner trüben Gedankenwelt zu holen. Aber ich kann meine Vergangenheit nicht einfach vergessen. Ich war zu glücklich in Kenia. Und zu unglücklich.

»Da war sicher ein Mann. Dieser Jan wahrscheinlich?«, will Tessa neugierig wissen.

Nein, wirklich nicht.

»Jan war ein Freund und mein Chef. Mehr war da nie. Ich hatte mal eine Weile eine Beziehung zu einem einheimischen Arzt.«

Es war einfach schön mit ihm. Wir verstanden uns so gut, über all die kulturellen Differenzen hinweg. Es war erstaunlich.

»Aber Simon wollte leider unbedingt möglichst bald in Europa arbeiten, und ich konnte das nicht verstehen, bei den Missständen in Kenia. Er wurde so sehr gebraucht. Außerdem wollte ich ja in Kenia bleiben. Er hat sein Land nicht mehr ertragen, ich habe es über alles geliebt. Es musste einfach auseinandergehen.«

Natürlich konnte ich nachvollziehen, dass er in dem maroden Gesundheitssystem nicht arbeiten wollte und keine Zukunft sah. Es war ungemein frustrierend, wenn ständig Medikamente, Geräte, Geld fehlten und man so oft nicht helfen konnte. Das war auch der Grund, warum er sein Land, vor allem natürlich die Regierung, nicht mehr ertragen konnte.

»Das Geld wäre da, aber es wandert in die falschen Taschen«, sagte Simon immer wieder, Tag für Tag, manchmal verzweifelt, wütend und oft resigniert. Er war eben sensibel, feinfühlig. Genau die Eigenschaften, die ich so an ihm liebte, hatten ihn fortgetrieben von mir.

»Kein Problem, ich finde einen anderen Mann für dich«, muntert mich Tessa auf.

 

Zu Hause lege ich die CD in die kleine Stereoanlage in meinem Zimmer. Wunderbar bekannte, geliebte Songs bringen mich zum Weinen. Wie konnte Tessa diese Lieder finden? Sie kennt sich im Internet wirklich aus. Es sind zwei Kompositionen auf der CD, die speziell während der Unruhen in Kenia aufgenommen worden sind und zu Frieden und Einheit aufrufen. Ich habe sie damals ständig gehört und mitgesungen. »Wakenya Pamoja« heißt das modernere, das viele kenianische Stars gemeinsam gesungen haben. Und das nicht weniger eindrucksvolle von Eric Wainaina heißt »Daima«.

Ich liege auf dem Bett und höre afrikanische Musik. Ich bin ein wenig traurig, spüre eine Art Heimweh, eine Sehnsucht. Da bekomme ich plötzlich Lust, endlich einmal Lorenzo anzurufen, meinen Bekannten aus dem Flugzeug.

»Ciao, bella Anita«, antwortet er fröhlich auf meinen unerwarteten Anruf. »Bist du schon wieder zur Schweizerin mutiert, oder wandelst du noch zwischen den Welten?«

»Zwischen den Welten? Das hast du schön formuliert. Ja, ich hänge noch zwischen den Welten«, antworte ich lachend.

Ich erzähle, was ich erlebt habe. Auch Lorenzo berichtet ein wenig von seinem Alltag. Dann verkündet er: »Ich habe im Januar wieder eine Reise nach Kenia gebucht. Schließ dich doch an!«

Ich beneide ihn.

»So weit bin ich noch lange nicht.«

»Immerhin hörst du schon kenianische Musik«, meint Lorenzo. »Das ist doch ein Anfang.«

Er hat die CD von Tessa im Hintergrund gehört und richtig identifiziert.

»Hast du mitbekommen, dass Amerika bald einen kenianischen Präsidenten bekommt?«

»Das glaube ich erst, wenn es so weit ist. Die wählen doch nie im Leben einen Schwarzen.«

»So schwarz ist Obama nun auch wieder nicht. Nur ein ganz kleines bisschen«, meint Lorenzo und lacht.

Dann verabschiedet er sich, weil er an der Volkshochschule Zürich einen Suaheli-Kurs belegt hat und sein Zug bald abfährt.

»Kwaheri«, lacht er. Auf Wiedersehen.

 

Irgendwann werde auch ich wieder nach Kenia gehen.

Bestimmt.

Eines Tages.

 

Ein Wochenende trennt mich noch von meiner Rückkehr in den Buchhandel.

Am Freitagabend kommt überraschend mein Bruder Tom zu Besuch. Es ist wie vorgezogene Weihnachten, denn er kommt mit diversen Paketen daher. »Ich habe ein Survival-Paket für dich«, meint er und packt aus.

Tatsächlich bringt er mir die Dinge, die mir gerade am meisten fehlen: einen Laptop und ein Handy.

»Es ist alles gebraucht, aber in gutem Zustand. Du kannst endlich wieder ins Internet und so deine Kontakte nach Kenia pflegen.«

Ich bin sprachlos. Begeistert.

»Für meine Kontakte zu meinen kenianischen Freunden ist das Handy fast wichtiger. Das sind doch alles echte SMS-Freaks. Ich danke dir so sehr, Tom. Du bist ein Schatz!«

Ich umarme meinen Weihnachtsmann.

»Ich hoffe, wir können so auch wieder besser Kontakt halten«, sagt Tom.

 

Beim Abendessen kommt das Gespräch auf meinen bevorstehenden Job in der Buchhandlung Fröhlich. Tom ist zuerst ein wenig schockiert. Aber dann meint er: »Das ist vielleicht gar nicht schlecht. Es ist zurzeit nicht selbstverständlich, einen Job zu haben. Meine Aufträge von den Zeitungen kommen immer spärlicher. Es wird überall gespart. Die Wirtschaftskrise hat sich auf die Zahl der Inserate niedergeschlagen. Das ist wiederum die wichtigste Einnahmequelle der Zeitungen. Jetzt vergeben sie ihre Aufträge natürlich zuerst intern. Als freier Journalist ist es im Moment verdammt schwer.«

Er lacht und meint, irgendwann werde er dann auch in der Buchhandlung arbeiten wollen.

»Also schaut, dass der Laden läuft. Gebt euch Mühe. Wirtschaftet den Laden nur nicht herunter.«

Meine Eltern schauen sich an, und ihre Blicke sind unergründlich. Ob sie an das verlorene Kapital denken? Machen sie sich Sorgen, dass die Wirtschaftskrise auch den Buchhandel treffen könnte?

Tom, der völlig unbefangen ist und von allem nichts weiß, streut noch eine Tonne Salz in die Wunden. »Habt ihr schon von dieser Neuerfindung gehört? Es gibt jetzt ein digitales Gerät. Darauf kann man über zehntausend Bücher speichern und diese auch direkt aus dem Internet günstig herunterladen. Es ist flach und leicht und wirklich ideal für einen Urlaub. Zu Hause würde ich natürlich weiterhin lieber ein richtiges Buch lesen.« Noch sei das Ding recht teuer, wie immer, bei Neuheiten. »Aber ich werde mir sicher irgendwann eines kaufen«, erklärt Tom mit Begeisterung.

Meine Mutter verlässt den Tisch mit einer Ausrede, aber mir sind die Tränen in ihren Augenwinkeln nicht entgangen. Tom hört nicht auf, von seiner Neuentdeckung zu schwärmen, bis ich ihn unter dem Tisch heftig ans Schienbein trete. Er stutzt ein wenig und sagt dann betreten: »Ja, für den Buchhandel ist die Erfindung vielleicht nicht so gut.«

Papa meint dazu: »Schon das Internet hat uns viele Kunden genommen, vor allem die jungen. Manchmal ist es schon ein Kampf.«

Papa schiebt seine Brille auf der Nase herum und streicht seine wenigen Haare von links nach rechts und dann wieder zurück. Er wirkt ein wenig müde. Nach einem fahrigen Blick zur Uhr verabschiedet er sich. »Wir haben heute die Generalversammlung des Schachclubs.«

Papa ist dort Schriftführer. Beziehungen pflegen, lautet die Devise.

Mein Bruder ist voller Fragezeichen und versteht die Welt nicht mehr.

Blanca Imboden

Über Blanca Imboden

Biografie

Blanca Imboden, geboren 1962 in der Zentralschweiz, war dreizehn Jahre lang Tanzmusikerin und arbeitet heute bei der Neuen Schwyzer Zeitung. Ihre zweite Heimat ist Kenia. Schon fünfzehn Mal reiste sie durch das ostafrikanische Land, immer abseits von ausgetretenen Touristenpfaden. Ihre Begeisterung...

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