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Ein jeder Engel ist schrecklichEin jeder Engel ist schrecklich

Ein jeder Engel ist schrecklich

Aus meinem Leben

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Ein jeder Engel ist schrecklich — Inhalt

Die erschütternde Kindheit einer großen Autorin

Das Kind ist hochsensibel und extrem schüchtern. Hübsch ist es auch nicht. Vom Bruder fast sadistisch gequält, von den Eltern weitgehend vernachlässigt – Susanna Tamaros Triester Kindheit ist alles andere als glücklich. Was das junge Mädchen rettet, ist die Liebe zur Literatur und die Entdeckung, dass die Welt trotz allem einfach überwältigend schön ist. Ein autobiographischer Roman, der erzählt, wie Susanna Tamaro zu einer so wunderbaren Schriftstellerin und einem so guten Menschen wurde.

Erschienen am 10.08.2015
Übersetzer: Barbara Kleiner
304 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30672-0
Erschienen am 12.05.2014
Übersetzer: Barbara Kleiner
304 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96616-0

Leseprobe zu »Ein jeder Engel ist schrecklich«

1

Ich wurde an einem der Tage des Jahres geboren, die am wenigsten Licht haben, mitten im tiefsten Herzen der Nacht. Es wehte eine düstere, starke Bora mit Schnee und Eis.

Sie wehte noch immer, als ich aus der Klinik kam. Der steile Anstieg, der zu uns nach Hause führte, war praktisch unbegehbar, und so gelangte ich, dem unsicheren Gleichgewicht meiner Eltern anvertraut, ans Ziel. Der Wind packte sie an den Schultern und stieß sie vorwärts, mit solchen unvorhergesehenen und heftigen Böen, wie nur die Bora sie kennt, während das Eis jeden ihrer Schritte [...]

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1

Ich wurde an einem der Tage des Jahres geboren, die am wenigsten Licht haben, mitten im tiefsten Herzen der Nacht. Es wehte eine düstere, starke Bora mit Schnee und Eis.

Sie wehte noch immer, als ich aus der Klinik kam. Der steile Anstieg, der zu uns nach Hause führte, war praktisch unbegehbar, und so gelangte ich, dem unsicheren Gleichgewicht meiner Eltern anvertraut, ans Ziel. Der Wind packte sie an den Schultern und stieß sie vorwärts, mit solchen unvorhergesehenen und heftigen Böen, wie nur die Bora sie kennt, während das Eis jeden ihrer Schritte zu einem Wunderwerk der Geschicklichkeit machte. Meine drei Kilo und noch was Menschenwesen waren wie ein cannolo in eine von meiner Mutter gemachten rosa-blau-weißen Decke eingeschlagen und wurden schließlich in Sicherheit gebracht.

Wenige Dinge faszinieren mich so sehr wie Neugeborene. Jedes Mal, wenn ich eins sehe, kann ich nicht anders als es zu befragen: Wer bist du? Woher kommst du? Welches Geheimnis birgst du in deinen Augen, die noch nicht sehen?

Nein, vielleicht wäre es besser zu sagen, die anderes sehen …

Neun Monate im Bauch der Mama, aber vor diesem Bauch ist da noch die Geschichte ihrer Eltern, ihrer Großeltern und ihrer Urgroßeltern. Und die Geschichte ihrer Eltern und Großeltern ist die Geschichte von deren Entscheidungen, Erfolgen und Irrtümern, ihrer Erbärmlichkeit und Größe. In ihre kleinen Geschichten greift die große Geschichte ein, diejenige, in die man, auch wenn man es nicht will, verwickelt wird und die einen oft auch zermalmt. Und Geschichte, häufig bedeutet das Krieg und Hass, Gewalt und Tod – Schmerzen, die auf subtile Weise von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Jedes Kind, das geboren wird, kommt mit gebeugten Schultern auf die Welt, wie Atlas. Nur dass es statt der Weltkugel Seiten um Seiten von Geschichten trägt – Geschichten und Geschichte –, und es sind ebendiese Seiten, die seine Augen in den ersten Tagen so müde und so fern wirken lassen.

Nur einige besonders naive und optimistische Eltern können glauben, das Neugeborene sei eine tabula rasa, ein Klumpen Lehm, den sie mit ihrer Liebe und ihrem guten Willen in das Wesen ihrer Träume verwandeln können. Man müsste etwas weniger ahnungslos sein, um gewahr zu werden, dass diese Händchen ein langes, aufgerolltes Pergament halten, in dem, wenn Vater und Mutter den Mut hätten, es zu öffnen, sie in großen Zügen das Schicksal des Wesens vorgezeichnet sähen, das sie soeben auf die Welt gebracht haben.

Wo wird man geboren?

Von wem wird man geboren?

Wann wird man geboren?

Liegt in diesen drei Fragen nicht eines der großen Mysterien beschlossen, in das unser Leben gehüllt ist?

In der Tat kann man in einer Villa auf dem Aventin oder in einer Baracke in den Slums von Nairobi geboren werden.

Man kann von liebevollen Eltern geboren werden oder von Trinkern, von solchen, die ganz einfach zerstreut sind oder liebend gern der Grausamkeit frönen. Man kann in eine Mülltonne geworfen werden und dort sterben inmitten von dreckigem Plastik und fauligem Abfall oder schon von Geburt an Erbe eines Wirtschaftsimperiums sein. Man kann Vater und Mutter haben oder nur eine Mutter, womöglich eine Frau, der Verletzungen zugefügt wurden oder die schwachsinnig ist oder einfach unfähig zu lieben. Man kann als Frucht einer großen Liebe geboren werden oder eines hastigen Ficks in der Toilette einer Diskothek oder auch einer Vergewaltigung.

Und wann wird man geboren?

Wenn man das Pech hat, mitten in einem Krieg geboren zu werden, wird Angst unseren Atem in der Welt bestimmen. Wenn man hingegen nachts geboren wird, auf einem Flüchtlingsboot, besteht die Gefahr, gleich zu sterben, den Fischen zum Fraß vorgeworfen zu werden. Man kann an einem wunderschönen Maimorgen geboren werden, wenn alle Rosen blühen und die Düfte in der Luft ein einziger Hymnus auf das Leben sind, oder man kann in einer stürmischen Nacht auf die Welt kommen, wenn der Wind jedes Ding ausreißt und entwurzelt wie eine rücksichtslose eisige Hand.

Kein Wiegenlied sondern Geheul ist es, was dich empfängt, und dieses Geheul ist neu und uralt. Es erinnert dich an die Geschichte der Anfänge, die unvordenkliche, die auch in dir ist. Du weißt, du bist ein Nichts, verloren in der Unendlichkeit, und diese Unendlichkeit ist blind und gewalttätig, bereit, dich zu verschlingen und dich gleich, nachdem sie dich verschlungen hat, zu vergessen.

Da vertraust du also deinen Eltern, der Decke, die dich einhüllt, den Schritten, die dir einen Moment lang fest erscheinen.

Dieses Vertrauen ist dein einziger Anker.

Noch nach Jahren wirst du daran glauben, auch wenn die Wirklichkeit dir das genaue Gegenteil bewiesen hat. Du musst daran glauben, du kannst nicht anders, denn dein Vertrauen wurzelt im Boden deiner Eltern. Was auch geschieht, sie sind der Grund deines Daseins.

Aus welchem Grund sollten sie dich also nicht beschützen?

Die erste Wohnung meines Lebens befand sich in einem kleinen Mehrfamilienhaus aus Stahlbeton, rechteckig und schmucklos. Es war unmittelbar nach dem Krieg schnell hochgezogen worden, auf den Trümmern eines anderen Gebäudes, das durch Bomben zerstört worden war – also auf einem Abgrund von Verzweiflung und Tod –, und hatte sich bald mit jungen Ehepaaren bevölkert. Rundherum standen wesentlich ältere Häuser mit Gärten, die sanft abfielen, und vom Küchenbalkon aus konnte man das Meer sehen.

Meine Eltern waren jung, wie viele Mütter und Väter in der Nachkriegszeit. Häuser wieder aufbauen und Kinder in die Welt setzen, das war das nahezu biologische Gebot dieser Jahre. Bei den letzten Bombardierungen hatte meine Mutter die Villa verloren, in der sie geboren worden war, und mit der Villa ihr geliebtes Hündchen. Meinen Vater hingegen hatten die Deutschen noch als Heranwachsenden geschnappt und in ein Arbeitslager gebracht.

All das lag jedoch hinter ihnen und sollte dort bleiben. Vor ihnen taten sich die glänzenden Tage des Wirtschaftswunders auf. Das Fernsehen kam, und einige Nachbarn hatten bereits eine Waschmaschine. Eine Stimme im Radio sang fröhlich Una casetta in Canadà, ein Häuschen in Kanada, und die Kohle für den Ofen wurde auf einem Pferdewagen gebracht.

Die amerikanische Besatzungszeit, die seit knapp drei Jahren vorbei war, hatte in der Stadt eine unbändige Begeisterung für Jazzmusik hinterlassen.

Die Wohnung, in der wir lebten, war ständig von Sonne beschienen, und im Sommer, wenn die Zimmer zu einem Brutofen wurden, verhängte meine Mutter den Balkon mit schweren grünen Tüchern. So glich die Wohnung einem Aquarium, in dessen Licht wir wie verwunderte Fische schwammen.

Licht!

Vielleicht war das der Grund gewesen, weswegen meine Eltern sich diese so wenig attraktive Wohnung ausgesucht hatten.

Licht und Leben hingen zusammen. Das Licht machte jedes Ding hell und klar, die Kinder waren eine in die Zukunft ausgeworfene Angel.

Licht, denn hinter ihnen war nur Dunkel.

Ich schreibe ›Dunkel‹, bemerke jedoch sofort, dass das Wort ungenau ist. Im Dunkeln kann man eine Lampe anzünden, im Dunkeln können unverhofft und freundlich die Sterne erscheinen.

Es war kein Dunkel sondern Finsternis, was sie hinter sich gelassen hatten. Krieg, Genozid, Tote, Massaker. All das war in dem Raum-Zeit-Kontinuum eingeschlossen, das ihre Tage umfing.

Einen Kilometer von unserem Haus entfernt erhoben sich, noch warm, die Mauern der Risiera di San Sabba, dem einzigen Vernichtungslager der Nazis in Italien, während auf den Anhöhen rund um die Stadt immer noch Männer in Gesteinshöhlen hinabgelassen wurden, um in diesen sogenannten foibe Leichen zu bergen, die die jugoslawische Besatzung dort zurückgelassen hatte. Die Aufschrift US – uscita di sicurezza, Sicherheitsausgang – war an vielen Gebäuden noch zu sehen, sie hatte während der Bombardements den Rettungsweg angezeigt.

Der Sicherheitsausgang war damals ein »amerikanisch« geprägtes Leben, das sich vor ihnen aufzutun schien, ein Leben ganz im Zeichen von Fortschritt, Frieden und Wohlstand. Es war ein Sicherheitsausgang aus ihren Ängsten, ihrer Verletzlichkeit, aus allem, was sie durchlebt hatten und nicht hätten durchleben wollen.

Bis dahin hatte die große Geschichte ihr Leben bestimmt. Von diesem Zeitpunkt an, da waren sie sich sicher, würde ihre kleine Geschichte über die große Geschichte siegen.

Die Geschichte der Normalität, des alltäglichen Lebens, das weitergeht und mit seiner stillen Banalität die Finsternis in eine Ecke drängt und unschädlich macht.

Sie waren jung, meine Eltern, und von glühender Naivität. Nie waren ihnen Zweifel gekommen, dass ein Kind, statt eine in die Zukunft ausgeworfene Angel zu sein, ein Anker werden könnte, der, einmal ins Boot geholt, Reste vom Bodensatz der Vergangenheit mit sich schleppen könnte. Sie hatten nie wirklich die Zeit gehabt, sich die Augen eines Neugeborenen anzuschauen.

Sie hatten meine nicht gesehen – groß, weit aufgerissen und fragend.

Sie hatten meine Segelfliegerohren nicht beachtet, immer gespitzt, immer lauschend. Antennenohren, Radarohren, imstande, auch das kleinste Knirschen im Getriebe der Welt zu vernehmen.

 

2

Seit einiger Zeit verspüre ich ein merkwürdiges Unbehagen, wenn von Literatur die Rede ist.

In den letzten zwanzig Jahren haben in der Verlagswelt außerordentliche Veränderungen stattgefunden. Die Schulen für kreatives Schreiben – Anfang des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten als Kurse innerhalb eines akademischen Studiengangs entstanden – haben sich auch in Italien wie ein Lauffeuer verbreitet. Viele Leute haben sie in diesen Jahren besucht und erheblichen Nutzen daraus gezogen. Erheblichen Nutzen haben davon auch die Verlage, denn statt mit grammatisch fehlerhaften solipsistischen Delirien überschwemmt zu werden, bekommen sie nun Geschichten mit interessantem Plot vorgelegt, voller Spannung und mit überraschenden Wendungen, die das Buch kommerziell interessant machen.

Das einzige Mal, als man mich bat, in einer solchen Schule zu unterrichten, habe ich die Einladung freundlich abgelehnt. Mir hat niemand das Schreiben beigebracht, also wäre ich nicht imstande, die Schüler in der Weise zu unterhalten, die sie vermutlich erwarten. Obwohl ich zwanzig Bücher veröffentlicht habe, bleibt das Schreiben für mich ein absolut geheimnisvolles Ereignis.

In den ersten Jahren meines Schriftstellerdaseins kam es häufig vor, dass ich in Interviews sagte, das soeben erschienene Buch werde mein letztes sein. Das war nicht zum Scherz so hingesagt, sondern in dem Augenblick meine Gewissheit. Aus dem gleichen Grund habe ich nie einen Vertrag über ein künftiges Buch abgeschlossen, keine Klausel, keine Option.

Für mich war wirklich jedes Buch das letzte.

Es war das letzte, weil ich am Horizont nichts entdecken konnte, vielleicht wegen der Müdigkeit und Erschöpfung, die das Schreiben in mir zurückgelassen hatte, oder vielleicht, weil jedes Buch – in seinem Erscheinen und seiner Entwicklung – die Aura des Wunders umgibt. Und Wunder geschehen bekanntlich nicht auf Befehl.

Jetzt sage ich das nicht mehr, ich wurde zu oft widerlegt. Ich trage diese Auffassung nur weiterhin in mir, wie eine Vorahnung. Eine Vorahnung, aber auch wie ein ethisches Gebot. In dem Moment, in dem ich feststellen sollte, dass das Schreiben zur Routine geworden ist, ein Metier wie viele andere, getragen nur von technischem Können und gesundem Menschenverstand, würde ich damit aufhören. Aus dem gleichen Grund habe ich es auch sofort bereut, als ich ein einziges Mal eine Erzählung auf Bestellung schrieb. Ich kann nicht auf Befehl schreiben, das macht mir keinen Spaß, es erregt mich nicht, es befriedigt mich nicht. Ich habe tausend interessantere Dinge zu tun, als über Themen, die andere vorgeben, Aufsätze zu schreiben.

Ich habe das Schreiben nie als Zeitvertreib betrachtet, als Beruf, als etwas, was man tun kann wie viele andere Dinge auch, so wie ich nie der Auffassung war, dass ein ausgesuchter, geschliffener Schreibstil zum wahren Schreiben führt.

Das wahre Schreiben ist anderswo zu Hause, in der Tiefe, im Glutkern der Erde und im Herzen der Finsternis des Menschen. Es bewegt sich und balanciert zwischen diesen beiden Extremen.

Deshalb macht es müde, strapaziert und schadet der Gesundheit.

Deshalb unterrichte ich nicht, erteile keine Ratschläge.

Ja, sooft ich kann, rate ich ab.

Dort, wo ich hinkam, gab es schon ein Kind, drei Jahre älter als ich – meinen Bruder. Um seine heftige Eifersucht zu beschwichtigen, hatte ich ihm einen schönen kleinen roten Lastwagen geschenkt. »Schau, was dir dein Schwesterchen mitgebracht hat!« In Wirklichkeit ging das auf einen unerwarteten psychologischen Geistesblitz meiner Eltern zurück. Dieser Lastwagen hat allerdings wenig ausgerichtet.

Das erste Foto von uns beiden – ich auf dem Bett mit der rosa-blau-weißen Decke und er neben mir mit verwundertem Gesichtsausdruck und die Hände nach meinem Hals ausgestreckt – hat wirklich wenig Beruhigendes.

Sein Königreich als erstgeborener Knabe – erster auch von sämtlichen Enkeln – war untergegangen. Vor allem hätten wir verschiedener nicht sein können. Es war, als wären wir aus Waisenhäusern verschiedener Länder adoptiert worden. Er war ein vollendet türkisches Kind, während ich eine typische Tochter des Balkans war. Noch heute, wenn wir gemeinsam auftreten, fällt es schwer, eine so nahe Blutsverwandtschaft zwischen uns zu vermuten.

Außer dem Lastwagen hat ihm mein Dasein weiter nichts Gutes beschert. Schon bald stellten meine Eltern fest, dass sie nicht füreinander geschaffen waren, und das »Häuschen in Kanada«, mit seinen »Becken, Fischlein und tausend Fliederblüten«, löste sich schnell auf. An seiner Stelle senkte sich eisige Kälte herab. Eine schneidende, scharfe Kälte, die das Atmen unmöglich machte.

Meine erste Erinnerung zeigt meinen Bruder, wie er nach einer kräftigen Ohrfeige vom Stuhl fliegt. Ich saß im Kinderstuhl und sah ihn verschwinden. Ich erinnere mich noch an das Gefühl von Erstaunen und dann schlagartig der Unsicherheit. In diesem Augenblick habe ich, glaube ich, verstanden, dass jeder Schritt falsch sein konnte, jeder Atemzug verkehrt.

Überleben würde eine Aufgabe sein, eine Notwendigkeit.

Die zweite Erinnerung betrifft meine ersten Schritte. Ich machte meine Gehversuche auf dem Küchenbalkon, das war eine lang gestreckte schmale Terrasse, abgeschlossen nicht von einem Geländer, sondern von einer Betonmauer. Man konnte nichts sehen, aber man hörte die Sirenen. Die Wohnung ging auf den Industriehafen hinaus, dort kamen die Frachtschiffe an und von dort fuhren sie los und ließen jedes Mal die Sirene heulen. Auch die Werften ließen eine Sirene heulen, um die Arbeitsschichten anzuzeigen.

Dieses so oft wiederholte Tuuuuuuu versetzte mich in Unruhe und Traurigkeit.

Sicher litt da jemand, aber wer? Wer konnte so groß sein, dass er auf diese Weise heulte?

Wenn das Leben im Haus schon ziemlich bedrohlich war, so schien das draußen gewiss nicht besser.

Ich schlief im selben Zimmer wie mein Bruder, und daher war er, sobald ich zu sprechen anfing, der erste Zeuge meiner Verrücktheiten. Er war mein Idol, mein Mythos, und da das Interesse der Eltern uns gegenüber nachgelassen hatte, war er die einzige ältere Person, an die ich mich wenden konnte.

Die Qual begann, sobald das Licht im Zimmer gelöscht wurde. Da erhob sich von meinem Bettchen meine kleine Stimme und rief ihn, und sobald er »Hä?« antwortete, legte sie unerbittlich mit einer geballten Ladung Fragen los. Ich fing um neun an und machte bis tief in die Nacht weiter – oder genauer, ich hätte weitergemacht, wenn nicht irgendwann ein Elternteil hereingekommen wäre und mit schrecklicher Stimme geschrien hätte: »Ruhe! Genug jetzt!«

»Was habe ich dich gefragt?«, fragte ich meinen Bruder vor einiger Zeit.

»Unmögliche Dinge«, antwortete er mir.

»Welcher Art?«

»Von der Art, wer hat die Sterne gemacht? Woher kommt das Licht? Wer hat die Sonne gemacht? Und wohin geht sie, wenn sie verschwindet? Sie wird immer wiederkommen, nicht wahr? Jeden Morgen?«

»Und du, was hast du geantwortet?« – »Eine Weile lang erfand ich etwas, und wenn ich müde war, sagte ich zu dir: ›Ich weiß es nicht. Schlaf!‹

Ich weiß es nicht, schlaf! Der Satz all meiner Nächte.

Nur dass er schlief, ich aber nicht.

Susanna Tamaro

Über Susanna Tamaro

Biografie

Susanna Tamaro wurde 1957 in Triest geboren. Sie ist die Großnichte von Italo Svevo, ihr Talent als Autorin wurde allerdings von Federico Fellini entdeckt. Längere Zeit war sie Dokumentarfilmerin für das italienische Fernsehen, seit dem überwältigenden, weltweiten Erfolg von »Geh, wohin dein Herz...

Pressestimmen

Heilbronner Stimme

»Entwaffnend persönlich.«

St. Galler Tagblatt (CH)

»Voll Sensibilität, Spiritualität und Liebe zum Leben. Das Buch macht Mut auch unter widrigen Umständen den wertvollen Kern seiner selbst zu suchen und zu entdecken.«

MDR Figaros Bücherjournal

»Selten ist mit solch intensiver Gefühligkeit ein privates Drama geschildert worden.«

BÜCHER

»Ein ergreifendes, nachdenkliches Werk voller sprachlicher Finesse und berührender Lebensweisheiten.«

Kommentare zum Buch

Ein jeder Engel ist schrecklich
Buhk I. am 22.06.2014

Allein mein Leben erschien mir bisher tragisch und schrecklich zugleich. Nicht geliebt und nicht gewollt zu sein, das war bisher für mich ein Grund, Schuldgefühle und Scham zu empfinden... Nachdem ich dieses Buch gelesen und in das Leben von Susanna Tamaro eintauchen durfte, frage ich mich, wie ein man als Mensch solch' Schicksal, "überleben" kann und dabei so liebenswert sein kann. Wie dieser Mensch Liebe geben und empfinden kann... Ich bin zutiefst gerührt und habe großen Respekt und Bewunderung für Frau Tamaro.   Ich wünschte, ich könnte sie einmal kennenlernen! Ich hätte unzählige Fragen..

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