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Ein Herz bricht selten allein

Ein Herz bricht selten allein

Geschichten von Trennungen und dem Glück danach

Taschenbuch
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Ein Herz bricht selten allein — Inhalt

Was macht es mit einem, wenn der Ehemann einfach geht, ohne sich zu erklären? Wenn man entdeckt, dass die Frau einen mit unzähligen Männern betrogen hat? Wenn der Partner einen gegen eine 20 Jahre Jüngere eintauscht? Oder man selbst einer Frau den Mann ausspannt, obwohl die gerade ihr drittes Kind erwartet? Die Trennung von einem Partner fühlt sich oft an wie das Ende der Welt und lässt uns verzweifelt und ratlos zurück. In diesem Buch kommen Verlassene und Verlassende zu Wort, denen es dennoch gelungen ist, neues Glück zu finden. Kerstin Schweighöfer weiß, was es bedeutet, verlassen zu werden und zu verlassen. Sie hatte gerade mit dem Schreiben dieses Buches begonnen, als 15 Jahre Partnerschaft in die Brüche gingen. Aber es eröffneten sich auch neue Möglichkeiten und eine frische Liebe zum Co-Autor dieses Buches. Gemeinsam machten sie Menschen ausfindig, die schwere Trennungen hinter sich gebracht haben, um von ihnen zu lernen. Entstanden sind dabei ungewöhnlich offene, berührende Porträts. Ein wunderschönes, tiefgründiges Buch über die dominierenden Themen unseres Lebens: Liebe, Partnerschaft und Trennung.

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erscheint am 30.11.2020
368 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31590-6

Leseprobe zu „Ein Herz bricht selten allein“

Susanne
Die vom siebten Himmel der Liebe Abgestürzte
(Die Ent-Täuschte)

Zwei fröhliche junge Menschen, halbe Kinder noch, die ausgelassen in die Kamera gucken. Er hat den Kopf in den Nacken gelegt und bläst sich ein paar widerspenstige Locken aus der Stirn. Sie schmiegt sich verliebt in seine Halsbeuge, lacht von einem Ohr bis zum anderen. Mit ihren langen hellbraunen Haaren und den dunklen Augenbrauen erinnert sie ein bisschen an Brooke Shields, den Hollywood-Teenagerstar, der 1980 in der Blauen ­Lagune mit Christopher Atkins die Liebe entdeckte. »Mit dem [...]

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Susanne
Die vom siebten Himmel der Liebe Abgestürzte
(Die Ent-Täuschte)

Zwei fröhliche junge Menschen, halbe Kinder noch, die ausgelassen in die Kamera gucken. Er hat den Kopf in den Nacken gelegt und bläst sich ein paar widerspenstige Locken aus der Stirn. Sie schmiegt sich verliebt in seine Halsbeuge, lacht von einem Ohr bis zum anderen. Mit ihren langen hellbraunen Haaren und den dunklen Augenbrauen erinnert sie ein bisschen an Brooke Shields, den Hollywood-Teenagerstar, der 1980 in der Blauen ­Lagune mit Christopher Atkins die Liebe entdeckte. „Mit dem Unterschied, dass wir das nicht halbnackt auf einer einsamen Insel taten, sondern in einer Plattenbausiedlung in Dresden“, stellt Susanne lachend klar und blättert weiter durch das alte Fotoalbum. „Hier, da trage ich eine Latzhose, die waren Anfang der Achtzigerjahre in. Und das hier, das war am Bushäusel, da haben wir uns immer getroffen.“
Versonnen, aber ohne jegliche Wehmut guckt sie sich die Fotos aus ihrer Jugendzeit in der DDR an und fasst die langen Haare im Nacken zusammen. Sie sind immer noch hellbraun. Auch ihr ansteckendes Lachen ist das gleiche geblieben, und ihre Augen blitzen noch genauso unternehmungslustig wie damals – auch wenn inzwischen vierzig Jahre vergangen sind.
Ihre erste große Liebe sei er gewesen, der Tobias, erzählt sie und schiebt das Album zur Seite, um sich noch ein Brötchen zu nehmen. „Groß genug, um zur Liebe des Lebens zu werden. Dachte ich jedenfalls.“
Wir sitzen auf ihrer Terrasse in der Morgensonne beim Brunch und genießen den Blick auf den großen Garten mit den blühenden Obstbäumen. Dieter und ich sind gestern am späten Abend eingetroffen, um ihre Geschichte zu hören – die Geschichte von zwei Königskindern, die getrennt wurden, sich wiederfanden – aber deren Liebe dann doch nicht stark genug war, um für ein ganzes Leben zu halten. So hatte sie uns das am Telefon zusammengefasst. „Wollt ihr bei mir schlafen?“ Ihr Haus am Stadtrand von Bayreuth sei groß genug, sie würde uns unten in der Einliegerwohnung einquartieren. Und Christine, eine gemeinsame Freundin aus München, auf dem Sofa im Arbeitszimmer. Christine hat uns miteinander in Kontakt gebracht und wird in ein paar Stunden ebenfalls eintreffen. Wir freuen uns alle auf das Wiedersehen.
„Probiert mal die Erdbeermarmelade, die hab ich selbst gemacht“, sagt Susanne und springt auf, um in die Küche zu gehen: „Ich hab ja auch noch Johannisbeergelee, das hab ich völlig vergessen!“ Quirlig ist sie, temperamentvoll, das Stillsitzen fällt ihr schwer.
„Ach ja, die Königskinder“, fährt sie fort, als sie sich mit dem Johannisbeergelee wieder zu uns gesetzt hat. „Weil wir drei Jahre unzertrennlich waren, seine Mutter dann aber einen Ausreiseantrag stellte und Tobias mit in den Westen nahm.“ Herzzerreißend sei er gewesen, der Abschied. Fortan hätten sie nicht mehr zueinanderfinden können. „Aber dann gab das Schicksal uns eine zweite Chance“, erzählt sie. Denn fünf Jahre später bekam Tobias für die Beerdigung seines Großvaters erstmals eine Einreisegenehmigung. „Da haben wir uns dann wiedergetroffen.“ Sie lässt das Messer sinken, mit dem sie gerade ihre zweite Brötchenhälfte bebuttern wollte: „Ich hätte mit der Handtasche gehen können“, meint sie. „Dabei hatte ich gerade geheiratet.“
Den Falschen, das sei ihr nach diesem Wiedersehen sofort klargeworden. Und deshalb habe sie auch umgehend die Konsequenzen gezogen: „Ich bin zu Tobias in den Westen gegangen.“ Für ihn hat sie nicht nur ihren Mann verlassen, sondern auch Eltern und Geschwister. „Niemand konnte damals ahnen, dass kurz darauf die Mauer fallen würde!“ Seufzend lässt sie einen großen Löffel Marmelade auf ihr Brötchen fallen. „Ich liebte diesen Mann mit jeder Pore meines Körpers, ich hätte ihn lieben können bis in den Tod. Meine Liebe hätte für ein ganzes Leben gereicht.“
Sie zuckt mit den Schultern. „Tja“, meint sie dann. „Seine war nicht ganz so groß, die hat nicht gereicht.“ Sie stockt einen Moment und schaut uns an. „Dreizehn Jahre später war ich es, die verlassen wurde. Er tauschte mich gegen eine andere ein und ließ mich mit unserer kleinen Tochter sitzen.“
Sie sagt es ohne Groll, ohne jegliche Betrübnis. Stellt es einfach nur fest, wie einen Sachverhalt. Und beißt dann genüsslich in ihr Brötchen. Sie ist darüber hinweg, das sieht man ihr an. „Hat ja auch lange genug gedauert“, meint sie und wischt sich die Finger an der fröhlich mit Blumen bedruckten Serviette ab. Furchtbar sei diese Zeit gewesen, ganz, ganz furchtbar, „die schwerste meines Lebens“. Mit Gott und der ganzen Welt habe sie gehadert, mit dem gesamten Universum. Wer nur hatte es zulassen können, dass ihr diese wunderbare, einzigartige Liebe genommen wurde! „Ich wollte nicht mehr leben, ich wäre am liebsten mit dem Auto gegen einen Baum gefahren.“
Stattdessen aber sei das eingetreten, was sie in dieser schwärzesten Periode ihres Lebens nie für möglich gehalten hätte. „Ich habe ein neues Leben geschenkt bekommen, und nicht nur ein neues, sondern sogar ein besseres.“ Sie trinkt einen Schluck Kaffee und beginnt dann unvermittelt zu zitieren: „Niemals kann man sich einen solchen Schmerz wünschen, aber dann muss man erkennen, dass es genau dieser Verlust ist, der einem die Möglichkeit gibt, ein anderer zu werden.“ Sie sagt es, ohne zu stocken, sie muss diesen Satz schon öfter laut vorgetragen haben.
„Das ist Joachim Meyerhoff“, reagiert Dieter umgehend, „aus der Zweisamkeit der Einzelgänger!“
„Stimmt.“ Susanne lacht mit hochgehobenem Daumen. Sie hat diesen Roman des deutschen Schauspielers ebenfalls gelesen. Durch Verlust ein anderer werden … „Genauso ist es mir damals auch ergangen.“ Aber es habe so furchtbar lange gedauert, bis sie das erkennen konnte. Bis sie über diesen „Berg an Schmerzen“, der sich damals vor ihr aufgetürmt habe, hinweggekommen sei. „Wie gesagt, er war meine große, meine einzige Liebe. Wir kannten uns in- und auswendig, bis hin zu den drei winzigen Leberflecken hinterm linken Ohr. Wir waren noch halbe Kinder, als wir uns verliebten. Vierzehn und fünfzehn Jahre alt!“
Sie beginnt von ihrer Jugend zu erzählen, einer „ganz normalen DDR-Jugend“. Vom Bushäusel, das als Treffpunkt diente, für Ausflüge in die Umgebung. Dann ging es mit dem Moped in die Sächsische Schweiz, „wir Mädels hintendrauf“.
Eines Tages sei auch Tobias mit zwei Freunden am Bushäusel erschienen. Er war ein Jahr älter als sie. „Mit braunen Augen, in denen man versinken konnte“, erinnert sie sich. „Und er hatte frische Lippen, er leckte sich immer über die Oberlippe.“ Sehr anziehend. Sportlich sei er auch noch gewesen, ein Schwimmer, mit einem breiten Kreuz. Der obendrein in der Schulband spielte. „Er hat mir gleich gefallen.“ Sie gefiel ihm auch, es dauerte nicht lange, und sie wurden ein Paar: „Wir gingen miteinander.“
Sie wohnten in einer typischen DDR-Plattenbausiedlung in Dresden, insgesamt fünf Blocks. „Er wohnte einen Block hinter mir. Mit seiner Mutter. Die hatte sich, als er noch ganz klein war, scheiden lassen und mit seinem Vater keinen Kontakt mehr.“ Wenn Susanne auf dem Balkon stand, konnte Tobias ihr von seinem Zimmer aus Zeichen geben. „Und im Sommer rief ich ihm vom Dach aus immer zu.“
Nach der Schule trafen sie sich bei ihm oder bei ihr im Kinderzimmer, machten Hausaufgaben, blödelten herum und hörten Musik. Von DDR-Bands wie Lift, Stern Combo Meißen oder den Kult-Song Am Fenster von City. Und dann, nicht zu vergessen, Über sieben Brücken musst du gehn von Karat. Aber auch West-Musik: Supertramp, Pink Floyd, Queen, Udo Lindenberg oder Tausendmal berührt von Klaus Lage. „Die Platten kauften wir uns in Ungarn oder Tschechien.“
Sobald jemand sturmfreie Bude hatte, wurden Privatpartys organisiert, man trank Apfelwein und tanzte. Bei langsamen Nummern habe Tobias sich immer in ihre Haare geschmiegt: „Ich hatte irgendwann mal so eine komische Dauerwelle, eine halbe eigentlich, nur untenherum Locken.“ Sie muss bei der Erinnerung daran auflachen.
Anfangs hätten sie natürlich nur geknutscht und gefummelt. Aber dann sei es Zeit gewesen, die Liebe zu entdecken. Vor dem ersten Mal seien sie beide ziemlich aufgeregt gewesen. Fünfzehn und sechzehn waren sie. „Ich hatte Angst, es würde wehtun.“ Es sei dann aber ziemlich schmerzfrei und unspektakulär ausgefallen. Erneut muss sie auflachen: „Und viel zu kurz. Eh ich mich versah, war’s vorbei.“ Aber sie befanden sich ja noch in der Lernphase: „Wir haben uns dann jeden Körperteil erschlossen und die Liebe entdeckt.“
Im Sommer darauf durften sie erstmals zusammen in den Urlaub fahren, zum Zelten an einen See. Und zum Geburtstag schenkte sie ihm ein eingerahmtes Foto von sich selbst. Erneut greift sie zum Album und blättert es durch. „Hier, mit weißem Rolli und darüber eine karierte Bluse, das trug man damals. Schaut euch mal die Widmung an!“ Wir beugen uns über das Foto. Ich liebe dich bis in den Tod hat sie in akkurater Schulmädchenschönschrift mit Filzstift quer über das Foto geschrieben. „Ganz schön kitschig, oder?“ Lachend legt sie das Album wieder weg.
Aber, meint sie dann und wird ernst: „Könnt ihr euch vorstellen, wie groß der Schock war, als wir erfahren mussten, dass seine Mutter einen Ausreiseantrag gestellt hatte und ihn mit in den Westen nehmen wollte?“ 1981 sei das gewesen, kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag. Sie waren inzwischen seit mehr als drei Jahren zusammen. „Die Mutter stellte uns vor vollendete Tatsachen. Die nahm unsere Liebe nicht ernst.“
Susanne versuchte noch, sich mit ihr anzulegen. „Wie können Sie nur über das Leben Ihres Sohnes verfügen!“
„Papperlapapp“, habe die Mutter geantwortet. „Stellt euch nicht so an, ihr seid noch Kinder, ihr findet schnell jemand anders!“
Dabei hätte sie ihrem Sohn doch die Wohnung und den Trabi lassen und regelmäßig Geld schicken können! Und wenn alles schiefgelaufen wäre, hätte Tobias notfalls später nachkommen können: Familiennachzug.
Aber nein, die Mutter habe sich nicht erweichen lassen. „Sie hat Tobias sogar ganz massiv unter Druck gesetzt.“ Und Tobias selbst, der sei innerlich zerrissen gewesen: Einerseits habe er natürlich bei Susanne bleiben wollen, andererseits wollte er die Mutter nicht allein ziehen lassen. »Ich merkte dann auch, dass er neugierig war – neugierig auf den Westen. Motorradfahren war sein Leben – und die Motorräder, die es da gab!«
Natürlich hätten sie damals auch darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn Susanne mit ihnen in den Westen gehen würde. Aber ihr Vater war ein sogenannter Geheimnisträger, er arbeitete als Geologe an einem Rohstoffinstitut. „Wenn ich gegangen wäre, hätte ich nie mehr Kontakt mit meiner Familie gehabt, der Bruch wäre definitiv gewesen.“ Außerdem: Sie war noch minderjährig, es war aussichtslos.
An einem kalten Februarmorgen 1982 war es so weit, ein Samstag. „Meine Eltern kamen mit zum Bahnhof.“ Auf dem zugigen Bahnsteig sei die Stasi auf und ab gegangen, mit Einkaufstaschen getarnt. „Todtraurig lagen wir uns in den Armen.“ Gleich würde der Zug eintreffen und ihr den Liebsten nehmen, um ihn über Plauen und Hof in den Westen zu bringen, irgendwo nach Unterfranken. „Als es so weit war, mussten unsere Mütter uns auseinanderreißen.“ Sie winkte ihm nach, sah noch, wie er den Kopf in der Armbeuge vergrub, dann war er weg. Schluchzend fiel sie ihrer Mutter um den Hals, dann ihrem Vater. Herzzerreißend sei es gewesen: „Über drei Jahre lang waren wir ein Herz und eine Seele, jeden Tag hatten wir uns gesehen.“ Und dann so ein Bruch! „Ach, Kind“, hätten ihre Eltern geseufzt und versucht, sie mit denselben Worten wie Tobias’ Mutter zu trösten: „Du bist doch noch so jung, du findest einen anderen.“
Aber sie wollte keinen anderen. Und sie würden sich ja bald wiedersehen, das hatten sie alles noch vor seiner Abreise geplant: zwei Monate später, zu Ostern, in Marienbad, einem Kurort in Tschechien. „Der lag ziemlich genau in der Mitte.“
Sie hatten auch alles geregelt, um sich zu schreiben und telefonieren zu können. „Damals in der DDR hatte bei Weitem nicht jeder ein Telefon, das war die Ausnahme, wir hatten zu Hause auch keines.“ Aber Susannes große Schwester, die war mit einem Mann verheiratet, dessen Eltern in einem Ort zwanzig Kilometer weg eine Drogerie führten. „Die besaßen ein sogenanntes Geschäftstelefon.“ Dort würde Tobias anrufen, das hatten sie so ausgemacht, und zwar genau eine Woche nach seiner Abreise, um acht Uhr abends. „Ich musste mit dem Bus hinfahren. Natürlich war ich viel zu früh da.“ Um dann stundenlang warten zu müssen. Denn die Stasi wollte sämtliche Gespräche mit dem Westen abhören, hatte dafür aber nicht genügend Leute. „Deshalb wurden nicht alle Gespräche durchgestellt, dann war halt dauernd besetzt“, erklärt Susanne. „Erst wenn wieder jemand frei war, der mithören konnte, kam man durch.“ Für die nächsten Male habe sie sich deshalb immer etwas zum Essen mitgenommen, eine Decke und Lesestoff, um sich die Zeit zu vertreiben. Und jedes Mal, wenn seine Stimme endlich am anderen Ende der Leitung zu hören war, begann ihr Herz wie irre zu klopfen. „Natürlich wussten wir, dass da immer jemand mithörte“, erinnert sie sich lachend. Aber den hätten sie ganz frech gegrüßt: „Hallo, hallo, guten Abend, geht’s Ihnen gut?“ Um ihm dann nicht weiter Beachtung zu schenken: Sobald klar war, dass es um zwei Verliebte ging, die sich immer wieder voller Sehnsucht ihre Liebe bezeugten, und versicherten, wie sehr sie sich vermissten, hätten die eh weggehört.
In den ersten Telefonaten sei Tobias noch voller Heimweh gewesen: „Er klagte, wie fremd er sich im Westen fühlte. Dass bei den Schulpartys nur Limonade getrunken wurde.“ Kinderpartys seien das gewesen, habe er verächtlich geschnaubt und sei sich furchtbar erwachsen vorgekommen. „Wir im Osten hingegen, wir hatten ja schon Wein getrunken. Apfelwein.“
Die Drogerie diente auch als Deckadresse für die Liebesbriefe, die Tobias ihr schickte. „Mit meinem Vater durfte das alles unter keinen Umständen in Verbindung gebracht werden, weil er Geheimnisträger war.“ Sie suchte sich dann immer ein Telefon, um in der Drogerie anzurufen und zu fragen, ob ein Brief für sie eingetroffen wäre. Im Bus zurück und auch zu Hause noch habe sie seine Zeilen immer und immer wieder gelesen, obwohl sie sie längst auswendig kannte. „Ich hielt sie mir auch ständig unter die Nase und schnupperte daran.“ Denn Tobias schickte parfümierte Briefe, er besprühte sie mit dem teuren Aftershave, das er nun im Westen benutzte. „Mein Gott, war das romantisch!“
Gebannt haben Dieter und ich zugehört. Und wie war das erste Treffen zwei Monate später in Marienbad? Sicher auch sehr romantisch, oder?
„Letztendlich schon“, erzählt Susanne schmunzelnd weiter. „Anfangs waren wir ein bisschen gehemmt.“ Tobias kam mit seiner Mutter, die sich in Marienbad mit Freunden aus Dresden treffen wollte. Einem Ehepaar. „Bei denen bin ich im Trabi mitgefahren.“ Sie trafen sich im Hotel, wo Tobias’ Mutter für sie alle Zimmer gebucht hatte. Tobias trug eine coole Sonnenbrille, „so schicke gab es im Osten nicht“. Die Mutter duftete nach einem teuren Westparfum und er nach dem Rasierwasser, mit dem er die Briefe an sie parfümierte. „Ich war schwer beeindruckt.“ Was wirkte er doch cool und lässig, was für ein toller Typ!
„Selbstverständlich sind wir uns in die Arme gefallen.“ Aber völlig gebrochen sei das Eis erst, als sie in ihrem Hotelzimmer endlich allein waren. „Da hat er mich hochgehoben und durch den Raum gewirbelt.“ Zum Glück hätten die drei anderen sie in Ruhe gelassen, nur gefrühstückt wurde zu fünft. Wunderbare Tage seien das gewesen, mit langen Spaziergängen und vielen Stunden im Hotelbett. Dann liebten sie sich. Und sangen lauthals die alten Lieder, die sie an den gemeinsamen Nachmittagen nach der Schule immer gesungen hatten. „Singen ist eigentlich das falsche Wort“, korrigiert sie sich. „Er hat sie mir immer regelrecht vorgetragen.“ Sie hatten auch ein Lieblingslied: Das war nur ein Moment von Schauspieler Manfred Krug, dem Hamburger Tatort-Kommissar: „Kennt ihr das?“
Susanne wartet unsere Antwort nicht ab, sondern steht auf und beginnt unvermittelt zu singen: „Frag mich, warum ist mein Himmel, seit du fort bist, so trüb“, hebt sie leidenschaftlich an. »Weil ich dich liebe, liebe, liebe – ein Leben lang!« Sie schmettert den Refrain regelrecht heraus, mit weit ausgebreiteten Armen, als stünde sie auf einer Bühne. Lachend klatschen wir Beifall.
„Ja, das war unser Lied, das war wie für uns geschrieben“, meint sie und setzt sich wieder. Der Abschied sei natürlich erneut herzzerreißend gewesen. „Wegen der Aussichtslosigkeit unserer Lage, wir hatten ja keine Perspektive. Aber das wollten wir uns damals noch nicht eingestehen.“
Die Intensität ihrer Liebe habe selbst Tobias’ Mutter nicht kaltgelassen. „Sie schickte mir regelmäßig Päckchen mit supertollen Klamotten. Ich denke, sie hatte ein schlechtes Gewissen.“
Viermal noch sollten sie sich in den nächsten eineinhalb Jahren treffen – aber ganz tief drinnen wusste Susanne: „Das kann man nicht auf Dauer leben.“ Sie merkte, wie sehr Tobias das neue Leben im Westen gefiel, das alte im Osten hatte er längst losgelassen. Und bald, das spürte sie, würde er auch sie loslassen.
Drei Monate vor ihrem letzten Treffen im Sommer 1983 machte er eine Klassenfahrt nach Paris und schickte ihr eine Ansichtskarte.
Paris ist wunderschön, schrieb er. Die Stadt der Liebe. Und dahinter: (Stimmt!)

Über Dieter Quermann

Biografie

Dieter Quermann, Jahrgang 1950, geboren und aufgewachsen in Ostwestfalen, arbeitete bis zu seiner Pensionierung 2012 als Kriminalbeamter in Nordrhein-Westfalen. Nachdem er 100 Jahre Leben einer altersblinden hundertjährigen Bekannten vorgelesen hatte, schickten die beiden Kerstin Schweighöfer über...

Kerstin Schweighöfer

Über Kerstin Schweighöfer

Biografie

Kerstin Schweighöfer, Jahrgang 1960, besuchte nach ihrem Studium in München und Lyon (Romanistik, Politologie und Kunstgeschichte) die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg. Seit 1990 lebt sie als freie Autorin und Auslandskorrespondentin in den Niederlanden und arbeitet vorwiegend für die...

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