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Ein Herr mit Zigarette

Ein Herr mit Zigarette

Erinnerungen

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Ein Herr mit Zigarette — Inhalt

»Dies ist keine klassische Autobiografie, keine Lebensbeichte à la Rousseau. Man hat mich halt gefragt – zu meiner ersten Zigarette, zu den zotigen Sprüchen der Kinder, zu piemontesischen Schlössern, dazu, warum ich um Himmels willen die Hochkultur für die Niederungen des Krimis aufgegeben habe, zu meinem Verhältnis zu Italo Calvino, Franco Lucentini, Pietro Citati – und so weiter und so weiter. Und so entstand dieses Buch ganz beiläufig, ja zufällig, und es verschweigt, wie bei den meisten anderen Menschen auch, viel mehr, als es erzählt …«

Carlo Fruttero ist eine Legende – seine literarischen Plaudereien sind nicht nur für die Millionenschar seiner treuen Leser eine wahre Fundgrube.

 

»Ein Herr mit Zigarette« - jetzt wieder bei Piper Edition lieferbar.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 27.02.2017
Übersetzt von: Luis Ruby
288 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97707-4

Leseprobe zu »Ein Herr mit Zigarette«

Burgleben

Ausgerechnet auf einer Burg habe ich gelernt, Nostalgie als ein flauschiges, nachgiebiges Gefühl zu verwerfen und Erinnerungen – die anderer und insbesondere die eigenen – als eine Empfindung zu betrachten, die entfernt mit der Zudringlichkeit des Bettlers verwandt ist; und doch wäre es mir unmöglich, über Burgen zu schreiben, ohne aus meiner Biografie zu erzählen.

Nicht in dem Sinne, dass ich je eine besondere Lei­denschaft für piemontesische Burgen gehabt oder mich aus irgendeinem historischen, architektonischen, wein­bäu­er­lichen oder [...]

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Burgleben

Ausgerechnet auf einer Burg habe ich gelernt, Nostalgie als ein flauschiges, nachgiebiges Gefühl zu verwerfen und Erinnerungen – die anderer und insbesondere die eigenen – als eine Empfindung zu betrachten, die entfernt mit der Zudringlichkeit des Bettlers verwandt ist; und doch wäre es mir unmöglich, über Burgen zu schreiben, ohne aus meiner Biografie zu erzählen.

Nicht in dem Sinne, dass ich je eine besondere Lei­denschaft für piemontesische Burgen gehabt oder mich aus irgendeinem historischen, architektonischen, wein­bäu­er­lichen oder sonst wie gelagerten Grund damit beschäftigt hätte. Ich habe einige davon besucht, wie man in Kirchen oder in Museen geht, habe viele davon bewundert, wenn ich im Auto durch ein Tal oder an einem Gittertor vorbeifuhr; aber alles, was über eine oberflächliche Kenntnis der Materie hinausgeht, verdanke ich letztlich einer ganz be­­stimmten Burg. Aufgrund keineswegs außergewöhnlicher Umstände ist sie der Ort, an dem sich bei mir die meisten der so starken Eindrücke und Bilder aus Kindheit und Jugend in datierbaren Schichten abgelagert haben.

Der Versuch, den gesamten Bogen meiner damaligen ­Leidenschaften zu rekonstruieren – die im Grunde denen jedes anderen Menschen doch ziemlich ähnlich sind –, erscheint mir als ein literarisches Projekt, auf das ich selbst wie auch der Rest der Welt bestens verzichten kann; dienlich ist hier allein die wenn auch unvermeidlich subjektive und sehr beschränkte Perspektive dessen, der das »Burg­leben« jenseits der Probleme von Eigentümern aus eigener Anschauung kennt und zumindest hoffen darf, Außen­­stehenden ein nicht allzu ungenaues Bild davon zu vermitteln.

Das Beispiel, von dem ich sprechen kann, steht im Basso Monferrato, etwa dreißig Kilometer von Turin, wo der Tuff eine Kette von parallelen Erhebungen bildet, gleich einem unordentlich ausgelegten Teppich. Auf diesen schmalen Kämmen liegen einige Städtchen, ein jedes mit seinem kleinen Friedhof, seiner im Bauernbarock gebauten Kirche und seiner Burg, die standesgemäß von einer Gruppe jahrhundertealter Bäume umrahmt ist.

Aber es sei gleich gesagt, dass mir ein rationaler Vergleich zwischen »meiner« und den anderen Burgen der Region (oder des Universums) vollkommen unmöglich ist. Denn stellt man mich vor ein beliebiges konkurrierendes Bauwerk, fange ich unwillkürlich an, nach einem Makel zu suchen, einem negativen Detail, der Ausrede für ein Schulterzucken – und etwas finde ich immer. Allerliebst, aber zu … melodramatisch, sage ich dann und verziehe das Ge­­sicht. Oder ich finde etwas an der Lage auszusetzen, an der mittelmäßigen Aussicht. Oder ich komme zu dem Schluss, dass der Gesamtkomplex prätentiös ist, die Struktur ent­weder chaotisch oder von eisiger Schablonenhaftigkeit.

»Meiner« Burg haftet keiner dieser fatalen Mängel an: Ihre Farbe ist nicht das düstere und heutzutage unpassend bedrohliche Grau von Steinquadern, sondern das warme Rot von Ziegeln, durch den Regen und Sonnenschein der Jahrhunderte unendlich abgestuft; der Grundriss, ein scheinbar willkürliches Labyrinth auf drei oder vier Stockwerken, verfügt über die schwer fassbare, aber faszinierende Harmonie aller Dinge, die von vergangenen oder vergessenen Notwendigkeiten bestimmt sind; die Türme und Türmchen, auffällig ungleich und ohne erkennbare Ordnung verteilt, verleihen dem massiven Körper des Gebäudes etwas Weiches, sodass es weder die förmliche Strenge einer Festung noch die Kälte eines »architektonischen Juwels« besitzt. Sein Ursprung verliert sich auf romantische Weise im Dunkel der Zeiten: Die groben Bruchsteine entlang einer Treppe etwa gehen bis vor das Jahr 1000 zurück, und kein Gebäude­flügel, kein Stück Fassade, kein Vorsprung, kein Bogengang entstammt derselben Epoche. Obgleich der gesamte Komplex mit seinen stellenweise tief abfallenden Mauern, den Überresten von Wällen, Gräben, Zugbrücken, den fins­­teren Dachvorsprüngen, zweifellos imposant ist, hat er nichts von einem strengen, feierlichen, quasi einbalsamierten Denkmal.

Das liegt möglicherweise daran, dass seit dem Jahr 1300 dieselbe Familie die Burg bewohnt, was – wie ich von Experten höre – ziemlich außergewöhnlich ist. Oder vielleicht hat es auch damit zu tun, dass man sich von einem Gebäude (und wäre es der Firmensitz von Fiat oder der Banca d’Italia), in dem man Indianer gespielt hat – die Kriegsäxte waren aus Holz, mit einer Schicht Stanniolpapier umwickelt –, einfach nicht eingeschüchtert, architektonisch bedrängt fühlen kann. Meine Vorfahren mütter­licherseits standen, soweit ich weiß, als Tagelöhner oder dergleichen im Dienst der Vorfahren der heutigen Burg­bewohner, und aus jener dunklen Vergangenheit sind auch der bedeutungslose Weinberg und die erwähnte, am Fuß der Burg gelegene Hütte auf uns gekommen, zu der wir jeden Herbst fuhren, um unsere symbolische Weinlese vorzunehmen. Auf jene Jahre (oder, aus längerer Sicht, auf die Französische Revolution) geht meine Freundschaft mit den Nachfahren der früheren Lehnsherren zurück.

Der Jüngste war ungefähr im selben Alter wie ich, und unter seiner Führung verwandelten drei oder vier weitere Kinder und Jugendliche und ich sein Haus in ein Spiel­zimmer von schier endlosen Dimensionen. Und dann gab es da ja auch noch die ländliche Umgebung: die zu einsturzgefährdeten Quadern geschichteten Strohballen, von denen wir auf lose Haufen sprangen, die Ställe voller Fliegen und tränender Augen, die Wagen und Bottiche bei der Weinlese, die in Reichweite hängenden Feigen, die Tennen mit den knirschenden Maiskolben, ein kleiner Bachlauf unten in der Talsohle, wo einige von uns sich gerne der Illusion hingaben, dass man dort Fische finden könnte. Doch all dieser Zauber, der sich nach einem am Meer verbrachten Sommer ein bisschen zweitklassig anfühlte, war nichts im Vergleich zu dem, was die sagenhafte Burg zu bieten hatte.

Heute bleibt nicht so sehr die Erinnerung an bestimmte Ereignisse oder Tage als vielmehr eine Art konfuses, aber bilderreiches Buch, das sich irgendwo zwischen einem Märchen und einem Abenteuerroman bewegt: Wendeltreppen, auf die durch schmale Schlitze ein schummeriges Licht fällt; wurmstichige Türen, die sich knarzend öffnen, um den Blick auf kreisförmige Kammern freizugeben; weiträumige Säle, in denen Kamine aufragen, so groß wie die Ritter der Tafelrunde; enge, unerwartete Durchgänge, die in leer stehende und Furcht einflößende Räume führen; finstere Abstiege in Krypten, in denen vielleicht eben noch Montrésor gewesen war; gewaltige eiserne Schlüssel, offenbar für übermenschliche Hände geformt; schwarze Sitztruhen und Himmelbetten mit undurchdringlichen Vorhängen; eisige Luftströme unbekannten Ur­­sprungs; und überall – jedoch so ungreifbar wie der Klagelaut eines Gespensts, bald klar und deutlich, dann wiederum kaum wahrnehmbar – das, was sich nur als »Burggeruch« bezeichnen lässt, ein Geruch, in dem fortwährend altes Holz, Staub, Moder, Asche, Wachs, Obst, Rost, Tabak, je nach Verdichtung oder Ausdehnung des Raumklimas, um eine Vorherrschaft ringen, die aufgrund der Weite der Räume ohnehin nur vorübergehend und flüchtig sein kann.

Bei unserem atemlosen Kommen und Gehen stießen wir gelegentlich auch auf Personen aus Fleisch und Blut. Die über einen Schreibtisch gebeugte Gestalt, die aufsah und uns mit verdattertem Blick musterte, war der Vater, der zwischen Nachsicht und Verärgerung schwankte. Hinter einem hoch im Wind wehenden Vorhang erschien urplötzlich die Mutter am Fenster, die Hand mit matter Geste erhoben, wie um eines flüchtigen Gedankens habhaft zu werden, und wenn ihr Blick auf uns fiel, murmelte sie: »Ah.« Dann waren da noch die älteren Brüder, mit denen wir immer wieder zusammenstießen, wenn wir um eine Ecke bogen oder auf einer Freitreppe acht Stufen auf einmal hinuntersprangen – schwierige junge Männer, die schon damals dazu neigten, die Augen zu verdrehen und einen der beiden Lieblingssätze der Familie zu skandieren: »Ist ja nicht auszuhalten!« (Der andere lautete: »Ist das öööde!«) Am Ende eines langen Korridors schritt eine schwarz gekleidete, von der Last der Jahre gebeugte Tante vorbei, in der Hand einen Fächer; andere Male ragte aus einem wuchtigen, vermeintlich unbesetzten Armsessel un­­versehens der Kopf oder Ellbogen eines Gastes, der sich dorthin zurückgezogen hatte, um endlich in Frieden lesen zu können.

Gespenstischer und allgegenwärtiger als alle anderen war freilich der Koch, ein Mann mit einem traurig herabhängenden Walrossbart. Wir fanden ihn an den unverhofftesten Orten vor, wo er still seinen Verrichtungen nachging, und dabei wirkte er weniger heimlichtuerisch als verflucht, wie einer, der dazu verurteilt ist, irgendeine geheime Verwünschung mit sich zu schleppen; ich kann mich nicht entsinnen, jemals auch nur ein einziges Wort aus seinem Mund vernommen zu haben. Häufig folgte ihm aus naheliegenden Gründen ein fetter, zotteliger und keuchender weißer Hund. Er hieß Uzzo und blieb das ganze Jahr über auf der Burg. Darüber hinaus hatte die Familie auch einen »Stadthund«, einen Airedale, der immer mal wieder starb und unverzüglich durch den nächsten Airedale ersetzt wurde, der wie sein Vorgänger auf den Namen Nipper getauft wurde.

Wenngleich mir der allgemeine Eindruck von damals geblieben ist, die Erinnerung an massive Mauern, schwindelerregend hohe Kassetten- oder Gewölbedecken, Fluchten von Sälen, endlose Flächen Parkettboden, und wenngleich ich mich noch auf Zehenspitzen durch die strengen Halbschatten laufen sehe, einen unterdrückten Kriegsschrei auf den Lippen, so müssen unsere Spiele doch – das sehe ich heute – ziemlich laut und lästig gewesen sein. Den »Gro­­ßen« sprangen wir mit unseren Wasserpistolen wohl ständig zwischen den Füßen herum. Und ich kann mir vorstellen, wie unausstehlich wir gewesen sein müssen, wenn ich an eine Gruppe von Szenen zurückdenke, die uns nun allesamt »unter freiem Himmel« zeigen. Die Erforschung einer Kapelle, von der aus einstmals ein geheimer und nie wieder­entdeckter unterirdischer Gang auf die andere Seite des Tals geführt haben mochte. Sodann die mühseligen Grabungsarbeiten, mit denen wir auf der steilen Flanke des Hügels eine flache Stelle schaffen wollten, um darauf ein Armeezelt aufzustellen. Und die Ruine einer Kasematte oder Bastion, die ein Stück vom Hauptgebäude entfernt stand und sich mit ihren weggebrochenen Zinnen bestens für akrobatische Scharmützel à la Errol Flynn eignete. Und ein Verschlag, in dem der Gärtner sein Werkzeug aufbewahrte, unsichtbar hinter einem dicht herabhängenden Laubvorhang. Und ein Holzschuppen, der einmal als Gefängnis gedient hatte oder wahrscheinlicher als Wachraum am Fuß des großen quadratischen Turms. Und schließlich der »Club« im Verwalterhaus.

Was das angeht, erscheint das Vorhaben, sich von unserer stürmischen Anwesenheit zu befreien, im Rückblick noch klarer. Das ehemalige Verwalterhaus, das immer noch so genannt wurde, war ein L-förmiger, zweistöckiger roter Bau und wurde in Teilen von Personen bewohnt, die auf mir nicht mehr erinnerliche Weise mit den Abläufen der darüber aufragenden, ja es bedrohlich überragenden Burg verbunden waren. Einige Räume enthielten Berge von Getreide, in anderen wurden Kartoffeln oder Haselnüsse gelagert, aber überwiegend standen sie leer, und irgendwann wurde uns eines der Zimmer mitsamt ein paar Stühlen und einem Tisch von zweifelhafter Standfestigkeit zu­gewiesen, dazu ein kurbelbetriebenes Grammofon, ein Schachbrett, zwei Blatt Spielkarten und ein Zahlenschloss. Die Tatsache, dass wir uns die Mühe machten, ein »Codewort« zu vereinbaren, das, in Ziffern übersetzt, die Kombination des Schlosses ergab, belegt, dass wir noch mit einem Bein in der Kindheit standen; aber mit dem anderen mussten wir schon einen Schritt weiter sein, denn immerhin handelte es sich um einen »Club« und nicht um einen »Geheimbund«, das Monopoly-Spiel war durch Pokerpartien ersetzt worden, mit getrockneten Hülsenfrüchten als Einsatz, und auf dem Grammofon liefen unaufhörlich Platten wie Body and Soul, mit Louis Armstrong an der Trompete.

Da sich Musik nun einmal (wie Proust bestens bekannt war und wie den Produzenten von Liebesfilmen noch heute bestens bekannt ist) wie kein anderes Mittel dazu eignet, die Mechanismen der Erinnerung in Gang zu setzen, lässt die Geste eines von uns, der an der Kurbel dreht, denkwürdige Momente erstehen: das Feuer im Kamin an einem Regentag und wir, die wir darauf Haselnüsse und Maiskörner rösten (Begleitmusik: Some of These Days, gesungen von Sophie Tucker); das Teilen einer weißen Schachtel Xanthia-Zigaretten (Begleitmusik: Vous qui passez sans me voir, gesungen von Jean Sablon); die große Pastete, die der Koch für eine unserer kleinen nächtlichen Festivitäten zubereitet hatte, vorzugsweise mit Sardinen aus der Dose (Begleitmusik: Mood Indigo, gespielt von Duke Ellington); ein Stapel von Mondadori-Krimis auf den losen Bodenziegeln (Be­­gleitmusik: Blue Moon, gesungen von Connie Boswell).

Durch diese Bücher mit ihrem alten, orangestichigen Einband ergibt sich die Verbindung zwischen einer recht fließenden Folge von Jahren, die im Gedächtnis verschwimmen, und dem Beginn dessen, was ich als mein denkendes Leben bezeichnen würde. In seiner Blitzartigkeit ist dieser Anfang mit Paulus’ Sturz vom Pferd vergleichbar, und ich habe daran in der Tat eine sehr genaue Erinnerung. Der Krieg war ausgebrochen, die Bombenangriffe hatten ein­gesetzt, und wir vormaligen Rothäute waren allesamt aufs Land evakuiert worden. Träge und mürrisch bekämpften wir die Langeweile dieses ungewollten Arkadiens mit diversen mehr oder minder befriedigenden Mitteln, von denen das Beste, wenigstens für mich, die Lektüre von Agatha Christie & Co. war. Dieser langen und mechanischen Faszination setzte ein Roman, den mir mein gleichaltriger Burgbewohner Roberto empfohlen hatte, ein jähes Ende. Er selbst hatte Feuer gefangen, nachdem ihm das Buch von seinem Bruder Vittorio empfohlen worden war. Es handelte sich um Der 42. Breitengrad von John Dos Passos, einem zweifellos nicht sehr bedeutenden und heute wohl weit­gehend überholten, veralteten US-amerikanischen Schriftsteller. Aber die erste Begegnung mit der Literatur ist eine subjektive und zufällige Angelegenheit, gänzlich unabhängig vom Wert des Buches, das einem da begegnet. Anderen wurde dieses heftige Gefühl von Entdeckung, Verblüffung, fiebriger Erregung, dieser unglaubliche Ausblick auf unermesslichen Reichtum von Horaz oder Plutarch beschert, von Ariost, Shakespeare oder D’Annunzio. Mir – der ich jene illustren Autoren in der Schule durchaus kennengelernt hatte – öffnete eben Dos Passos ein für alle Mal die Türen zum großen Depot.

Von jenem Augenblick an erfuhr die Burg eine drastische Verwandlung. Die Türme verschwanden, die Säle lösten sich in Luft auf, die Kellergewölbe wurden verschluckt, die Bilder, Möbel, das Silberzeug und der Marmor, die Stickereien, die Tischchen aus Mahagoni und Nussbaumholz ­zerfielen zu nichts; für mich blieben nur noch die Wände sichtbar, an denen die Bücher aufgereiht standen. Vor allem in der Bibliothek: Auf einer Höhe von gut sieben und einer Länge von etwa fünfzehn Metern beherbergten sie die braunen Einbände des Mercure de France und der Revue des deux mondes, die dunkelroten und dunkelgrünen Rücken der englischen Klassiker, Diderots und D’Alemberts En­­zyklopädie, seltene Ausgaben von La Fontaine, Bossuet, Madame de Sévigné, die gelben Bände der Classiques Garnier, dazu Goldschnitte, Pergamente, Saffian, sich abschälendes, brüchiges Leder, marmorierte Pappe, verblasster Samt, Kanten und Schnallen aus Messing und Kupfer.

Selten gestattete man der Sonne, in diese geräumige Höhle einzudringen. In der Mitte trug ein gewaltiger Schreibtisch weitere maßlose Bände, altehrwürdige Tintenfässer, das eine oder andere Stück absonderlichen Nippes; und rundherum Sessel mit hoher Rückenlehne, Armsessel, Schemel, Lesepulte, Sprossenleitern, mit denen man die höchsten Regalbretter erreichen konnte. Nicht hier jedoch überließen wir uns unseren fanatischen Leseexzessen (so behaglich der Ort war, sosehr er sich auch anbot). Der kurze, dunkle Schlauch, der uns so viele Jahre lang lediglich als annehmbarer Ersatz für einen »Geheimgang« erschienen war, führte nun nicht mehr in eine Räuberhöhle, in ein Hauptquartier, einen Unterschlupf von Gespenstern oder Vampiren, sondern in eine Kammer mit einem Sofa und ein paar Sesseln, auf denen wir es uns mit unseren Stendhals, unseren Dostojewskis, unseren Rousseaus und unseren Flauberts gemütlich machten.

Wer die Leidenschaft des Lesens aus eigener Erfahrung kennt, der weiß, dass es sich dabei um eine echte Leidenschaft handelt, wild, exklusiv, wie das Spiel oder der Terrorismus, daneben erscheint alles andere unbedeutend. Mein Freund Roberto und ich (die anderen Mitglieder unserer kleinen Bande waren von der Krankheit verschont ge­­blieben) hatten nicht den leisesten Zweifel daran, dass es möglich und sogar in hohem Maße wünschenswert wäre, den Rest unseres Lebens in diesem kleinen, von Büchern gesäumten Raum zu verbringen und allenfalls hin und wieder ein zufriedenes Grunzen auszutauschen, ein Grinsen oder ein in uns hineingegrummeltes literarisches Urteil. Jeder von uns las bis zu vier oder fünf Bücher parallel, am Morgen einen modernen Roman, am frühen Nachmittag einen Klassiker, nach dem Tee einen Essay und bis zwei Uhr früh ein Theaterstück, um dann, bevor wir das Licht ausschalteten, den Tag mit einer Erzählung oder einigen Seiten Memoiren abzuschließen.

Die Burg war, wie ich nun feststellte, voller Bücher. In jedem Schlafzimmer gab es Regale unter den Fenstern, weitere neben dem Nachtkästchen (das seinerseits eine or­­dentliche Menge bedruckten Papiers trug); und standen an der Wand zwei Schränke, so war einer davon unweigerlich vollgestopft mit Broschüren, einzelnen, mittels Schnüren zusammengebundenen Zeitschriften, Heften, steifen Folianten. Die edlen, maßgerecht eingepassten Barockregale im »englischen« oder Empire-Stil, die es einige Jahrzehnte oder Jahrhunderte lang in den verschiedenen Sälen, Vorhallen und Korridoren mit Gutenberg aufgenommen hatten, mussten sich inzwischen mit der Gesellschaft langer Bretter aus ungehobeltem Tannenholz abfinden, die der Dorftischler kreuz und quer angenagelt hatte, damit alle Neuzugänge untergebracht werden konnten. Man sah Bücher auf jedem Tisch, Bücher im Billardzimmer, Bücher in den Vorhallen, Bücher in den Badezimmern, Bücher zwischen den Schirmen, Spazierstöcken und Zierkürbissen am Eingang.

Verantwortlich für den unablässigen Zuwachs zeichnete Vittorio, der ein Dutzend Jahre älter war als wir und die von sukzessiven Generationen von Liebhabern auf ihn ge­­kommene ansehnliche und vielfältige Sammlung ohne Vollständigkeitsillusionen oder obsessive Sammlervorlieben in vernünftigem Maß ergänzte und auf den neuesten Stand brachte. In der Familie floss neben dem in der piemontesischen Aristokratie üblichen militärischen auch aufklärerisches Blut (ein Vorfahr, Freund Voltaires und Verfasser einer berüchtigten Schrift mit dem Titel Elogio del suicidio [Lob des Selbstmords], war von der Inquisition zum Tode verurteilt worden und hatte nach London fliehen müssen), und auch an »künstlerischem« Blut fehlte es nicht (ein anderer Vorfahr hatte die Tochter von Clara Schumann geehelicht); diese unerhörte Mischung führte dazu, dass in Vittorios Augen das Abonnement der Nouvelle Revue Française oder der Ankauf der Neuheiten des Verlags Chatto & Windus um vieles wichtiger erschien als der eines Ochsengespanns oder eines Elektromotors für irgendeinen Bauernhof auf dem Besitz.

Doch sein in alle Richtungen gefräßiges Interesse hatte nichts Professionelles an sich, es »diente« streng genommen nichts Bestimmtem, und die Sprache, in der man sich zur Literatur äußerte, war immer von einer beispielhaften Vertraulichkeit geprägt. Auf Huxley und Sainte-Beuve, auf Ma­­dame de Boigne und Thomas Hardy wurden Aussagen von der Art gemünzt, wie sie zwischen den Hausherren und ihren Intimfreunden fallen, wenn nach einem Empfang die Gäste gegangen sind und man sich noch austauscht und über andere herzieht, bei ein paar Trauben und einer letzten Zigarette. Kafka war »gar nicht übel«, Valéry »riesig«, Milton erntete ein perplexes »Na ja …«, Aischylos wiederum ein warmes »Wunderbar!«, Hemingway war »ein bisschen ein Trottel«, Zola »ein Volldepp«, D. H. Lawrence »ein unglaublicher Langweiler«, Dante nach einiger Überlegung »ausgesprochen unterhaltsam«, de Sade »ir­­gend­wie schon ein Betrüger«.

Dem Erziehungsminister und allen Schulreformern möchte ich nahelegen, dass es keine bessere Methode gibt, um Kultur zu vermitteln. Jedem, der sich ihr mit dem Hut auf dem Kopf und dem Notizbuch in der Hand nähert, muss sich deren Essenz unweigerlich entziehen. Die Idealbedingungen, die sich zu meinem Vorteil auswirkten, ließen sich allerdings schwerlich durch bürokratische Maßnahmen landesweit herstellen, und mir ist durchaus be­­wusst, dass die erste davon (ein Weltkrieg, wenn auch ohne Einsatz von Atomwaffen) ein zweifellos recht kostspieliges didaktisches Mittel darstellt. Erst jetzt sehe ich übrigens klar den Zu­sammenhang zwischen der schrecklichen, gewal­tigen Zwangslage des Krieges und der wundervollen, un­­wiederbring­lichen Freiheit, die wir in unserer Isolation genossen. Aufgrund der schwierigen Verbindungen nach Turin und später aufgrund der Straßensperren, der Deutschen, der Razzien und so weiter hatten wir den Schul­besuch eingestellt. Um uns herum lagen unverseuchte Felder, unverdächtiges Gemüse, Freilandhühner, Brennholz, das es zu hacken galt, Eis, das vor der Tür zerstoßen wurde. Oft musste man ein Buch bei der Hälfte liegen lassen und zwischen Waldstücken und Weinbergen hindurch zu einer einsamen Mühle gehen, um Mehl zu holen, oder aus dem Tal bis zu einer auf halber Höhe gelegenen Hütte aufsteigen, wo Butterstücke verkauft wurden. Doch diese Einschränkungen waren nicht nur niemals tragisch, sondern begünstigten vielmehr die optimale Verschmelzung von Natur und Bildung, körperlicher Übung und intel­lektueller Entfaltung, eine Verbindung, die wir alle heute durch EU-Verordnungen oder künstliche Konstrukte wiederherzustellen träumen, ohne zu begreifen, wie viel daran zufällig, ungewollt, um nicht zu sagen unerwünscht sein muss.

Wir, die wir in dieser Situation waren (und unsere Eltern erst recht), hatten diesbezüglich die größten Zweifel. Das Lesen erweitert sicherlich den geistigen Horizont, aber es erfüllt darüber hinaus auch eine ganz banale Funktion: Es macht unbändige Lust, die Orte aufzusuchen, von de­­nen man liest, so war es zumindest vor dem Aufkommen der Billigflüge. Abends saßen wir in geflochtenen Chaise­longues vor der Fassade des »Vorplatzes« – einer nüch­ternen, ge­­schmackvollen Komposition aus Ziegeln und Stuck –, ­blickten auf das Meer von Hügeln im Mondenschein und ­versuchten, unser Unglück in seinem ganzen Umfang zu ermessen. Auf der Armlehne stand ein Glas reinsten Grappas, den wir selbst mit Meisterhand im Keller destillierten; der Kies bildete eine Art rechteckigen See, nicht ganz so weiß wie Uzzo, der sich mit heraushängender Zunge in der Mitte unseres kleinen Kreises ausgestreckt hatte; sanfte Luftwirbel trugen hin und wieder den Geruch eines Duftblütenstrauches herüber, der bis zum ersten Fenster des Türmchens hochwuchs. Und in dieser hohen Stille, der eine leopardianische Wehmut eignete, hörte man, wie wir uns darüber beschwerten, dass es so schwierig sei, sich Whisky zu beschaffen, schier unmöglich, sich flugs nach Paris, nach Rouen, nach London, nach Dublin zu begeben, und schlichtweg lächerlich, dass man hier nicht mal über einen Miniswimmingpool oder einen behelfsmäßigen Tennisplatz verfügte. Wir stiegen durchs offene Fenster ins Esszimmer, um zurück ins Haus zu gelangen, machten Station, um einen Pfirsich zu essen, die eine oder andere Sauerkirsche, gingen für einen Augenblick (der eine halbe Stunde dauerte oder auch eine ganze) hoch in die Bibliothek, um ein Buch wegzustellen und uns ein anderes zu holen, und legten uns dann in der düsteren Gewissheit schlafen, dass das Leben, das wahre Leben, etwas ganz anderes sei und aus unserem toten Winkel, in dem nie etwas passierte, auf jeden Fall unerreichbar.

Häufig kündeten unheilvolle Explosionen in der Ferne von einem neuen Bombenangriff auf Turin, und wir stiegen nach dem gebührenden »Ist das öööde!« ins oberste Stockwerk der Burg, um einen Blick hinaus Richtung Norden zu werfen. Es war immer dasselbe eintönige Schauspiel: ein weiträumiges Leuchten über den Umrissen des nächstgelegenen Hügels, die grellen, kugelförmigen Leuchtraketen, das Donnern, die dumpfen Einschläge, der spärliche Chor der Flugabwehrkanonen, das dumpfe, immer wiederkehrende Summen der Flugzeuge. In dieser herablassenden, unkonzentrierten Stimmung – der Stimmung von Leuten, die eigentlich Besseres zu tun gehabt hätten – wohnten wir dem Kriegsverlauf bis zum Ende bei.

Im Billardzimmer hörten wir – Roberto, sein Vater und ich – Radio London, während sich Vittorio und der andere Bruder, Paolo, entnervt davon, mit welcher Langsamkeit die Alliierten ihre Operationen durchführten, in ihren Zimmern verschanzten. Lässig saßen wir auf der Kante des Billardtischs, den Queue zwischen den Knien, nahmen Offensiven und Landungen zur Kenntnis, Durchbrüche, Rückzüge, großartige Seeschlachten. Der Graf hatte, wie so mancher Piemonteser, die ermutigende Eigenschaft, selbst guten Neuigkeiten eine pessimistische Interpretation zu geben. Nach einer Niederlage der Deutschen schnaubte er, hob die Achseln und erklärte uns knapp, dass Rommel nach dem Verlust von zweihundertfünfzig Panzern weitaus wendiger und gefährlicher sein würde als zuvor. Dann forderte er uns auf, das Spiel fortzusetzen. Hatten hingegen die Deutschen gesiegt, so erhellte ein richtig­gehendes Strahlen sein Gesicht, er triumphierte. »Ha!«, rief er befriedigt, während er die Spitze seines Queues mit Kreide einrieb. »Ha! Natürlich!« Seine Grundhaltung zum Leben – jegliche Erwartung vermeiden, um nicht enttäuscht zu werden – hatte sich einmal mehr als richtig erwiesen; und wer seine Bemerkungen gehört hätte, ohne ihn zu kennen, hätte ihn leicht für einen fanatischen, faktenblinden Nazi halten können. Als wir ihn in der Nacht des 25.Juli wecken gingen, um vom Sturz Mussolinis zu berichten, und ihn aufforderten, doch mit nach unten zu kommen, um die Rede Badoglios zu hören, antwortete er zwischen den Zähnen: »Es ist zu spät«, und drehte sich auf die andere Seite.

Sein Misstrauen gegenüber jeder Art von kollektiver Erregung, gegenüber berauschten Menschenmengen und begeisterter, verschwitzter Einstimmigkeit und das Entsetzen gegenüber der schlimmsten aller Sünden, dem Dünkel, wurden natürlich von den Söhnen geteilt, denen es nicht nur unmöglich gewesen wäre, Mitglied im Partito Fascista zu sein, sondern auch in der Heilsarmee oder in einem Sportverein. In einer Zeit, in der die Emotionen der Masse unter Getöse nach hier und nach dort rollten wie eine Schaufel voll Kies auf der Ladefläche eines Lastwagens, waren die kühle und unnachsichtige Wachsamkeit meiner Gastgeber und der kaustische Humor, mit dem sie alles aufs Wesent­liche reduzierten, eine wertvolle Lektion für mich, die mir heute vielleicht noch mehr nützt als gestern.

Nach dem 8.September begannen englische, australische oder südafrikanische Flüchtlinge aus den Arbeitslagern in Zweier- oder Dreiergrüppchen durchs Dorf zu kommen. Viele wurden auf der Burg aufgenommen und so weit ­versorgt, dass sie ihren Weg fortsetzen konnten. Andere wurden in verlassenen Bauernhöfen in der Umgebung untergebracht, und dann stiegen wir nachts mit einer abgehängten Laterne die Wege hoch, um ihnen Lebensmitteln zu bringen – das Herz schlug uns bis zum Hals, denn wir riskierten, wie wir glaubten, erschossen zu werden. Bald jedoch wurde klar, dass das Ganze ein offenes Geheimnis war. Nachdem die jungen Männer sich sicher waren, dass vor Ort eine angenehme Ruhe herrschte, gingen sie dazu über, zwischen den Reben ihre Wäsche zum Trocknen aufzuhängen, in der vom Gras überwucherten Tenne Mundharmonika zu spielen und zwischen den Weiden und Maulbeerbäumen umherzuschlendern, wodurch sie Mädchen, Neugierige und Kinder anzogen. Sonntags sah man eine Reihe von Leuten mit Bündeln, Kochtöpfen und Körben kommen und gehen, als wären sie zu einem kleinen Markt unterwegs. Es war unmöglich geworden, die Flüchtlinge und ihre Wohltäter zu einem Mindestmaß an Vorsicht zu überreden, die bürgerliche Pflicht der Hilfeleistung war zur gewohnten unbeherrschbaren und unheilvollen Posse geworden, und es blieb einem daher nichts, als dieser Angelegenheit den Rücken zuzukehren und weiter (amateurhaft) Bridge zu spielen.

Nicht anders war es mit den Partisanen. Anfangs verschluckte sie die Burg in ihren labyrinthischen Gängen, die jede Durchsuchung zu einer Herausforderung machten; die Decken gewisser Besenkammern wurden entsprechend abgehängt, Abstellkammern unter der Treppe mit falschen Wänden verkleidet, einige Zimmer wurden schmaler, ein paar Schränke unsichtbar. Doch in der Folge schwand je­­des wirkliche Risiko dahin, oder jedenfalls hatte man diesen Eindruck; auf Lkws sah man bald Maschi­nengewehre und im Wind wehende Bärte, man sah Autos, auf denen ein Mann in dramatischer Pose über dem Kot­flügel lag, stets bereit, das Feuer zu eröffnen, es tauchten ­Verwandte und Bekannte in Schaftstiefeln und mit schweren Pistolen auf, mit dem Fallschirm abgesprungene britische Offiziere, Überbringer von Zigaretten und Tee, zerzauste junge Frauen, die Weisungen brachten. Die Burg war gleichzeitig eine Kaserne, ein Waffenlager, eine Zwischenstation und ein allgemeiner Ort der Begegnung. Politiker in Zivil do­­zierten neben dem Klavier über Clara Schumann, Offiziere rivalisierender Lager aßen gemeinsam an der langen Tafel zu Mittag, auf der es von Silberbesteck, von Gürteln, Holstern und Nieten nur so glänzte. Manchmal fuhr auch ein leistungsstarker Sportwagen mit quietschenden Reifen über den kiesbedeckten Vorplatz und brachte irgendeinen brillanten und todesmutigen »Scarlet Pimpernel« fort, der im Besitz unerhörter Benzinscheine und von der SS abgestempelter Papiere war.

Meine Freunde erfüllten mit vollkommener Gewandtheit ihre Gastgeberpflichten, aber das frenetische Kommen und Gehen, die heimlichen Zusammenkünfte à la »Vorabend von Austerlitz«, die Bewaffneten, die sich kauernd unter einer Himalaja-Zeder oder um den Mühlstein versammelten, der in einem Winkel des Gartens als Tisch diente, all das überzeugte sie nicht. »Ist das zu fassen!«, flüsterten sie, wenn sie mir gerade ein neues Beispiel für militärische Verantwortungslosigkeit hinterbracht hatten.

Und es kam tatsächlich hin und wieder vor, dass ein Trupp von Faschisten ungestört in dieses Territorium der Glückseligkeit eindringen und ein Sonderkommando oder eine Einheit der Partisanen überraschen konnte. Oder eine regelrechte Razzia suchte fast ohne Vorwarnung das Dorf heim, und während ein langer Zug von Deutschen und Schwarzbrigadisten bereits von einer nahen Anhöhe herabstieg, arbeitete man auf der Burg fieberhaft daran, sich einen schläfrigen und unschuldigen Anstrich zu geben. Die Totenkopftruppen wurden in denselben Räumlichkeiten untergebracht, die eine Stunde zuvor von ihren Widersachern besetzt gewesen waren, nachts schliefen sie über bündelweise versteckten Waffen, und nur wenige Zentimeter Mauerwerk trennten sie vom nächstbesten »Roten Teufel«, »Fulmine« oder »Zorro«, der es nicht rechtzeitig ge­­schafft hatte, sich mit den Seinen zurückzuziehen.

Wir spielten unerschütterlich (und schlecht) Mahjong, unter den Augen eines konsterniert wirkenden Offiziers, der jedoch keine Lust hatte oder nicht wagte, die Echtheit der Dokumente in Zweifel zu ziehen, die uns von jeg­lichem Kriegsdienst freistellten. Unsere Unparteilichkeit als skeptische Beobachter des kriegerischen Wahns bedeutete keineswegs, dass wir die finster dreinblickenden und zu dem Zeitpunkt schon entmutigten Milizionäre besser verstanden hätten. Wir sahen sie wieder abziehen, Geschöpfe, die sich von uns so sehr unterschieden, die uns so fern waren, dass in uns der Eindruck blieb, es wären Außerirdische zu Besuch gewesen. Daraufhin streckten die fröhlichen Partisanen den Kopf heraus und fingen alsbald wieder an, gut gelaunt herumzulaufen und herumzuballern, unter den Ausrufen der Burgbewohner: »Ist das öööde!« und »Nicht auszuhalten!«

Dann verschwanden auch sie in einer weißen Staubwolke, unter Geschrei und Siegesgesängen; und ich er­­innere mich gut an den Augusttag, an dem die Explosion der Atombombe in Japan gemeldet wurde, die dieser ganzen Ereignislosigkeit ein Ende setzte. Aus einem Nachbarort war ein Mädchen gekommen, um sich von mir zu verabschieden, eine vorübergehende Flamme, auch sie würde nun das Landleben aufgeben und in die Stadt zurückkehren, zu weniger ländlichen Sommerurlauben. Ich begleitete sie lange über die Kurven den Hang hinab, schob dabei ihr Fahrrad. Ein Wind ging, unten im Tal änderten die Pappeln ständig ihre Farbe, und auf den Feldern, einem Schachbrett in Grau und Tiefgrün, wurden die Wagen nach und nach mit Heu beladen. Wir gingen zum letzten Mal zusammen den Hügel hinab, wir wussten es, und es machte uns nichts aus. Die Welt öffnete sich nach all den Jahren wieder, und das Gefühl, dass nun der Rhythmus, das Zeitmaß des Lebens sich ändern würde, überwog freudig alle anderen.

Über uns wirkte die Burg, die sich mit geradezu abstrakter Klarheit gegen den blauen Himmel abhob, schon ein Stück weiter entfernt. Ihre Maße waren nicht mehr die meinen, ihr großer rötlicher Baukörper, der seit Jahrhunderten fest auf seinem Sporn aus Tuffstein aufsaß, gehörte einer me­­taphysischen, ewigen Landschaft an, in der die Eile und Be­gierde der Jugend keinen Platz hatten. In den folgenden Jahren sollte ich viele Male dorthin zurückkehren, aber es war nicht mehr dasselbe.

Über Carlo Fruttero

Biografie

Carlo Fruttero, geboren 1926 in Turin, hat zusammen mit Franco Lucentini (1920–2002) viele sehr erfolgreiche Kriminal- und Gesellschaftsromane geschrieben, darunter »Die Sonntagsfrau«, »Wie weit ist die Nacht« und »Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz«. Mit »Frauen, die alles wissen«, seinem ersten...

Pressestimmen

Buchkultur Wien

»Die Erinnerungen eines gescheiten, ironischen und dennoch gefühlvollen alten Mannes, die Lust machen, seine Romane, die er mit Lucentini geschrieben hat, wieder zu lesen.«

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