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Ein GeständnisEin Geständnis

Ein Geständnis

Roman

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Ein Geständnis — Inhalt

Amelie Frank wurde zur Zuschauerin ihres eigenen Lebens. Erst im Gefängnis legt sie dieses Geständnis ab. Vor der Haft verteidigt sie als erfolgreiche Wirtschaftsanwältin einen Anlageberater, der in großem Stil Cum-/Ex-Geschäfte betrieben hat. Doch sie möchte ihrem bisherigen Leben den Rücken kehren. Als sie den Mut dazu fasst, verhindert ein Fahrradunfall den nächsten Schritt. Diszipliniert führt sie ihren Alltag fort, bleibt aber auf der Suche nach einem Ausweg. Da begegnet ihr der rätselhafte Mario, der sich der Welt verweigert und mit seinem musikalischen Talent ihre Sehnsucht berührt.

Mit beeindruckender sprachlicher Genauigkeit und psychologischem Feinsinn lotet Thekla Chabbi die Grenzen menschlicher Wahrnehmung aus und erzählt, wie Amelies Suche in ein Verbrechen mündet.

 

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 01.03.2018
272 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-05723-3
€ 18,99 [D], € 18,99 [A]
Erschienen am 01.03.2018
256 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99101-8

Leseprobe zu »Ein Geständnis«

»Wer dich verlässt, denkt nicht an dich, sondern an sich.«

»Die Grenze des Verstehens ist schwer zu ertragen. Kein Mensch kann sich von der Verlassenheit eines anderen Menschen eine Vorstellung machen.«

»Offenbar.«

»Bis nächsten Mittwoch, Amelie.«

»Danke, Herr Blum. Machen Sie es gut.«

Amelie bleibt sitzen, als Herr Blum mit seinem Mantel überm Arm und dem Hut in der Hand schon an der breiten grauen Stahltür steht. Die Tür öffnet sich beinahe im selben Moment, in dem der hagere, dunkelblau uniformierte Wärter seinen Schlüsselbund zückt, einen Schlüssel [...]

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»Wer dich verlässt, denkt nicht an dich, sondern an sich.«

»Die Grenze des Verstehens ist schwer zu ertragen. Kein Mensch kann sich von der Verlassenheit eines anderen Menschen eine Vorstellung machen.«

»Offenbar.«

»Bis nächsten Mittwoch, Amelie.«

»Danke, Herr Blum. Machen Sie es gut.«

Amelie bleibt sitzen, als Herr Blum mit seinem Mantel überm Arm und dem Hut in der Hand schon an der breiten grauen Stahltür steht. Die Tür öffnet sich beinahe im selben Moment, in dem der hagere, dunkelblau uniformierte Wärter seinen Schlüsselbund zückt, einen Schlüssel mit dumpfem Scheppern ins Schloss drückt und ihn harsch herumdreht. Die vergangenen fünfundvierzig Minuten hatte er geräuschlos in der Ecke des matt erleuchteten Raumes mit den beiden Klappstühlen vor einem mit Eichenoptik-Folie beklebten Tisch abgesessen. Herr Blum geht, ohne sich umzuschauen. Der Uniformierte wirft Amelie einen leeren Blick zu, der ihr verständlich macht, sie solle aufstehen und mit ihm zusammen den Raum verlassen.

Um vier ist sie wieder in der Zelle. Abendessen und Frühstück stehen schon da. Sie zieht sich Sporthose, Turnschuhe und eine leichte Jacke an und bindet ihr braunes Haar mit einem Gummi zu einem Pferdeschwanz. Hinunter in den Innenhof. Sie rennt eine Stunde im größtmöglichen Radius an den Mauern entlang. Erst langsam, bis sich die Fußgelenke nicht mehr wehren, dann schneller und schneller, in die Stille und Schwerelosigkeit hinein. Als die Glocke schrillt, steht sie inmitten des Gewühls. Die Häftlinge strömen in den Trakt. Gedränge am Eingang und auf der Treppe.

Zurück in der Zelle. Sie zieht sich aus, verteilt ihre durchtränkte Kleidung auf Stuhl, Bettgestell und Heizkörper. In der Nasszelle hält sie den Waschlappen unter das Wasser, reibt ihn mit Seife ein und wäscht sich eilig, trocknet sich ab, zieht Hose und Hemd an. Kaum ist sie fertig, ein Schlag gegen die Tür. Im selben Moment brüllt jemand: »Lebendkontrolle!« Dann fliegt die Tür auf, kurz darauf wieder zu. Sie lässt den Putzeimer mit warmem Wasser halb volllaufen, greift Wischmopp und Besen und geht hinaus, über den Flur bis zum Freizeitraum, der ihr zur Reinigung zugeteilt ist. Wie ihr Schatten folgt der Wärter in schweren Stiefeln und Uniform einen Schritt hinter ihr. Im Türrahmen bleibt er stehen. Sie kehrt den Staub von den Ecken aus in die Mitte, dann alles zur Türschwelle. Sie taucht den Mopp ins Wasser, wischt den Fußboden, wieder von den Seiten auf die Mitte zu. Zweimal. Sie umschließt den Kehricht und lässt den Mopp in den Eimer gleiten. Zurück in der Zelle leert sie das Putzwasser in die Toilette, sie spült den Lappen aus und hängt ihn über den Eimerrand.

Sie stellt sich auf den Stuhl, schaut durch das vergitterte Fenster. Krächzende Raben ziehen über dem Gefängnishof ihre Kreise. Zu ihrer Linken gibt die Zelle den Blick über die Gefängnismauer hinweg auf einen stattlichen Baum frei. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages lassen seine roten und goldenen Blätter leuchten. Einige haben sich gelöst und gleiten zu Boden. Heute ist mehr schwarzes Geäst sichtbar als gestern noch. Inzwischen beherrscht Rot das Gold des Laubes. Als hätte sie kaum einen Wimpernschlag getan, sieht sie den Baum in frischem gelbgrünen Kleid vor sich. Das saftige Grün hat er abgelegt, nachdem er sich ihr zartgrün beblättert gezeigt hatte. Sie hatte gesehen, wie er spross und sich mit feinen Ästen, die in Frühjahrsstürmen wogten, immer mehr Raum unter dem Himmel verschaffte. Denselben Baum hatte sie schwarz und starr erlebt in tobendem Regen und krustigem Eis, sich totstellend, von einer wärmenden Schneedecke nackt zurückgelassen. Die Sonne schwindet und überlässt den Blick einem diffusen Dämmerlicht.

Plötzlich ein erneuter Schlag gegen die Tür. Amelie schreckt auf. »Lebendkontrolle!« Danach lautes Scheppern im Schloss, Riegelkrachen. Sieben Uhr. Nachtruhe. Sie geht die zwei Schritte zum Tisch, nimmt den Wasserkocher, dreht sich herum, wieder zwei Schritte, dann füllt sie ihn am Waschbecken. Sie stellt den Stuhl vor den Tisch, setzt sich und hebt den Deckel des Abendbrot-Tellers an. Sie bestreicht die dünne Scheibe Graubrot mit Butter, während das Wasser zu rauschen beginnt, legt eine Scheibe Käse und etwas Gurke darauf. Sie unterbricht das Grollen des dampfenden Wassers und gießt einen weißen Kunststoffbecher voll. Dann hängt sie einen Teebeutel hinein, sieht das Wasser nach und nach die Farbe der grünen Schlieren aufnehmen. Minzgeruch steigt ihr in die Nase. Nach dem Essen stellt sie beide Tabletts in das Regal über dem Tisch. Abermals bringt sie Wasser zum Kochen und gießt eine zweite Tasse Tee auf.

 

 

 

Sehr geehrter Herr Kugler,

hiermit kündige ich fristgerecht zum Ende des Quartals meine Anstellung in Ihrem Hause.

Mit freundlichen Grüßen

Amelie Frank

 

Sie musste den Brief nur noch in ein Kuvert stecken und eine Briefmarke darauf kleben. Sie las die Zeilen. In sechs Wochen würde die Zukunft beginnen. Der Gang zum Briefkasten wäre ihr Weg in ein neues Leben. Abermals las sie die Zeilen vor sich. Sie musste das Kuvert nur noch zukleben und in den Briefkasten werfen. Was war das schon? Aber ihr zitterten Hände und Knie. Vor dem Fenster bot sich ein trüber Anblick – grauer Februarhimmel, im Sturm wogende Äste und von Zeit zu Zeit kurze heftige Regengüsse. Trotzdem nahm sie das Fahrrad und fuhr etwas wackelig gegen die Böen an. Vielleicht würde sie in ein paar Monaten als Kellnerin arbeiten oder ihre Wohnung verkaufen müssen, ging es ihr durch den gegen Sturm und Regen gesenkten Kopf. Vielleicht würde sie alles bereuen und sich für diese Fahrt verfluchen. Sie durchquerte einen kleinen Park und schlingerte in den aufbrausenden Windböen über den Schotterweg, als sie plötzlich jemanden hinter sich brüllen hörte.

»Bist du besoffen? Fahr geradeaus, Schabracke!«

Erschrocken riss sie den Lenker nach rechts. Aber der erregte Radfahrer hatte bereits auf derselben Seite zum Überholen angesetzt. Sie stießen zusammen und stürzten mit ihren Rädern auf die nasse Wiese. Der Mann sprang laut fluchend sofort wieder auf. Amelie entschuldigte sich, noch im Gras liegend. Der Radfahrer wollte davon nichts hören.

»Pass gefälligst auf und sauf nicht so viel am helllichten Tag. Das kommt dich teuer zu stehen, wenn mein Rad kaputt ist!«

Er fuhr ein flottes Rennrad und war offenbar im Training. Das verrieten seine Radlermontur, der Helm und das Tempo, mit dem er in ihr Vorderrad gerast war. Er überprüfte, ob sein Fahrrad Schaden genommen habe, drückte die Bremsgriffe und rüttelte an der Gangschaltung, dann stellte er es auf Sattel und Lenker, um ein paarmal an Reifen und Pedalen zu drehen. Mit einem Schwung drehte er das Rad wieder herum und jagte wortlos davon. Amelie setzte sich auf. Ihre Kleidung triefte, der Inhalt ihrer Handtasche lag verstreut neben ihr, der Vorderreifen ihres Fahrrads hatte die Form einer Acht. Als sie versuchte aufzustehen, fuhr ihr ein scharfer Schmerz ins rechte Knie, und sie sah, dass ihre Hose nicht nur vom Regen, sondern auch von Blut durchnässt war. Auf den Ellenbogen und dem linken Knie – das rechte Bein ließ sich nicht beugen – robbte sie zu ihrer Tasche und sammelte die Sachen zusammen.

»Be careful with that axe, Eugene!«, hörte Amelie jemanden laut rufen.

Eine Frau in dunkler Regenkleidung kam auf sie zu.

»Ist Ihnen etwas passiert?«, fragte sie und half Amelie beim Aufsammeln. »Was für ein blöder Kerl! Kann ich Ihnen helfen?«

»Danke, es geht schon«, antwortete Amelie knapp.

»Da war bestimmt der Mars im Spiel, das war eine eindeutige Mars-Situation«, sagte die Frau.

»Was für eine Situation?«

»Man müsste es sich genauer anschauen. Unfälle sind oft eine Warnung. Der Mars-Einfluss. Machete, Mauser, Massaker, martialisch, Messer, Metzelei. Marsch-Marsch, Mephisto, Mine, Mörder, Munition, Metall. Attentat, Auslöschung, Axt. Anschlag, Attacke, Arglist, Acheron, Amok, Angst, Aggression. Ares, Asche!«

Amelie starrte die Frau an.

»Wissen Sie, ich bin Astrologin, und wenn ich so etwas sehe, interessiert mich immer, was dahintersteckt.«

»Aha«, erwiderte Amelie befremdet, während die Frau ihr das Rad aufstellte. »Danke für Ihre Hilfe.«

Als sie dann ihr aufhelfen wollte, lehnte Amelie ab. Sie beachtete die Frau nicht mehr und mühte sich wieder auf die Beine. Mit dem linken Fuß schob sie den Fahrradständer hoch, humpelte zwei Schritte vorwärts. Beinahe wäre sie erneut gestürzt, als der zerstörte Reifen blockierte. Das Rad ließ sich nicht schieben. Also schloss sie es an einem Baum fest und winkte an der nahen Straße ein Taxi herbei.

Zu Hause leerte sie ihre Tasche aus und verteilte den Inhalt zum Trocknen auf der Heizung. Der Umschlag ihres Kündigungsschreibens war verdreckt, die Adresse verlaufen. Unter Schmerzen zog sie sich aus und ließ die Badewanne mit warmem Wasser volllaufen. Sie stieg vorsichtig hinein, streckte Arme und Beine von sich. Eine Wunde am Schienbein färbte das Wasser rosa. Sie schloss die Augen. Was für ein Tag: Alles zunichte wegen eines fanatischen Rennfahrers – und dann noch diese seltsame Frau; sie war wohl verrückt gewesen.

 

Am nächsten Morgen um sieben klingelte der Wecker. Amelie stieg aus dem Bett, ging in die Küche und setzte Wasser auf. Unter der Dusche ließ sie sich mit geschlossenen Augen das Wasser über den Körper laufen. Dieses Mal war sie schnell wach, denn der Strahl brannte auf der Wunde. Sie desinfizierte sie und verband ihr Schienbein und Knie. Mit umgeschlungenem Handtuch setzte sie sich an den Küchentisch, trank Tee und frühstückte. Anschließend stand sie ratlos vor ihrem Kleiderschrank, bis im Radio die Zeit durchgesagt wurde. Eilig zog sie eine Hose, eine Bluse und einen Blazer heraus, schlüpfte hinein und verließ das Haus. Sie ging zum Auto und fuhr los. An der ersten Ampel legte sie den Gang ein, hielt die Kupplung gedrückt. Sie holte Wimperntusche hervor und färbte die untere Wimpernreihe des rechten Auges. Da schaltete die Ampel auf Grün. An der nächsten Ampel schminkte sie die untere Wimpernreihe des linken Auges und begann mit der oberen des rechten, bevor sie wieder anfahren musste. Bis sie ankam, war sie fertig, hatte Lippenstift aufgetragen und mit einem Wattestäbchen die ungewollten Sprenkel der Wimperntusche entfernt. Sie nahm den Aufzug.

»Guten Morgen, Frau Frank«, wurde sie von der Sekretärin begrüßt.

»Guten Morgen, Frau Kamp«, antwortete Amelie, »wie geht es Ihnen? Hatten Sie ein schönes Wochenende?«

»Ja, sehr schön. Meine Tochter war mit den Kleinen zu Besuch. Möchten Sie einen Kaffee? Ich mache Ihnen gerne einen.«

Sie tranken ihren Kaffee, und Amelie erzählte Frau Kamp von ihrem Fahrradunfall. Sie erwähnte auch die merkwürdige Frau, die ihr nach dem Sturz geholfen hatte.

»Meine Tochter hat sich auch mal mit Astrologie beschäftigt«, erwiderte Frau Kamp, »aber ich halte nicht viel davon. Manchmal fragte sie nach Dingen, die unsere Familie betrafen. Das waren gespenstische Fragen. Gott sei Dank hat sie es wieder sein gelassen, als die Kinder zur Welt kamen.«

Kugler betrat die Kanzlei und ging zügigen Schrittes in sein Büro. Im Vorbeigehen war ein ›Guten Morgen‹ zu erahnen, dann wurde aus seinem Büro ein leises Quietschen hörbar. Amelie begab sich ebenfalls an ihren Schreibtisch. Der Anblick der Akten rief ihr die missglückte Kündigung ins Gedächtnis zurück. Sie hätte sie ausdrucken und Kugler persönlich überreichen sollen, dachte sie kurz. Aber der Postweg war ihr lieber, weil es für sie nichts weiter zu sagen gab. Bis Ende der Woche musste sie das erledigt haben, sagte sie sich und schaltete den Computer an.

Als sie spät abends nach Hause kam, öffnete sie eine Flasche Rotwein, schenkte sich ein Glas ein und setzte sich an den Küchentisch. Durch das Fenster schaute sie in eine klare Nacht. Sie ging auf den Balkon und blickte zu den Sternen hinauf. Da fiel ihr wieder die verrückte Frau aus dem Park ein. Vielleicht könnte sie auch einmal etwas Verrücktes tun, etwas, dessen Sinn ihr bisher verborgen war, wenn es überhaupt einen hatte, etwas wie Astrologie; vielleicht würde sie dadurch Erklärungen für den Schwebezustand finden, in den sie vor einer ganzen Weile geraten war. Ihr Verstand tat ja offensichtlich nur noch willkürlich seinen Dienst. Kurz entschlossen ging sie in den Flur, öffnete die Schublade der kleinen Kommode und nahm ihren Laptop heraus. Am Esszimmertisch klappte sie ihn auf und gab in den Gelben Seiten »Astrologie« ein. Dann setzte sie den Entfernungsradius der Suche auf die maximal möglichen fünfzig Kilometer und begann die am weitesten entfernten Orte zu durchstöbern. Eine »Schule für Astrologie« fand sie dort und notierte Telefonnummer und Adresse. Als sie den Zettel in ihren Geldbeutel steckte, spürte sie auf einmal, dass ihr die gerade getroffene Entscheidung Kraft gab. Sie ging zum Regal, holte die CD mit der Musik des Films Frida hervor und legte sie auf. Dann streckte sie sich mit ihrem Glas in der Hand auf dem Sofa aus.

Im Juni vergangenen Jahres war sie mit Luna für vier Tage nach London gereist, zum Tanzen, Einkaufen und Schlemmen, und um es sich einfach gut gehen zu lassen. Zufällig waren sie dort in der Michael Hoppen Gallery auf die Ausstellung einer japanischen Fotografin gestoßen, die in Frida Kahlos Geburtshaus in Mexiko deren Gebrauchsgegenstände abgelichtet hatte. Luna, die vor einigen Jahren selbst einmal dort gewesen war, verehrte Frida Kahlo seither. Amelie kannte sie nicht. In der Ausstellung erfuhr sie, dass die mexikanische Malerin als Schülerin einen schweren Busunfall erlitten hatte und dabei fast zerteilt worden war. Fortan führte sie ein Leben unter unerträglichen Schmerzen. Zunächst vollends ans Bett gefesselt, begann sie mit der Malerei. Sie malte und unterrichtete unermüdlich, bis sie mit nur siebenundvierzig Jahren starb. Amelie und Luna bewunderten Kahlos Katzenaugen-Sonnenbrille mit gelbem Gestell, Nagellackfläschchen, Kleidungsstücke und Schuhe – Gegenstände aus einer versunkenen Zeit in grellen Farben und schön anzuschauen. Trotzdem bedrückte der Anblick, weil mehr sichtbar wurde, als zu sehen war: Zwei unterschiedlich verformte Stiefel mit unterschiedlich abgenutzten Absätzen, die nur noch durch ihre grellrosa Farbe als Paar zu erkennen waren, verrieten, wie beschwerlich das Gehen gewesen sein musste; oder ein roter, um ein Gipskorsett geschwungener Rock oder eine Beinprothese in einem feuerroten Lederstiefel mit Stickereien und einem Glöckchen am Schnürriemen ließen in all den Accessoires Steinchen eines Schicksalsmosaiks erahnen. Doch ungeachtet ihres Leidens und ihrer Drogensucht lebte Frida Kahlo voll kräftiger Leidenschaft. Seichtigkeit hatte bei ihr keinen Platz gehabt. Sie gab sich hin dem Leid, der Freude, Liebe, Wut, Gewalt, Schmerz, Genuss und notierte einmal: Ich habe niemals meine Träume gemalt. Ich habe meine eigene Wirklichkeit gemalt.

Die raue Stimme der unvergleichlichen Chavela Vargas hob an, Stimme einer verletzten Seele, und erfüllte den Raum mit mexikanischen Rhythmen und Melodien, mit Freudenklängen, Sehnsuchtsfeuer, Mollschmerz. Seit dem Besuch der Ausstellung wollte Amelie den Film über diese faszinierende Frau anschauen, jedoch hatte sie in all den Monaten nie die Zeit dafür gefunden.

 

Gleich am nächsten Vormittag rief sie vom Büro aus in der Astrologieschule an. Es meldete sich eine freundliche weibliche Stimme.

»Guten Tag«, sagte Amelie, »ich bin an einem Astrologiekurs für Anfänger interessiert.«

»Dann kommen Sie am besten gleich heute Abend vorbei, denn der Kurs fängt gerade heute an! Er findet immer am Dienstag- und Donnerstagabend statt. Sie benötigen keinerlei Vorkenntnisse«, hörte Amelie die Dame sagen.

»Das geht jetzt ziemlich schnell. Wann wäre denn der nächste Kurs?«, fragte Amelie.

»Erst in sieben Monaten. Wenn Sie am Anfang kaum etwas verstehen, machen Sie sich nichts draus, sondern fragen Sie immer wieder nach. Nach ein paar Wochen wird sich alles gesetzt haben, und Ihr Blick wird klarer.«

Für einen Moment zögerte Amelie.

»Na gut, dann komme ich heute«, sagte sie schließlich.

Die Frau erklärte ihr noch den Weg, dann legten sie auf. Seufzend und fassungslos über sich selbst, ließ sich Amelie in ihren Stuhl zurücksinken und atmete durch. Dann machte sie sich wieder an die Arbeit. Gerade hatte sie eine Akte aufgeschlagen, als das Telefon klingelte.

»Das hatte ich noch vergessen«, erklang Kuglers Stimme. »Die Sache Pascal Matt wird jetzt heiß. Wenn wir das nicht hinbekommen, ist der Mann ruiniert. Und unser Ruf auch. Hier geht es um unseren Scharfsinn, Frau Frank. Vor allem um Ihren. Die Akte liegt auf meinem Schreibtisch.«

»Ich bin unterwegs.«

Amelie stand auf, ging über den Flur zu Kuglers Büro, klopfte kurz und trat ein. Mit ausgestreckter Hand hielt er ihr schon die Mappe entgegen, sein Blick starr aus dem Fenster gerichtet, während er ein Glas Cola in sich hineinschüttete. Amelie übernahm, schloss hinter sich die Tür und begann, zurück in ihrem Büro, mit der Lektüre der Notizen, Briefe, Protokolle. Pascal Matt war ein Anlageberater aus Zürich, der in Zusammenarbeit mit deutschen Banken Großanlegern dazu verholfen hatte, mehr Steuern erstattet zu bekommen, als der deutsche Staat von ihnen kassiert hatte. Den Gesprächsprotokollen zwischen ihm und Kugler entnahm sie, dass Matt gesagt hatte:

»Wenn es keinen Anspruch auf einen Geldbetrag gibt, gibt es auch keinen Schaden. Das ist geltendes Recht.«

Und Kugler hatte erwidert:

»Ich haue Sie da raus, Herr Matt. Steuern sind ein Kostenfaktor. Und wo steht, dass es illegal ist, Kosten zu minimieren?«

Amelie vertiefte sich in die Akte. Matt hatte mit Anlegergeldern in Milliardenhöhe Aktiengeschäfte betrieben. Erwarb ein Anleger über ihn Anteile eines deutschen Großkonzerns in Höhe von einer Million Euro, verkaufte Matt dieselben Aktien, ohne sie noch zu besitzen, kurz vor dem Dividendenstichtag abermals an einen zweiten Anleger. Wenn am Tag der Ausschüttung eine Dividende von hunderttausend Euro fällig wurde, erhielt der erste Anleger fünfundsiebzigtausend Euro sowie eine Bescheinigung seiner Bank darüber, dass der Konzern fünfundzwanzig Prozent der Dividende, also fünfundzwanzigtausend Euro, als Kapitalertragssteuer einbehalten habe. Gleich nach der Dividendenausschüttung erstand Matt die Wertpapiere vom ersten Anleger abzüglich der Dividende für nun neunhunderttausend Euro und leitete sie an den zweiten Anleger weiter, dem er sie zuvor nur auf dem Papier als Leerkauf bereits veräußert hatte. Da der zweite Anleger den Preis der Aktien ohne Abzug der Dividende entrichtet hatte, glich Matt fünfundsiebzigtausend Euro aus. Über die fehlenden fünfundzwanzigtausend Euro stellte die Bank, bei der der zweite Anleger sein Aktiendepot unterhielt, diesem ganz selbstverständlich ebenfalls eine Steuerbescheinigung aus. So konnten beide Anleger die Kapitalertragssteuer geltend machen, obwohl sie in Wirklichkeit nur einmal vom ersten Anleger abgeführt worden war. Matt trug das Geschäft einen Gewinn von fünfundzwanzigtausend Euro ein, den er für sich behalten oder mit seinen beiden Komplizen brüderlich durch drei teilen konnte.

Einem unauffälligen Nebensatz entnahm Amelie, dass Matt dieses Geschäft zuletzt auf die Spitze getrieben hatte. Immer häufiger hatte er die von einem Anleger erworbenen Anteile kurz vor dem Stichtag an fünf bis acht weitere Kunden leer veräußert und dadurch bewirkt, dass jeder Anleger von seiner Bank eine Steuerbescheinigung erhielt. Somit erstatteten die deutschen Finanzämter fünf- bis achtfach eine einmalig entrichtete Steuerabgabe.

Ihre spontanen Gedanken zum Sachverhalt notierte sie auf einen Zettel, den sie in die Akte klebte. Anschließend nahm sie die Abgabenordnung aus dem Regal und blätterte darin, um sich zu vergewissern, dass es tatsächlich zwei Eigentümer eines Wirtschaftsguts, also auch einer Aktie, geben konnte: einen sachenrechtlichen und einen wirtschaftlichen. Damit hatte sie sich den ersten Überblick verschafft, um ihre Argumentation auszuarbeiten. Abgesehen von der Sache Matt warteten etliche Routinearbeiten darauf, erledigt zu werden, und sie musste pünktlich Feierabend machen, um es zum Astrologiekurs zu schaffen.

Wieder klingelte das Telefon, wieder Kugler:

»Noch etwas. Bitte gehen Sie doch in die Galerie meines Vaters und leisten eine Unterschrift. Ich habe für unser Foyer einen Gerhard Richter bestellt. Vielleicht können Sie in der Mittagspause kurz vorbeischauen?«

»Wie Sie meinen.«

»Bestens. Mein Vater weiß Bescheid.«

Ohne ein weiteres Wort legte Kugler auf.

Thekla Chabbi

Über Thekla Chabbi

Biografie

Thekla Chabbi, geboren 1968, studierte Sinologie in Trier und Nanjing. Sie übersetzte u.a. die Romane des chinesischen Schriftstellers Li Er ins Deutsche. Für ihr Lehrwerk "Liao Liao" erhielt sie den Friedhelm-Denninghaus-Preis. Sie ist Co-Autorin von Martin Walsers Roman "Ein sterbender Mann" und...

Pressestimmen

Heilbronner Stimme

»Am stärksten ist Thekla Chabbi, wenn sie die Psyche ihrer Figuren auslotet. Die letztlich ungelösten Mutter-Tochter-Beziehung, die sie beschreibt, sorgt für Gänsehaut-Momente.«

etc-magazin.com

»In ›Ein Geständnis‹ porträtiert Thekla Chabbi das Seelenleben einer erfolgreichen jungen Wirtschaftsanwältin, deren Existenz zunehmend aus den Fugen gerät. Das Resultat ist eine überzeugende Komposition aus Wirtschaftsthriller und einfühlsamer psychologischer Analyse.«

Freie Presse

»Fantastisch, voller Poesie sind die Beschreibungen der umgebenden Landschaft und Natur, die in den Handlungsverlauf eingebettet sind. Allein schon wegen dieser sprachlichen Intensität wird die Lektüre zu einem Erlebnis.«

Rheinische Post

»›Ein Geständnis‹ ist sogar mehr als nur drei Romane in einem. Das Buch enthält, unter anderem, eine ambitionierte Philosophie der Wahrnehmung, Kochrezepte, Sex im Internet und analoges Liebesgeflüster (›Was uns verbindet, ist nicht herkömmlich‹), geistreiche Aphorismen, exaltierte Gedichte, längere Exkurse über griechische Mythologie und Astrologie sowie Krishnamurtis Weisheit.«

Südkurier

»Dass die Sinologin, die auch als Übersetzerin arbeitet, Sprache kann, hat sie im ›Sterbenden Mann‹ gezeigt. Dass sie Form kann, beweist sie nun mit dem komplexen Roman-Debüt, das viele geistreiche Aphorismen, selbst Gedichte und Exkurse über griechische Mythologie und Astrologie enthält.«

Frau und Mutter

»Beim Lesen überzeugt nicht nur die Geschichte, nicht nur das Was, sondern vor allem das Wie: Poetisch und mit beeindruckender erzählerischer Genauigkeit beschreibt Chabbi Liebe und Sehnsucht, die Suche nach dem Sinn des Lebens und die Tücken der menschlichen Wahrnehmung.«

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