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Ein Gentleman in Arles – Tödliche TäuschungEin Gentleman in Arles – Tödliche TäuschungEin Gentleman in Arles – Tödliche Täuschung

Ein Gentleman in Arles – Tödliche Täuschung

Ein Provence-Krimi

Paperback
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Ein Gentleman in Arles – Tödliche Täuschung — Inhalt

Frankreich ist fest in den Händen rivalisierender Verbrecher: Im Südwesten herrscht Sebastien Moroni, im Südosten Alexei Girondou. Seit zwanzig Jahren agieren sie in friedlicher Koexistenz, doch nun will Moroni dies ändern und sein Gebiet auf die Camargue ausdehnen. Allerdings wollen Girondou und der größte Grundbesitzer der Gegend das nicht hinnehmen. Beide sind enge Freunde von Peter Smith und halfen ihm schon mehr als einmal bei der Lösung kniffliger Fälle. Nun ist es an der Zeit, dass Smith sich revanchiert. Als der Konflikt in der Ermordung eines jungen Toreroanwärters gipfelt, beginnt Smith zu ermitteln, nicht nur um den Tod des jungen Mannes aufzuklären, sondern auch um der Fehde der beiden Ganoven ein Ende zu setzen.

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 02.06.2020
Übersetzt von: Michael Windgassen
352 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-86612-459-2
€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erscheint am 03.05.2021
Übersetzt von: Michael Windgassen
352 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31746-7
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 02.06.2020
Übersetzt von: Michael Windgassen
384 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99555-9

Leseprobe zu „Ein Gentleman in Arles – Tödliche Täuschung“

Prolog

„Ich hätte einen Job für Sie. Und würde Ihnen eine Million Dollar zahlen.“

Der junge Mann sah sich einem elegant gekleideten Mann gegenüber, der sich unaufgefordert zu ihm an den Tisch gesetzt hatte.

„Worum geht’s?“

„Sie sollen mir helfen, jemanden zu töten.“

„Wen?“

„Meinen Bruder.“

Der junge Mann verzog keine Miene, als ihm der Fremde eine Visitenkarte zuschob: „Melden Sie sich.“ Dann verließ er das Café.

1. Vorgeplänkel

Der Strand von La Plagette war wie viele, wenn nicht wie die meisten Strände dieser Region. Er bestand aus einem schmalen, [...]

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Prolog

„Ich hätte einen Job für Sie. Und würde Ihnen eine Million Dollar zahlen.“

Der junge Mann sah sich einem elegant gekleideten Mann gegenüber, der sich unaufgefordert zu ihm an den Tisch gesetzt hatte.

„Worum geht’s?“

„Sie sollen mir helfen, jemanden zu töten.“

„Wen?“

„Meinen Bruder.“

Der junge Mann verzog keine Miene, als ihm der Fremde eine Visitenkarte zuschob: „Melden Sie sich.“ Dann verließ er das Café.

1. Vorgeplänkel

Der Strand von La Plagette war wie viele, wenn nicht wie die meisten Strände dieser Region. Er bestand aus einem schmalen, sauberen Sandstreifen entlang einer engen Bucht und glich der Hautfalte zwischen zwei gespreizten Fingern. Die vom ruhigen Wellengang des Mittelmeers angeschobene Brandung – sanft, aber stetig drängend – hatte den Sand über die Jahre einfach angespült. An der atlantischen Küste rund hundertfünfzig Kilometer weiter westlich hätte das Ganze völlig anders ausgesehen. Dort hätten heftige Stürme die Sandkörner in alle vier Windrichtungen zerstoben, die Felsen freigelegt und die Bucht tiefer ausgewaschen. Der kleine Strand an der mediterranen Küste war dagegen sozusagen in Form gestreichelt worden. In weiten, flachen Stufen stieg er aus dem Wasser an bis auf eine von rauem Gras und struppigen Sträuchern bewachsene Dünenhöhe von nur wenigen Metern. Die nächsten Ortschaften Leucate und Quartier de la Falaise lagen ein gutes Stück weiter südlich, während die nächstgrößere Stadt Perpignan fünfzig Kilometer weit entfernt war. Die Dünen reichten bis tief ins Hinterland, was wohl der eigentliche Grund dafür war, dass man sich für diesen Ort entschieden hatte. Dass sich bei Nacht kaum eine Menschenseele dort aufhielt, war ein weiterer Grund.

Dem Anschein nach wirkte dieser Ort aber alles andere als ideal. Als Moroni beschlossen hatte, sein ohnehin schon umfangreiches Portfolio an kriminellen Aktivitäten um Menschenhandel zu erweitern, hatte er nach einer geeigneten Anlegestelle gesucht. Flüchtlinge aus Nordafrika nach Europa zu schleusen war nicht schwer. An Helfern gab es keinen Mangel, und wenn er dem Ganzen ein wenig Nachdruck verlieh, wären sie auch als Geldeintreiber zu gebrauchen, die denen, die irgendwo in Europa auf ein neues Leben hofften, die Taschen leerten. Falls sich die Geschäfte gut entwickelten, würde er seine eigenen Leute zur Überwachung und zum Abkassieren in Position bringen. Er war sich ziemlich sicher, dass die Auslagen dafür um einiges geringer sein würden als das, was sich den Flüchtlingen abknöpfen ließ. Es kam allerdings nicht oft vor, dass Moroni Helfer engagierte, außer es wurde unbedingt nötig. Man würde sehen. Noch steckte das Vorhaben in den Kinderschuhen.

Das eigentliche Problem waren die lange Überfahrt in vollgepackten Fischkuttern und die letzten Seemeilen in Schlauchbooten zum Anlanden. Außerdem stellte sich die Frage, wo sie an Land gehen sollten. Moronis Territorium war weitläufig. Von Toulouse aus kontrollierte er fast den gesamten zweihundert Kilometer langen Küstenstreifen zwischen Cerbère an der spanischen Grenze und Montpellier. Ein Großteil davon war touristisch erschlossen. Entlegene Stellen, die sich für seine Zwecke eigneten, gab es nur wenige. Er würde ein paar Risiken in Kauf nehmen müssen. Und so hatte er sich schließlich nach einigem Hin und Her für die kleine Bucht von La Plagette entschieden, die Touristen noch nicht entdeckt hatten und die von einer hohen Felswand abgeschirmt wurde. Auf ihr befand sich ein kleiner Beobachtungsposten des Militärs, der tagsüber nur selten und nachts so gut wie nie besetzt war. Im Unterschied zu den benachbarten Stränden gab es in der näheren Umgebung auch keinerlei Bebauung, sodass der kleine Sandstreifen bei Nacht wie ausgestorben schien. Über einen Schotterweg, der entlang der Küste führte, ließe sich in wenigen Minuten die Schnellstraße erreichen, und auf Schnelligkeit würde es ankommen.

Die Nacht war warm gewesen, der Himmel bedeckt, und vom Strand aus waren nirgends Lichter zu sehen. Von Südosten hatte eine milde Brise vom Meer herübergeweht. Auf der Schotterpiste über der Bucht standen zwei Sattelschlepper mit grau gestrichenen Containern. Etliche von Moronis Männern bildeten einen Korridor zur Piste hoch. Sie trugen schwarze Sturmhauben und automatische Waffen. Geplant war, die Flüchtlinge an Land zu bringen, sie in den Containern fortzuschaffen und an einer entlegenen Stelle unbemerkt auszusetzen.

Es dauerte nicht lange, und am Horizont tauchten drei große umgebaute Schlauchboote auf. Moroni hatte alle Sitzbänke ausbauen und jedes Boot mit einem elektrischen Antrieb ausstatten lassen, um eine möglichst geräuschlose Annäherung zu gewährleisten. Die Außenbordmotoren waren eingeholt worden und sollten nur im Notfall eingesetzt werden.

Die drei Boote setzten am Strand auf. Menschen drängten aus ihnen an Land. Ihre Freude darüber, endlich erreicht zu haben, was sie für ihr Ziel hielten, war nur von kurzer Dauer. Sie mussten Aufstellung nehmen und wurden zu den Containern geführt. Wer aus der Reihe tanzte, wurde brutal zurückgestoßen. Die Boote waren schon wieder verschwunden, als die Flüchtlinge über Rampen in die Container getrieben wurden. So mancher bekam dabei einen Knüppel oder Gewehrkolben zu spüren. Kaum war die Menschenfracht verladen, rollten die Lkws an und fuhren auf der Schotterpiste in Richtung E15, um auf der Autobahn nach Nordwesten in die Hügellandschaft südlich von Carcassonne zu gelangen. Sie waren aber noch keine hundert Meter weit gekommen, als über dem Klippenrand grelles Scheinwerferlicht erstrahlte und die ganze Szene taghell ausleuchtete. Von Norden und Süden näherten sich gleichzeitig zwei Kolonnen mit blinkenden Blaulichtern. Eine gut organisierte Falle schnappte zu. Aus einem Hubschrauber dröhnte eine megafonverstärkte Stimme, die verlangte, dass Moronis Leute anhielten und ausstiegen, ihre Waffen ablegten und sich mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden ausstreckten. Die Flüchtlinge blieben vorerst in den Containern eingeschlossen.

Moroni hatte für den Fall, dass etwas schiefgehen sollte, den Gebrauch von Schusswaffen ausdrücklich untersagt. Und schiefgehen, das wusste er aus Erfahrung, konnte immer was. Das war das eine. Etwas völlig anderes waren ein Feuergefecht mit hochgerüsteten Spezialkräften der französischen Polizei und die anschließenden Ermittlungen. Es war tatsächlich überraschend ruhig geblieben, als die Compagnies Républicaines de Sécurité, kurz CRS, eingetroffen waren – abgesehen von vereinzelten Schreien aus den beiden Containern.

Jetzt, ein paar Tage später, hatte Moroni seine wichtigsten Leute in einem Hinterzimmer des Restaurants Michel Sarran am Boulevard Armand Duportal in Toulouse um sich geschart. Er war bekannt für seinen Jähzorn, und diese Männer, die einen Großteil der kriminellen Machenschaften zwischen der Rhone und der spanischen Grenze unter sich aufteilten, waren nervös. Eine gescheiterte Operation hatte normalerweise Wutausbrüche ihres Bosses zur Folge. Doch der wirkte nun sonderbar gelassen. Wie immer tadellos gekleidet, saß er am Kopf eines ebenfalls tadellos gedeckten Tisches und lächelte gütig in die Runde. Die meisten Anwesenden machten sich auf das Schlimmste gefasst.

„Leute, ich möchte euch beruhigen. Wir alle werden unser Mittagessen überleben, es sei denn, jemand frisst sich zu Tode. Was in diesem Restaurant durchaus verständlich wäre. Wir haben einiges zu besprechen, natürlich vor allem die Ereignisse vom letzten Montag. Dabei wäre zu klären, warum die Operation aufgeflogen ist. Und wir sollten uns Gedanken darüber machen, ob wir dieses Experiment fortsetzen oder andere Projekte in Angriff nehmen sollten. Ich feiere heute meinen Geburtstag, und wie ihr vielleicht wisst, gehört es zu meinen Prinzipien, an meinen Geburtstagen niemanden über die Klinge springen zu lassen.“

Auf einigen der Gesichter rings um den Tisch zeichnete sich ein unsicheres Lächeln ab. Die meisten von ihnen wussten mit dem Boss umzugehen, wenn er schlecht gelaunt oder wütend war. Sie hatten Übung darin. Aber ein freundlicher, aufgeräumter Moroni war wie ein sehr seltenes Tier – und um einiges gefährlicher. Einer nach dem anderen gratulierte dem Gastgeber zum Geburtstag, und alle fragten sich, was wohl hinter dem ganzen Getue stecken mochte und ob nicht vielleicht plötzlich eine Bombe hochgehen würde. Moroni schien sich köstlich zu amüsieren. Am Tisch saß niemand, der sich normalerweise leicht beeindrucken ließe. Dass sie dort saßen, verdankte jeder von ihnen einem harten Lebenslauf. Sie waren reich geworden durch hoch riskante Geschäfte und Machenschaften aller Art, Raub und Mord inbegriffen. Angefangen hatten sie als Kids in den Banlieues und selbst tüchtig zugelangt, was später andere für sie übernahmen, bis Moroni sie eines Tages zusammengebracht und dafür gesorgt hatte, dass die Revierkämpfe aufhörten und alle Kräfte gebündelt wurden. Jetzt tafelten sie im besten Restaurant von Toulouse, trugen Armani- und Hugo-Boss-Anzüge und waren dem Mann am Kopf des Tisches, der als Einziger unbewaffnet war, in Hörigkeit ergeben.

„Vertraut mir, Leute. Klar, wir müssen miteinander reden, sollten uns darüber aber nicht den Genuss vermiesen lassen, mit dem uns Maître Sarran zu beglücken hofft. Ich garantiere euch, es wird ein unvergessliches Erlebnis sein.“

Der erste Gang wurde aufgetragen – vol-au-vent de huitres et coquillages. Moroni ließ den Kellnern Zeit, einen Wein von Château Saint-Aubin einzuschenken und sich wieder zu entfernen, ehe er fortfuhr.

»Ich glaube, ich sollte erklären, warum mich die Ereignisse von letzter Woche nicht sonderlich rühren, obwohl ihr doch wahrscheinlich alle mit einem Temperamentsausbruch von mir gerechnet habt. Wir sind verpfiffen worden, und es stellt sich natürlich die Frage, von wem und warum und wie wir darauf reagieren. Davon abgesehen ist dieses Flüchtlingsgeschäft eigentlich nicht unser Metier und eine neue Erfahrung für uns. Es hat sich durchaus gelohnt. Wir haben fast hundert Leute ins Land geschleust und fünftausend Dollar pro Nase eingestrichen – im Voraus. Wäre vielleicht mehr drin gewesen, aber die Typen in Afrika, die das Ganze eingefädelt haben, wollen schließlich nicht leer ausgehen. Wir mussten nur drei Schlauchboote auftreiben und pünktlich zum Rendezvous aufs Meer schicken. Was anschließend passiert ist, interessiert mich nicht im Geringsten. Wir haben verdammt noch mal ’ne halbe Million Dollar im Sack. Und das ist, was zählt, wenn ihr mich fragt.«

Die Austernpastetchen waren verzehrt. Es wurde nun cabillaud serviert. Mit weißem Saint-Joseph von Bernard Gripa gefüllte Kristallgläser zierten die gestärkte weiße Brokatdecke. Moroni fuhr fort.

„Es hat sich also gelohnt, ganz gleich, wie die Sache ausgegangen ist. Und Flüchtlinge, die aufs Geratewohl zahlen, gibt es zuhauf. An denen ist leicht Geld zu verdienen.“

Alle nickten, während Moroni einen letzten Fischhappen zu sich nahm. Wie von Zauberhand herbeigewinkt, tauchten wieder die Kellner auf und brachten ein Taubengericht, zu dem ein Glas Languedoc von Montcalmès eingeschenkt wurde.

„Ich würde jetzt gern hören, was ihr von einer Fortsetzung des Projekts haltet“, forderte Moroni. „Über das, was in der Nacht geschehen ist, können wir später reden. Wir sollten uns lieber Gedanken darüber machen, was getan werden kann, damit so etwas nicht wieder vorkommt.“

Es folgte eine von Moroni geführte allgemeine Diskussion. Er wusste, wie wichtig es war, alle zu Wort kommen zu lassen, egal, was sie vorzutragen hatten. Nach etlichen Beiträgen, die mehr oder weniger weit am Thema vorbeigingen und von Moroni schlichtweg ignoriert wurden, meldete sich ein junger Mann namens Pierre Chirosi und sagte etwas, das durchaus Sinn ergab.

„Nach meiner Einschätzung steht und fällt der Erfolg einer solchen Aktion mit der Antwort auf die Frage nach einer sicheren, geschützten Anlandungsstelle. An unserer Küste tummeln sich einfach zu viele Touristen. Wir brauchen einen Ort, an dem wir ungestört bleiben. Für mich kommt da eigentlich nur die Camargue mit ihren vielen abgelegenen Stränden infrage. Sie sind nachts menschenleer und am Tag so gut wie. Dort kreuzt allenfalls mal der eine oder andere Naturfreund auf seinem Fahrrad auf. Und Ferienwohnungen oder dergleichen gibt es dort auch nicht, geschweige denn Polizeiposten. Wie für unsere Zwecke geschaffen.“

Es blieb eine Weile still am Tisch. Man dachte über den kleinen Vortrag nach. Klang alles recht schlüssig. Aber plötzlich räusperte sich einer der Männer und erklärte: „Quatsch.“

Nach ein paar Schrecksekunden fragte jemand: „Wie bitte?“

Und erneut kam die Antwort: „Quatsch.“

Schweigen. Moroni wusste genau, was da gespielt wurde, und hatte seinen Spaß daran. Bald sah sich der Querulant genötigt, seinen Einwand zu erklären.

„Vor zwei Wochen machte ein deutsches Ökotouristenpärchen auf seinen Fahrrädern halt an einer Weide voller Camargue-Bullen, die ja bekanntlich die Lebensgrundlage und der Stolz vieler Bauern der Region sind. Über das, was dann folgte, gehen die Meinungen auseinander. Manche sagen, es habe vorher Rangeleien unter den Jungbullen gegeben; sie seien deshalb aufgebracht gewesen. Jedenfalls sind sie, als sie die beiden Deutschen mit ihren Shorts, Anoraks und Wasserflaschen gesehen haben, durch den Zaun gebrochen und über die beiden hergefallen. Der Typ ging dabei drauf, das Mädchen wurde schwer verletzt.“

„Und was hat das mit uns zu tun?“, fragte jemand.

Der Querulant, ein junger Mann, lächelte. „Nichts, was in der Camargue lebt, sollte unterschätzt werden, mein Freund. Selbst die Bauern dort sind ein ganz eigenes Gezücht.“

Mit dieser Bemerkung konnte offenbar niemand etwas anfangen, zumal sich jeder Einzelne für etwas Besonderes hielt und als solcher ernst genommen sein wollte. Der Gedanke, dass sich ihnen ein Haufen Bauern in den Weg stellen könnte, wirkte auf sie geradezu lächerlich. Vielleicht war ihr beschränkter Horizont der eigentliche Grund, warum sie zu dem Mann am Kopfende des Tisches immer nur in einem Dienstverhältnis stehen würden. Denn der riet ebenfalls zur Vorsicht.

„Er hat recht, achtet auf seine Worte. Diese Landwirte haben es in sich. Sie lassen sich nicht einschüchtern. Sie sind verschlossen, clever und durchtrieben. In der Hinsicht könnt ihr, meine Freunde, von ihnen noch einiges lernen. Und sie halten zusammen. Deren Familienbande reichen Hunderte von Jahren zurück und sind stärker, als ihr euch vorstellen könnt. Und denkt daran, während des Krieges haben die Deutschen mit all ihren Truppen wohlweislich Abstand gehalten. Sie hatten die ganze Camargue unter ihrer Kontrolle, diese Bauern aber nicht. Falls wir deren Küste für unser kleines Projekt nutzen, was durchaus angeraten ist, werden wir uns vor ihnen in Acht nehmen müssen. Wir brauchen Verbündete, und die werden wir unter denen finden, die unzufrieden mit ihrem Leben und voller Ressentiments sind, Leute, die bereit sind, gegen ihre eigenen Regeln zu verstoßen.“

Es wurde wieder still am Tisch. Die Männer versuchten zu begreifen, was ihr Boss gesagt hatte. Normalerweise bekamen sie, was sie wollten. Genug Durchschlagskraft, genug Gewalt und genug Geld – mehr brauchten sie nicht, um sich ihre Wünsche zu erfüllen. Nur Pierre Chirosi, der Mann, der von Montpellier aus den östlichen Teil ihres Territoriums bis zur Rhone kontrollierte, gab sich damit nicht zufrieden.

„Was meinst du mit ›Regeln‹, Sebastien? Regeln können von denen genauso leicht gebrochen werden wie von uns. Worin bestehen sie?“

Zum Nachtisch wurden verschiedene exotisch aussehende Dessertkreationen aufgetragen. Moroni, der keine süßen Speisen anrührte, wartete, bis sich alle daran bedient hatten. Ihm war längst klar, dass er das Projekt würde allein stemmen müssen. Von den Männern, die mit ihm am Tisch saßen, waren nur die wenigsten schlau genug und imstande, mit den Bauern klarzukommen. Er musste ihnen aber irgendwie beizubringen versuchen, inwiefern die Anlandungsstelle, die er sich herausgepickt hatte, anders war als La Plagette oder andere Strände. Ihr Territorium umfasste auch weite ländliche Gebiete, auf denen Tausende von Bauern lebten. Da von ihnen aber kaum etwas zu holen war, wurden sie im großen Ganzen außer Acht gelassen.

„Ihr solltet verstehen“, erklärte Moroni, „dass diese Leute im Unterschied zu uns seit Hunderten von Jahren ihren Teil der Welt bewirtschaften, was nie einfach gewesen ist. Sie haben nur durch harte Arbeit überleben können und im Laufe der Zeit eine seltsame Kombination aus Eigenständigkeit und Kooperationsbereitschaft entwickelt. Was sie letztlich so stark macht, ist der Umstand, dass sie sich aufeinander verlassen können. Sie helfen einander, zum Beispiel bei der Ernte oder wenn Aufgaben anstehen, die allein nicht zu schaffen sind. Und vor allem ist da ein Mann namens Emile Aubanet.“

Die Männer am Tisch merkten auf. Die meisten von ihnen wussten mit dem bislang Gesagten nicht viel anzufangen, aber jetzt, da der Boss den Namen einer bestimmten Person genannt hatte, sahen sie klarer, oder zumindest glaubten sie, klarer zu sehen.

„Seit Menschengedenken bilden die Bauern der Camargue eine eigenständige Gruppe, einen Verein, wenn man so will, einen selbst verwalteten Verein, dem ein Mann vorsteht. Dieser Vorstand wird von einer Generation an die nächste weitergegeben, zumindest ist dies seit zwei- oder dreihundert Jahren der Fall. Er ist so was wie das Oberhaupt einer königlichen Dynastie. Von einer Diktatur kann allerdings nicht die Rede sein, denn der Vorstand hat nur beratende Funktion und muss sich dem Willen aller beugen. Er kann auch abgesetzt werden; dazu bedarf es nur eines Mehrheitsbeschlusses. Die Familie des gegenwärtigen Amtsinhabers scheint immer richtig gelegen zu haben, denn sie hat mit ihrem Vertreter dieses Amt seit dreihundert Jahren inne. Aubanets Vater hat seinen Verein durch den Krieg geführt, und seit dessen Tod vor fünfzehn Jahren hat sein Sohn das Heft in der Hand, und zwar zur Zufriedenheit aller. In der Camargue passiert kaum etwas, ohne dass Emile Aubanet davon weiß und ohne dass er seine Zustimmung dazu gegeben hat.“

„Dann sollten wir diesen Aubanet für uns einspannen.“

„Er ist reich, mächtig, völlig unabhängig und, wie gesagt, ein Bauer der Camargue. Außerdem ist er sowohl auf lokaler wie auch nationaler Ebene politisch besser vernetzt, als ihr euch vorstellen könnt. Er hat Freunde in der Gendarmerie und Polizei. Wohlgemerkt: Freunde und keine bezahlten Handlanger. Er ist bestens informiert und von Freunden umgeben, die sich auf ihn verlassen können. Und man kommt nicht an ihn ran; dafür sorgt seine Wachmannschaft. Natürlich ist niemand absolut sicher, aber er ist so gut geschützt, wie man nur sein kann.“

Wieder gab es eine längere Pause. Moroni war noch nicht fertig.

„Bevor wir uns Gedanken darüber machen, wie es sich einrichten lässt, an Emile Aubanet vorbei einen Zugriff auf die Camargue zu bekommen, möchte ich etwas vorausschicken, das vielleicht schon ein Stück weiterhilft. Aus irgendeinem Grund scheint unser Freund Alexei Girondou bereits einen Fuß in Aubanets Tür zu haben.“

Das war für alle am Tisch etwas Neues. Viele wussten womöglich nicht einmal, wo die Camargue lag. In Alexei Girondou sah Moroni seinen größten Rivalen und Widersacher, und die Camargue war für ihn das größte Hindernis für seine Expansionswünsche. Wie erwartet wurde am Tisch Getuschel laut. Girondou war die große bête noire. Schon seit Jahren versuchte man, sein Territorium im Osten der Rhone zu kapern, allerdings ohne Erfolg. Es herrschte immer noch allgemeines Stirnrunzeln, als Moroni fortfuhr.

»Es sieht nicht nur danach aus, dass die Bauern der Camargue ihre lang gehegte Verachtung gegenüber den Männern aus Marseille abgelegt haben – inzwischen scheint es sogar, dass Girondou und Aubanet Freunde geworden sind. Das macht die ganze Sache für uns umso schwieriger.«

„Wie ist es dazu gekommen?“, warf einer von Moronis Leuten ein. „Warum hat das Schwein aus Marseille mehr Glück als wir? Ich finde das echt beleidigend.“

Moroni zeigte ein kleines, etwas nachdenkliches Lächeln. „Soweit ich weiß, ist vor einiger Zeit ein mysteriöser Kerl aufgetaucht, der eine Verbindung zwischen Girondou und Aubanet hergestellt und obendrein auch noch mit Aubanets Tochter angebandelt hat.“

„Wer ist dieser Kerl?“

„Ein Engländer, der in Arles lebt, wie es scheint. Über ihn kursieren ein paar Geschichten. Wenn nur eine davon wahr ist, haben wir’s bei ihm mit einem beachtlichen Brocken zu tun, einem Typen, dem man lieber nicht in die Quere kommt.“

Jemand kicherte, was ein Fehler war, denn er wurde vonseiten Moronis mit einem finsteren Blick bedacht.

„Vielleicht habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt. Ich wollte sagen, dass wir diesen Mann tunlichst in Ruhe lassen, solange wir nicht mehr über ihn wissen und ihn nicht besser einschätzen können. Ich wiederhole: Wenn nur eine der Geschichten über ihn wahr ist, wird jeder, der ihm auf die Füße tritt, mit großer Wahrscheinlichkeit das Nachsehen haben. Also sollten wir ihm aus dem Weg gehen. Vorerst.“

Für diejenigen, die es wünschten, wurden Kaffee und Cognac serviert. Nach der kurzen Unterbrechung setzte Moroni sein Briefing fort.

„Wenn wir also für unser Projekt einen abgelegenen Strand in der Camargue nutzen wollen, haben wir vorderhand das eine oder andere Problem zu lösen. Ich bitte um Vorschläge.“ Er blickte mit scharfer Miene in die Runde. „Es können auch Vorschläge sein, die weniger subtil sind als in dem für uns üblichen Maß.“

Verlegenes Schweigen. „Subtil“ war den meisten der anwesenden Männer nicht nur als Fremdwort fern und das von Moroni geschilderte Problem schlicht und einfach zu groß.

Am Ende meldete sich, was Moroni nicht verwunderte, allein Pierre Chirosi zu Wort.

„Ich müsste mir die Sache erst einmal genauer durch den Kopf gehen lassen, Boss, aber auf Anhieb fällt mir Folgendes ein.“

Er hatte sofort die Aufmerksamkeit aller, von Moroni, der ihm als Einzigem in der Runde etwas zutraute, von den anderen, weil sie erleichtert waren, dass Moroni keinen von ihnen direkt angesprochen hatte.

„Seit einiger Zeit gehen Gerüchte um, wonach Emile Aubanet von seinem Familienvorsitz zurückzutreten gedenkt. Er ist jetzt Mitte siebzig, und seine Vorgänger haben auch stets beizeiten ihre Verantwortung an einen Sohn übertragen. Emile Aubanet ist ein sehr beliebter Anführer und hat nur wenige Feinde, und es gibt eigentlich keinen Grund dafür, warum ein Wechsel an der Spitze nicht gelingen sollte. Es gibt allerdings einen Haken.“

Moroni war ganz Ohr. Mit einem Kopfnicken forderte er den jungen Mann auf fortzufahren.

„Nun, der Haken ist, dass Aubanet nur eine Tochter hat. Zum ersten Mal in der Familiengeschichte gibt es keinen männlichen Erben. Das muss in diesem Fall aber nicht unbedingt ein Problem sein. Die Frau ist sehr kompetent. Sie führt die Familiengeschäfte schon seit einiger Zeit mit großem Erfolg, und diese Geschäfte beschränken sich beileibe nicht auf landwirtschaftliche Betriebe. Der Jahresumsatz aller Unternehmen beläuft sich auf über fünfzig Millionen Euro. Sie hat zeit ihres Lebens in der Camargue verbracht und wird von den Nachbarn ebenso geachtet wie ihr Vater, wenn nicht noch mehr.

Das will vielleicht nicht viel bedeuten, aber wie wir wissen, ist die Camargue eine sehr konservative Region. Ich frage mich deshalb, ob jemand Anstoß daran nehmen könnte, dass eine Frau mit Aufgaben betraut wird, die traditionell Männern vorbehalten sind, egal, wie groß ihr Ansehen auch sein mag. Ich könnte mir vorstellen, dass es ein paar unzufriedene Leute gibt, die uns und unseren Wünschen eventuell entgegenkommen würden.“

Chirosi hielt inne und blickte in die Runde. Was die anderen dachten, war ihm weniger wichtig. Ihn interessierte vor allem Moronis Reaktion auf seinen Vorschlag, und dass der voller Aufmerksamkeit zu sein schien, stimmte ihn zufrieden.

„Ich höre, Pierre. Fahr fort.“

Es schmeichelte Chirosi, mit seinem Vornamen angesprochen zu werden. „Nun, tatsächlich kenne ich ein paar Bauern in der Camargue, die aus verschiedenen Gründen mit den gegebenen Umständen nicht besonders glücklich sind. Das muss natürlich nicht unbedingt was mit der Familie Aubanet zu tun haben oder damit, dass eine Frau demnächst das Sagen haben wird. In jeder Gruppe gibt es Leute, die schlechter dran sind als andere und schmollen, und Landwirte klagen für gewöhnlich mehr als andere. Wie gesagt, ich kenne einige, die vom herkömmlichen Bild der glücklichen Bauernfamilie in gewisser Weise abweichen. Es sind Männer, die sich benachteiligt fühlen und dem Mythos der Familie Aubanet vielleicht distanzierter gegenüberstehen als die meisten anderen. Zwei von ihnen bewirtschaften kleine Ländereien, die in unmittelbarer Nähe zur Küste liegen und für uns interessant sein könnten. Und einer der beiden kann, wie ich weiß, die Aubanets nicht ausstehen.“

Moroni war jetzt ganz bei der Sache. Er wollte Fakten hören und keine Spekulationen. „Wie heißt dieser Mann?“

„Cordiez. Sein Land liegt im Südwestwinkel des Étang de Vaccarès und ist rund fünfzig Hektar groß.“

„Warum ist er unzufrieden?“

„Ich glaube, er hat einfach nur die Nase gestrichen voll. Das passt irgendwie zu ihm. Er lässt an niemandem ein gutes Haar und kommt selbst auf keinen grünen Zweig. Ich könnte mir vorstellen, dass er durchaus käuflich ist. Sein Sohn ist Stierkämpfer und kann es in diesem Metier nur dann zu etwas bringen, wenn er Geld hat, und zwar deutlich mehr, als sein Alter erübrigen kann. Es wäre einen Versuch wert. Ich glaube, wir könnten auch noch andere Typen ausfindig machen, die ähnlich gestrickt sind.“

Es machte sich wieder Schweigen breit. Moroni dachte nach, die anderen warteten ab.

„D’accord. Danke, Pierre. Schön, dass wenigstens du einen Vorschlag gemacht hast.“ Moroni ließ die Worte nachklingen, und die anderen am Tisch rutschten auf ihren Stühlen nervös hin und her.

„Hast du eine Idee, wie wir uns diesem Cordiez nähern sollten? Oder anderen Bauern, die nicht viel Geld haben und zugreifen, wenn wir mit einem Bündel Banknoten wedeln?“

„Ich schätze, es kann nicht schaden, wenn wir uns mit ihm unterhalten. Ich könnte ihn zu einem Gespräch einladen, vorzugsweise nicht bei ihm zu Hause, sondern an einem neutralen Ort.“

„Warum?“

„Wir wollen doch nicht, dass man uns beobachtet.“

„Wer sollte uns beobachten?“, entgegnete Moroni pikiert.

„Wenn wir ihn besuchen, würden wir zumindest auffallen, erst recht in deinem Mercedes. Solche Schlitten sieht man in dieser Gegend nicht gerade oft.“

Moroni schien aus allen Wolken zu fallen. „Willst du etwa andeuten, dass diese Steinzeitbauern über elektronische Anlagen verfügen, die Alarm schlagen, wenn ein AMG aufkreuzt?“

„Ich spreche nicht von elektronischen Anlagen. Aber es gibt da viele Leute mit scharfen Augen und jede Menge neugieriger Nasen. Wir würden auffallen, glaub mir. Lass mich ein erstes Treffen organisieren.“

Moroni zuckte mit den Achseln. „Na schön. Es ist deine Idee, also mach was draus. Und halt mich auf dem Laufenden. Und nicht vergessen: Es muss schnell gehen.“ Er bedachte die übrigen Tischgenossen mit unheilvollen Blicken. „Ich warte immer noch auf eure Vorschläge. Pierres Idee ist das Beste, was ich seit Langem gehört habe, und verspricht eine Menge risikofreies Geld. Wenn euch nichts Entsprechendes einfällt, solltet ihr wenigstens versuchen herauszufinden, was vergangene Woche schiefgelaufen ist. Ich will Köpfe rollen sehen.“

2. Schach und ein Gespräch

Einer unbestätigten Geschichte aus dem späten 19. Jahrhundert zufolge wagte es George Harris, der vierte Baron Harris, eines Junitages zum Pferderennen in Ascot in einem Anzug aus Tweed zu erscheinen, womit er den Dresscode verletzte, der auf königlichem Gelände den Frack vorschrieb. Sein Gastgeber, König Edward VII., soll ihn gefragt haben: „Gehst du zum Rattenkampf, Harris?“ Peter Smith musste oft an diese Geschichte denken und dabei innerlich grinsen, wenn er seinem Freund David Gentry begegnete, denn Gentry war ein Tweedträger durch und durch. In Arles, wo die beiden nun lebten und die Durchschnittstemperaturen weit über denen ihres ehemaligen Wohnortes London lagen, sah man Gentry allerdings weniger häufig in kompletter Tweedmontur. Die war mittlerweile für Aufenthalte in der schottischen Bergwelt mit ihren mitunter heftigen Schneestürmen und für die Jagd auf Moorhühner und Fasane sowie anderes Auerwild vorgesehen. Dieser Tage in Arles beschränkte sich Gentry meist auf eine Weste oder ein leichtes Jackett, natürlich aus Harris-Tweed, denn der ist beileibe weder schwer noch rau, sondern kann so weich wie Kaschmirwolle ausfallen.

Obwohl sich Gentry nunmehr in einem großen, uralten Haus im Stadtzentrum von Arles behaglich eingerichtet hatte, assoziierte Smith ihn immer noch mit dessen vormaliger Arbeitsstätte in London. Gentrys natürliches Habitat war ein fensterloser Raum zwei Stockwerke unter Straßenniveau in einem der riesigen grauen Steingebäude von Whitehall gewesen, die sich allein durch ihre kleinen, blitzblank polierten Messingschilder am Eingang voneinander unterschieden, mit so nichtssagenden Legenden wie „Department of Overseas Trade (Annex X)“, „Ministry of Supply“ oder „Commonwealth Institutions Regulatory Committee“. Die Heizung in diesen alten Gebäuden hatte niemals funktioniert, und Gentry hatte an seinem Schreibtisch ausschließlich Tweed getragen, um zu überleben.

Als Smith nun vor seinem eleganten Schachtisch saß, musste er wieder einmal unweigerlich an die Geschichte um Lord Harris denken. Dabei trug Gentry tatsächlich nur eine für ihn ungewöhnlich schlichte Weste, doch sie reichte, um die Erinnerung anzustoßen. Sie hatten wortlos die Partie eröffnet. Vor beiden Männern stand ein Glas Whisky ihrer Wahl, Islay Blended Malt für Gentry und ein einfacher Verschnitt aus dem Supermarkt mit Soda und viel Eis für Smith. Als Freunde seit über vierzig Jahren und Arbeitskollegen im Geheimdienst Ihrer Majestät kannten sie die Spielweise des jeweils anderen aus dem Effeff.

Smith war nie als Vollzeitkraft, sondern immer nur sporadisch im Einsatz gewesen, nämlich dann, wenn es die Obrigkeit – wer immer diese auch sein mochte – für nötig erachtet hatte, auf seine ganz speziellen Fähigkeiten zurückzugreifen. Die übrige Zeit hatte er an amerikanischen Universitäten Kunstgeschichte gelehrt. Das kleine Team, für das er mit Gentry in geheimdienstlicher Mission tätig gewesen war, gehörte keiner der größeren Abteilungen an, die unter den Akronymen MI 5 oder MI 6 beziehungsweise SIS bekannt waren, auch nicht einer der kleineren, wie zum Beispiel der für militärische Fragen und Auslandseinsätze zuständigen Defence Intelligence oder dem neu gegründeten Office for Security and Counter-Terrorism, kurz OSCT. Ihr kleines Team hatte keinen Namen, folglich existierte es auch offiziell nicht. Es tauchte in keinem Bericht auf und war nie Thema in Kabinettssitzungen oder irgendwelchen Ausschüssen. Es verfügte nicht einmal über ein offizielles Budget. Aus der übergeordneten Abteilung kannte Smith keine einzige Person. Er traf mit niemandem zusammen. Die Leute, mit denen er im Außeneinsatz zusammenarbeitete, kamen normalerweise aus einer verwirrenden Vielzahl von Dienststellen. Sein einziger Kontakt war seit jeher David Gentry gewesen.

Nach einer besonders heiklen Operation im damals kommunistischen Albanien hatte Smith seinen Freund eines Abends tatsächlich gefragt, wofür ihre Abteilung eigentlich gut sei. Gentry, von der Frage offenbar in Verlegenheit gebracht, hatte nur zögernd geantwortet: »Nun … ähm … tja, was soll ich sagen? Wir versuchen nur, hier und da ein bisschen aufzuräumen, und tun das, was für andere, die in der Öffentlichkeit stehen, problematisch wäre.«

Mehr hatte Smith nie erfahren. Ihm war aber natürlich klar gewesen, dass mit „aufräumen“ Liquidationen gemeint waren und mit „hier und da“ die ganze Welt. Gentry plante die Einsätze, Smith führte sie aus. So einfach war das damals.

Die Partie nahm ihren Verlauf, mit aller Ernsthaftigkeit und schweigend. Beide spielten auf hohem Niveau. Gentry blieb dabei seinem rigorosen und gleichzeitig disziplinierten Charakter treu, während Smith einen eher unorthodoxen Ansatz verfolgte. So unterschiedlich ihre Spielweisen auch sein mochten, waren die Partien doch meist überraschend ausgeglichen, so auch dieses Mal. Smith hatte Weiß und mit einem Königsgambit eröffnet, worauf Gentry mit dem Falkbeer-Gegengambit konterte. Die weiteren Züge folgten konventionellen Mustern. Im Mittelspiel unterlief Gentry ein Fehler, was äußerst ungewöhnlich war, zumal dann, wenn beide wie nach dem Lehrbuch spielten. Smith beschloss, darüber hinwegzusehen, doch wenige Züge später patzte Gentry erneut. Diesmal rückte Smith auf seinem Stuhl zurück.

„Was ist los mit dir, Gentry?“

Gentry setzte eine Unschuldsmiene auf. „Was soll schon sein, Peter?“

„Zwei Patzer in sieben Zügen! Normalerweise spielst du diese Variante doch im Schlaf.“

Gentry nickte. „Ja, ich sollte mich wohl besser konzentrieren.“

Wie auf Kommando verließen sie den Schachtisch und setzten sich in die Lehnsessel vor der Feuerstelle. Smith wartete.

„Du hast wahrscheinlich von der aufgeflogenen Schleuseroperation bei Narbonne gehört. Das war vor einer Woche oder so.“

Smith nickte.

„Nun, heute Morgen hat mich ein alter Kamerad von der Insel angerufen.“

Das hatte nicht viel zu besagen. Gentry war immer noch gut vernetzt, seine Kontakte reichten bis über weite Teile Europas. Dass er längst außer Dienst war, hatte daran nichts geändert.

„Kamerad?“ Smith wollte Näheres wissen, denn er ahnte, worauf sein Freund hinauswollte. Anscheinend winkte ein kleiner Job am Horizont.

„Ähm, nun ja, ein Kamerad aus Hereford“, druckste Gentry.

Smith merkte auf. Die beiden waren zwar vor etlichen Jahren von dem hübschen kleinen Marktflecken an der walisischen Grenze in das noch verschlafenere, zehn Kilometer nordwestlich gelegene Dorf Credenhill umgezogen, doch der Name Hereford blieb für sie das Synonym für das dort stationierte 22 Special Air Service Regiment, bekannt auch als der SAS oder umgangssprachlich einfach nur Regiment.

Gentry holte tief Luft und führte aus. „Die Details sind mir natürlich nicht bekannt, aber es gibt da offenbar ein Austauschprogramm mit dem 4 Special Forces Helicopter Regiment, das einen Stützpunkt in Pau hat. Wenn ich richtig verstanden habe, sollen die Franzosen ihre Luftlandetruppen ausbauen. Schon seit einiger Zeit lassen sich französische Soldaten in Hereford ausbilden, und aus unseren Reihen dienen manche Offiziere in Frankreich als Ausbilder. Es scheint, dass der Hinweis auf die Schleuseroperation von einem unserer Männer kam, der den Gangster auf dem Schirm hatte, der die Menschenschmuggelaktion zu verantworten hat. Ich weiß nicht, ob dieser Mann in Eigeninitiative gehandelt oder ob er den französischen Freunden nur geholfen hat, die womöglich längst selbst an der Sache dran waren. Kurz und gut, der Mann wurde zwei Tage nach der Operation in einem Straßengraben gefunden, mit einer Neun-Millimeter-Kugel im Kopf.“

Anthony Coles

Über Anthony Coles

Biografie

Anthony Coles lebt, genau wie seine Hauptfigur, seit einigen Jahren in Arles. Und genau wie Peter Smith ist auch er Kunsthistoriker, der an renommierten Universitäten auf beiden Seiten des Atlantiks unterrichtet hat. Für den Geheimdienst war er allerdings nie tätig, sondern, etwas prosaischer, im...

Kommentare zum Buch
Ein Gentleman in Arles Band 1 und 2
Heinrich RUHS am 15.04.2020

Sehr gut aufgebaute Geschichten. Krimis mit Tierliebe, Sommerstimmung, Reiselust und ein bischen Romantik. Freue mich schon auf den dritten Band

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