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Ein ganz besonderes JahrEin ganz besonderes Jahr

Ein ganz besonderes Jahr

Roman

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Ein ganz besonderes Jahr — Inhalt

»Eine magische Reise in das Zauberland der Literatur – fesselnd und bewegend.« Elle

Eigentlich wollte Valerie die etwas altmodische Buchhandlung ihrer spurlos verschwundenen Tante auflösen. Doch die junge Betriebswirtin hat die Macht der Bücher und die Magie der kleinen Buchhandlung mit dem Samowar unterschätzt. Jeden Tag entdeckt sie neue Schätze der Literatur und taucht immer tiefer in die zauberhafte Welt der Bücher ein. Als sie auf ein merkwürdiges Buch stößt, das nicht zu Ende geschrieben wurde, hält sie es für einen Fehldruck. Doch dann betritt ein Kunde ihre Buchhandlung, der genau dieses Buch schon lange sucht …

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 14.01.2016
192 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30689-8
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 06.10.2014
192 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96535-4

Leseprobe zu »Ein ganz besonderes Jahr«

EINS


Hätte jemand durch das Fenster geblickt, er hätte kaum mehr gesehen als den gebeugten Rücken einer mit großer Sorgfalt gekleideten älteren Dame, deren schneeweißer, etwas wirrer Dutt über der Kasse schwebte, von einer müden Deckenlampe in ein gnädiges Licht gehüllt. Womöglich hätte er sie dabei beobachtet, wie sie einen energischen Strich unter eine Liste zog, die sie in eine altertümliche Kladde geschrieben hatte, worauf sie besagte Kladde kaum weniger energisch zu- und ihre daneben stehende Handtasche aufklappte, aus der sie eine Geldbörse zog, [...]

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EINS


Hätte jemand durch das Fenster geblickt, er hätte kaum mehr gesehen als den gebeugten Rücken einer mit großer Sorgfalt gekleideten älteren Dame, deren schneeweißer, etwas wirrer Dutt über der Kasse schwebte, von einer müden Deckenlampe in ein gnädiges Licht gehüllt. Womöglich hätte er sie dabei beobachtet, wie sie einen energischen Strich unter eine Liste zog, die sie in eine altertümliche Kladde geschrieben hatte, worauf sie besagte Kladde kaum weniger energisch zu- und ihre daneben stehende Handtasche aufklappte, aus der sie eine Geldbörse zog, welcher sie wiederum einen Geldschein eher niedrigen Zahlbetrags entnahm, den sie in die Kasse legte. Er hätte gesehen, wie ihre schmale, von Alters­flecken übersäte, im Übrigen aber aristokratisch-blasse Hand daraufhin die Kasse schloss und sie noch einmal – wie man einem alten Freund tröstend auf die Schulter klopft – berührte, um schließlich aufzustehen, an den ­deckenhohen Regalen entlangzugehen, sie zu mustern, ihnen etwas zuzuflüstern, und dann das Licht zu löschen und durch die Hintertür den kleinen Laden zu verlassen. Auf diese Weise also wäre unser Beobachter Zeuge jenes Ereignisses geworden, das sich in zwei Worten zusammenfassen lässt: Charlottes Verschwinden.
Nun bedarf es keiner besonderen Hellsichtigkeit, um zu erkennen, dass es einen solchen Beobachter nicht gab. An jenem – wie wir später noch feststellen werden: bedeutenden –
Winterabend fand sich kein Passant ein, der einen Blick durch das Fenster, oder sagen wir: in das Schaufenster warf. Mit anderen Worten,
es war ein ganz gewöhnlicher Abend, ein keineswegs unüblicher, sondern vielmehr ein typischer Abend. Gewiss war dies nicht einem Mangel an Menschen geschuldet, die sich in die Gegend verirrt hätten. Im Gegenteil, der kleine Laden der alten Dame war, wenngleich etwas zurückgesetzt, in guter Lauflage, wie es so schön heißt. Ein Backshop hätte vermutlich gute Geschäfte gemacht, ein Getränkemarkt nicht minder – von einem Fitnessstudio ganz zu schweigen. Die alte Dame, die unser nicht vorhandener Beobachter eingangs gesehen hätte, hatte es in der Hinsicht schwerer. Viel schwerer. Denn die Laufkundschaft ist ja, wie man weiß, eine seltsame Spezies, eigenwillig, störrisch, unberechenbar, vor allem aber: nie da, wenn man sie braucht. Wobei der Korrektheit halber erwähnt werden muss, dass es gerade im Geschäftszweig der alten Dame keineswegs nur auf die Lauf-, sondern in weit höherem Maße auf die Stammkundschaft ankommt. Denn in jener Art von Geschäft wird längst nicht Dutzendware zum schnellen Verbrauch angeboten oder rasch verblühende zweifelhafte Schönheit, sondern wesentlich Substanzielleres, ja Bedeutendes. Hier geht es in mehr als einem Sinne um Sein oder Nichtsein. Weshalb Charlottes
Verschwinden auch mit Fug und Recht als ein kulturelles Ereignis betrachtet werden kann –
wenn auch kein erfreuliches. Doch dazu später.
Es sollte einige Zeit dauern, bis die Tür des kleinen Ladens sich wieder öffnete. Wenn auch unter ganz anderen Umständen.


Zwei


Die Farbe war schon etwas abgeblättert, die Türverglasung hatte in einer Ecke einen Sprung. Valerie schüttelte den Kopf. Als sie das altertümliche Schloss endlich aufbekommen hatte – es war schon etwas verrostet und die Tür klemmte obendrein –, schlug ihr die abgestandene Luft von Wochen entgegen. Sie ließ die Tür offen stehen und ging als Erstes ganz nach hinten ins Büro, um auch dort ein Fenster zu öffnen. Zum Glück war es ein warmer Frühlingstag.
Valerie ließ ihre Tasche zu Boden gleiten und versuchte, nicht gleich zu verzweifeln. Wo um alles in der Welt sollte sie anfangen? Dieser Laden war wie ein Kleid, das die alte Frau um ihr Leben geschneidert hatte. Ihr mochte es gepasst haben. Für Valeries junges Leben war es unbequem, unförmig und ganz und gar unpraktisch. Zögernd nahm sie auf dem verschlissenen Sessel Platz, den Tante ­Charlot­te des besseren Lichtes wegen in der Nähe des Fensters aufgestellt hatte. »Worauf habe ich mich da bloß eingelassen?«, seufzte sie.
Auf einem Beistelltischchen lag ein Stapel Visitenkarten mit dem Schriftzug des Geschäfts in fein geschwungenen Buchstaben. Valerie nahm eine davon zur Hand. Ein eigentümlicher Zauber ging von ihr aus. Die Oberfläche fühlte sich an wie mit Samt überzogen, die Lettern waren in tiefdunklem Rot hineingestanzt. Valerie konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. »Ringelnatz & Co.«, sagte sie leise, halb amüsiert, halb peinlich berührt. Offenbar hatte Tante Charlotte der von ihr so bewunderten Pariser Buchhandlung Shakes­peare & Co. nacheifern wollen. Warum sie ihren Laden dann nicht wenigstens gleich Goethe & Co. genannt hatte, war Valerie ein Rätsel. Aber vielleicht musste sie das auch nicht verstehen. Vielleicht hatte es ganz einfach damit zu tun, dass Tante Charlotte aus einer anderen Zeit stammte.
Nun also dieser Buchladen. Wie lange war sie schon nicht mehr hier gewesen? Jahre. Einige. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte sie die Tante nicht mehr oft gesehen, Papa und sie hatten sich nie wirklich verstanden. Als Ökonomieprofessor kam er in Gesprächen immer schnell auf wirtschaftliche Themen. Bei Tante Charlotte hatte ihn das regelmäßig auf die Palme gebracht. »Du bist einfach keine Geschäftsfrau, Charlotte, sieh es doch endlich ein!«, hatte er im Laufe buchstäblich jedes Gesprächs mit ihr ausgerufen und sich kopfschüttelnd abgewandt. Die beiden hatten kein gemeinsames Thema gefunden.
Und nun sollte ausgerechnet Valerie den alten Buchladen liquidieren, in dem sie in ihrer Kindheit so oft und gerne gewesen war und den sie später in seiner Überholtheit so befremdlich gefunden hatte. Der Zufall hatte es gewollt, dass sie die nächste Verwandte der alten Dame war und mit ihrem frisch errungenen Bachelor in Betriebswirtschaft auch über das nötige Know-how verfügte. Nur dass sie eigentlich andere Ziele gehabt hatte für die Zeit nach dem Abschluss. Sie wollte vier ­Semester anhängen und den Master machen, nebenbei Teilzeit Berufserfahrung sammeln und ihre Karriere als Consultant für Skandinavien und die aufstrebenden Volkswirtschaften des Baltikums vorbereiten. Während sie hier in Tante Charlottes altem Buchladen
saß, waren da draußen zwei Dutzend Bewerbungen an Top-Firmen unterwegs: Unterneh­mens­beratungen, Wirt­schafts­­prüfungsge­sell­schaf­ten, Marketing­agen­turen und Think Tanks. Das war es, wo sie hinwollte: ins Herz der Gescheh­nisse, dorthin, wo das Business pulsier­te, wo die Geistesblitze knisterten und die Zu­kunft erfunden wurde. Stattdessen war sie hier zwischen Altpapier gestrandet und konnte sich einigermaßen vorstellen, was sie in den Geschäftsbüchern ihrer Tante erwartete. Das hieß: Sie konnte es sich nicht vorstellen – aber das wurde ihr erst bewusst, als sie schon mittendrin war in dieser Geschichte. Oder sogar noch später.

Die ganze Sache war noch viel komplizierter dadurch, dass Tante Charlotte zwar verschwunden, nicht aber als tot registriert war. Man hatte sie schlicht nirgends gefunden. So wenig es einen Hinweis darauf gab, dass sie freiwillig irgendwohin gegangen wäre, gab es einen darauf, dass sie gar unfreiwillig irgendwo angekommen wäre – und sei es im Jenseits. Aber natürlich machte sich niemand Illusionen, am wenigsten Valerie. Sie hatte Tante Charlotte immer gerne gemocht und es bedrückte sie, dass die alte Dame – sie wäre inzwischen immerhin schon fast achtzig Jahre – auf so mysteriöse Weise aus dem Leben geschieden war. Niemand hatte sie mehr gesehen. Sie hatte sich ganz einfach aus ihrem so schrulligen wie aufgeräumten Dasein verabschiedet. Und die Notiz, die man auf ihrem Küchentisch gefunden hatte, hatte nicht einmal als offizielles Testament getaugt, weil eine Unterschrift fehlte und es genau genommen nicht um den Besitz der Hinterlassenschaften ging, sondern nur um den Verbleib: »Meine Nichte Valerie soll sich um alles kümmern.« Nichts weiter.
Der Laden hatte sich vermutlich seit der Zeit seiner Gründung, und das war immerhin Ende der 1950er Jahre gewesen, nicht verändert. Sicher, es standen andere Lektüren in den Regalen, und der Samowar, das wusste Valerie zufällig genau, war erst in den neunziger Jahren dazugekommen, nach einer Reise ihrer Tante ins vom Kommunismus befreite Russland, das Land von Dostojewski, Tolstoi und Puschkin, Charlottes Sehnsuchtsort – bis zu jener Reise, die einiges an Ernüchterung mit sich gebracht hatte (Mama hatte damals zu ihr gesagt: »Da siehst du, dass die Wirklichkeit gegen die Literatur nicht bestehen kann.«). Ansonsten aber: alte, deckenhohe Holzregale, die längst eine neue Politur vertragen hätten, ein abgetretener Parkettboden, drei Lampen mit altertümlichen grünen Schirmen auf wackeligen Beistelltischchen, ein schwerer, geraffter, an den Rändern goldbestickter Samtvorhang, der das Schaufenster vom Rest des Raumes trennte und der vermutlich einst ein Bühnenvorhang gewesen war, womöglich aus der Zeit vor dem Krieg.
Die Nachkriegszeit, in der Tante Charlotte ihre Buchhandlung eröffnet hatte, war sicher keine schlechte Zeit, um mit Gedrucktem Geld zu verdienen, schließlich waren die Menschen geistig ausgehungert und sehnten sich nach guten Geschichten und klugen Gedanken. Im Prinzip die richtige Geschäftsidee, dachte Valerie, für damals. Nur dass die alte Dame nicht mit der Zeit gegangen war, sondern in all den Jahren seither nichts Wesentliches verändert hatte. Natürlich war sie überrollt worden von der Professionalität moderner Businesskonzepte und dem Glamour der neuen Medien. Wer, bitteschön, las heute noch im Ernst ein Buch?
Über der Eingangstür hing eine Uhr, und Valerie war ehrlich erstaunt, dass sie nicht stehengeblieben war, so wie hier ja seit vielen Jahren die Zeit stillstand. Viertel vor elf. Und kein Kunde in Sicht. »Ringelnatz und Co.«, wiederholte Valerie, seufzte und ging hinüber zu dem kleinen Hinterzimmer, das über zwei Stufen erreichbar und ebenfalls nur durch einen gerafften Vorhang – mög­licherweise dem Rest des großen Bühnenvorhangs, der das Schaufenster einrahmte – vom Verkaufsraum abgetrennt war. Die Kasse schien einem Film aus den dreißiger Jahren entwendet, groß und schwarz stand sie auf dem Schreibtisch, immerhin geradezu verheißungsvoll poliert. Aber natürlich war sie leer. Oder jedenfalls: fast leer. Ein Zehner lag im Schubfach, daneben einige unsortierte Münzen, die sich auf kaum mehr als denselben Betrag summieren würden. Rechter Hand stand ein Kasten auf dem Tisch, der Valerie an den Katalog im alten Teil der Universitätsbibliothek erinnerte, links lag eine abgegriffene Kladde, die sich beim ersten Aufblättern als Kassenbuch erwies. »Aha«, murmelte Valerie. »Immerhin hast du Buch geführt.« Ein Fünkchen Hoffnung, dass es vielleicht doch nicht ganz so schlimm werden würde, glomm in ihr auf, gerade stark genug, um nach zwei Minuten als verlorene Illusion zu verrauchen. »Okay, das kann es ja nicht wirklich sein«, stellte Valerie fest und beschloss, sich mit einem Kaffee zu stärken, revidierte ihren Entschluss Richtung Tee, als sie herausfand, dass es in Tante Charlottes Reich offenbar keinen Platz für Kaffee gegeben hatte, setzte mit einiger Unbeholfenheit den Samowar in Gang und wartete.
Ein Samowar besteht aus einem größeren Wasserkocher, auf dem eine kleine Kanne sitzt, die mit Teeblättern gefüllt und dann mit dem kochenden Wasser des unteren Korpus aufgegossen wird. Danach wandert die Kanne wieder an ihren Platz, bis der solcherart angesetzte Tee kräftig genug gezogen hat, um in mehr oder weniger homöopathischen Dosen in eine Tasse gegossen und mit weiterem kochendem Wasser ins richtige Mischungsverhältnis gesetzt zu werden. Das alles dauert in etwa genauso lange, wie es den Anschein hat, weshalb Valerie mehr Zeit mit Warten zubrachte, als sie vorgehabt hatte. Also nahm sie eher wahllos ein Buch aus dem Regal und setzte sich wieder auf Tante Charlottes alten Lesesessel, um ein wenig darin zu blättern.
»Das erste Kapitel« begann mit einer Ankunft, wie so viele Bücher und wie auch Valeries Geschichte, zumindest soweit sie sich auf den kleinen Buchladen ihrer alten Tante bezog. Allerdings war es weit später am Tag, um genau zu sein: Es war spätabends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der ­Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor ...
Ein guter Samowar besitzt einen Mechanismus, durch den sich der Wasserkocher von selbst ausschaltet, wenn er allzu lange läuft –
wobei man wissen muss, dass Samoware durchaus dazu gedacht sind, lange vor sich hin zu köcheln. Charlottes Exemplar hätte einen solchen Mechanismus ebenfalls besessen. Doch er stammte aus dem postsowjetischen Russland, einer Zeit, in der man wegen Pfusch die Macht des Apparats nicht mehr und die Macht der Kunden noch nicht fürchten musste. Also kochte das Wasser und kochte unablässig, bis Valerie auf Seite 248 ein Zettel in den Schoß fiel und sie erstaunt aufblickte.
Draußen hatte es zu dämmern begonnen. Längst war der laue Frühlingshauch einer perfiden Zugluft gewichen, die Valerie bereits an der Nase gepackt hatte, ehe sie dessen gewahr wurde. So zog der Tag hin, der Schnupfen auf und der Tee in seinem Kännchen, während Valerie zum ersten Mal einen Roman von Franz Kafka las und erstaunt war, ja genau genommen Seite um Seite darauf wartete, dass er sie endlich zu langweilen begann.
Besagter Zettel erwies sich als Bestellkarte, auf der Tante Charlotte akribisch vermerkt hatte, wie viele Exemplare dieses Buches sie verkauft hatte. Es waren viele. Erstaunlich viele, die Karte war geradezu übersät von gebündelten Strichen auf Vorder- und Rückseite, und wäre das Datum nicht vermerkt gewesen, an dem die alte Buchhändlerin das Werk zum ersten Mal bestellt hatte, Valerie hätte es für einen ausgesprochenen Bestseller gehalten: 12/X/1959. »Scheint jedenfalls ein Longseller zu sein«, stellte sie fest, steckte die Karte zurück in das Buch, klappte es zu und legte es beiseite. Eine Tasse heißer Tee würde jetzt guttun. Sie schloss die Tür ab, nahm sich einen der angeschlagenen Becher aus dem Schrank über der Spüle, die beide in einer Nische des Büros, vom Laden aus unsichtbar, untergebracht waren, goss sich einen Fingerbreit schwarzbraunen Tee ein und füllte mit Wasser aus dem Kocher auf. Dann setzte sie sich wieder an den Schreibtisch, suchte ein Blatt Papier heraus und begann, sich Notizen zu machen.

Man kann die Betriebswirtschaft als eine ebenso nützliche wie ungenaue Wissenschaft bezeichnen. Einer jungen Frau, die mit beiden Beinen über den Dingen schwebt, verleiht sie zweifellos eine gewisse Erdung und, falls nicht von Natur aus vorhanden, das nötige Selbstbewusstsein, um auch die unlösbarsten Aufgaben für lösbar zu erachten, also etwa das Führen, die Rettung oder gar die Liquidation einer kleinen Buchhandlung in mittlerer Lage, der die Inhaberin abhandengekommen ist, von der Kundschaft ganz zu schweigen. Und so nimmt es nicht wunder, dass am Ende eines langen Abends eine Liste von immerhin achtundvierzig Maßnahmen neben der Kasse lag, bezeichnet mit der denkwürdigen Überschrift: »First Steps/Short Term-Measures«, worunter sich so bedeutsame Stichworte fanden wie: Kassenprüfung, Banktermin, Inventur, Warenwirtschaft checken, Lieferungen und Leistungen prüfen, Cashflow-Übersicht, Außenstände, Steuerberater?, Kreditlinie?, Summen und Salden, Bilanz?
An dieser Stelle unserer Geschichte ist es Zeit, mit einem verbreiteten Vorurteil aufzuräumen. Frauen Mitte zwanzig, gebildete Frauen zumal und erst recht Frauen mit Brille (wobei zu vermerken ist, dass Valerie Kontaktlinsen trug, zumindest an jenem Tag), sind nicht zwangsläufig romantisch. Im Gegenteil, oft neigen sie zu einer ausgeprägten Nüchternheit, deren Ursprung und Ziel so unbestimmt sind, dass man annehmen muss, es habe damit keinerlei besondere Bewandtnis. Und wer den gegen neun Uhr an die Tür klopfenden jungen Mann gesehen hätte, wäre nicht umhin gekommen, diesem Befund beizupflichten. Valerie öffnete die Tür und hielt Sven die Wange hin, während sie einen Blick zum Himmel warf und überlegte, wie lange es wohl noch dauern würde, bis es regnete.
Sven, der kürzlich als Trainee in einer Unternehmensberatung angefangen hatte, warf seinerseits einen Blick in den Laden, verdrehte die Augen und sagte zur Begrüßung: »Ich möchte nicht wissen, um welche Beträge du das Lager abschreiben musst.«
»Guter Punkt«, erwiderte Valerie und eilte zum Schreibtisch zurück, um sogleich »Lagerbewertung« zu notieren. In der Tat lauerte in den Regalen jede Menge totes Holz. Da fiel ihr ein, dass Buchhändler angeblich das Recht hatten, von Verlagen georderte Bücher zurück­zugeben, zu »remittieren«, wie man wohl sagt. Sie setzte mithin auch noch den Punkt »Remission? Rückerstattung/Verrechnung?« auf die Liste.
»Bist du fertig?«, wollte Sven wissen, während er neben sie trat und den Schreibtisch inspizierte.
Valerie sah ihn von unten herauf an und stellte fest, dass er sich wieder diesen albernen Dreitagebart wachsen zu lassen versuchte. Tag eins hatte eine schmutzige Färbung auf das etwas rundliche Gesicht getupft. Er kratzte auch schon, das hatte sie eben beim Begrüßungsküsschen gemerkt. Morgen würde es richtig unangenehm werden und übermorgen heruntergekommen aussehen.
»Du solltest dich rasieren.«
»Mhm.«
»Bin gleich so weit. Lass mich noch einmal einen Sicherheits-Check machen.«
Der Kontrollgang dauerte genau dreißig Sekunden. Der Laden, kaum mehr als vierzig Quadratmeter groß, die Teeküche, die gleichzeitig Büro war, vielleicht gerade mal zehn, vermutlich eher acht, nicht viel Raum zum Patrouillieren. Valerie griff nach ihrer Tasche, steckte noch rasch den Kafka ein, schob Sven aus dem Laden und schloss hinter sich ab, ohne den Schatten zu bemerken, der nah an ihren Füßen vorbeihuschte.


Drei


Wer immer den Mai zum Wonnemonat erklärt hat, er muss auf Mauritius gelebt haben. Oder auf Hawaii. In mitteleuropäischen Gefilden war von Wonnen nicht viel zu erahnen. Valeries aufziehende Erkältung hatte sich über Nacht zu einem veritablen Infekt ausgewachsen. Seit dem Vorabend übte der Himmel den Weltuntergang. Mit klammen Fingern nestelte Valerie den Schlüssel ins Schloss, fluchte, weil die Tür klemmte, warf sich dagegen, polterte beinahe auf den Boden und war dankbar, als sie endlich ein Dach über dem Kopf hatte. Sie stellte den tropfenden Regenschirm in eine Ecke und flüchtete sich ins WC, wo sie in dem winzigen Spiegel über dem kleinen Waschbecken eine abgekämpfte Fremde betrachtete. Der Samowar, erinnerte sie sich, dankbar, dass Tante Charlotte eine so altmodische Person gewesen war. Das würde ihr jetzt helfen. Rasch füllte sie den Wasserkocher, gab eine Handvoll Tee in die Kanne und wickelte ihren Schal ab, um ihn zum Trocknen über die Stuhllehne zu hängen.
Ringelnatz & Co. hatte einst zu den wichtigen, zu den glanzvollen Adressen des Viertels gehört. Gegründet nach den Jahren tiefster Finsternis, war der Buchladen von Anfang an ein Leuchtturm von Geist und Kultur gewesen und über viele Jahre hinweg geblieben, und die junge, enthusiastische Buchhändlerin hatte mit ihrem Esprit und ihrer Lebensfreude so manchen jungen Mann zum Lesen verführt. Doch mit der Zeit hatten sich die Umstände geändert, hatte sich das Viertel verändert. Von den beiden Optionen – Luxussanierung und Gentrifizierung oder Verfall und sozialer Abstieg – hatte das Viertel, in dem Ringelnatz & Co. lag, letzteren Weg nehmen müssen. Einher damit ging, dass sie beide in die Jahre kamen: die Buchhändlerin und ihr Laden. Wohl gab es eine Phase, in der man sie allein ihres Daseins wegen mit Sympathie betrachtete und sogar im redaktionellen Teil der lokalen Werbeblättchen mit Würdigungen bedachte. Doch Leser ließen sich damit nicht gewinnen, schon gar keine neuen. Die alten, jene Kunden aus den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten, erinnerten sich mitunter und schauten sogar wieder einmal vorbei. Dann redeten sie über die schönen alten Zeiten, klagten über das Desinteresse der Jugend an Büchern, kauften ein antiquarisches Insel-Bändchen mit Gedichten von Hesse (»Für meine Enkeltochter, ich mochte das doch auch so seinerzeit.«) und verschwanden wieder aus dem Leben der alten Dame.
Dabei muss man konzedieren, dass der Buchladen – wenn man von einer gewissen, durchaus charmanten Fadenscheinigkeit absah – nach wie vor ein Juwel war, und das nicht nur wegen der noch aus echtem, massivem Nussbaumholz gearbeiteten, deckenhohen Regale, des prächtigen Vorhangs oder der überaus musikalischen, im Übrigen aber sehr schmucken Holzdielen, die – frisch gewachst – von Ferne an die polierten Planken eines luxuriösen Segelschiffs erinnerten. Nein, vor allem natürlich wegen seines ebenso klug und umsichtig wie liebevoll gepflegten Sortiments.
Eigentlich hatte Valerie sich zu Hause noch weitere Notizen machen wollen, um ihre To-do-Liste zu vervollständigen. Doch dann hatte sie doch den Kafka zu Ende gelesen und war schließlich auf dem Sofa eingeschlafen. Sie legte das Buch auf einen Hocker, welcher der alten Dame vermutlich dazu gedient hatte, auch Bücher aus höher gelegenen Regalbrettern zu angeln. Sie würde es nicht zurückstellen können – es sah nun einmal gelesen aus. Andererseits: Hatte Valerie gestern bei der Inspektion des Ladens nicht auch eine Ecke mit antiquarischen Büchern entdeckt? In der Tat: Als sie nun noch einmal genauer darauf achtete, bemerkte sie, dass ein Teil des Ladens, und zwar der am weitesten von der Tür entfernte (was bei einem so kleinen Geschäft nicht viel zu besagen hatte), mit gebrauchten Werken bestückt war. Genau genommen waren es sehr gebrauchte Werke. Es gab hier viel in Leder Gebundenes mit goldgeprägtem Rücken, manch vom Licht der Jahre Gebleichtes, etliches Abgegriffene. Doch all die Bücher, die Tante Charlotte in diesen beiden Regalen versammelt hatte, waren ganz offensichtlich mit großer Sorgfalt behandelt worden. Valerie nahm einen Band, der offensichtlich irgendwann einmal neu gebunden worden war, heraus und schlug ihn auf, scheinbar eine Sammlung von Erzählungen, doch in Wirklichkeit ein Roman:
Du schickst dich an, den neuen Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino zu lesen. Entspanne dich. Sammle dich. Schieb jeden anderen Gedanken beiseite. Lass deine Umwelt im Ungewissen verschwimmen. Mach lieber die Tür zu, drüben läuft immer das Fernsehen. Sag es den anderen gleich: ›Nein, ich will nicht fern­sehen!‹ Heb die Stimme, sonst hören sie’s nicht: ›Ich lese! Ich will nicht gestört werden!‹ Vielleicht haben sie’s nicht gehört, bei all dem Krach; sag’s lieber noch lauter, schrei: ›Ich fange gerade an, den neuen Roman von Italo Calvino zu lesen!‹ Oder sag’s auch nicht, wenn du nicht willst; hoffentlich lassen sie dich in Ruhe.
Valerie musste grinsen. So einen Buchanfang
hatte sie noch nie gelesen. Such dir die ­bequems­te Stellung: sitzend, langgestreckt, zusam­men­­­­gekauert oder liegend. Auf dem Rücken, auf der Seite, auf dem
Bauch. Im Sessel, auf dem Sofa, auf dem Schaukelstuhl ...
Ja, es schien alles ein enormer Unsinn und eine durchaus fragwürdige Alberei, aber es war doch auch ein Spaß, die immer wieder überraschend-wirren Wendungen der Erzählungen zu lesen, aus denen sich im Folgenden ein ganz ungewöhnlicher Roman entspann, der Valerie durch Zeiten und Länder navigierte wie ein aufmüpfiges literarisches Karussell, das sich um Konventionen nicht scherte und sich auf jeder Seite mit der Leserin frech verschwisterte.
Und so fand sich unsere Protagonistin erneut nach Stunden vergnüglicher Lektüre im Sessel der alten Buchhändlerin wieder, während neben ihr der Samowar unablässig vor sich hin kochte und zumindest eine angenehme Wärme verbreitete. Getrunken hatte sie nichts, ja nicht einmal eine Tasse eingeschenkt. Doch das machte ihr nichts. Im Gegenteil: Sie spürte, wie gut es ihr tat, eine Geschichte ganz um ihrer selbst willen zu lesen. Und sie entdeckte zu ihrer großen Verblüffung, dass sie es genießen konnte, diesem seltsamen Autor durch das amüsante Labyrinth seiner feinziselierten Erzählung zu folgen. Das hatte sie seit der Schulzeit nicht mehr getan – und damals nur als eine besonders mühselige Art geistiger Folter betrachtet. Entfernt erinnerte sie sich noch an all die Absonderlichkeiten, die sie hatte lernen müssen. Es war um Chiasmen und Tropen gegangen, um Pleonasmen, um Gleichnisse, Ellipsen und allerlei sonstige begriffliche Nebel, hinter denen sich angeblich der Zugang zum Geschriebenen verbarg. Das war bei diesen Geschichten überhaupt nicht so. Im Gegenteil: Je mehr sie in der spielerischen Sprache des Dichters dachte und je tiefer sie sich in den immer wieder überraschenden Wendungen jenes Italo Calvino verstrickte, umso prächtiger amüsierte sie sich, umso mehr wuchs ihre Neugier.
Oder, um es mit Calvinos eigenen Worten zu sagen: Wenn du’s recht bedenkst, ist dir’s auch lieber so, nämlich etwas vor dir zu haben, von dem du noch nicht genau weißt, was es ist.

Ringelnatz & Co. muss man sich als einen Laden vorstellen, der nach heutigen Maßstäben als nicht bewirtschaftbar gilt. Zu wenig Fläche. Ein so kleines Geschäft mochte sehr ausnahmsweise rentabel sein, wenn es Waren im höchstpreisigen Segment führte, etwa Juwelen und teure Uhren, vielleicht auch noch exquisite Kosmetika, wenn wir von einer soliden und im Wohlstand alternden Stammkundschaft ausgehen. Doch ein Buchladen kann sich dem Diktat der Masse schwerlich verweigern. Und selbst wenn wir uns zu den größten Optimisten rechnen (was wir natürlich tun), zählte Ringelnatz & Co. auch unter den kleinen Buchhandlungen zu den wirklich kleinen. Ein Verkaufsraum, ebenerdig, zur Straße hin die Querseite, repräsentiert durch ein »großes« Schaufenster, das in der Mitte geteilt war durch eine Glastür. Innen beiderseits sowie links hinten Regale, deckenhoch und eng an eng gefüllt mit Büchern, hinten rechts eine kleine Treppe mit zwei Stufen, die in die Teeküche führten. Dort zwei schmale Türen, deren eine zur Toilette und deren andere auf den Hinterhof ging, wo seit langer Zeit jeglicher sozialer Austausch zum Erliegen gekommen war. Dies alles auf kaum mehr als fünfzig Quadratmetern.
Doch trotz dieser Beengtheit der Verhält­nisse hatte es die alte Buchhändlerin geschafft, ein sehr breites Sortiment zu führen! Gewiss, es fehlte den Büchern an Raum, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen, nur wenige durften dem Kunden frontal ins Gesicht sehen. Dafür ließ sich schwerlich ein Freund des Lesens denken, der in dieser Schatzkammer der Literatur nicht das Buch gefunden hätte, das wirklich zu seinen Wünschen passte. Kein Lieb­haber romantischer Erzählungen, kein Le­ser historischer Sachbücher, keine Kennerin der Lyrik, die ... überhaupt: die Lyrik! Valerie stellte schnell fest, dass Tante Charlotte offenbar ein Faible für Poesie gehabt hatte. Sowohl bei den neueren als auch bei den antiquarischen Büchern bildete die Lyrik ein besonderes Gewicht. Ob es die streng gereimten und manchmal sperrigen Verse eines Andreas Gryphius oder die ebenso leichtfüßigen wie tiefgründigen Lieder Heinrich Heines waren, die elegischen Sinnlichkeiten eines Rilke, die brutale Ehrlichkeit eines Trakl oder die tiefsichtige Hingabe eines Neruda: Es fehlte nichts. Modernes, Komisches, Erdenschweres. Besonders gerne aber Humoristisches. Das schien eine besondere Vorliebe der alten Buchhändlerin gewesen zu sein.
Tatsächlich ging es Valerie nach dem Buch von Italo Calvino und zwei Bänden Robert Gernhardt schon wieder viel besser! Literatur als Therapie? Das hätte sie so nie unterschrieben. Und doch ahnte die junge Frau, dass ihr die kleinen Fluchten ins Gewitzte über den Infekt hinweggeholfen hatten, als sie zwei Tage später wieder munter war und es ihr nicht mehr schwerfiel, sich aufzuraffen und ihrer Aufgabe nachzugehen.

Über Thomas Montasser

Biografie

Thomas Montasser arbeitete als Journalist und Universitätsdozent und war Leiter einer kleinen Theatertruppe. Mit den Romanen »Ein ganz besonderes Jahr« und »Monsieur Jean und sein Gespür für Glück« wurde er über Nacht international bekannt. Als Vater von drei Kindern lebt er mit seiner Familie in...

Pressestimmen

Ostfriesen-Zeitung

»Dieses schöne, kleine Buch ist eine Hymne auf das Zauberland der Literatur und auf die kleinen, scheinbar weltvergessenen Buchhandlungen. Toll!«

Frau von Heute

»Ein zauberhaftes Meisterwerk!«

Kleine Zeitung (A)

»Eine Liebeserklärung an das Buch. Poetisch, geheimnisvoll und originell.«

Kulturvision

»Das Buch zu lesen macht Lust aufs Lesen.«

Book Reviews

»Dieses Buch ist eine Ode ans Lesen, Genießen, sich treiben lassen, Träumen (...) Ein Buch anders als alles andere, das gerade auf dem Markt ist und gleichzeitig wunderschön zu lesen! Ein Genuss!«

Westfalenpost

»Literarisch gekonnt.«

Kölner Stadt-Anzeiger Magazin

»Montassers Buch ist eine humorvolle und spannende Liebeserklärung an eine scheinbar fast versunkene Welt – a sentimental journey der besten Art.«

Radio Bremen

»Wer seine Zeit gern in kleinen, feinen, gut sortierten Buchhandlungen verbringt, der hat sicherlich Freude an diesem Roman. Mit ›Ein ganz besonderes Jahr‹ hat der Autor Thomas Montasser genau diesen Buchläden, einer vom Aussterben bedrohten Art, eine Liebeserklärung gemacht.«

buechertreff.de

»Eine märchenhafte Seelenlektüre (...) Uneingeschränkt empfohlen.«

ELLE

»Eine magische Reise in das Zauberland der Literatur – fesselnd und bewegend.«

ARD Frühstücksbuffet

»Ein zauberhafter kleiner Roman... Perfekt für alle Bibliophilen und für solche, die es noch werden sollten!«

Kommentare zum Buch

Second Hand Bücher Bülach
Gabriele und Franz Gasser am 18.01.2017

Das Buch, wie aus unserem Leben in unserem Buchladen. Einfach himmlisch!

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