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Ein englischer WinterEin englischer Winter

Ein englischer Winter

Thomas Reverdy
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Roman

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Ein englischer Winter — Inhalt

Ausgerechnet von einem Franzosen - der Roman zu den Ursachen für Großbritanniens "Sonderweg".

Ausgerechnet von einem Franzosen - der Roman zu den Ursachen für Großbritanniens "Sonderweg"

England, 1978/79. Alles versinkt in Schnee und Chaos. Auf den Straßen türmt sich der Müll, es fahren weder Züge noch Busse. Die wildesten Streiks lähmen das Land und die Labour-Regierung taumelt - dem Empire hat endgültig die Stunde geschlagen. Keine gute Zeit, um sich zu verlieben, findet Schauspielerin Candice, die schnellste Fahrradkurierin Londons. Bis sie Jones begegnet, einem frisch entlassenen Musiker, der den harschen Zeiten auch nichts entgegenzusetzen hat. Inmitten der sich überall breitmachenden Kälte kämpfen die beiden jungen Leute um einen Platz in dieser Welt.

Wiederholt sich die Geschichte gerade? Mit dieser Frage im Kopf hat Reverdy einen einfühlsamen, klugen Roman geschrieben. Seine engagierte Aueinandersetzung mit dem berühmt-berüchtigten „Winter des Missvergnügens“ wurde zu Reverdys größtem Publikumserfolg und sie wurde mit dem  Prix Interallié ausgezeichnet.

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 11.01.2021
Übersetzt von: Brigitte Große
208 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-8270-1409-2
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€ 17,99 [D], € 17,99 [A]
Erschienen am 11.01.2021
Übersetzt von: Brigitte Große
240 Seiten, WMePub
EAN 978-3-8270-8011-0
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„In atemloser, rhythmischer Sprache zeichnet Reverdy jene Zeit nach, in der der Punk aufkam. Ein Buch voll Wut.“
Dresdner Morgenpost
„All die Verantwortlichen zieht Reverdy in seinem atmosphärisch dichten, gewaltigen und enorm soghaften Roman am Nasenring in die Arena. Jeden Abschnitt der Abrechnung ziert ein Songtitel aus der Zeit der Wende zum Schlechten - von den Sex Pistols über The Clash bis hin zu The Damned. Das erklärt auch den eindringlichen sprachlichen Sound dieses unerhört wichtigen Werkes.“
Kleine Zeitung Steiermark Newsletter (A)
„In Thomas Reverdys packendem Roman ›Ein englischer Winter‹ herrscht Untergangsstimmung, doch die junge Candice versucht ihre Träume zu leben.“
WDR 5 „Buch der Woche“

Leseprobe zu „Ein englischer Winter“

„Und nun, am 1. August 1979, sitze ich da und habe
das Ohr an die Vergangenheit gelegt wie an die Wand
eines Hauses, das es nicht mehr gibt.“

Richard Brautigan, Ende einer Kindheit

 

„Dieser Traum ist nun vorbei!“

Margaret Thatcher, 1980 bei einer Rede in Brighton

 

„Run Like Hell“

Pink Floyd

 

Wie im Flug saust Candice im Spätsommer 1978 mit ihrem Fahrrad durch die Straßen Londons, als ob sie im bläulichen Nebel des frühen Morgens unter den verblassenden Straßenlaternen einen fast schon verflüchtigten Traum verfolgte, den sie noch rasch einholen muss, sie [...]

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„Und nun, am 1. August 1979, sitze ich da und habe
das Ohr an die Vergangenheit gelegt wie an die Wand
eines Hauses, das es nicht mehr gibt.“

Richard Brautigan, Ende einer Kindheit

 

„Dieser Traum ist nun vorbei!“

Margaret Thatcher, 1980 bei einer Rede in Brighton

 

„Run Like Hell“

Pink Floyd

 

Wie im Flug saust Candice im Spätsommer 1978 mit ihrem Fahrrad durch die Straßen Londons, als ob sie im bläulichen Nebel des frühen Morgens unter den verblassenden Straßenlaternen einen fast schon verflüchtigten Traum verfolgte, den sie noch rasch einholen muss, sie nimmt die Kurven in vollem Tempo, mit regelmäßigem Tritt, ohne abzusetzen, fährt sie weit aus, um bei der Neigung nicht mit den Pedalen den Boden zu streifen, die Botentasche am Riemen auf dem gestreckten Rücken, die Ellbogen unter den Schultern, sie tanzt einen leichten Anstieg hinauf, dreht nervös den Kopf wie ein Vogel, der nach Gefahren späht, ordnet sich in den zu dieser Zeit noch spärlichen Verkehr ein, flitzt durch Islington Park, wo sie aufgewachsen ist, biegt in die Caledonian Road nach Süden, fährt die Eisenbahnschienen Richtung Camden Town entlang, vorbei an einer mannshohen Wand aus Abfällen, die sich, obwohl die Müllabfuhr offiziell noch gar nicht im Streik ist, überall in den Arbeitervierteln sammeln, was die Ratten an die Oberfläche lockt, Candice beobachtet sie aus den Augenwinkeln und sieht sie Reißaus nehmen und im Müll abtauchen, sobald sie sich nähert, sie tritt in die Pedale, um die Straße zu überqueren, bevor der Gestank sie erreicht, sie gleitet durch die Stadt, wie eine Eule bei Tagesanbruch auf lautlosen Schwingen von der Jagd heimkehrt, fest entschlossen, dem Traum, hinter dem sie her ist, den Garaus zu machen, bevor er ihr entwischt.

Candice ist gerade zwanzig geworden. In diesem Alter hat sich das Leben noch nicht verwirklicht. Alles ist noch Verheißung – oder Bedrohung.

Mit dem Botenjob bei City Wheelz finanziert Candice ihren Schauspielunterricht. Die Firma wurde anlässlich eines Poststreiks vor zwei Jahren gegründet, und die Idee setzte sich durch. Die Zeit war reif für Fahrradkuriere, das Konzept ökologisch und sehr peacig, fast hippiesk. Das von Ned, dem Chef, entworfene Logo zeigt einen langhaarigen, geflügelten Hermes auf dem Fahrrad, umrahmt vom Firmennamen in psychedelisch gelben Lettern auf himmelblauem Grund, irgendwo zwischen Coca-Cola und Grateful Dead. Das wirkt spirituell und liegt total im Trend. Fahrradkuriere sind die Einzigen, die keine Schlaghosen tragen. Kein Wunder, mit diesen modischen Mistdingern hat man nämlich die besten Chancen, gleich in der ersten Kurve den Abflug zu machen. Aber das ist schon okay, sie kommen ohnehin aus eher proletarischen Ecken, wo mehr Hooligans als Hippies wohnen. Candice ist die einzige Frau der Truppe – Team, sagt Ned, der Chef, ein Bürgersöhnchen aus einer besseren Gegend. Er hält sich für einen Künstler. Bevor er seine Firma gründete, studierte er Design und ließ
sich die Haare wachsen, nachdem sein Leben durch die Beatles einen ganz neuen Sinn erhalten hatte. Seit fünfzehn Jahren findet halb Europa den Sinn des Lebens in einem Beatles-Song.

Candice kann mit den Beatles nichts anfangen, sie braucht eine Energie, die näher an der Härte der Straße ist. In ihrer Umgebung trug man in den letzten Jahren die Haare eher kurz. Trotzdem würde sie nie etwas gegen die Beatles sagen – niemand würde das –, sie kann nur die Hippies mit ihren läppischen Klamotten und ihrer Mir-doch-egal-Haltung nicht leiden. Und über John Lennon ärgert sie sich auch ein bisschen. Gibt den Jesus, der beschlossen hat, seine Jünger zu verlassen, um Maria Magdalena zu heiraten, hört aber nicht damit auf, den Mythos der Fab Four zu pflegen und gleichzeitig dieses Nest zu beschmutzen. Er ist ein richtiger Guru geworden. Niemand käme auf die Idee, dass er fast genau zwei Jahre später, am 8. Dezember 1980, in New York ermordet werden könnte – eine Art endgültiger Schlussstrich unter die Siebziger.

Candice passiert den York Way und stürzt sich in das Gewirr aus Gässchen und Gleisen, die von King’s Cross ausgehend Camden zerschneiden, als wäre der Stadtteil einem riesigen Eisenbahnknoten entsprossen. Geschickt umgeht sie Hauptverkehrsadern und Kreuzungen und fährt in den schmalen Straßen Slalom um die wenigen Autos, indem sie den leichten Stahlrahmen nur mit dem Druck ihrer Oberschenkel lenkt. Es sieht aus, als wäre sie eins mit ihrem Fahrrad, und so empfindet sie es auch. Es ist berauschend. Sie fährt bestimmt dreißig, vierzig Kilometer pro Stunde.

Und wiederholt dabei ihren Text.

Wenn sie an nichts denkt, kommt er ganz von allein. Manchmal spricht sie ihn vor sich hin, wird lauter und lauter, den Kopf zwischen den Schultern erhoben wie
ein Periskop, mit gestrecktem Rücken und brennenden Schenkeln wie an einem unsichtbaren Faden strampelnd, bis sie plötzlich mitten auf der Straße von Lachanfällen unterbrochen losschreit – wenn auch eher mit Rastafari-Akzent als in barockem Tonfall:

„Naw izzzz da winterrrr ov ourrrr disssscontent,

made glorious summerrrr by dissss sun ov Yorrrk!“

Das sind die ersten Worte von Richard III. Damit beginnt ihr Auftritt. Candice probt für die Titelrolle in einer semiprofessionellen Frauenschauspieltruppe.

„Nun ward der Winter unsers Missvergnügens

glorreicher Sommer durch die Sonne Yorks!“

Sie weiß noch nicht, dass genau das in ein paar Monaten Wirklichkeit geworden sein wird. Dieser Frühherbst 1978 ist wie der Beginn eines Romans, die Geschichte hat schon angefangen, sie kommt von weit her, von außerhalb ihrer selbst, aber es ist noch nicht klar, wo sie hinführen wird und wie der Knoten sich schürzt. In diesem Stadium weiß niemand so recht, was noch alles passieren kann.


„I Don’t Know What to Do with My Life“

Buzzcocks

 

Sie hätte Jones auch nie kennenlernen können.

Er sieht nicht schlecht aus. Groß, ein bisschen zu groß vielleicht, um sich immer gerade zu halten. Seine Augen lachen, wirken aber auch müde wegen der vielen kleinen Fältchen, die sie unterstreichen und vergrößern. Wirre Haare, weil seit Jahren unfrisiert. Jones ist Musiker. Jazzpianist. Das ist 1978 schon kein richtiger Beruf mehr, also arbeitet er auch in einem Büro.

Arbeitete, genauer gesagt, er wurde nämlich gerade entlassen. Und er war nicht der Erste in diesem Jahr. Die Nachricht traf ihn eines Herbstmorgens unvermutet, wie es sich gehört, im Büro seines Vorgesetzten. Dieser nahm ihn erst einmal jovial auf die Schippe – „Ihre Haare sehen ja heute wieder aus wie eine Klobürste“ – und teilte ihm dann mit, dass er fristlos gekündigt sei, das habe aber nichts mit ihm zu tun, sondern liege an der Konjunktur: „Die Krise, Jones, es ist die Krise, merken Sie sich das Wort, das werden Sie noch oft hören!“ Krise, ha!

Vergebens versuchte Jones sich zu wehren, er zappelte wie ein Fisch an der Angel. Von der anderen Seite des Schreibtischs lächelte sein Chef weiter zu ihm herüber: „Für die Krise kann niemand was.“ Ha!

Das war der Moment, in dem alles zu kippen begann, obwohl sich damals noch keiner vorstellen konnte, dass die Zukunft von Pizzaboten auf Rädern und ewigen Praktikantinnen bevölkert sein würde. Dass Leute wie Jones überhaupt kein Bein mehr auf die Erde kriegen würden. Dass sie immer noch länger studieren würden. Und trotzdem keine Arbeit fänden, weil es immer weniger gäbe. Bisher war er stets halbwegs zurechtgekommen, er lebte allerdings ziemlich bescheiden. Er hatte immer gearbeitet, meistens irgendwo als Verkäufer.

Reichlich lausige, schlecht bezahlte Jobs hatte er in den letzten Jahren gehabt. Zum Beispiel als „Faxman“ einer großen Anwaltskanzlei. Sein Arbeitsplatz befand sich im Untergeschoss, das heißt, im Keller, ein Raum voller Gestelle, auf denen die neuesten Rank-Xerox-Faxgeräte schnurrten und spuckten. Seine Aufgabe war es, die eingetroffenen Faxe in Körbchen zu sortieren und diese in die Büroetagen zu tragen, bevor er husch husch wieder in den Keller musste, um die nächsten Faxe einzusammeln, zu sortieren und in den Stockwerken zu verteilen wie ein Briefträger, dessen unermüdlich von vorn begonnene Runde einerseits an das Fass der Danaiden gemahnte – leeres Körbchen auffüllen! –, andererseits an den Stein des Sisyphos – wieder runter in den Keller!

In mageren Jahren hatte er auch Hilfsarbeitertätigkeiten angenommen, die es damals gab wie Sand am Meer. So wurde er dafür bezahlt, Paletten mit Bierkisten auf dem Lieferantenparkplatz hinter einem Supermarkt herumzuschieben oder mit einem Minibagger gusseiserne Rohre von acht Zoll – zwölf Zentimeter – Durchmesser in einem riesigen Lager am Themse-Ufer von Gang C nach Gang F zu bringen.

Er war Nachtwächter in einem verrufenen Hotel gewesen.

Aushilfsbarkeeper in einem halben Dutzend Pubs.

Bei Harrod’s hatte er nacheinander Fleischwaren, Damenschuhe und „Queen size“-Matratzen verkauft.

Der Job bei British Petroleum, den er gerade verloren hat, war eigentlich gar nicht so übel gewesen.

Er bestand darin, Hunderte von Zeitungsausschnitten zu lesen, in denen der Name des Unternehmens auftauchte, und jeden Artikel nach einem sehr präzisen Fragenraster zu codieren. Noch während er den Text überflog, kreuzte er in Höchstgeschwindigkeit verschiedene Kästchen an. Sie waren zu zweit im Büro und saßen sich den ganzen Tag gegenüber, ohne einander je anzusehen. Andere Analysten – Festangestellte – gaben diese Codierungen zur genaueren Prüfung in riesige Rechner ein, die ihnen dabei halfen, die Ergebnisse in Zahlen zu verwandeln, aus denen sie anschauliche Statistiken erstellten, die berühmten Tortendiagramme. Die übernahmen dann die mittleren Angestellten der Qualitätssicherung und interpretierten sie, was es den leitenden Angestellten erlaubte, ihre strategischen Maßnahmen mit einstudierten Reden und entschiedenen Phrasen über „das Image der Firma in den britischen Medien“ zu begründen – wahrscheinlich gab es auf allen Kontinenten Leute wie Jones.

Seit seiner Entlassung überlebt Jones, indem er donnerstag-, manchmal auch freitagabends im Nightingale’s auftritt. Die Nachtgewächse in dieser Cocktail- und Jazzbar sind ihm nicht unähnlich. Mit einigen Kellnerinnen ist er befreundet. Die restliche Zeit verbringt er zu Hause und spielt. Er spielt wie ein Irrer, den ganzen Tag und manchmal die halbe Nacht. Er komponiert, sagt er zumindest. Aber es ist eine brotlose Kunst.

Seine Wangen sind ein bisschen eingefallen. Und er hat blaue Ringe unter den Augen. Aber das ist ihm egal.

Sein Stolz ist ein empfindlicheres Organ als sein Magen.

Er wirkt jung, obwohl er auf die vierzig zugeht, und macht etwas her. Ein junger Mann ist kein richtiger Arbeitsloser. Noch nicht – solange er jung ist. Die kleinen Jobs, mit denen Jones sich durchschlägt, bringen ihm seit Jahren mehr Zeit als Geld ein.


„I Just Can’t Be Happy Today“

The Damned

 

Nancy, die Regisseurin des Stücks, kommt aus der Schauspielschule, an der Candice gerade angefangen hat. Für die Proben hat sie mit ihrer feinen, gedrängten Schrift ein ganzes Schulheft vollgekritzelt, Einfälle notiert, manchmal auch etwas gezeichnet, um ihre dramaturgischen Ausführungen zu ergänzen.

„Richard III. ist eine von Shakespeares wichtigsten Tragödien“, begann sie zu erklären. „Auch wenn es laut der Wissenschaft damals, in den 1590er-Jahren, Mode war, historische Stücke zu schreiben, ist Richard III. doch viel mehr als ein Drama über das Ende der Rosenkriege und die Machtergreifung der Tudor-Dynastie oder der Abschluss der Henry-VI-Tetralogie. Es ist, gemeinsam mit Hamlet, die wohl grundlegendste Auseinandersetzung Shakespeares mit der Macht und ihrem Fluch.

Man kann in Richard III. Adolf Hitler erkennen, auch wenn Shakespeare den natürlich nicht kannte, aber es ist so. Dafür braucht man keine Zeile zu ändern.

Die Themen dieser Tragödie sind das Ringen um die Macht, die diabolische Verführung, die Verderbtheit und das Böse. Es wird erzählt, und die Epoche spielt dabei keine Rolle, wie ein zu allem entschlossener Mensch, Richard, der Herzog von Gloucester, sich einen blutigen Weg zum Thron bahnt, wie er gegen seine Brüder intrigiert und sie dann ermorden lässt, genauso wie seine Neffen und die eigene Frau, wie es ihm gelingt, die Macht an sich zu reißen und zum Nachteil aller auszuüben, ein Tyrann, der sich bis zum Delirium an seiner Stärke und der Schwäche der anderen berauscht.

Da ist alles drin, die ›Reichskristallnacht‹ und das Einverständnis der Industriellen, das Monster und seine willigen Opfer, M und Die Verdammten.

Am Ende verbünden sich Richards zahlreiche Feinde in einer Schlacht gegen ihn und entledigen sich des inzwischen zum König Gekrönten, der, nachdem er sein Pferd verloren hat, gedemütigt und verzweifelt ausruft: ›A horse! A horse! My kingdom for a horse!‹“

 

Nancys Aufzeichnungen waren eine Mischung aus Ideen, Bildern und Informationen, die man heute wahrscheinlich im Internet finden würde. Sie stammten aus von ihr gelesenen Büchern und wissenschaftlichen Werken über das Stück und seine Intentionen und würden die Grundlage der Inszenierung bilden. Kostbar wurden sie dadurch, dass Nancy sich darauf beziehen, ihre Notizen aber auch im Zuge der Diskussionen mit ihrer Truppe weiter ergänzen könnte, denn das war das Wichtigste: gemeinsam darüber und über ihre Gefühle als Darstellerinnen zu reden. In den ersten Wochen bestand ihre Arbeit aus nichts anderem.

 

In der Stadt nahmen die Streiks und der Herbst allmählich Fahrt auf. Die Londoner Straßen, sowieso schmutzig und schwarz, wurden von Mülltonnen verstellt, und an manchen Tagen legten die Demonstrationen der Ford-Arbeiter die ganze Londoner Innenstadt bis Westminster lahm. Aber die Shakespearettes trafen sich jeden Morgen, egal, was passierte.

 

„›Der Nachkriegskonsens beginnt zu bröckeln‹, steht in den Zeitungen über die Streiks“, fuhr Nancy fort. „Und mir kommt es vor, als wären wir in derselben Situation wie Richard, wenn der Vorhang aufgeht: Der Rosenkrieg hat mit einem wackligen Sieg geendet, der das Reich in den Händen eines sterbenden Königs beließ. Richard spürt, dass der Konsens bröckelt. Dass die Männer der Tat nicht stillhalten werden. Ja, dass von ihnen ein Eingreifen verlangt wird. Er ist bereit, er weiß, dass seine Stunde noch kommt. ›Now. Now is the winter of our discontent.‹“

 

Es war ein lustiges Häufchen, diese Frauenclique, die sich an der Schauspielschule kennengelernt und eine Theatertruppe namens Shakespearettes gegründet hatte – sie hatten es sogar geschafft, gleich mit ihrer ersten Produktion, Richard III., im Warehouse Theater auftreten zu dürfen, wo die Royal Shakespeare Company in diesem Jahr Hippolytos aufführte, und das war ja nicht nichts. Sie würden zwar nur drei Spieltage haben in diesem Theater mit seinen über zweihundert Plätzen, aber sie konnten dort zweimal pro Woche frühmorgens proben – hierher fährt Candice immer mit dem Rad, bevor sie ihren Kurierjob antritt.

Da sie nur zu zehnt waren, kürzte Nancy den Text, indem sie ganze Szenen mit zu vielen Nebenrollen strich – „Shakespeare ist sowieso immer zu lang“, befand sie. Für die Besetzung ließ sie alle vorsprechen, und Candice hatte nach den ersten Proben gleich den Richard abgekriegt.

Neid und Eifersucht schien es in der Truppe nicht zu geben. Die meisten Frauen waren etwas älter als Candice, die gerade erst mit der Schauspielschule angefangen hatte. Sie traten schon mehr oder weniger regelmäßig in anderen Inszenierungen auf und lebten davon mehr oder weniger gut – oder schlecht. Dieses Stück war für sie eine Art Erholung. Außerdem boten auch die festeren Jobs keine besseren Aussichten.

1978 stand ganz England vor so etwas wie einem Abgrund.

Man war sich nicht einig darüber, was zu tun sei, um aus dieser Situation herauszukommen, die eine Schande für das Land war und eine Bedrohung für einen selbst. Aber man musste etwas tun. Man kann nicht allzu lange am Rand eines Abgrunds stehen und mit den Armen rudern.

Die allgemeine Ansicht war, dass man springen müsste.

 

„Richard langweilt sich. Das ist es, was ihn zum Handeln drängt, deshalb wird er sogar zum Tyrannen, zum Mörder, zum Monster werden: ›Und darum, weil ich nicht als ein Verliebter kann kürzen diese fein beredten Tage, bin ich gewillt, ein Bösewicht zu werden und feind den eitlen Freuden dieser Tage.‹ Now is the winter of our discontent. Richard langweilt sich, genau wie wir. Das hat mit Politik nichts zu tun. Er gehört keinem Lager an. Ihn reizt die Macht, ihn reizen Gewalt und Blut. Weil er ein Starker ist.

Im Mirror stand ein bezeichnender Satz vom Parteitag der Konservativen im Oktober: ›Wer etwas gegen Leistung und Verdienst hat, will die Beweglichen, die Zuverlässigen und Starken am Boden festnageln wie das kleine Volk der Liliputaner Gulliver.‹ Die Starken hassen die Schwachen, das ist ihre einzige Schwäche.“

 

So saßen sie da, um den runden Tisch, wie Nancy sagte, morgens vor der Arbeit, lasen Teile des Stücks und sprachen über ihre jeweiligen Interpretationen. Und darüber – das war die erste Frage, die sie niemals losließ –, was sich änderte, wenn man all diese Worte Frauen in den Mund legte.


„London Calling“

The Clash

 

Es war eine merkwürdige Zeit, und nachdem der Sommer erst so getan hatte, als wollte er noch ein wenig bleiben, verdrückte er sich Anfang September in den Süden Europas und überließ es Regen und Sturm, die scheußlichen Fassaden Londons zu liebkosen, dem es einfach nicht gelang, aus dem Krieg und dem Smog der Fabriken an der Themse herauszukommen.

Israel und Ägypten unterzeichneten die Vereinbarungen von Camp David, die anscheinend Probleme in ein paar Wüsten und kahlen Gebirgen lösten, aber bewohnte Regionen wie Gaza und Westjordanland sorgfältig aussparten. Trotzdem gratulierte sich der Westen dazu, dem Frieden wieder ein Stück näher gekommen zu sein.

British Petroleum hatte schon früh im Jahr Erdöl aus Ohio eingekauft, offenbar eine kluge Entscheidung, denn der Iran, in dem diese Firma gegründet und groß geworden war, wurde gerade von blutigen Unruhen erschüttert, von denen man allerdings kaum etwas hörte. Ein paar Tage später forderte ein Erdbeben dort noch 25 000 Tote mehr.

Arsenal FC, im Jahr davor Finalist, trainierte hart für den Cup.

Um fünf Uhr früh war der Papst gestorben.

Das kam ununterbrochen im Radio: Albino Luciani, genannt Johannes Paul I., der Papst mit dem freundlichen Lächeln, der erst vor dreiunddreißig Tagen gewählt worden war, war am 28. September um fünf Uhr früh gestorben. In seinem Bett, wo er angeblich Die Nachfolge Christi las, wobei Christus bestimmt nicht so oft im Bett war.
Es dauerte nicht lange, bis Gerüchte über Verschwörung und Mord die Runde machten, die Mafia beherrsche die Bank des Vatikans, hieß es, der Papst sei zu milde gegenüber der Befreiungstheologie gewesen, die den Kommunisten zu nahestehe.

Die Kommunisten sind die Bösen. Das weiß in Europa jeder außer den Franzosen.

Alles begann in Dagenham, im Osten Londons, in der Ford-Motorenfabrik.

Am 22. September schloss sich das Werk Langley dem Streik an.

Die Gewerkschaften, vor allem die allmächtige Transportarbeitergewerkschaft TGWU, unterstützten die Bewegung noch nicht offiziell.

Sie hätten das gern vermieden.

Im Juli hatten sie eine Vereinbarung mit der Regierung unterzeichnet, in der die maximale Lohnerhöhung für das laufende Jahr auf 5 % festgesetzt worden war.

Wir befinden uns in „Phase IV“ des Schlachtplans gegen die Inflation, die im vergangenen Jahr bei 16 % lag.

Die Schlagzeilen:

Landunter in England!

Es läuft nicht.

Arbeitslosigkeit steigt und steigt.

1,5-Millionen-Grenze bald erreicht.

Es läuft nicht – und vor allem:

5 % mehr Lohn Decken nicht einmal die gestiegene Miete.

Der Nachkriegskonsens wankt.

Langley im Streik.

15 000 haben in Dagenham die Arbeit niedergelegt.

Ford hat ein sehr gutes Halbjahr hinter sich.

Hohe Gewinnerwartung Bei Ford für dieses Jahr.

Ford Cortina 1978 weiter erfolgreich.

Gewerkschaften zwischen den Fronten.

Wilder Streik setzt Labour zu.

Am Vorabend des Parteitags in Blackpool: Zwistigkeiten spalten Partei von Premierminister Callaghan.

Es läuft nicht.

Arbeiter lehnen die zwischen Dem Dachverband der Gewerkschaften und Der Regierung ausgehandelten Verträge ab.

5 % reichen nicht für die Miete!

Ford hat genug Geld!

Callaghan in der Klemme.

Erste Zusammenstöße zwischen streikenden Arbeitern und Polizeikräften bei einer Demonstration.

Es läuft nicht.

SCHLIESST Die TGWU sich den Streikenden an?

Ron Todd – Schlüsselfigur der Ford-Krise.

Todds Weg: von Dagenham zum Generalsekretär der TGWU.

Callaghan im Visier der Gewerkschaften.

Callaghan in Blackpool ausgebuht.

„Duffy“-Antrag 4:1 angenommen.

„Lektion in Demokratie“ – Callaghan steht im Regen.

Hoffentlich sind bald wieder Wahlen!

Offizieller Streikaufruf der TGWU.

50 000 Arbeiter im Ausstand.

Streik greift auf Southampton über.

Halewood SCHLIESST sich an.

Ausstand in Merseyside.

Auch Ford-Werk in Basildon betroffen.

Ford erklärt sich zu Verhandlungen mit den Streikenden bereit.

8,5 % oder mehr bei Vauxhall Motors?

Bald ein Monat Streik bei Ford.

Ford hat genug Geld!

Wie viel, Mister Ford?

Und wenn die Ford-Arbeiter gewinnen?

Im Zentrum der Arbeiterbewegung: Dan Connors Aussagen in Dagenham.

Stecken die Roten hinter den Streiks?

England, der kranke Mann Europas.

Arbeitslosigkeit steigt und steigt.

Es läuft nicht.

It doesn’t work. Es läuft nicht. 

Im Herbst 1978 erzählen England und seine Presse die Geschichte von einem Land in der Krise und dem Fall des Empire. Die letzten britischen Kolonien erklären ihre Unabhängigkeit. Massenarbeitslosigkeit droht. Arbeit wird nie wieder einfach sein.



„Memories“

Public Image Ltd.

 

Schon vor dem Beginn des Winters herrscht in der Stadt ein Sauwetter, bei dem man lieber zu Hause bleibt. Auf den immer dunkleren Straßen der Londoner Innenstadt sprießt ein Wald aus Regenschirmen und wächst im Rhythmus der Schauer, die manchmal den ganzen Tag anhalten. Der senkrecht fallende Regen rinnt über die schwärzlichen Fassaden, ohne sie abzuwaschen. Im Gegenteil, sie wirken nur noch schmutziger, wenn der uralte Ruß mit dem ewigen Grau-in-grau verschmilzt. Er prasselt auf die Bürgersteige. Über den breiten Straßen ist kein Himmel mehr zu erkennen, wie ein umgekehrter Fluss scheint er sich auch über die Dächer zu ergießen, ein grauer Strom aus sturmgetriebenen, gleichförmigen Wolken, die sich übereinanderschieben und manchmal donnernd aneinanderstoßen. Gleichgültig oder unempfindlich schiebt sich der Regenschirmwald voran, Menschen eilen und drängeln, bis sie in U-Bahn-Eingängen oder den Drehtüren von Bürogebäuden verschwinden. Es ist total deprimierend.

Aber es ist bestimmt nicht der richtige Zeitpunkt, den Job hinzuschmeißen, mit dem sie seit zwei Jahren ihr Leben finanziert, und das gar nicht mal so schlecht, sagt sich Candice. Trotzdem ist die Versuchung groß. Auch wenn alles ganz gut läuft oder sie irgendwo gelandet ist – das war schon bei ihrem ersten Freund auf dem Gymnasium so: Kaum war die Rede davon, zusammenzuziehen und vielleicht am Sonntag bei den Schwiegereltern Lammragout zu essen, kaum hatte sie das Gefühl, irgendwo angekommen zu sein, ergriff sie die Flucht, zu Fuß oder per Fahrrad. Vor zwei Jahren auch einmal mit dem Taxi, als sie von zu Hause auszog, mit zwei großen Koffern, einem im Kofferraum und einem auf den Knien, die ihr ganzes Leben enthielten.

Ihre Eltern besucht sie selten und immer unangekündigt, in der Hoffnung, ihre Mutter allein anzutreffen, aber meistens ist auch ihr Vater zu Hause, weil er, seit er fünfzig ist, immer öfter keine Arbeit hat. Er redet und redet und hat zu allem eine Meinung. Er „kennt die Aktenlage“, so drückt er sich aus, nur weil er die Sun gelesen hat. Er redet über Politik. Über die Streiks, das ist ja das Thema zurzeit. Aber hauptsächlich, weil er sonst nichts zu sagen weiß. Und während er redet, wechseln Candice und ihre Mutter vielsagende Blicke: Gut, dass du weg bist, sagen sie, hier ist alles beim Alten, wie du siehst. – Und bei dir, Mama? Manchmal liegt auch ein Lachen in ihren Augen, weil er gerade einen Fünf-Minuten-Monolog mit einer Frage beendet hat, die sie beide überhört haben und die Stille danach sie zum Lachen brachte.

Manchmal sprechen die Augen der Mutter nach diesem stummen Dialog einfach weiter: Ich konnte das nicht, einfach gehen, ich war ja noch so jung und schon mit deiner Schwester schwanger, mich auflehnen gegen die Eltern kam nicht infrage, früher musste man dann eben heiraten, aber du bist frei, Candice, und das gefällt mir. – Nein, damit willst du dich doch nur rechtfertigen – Sei nicht so streng mit mir, es waren andere Zeiten, außerdem wart ihr noch klein, und ich musste euch schließlich großkriegen, was nicht so leicht war hier in Islington Park mit zwei Mädchen – Ihr habt euch jeden Abend angebrüllt – Dein Vater hat hart gearbeitet, und als wir hierhergezogen sind, habt ihr ein eigenes Zimmer gekriegt, nur das zählte damals, und wenn er betrunken nach Hause gekommen ist oder auch gar nicht, hab ich es immer geschluckt, wir brauchten ja Butter aufs Brot und Geld für die Schule – Jetzt mach uns nicht auch noch dafür verantwortlich, Mama – Ich war eine junge, hübsche Frau damals, weißt du, ich hätte ein neues Leben anfangen können, jemand anders kennenlernen oder mich allein durchschlagen, aber nicht mit zwei kleinen Kindern, das kann man drehen und wenden, wie man will, ich mache euch keinen Vorwurf, deiner Schwester und dir, ihr wart meine Augensterne, aber ich war dreißig und hatte zwei kleine Kinder, also bin ich bei ihm geblieben, und mit dem Alter ist er auch verträglicher geworden – Er ist ein Schläger, Mama, nur inzwischen zahmer geworden – Natürlich könnte ich immer noch gehen, aber jetzt ist es zu spät, verstehst du, so ist das Leben, wenn man es nicht rechtzeitig macht, schafft man es nie, deswegen ist es so wichtig, dass du frei bist, Candice, sei frei und misstraue den Männern – Du bist also aus Schwäche geblieben, weil es bequem für dich war – Ich bin geblieben, weil ich ihn trotz allem liebte, glaube ich.

Sie senkt den Kopf, wie beschämt, wie um ihre Augen zum Schweigen zu bringen, die schon zu viel gesagt haben und plötzlich feucht geworden sind.

Candice’ Schwester wohnt ganz in der Nähe, nur eine Straße weiter. Sie ist oft zu Besuch. Meist mit ihren Kindern, seltener mit ihrem Mann. Am Sonntag kommt sie immer zum Mittagessen, abends telefoniert sie fast täglich mit ihrer Mutter. Sie ist in vielerlei Hinsicht eine brave Tochter. Ihren Halbtagsjob als Bibliothekarin hat sie dem Vater zu verdanken, der den damaligen Bezirksbürgermeister nach einer öffentlichen Versammlung mit einem wohlpräparierten Redeschwall überrumpelte, so nach dem Motto: Es wäre nett, wenn Sie die Bewerbung unterstützen könnten, wir sind schließlich auch Iren. Der Bürgermeister hob eine Braue und betrachtete die eher brünette als rothaarige Schwester aus den Augenwinkeln, die Puppenaugen, die ihr einen etwas dümmlichen Ausdruck verliehen, die ungeschminkten schmalen Lippen und die üppigen Brüste, die fast die Bluse sprengten. Mit einem gezwungenen Lächeln nahm er das Kuvert mit dem Lebenslauf und dem Bewerbungsschreiben an sich. Das war wirklich das einzige Mal, dass es ihnen etwas nützte, Iren zu sein.

Die Schwester heißt Alice.

Mit ihrem Halbtagsjob, ihren zwei Söhnen und ihrem Mann, der abends nur ausgeht, wenn es Fußball gibt, spielt sie gern die feine Dame und ergeht sich in Klagen – irgendwas ist immer – und Vorwürfen – irgendwer muss ja schuld sein.

Ihre großen, runden Brüste hüpfen wie Bälle in ihrem Balconette-BH, aber wer weiß, wie oft ihr Mann mit ihnen spielt. Seit dem zweiten Kind ist er in seiner Ecke immer fetter geworden. Er lächelt viel. Tut so, als würde er keinen Gedanken an so was verschwenden. Wie ein kastrierter alter Kater, der jedes Mal, wenn eine Muschi vorbeikommt, zu Kroketten oder Bier greift. Das hat Alice womöglich bei ihrem Vater gelernt: Sie weiß, wie man Männer zähmt.

Mit ihrer Mutter hat sie einiges gemeinsam: die gleiche Art Leben, die gleiche Art Mann, die gleiche Art Haus, zwei Kinder, Verantwortung und Rückenschmerzen, ein wehes Kreuz, schwere Beine, Migräne, lange Röcke unter einem bis obenhin zugeknöpften Mantel, Dauerwellen und eine Vorliebe für Gelb und Braun bei der Wohnungseinrichtung.

Die beiden verstehen sich gut.

Sie haben noch nie eine Folge von „George and Mildred“ versäumt und können auch noch darüber lachen, wenn sie sich später daran erinnern. Candice ist in fast allem das Gegenteil, aber trotzdem der Liebling der Mutter. Natürlich nicht offiziell, nie hätte die Mutter Alice gegenüber zugegeben, dass sie die jüngere Schwester lieber hat, so etwas sagt man einfach nicht, nicht einmal zu sich selbst. Weil es ungerecht ist, und das sieht die Mutter bestimmt genauso. Aber wenn Alice sich über ihre Schwester ärgert, sie angreift und ihr plump irgendwelche Sachen an den Kopf wirft, weil sie natürlich auch nicht sagen kann, dass die Mutter sie ihr vorzieht; wenn sie Candice vorwirft, dass sie faul ist und nie Verantwortung übernimmt, dass sie eine Schmierenkomödiantin ist, rotzfrech, ein schreckliches, verwöhntes Gör, dann nimmt die Mutter Candice immer in Schutz und verteidigt sie wie in dem Gleichnis vom verlorenen Sohn, dieser blöden, heuchlerischen Geschichte, wo der Vater so tut, als ob er beide Söhne gleichermaßen liebte, es aber völlig klar ist, dass er den, der zurückgekommen ist, viel lieber mag, weil er das gemästete Kalb für ihn schlachtet, und dass er ihn übrigens genau deshalb so gern hat, weil er weg war, der teure Dilettant. Er liebt ihn, wie Gott uns liebt, sagt der Pastor, seit wir auf die Erde verbannt sind und fern von ihm.

Denn Liebe bedeutet, die Rückkehr des anderen zu ersehnen.

Lieben ist ungerecht.

Wenn Candice wieder geht, steckt die Mutter ihr beim Abschiedskuss immer ein paar Scheine zu, und ihre Augen scheinen zu sagen: Sei frei, Candice, sei frei, und komm mich ab und zu mal besuchen!

Thomas Reverdy

Über Thomas Reverdy

Biografie

Thomas B. Reverdy wurde 1974 geboren, durchlebte, nach eigener Auskunft, eine glückliche Kindheit inklusive humanistischer, aufklärerisch geprägter Erziehung und arbeitet heute als Lehrer in Seine-Saint-Denis. Reverdy lebt in Paris und ist Autor von sechs Romanen.

Pressestimmen
Dresdner Morgenpost

„In atemloser, rhythmischer Sprache zeichnet Reverdy jene Zeit nach, in der der Punk aufkam. Ein Buch voll Wut.“

Kleine Zeitung Steiermark Newsletter (A)

„All die Verantwortlichen zieht Reverdy in seinem atmosphärisch dichten, gewaltigen und enorm soghaften Roman am Nasenring in die Arena. Jeden Abschnitt der Abrechnung ziert ein Songtitel aus der Zeit der Wende zum Schlechten - von den Sex Pistols über The Clash bis hin zu The Damned. Das erklärt auch den eindringlichen sprachlichen Sound dieses unerhört wichtigen Werkes.“

WDR 5 „Buch der Woche“

„In Thomas Reverdys packendem Roman ›Ein englischer Winter‹ herrscht Untergangsstimmung, doch die junge Candice versucht ihre Träume zu leben.“

Nürnberger Nachrichten

„Abwechselnd aus neutralem Blickwinkel und aus Candices Ich-Sicht webt Reverdy ein kluges Gesellschaftsportrait: nüchtern, unterkühlt, lakonisch, beinahe analytisch.“

Radio Mülheim

„Ein Roman, der auf hervorragende Art und Weise die seinerzeit in England vorherrschende Atmosphäre einfängt. Faszinierend verbindet der Autor die damaligen dramatischen Ereignisse mit dem seinerzeit dominierenden No-Future-Gefühl der Jugend.“

P.S. Buchbeilage

„›Ein englischer Winter‹, dieser so schmale wie dichte Band (Beispiel geglückter Verdichtung) ist ein unsäglich, äh nein, ein s-a-g-e-n-h-a-f-t gutes Buch, I’m absolutely amused – und berührt.“

Altmühl-Bote

„Dieser mitreißende, fulminante Roman ist ein Highlight des Bücherfrühlings und sollte keinesfalls verpasst werden.“

Berner Zeitung (CH)

„Keine Angst vor dem Düsteren: Die Stimmung ist großartig, und auch der Rest ziemlich Rock’n’Roll.“

Recklinghäuser Zeitung

„Eine sehr anregende Lektüre aus dem wilden London der Siebziger!“

Ruhr Nachrichten

„Letztlich bleibt dieser Roman aber Stückwerk und vor allem für Leser mit Interesse an britischer Geschichte relevant.“

diebedra.de

„›Ein englischer Winter‹ ist ein intensives Buch, das von der ersten Seite an fasziniert. Das liegt natürlich am schnörkellosen, aber umso beeindruckenderen Stil, der in der gekonnten Übersetzung von Brigitte Große (die Shakespeare-Zitate sind aus der Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel) nichts von seiner Intensität verliert.“

der-kultur-blog.de

„Der Roman des Autors Thomas Reverdy verbindet geschickt und klug die dramatischen Ereignisse, die einst einen gewaltsamen und machthungrigen Despoten antrieben, mit der jüngsten Vergangenheit Englands.“

SUPERillu

„Kluger Roman“

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