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Ein abgetrennter KopfEin abgetrennter Kopf

Ein abgetrennter Kopf

Roman

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Ein abgetrennter Kopf — Inhalt

Wie überlebt man eigentlich die Liebe? – Martin glaubt, er könne eine liebevolle, wunderschöne Ehefrau und zur gleichen Zeit eine reizende Geliebte in seinem Leben haben. Als ihn seine Frau für ihren Psychiater verlässt, gerät Martins emotionale Souveränität allerdings ins Wanken. Aber wir sind ja keine Wilden, denkt er sich. Martin möchte die Angelegenheit großmütig und sensibel regeln. Doch dann tritt eine dritte Frau in sein Leben: Honor Kleins geradezu dämonische Großartigkeit stößt ihn zunächst ab, weckt aber bald darauf eine alles verzehrende, monströse Leidenschaft in ihm. Iris Murdoch erzählt in ihrem Klassiker von 1963 eine so vergnügliche wie hypnotisierende Geschichte über die Metaphysik der Liebe.

 

€ 24,00 [D], € 24,70 [A]
Erschienen am 02.11.2017
Übersetzt von: Maria Hummitzsch
336 Seiten, Ganzleinenband
EAN 978-3-492-05861-2
€ 19,99 [D], € 19,99 [A]
Erschienen am 02.11.2017
Übersetzt von: Maria Hummitzsch
320 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97763-0

Leseprobe zu »Ein abgetrennter Kopf«

1. Kapitel

»Sie weiß es also sicher nicht, meinst du«, sagte Georgie. »Antonia? Das mit uns? Auf keinen Fall.« Georgie schwieg und sagte dann: »Gut«. Dieses kurze »gut« war charakteristisch für sie, typisch für eine Härte, die meiner Meinung nach eher von Ehrlichkeit, denn von Schroffheit herrührte. Mir gefiel die trockene Art, mit der sie unsere Beziehung akzeptierte. Nur mit einer so ausgesprochen verständigen Person wie ihr konnte ich meine Frau betrügen. Wir lagen Arm in Arm vor Georgies Gaskamin. Sie an meine Schulter gelehnt, während ich eine [...]

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1. Kapitel

»Sie weiß es also sicher nicht, meinst du«, sagte Georgie. »Antonia? Das mit uns? Auf keinen Fall.« Georgie schwieg und sagte dann: »Gut«. Dieses kurze »gut« war charakteristisch für sie, typisch für eine Härte, die meiner Meinung nach eher von Ehrlichkeit, denn von Schroffheit herrührte. Mir gefiel die trockene Art, mit der sie unsere Beziehung akzeptierte. Nur mit einer so ausgesprochen verständigen Person wie ihr konnte ich meine Frau betrügen. Wir lagen Arm in Arm vor Georgies Gaskamin. Sie an meine Schulter gelehnt, während ich eine Strähne ihrer dunklen Haare inspizierte und wieder einmal erstaunt war, so viele ganz und gar rötlich goldene Fäden darin zu finden. Ihre Haare waren glatt wie der Schweif eines Pferdes, fast genauso derb und sehr lang. Georgies Zimmer lag jetzt im Dunkeln, nur der Feuerschein und die Flammen dreier roter Kerzen auf dem Kaminsims spendeten Licht. Die Kerzen und die kümmerlichen und wahllos im Zimmer verteilten Ilex-Zweige waren das Äußerste an Weihnachtsdekoration, was Georgie, deren »Arrangements« immer etwas dilettantisch wirkten, zustande gebracht hatte, und trotzdem funkelte es im Raum, als wären wir in einer halb erhellten Schatzkammer. Wie auf einem Altar stand vor den Kerzen eines meiner Geschenke, ein Paar chinesischer Räucherstäbchenhalter in Gestalt kleiner Bronzekrieger, die vorsichtig, als wären es Speere, glühende Stäbchen in den Händen hielten. Die grauen Rauchfäden waberten hierhin und dorthin, bis sie angetrieben von der Hitze der Kerzen derwischartig hinauf ins Dunkel kreiselten. Es roch betäubend nach indischem Mohn und Sandelholz. Überall lag leuchtendes Weihnachtspapier von den zwischen uns ausgetauschten Geschenken, und auf dem Tisch, den wir in die Ecke geschoben hatten, standen die Reste unseres Essens und die leere Flasche Château Sancy de Parabère 1955. Ich war gegen Mittag zu Georgie gekommen. Draußen vor dem Fenster, durch den Vorhang verborgen, ging der nasskalte und neblige Londoner Nachmittag jetzt in einen Abend über, der einen matt leuchtenden Schimmer enthielt, wo selbst am Mittag kein Tageslicht sich hatte zeigen wollen. Georgie seufzte und ließ den Kopf in meinen Schoß gleiten. Bis auf Schuhe und Strümpfe war sie nun wieder angezogen. »Wann musst du gehen?« »Gegen fünf.« »Wehe, du knauserst mit deiner Zeit.« Solche Bemerkungen waren das Äußerste, was ich von der Heftigkeit ihrer Liebe je zu spüren bekam. Ich hätte mir keine diskretere Geliebte wünschen können. »Um fünf ist Antonias Sitzung zu Ende«, sagte ich. »Kurz darauf sollte ich wieder am Hereford Square sein. Sie will dann immer darüber sprechen. Außerdem sind wir zum Abendessen verabredet.« Ich hob Georgies Kopf leicht an, fasste ihre Haare und legte sie über ihre Brust. Rodin wäre begeistert gewesen. »Wie läuft Antonias Analyse denn?« »Prächtig. Es ist nahezu beschämend, wie sehr sie sie genießt. Natürlich ist es ohnehin nur zum Spaß. Was da an Übertragung passiert, ist schon gewaltig.« »Palmer Anderson«, sagte Georgie und nannte damit den Namen von Antonias Psychoanalytiker, mit dem nicht nur sie, sondern auch ich eng befreundet war. »Ja, ich kann mir gut vorstellen, dass man ihm verfällt. Er sieht klug aus. Sicher ist er ein Meister seines Fachs.« »Ich weiß nicht«, sagte ich. »Ich mag das nicht, was du ›sein Fach‹ nennst. Aber er wird schon was können. Vielleicht ist er auch nur ganz in Ordnung. Er ist nicht einfach nur lieb und nett und höflich, wie nur Amerikaner lieb und nett und höflich sein können, obwohl er auch das ist. Von ihm geht wahre Kraft aus.« »Du bist ja selbst ganz hingerissen von ihm!«, stellte Georgie fest. Sie suchte eine bequemere Position, ihr Kopf lag jetzt in meiner Kniekehle. »Kann sein«, sagte ich. »Er hat ziemlich viel in mir angestoßen.« »Wie meinst du das?« »Genau kann ich das gar nicht erklären. Durch ihn mache ich mir vielleicht weniger Gedanken um Regeln.« »Regeln!« Georgie lachte. »Liebster, die Regeln sind dir doch schon seit Langem völlig egal.« »Um Himmels willen, auf keinen Fall!«, sagte ich. »Sie sind mir nicht egal. Ich bin nicht so ein Naturkind wie du. Nein, das ist es nicht. Aber Palmer versteht es, die Menschen von ihren Fesseln zu lösen.« »Wenn du damit andeuten willst, dass ich mir keine Gedanken mache … Aber lassen wir das. Was das Loslösen von Fesseln angeht, vertraue ich diesen professionellen Erlösern nicht. Wer es versteht, die Menschen von ihren Fesseln zu befreien, kann sie ebenso gut versklaven – wenn man Platon Glauben schenken darf. Du, mein lieber Martin, suchst einfach immerzu nach einem Guru, das ist dein Problem.« Ich lachte. »Jetzt, wo ich eine Geliebte habe, brauche ich keinen Guru mehr! Aber woher kennst du eigentlich Palmer? Ach so, klar, durch die Schwester.« »Ja, durch die Schwester«, sagte Georgie. »Die seltsame Honor Klein. Sie hat einmal eine Party für ihre Studenten gegeben, da habe ich ihn gesehen. Sie hat ihn mir aber nicht vorgestellt.« »Taugt sie denn was?« »Honor? Du meinst als Anthropologin? In Cambridge halten sie große Stücke auf sie. Natürlich habe ich selbst nie wirklich bei ihr studiert. Sie war ohnehin meistens irgendwo bei ihren wilden Stämmen. Dabei hätte sie eigentlich meine Arbeit betreuen und mir bei meinen moralischen Problemen helfen sollen. Also wirklich!« »Sie ist doch Palmers Halbschwester, nicht? Aber wie sind sie genau miteinander verbunden? Zwischen ihnen scheinen ja ganze Nationalitäten zu liegen.« »Ja, richtig«, sagte Georgie. »Sie haben dieselbe schottische Mutter, die zuerst einen Anderson geheiratet hat und nach dessen Tod dann einen Klein.« »Von dem Anderson habe ich gehört. Er war dänischstämmiger Amerikaner, ein Architekt oder so. Aber was ist mit dem anderen?« »Emmanuel Klein. Von dem müsstest du gehört haben. Er war ein recht guter Altphilologe. Ein deutscher Jude, was sonst.« »Dass er irgendein Gelehrter war, wusste ich«, sagte ich. »Palmer hat ein paarmal von ihm erzählt. Spannend. Er hat gesagt, seinetwegen hätte er noch immer Albträume. Ich glaube, er hat auch vor seiner Schwester ein wenig Angst, obwohl er das nie zugeben würde.« »Sie kann einem auch Angst einflößen«, sagte Georgie. »Sie hat etwas Primitives. Vielleicht liegt das an ihren Wilden. Aber du kennst sie doch sicher, oder?« »Ich bin ihr einmal begegnet, kann mich aber nicht gut an sie erinnern. Sie verkörpert das absolute Klischee einer Professorin. Warum müssen solche Frauen immer so aussehen?« »Solche Frauen!« Georgie lachte. »Liebster, ich gehöre jetzt auch dazu! Von ihr jedenfalls geht wirklich Kraft aus.« »Du bist auch eine starke Frau und läufst trotzdem nicht herum wie eine Vogelscheuche!« »Ich?«, fragte Georgie. »Meine Munition ist nicht halb so scharf. Honor ist ein ganz anderes Kaliber.« »Du sagst, ich wäre hingerissen von ihrem Bruder. Dabei scheinst du ganz hingerissen von der Schwester.« »Von wegen, ich mag sie nicht einmal«, sagte Georgie. »Nein, nein, das siehst du völlig falsch.« Plötzlich setzte sie sich aufrecht hin, strich ihre Haare zusammen und begann sie rasch zu flechten. Den schweren Zopf warf sie über die Schulter. Dann zog sie den Rock und mehrere Lagen eines steifen weißen Petticoats nach oben und streifte sich ein Paar pfauenblaue Strümpfe über, die ich ihr geschenkt hatte. Ich fand es herrlich, Georgie extravagante Sachen zu schenken, ausgefallene Kleidungsstücke und Accessoires, die ich Antonia niemals hätte schenken können: knallige Ketten und Samthosen, feuerrote Dessous und Netzstrumpfhosen, die mich um den Verstand brachten. Ich stand auf und ging durchs Zimmer, wobei ich ihr nicht ohne Besitzerstolz zusah, wie sie, sich meiner Blicke bewusst, angestrengt sittsam die aufreizenden Strümpfe befestigte. Georgies Zimmer, ein großes unaufgeräumtes Wohn- und Schlafzimmer, das auf eine Gasse in der Nähe des Covent Garden hinausging, war mit Geschenken von mir angefüllt. Lange und vergeblich hatte ich gegen Georgies unerbittlichen Mangel an Geschmack angekämpft. Unzählige italienische Kunstdrucke, französische Briefbeschwerer, Porzellan von Derby, Worcester, Coleport, Spode, Copeland und anderer Nippes – denn eigentlich kam ich nie mit leeren Händen – lagen all meinen Bemühungen zum Trotz als staubiges Durcheinander herum und erinnerten eher an einen Trödelladen als an ein zivilisiertes Zimmer. Irgendwie war Georgie von Natur aus nicht dafür gemacht, Dinge zu besitzen. Wenn Antonia und ich etwas erstanden, was wir ständig taten, fanden diese Sachen sofort einen Platz in unserem vielgestaltigen und gut komponierten Mosaik, während es bei Georgie anscheinend keine solche äußere Hülle gab. Sie besaß nichts, was sie nicht auf Anhieb und leichten Herzens weggegeben und nie mehr vermisst hätte; und unterdessen fanden sich ihre Sachen in einem launischen Wust verstreut, der sich als weitgehend resistent gegen mein fortwährendes und wiederholtes Sortieren und Ordnen erwies. Dieser Wesenszug meiner Geliebten brachte mich zur Verzweiflung. Da er letztlich aber auch Teil ihrer erstaunlichen Absage an die Erwartungen anderer Leute war, sie einfach niemandem gefallen wollte, bewunderte ich ihn auch und liebte ihn. Wenn ich genauer darüber nachdachte, erschien mir das Durcheinander manchmal auch eine exakte Abbildung und ein Symbol meiner Beziehung zu Georgie zu sein, meiner Art, sie zu besitzen, oder vielmehr, sie eben nicht zu besitzen, so wie die Dinge lagen. Antonia gehörte mir, wie mir auch eine überwältigende Sammlung Originaldrucke von Audubon gehörte, die zu Hause unseren Treppenaufgang zierten. Georgie gehörte mir nicht. Georgie war einfach da. Als sie mit den Strümpfen fertig war, lehnte sie sich nach hinten an den Sessel und schaute zu mir hoch. Unter ihrem dunklen schweren Haarschopf hatte sie strahlend klare graublaue Augen. Ihr Gesicht war breit, ihre Züge eher kräftig als zart, aber ihr außergewöhnlich heller Teint schimmerte ein wenig wie Elfenbein. Ihre große Nase mit der zu ihrer Verzweiflung und meiner Freude leicht nach oben weisenden Spitze, die sie im vergeblichen Bemühen, sie nach unten zu biegen, immerfort rieb und knetete, jetzt aber vergessen zu haben schien, verlieh ihr etwas auffällig Animalisches, das ihre Gerissenheit abmilderte. In dem räucherstäbchenverhangenen Halbdunkel zeichneten sich auf ihrem Gesicht Kanten und Schatten ab. Eine Weile sahen wir einander in die Augen. Diese Art, einander still anzuschauen, als würde man das Herz mit Nahrung versorgen, war etwas, das ich noch mit keiner anderen Frau erfahren hatte. Antonia und ich schauten uns nie so an. Antonia hätte einem so eindringlichen Blick nicht so lange standgehalten: warm, besitzergreifend und kokett; sie hätte sich selbst nie so exponiert. »Flussgöttin«, sagte ich schließlich. »Königlichster aller Kaufmänner.« »Liebst du mich?« »Ja, wahnsinnig. Liebst du mich?« »Unendlich.« »Unendlich sicher nicht«, sagte Georgie. »Bleiben wir präzise. Deine Liebe ist zwar eine große, aber doch endliche Quantität.« Wir wussten beide, worauf sie anspielte, aber es gab ein paar Themen, über die zu sprechen sinnlos war, auch das wussten wir. Dass ich meine Frau verließ stand nie zur Diskussion. »Willst du, dass ich die Hand für dich ins Feuer lege?«, fragte ich. Georgie hielt meinen Blick weiter fest. In Augenblicken wie diesem brachten ihre Intelligenz und Klarheit ihre Schönheit zum Strahlen wie eine Silbermünze. Dann drehte sie sich weg und legte sich auf den Boden, den Kopf auf meine Füße. Als ich kurz über ihre Huldigungsgeste nachdachte, wurde mir klar, dass es niemanden gab, auf der ganzen Welt nicht, dem ich mich mit solcher Hingabe zu Füßen gelegt hätte. Dann kniete ich nieder und nahm sie in die Arme. Etwas später, nachdem wir für eine Weile vom Küssen ablassen konnten und jeder sich eine Zigarette angesteckt hatte, sagte Georgie: »Sie kennt deinen Bruder.« »Wer?« »Honor Klein.« »Denkst du immer noch an sie? Nun, sieht ganz danach aus. Sie haben sich während der mexikanischen Kunstausstellung damals in irgendeinem Ausschuss kennengelernt.« »Und wann lerne ich deinen Bruder kennen?«, fragte Georgie. »Wenn es nach mir geht, überhaupt nie!« »Du hast einmal gesagt, dass du deine Frauen immer an ihn weitergereicht hast, weil er selbst keine abbekommen hätte!« »Kann sein. Aber dich werde ich sicher nicht an ihn weiterreichen!« Seit jener unüberlegten Äußerung meinerseits war mein Bruder Alexander für meine Geliebte zu einem Objekt romantischer Fantasien geworden. »Ich will ihn aber kennenlernen«, sagte Georgie, »einfach weil er dein Bruder ist. Ich bin ganz vernarrt in die Geschwister anderer, wo ich doch keine eigenen habe. Sieht er dir eigentlich ähnlich?« »Ja, ein wenig«, sagte ich. »Die Lynch-Gibbons ähneln sich alle. Aber er hat herabhängende Schultern und ist nicht halb so attraktiv. Ich stell dir meine Schwester Rosemary vor, wenn du willst.« »Deine Schwester Rosemary interessiert mich nicht«, sagte Georgie, »ich möchte Alexander kennenlernen, und ich werde dir damit genauso in den Ohren liegen wie mit der Reise nach New York.« Georgie war versessen darauf, einmal nach New York zu kommen, und ich hatte ihr im vorigen Herbst tatsächlich sehr voreilig versprochen, sie auf eine Geschäftsreise dorthin mitzunehmen. Im letzten Moment war ich aber zurückgerudert, vielleicht wegen eines Anflugs von schlechtem Gewissen und einsetzender Nervosität, Antonia in diesem Ausmaß belügen zu müssen. Nie habe ich jemanden so fürchterlich und kindlich enttäuscht erlebt, und daher versprach ich ihr erneut, sie bei der nächsten Gelegenheit mitzunehmen. »Es gibt keinen Grund, jetzt schon wieder damit anzufangen«, sagte ich. »Irgendwann fliegen wir bestimmt zusammen nach New York – aber nur wenn du mich mit diesem Unsinn in Ruhe lässt, deinen Teil selbst bezahlen zu wollen. Überlege nur, wie sehr du dich immer über Kapitalerträge aufregst! Also erlaube mir doch wenigstens, dass ich meine für ein sinnvolles Projekt ausgebe!« »Es ist so grotesk, dass du Geschäftsmann bist«, sagte Georgie. »Du bist viel zu klug dafür. Du hättest Professor werden sollen.« »Du glaubst wohl, das Klugsein wäre nur Professoren vorbehalten. Vielleicht wird nach all dem ja doch noch ein waschechter Blaustrumpf aus dir.« Ich streichelte ihr Bein. »Du hast in deinem Jahrgang die Bestnote in Geschichte bekommen, oder?«, fragte Georgie. »Und Alexander, was hatte der?« »Der war nur Zweitbester. Da siehst du also, dass er deine Aufmerksamkeit gar nicht verdient.« »Zumindest war er klug genug, nicht Geschäftsmann zu werden«, sagte Georgie. Mein Bruder ist ein begabter und ziemlich bekannter Bildhauer. In gewisser Weise teilte auch ich Georgies Meinung, dass ich besser hätte Professor werden sollen, und das Thema war deshalb schmerzhaft für mich. Mein Vater war ein erfolgreicher Weinhändler gewesen, Gründer der Firma Lynch-Gibbon & McCabe. Nach seinem Tod war die Firma in zwei Teile zerbrochen, von denen der größere bei McCabes verblieb und der kleinere mir zugefallen war. Zu ihm gehörte auch der ursprüngliche Kundenkreis von Rotweinabnehmern, um den sich hauptsächlich mein Großvater bemüht hatte und den ich jetzt alleine betreute. Sie sagte es zwar nicht, aber ich wusste, dass Georgie glaubte, meine Übernahme des Geschäfts hätte mit Antonia zu tun gehabt. Und damit lag sie wohl nicht ganz falsch. Da ich wenig Lust auf diese Art von Diskussion hatte und auch gern von meinem lieben Bruder ablenken wollte, sagte ich: »Was machst du eigentlich am ersten Weihnachtstag? Ich möchte an dich denken können.« Georgie runzelte die Stirn. »Oh, ich gehe mit ein paar Leuten von der Uni weg. Es soll eine große Party geben.« Sie fügte hinzu: »Ich möchte dann nicht an dich denken. Schon seltsam, wie es an solchen Tagen schmerzt, im Grunde gar nicht zu deinem Leben zu gehören.« Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte. »Antonia und ich werden den Tag wohl ruhig verbringen«, sagte ich. »Wir bleiben diesmal in London. Rosemary feiert mit Alexander in Rembers.« »Ich will das alles gar nicht wissen«, sagte Georgie. »Ich will nicht wissen, was du machst, wenn du nicht bei mir bist. Es ist besser, die Fantasie nicht noch zu befeuern. Wenn du nicht hier bist, stelle ich mir lieber vor, dass es dich gar nicht gibt.« Im Grunde ging es mir recht ähnlich. Ich lag jetzt neben ihr und hielt ihre Füße, ihre wunderschönen Akropolisfüße, wie ich sie nannte, die durch die zarten blauen Strümpfe schimmerten. Ich küsste diese Füße und schaute Georgie dann wieder in die Augen. Ihr geflochtenes Haar hing wie ein schweres Tau zwischen ihren Brüsten, und sie hatte sich ein paar widerspenstige Strähnen streng hinter die Ohren gestrichen. Ihr Kopf hatte eine wunderschöne Form. In einem war ich mir absolut sicher: Alexander durfte sie niemals kennenlernen. »Ich bin ein verdammter Glückspilz«, sagte ich. »Du meinst, du bist in einer verdammt sicheren Position«, sagte Georgie. »Oh ja, und ob du sicher bist, du Mistkerl!« »Liaison dangereuse«, sagte ich. »Und dennoch befinden wir uns außer Gefahr.« »Du jedenfalls«, sagte Georgie. »Sollte Antonia das mit uns je herausfinden, lässt du mich doch fallen wie eine heiße Kartoffel.« »So ein Unsinn!«, sagte ich. Fragte mich jedoch, ob sie nicht recht hatte. »Sie wird es nicht herausfinden. Und wenn doch, dann biege ich das schon hin. Du bist unentbehrlich für mich.« »Kein Mensch ist unentbehrlich«, sagte Georgie. »Siehst du, und jetzt schaust du schon wieder auf die Uhr. Na gut, dann geh schon, wenn du gehen musst. Aber wie wäre es vorher noch mit einem Gläschen zum Abschied? Soll ich die Flasche Nuits de Young öffnen?« »Wie oft muss ich dir noch sagen, dass man keinen Rotwein trinken sollte, der nicht schon mindestens drei Stunden offen gestanden hat?« »Bitte spiel hier nicht den Weinpapst«, sagte Georgie. »Für mich ist das nur etwas zum Runterkippen.« »Du kleine Barbarin«, sagte ich zärtlich. »Du kannst mir einen Martini machen. Danach muss ich aber wirklich los.« Georgie brachte mir das Glas. Ineinander verschlungen wie eine wunderschöne Netsuke-Figur saßen wir vor dem warmen raunenden Feuer. Ihr Zimmer wirkte jetzt wie ein Ort tief unter der Erde: weltentrückt, abgeschieden, verborgen. Für mich war es ein Moment großen Friedens. Damals wusste ich nicht, dass es der letzte, der allerletzte friedliche Moment sein würde, das Ende der alten unschuldigen Welt, der letzte Moment, bevor ich in jenen Albtraum gestürzt wurde, von dem die folgenden Seiten erzählen. Ich schob den Ärmel ihres Pullovers hoch und streichelte ihren Arm. »Fleisch, herrlicher Stoff.« »Wann sehe ich dich wieder?«, fragte Georgie. »Sicher erst nach Weihnachten«, sagte ich. »Wenn ich es schaffe, komme ich so um den 28. oder 29.. Vorher rufe ich dich aber auf jeden Fall an.« »Ich frage mich, ob wir je offener damit umgehen werden«, sagte Georgie. »Ich finde diese Lügerei ziemlich schrecklich. Aber offenbar wohl nicht.« »Nein«, sagte ich. Ich mochte ihre harten Worte nicht, doch ich musste so scharf zurückschießen. »Aus den Lügen kommen wir nicht mehr heraus, fürchte ich. Aber, weißt du, auch wenn es sich vielleicht pervers anhört, ein Teil von dem besonderen Reiz unserer Beziehung besteht darin, dass sie sich so ganz im Privaten abspielt.« »Du meinst, ihre geheime Existenz ist ihre Essenz«, sagte Georgie, »und sobald sie ans Tageslicht kommt, zerfällt sie in kleine Stücke? Ich kann nicht behaupten, dass mir diese Vorstellung behagt.« »Ich meine es auch etwas anders. Aber Wissen, das Wissen anderer, verändert unweigerlich, was es berührt. Denk an die Legende von Psyche, deren Kind sterblich sein sollte, wenn sie ihre Schwangerschaft verriet, und ein Gott, wenn sie schwieg.« Es war ungeschickt, so kurz vor dem Abschied noch etwas Derartiges zu sagen, weil es uns an etwas erinnerte, an das ich jedenfalls am liebsten nie wieder denken wollte. Im letzten Frühjahr war meine Geliebte schwanger geworden. Es gab keine andere Möglichkeit, als das Kind wegmachen zu lassen. Georgie hatte die schreckliche Angelegenheit hinter sich gebracht, wie ich es von ihr erwartet hatte: ruhig, lakonisch, nüchtern, hatte mich sogar aufgemuntert mit ihrem derben Humor. Schon damals hatten wir es extrem schwer gefunden, über die Sache zu sprechen, und hatten das Thema seitdem gemieden. Vom genauen Ausmaß der Wunde, die diese Katastrophe vielleicht in Georgies stolzem und aufrechtem Wesen hinterlassen hatte, wusste ich nichts. Ich für meinen Teil war erstaunlich leicht davongekommen. Durch Georgies Charakter, ihre Zähigkeit und das Stoische ihrer Liebe zu mir musste ich nicht dafür bezahlen. Alles war geradezu gespenstisch schmerzfrei verlaufen. Und so blieb in mir das Gefühl zurück, nicht genug gelitten zu haben. Nur in manchen Träumen durchlebte ich manchmal gewisse Schreckensszenarien, die Vorahnung einer Strafe, die mir vielleicht doch noch bevorstand.

Iris Murdoch

Über Iris Murdoch

Biografie

Iris Murdoch, 1919 in Dublin geboren und 1999 in Oxford gestorben, ist eine der profiliertesten britischen Schriftstellerinnen und Philosophinnen des 20. Jahrhunderts und eine frühe Pionierin der Gender Studies. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem 1978 den Man Booker Prize.

Pressestimmen

Wiener Zeitung extra

»Der Leser reibt sich immer wieder die Augen und fühlt sich wie in einem der besten Filme Woody Allens. Denn Komik, freiwillige wie unfreiwillige, ist in diesem von Murdoch in elegante Prosa überführten, erbarmungslos humorvollen, klug dirigierten schwarzgalligen Ringelreihen ebenso Gebot wie es urverlogene Selbstverblendung ist.«

Die Welt

»Maria Hummitzsch hat den Roman, in dem Katastrophen so kühl wie Martini serviert werden, lebendig und frisch neu übersetzt.«

literaturkritik.de

»Iris Murdochs Ein abgetrennter Kopf ist eine mit Nachdruck zu empfehlende Lektüre für jeden, der eine Affinität für London hat und der sich graue Regentage mit einem hektisch-heiteren Verwirrspiel versüßen möchte.«

Moments (Oberösterreich)

»Eine vergnügliche wie hypnotisierende Geschichte über die Metaphysik der Liebe.«

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