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EheglückEheglück

Eheglück

Roman

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Eheglück — Inhalt

Als der aufstrebende Maler und die bildhübsche Amina heiraten, glauben sie nicht, dass ihre Liebe je enden könnte. Doch das Eheglück ist nicht von Dauer. Streit und Vorwürfe machen ihr Zusammenleben immer unerträglicher. Der Maler beginnt, seine Ehehölle niederzuschreiben. Aber als die Aufzeichnungen Amina in die Hände fallen, hat die durchaus ihre eigene Version der Geschichte ... Bissig und mit viel Ironie seziert Tahar Ben Jelloun die Szenen einer Ehe und lässt uns in die Abgründe der menschlichen Seele blicken.

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 13.04.2015
Übersetzer: Christiane Kayser
320 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-1015-7
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 14.01.2014
Übersetzer: Christiane Kayser
320 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7672-4
»Auch wenn 'Eheglück' immer am Abgrund der Tragödie wandelt, sind die verhandelten Themen doch auf gelungene Weise in eine bittersüße Romanze eingeflochten. Ben Jelloun gelingt es meisterhaft, uns nicht die Entscheidung für eine der beiden Versionen aufzuzwingen. Stattdessen zeigt er ganz einfach und ziemlich überzeugend auf, dass im Grunde alle Ehen zum Scheitern verurteilt sind.«
de.quantara.de
»Seine reiche Literatur ist eine Schule für das Leben.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung
»In Rückblenden erinnert sich der Maler an Szenen seiner Ehe. Lässt seine zahlreichen Affären Revue passieren - schließlich war seine Frau passiv im Bett und viel zu selten freundlich und gütig zu ihm. Man reist mit ihm durch Marokko, Paris und die Zeit - und erfährt am Ende - und das macht das Buch so eindrucksvoll - die Version seiner Frau. [...]. Kein Buch der Hoffnung also des fast 70-Jährigen - aber eine schonungslose, offene Abrechnung, die man von einem Schriftsteller aus der arabischen Welt in der Form wohl noch nie gelesen hat.«
NDR Kultur

Leseprobe zu »Eheglück«

Erster Teil

Der Mann, der die Frauen zu sehr liebte

 

Prolog

Sie hat sich auf seiner Nasenspitze niedergelassen. Eine ganz gewöhnliche Fliege, weder dick noch klein. Grau, schwarz, leicht, fehl am Platz. Sie fühlt sich wohl dort, auf der Nase, auf der sie gelandet ist wie eine fliegende Maschine auf einem Flugzeugträger. Sie putzt ihre Vorderpfoten. Schrubbt und wachst sich für eine dringende Mission, könnte man meinen. Sie lässt sich nicht stören. Verbreitet Hektik und verharrt doch auf ihrem Platz. Sie wiegt so gut wie nichts, belastet aber dennoch. [...]

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Erster Teil

Der Mann, der die Frauen zu sehr liebte

 

Prolog

Sie hat sich auf seiner Nasenspitze niedergelassen. Eine ganz gewöhnliche Fliege, weder dick noch klein. Grau, schwarz, leicht, fehl am Platz. Sie fühlt sich wohl dort, auf der Nase, auf der sie gelandet ist wie eine fliegende Maschine auf einem Flugzeugträger. Sie putzt ihre Vorderpfoten. Schrubbt und wachst sich für eine dringende Mission, könnte man meinen. Sie lässt sich nicht stören. Verbreitet Hektik und verharrt doch auf ihrem Platz. Sie wiegt so gut wie nichts, belastet aber dennoch. Sie macht den Mann nervös, er wird sie nicht los. Er hat versucht, sich zu bewegen, hat gepustet und geschrien. Die Fliege lässt das kalt. Sie bleibt wo sie ist. Sie hat ihren Platz gefunden und lässt sich nicht verscheuchen. Der Mann will ihr nichts Böses, er möchte nur, dass sie wegfliegt, ihn in Ruhe lässt, wo er doch seine Finger, Hände, Arme nicht mehr bewegen kann. Sein Körper funktioniert nicht mehr. Er ist kurzfristig verhindert. Eine Art Panne im Gehirn. Ein Hirnschlag vor einigen Monaten. Er hat es nicht kommen sehen, es hat ihn wie der Blitz getroffen. Sein Kopf kann keine Befehle mehr an seine Gliedmaßen geben. Im Moment zum Beispiel möchte er, dass sich sein Arm hebt und den Eindringling vertreibt. Aber es bewegt sich nichts. Die Fliege ihrerseits schert sich nicht darum. Er mag krank sein oder kerngesund, das ändert nichts, seelenruhig putzt sie sich auf dieser grandiosen Nasenspitze weiter. Der Mann versucht noch einmal sich zu bewegen. Die Fliege lässt nicht locker. Er spürt wie ihre winzigen fast durchsichtigen Pfoten sich in seiner Haut festkrallen. Sie fühlt sich wohl. Keine Lust, woanders hinzufliegen. Wie ist sie dahin gekommen? Welches Unheil hat sie bloß hergeschickt? Fliegen sind frei, sie gehorchen niemandem, sie tun was sie wollen, sie fliegen weg, wenn man versucht, sie zu jagen oder zu erschlagen. Anscheinend haben sie einen Blickradius von 360°. Sie sollen beeindruckend wachsam sein. Im Moment versucht der Mann zu verstehen, auf welchem Wege sie ihn erreicht hat. Ach der Garten! Die Hunde fressen ihren Napf nie leer. Alle Fliegen aus dem Viertel kennen sein ganzes Haus und das Eckchen am Gartentor. Von überallher schwirren sie hin, in der Gewissheit, dort unweigerlich Nahrung zu finden. Und nachdem sie gut gegessen haben, spazieren sie herum, fliegen hierhin und dorthin um zu verdauen. Sie summen, lassen sich ins Leere fallen, schwirren in alle Himmelsrichtungen. Und plötzlich erscheint eine menschliche Nase. Lädt auf einen Besuch ein. Seit sich die erste Fliege niedergelassen hat, hat keine andere gewagt, ihr den Platz streitig zu machen. Der Mann aber leidet. Er möchte sich kratzen, die Fliege vertreiben, aufstehen, in den Garten laufen und selber die schmutzige Stelle säubern, wohin der Hauswart normalerweise einen Teil des Mülls kippt. Er macht sich sogar daran, die Welt zu retten: Wenn der Gärtner zur Schule gegangen wäre, wenn seine Eltern vom Lande ihr Dorf nicht verlassen hätten, um in die Stadt zu ziehen, Bettler zu werden, Autowäscher, Parkplatzwächter, wenn Marokko nicht zwei Jahre furchtbare Dürre hinter sich hätte, wenn das Geld im Lande besser zwischen den Städten und den ländlichen Gebieten verteilt wäre, wenn diese als Speicher und Schatzkammer des Landes angesehen würden, wenn die Agrarreform auf gerechte Weise durchgeführt worden wäre, wenn der Hauswart an diesem Morgen auf den Gedanken gekommen wäre, eben jenen Teil des Gartens von Müll zu befreien, wenn er sich die Mühe gemacht hätte, die Fliegen von diesem Treffpunkt zu vertreiben, wenn zudem die beiden Männer, die sich um ihn kümmern, an seiner Seite gewesen wären, hätte jene Fliege, jene vermaledeite Fliege nicht auf seiner Nase landen können und ein solch starkes Jucken verursachen, das ihn fast in den Wahnsinn treibt, ihn den seit nunmehr sechs Monaten ein Schlaganfall an sein Bett fesselt.

Er sagt sich, dass er in der Gewalt eines Insekts, eines winzig kleinen Insekts ist. Er, den, als er noch gesund war, eine simple Stechmücke zu einem unverhältnismäßigen Wutanfall treiben konnte. Als Kind ging er nachts auf die Jagd nach Mücken; er erschlug sie mit großen Büchern deren Umschläge bis heute die Blutspuren aufweisen. Denn wo er lebte, schienen die Mücken weder auf giftige Pflanzen noch auf Mückenmittel oder giftige Produkte zu reagieren. Seine Frau hatte sogar einen Hexer herbestellt, der Talismane gekritzelt und Gebete heruntergeleiert hatte, um sie zu verjagen. Doch sie waren stärker als alles. Des Nachts kamen sie um das Blut der Menschen zu saugen und im Morgengrauen verschwanden sie. Vampire.

An diesem Nachmittag ist die Fliege gekommen, um die Insekten Marokkos zu rächen, die er sein ganzes Leben über umgebracht hatte. Der Mann ist in seinem unbeweglichen Körper gefangen, er kann schreien, brüllen, betteln, die Fliege bewegt sich nicht und wird immer quälender. Es ist kein Schmerz, nur eine Unannehmlichkeit, eine ganz kleine, die ihm aber nach und nach heftig zu schaffen macht – das ist in seinem jetzigen Zustand gar nicht günstig.

Dann gelingt es dem Mann nach und nach, sich zu überzeugen, dass ihn die Fliege nicht mehr stört, dass er sich das Jucken nur eingebildet hat. Geschafft, er ist dabei, sie zu besiegen. Er fühlt sich zwar nicht besser, aber hat verstanden, dass er die Wirklichkeit akzeptieren und mit dem Fluchen aufhören muss. In den letzten Monaten hat sich sein Bezug zur Zeit und zu den Dingen wesentlich verändert. Sein Schlaganfall ist eine Prüfung. Schon denkt er nicht mehr an die Fliege.

Plötzlich sind die beiden Gehilfen da, die im Nebenzimmer Karten spielten, um nachzusehen ob es dem Mann gut geht, und sofort hat sich die Fliege davon gemacht. Es gibt keine Spur mehr von ihr, nur noch einen stummen Zorn, einen beherrschten Zorn, der viel aussagt über den Zustand dieses Mannes – eines Malers, der nicht mehr malen kann.

 

 

 

 

 

Kapitel 1

 

Casablanca, 4. Februar 2000

 

„Ich trage Fähigkeiten zur Liebe in mir, aber es ist, als seien sie in einem geschlossenen Raum vergraben.“ Ingmar Bergmann, Szenen einer Ehe

 

Die beiden kräftigen Männer, die ihn getragen und dann in einen Sessel mit Sicht auf das Meer gesetzt hatten, waren außer Atem. Auch der Kranke hatte Mühe zu atmen, und sein Blick war verbittert. Nur sein Bewusstsein war lebendig. Sein Körper war dick geworden, schwerfällig. Wenn er sprach, dann langsam und die meiste Zeit unverständlich. Oft bat man ihn zu wiederholen was er gesagt hatte und er hasste das, denn es war ermüdend und demütigend. Er kommunizierte lieber mit den Augen. Wenn er den Blick hob, bedeutete es Nein. Wenn er ihn senkte hieß es Ja, doch ein resigniertes Ja. Eines Tages brachte ihm einer der Zwillinge – so nannte er seine beiden Gehilfen auch wenn sie keine Brüder waren – in bester Absicht eine Tafel mit einem an einer Schnur festgebundenen Stift. Er bekam einen Wutanfall, brachte die Kraft auf alles zu Boden zu werfen.

An jenem Morgen hatten die Zwillinge ihn nicht rasieren können. Eine Anzahl von Pickeln um sein Kinn herum hatte das Vorhaben zunichte gemacht. Er war nicht zufrieden. Verwahrlost. Er fühlte sich verwahrlost. Das ertrug er nicht. Da der Schlaganfall ihn heftig getroffen hatte, bekämpfte er verbissen die geringste Vernachlässigung seiner physischen Erscheinung auch in Bezug auf Kleidung. Als er feststellte, dass ein Kaffeefleck auf seiner Krawatte nicht beseitigt worden war, wurde er noch etwas mürrischer. Die Zwillinge bemühten sich, die Krawatte sofort zu wechseln, jetzt war er ganz in Weiß, aber er grummelte immer noch schweigend vor sich hin.

Wenn er sprach erahnten die Zwillinge was er sagte, auch wenn sie manche Worte nicht verstanden. Sie lasen in seinem Gesicht, kamen seinen Wünschen zuvor. Dazu braucht es ein feines Gehör und viel Geduld. Wenn er müde wurde, schloss er die Augen mehrmals hintereinander, das war das Zeichen dass man ihn allein lassen sollte. Vielleicht weinte er dann, er, der so brillant, so elegant gewesen und über all gefeiert worden war. Der Tod hatte ihn gestreift, aber er hatte seine Arbeit nicht vollendet. Ihm kam das vor wie eine Beleidigung, ein schlechter Scherz auf seine Kosten, eine Boshaftigkeit mehr. Es regte ihn ständig auf, denn er träumte davon, im Schlaf zu sterben, wie sein alter polygamer lebenslustiger Onkel. Doch am Ende war ihm das Gleiche widerfahren, wie so vielen Freunden und Bekannten seiner Generation. Er hatte nach den Worten des Arztes ein kritisches Alter erreicht. In dieser Altersklasse musste man einige Stürme überstehen.

Als der Zorn der ersten Monate etwas abgeklungen war, beschloss er, die Besucher an seinem Krankenbett anzulächeln, es war seine Art, sich dem körperlichen Niedergang entgegenzusetzen, der manchmal den geistigen Niedergang mit sich bringt. Daher lächelte er die ganze Zeit. Es gab das Morgenlächeln, luftig und parfümiert, das Mittagslächeln, ungeduldig und trocken, und dann das Abendlächeln, das am Ende zur leichten Grimasse mutierte. Dann hörte er mit einem Schlag auf zu lächeln. Er wollte sich nicht mehr verstellen. Warum auch lächeln? Für wen und mit welchem Ziel? Die Krankheit hatte seine Gewohnheiten durcheinandergebracht. Die Krankheit oder der Tod?

Er war nicht mehr derselbe Mensch, er sah es auch in den Augen der anderen. Er hatte die Aura des großen Künstlers verloren. Doch er weigerte, sich Versteck zu spielen; er wollte bald ausgehen und sich in seinem neuen Zustand zeigen können. Es würde unangenehm werden, aber er bestand darauf.

Trotz seiner fast vollständigen Lähmung hatte er seltsamerweise nie daran gedacht, mit dem Malen aufzuhören. Er war überzeugt sein Leiden sei vorübergehend, nur eine Art Krise. Jeden Tag versuchte er, die Finger der rechten Hand zu bewegen. Und jeden Tag verlangte er einen Pinsel, den sie ihm zwischen Zeigefinger und Daumen schoben, aber im Augenblick konnte er ihn noch nicht lange genug halten. Deshalb machte er diese Übung mehrmals am Tage. Wenn er es endlich schaffen würde, den Pinsel zu halten, würde ihn der Zustand seines restlichen Körpers weniger kümmern.

In seinem Kopf überschlugen sich Ideen zu neuen Bildern. Da er nicht malen konnte geriet er in eine Art Erregungszustand. Er war noch ungeduldiger als üblich. Diese verstörenden intensiven Momente mündeten in langes mit einem Gefühl der Niederlage gepaartes Schweigen. Seine Stimmung schlug um, er versank in dichtem Nebel, der irgendein düsteres Ereignis ankündigte. Aus seinem halboffenen Mund floss ein dünner Faden Speichel. Von Zeit zu Zeit wischte ihn einer der Zwillinge behutsam weg. Er wachte auf und schämte sich ein wenig wegen des Sabberns, es war ihm auch peinlich, dass er eingenickt war. Diese Kleinigkeiten störten ihn mehr als seine Lähmung.

Der Fernseher lief; es war die Übertragung eines Leichtathletikwettbewerbs. Schon immer hatten ihn diese geschmeidigen, herrlich-perfekten Körper fasziniert; zu perfekt, um menschlich zu sein. Er sah zu und fragte sich, wie viele Jahre, Monate, Tage Arbeit hinter jeder Geste des jungen Athleten steckten. Er wollte auf keinen Fall, dass sie auf einen anderen Sender umschalteten. Nein, er liebte dieses Schauspiel, trotz oder gerade wegen der Gefangenschaft in seinem Zustand. Er träumte, verspürte eine merkwürdige Wonne beim Betrachten der Bewegungen der jungen Sportler. Zu seiner Überraschung feuerte er sie an, als kenne er sie persönlich, als sei er ihr Trainer, ihr Lehrer, ihr Coach oder ganz einfach ein Familienmitglied.

Er dachte an einen Text, Der Seiltänzer von Jean Genet, den ihm ein Freund zum Geburtstag geschenkt hatte. Er hatte ihn verschlungen und sich die Spannung vorgestellt, die der Akrobat in jeder seiner Gesten unter Kontrolle bringen musste. Am liebsten hätte er den Text illustriert, doch man hatte ihm erklärt, Genet sei ein schwieriger Mensch und werde seine Einwilligung nicht geben. Von Zeit zu Zeit las er den Text und konzentrierte sich auf ein zwischen zwei Punkten gespanntes Seil; er sah sich darauf, schwitzend, mit zitternden Händen die Stange haltend, dann der Fehltritt, der Sturz und die gebrochenen Knochen. Einige Male dachte er sich sogar eine Geschichte über einen verunglückten Seiltänzer aus, stellte sich vor, dass er selbst jetzt in diesem Zustand festsäße, weil er bei einer Zirkusvorstellung gestürzt sei. Sein Dilemma wäre damit physischer Natur, nicht psychischer. Er wäre kein gestresster verbitterter Maler, sondern ein Akrobat mit einem zehn Meter unter dem Seil zerschellten Körper.

Dieser Gedanke besänftigte ihn. Über seine Wangen rann keine einzige Träne. Seine Stimmung blieb ungetrübt. Mit schwerer Hand tastete er sein Bein ab und spürte so gut wie nichts. Er sagte sich: „Das kommt schon noch, nur Geduld mein Alter!“

Seit ihrem letzten Streit und dem unmittelbar darauf folgenden Schlaganfall hatte er seine Frau nicht mehr gesehen. Er lebte in seinem Atelier, wohin er alles Nötige zum Leben hatte bringen lassen und zum Bestehen der Prüfung, die seine Krankheit darstellte. Sie wohnte im anderen Flügel ihres sehr großen gemeinsamen Hauses in Casablanca. Die Zwillinge waren angewiesen, sie niemals an ihn heranzulassen. Doch das war gar nicht nötig, denn die Entfernung zwischen ihnen schien ihr gerade recht zu sein. Sie hatte nicht im geringsten signalisiert, dass sie gewillt sei, sich um einen Schwerkranken zu kümmern. Er hingegen wollte Bilanz ziehen aus den zwanzig Jahren Zusammenleben. In dieser Hinsicht war die durch den Anfall erzwungene Wende in ihrem Eheleben eine Gunst des Schicksals. Manchmal sah er durch eines der Fenster des Ateliers, die auf den Innenhof blickten, wie sie sich zum Ausgehen zurechtmachte. Niemand wusste, wo sie hinging, und das war auch besser so. Er hatte sowieso beschlossen, sie weder zu überwachen noch zu verdächtigen.

Vorher, als er noch gesund war, hatte er die Flucht ergriffen, war verreist und hatte kein Lebenszeichen gegeben. Es war seine Art, auf Unbehagen und Beziehungskonflikte zu reagieren. Er führte ein Tagebuch, in dem es ausschließlich um die Schwierigkeiten in seiner Ehe ging. Nichts anderes wurde in dem Heft behandelt. Über zwanzig Jahre lang gab es nicht viel Abwechslung beim Beschreiben der Streitigkeiten, seines Verdrusses und seiner Wutanfälle. Es war die Geschichte eines Mannes, der geglaubt hatte, Menschen könnten sich ändern, aus ihren Fehlern lernen, ihre guten Seiten stärken, sich in Frage stellen und bessere Wesen werden. In seinem tiefsten Innern hatte er die Hoffnung gehegt, dass seine Frau eines Tages zwar nicht zahm und unterwürfig, aber zumindest entgegenkommend und liebevoll werde, ruhig und vernünftig – kurzum eine Ehefrau, die zusammen mit ihm ein Familienleben teilte und aufbaute. Es war ein Traum. Er schlug den falschen Weg ein und gab seiner Frau die Schuld, statt auch seinen Teil der Verantwortung an der Misere einzugestehen.

Pressestimmen

de.quantara.de

»Auch wenn 'Eheglück' immer am Abgrund der Tragödie wandelt, sind die verhandelten Themen doch auf gelungene Weise in eine bittersüße Romanze eingeflochten. Ben Jelloun gelingt es meisterhaft, uns nicht die Entscheidung für eine der beiden Versionen aufzuzwingen. Stattdessen zeigt er ganz einfach und ziemlich überzeugend auf, dass im Grunde alle Ehen zum Scheitern verurteilt sind.«

Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Seine reiche Literatur ist eine Schule für das Leben.«

NDR Kultur

»In Rückblenden erinnert sich der Maler an Szenen seiner Ehe. Lässt seine zahlreichen Affären Revue passieren - schließlich war seine Frau passiv im Bett und viel zu selten freundlich und gütig zu ihm. Man reist mit ihm durch Marokko, Paris und die Zeit - und erfährt am Ende - und das macht das Buch so eindrucksvoll - die Version seiner Frau. [...]. Kein Buch der Hoffnung also des fast 70-Jährigen - aber eine schonungslose, offene Abrechnung, die man von einem Schriftsteller aus der arabischen Welt in der Form wohl noch nie gelesen hat.«

Freie Presse

»[Der Roman] sollte statt "Eheglück" wohl eher "Ehekrieg" heißen. Solch ironischer Verfremdung begegnet man des Öfteren im Roman, der nicht nur wegen einiger leitmotivischer Zitate an Ingmar Bergmans genialen Film "Szenen einer Ehe" erinnert. [...]. Liebe, Eifersucht und Verrat sind ein ewig junges Thema, das Leser immer wieder in seinen Bann zieht, zumal wenn die Handlung im Künstlermilieu spielt. Handlungsorte sind zudem Paris, Casablanca, Fés, Marrakesch - schon dadurch erhält das Geschehen ein exotisches Flair, das aber in der Wucht des Ehedramas untergeht. [...]. Zwar ist der Roman alles andere als ein Plädoyer für die Ehe, doch die bissige und humorvolle Art der Darstellung amüsiert. Das Geschehen wird mit viel Esprit, ironischer Distanz, farbenprächtig und sinnlich geschildert.«

Freundin

»"Eheglück" von Tahar Ben Jelloun ist ein feinfühliger Roman, in dem sich vermeintliche Wahrheiten als Frage der Perspektive erweisen. Der Leser ist ganz nah dran an den Erzählern, die ihre gescheiterte Beziehung Revue passieren lassen.«

WDR 3 "Mosaik/Passagen"

»Durch diesen Kunstgriff, dieselbe Geschichte aus zwei Perspektiven zu erzählen, ist "Eheglück" nicht nur ein Roman über eine übliche gescheiterte Ehe, in der die Frau sich zurückgesetzt und der Mann sich in seinen Freiheiten eingeschränkt sieht. Es ist auch ein Buch über Selbst- und Fremdwahnehmung, darüber, wie unterschiedlich dieselben Sachverhalte aussehen, wenn man sie durch andere Augen betrachtet.«

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