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Die Geschichte meines Wahnsinns

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Eden-Express — Inhalt

»Man vergisst leicht, wie intensiv die Sechziger waren.« Das Kultbuch einer Generation

Juni 1969: Die zähen Jahre am College sind vorbei. Mark Vonnegut, Sohn des berühmten Schriftstellers Kurt Vonnegut, zieht es in die Wildnis. Mit seiner Freundin Virginia und ein paar College-Freunden will er der Welt, in der er lebt und an der er (ver)zweifelt, entfliehen. Mit einem VW Käfer geht es ans Ende der Zivilisation, in eine entlegene Region Kanadas. Eindringlich und humorvoll erzählt Vonnegut vom harten und entbehrungsreichen Leben in der Kommune auf einer kleinen Insel ohne Elektrizität, 18 Kilometer per Boot von der nächsten Straße entfernt. Die Freunde beschäftigen sich hauptsächlich mit sich selbst. Doch irgendwann fängt Mark an, Stimmen zu hören. Die Hippie-Utopie gerät mehr und mehr zum Alptraum – einem Horrortrip, der am Valentinstag 1971 in der Gummizelle einer psychiatrischen Klinik endet. Nach intensiver Behandlung und vielen Rückschlägen wird Vonnegut schließlich geheilt und beginnt ein neues Leben – in die Kommune kehrt er nie wieder zurück.

Das Buch gilt längst als Klassiker. Nun erscheint es, mit einem Vorwort von Kurt Vonnegut versehen, zum ersten Mal auf Deutsch.

€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 11.08.2014
Übersetzt von: Johann Christoph Maass
384 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7652-6

Leseprobe zu »Eden-Express«


VORWORT ZUR ERSTAUSGABE

Schizophrenie

DIE MEISTEN KRANKHEITEN kann man vom eigenen Ich trennen und als etwas Fremdes betrachten, das den Körper befällt. Schizophrenie hat, was das betrifft, ganz schlechte Manieren. Erkältungen, Geschwüre, Grippe und Krebs sind Krankheiten, die wir bekommen. Schizophren ist etwas, das wir sind. Es tangiert die Dinge, mit denen wir uns am stärksten identifizieren, weil sie uns ausmachen.
Als wäre das nicht bereits schlimm genug, kommt Schizophrenie mal langsam, mal schnell, bleibt nur eine Minute oder aber auch Tage oder [...]

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VORWORT ZUR ERSTAUSGABE

Schizophrenie

DIE MEISTEN KRANKHEITEN kann man vom eigenen Ich trennen und als etwas Fremdes betrachten, das den Körper befällt. Schizophrenie hat, was das betrifft, ganz schlechte Manieren. Erkältungen, Geschwüre, Grippe und Krebs sind Krankheiten, die wir bekommen. Schizophren ist etwas, das wir sind. Es tangiert die Dinge, mit denen wir uns am stärksten identifizieren, weil sie uns ausmachen.
Als wäre das nicht bereits schlimm genug, kommt Schizophrenie mal langsam, mal schnell, bleibt nur eine Minute oder aber auch Tage oder Jahre, kann der Himmel auf Erden sein oder im nächsten Moment die Hölle, Fähigkeiten beflügeln oder zerstören, dazwischen mehrmals täglich hin und herwechseln, und webt sich dabei untrennbar in das ein, was wir unser Selbst nennen. Sie kann lediglich eine kleine Ecke des Lebens verändern oder die ganze Chose auf den Kopf stellen, wobei sie, wenn überhaupt, stets nur wenige Anhaltspunkte dahingehend gibt, seit wann sie da oder nicht doch schon wieder weg ist, oder was von alldem jetzt wir selbst waren und was die Schizophrenie.
Sollte es den Anschein machen, dass ich von dem einen zu viel und von etwas anderem zu wenig erzähle, habe ich mich doch ehrlich bemüht, mein Bestes zu geben. Ich kann schlicht und ergreifend nicht benennen, welche Teile dessen, was nun folgt, der Schizophrenie an sich, meiner Schizophrenie im Besonderen, dem Leben in unseren Zeiten, dem Versuch, ein guter Hippie zu sein oder was auch sonst immer geschuldet sind.
Hätte ich eine genau definierte Rolle in einer gefestigten Kultur besessen, wäre es womöglich wesentlich einfacher gewesen, die Dinge auf die Reihe zu bekommen. Einem Hippie, Sohn eines Helden der Alternativkultur mit einem B.A. in Religionswissenschaften und einer genetischen biochemischen Disposition für Schizophrenie, der in der Wildnis British Columbias eine Kommune gründet, gerieten die Dinge allerdings gern schnell mal durcheinander.

 

1
HOFFNUNGSVOLL REISEN

Hoffnungsvoll zu reisen ist besser, als anzukommen.
R. L. Stevenson

 

 

JUNI 1969: ABSCHLUSSFEIER SWARTHMORE. In der Nacht zuvor hatte jemand mit weißer Farbe vorne an die Bühne
»Und jetzt?« gemalt. Die Hausmeistertruppe hatte es zwar pflichtbewusst mit roten, weißen und blauen Tüchern verhängt, aber wir alle wussten, es war da. Da saßen wir nun, verzogen kaum eine Miene und hörten uns an, wie toll ausgebildet wir seien und wie wir nun die Welt retten sollten usw. Die meisten von uns trugen Armbinden, um alle Welt wissen zu lassen, was wir von diesem Krieg hielten. »Was für ein bombiger Haufen Moralapostel«, dachte ich. »Wenn man uns jetzt auf die Menschheit loslässt, können Korruption und das Böse ja einpacken.«
Zum Zeitvertreib und um herauszufinden, wo ich stand, auf der Suche nach irgendeinem Anhaltspunkt dafür, was zum Teufel ich als Nächstes tun sollte, hatte ich meine eigene Abschiedsrede geschrieben.
»Mitabsolventen des Jahrgangs ’69, Eltern, Lehrkräfte usw., seid gegrüßt. Hier sitzen wir nun an einem tollen sonnigen Junitag, um den Abschied von 207 tollen jungen Männern und Frauen von dieser tollen Hochschule feierlich zu begehen. Was mich immer begeistert, wenn ich mir eine Gruppe wie diese hier ansehe, ist die Tatsache, wie sehr Menschen sich angestrengt haben, um euch Gutes widerfahren zu lassen. Allein die finanziellen Kosten eurer Ausbildung sind gigantisch, aber damit noch längst nicht genug. Seit Generationen sind in eurem Namen zahllose Opfer erbracht worden. Die Liste ist endlos. Sie reicht vom Zweiten Weltkrieg bis zum Verzicht auf Butter zugunsten von Margarine. Immer gab es für euch nur das Beste, von der Schwangerenvorsorge bis zu den Uniprofessoren. Eure Großeltern, Eltern, Lehrer und andere haben jede Menge Nachtschichten eingelegt, um herauszufinden, wie man euch das Leben angenehmer machen könnte. Und eines der Dinge, auf die sie kamen, war ein Studium der Geisteswissenschaften, ohne das man heute ja einfach nicht mehr klarkommt.
Ihr seid im Großen und Ganzen kein besonders dankbarer Haufen. Ein Großteil von euch fühlt sich sogar komplett verschaukelt und ist der Auffassung, ein Studium der Geisteswissenschaften sei ein Haufen Scheiße. Hat das Gefühl, um vier kostbare Jahre gebracht worden zu sein. Und vollkommen unangemessen finde ich eure Bitterkeit nicht. Da sitzt ihr nun hier mit euren lächerlichen einundzwanzig Jahren und könnt nichts Richtiges außer Dampfplaudern. Aber lasst mich betonen, was für fantastische Dampfplauderer ihr seid. Die meisten von euch haben genügend oberflächliches Wissen gesammelt und die Taschenspielertricks des Gewerbes verinnerlicht, um praktisch mit jedem über alles plaudern zu können. Das ist einer der Gründe, warum ihr bei den Partys eurer Eltern so große Nummern seid. Ein richtig guter Dampfplauderer zu werden, das ist alles, worum es bei einem geisteswissenschaftlichen Studium geht.
Nun, wie gesagt, so ganz fehl am Platz finde ich eure Bitterkeit nicht. Denn zum einen hat nicht einer von euch auch nur den blassesten Schimmer, was er als Nächstes tun soll.
Damit ihr aber nicht allzu sehr verbittert, lasst mich euch sagen, dass die Erkenntnis, dass ein Hochschulstudium ein Haufen Scheiße ist, wahrlich keine kleine Lektion ist. Es gibt viele Menschen, die das nicht wissen. Tatsächlich wissen es wahrscheinlich die meisten nicht. Und um diese Lektion zu lernen, gibt es zweifelsohne keinen besseren Ort als das College. Jedenfalls könnt ihr euch mit dem Gedanken trösten, dass ihr in Euren späteren Leben weder Zeit verschwenden noch euch lächerlich machen werdet, wenn ihr denkt, wie anders es alles hätte kommen können, wenn ihr doch nur zum College gegangen wärt. Jetzt, wo ihr euren Abschluss habt, könnt ihr mit Fug und Recht sagen, was für ein Haufen Scheiße das College doch ist, und niemand kann euch der Missgunst bezichtigen.«

Meine Freundin Virginia saß mit meinen Eltern im Publikum und sah zu, wie ich und meine Kommilitonen die kostbaren Ratschläge und unsere funkelnden akademischen Grade bekamen.
»Nun, Virge« (so nannte ich sie meistens), »ich nehme an, nach so einer bewegenden Zeremonie wird sich jeder dumme Gedanke, das Studium abzubrechen, den du möglicherweise gehabt hast, ganz sicher erledigt haben.«
Ganz so ernst war es ihr nicht mit dem Studienabbruch. Sie hatte bloß noch ein Jahr vor sich und bereits zu viele Freunde erlebt, die das ganze Erklären, Rechtfertigen und Kopfzerbrechen darüber, ob man wieder zurückging oder nicht, in den Wahnsinn getrieben hatte. Abzubrechen war einfach viel zu anstrengend. Das Einfachste war, es zum Teufel noch mal einfach abzuhaken.
Unsere Pläne waren vage. Für den Sommer hatte man uns eine Bleibe in Boston angeboten. Wir hofften, interessante
Jobs zu finden und dass ich irgendwie darum herumkam, eingezogen zu werden. Virginia würde dann zurückgehen und ihren Abschluss in Swarthmore machen und dann würden wir sehen, was kam.

VIRGINIA. Irgendetwas bei uns passte einfach. Hebel wurden umgelegt und wir rasteten ineinander. Es gab Zeiten, in denen wir schrecklich unglücklich waren, aber wir brauchten andere Dinge dringender als Glück. Es ging bei uns eigentlich nur um diese anderen Dinge.
Virginia, Virginia, Virginia, wie kam es, dass sich mein Leben derart mit deinem vermischte? Es war Frühling, mein letztes und dein erstes Studienjahr. Ich war einsam. Du auch. Wir fingen an, nebeneinander herzulaufen und uns zu unterhalten, wobei meistens ich redete, vor mich hin brabbelte wie ein Vollidiot, während ich mir wünschte, du würdest auch mal etwas sagen, und versuchte, den Mut zusammenzunehmen, um dich zu küssen. Es war total anders als mit anderen Mädchen zuvor. Zum einen warst du überhaupt nicht hübsch in der Art, in der andere Freundinnen von mir hübsch gewesen waren. Du warst hübsch, aber auf eigenartige Weise. Deine Beine waren viel zu perfekt, um überhaupt menschlich zu wirken.
Du warst ziemlich anders als die Frauen, von denen ich mich bisher angezogen gefühlt hatte. Wäre ich dir früher begegnet, hätte ich dich fast für hässlich gehalten, die Nase viel zu groß und unförmig, eine schmale, flache Stirn, die Backenknochen hoch und breit, aber du trugst das alles mit derartiger Anmut und Würde. Die meisten Frauen wirkten entweder attraktiv oder unattraktiv, und damit hatte es sich. Mir war vorher noch nie jemand begegnet und ist mir seither auch nicht wieder, der so schön war, wie wenn du schön
warst, und so hässlich, wie wenn du hässlich warst. Ich war von deinem unglaublichen Spektrum fasziniert. Und dann diese Beine, die viel zu perfekt waren, um überhaupt menschlich zu wirken.
Alles an dir wirkte wie ein Magnet. Das Haus, das du mit fünf anderen Mädchen gemietet hattest, war eine Art Laichplatz eines neuen Lebensgefühls. Wir, die fünf Typen und ich, die in einem Haus einige Kilometer entfernt wohnten, waren alle etwas schräg drauf, aber auf ungestüme, jeweils ganz spezielle Weise, was sich aber ganz sicher geben würde, sobald wir mit der Universität fertig waren. Deine Schrägheit, die weit darüber hinausging, dass alle sich einen Kühlschrank teilten, gemeinsam vegetarisch aßen und heftige politische Diskussionen führten, was mir zugegebenermaßen alles neu war, hatte etwas in sich Geschlossenes. Ich und die meisten meiner Freunde konnten dir in den meisten Punkten problemlos folgen, darüber hinaus allerdings gab es etwas, das sehr anders war. Ich für meinen Teil vergeudete jedenfalls keine Zeit, sondern ging an Bord, um herauszufinden, was es mit dieser Andersartigkeit auf sich hatte.
Unsere erste richtige Verabredung, wenn man das so nennen kann, war das Ergebnis einer meiner häufiger werdenden und zweifellos auf wenig subtile Weise werbenden Besuche bei dir zu Hause. Alle saßen friedlich bei einer Tasse Tee zusammen.
Alles wirkte friedvoll und nett. Du gingst in die Küche, und plötzlich war die Hölle los. Irgendjemand hatte nicht abgespült. Deine Stimme klang gepresst und abgehackt, dein Gesicht war versteinert, die Augen voller Ekel. Alle huschten kleinlaut umher, versuchten, dir aus dem Weg zu gehen. Ein beeindruckender Auftritt.
Während einer kurzen Sturmflaute, die du einfach finster
dreinblickend auf dem Sofa verbrachtest, sagte ich schwach, ohne viel Hoffnung: »Hättest du vielleicht Lust, ins Kino zu gehen?«
Die Absurdität meiner Einladung wurde durch die Tatsache, dass es ungefähr halb zehn abends war, nur noch verstärkt. Du sahst mich einfach an. Dein Blick schien etwas weicher zu werden, von Hass zu milder Missachtung zu wechseln. Ich nehme an, von der Komik der ganzen Angelegenheit drang auch etwas zu dir durch. »Scheiße, keine Ahnung«, setzte ich wieder an. »Ich dachte bloß, vielleicht willst du mal für eine Weile hier raus. Vielleicht gibt’s ja in Philly eine Nachtvorstellung, oder wir holen uns einfach irgendwo einen Hamburger oder so.«
»Jep«, sagtest du, oder etwas Ähnliches, das ein minimales Maß an Zustimmung zum Ausdruck brachte.
»Tja«, sagte ich, keineswegs sicher, ob oder womit du einverstanden warst, »dann fahren wir kurz bei mir vorbei und holen Geld.«
»Okay«, sagtest du, und wir gingen hinaus und stiegen in den guten alten Car Car.
Während der Fahrt herrschte Totenstille. »Willst du wirklich ins Kino?«, wagte ich mich schließlich vor.
»Nein«, sagtest du, »eigentlich nicht.«
»Okay, wie steht’s mit einem Hamburger?«
»Geht schon. Ich hab keinen Hunger.«
»Okay. Ich hab ein paar Bier zu Hause. Es ist echt ziemlich gemütlich bei uns. Zumindest kommst du so mal eine Weile aus dem Haus raus.« Stille.
»So, da wären wir«, sagte ich, bemüht, fröhlich zu klingen. Du sagtest keinen Ton. Stiegst bloß aus dem Auto und gingst mit Präzision und Würde ins Haus. Mhm, dachte ich und kam mir mehr und mehr wie ein Vollidiot vor, regt sie sich
wirklich wegen ungespültem Geschirr so auf? Will sie überhaupt hier sein? Du gabst mir derart wenig Orientierungshilfe.
»Willst du ein Bier?«
»Nein.«
»Na ja, ich nehm jedenfalls eins.« Ich öffnete den Kühlschrank. »Milch? Tee?«
Du schütteltest bloß den Kopf. Saßt einfach da und sahst mich an. Die Verachtung war nun beinahe aus deinem Blick verschwunden, Gott sei Dank. Aber stattdessen sprach aus ihm nun eine abgehobene Penetranz, die ebenso, wenn nicht noch verwirrender war.
Mit derart wenigen Anhaltspunkten war ich auf mich allein gestellt. Vielleicht bildete ich es mir nur ein, aber ich fing an, noch etwas anderes in deinem Blick zu sehen, eine Bitte: Versuch zu verstehen, warum ich dir nicht mehr Anhaltspunkte geben kann.
Dann plötzlich schienst du den Tränen nah. Ich legte meinen Arm um dich und versuchte dich sanft zu küssen, wollte dir sagen, dass du keine Angst zu haben brauchtest, in Sicherheit seiest, vor dem, was auch immer dich verfolgte, dass ich dich gernhätte und wünschte, du könntest dich entspannen.
Du wichst meinem Kuss aus, vergrubst dein Gesicht zur Hälfte an meiner Brust und drücktest mich sanft, reglos, atemlos. Auch ich hörte auf zu atmen. So verharrten wir scheinbar für eine Ewigkeit. Wieder versuchte ich dich zu küssen. Unsere Münder berührten einander nur flüchtig, dann verbargst du dein Gesicht erneut und drücktest mich ein wenig fester. Fast hatte ich Angst, du würdest zerbrechen, weshalb ich deinen Kopf vorsichtig von meiner Brust wegzog, während ich dir übers Haar strich. Ich lächelte und du lächeltest zurück.
In deinen Augen meinte ich das Versprechen zu erkennen, dass du eines Tages, nicht jetzt und nicht unter Zwang, mir all das erklären würdest. Dasselbe Versprechen lag auch in deinen Umarmungen. Auch mein Blick muss etwas versprochen haben. Du nahmst meinen Kopf in die Hände und küsstest mich. Wir wurden ein Paar.

Ekstase bei Frauen machte mich misstrauisch. Genauer gesagt konnte ich sie nicht ertragen. Aus den unterschiedlichsten Gründen. Wenn eine Frau keuchte und stöhnte, während ich mit ihr schlief, fühlte ich mich unwohl, irgendwie einsam. Womöglich war ich bloß neidisch, weil ich mich nicht derart hingeben konnte. Womöglich dachte ich, die Frauen würden mir etwas vormachen, damit ich mich gut fühlte. Vielleicht dachte ich auch, sie würden an einen alten Liebhaber denken oder an Mick Jagger. Jedenfalls hatte ich das Gefühl, außen vor zu sein. Mit Virge gab es in dieser Hinsicht wenig Probleme.
Ungefähr eine Woche nachdem wir zusammengezogen waren, machten wir einen Spaziergang vorbei an einer alten, verlassenen Mühle, ein ziemlich romantischer Ort. Es war Abend. Sie war den Tag über noch schweigsamer gewesen als sonst. Aber es war dieses Schweigen, an das ich mich gewöhnen, das ich verstehen und wegen dem ich mir keine Sorgen machen sollte. Wenn ich mir Sorgen machte, stellte ich damit etwas Schlechtes in meinem Charakter unter Beweis.
»Ich habe darüber nachgedacht, was da zwischen uns abläuft.« Sie sagte das sehr bedeutungsschwanger.
»Mhm?« Vielleicht wäre ich irgendwann dahintergekommen, was es mit ihrem Schweigen auf sich hatte, wäre es nicht so häufig so unheilvoll gebrochen worden.
»Ich glaub, es ist womöglich ziemlich verkorkst.« Sie
musste stets für Neuigkeiten sorgen, zumindest aber eine Schlagzeile formulieren. Die Spalten zu füllen war meine Aufgabe. Das war gleich von Beginn an eines unserer ungeschriebenen Gesetze.
In meiner Magengrube breitete sich das »Oh-Oh«-Gefühl aus. Das Spiel ist aus, sie ist mir auf die Schliche gekommen.
»Du bist bloß einsam und willst jemanden fürs Bett.«
Es gelang mir fast nicht, keine Miene zu verziehen. Konnte sie tatsächlich derart weit danebenliegen? Dachte sie wirklich, es sei so schwierig für mich, jemanden zu finden, mit dem ich Sex haben konnte? Wenn es bloß der Wahrheit entsprach, dachte ich. Es wäre so viel einfacher, so viel besser nachzuvollziehen.
Ich erinnere mich nicht mehr, wie genau ich auf die Anschuldigung reagierte. Es spielt auch keine Rolle. Wirklich viel änderte sich nicht zwischen uns. Ich wurde nur noch etwas einsamer.

JUNI 1970. In der Zeit vor Virginias Abschluss war es mir bei meiner Musterung gelungen, mithilfe einer unheimlichen Schizophrenie-Nummer um die Einberufung herumzukommen, und ich hatte sechs Monate als systemkonformer Gutmensch mit Achtstundentag eingelegt. Die nächsten sechs war ich die Ostküste rauf und runtergefahren auf der Suche nach Freunden und Land, um eine Kommune zu gründen, und hatte mit Virginia am College herumgehangen und versucht herauszufinden, was wir machen würden, sobald sie fertig war.
Während der Frühlingsferien fuhren wir in das Sommerhaus ihrer Eltern in den Bergen von North Carolina. Vincent und sieben andere Leute kamen mit. Eine Menge Gras wurde geraucht. Die meisten schmissen außerdem Trips. Wir fuhren
zu einem Bluegrass-Festival. Zeke, der bildschöne Welpe, halb Labrador, halb Gordon Setter, den Virginia mir zu Weihnachten geschenkt hatte, wurde von einem Motorrad angefahren und beinahe getötet und musste in größter Eile rund 160 Kilometer weiter zu einem Tierarzt nach Chapel Hill gefahren werden. Eine eigenartige, chaotische Woche. Irgendwann währenddessen entschieden Virginia und ich uns, nach British Columbia zu fahren, sobald sie fertig war, um dort nach Land zu suchen.
»Wir fahren nach British Columbia, um Land zu kaufen.« Etwas vage, sicher, aber offenbar wesentlich befriedigender als die meisten meiner bisherigen Antworten auf die Frage:
»Und, was machst du so?«
»Ich geh aufs College« oder »Ich arbeite in Boston« war einfach nicht genug, weder für mich noch für den, der gefragt hatte. Und es führte auch nicht zu Gesprächen, die irgendjemand von uns wirklich interessant fand. In B.C. nach Land zu suchen war etwas vollkommen anderes. So ziemlich jeder, jung oder alt, Normalo oder Freak, wollte bis spät in die Nacht hinein wach bleiben und darüber reden.
Im Rückblick finde ich am erstaunlichsten, wie wenig Widerstand es vonseiten unserer Eltern, Professoren oder sonst irgendjemandem gab. Die vereinzelten Bedenken, die zur Sprache kamen, waren vage, entschuldigend und meistens murmelnd vorgetragen worden. Ich glaube, die Kennedys, Martin Luther King, der Krieg und eine ganze Reihe anderer Unerfreulichkeiten hatten so verheerend in den Gehirnen aller gewütet, dass es zumindest einen Versuch wert zu sein schien, die Kinder nackt in den Wald zu schicken, damit sie dort eine neue Gesellschaft aufbauten.
AUF WIEDERSEHEN CAPE COD UND FAMILIE. Bevor ich mich zu Virginia aufmachte, arbeitete ich einige Wochen auf unserem Grundstück in Barnstable. Die Familie war in einem lausigen Zustand, aber für das Grundstück konnte ich einiges tun – Ranken von den Obstbäumen schneiden, etwas Ordnung in die wilden Trauben bringen, einfach ein bisschen aufräumen. Und ich legte einen Gemüsegarten an. Es war kein besonders nützlicher Gemüsegarten. Eher dekorativ. Ich gab ihm die Form einer Träne, was aber niemandem auffiel, fürs Erste jedenfalls.
An dem Tag, an dem ich Barnstable verließ, um nach Philadelphia zu fahren, transportierte ich mein altes Boot, dessen Tage auf See ohnehin bald gezählt waren, bis ans Ende der Scudder Lane und ließ es dort am Strand knapp oberhalb der Hochwasser-Markierung liegen, den Bug Richtung Barnstable Harbor.

* * *

CAR CAR. Mein guter alter 65er Käfer. Jetzt Schrott. Als Ersatzteillager verkauft, als ich in der Klapse war. Er hat mir gut gedient. Die Leute meinten, er sei bloß noch gelaufen, weil ich an ihn geglaubt habe. Car Car war das einzige Auto, für das ich je Zuneigung empfunden habe, und ich war der Einzige, den er fahren ließ. Dann und wann probierten sich andere daran, aber meistens gab er nach ein, zwei Kilometern den Geist auf und keinen Mucks mehr von sich, bis ich kam und mit ihm redete.
Ich hatte Car Car nicht immer geliebt. Ich hatte ihn nagelneu von meinen Eltern zum Schulabschluss bekommen. Das zeigte mir, wie sehr sich die Zeiten geändert hatten. Ich war nicht mehr der Sohn eines erfolglosen Schriftstellers, ein Bild, an das ich mich auch dann noch klammerte, als es längst
nicht mehr der Wahrheit entsprach. Ich betrachtete das Auto und entschied, dass es mir gute und verlässliche Dienste leisten würde, aber absolut keine Persönlichkeit besaß.
Mein Sinneswandel kam schleichend. Erst über 120 000
Kilometer und drei Jahre später merkten wir, dass wir ineinander verliebt waren. Kurz darauf ging der Tachometer in die Brüche. Wie viele Kilometer weit mich Car Car also tatsächlich trug, ist kaum zu sagen. Aber wenn man verliebt ist, sind Zahlen ohne Bedeutung.
Bei rund 130 000 Kilometern fing ich an, die Inneneinrichtung drastisch zu verändern. Ich baute alle Sitze bis auf den Fahrersitz aus und kleidete die entstehenden Räume mit Sperrholz und Schaumgummi aus. Alte Vorhänge dienten als Bezüge. Das steigerte Car Cars Ladevermögen und Vielseitigkeit ins Unermessliche. Bequem war es zu zehnt zwar nicht, aber möglich. Zwei Personen konnten im Auto schlafen. Bei zwei Personen und einem Hund wurde es etwas knapp.
Hauptsächlich tat ich es wegen des Ladevermögens. In seiner Laufbahn hat Car Car einen Kühlschrank, ein Motorrad – eine BSA 650 –, das ich etwas auseinanderbauen musste, um alles reinzukriegen, sowie jede Menge anderes Zeug transportiert. Falls irgendjemand irgendwo Buch darüber führt, was schon alles in einem Käfer transportiert worden ist, sollte man ihm eigentlich von Car Car erzählen.
Ich wartete also darauf, dass Virge fertig wurde, und verbrachte in der Woche bevor es Richtung Westen ging jeden Tag ein paar Stunden damit, mit Car Car zu reden und ihn außerdem mit einer Kühlbox, Besteckkästen, einem Kunststoffspülbecken und einem Wasserkanister auszurüsten. Ich nutzte jedes bisschen Platz. Es würde Car Cars Aufgabe sein, Virginia, Zeke und mich und unsere gesamten weltlichen
Güter ins Gelobte Land zu bringen. Car Car würde für eine
Weile unser Zuhause werden.
»Car Car, ich weiß, ich habe dir bereits viel abverlangt und du bist müde. Aber ich möchte dich um einen letzten Gefallen bitten. Bring mich nach Hause. Ich weiß zwar nicht, wo das ist, aber gemeinsam werden wir es finden. Bring mich in den Garten Eden, und wenn wir dort sind, kannst du den Rest deiner Tage damit verbringen, zu Staub zu zerfallen, während du Gänse beherbergst, die dasselbe tun.« Ich hatte mich mit Bauplänen verschiedener Farmhäuser beschäftigt und befunden, dass Car Car den idealen Gänsestall abgeben würde. Dafür eignete er sich perfekt. Ihm schien die Idee zu gefallen. Ich stellte mir ihn als eine Art Mahnmal im Garten Eden vor. Eine Erinnerung an vergangene Zeiten, als wir noch Autos gebraucht hatten und ein Symbol dafür, dass nicht alle Autos komplett böse waren. Wie sich aber herausstellte, brachte Car Car uns zu einer Farm, zu der es gar keine Straße gab, also wurde aus ihm nie ein Gänsestall. Vielleicht hatte das etwas zu bedeuten. Ich taufte ihn in »Moses« um.
In der Woche bevor wir uns schließlich auf den Weg machten, wurden zwei von Zekes Spielkameraden von Autos getötet, während sie um den Block flitzten. Also behielt ich ihn im Haus oder ging mit ihm in den Feldern spazieren. Nach einer Weile kam es mir so vor, als seien die nicht enden wollenden Abschiede Teil eines Plans, der vorsah, dass auch mein Hund sterben sollte.
Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen, auf Wiedersehen, so ging es tagelang, und dann waren Virge und ich endlich auf dem Weg ins Gelobte Land, oder was auch immer uns sonst erwarten mochte.
Was uns bereits zu Anfang erwartete, war zum Beispiel, dass wir gleich hinter Pittsburgh hochgenommen wurden. Es hatte früher oder später passieren müssen. Meine langen Haare und mein Bart, der ramponierte alte VW und der Zeitgeist hatten sich miteinander verschworen, um mich zu einem Magneten für Polizisten zu machen. Ich konnte nirgends hinfahren, ohne angehalten, befragt und für gewöhnlich auch durchsucht zu werden. Meistens war ich sauber. Es war ein kleines Spiel, das mir sogar anfing Spaß zu machen.
Über die rechtlichen Grundlagen von Festnahme, Durchsuchung und Beschlagnahmung wusste ich etwas Bescheid. Einmal fragte ich: »Officer, wären Sie so freundlich, mich kurz über Ihren hinreichenden Verdacht bei dieser Durchsuchung zu informieren?« – »Sie wollen etwas über meinen hinreichenden Verdacht hören, ja? Dann gucken Sie mal in den Spiegel.«
Ich war nicht immer ohne Dope. Aber etwas dabeizuhaben ruinierte einem meistens das bisschen Spaß, das man bei diesen kleinen Charakterstudien überhaupt haben konnte.
Ich war auch zuvor schon aus ziemlich fadenscheinigen Gründen angehalten worden, und da war State Trooper Suchadolski keine Ausnahme, zumindest aber hatte er sich etwas Neues ausgedacht.
»Ich dachte, Sie hätten vielleicht irgendwelche Probleme mit Ihrem Fahrzeug.«
»Nein, Officer, eigentlich nicht.« Car Car machte das wunderbar, fuhr trotz der unglaublichen Last zwischen neunzig und fünfundneunzig. Ich war etwas vom Gas gegangen, als ich den Trooper gesehen hatte, weil ich nicht allzu viel Vertrauen in meinen notdürftig reparierten Tachometer hatte und ihm keinen Vorwand liefern wollte. Ab neunzig machte
mein Auspufftopf ein lustiges Geräusch, was er aber nicht erwähnte. Das war also nicht das Problem.
Er beäugte die ganzen Klamotten im Wagen. »Fahren Sie nach Kalifornien?«
»Nein, Officer, wir sind unterwegs nach British Columbia.«
Er hörte einfach nicht zu.
»Offenbar ist jeder, dem ich auf dieser Straße begegne, auf dem Weg nach Kalifornien. Was gibt es denn da?«
»Wir fahren nach British Columbia.«
Drei Monate später. »Und dann fragte ich den Beschuldigten, wo er hinwolle und er sagte, nach Kalifornien.«
»Könnte ich bitte Ihren Führerschein und die Fahrzeugpapiere sehen?« Seine Sorge um den Zustand meines Fahrzeugs war verschwunden.
Ich öffnete das Handschuhfach und holte Führerschein und Papiere heraus. Er reckte den Hals, um zu sehen, ob es darin noch etwas anderes Interessantes gab.
»Was haben Sie sonst noch im Handschuhfach?«
»Nicht viel.« Ich wühlte darin herum, nannte ein paar Dinge. »Schraubenzieher, ein paar Zangen, Kaugummis, einen Dosenöffner, weitere Papiere und den Verbandskasten.« Ich hatte den Verbandskasten als Letztes erwähnt, genau genommen hatte ich es nur gemurmelt. Es befand sich nichts Illegales darin, aber ich wusste, er würde uns deswegen schikanieren.
»Zeigen Sie mir den Verbandskasten. Was ist da drin?«
Ich machte es genauso wie zuvor beim Handschuhfach. Es war wie bei einer Quizshow. »Pflaster, Mullverband, Jodtinktur, Klebeband, eine Schere, Wundverschlussstreifen und ein paar Pillen.«
»Was für Pillen?«
»Nun, das meiste sind Reste von rezeptpflichtigen Medikamenten für das eine oder andere.« Was stimmte. »Wir werden eine ganze Weile im Freien schlafen und sind möglicherweise zeitweilig ziemlich weit von einem Arzt entfernt.«
Er war unbeeindruckt. »Was für Pillen?«
Hätte es irgendeine Spielregel darüber gegeben, wie viele Fragen er stellen durfte, hätte ich vielleicht eine Chance gehabt. Die aber gab es nicht und mir wurde klar, dass die Neugierde dieses Mannes nicht von der Sorte war, die einfach so aufhörte, und bislang hatte er ja lediglich die Pfründe meines Handschuhfachs erschöpft. Ich wusste, dass er sich irgendwann auch dafür interessieren würde, was das neben meiner Batterie war, und ich wusste auch, dass ich dort den Rest von meinem jamaikanischen Gras verstaut hatte, verdammt gutes Zeug, und Virges Meskalin. Ich wusste, dass ich am Arsch war.
Ich öffnete das Fläschchen mit den Pillen und schüttete sie mir in die Hand. »Die kleinen Weißen hier sind Penicillin. Die Verschreibung befindet sich direkt auf dem Fläschchen, mit Namen und allem. Die grau-roten sind Darvon gegen Schmerzen. Virginia hat ein Rezept dafür. Das hier ist Bufferin. Sehen Sie das kleine B darauf? Die kriegt man überall.«
Aus irgendwelchen Gründen interessierte er sich für das Penicillin. Mengenmäßig war davon mehr da als von allem anderen. Er ging zurück zu seinem Wagen, um in seinem kleinen Drogen-Bestimmungsbuch zu blättern – das ich später sah – und kam dann zurück und erklärte, dass es sich bei den Penicillinpillen um Amphetamine handele und diese verboten seien. Er reichte mir einen kleinen Zettel und wies mich an, ihn zu unterschreiben. Ich glotzte einfach irgendwie das Papier an und dann ihn, dann wieder das Papier. Es war voller Tippfehler.
»Damit verzichten Sie auf Ihr Anrecht auf einen Durchsuchungsbeschluss«, erklärte er.
»Ich bin mir nicht so sicher, ob ich darauf verzichten will.« Eine dreistündige Grundsatzdiskussion über die Verfassung, ein aberwitziges Hin und Her, gipfelte in einer Durchsuchung, nach der von Car Cars Ladung und Innenleben nur noch Fetzen übrig waren. Später untersuchte man mich dann noch auf Filzläuse und warf mich in eine Zelle. Das eine Telefongespräch, das mir zustand, verschleuderte ich an einen Kautionsbürgen, der sich weigerte, Drogenfälle zu bearbeiten. Am nächsten Morgen gelang es mir, dem Wärter ein zweites Telefonat abzuschwatzen. Ich rief meinen Vater an, der wiederum einen alten Studienfreund in Pittsburgh anrief. Dieser besorgte mir einen Anwalt, der mich rausholte.
Was meinen Kurzbesuch im Gefängnis zu einer solchen Scheißaktion machte, war die Tatsache, dass ich die ganze Zeit über dachte, in ein paar Minuten wieder draußen zu sein. Ich schlief nicht. Ich fragte mich bloß die ganze Zeit, welcher Behördenkram wohl Virge davon abhielt, mich einfach rauszuholen. Als dies schließlich geschah, war es zwei Uhr am Nachmittag des nächsten Tages. Ich hatte bloß achtzehn Stunden gesessen, aber angefühlt hatte es sich wie Jahre. Vielleicht hatte ich es auch bewusst ausgedehnt. Gefängnis war eine wichtige Erfahrung, die mir bisher vorenthalten worden war.
Da stand ich also, hatte zwanzig Jahre abgerissen, das meiste davon in Isolationshaft, war ein ganzes Menschenleben lang der Schikane sadistischer Wächter ausgeliefert gewesen. Meine Freizeit hatte ich als Jude in einem Konzentrationslager verbracht.
Wirklich prima, eine echte Lebenserfahrung. Etwas, über das man schreiben kann. Etwas, von dem sich erzählen lässt,
einfach eine gute Geschichte. Ich wollte ein guter Geschichtenerzähler sein.
Ein guter Geschichtenerzähler ist ein guter Lehrer, ein Entertainer. Geschichtenerzähler liefern Zusammenhänge, Mythen, Ausdrucksweisen einer Kultur. Eine Kultur, das war es, was wir alle zu schaffen versuchten, so dachte ich. Denn entweder besaßen wir keine, oder aber ihre Tage waren gezählt.
Man braucht eine Geschichte, um herauszufinden, was man denkt, und man braucht sie, um sie an andere weitergeben zu können. Das war etwas, bei dem Swarthmore im Großen und Ganzen versagt hatte. Dort hatte man die ziemlich schräge Vorstellung, man könne ohne Geschichten kommunizieren und lehren.
Total überdreht von meinem sehr realen Lebensabenteuer, mit einer neuen Erfahrung im Gepäck, die ich erst mal verdauen muss, einer neuen Geschichte, die ich erzählen konnte – »draußen auf Kaution« hörte sich toll an –, begann ich Virge davon zu berichten, was im Gefängnis passiert war, wie es sich angefühlt hatte, eingesperrt zu sein, wie die Wachen und Aufseher waren und worüber ich mich mit den anderen Typen rechts und links von mir so unterhalten hatte. Ich begann an meiner Geschichte zu feilen, achtete auf die Publikumsreaktion, fand heraus, was ich tatsächlich selbst dabei fühlte. Ich erzählte Virge, ich sei der Überzeugung, sie mache sich gut als Fortsetzung der Einberufungsgeschichte. Ich dachte darüber nach, ein Buch über generationsspezifische Zwischenfälle zu schreiben. Die Unschuldsjahre. Der begabte Junge, die Desillusionierung, Hasch, Einberufung, Ausstieg aus der Vierzig-Stunden-Woche – und jetzt die Drogenrazzia.
Virginia war schweigsam wie Stein. Zuerst dachte ich, sie
fühle sich schuldig, weil sie so blöd gewesen war und nicht versucht hatte, mich früher rauszubekommen. Auf den Gedanken, dass sie mir tatsächlich nur einen einzigen Anruf gestatten würden, war sie anscheinend nie gekommen. Dass sie das wirklich tun, hätte aber auch ich zugegebenermaßen nicht geglaubt. Sie war einfach mit ein paar netten Leuten abgezogen, die wir vor dem Revier getroffen hatten, und hatte sich mit kambodschanischem Dope das Hirn zugedröhnt.
»Was ist los?«, fragte ich.
»Ich muss nur dran denken, wie viele Millionen Mal ich mir jetzt diese Geschichte anhören muss.«
Womöglich reagierte sie so, dachte ich, weil sie sich als Frau um so viele reale Abenteuer des Lebens betrogen fühlte. Ich war es, der Mann, der immer der Held war. Ich hatte mich der Einberufung gestellt und ich war hochgenommen worden, obwohl das Dope größtenteils ihr gehörte. Dass ich mich dafür entschieden hatte, nicht irgendeinen respektablen Job anzunehmen, bedeutete etwas, von ihr aber wurde das gar nicht erst verlangt. Von dieser Warte aus ergab ihre Bitterkeit eine Menge Sinn.
Ich sagte, dass der letzte Teil meiner Generations-Collage vielleicht ein Aufsatz von ihr sein sollte, darüber, warum sie meine Geschichten so hasste. Ich war auf der Suche nach etwas, das dem ganzen einen Rahmen gab, daher erschien mir das wie ein Geistesblitz. Sie sagte gar nichts.
Nach und nach verflog ihre Wut, aber noch immer war sie nicht besonders daran interessiert zu hören, was im Gefängnis passiert war. In zehn Stunden würden wir bei Gary und Cheryl sein. Sie liebten meine Geschichten und ich ihre. So lange konnte ich es aushalten.
Zwischen Pittsburgh und West Branch, Iowa, wurden wir noch drei Mal von Polizisten angehalten. Es war fast so, als
wolle jemand dafür sorgen, dass ich noch mehr Material bekam. Ein Typ war sogar ganz nett. Er wollte mir bloß mitteilen, dass eines meiner Rücklichter kaputt war. In Indiana wurden wir bei einer »Routinekontrolle« gestoppt. Da wir nicht diesen »Drogenbesitzer-Blick« hatten, ließ uns der Trooper nach kurzer Überprüfung ziehen. In Illinois kostete uns die Tatsache, dass meine Nummernschilder mit Draht statt mit Schrauben befestigt waren, 25 Dollar. Und dann waren wir schließlich da.

West Branch, Iowa. Geburtsort von Herbert Hoover. Wir kamen gegen zwei Uhr nachts an. Wir hatten bereits von Illinois aus angerufen, um uns für die Nacht anzukündigen. Gary hatte auf uns gewartet und zeigte uns unsere Zimmer, wo wir zusammensackten und erst mal zehn Stunden durchschliefen.
Den nächsten Tag verbrachten wir damit, uns gegenseitig auf den neusten Stand zu bringen, was unsere jeweiligen Leben anging, und von unseren kommenden Abenteuern zu erzählen. Gary hatte gerade ein Guggenheim-Stipendium bekommen, um seinen dritten Roman abzuschließen. Sie würden für ein Jahr nach Marokko gehen. Wir spielten eine Menge Schach und unterhielten uns darüber, wie zunehmend merkwürdig das Leben sich entwickelte und dass früher oder später alles den Bach runter ging. Wie es weitergehen würde, war reine Vermutung. Wir mussten all die Menschen, die uns am Herzen lagen, finden, eine Art Stamm gründen und uns umeinander kümmern. Wir brauchten Antworten, und zwar ziemlich bald. Gary deutete seine Träume und erhoffte sich von seinem Aufenthalt in Marokko, Anhaltspunkte dafür zu bekommen. Ich würde mir B. C. ansehen. Wir würden in Kontakt bleiben.
Gary und Cheryl fragten, ob ich bei einer Art Taufzeremonie für ihren Sohn Mark, meinen Namensvetter, den Vorsitz
übernehmen könne.
Der nächste Tag war ein Iowa-Tag, wie er im Buche steht. Mitte Juni, blauer Himmel so weit das Auge reicht, 22 Grad, leichte Brise, Felder mit jungem Mais bis zum Horizont.
Willkommen auf der Erde, Mark Jackson. Sag Hallo zu Mark, Erde. Bloß das eine oder das andere wäre ein Fehler. Hälfte-Hälfte zu machen war wohl das Beste, nahm ich an.
Wir hatten eine Reihe schöner Dinge zusammengetragen – Blumen, Räucherstäbchen, Kerzen und eine exzellente Flasche Weißwein, die meine Eltern mir im Vorjahr zum Examen geschenkt hatten. Sie hatten mir außerdem einen Roten geschenkt, den aber sparte ich dafür auf, wenn wir Land gefunden hatten. Für den Hintergrund hatten wir Orgelmusik von Bach ausgewählt.
Gary stellte seinen Kassettenrekorder auf, um alles aufzunehmen. Wehen und Geburt hatte er bereits mitgeschnitten, außerdem war er permanent damit beschäftigt, Mark Briefe zu schreiben und sie an einem speziellen Ort zu deponieren.
Ich trug ein Hemd, das Virge für mich aus Leinen gemacht hatte, mit einer Menge verschiedener Webarten, das einzige meiner Kleidungsstücke, das annähernd einem Talar glich. Wir saßen im Kreis, Gary und Cheryl hielten Mark, ein paar Freunde von ihnen, Virge und ich hielten uns an den Händen. Wir entzündeten die Räucherstäbchen und die Kerzen und schmissen ein bisschen mit den Blumen herum. Jeder konnte sagen, was ihm einfiel, alles, von dem er annahm, es sei angemessen, um den jungen Mark auf Erden willkommen zu heißen. Ich erinnere mich, wie Gary etwas sagte wie, dass wir dämlich genug seien zu versuchen, unser Leben in Frieden zu leben, und dass er hoffe, Mark würde es uns
gleichtun, wenn er heranwachse. Ich ermahnte ihn, nichts allzu ernst zu nehmen, was irgendjemand ihm erzählen mochte, da ja jeder als hilfloses, kleines Baby angefangen habe, so wie er eines sei und alles, was diese Leute gelernt hatten, wiederum von Leuten gelernt hatten, die ihrerseits hilflose kleine Babys gewesen seien. Wir alle ließen ihn wissen, dass wir uns ihm irgendwie sehr zugehörig fühlten und dass es, egal was sei, immer eine Menge Leute gebe, die alles in ihrer Macht Stehende für ihn tun würden. Ich sagte ihm, dass, falls es einen Gott gebe, der so kleinkariert sei, ihm die Regelwidrigkeiten dieser kleinen Zeremonie vorzuhalten, dieser ER ganz zweifellos einen ziemlich kleinkarierten Himmel führe, mit dem Mark ohnehin nichts am Hut haben wolle. Wir sprachen eine Weile darüber, in was für eigenartige Zeiten er zufällig hineingeboren worden sei. Ich versuchte ihm kurz zu erklären, warum ich auf Kaution draußen war. Wir tranken alle von dem Wein und besprengten seinen Kopf damit, während wir ihn im Kreis herumgehen ließen und ihn vorsichtig auf die Fontanelle küssten.
Zwei Jahre zuvor hatten Gary und Cheryl mich gefragt, ob ich sie rechtmäßig trauen könne. Dass sie mich als ihren Pfarrer betrachteten, hatte eine Menge damit zu tun, warum ich nicht ins Priesterseminar ging. Ich war schon immer ein Fan des Laienpriestertums gewesen und daher der Meinung, das Priesterseminar könne womöglich das Quäntchen fragile Magie, das ich besaß, und das sie und ein paar andere Leute bewogen hatte, mich in dieser Position zu sehen, kaputt machen. Ich wollte das Wesentliche nicht gegen das Amtszeichen eintauschen und außerdem schienen mir die Vorlesungsverzeichnisse der meisten Priesterseminare immer irgendwie etwas Feiges an sich zu haben.
Am Tag nach der Zeremonie für Mark musste ich zurück nach Pennsylvania zu einer Anhörung, bei der es um die Legalität der Durchsuchung und meiner Verhaftung ging. Mein Anwalt war überzeugt, wir könnten den Fall im Handumdrehen zu den Akten legen, aber der Polizist tauchte nicht auf. Vielleicht konnten wir in einer Woche eine weitere Anhörung erreichen, vielleicht aber auch nicht. Ich jedenfalls konnte nicht so lange bleiben, weshalb wir einfach bis zum Prozess würden abwarten müssen, der für irgendwann im September angesetzt war.
Diese ganze Fahrerei, der ganze Stress für nichts und wieder nichts, war saumäßig nervig, aber irgendwie war es mir auch egal. Dieser Unsinn zeigte mir, dass ich eine weise Entscheidung getroffen hatte: von diesem ganzen Scheiß wegzukommen.
Als ich nach West Branch zurückkehrte, war Virginia kaum in der Lage Hallo zu sagen. Sie war völlig erstarrt, hielt beinahe den Atem an, ihr Zustand war fast katatonisch. Ich hatte sie bereits einige Male vorher so erlebt und danach ebenfalls, aber es war nichts, woran man sich irgendwann gewöhnte.
Es war, als ob man hereinkam und jemanden zerknüllt auf dem Fußboden fand. »Was ist? Was ist los? Sag etwas, bitte.«
Aber sie konnte nichts sagen. Sie hockte einfach so da, nickte oder schüttelte vielleicht ganz leicht den Kopf. Völlig verzweifelt bohrte ich weiter. »Ist es dies? Ist es jenes?« Ich versuchte alles, bis ich irgendetwas sagte, das ihre Augen ein kleines bisschen heller werden ließ und ihren Atem etwas tiefer. Es hatte etwas von einer Scharade. Je näher ich der Sache kam, umso mehr entspannte sie sich, bis ich schließlich aussprach, was ihr auf der Seele lag. Dann erlangte sie
nach und nach die Fähigkeit zum Sprechen wieder und tat so, als sei nie etwas Merkwürdiges vorgefallen.
Diesmal wollte sie umkehren, nach Boston oder New York zurückfahren, ein Apartment mieten und einen Job finden. In gewisser Weise beneidete ich sie sogar. Aber für mich war umzukehren keine Option. Falls es das für sie war, sollte sie es vielleicht tun. Ich wusste, was dort auf mich wartete, und das war einfach zu viel Nichts. Es gab dort einfach nicht genügend Hoffnung. Aus meiner Sicht waren die Brücken dorthin alle abgebrochen und ich musste weitergehen, bis ich etwas fand, das mich entweder retten oder umbringen würde. Welches von beidem, war mir eigentlich egal. Ich konnte bloß diesen Schwebezustand nicht mehr ertragen.

 

Mark Vonnegut

Über Mark Vonnegut

Biografie

Mark Vonnegut, geboren 1947, ist ein amerikanischer Kinderarzt und Autor. Er ist der Sohn des Schriftstellers Kurt Vonnegut und seiner ersten Frau Jane Cox. Im Vorwort seines 1975 erschienenen Buches beschreibt er sich als "Hippie, Sohn eines Helden der Alternativkultur mit einem BA in...

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