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Du wirst nicht wissen warum

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Du wirst nicht wissen warum — Inhalt

Als Hauptkommissar Benoît Lorand eines Tages in einem düsteren Kellerverlies erwacht, ist plötzlich alles wie im Albtraum. Eine Frau hält ihn gefangen und bezichtigt ihn eines abscheulichen Verbrechens. Lorand kann sich an nichts erinnern. Ihr hilflos ausgeliefert, versucht er seine Peinigerin davon zu überzeugen, dass er unschuldig ist. Doch sie scheint Beweise für seine Untat zu haben. Und auch wenn das ganz unmöglich ist, der Kommissar kann nur hoffen, dass seine Kollegen ihn bald finden…

 

 

 

Erschienen am 01.06.2016
Übersetzer: Eliane Hagedorn, Bettina Runge
304 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-1000-3
Erschienen am 01.06.2016
Übersetzer: Eliane Hagedorn, Bettina Runge
304 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7868-1

Leseprobe zu »Du wirst nicht wissen warum«

Komisches Gefühl.
Wie ein Kater nach einer durchzechten Nacht. Nur dass er sich an den Vorabend nicht richtig erinnern kann … Neuronaler Breakdown.
Schließlich schlägt er die Augen vollständig auf. Bemerkt, dass er auf dem blanken Boden liegt, auf dreckigem Beton. Eine Mischung verschiedener Gerüche dringt in seine Nase: Wandfarbe, Putzmittel, Benzin? Unangenehm, vor allem am frühen Morgen. Aber ist es überhaupt Morgen?
Es riecht nicht wie in meiner Wohnung.
Erste Gewissheit: Ich bin nicht bei mir zu Hause.
Aber wo dann?
Seine Lider wollen sich wieder [...]

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Komisches Gefühl.
Wie ein Kater nach einer durchzechten Nacht. Nur dass er sich an den Vorabend nicht richtig erinnern kann … Neuronaler Breakdown.
Schließlich schlägt er die Augen vollständig auf. Bemerkt, dass er auf dem blanken Boden liegt, auf dreckigem Beton. Eine Mischung verschiedener Gerüche dringt in seine Nase: Wandfarbe, Putzmittel, Benzin? Unangenehm, vor allem am frühen Morgen. Aber ist es überhaupt Morgen?
Es riecht nicht wie in meiner Wohnung.
Erste Gewissheit: Ich bin nicht bei mir zu Hause.
Aber wo dann?
Seine Lider wollen sich wieder schließen. Er kämpft mit aller Kraft dagegen an.
An der Decke abblätternde Farbe. Links eine Wand, nackter Beton, mit einer dunklen Vertiefung in der Mitte, in der er ein weißes Porzellanbecken auszumachen glaubt …
Gegenüber ein vergittertes Kellerfenster; dahinter ein zaghafter Widerschein von Sonnenstrahlen. Das einzige Licht kommt von dort. Er dreht den Kopf nach rechts, was ihm höllische Nackenschmerzen verursacht. Und da entdeckt er …
Die Gitterstäbe.
Er versucht, sich aufzurichten. Alles schwankt, dreht sich im Kreis. Erst auf alle viere, dann auf die Knie; und schließlich auf die Füße. Rascher Blick zu allen Seiten: Er erkennt nichts wieder.
Er macht einige Schritte, stößt gegen die Metallstäbe, die ihn umgeben, versucht, das Gitter zu öffnen. Er rüttelt wie besessen an dem Türgriff. Vergebliche Mühe.
Eingesperrt.
Sein Herz befreit sich langsam aus seiner Lethargie. Beginnt heftig zu schlagen. Sehr heftig.
In einem lächerlichen Reflex tastet er nach seiner Pistole. Um sich Mut zu machen. Doch sein Holster ist leer. Eine schreckliche Leere.
Zweite Gewissheit: Ich stecke in der Scheiße …
Jenseits des Käfigs, der ihn gefangen hält, ein beunruhigendes Halbdunkel. Vage erkennt er schmutzige Regale, vollgestopft mit Kartons, leeren Flaschen und Einmachgläsern. Werkzeug, das an den Wänden lehnt; weitere Kartons, am Boden gestapelt; eine Treppe. Mehr sieht er nicht von seinem Standort aus.
Eine Garage oder ein Keller. Ein elendes Loch. Ein Rattenloch.
Aber was habe ich hier verloren, verdammt noch mal?
In der Nische eine Art Badezimmer. Ein Waschbecken, eine Duschwanne, ein Klo. Noch immer wackelig auf den Beinen, setzt er sich lieber hin. Er lässt sich auf eine Decke sinken, die am Boden liegt, lehnt sich an die Wand gegenüber dem Gitter.
Energisch bringt er seine grauen Zellen in Gang. Versucht, sich zu erinnern, wie er hierhergekommen ist. Vergebens.
Totaler Blackout.
Er sucht in den Taschen seines Mantels, seiner Jeans. Auch da nur Leere. Kein Portemonnaie mehr, keine Knarre, keine Anhaltspunkte. Dafür eine grauenhafte Migräne.
Er streicht über seinen Nacken und stellt verdattert fest, dass geronnenes Blut an seinen Fingerkuppen klebt.
Mist, ich bin verletzt …
Seine Hose ist verdreckt, sein Mantel auch. Er wurde wohl über den Boden geschleift.
Er versucht weiter, sich zu erinnern. Statt seines Gedächtnisses nur ein löchriger Käse. Ein paar sehr vage Bilder, ohne Anfang oder Ende.
»Verdammt! Was ist bloß los?!«
»Stimmt etwas nicht, Hauptkommissar? Kopfschmerzen vielleicht?!«
Er zuckt zusammen. Das kommt aus dem Dunkel. Er kneift die Augen zusammen, nimmt verschwommen eine Gestalt im hinteren Teil des riesigen Kellers wahr, auf der anderen Seite der unüberwindbaren Abtrennung.
»Wer … Wer sind Sie?«
»Sie erinnern sich nicht?!«
Plötzlich, diese Stimme … Eine Bilderflut steigt vor seinem inneren Auge auf.
Eine Frau. Rothaarig, eher charmant. Ja, er entsinnt sich. Vage.
Er hat sie nach Hause begleitet. Aber wo ist er ihr begegnet? Das fällt ihm nicht mehr ein. Sie haben ein Gläschen zusammen getrunken, er hat sie in die Arme genommen … Anschließend nichts als ein schwarzes Loch.
Wie heißt sie noch mal?
Er nähert sich den Gitterstäben, klammert sich mit beiden Händen daran fest. Macht einen Versuch.
»Lydia?«
»Ich sehe, die Erinnerung kommt zurück, Hauptkommissar!«
Bingo! Ich habe mich nicht im Vornamen geirrt!
»Lydia. Warum haben Sie mich hier eingesperrt? Was soll dieses blöde Spiel?«
Die Silhouette löst sich aus dem Schatten, gleitet zu ihm hin, bleibt aber anderthalb Meter von der Grenze entfernt stehen. Jetzt erkennt er sie. Hochgewachsen, elegant. Langes Haar, helle Haut. Und auf den Lippen ein unheilvolles Lächeln.
»Der Spaß hat jetzt lang genug gedauert, Lydia! Sie öffnen jetzt dieses Gitter und … Wo ist überhaupt meine Pistole?«
»Ihre Waffe ist in meinen Händen. Genau wie Ihr Leben …«

KAPITEL 1
Seine Finger umklammern das kalte Metall. Derart mit den Gitterstäben verschweißt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als zu versuchen, zumindest seine Stimme im Griff zu behalten. Genau wie Ihr Leben …
»Wenn das ein Scherz sein soll, ist er wirklich nicht komisch!«
Lydia macht einen Schritt auf ihn zu, bleibt aber trotzdem auf Distanz. Unberührbar.
Er kann jetzt ihr Gesicht besser erkennen, auch wenn es weiter von Schatten verhüllt bleibt. Als ihre Blicke sich treffen, liest er in ihren Augen nichts Belustigendes.
»Haben Sie Angst, Hauptkommissar?«
Ihre raue Stimme lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren. Ein leichter Schauer läuft über seinen ohnehin schon schmerzenden Nacken.
»Angst?! Nein. Ich frage mich nur, ob …«
»Seien Sie still!«
Die Kerkermeisterin greift nach einem Stuhl, lässt sich ihm gegenüber nieder, schlägt die Beine übereinander und zündet sich eine Zigarette an.
»Was ist das für ein Gefühl, Gefangener zu sein?«
»Ein beschissenes! Öffnen Sie augenblicklich diese Tür!«
Er hat die Ruhe verloren, das verrät schon seine Stimme.
»Jetzt mal ganz langsam, Hauptkommissar! Ich gebe hier die Befehle!«
Er seufzt und hebt die Augen gen Himmel, den er gar nicht sehen kann. In seinem Kopf und um ihn herum dreht sich weiterhin alles. Am liebsten würde er sich auf der Stelle übergeben. Er weicht zurück bis zur Wand, lässt sich an ihr hinuntergleiten, bis er auf der Decke sitzt.
»Gefällt Ihnen der Ort? Richtig lauschig, oder? Außerdem ist es ruhig. Unendlich ruhig! Gut, es ist nicht besonders luxuriös, aber …«
»Was soll das hier? Was soll dieser Blödsinn?«
»Regen Sie sich nicht auf, Benoît. Das bringt Ihnen gar nichts, wissen Sie!«
Sie kennt seinen Vornamen. Natürlich, sie haben ein Gläschen zusammen getrunken. Sie haben sich sogar geküsst. Vielleicht sogar mehr …
»Wenn Sie dann wohl die Güte hätten, mir zu erklären, was ich hier zu suchen habe!«
Sie drückt den Zigarettenstummel mit ihren Pumps aus und tritt ganz dicht an das eiserne Gitter. Er fragt sich, ob er aufstehen soll. Schließlich bleibt er aber auf seiner Decke sitzen.
»Das wissen Sie nicht?«
»Nein, ich hab keine Ahnung!«, knurrt er.
»Aber gewiss doch …«
Er schnellt hoch, wie eine Sprungfeder. Sie weicht zurück. Er klammert sich wieder an die Metallstäbe.
»Ich warne Sie. Sie bekommen ernsthafte Probleme, wenn Sie mich nicht augenblicklich hier rauslassen! Ich erinnere Sie daran, dass ich Polizist bin!«
Sie lächelt erneut und beginnt, die Treppe hinaufzusteigen.
»Ich komme bald wieder herunter, Herr Polizist! Wenn Sie sich entspannt haben.«
»Halt! Kommen Sie zurück, Lydia! Wohin gehen Sie?«
Sie ist bereits oben angelangt, dreht sich nicht einmal um. Eine Tür knarrt und schlägt zu. Sie ist verschwunden.
Benoît traktiert das gleichgültige Gitter mit Fußtritten. Stößt Wutschreie aus, die im Nichts verhallen. Die vom undurchlässigen Deckel seines Sarges zurückprallen.
* * *
Er lehnt seinen Kopf an die Betonwand, schließt die Augen.
»Ich bin an eine Geisteskranke geraten, verdammt!«, stöhnt er. »Das kommt davon, wenn man seine Frau betrügt …«
Aber haben wir überhaupt zusammen geschlafen? Ich erinnere mich nicht mal dran! Sollte dem so gewesen sein, hat es ihr offensichtlich nicht gefallen. Sonst wäre ich in ihrem Bett aufgewacht, nicht in ihrem Keller!
Er versucht, sich den Ablauf des gestrigen Tages zu vergegenwärtigen. So wie er es für gewöhnlich tut, wenn jemand als vermisst gemeldet wird.
Nur dass in diesem Fall ich verschwunden bin.
Wie sehr er sich auch den Kopf zermartert, er bekommt nur das Ende des Filmes zu sehen … Doch er gibt nicht auf, konzentriert sich, wringt sein Gehirn aus wie einen Lappen. Nach etwa einer Viertelstunde nimmt alles langsam Form an. Gewiss, einige Teile des Puzzles fehlen noch, aber …
Am frühen Abend, auf dem Heimweg von Dijon … Da sah er dieses Mädchen am Straßenrand. Autopanne, gleich am Ortsausgang von Saint-Vit. Vergeblich hat er versucht, ihren Wagen wieder in Gang zu bringen. Da sie Angst hatte, allein im Dunkeln nach Hause zu laufen, hat er ihr angeboten, sie zu fahren. Ein altes Haus, verloren in einem verwilderten Garten. An der D 75, nicht weit hinter Fraisans. Ja, genau, am Rand des Forêt de Chaux. Jetzt sieht er die Örtlichkeiten wieder deutlich vor sich. Als Dank hat sie ihm einen Drink angeboten. Natürlich hat er Idiot nicht daran gedacht, abzulehnen! Sie hat sich dicht neben ihn gesetzt. Er erinnert sich, auf ihre Beine geschielt zu haben, ihr einladendes Dekolleté. Ein zweiter Scotch, er fühlte sich entspannt. Wollte schon seine Frau anrufen, um ihr zu sagen, er käme später. Ein dringender Fall.
Wie kann man nur so blöd sein!
Sie haben sich geküsst. Er erinnert sich an das Gefühl. Und danach … Nichts mehr!
Drogen! Sie hat was in sein Glas gekippt! Deshalb kann er sich an nichts mehr erinnern. Klar!
Aber was will diese Verrückte von mir?
Am liebsten möchte er heulen. Fürs Erste begnügt er sich aber damit, pinkeln zu gehen.
Er sieht sich seine Zelle noch einmal genauer an. Sonderbar, dass sie so präzise eingerichtet ist. Als hätte seine Kerkermeisterin alles vorbereitet, um ihn hier einzusperren. Vielleicht hat sie es sich zur Gewohnheit gemacht, Typen hier festzuhalten! Vielleicht greift sie immer wieder mal auf den Trick mit der Autopanne zurück, lädt die Kerle zu sich ein und … Und was? Murkst sie ab?!!
Trotz der feuchten Kälte schwitzt er ein wenig, trinkt ein paar Schlucke Wasser aus dem Hahn über dem Waschbecken.
Bewahr einen kühlen Kopf, Ben. Sie wird schließlich keinen Bullen kaltmachen. Und wenn es eine Serienmörderin in der Gegend gäbe, so wüsste er es! Nein, vielleicht geht seine Fantasie mit ihm durch, in Wirklichkeit hält sie ihn nur wenige Stunden fest und lässt ihn dann einfach gehen … Aber sobald sie dieses Gitter öffnet, werde ich sie …
Die Tür über der Treppe knarrt. Er nähert sich den Metallstäben, sieht ein Paar umwerfende Beine langsam die Stufen herunterkommen.
»Nun, Hauptkommissar, haben Sie sich beruhigt?«
»Voll und ganz, Lydia! Ich habe Sie erwartet.«
»Mich erwartet?«
»Ja. Es gibt sicher etwas, das ich für Sie tun kann, oder? Sonst hätten Sie mich nicht in dieses Loch eingesperrt! Sagen Sie also, was Sie von mir erwarten.«
»Alles zu seiner Zeit, Benoît.«
»Ich habe nämlich derzeit viel Arbeit, wissen Sie? Und ich habe keine Ahnung, wie spät es ist, nachdem Sie mir meine Uhr abgenommen haben. Aber ich denke, ich müsste längst im Büro sein …«
»So ist es.«
Sie nimmt auf dem kleinen Holzstuhl ihm gegenüber Platz.
»Also, was spielen wir für ein Spielchen, liebe Lydia?«, fragt er lächelnd.
Ein extrem gezwungenes Lächeln, das ihr etwas vormachen soll.
»In diesem Fall bin ich es, die spielen wird.«
»Ach ja? Und was?«
»Sie beim Sterben beobachten, Hauptkommissar …«

KAPITEL 2
Welcher Tag ist heute?
Dienstag, der 14. Dezember.
Ja, genau. Vorhin hat sie gesagt, ich müsste schon im Büro sein. Demnach ist es also zwischen zehn und elf Uhr morgens.
Entscheidend ist, nicht das Zeitgefühl zu verlieren.
Es ist das erste Mal, dass Benoît regelrecht bedauert, nicht im Büro zu sein! Das erste Mal, dass ihm das Geschrei seines Chefs fehlt.
Er zieht seinen Mantel aus, steht auf; noch immer dreht sich alles. Sie muss ihm eine Riesenladung Stoff in den Whisky gegeben haben, dieses kleine Miststück!
Er läuft am Gitter entlang, stellt fest, dass es vor Kurzem in den Boden einzementiert worden sein muss. Vor der Tür hält er an. Versucht es noch einmal, rüttelt mit aller Kraft daran. Bearbeitet sie mit Fußtritten, wirft sich mit der Schulter dagegen. Denn Kraft hat Benoît. Noch. Im Überfluss. Aber das Ding ist solide. Das würde sogar einen mit Amphetaminen vollgepumpten Kampfstier aufhalten.
Er stellt sich unter das Kellerfenster, das zu hoch ist, um hinaufzugelangen. Dabei ist er wahrlich kein Zwerg! Auf jeden Fall sind auch hinter der verdreckten Scheibe Gitterstäbe. Aber er hätte wenigstens um Hilfe rufen können.
Nein, es ist noch zu früh, um um Hilfe zu rufen!
Erst einmal und vor allem ruhig Blut bewahren.
In der Ecke mit der Toilette macht er sich auf die Suche nach einem Gegenstand, mit dem er das Türschloss aufbrechen könnte. Nichts.
Nachdem sich die Muskeln als nutzlos erwiesen haben, ruft er seine grauen Zellen zu Hilfe. Wichtig ist, ruhig zu bleiben und konzentriert nachzudenken. Zu verstehen.
Man handelt besser, wenn man versteht. Man kämpft leichter gegen einen Feind, dessen Psyche man einschätzen kann.
Er setzt sich erneut auf seine Decke. Wie ein Hund.
Warum? Warum hat mich diese Irre hier eingesperrt? Purer Wahnsinn? Sexuelle Abweichung?
Das Schlimmste ist: Sie hat meine Knarre. Zu allem Überfluss geladen!
Sie beim Sterben beobachten, Hauptkommissar …
Nein, ich wüsste nicht, warum sie mich abknallen sollte!
Obwohl … Psychopathen bin ich in meiner Karriere schon so einigen begegnet. Sie brauchen eigentlich keinen bestimmten Grund, um ihre Opfer umzulegen??!
Oder aber, ich habe ihren Typen geschnappt und eingebuchtet. Aber das sind keine Gangstermethoden! Sie verlangen nicht von ihrer Braut, dass sie einen Bullen einsperrt, um Rache zu üben …
Ein Lösegeld? Lächerlich! Ich bin völlig blank! Meine Familie auch.
Und Gaëlle, die sicher überall anruft, um herauszufinden, wo ich bin! Die tausend Ängste ausstehen muss.
Benoît drückt sich an die Wand. Nicht zu wissen, ist die schlimmste aller Torturen. Er hat den Eindruck, sich in einem kafkaesken Szenario zu befinden. Einer verrückten Geschichte. Einer Art Albtraum mit dem bitteren Beigeschmack von Realität.
Sie wird etwas im Austausch für meine Freiheit verlangen. Ja, das ist es! Sie wird das Ministerium kontaktieren, sagen, dass sie einen Polizisten als Geisel hält, um die Freilassung eines Ganoven oder etwas in der Art zu erwirken. Aber was interessiert die so ein kleiner Bulle aus der Provinz?!
Grausame Frage: Was ist meine Haut wert?
Er erstickt, knöpft sein Hemd bis zum Bauchnabel auf, richtet die hellen Augen auf das Kellerfenster. Das Bedürfnis zu brüllen, wild um sich zu schlagen, überkommt ihn.
Schone deine Kräfte, Ben … Du wirst sie noch brauchen, um dich aus dieser Falle zu befreien.
Er beginnt wieder, auf und ab zu laufen. Er kann nicht anders, als wenn Stillstand bedeuten würde, sich dem Tod auszuliefern.
Ein Raubtier im Käfig.
Plötzlich kann er dieses Auf und Ab der Tiere in den Käfigen der Zoos besser verstehen.
Warum hab ich sie nicht einfach am Straßenrand stehen lassen, verdammt?! Wie konnte ich nur so blöd sein?
Aber wie hätte ich das auch ahnen können? Dass dieses Biest mit den Allüren einer Femme fatale mich in ihrem Keller einsperren würde!
Auf alle Fälle werden sie bald merken, dass ich verschwunden bin, und die Suche einleiten. Nur dass diese Bruchbude nicht wirklich auf meinem Weg liegt …
Vielleicht war sie unvorsichtig und hat mein Handy eingeschaltet gelassen. Dann könnte man mich orten …
»Los, Leute, holt mich hier raus!«, fleht er. »Holt mich hier raus!«
Nicht an den Tod denken. Nicht so voreilig.
Innerhalb weniger Stunden ist er klaustrophobisch geworden. Ein bislang unbekanntes Gefühl.
Noch nie hat er sich derart ohnmächtig gefühlt. Wehrlos im Angesicht des Gegners.
Er ist jemandem ausgeliefert. Einer Frau ausgeliefert. Einer Verrückten.
Sie war nicht zufällig auf dieser Straße. Sie hatte es auf ihn abgesehen, ganz gezielt. Aber wie konnte sie wissen, dass ich den Weg über Saint-Vit nehme, genau zu dieser Stunde? Ich fahre nie zur selben Zeit nach Hause, das ist völlig absurd! Außerdem kam ich aus Dijon, nicht aus Besançon …
Ein Zufall. Ein schmerzlicher Zufall.
Mich hat es erwischt. Dabei habe ich das gar nicht verdient.
Er streckt sich auf der Decke aus. Der Betonboden ist nicht gerade bequem, doch es hat keinen Sinn, seine Energie zu vergeuden.
Sie kann was erleben. Wenn ich hier raus bin, wird sie schon sehen, was sie davon hat.
* * *
Das ähnelt einem Spiel.
Der Erste, der sich bewegt, hat verloren.
Wie lange schon beobachtet sie mich so? Eine Stunde, mindestens …
Auf ihrem Stuhl, die Beine übereinandergeschlagen wie immer. Und von Zeit zu Zeit eine Zigarette.
Ich würde übrigens auch gern eine rauchen.
Sie hat sich vor dem Gitter niedergelassen. Ohne ein Wort hat sie sich gesetzt, ihr Gesicht im Schatten. Sie hat ihr Kostüm gegen ein Outfit getauscht, das weniger sexy ist; Jeans, Pullover, Turnschuhe.
Ich würde mich auch gerne umziehen. Eine heiße Dusche, saubere Kleidung …
Benoît hat sich nicht gerührt. An die Wand gelehnt, bleibt er auf seiner Decke sitzen. Die Beine angezogen. Ganz brav. Entschlossen, den Eindruck zu erwecken, dass er keine Angst hat, nicht einmal nervös ist. Eine Fassade der unerschütterlichen Ruhe.
Sie will mich stundenlang so beobachten? Von mir aus! Soll sie mich doch anstarren! Sie wird dieses albernen Spielchens schon überdrüssig werden. Und mir endlich erklären, was sie eigentlich will. Sich outen.
Ich hab schon so manchen Irren getroffen, aber sie hat wirklich den Oscar verdient!
Die Sonne ist hinter dem Kellerfenster verschwunden. Das Tageslicht verblasst, wird bald nur noch eine grausame Erinnerung sein.
Ich hoffe, sie haben mit der Suche begonnen und mein Handy wird sie überführen. Wenn sie mich hätte töten wollen, hätte sie längst den Abzug gedrückt. Das ist ja nicht so kompliziert!
Man beruhigt sich, wie man kann …
Nachdem er sich so lange nicht gerührt hat, sind seine Beine ganz steif geworden. Er würde am liebsten aufstehen, hat aber beschlossen, sich nicht als Erster zu bewegen.
Er befindet sich im fahlen Dämmerlicht, sie hingegen ist in völlige Dunkelheit getaucht. Er fixiert sie, ohne sie wirklich zu sehen. Mustert nur die Finsternis.
Mir tut der Hintern weh auf diesem Beton! Ich habe Durst. Ich habe Hunger!
Wie kann man Hunger haben, wenn man nicht weiß, ob man die Nacht überstehen wird? Vitalfunktionen, Instinkte … Der Körper lebt weiter, während der Geist sich schon mit dem Gedanken an den Tod vertraut macht.
Sie zündet sich noch einen Glimmstängel an. Für den Bruchteil einer Sekunde erleuchtet die Flamme des Feuerzeugs ihr Gesicht.
Ein so hübsches Gesicht, denkt Ben. Nicht perfekt, nein. Eher betörend. Ihr Anblick lässt niemanden – weder Mann noch Frau – gleichgültig. Ja, der Blick verweilt zwangsläufig auf dieser Skulptur aus Eis und Feuer, um die Züge zu erkunden, die zugleich einnehmend und furchteinflößend sind und die im Kontrast stehen zu der Zerbrechlichkeit, die man am Grund ihrer Augen erahnt.
Ein faszinierendes Werk der Natur.
Ja, ein so hübsches Gesicht.
Ein Monster.
So sieht er sie fortan. Ein Monster in der Haut einer bezaubernden Frau.
Ideale Tarnung, um männliche Beute anzulocken.
»Woran denken Sie, Hauptkommissar?«
Benoît zuckt unmerklich zusammen. Er hat gewonnen, sie hat als Erste das Schweigen gebrochen!
Er antwortet nicht, begnügt sich mit einem selbstsicheren Lächeln.
»Nun, woran denken Sie, Benoît?«
»An Sie natürlich. An wen sonst?«
»Sie stellen sich eine Menge Fragen, nicht wahr?«
»Die eine oder andere.«
»Welche?«
Er hat sich dem Gitter genähert.
»Ich frage mich, welcher Idiot von Psychiater Sie aus der Klapsmühle entlassen hat!«
Diese Bemerkung löst ein diskretes, aber finsteres Lachen der Hausherrin aus.
»Sie glauben, dass ich verrückt bin?«
»Ohne jeden Zweifel!«
»Sie irren sich.«
»Entzückt, das zu hören!«
»Eine weitere Frage?«
»Ich habe mir auch überlegt, was ich Ihnen antun werde, wenn ich hier rauskomme.«
»Drohungen?«
»Ich habe da so ein paar Ideen!«
»Wähnen Sie sich wirklich in einer Position der Stärke, Hauptkommissar? An Ihrer Stelle würde ich mich doch lieber bedeckt halten!«
»Das ist nicht meine Art, Chérie, tut mir leid!«
Lydia kichert erneut. Sie fixiert ihn weiterhin und wickelt dabei automatisch eine Strähne ihrer prächtigen roten Mähne um den Finger. Ein Tick, der Benoît schon vom ersten Moment an aufgefallen war.
»Finden Sie mich so interessant, dass Sie mich über Stunden beobachten?!«, wagt er sich vor. »Das ist schmeichelhaft, aber …«
Sie macht sich gar nicht erst die Mühe, darauf zu antworten.
»Wenn es das ist, verspreche ich, Ihnen ein Foto von mir ins Gefängnis zu schicken«, fährt Benoît fort. »Oder in die Klapsmühle! Dann können Sie mich pausenlos bewundern! Dann können Sie Ihre endlosen Tage damit ausfüllen.«
Noch immer keine Reaktion.
»Hören Sie, Lydia. Wenn ich Ihnen gefalle, dann kann ich vielleicht etwas für Sie tun. Wenn es das ist, was Sie wollen, brauchen Sie mich nicht in Ihrem Keller einzusperren! Dann wären wir besser in Ihrem Schlafzimmer aufgehoben, oder nicht?«
Sie erhebt sich, und einen Moment lang schöpft er Hoffnung. Doch sie steuert auf die Treppe zu.
»He! Lydia! Gehen Sie nicht einfach so! Was ist los? Mache ich Ihnen jetzt etwa Angst? Kommen Sie zurück!«
Die Tür fällt ins Schloss. Er seufzt. Niederlage.
Er hätte weniger zynisch, sondern viel subtiler sein müssen. Er sinkt auf seine Decke zurück, streckt sich aus und hüllt sich in seinen Mantel. Verdammte feuchte Kälte!
Sie kommt bestimmt bald zurück. Ich ändere meine Strategie. Ich finde sicher ihre Schwachstelle.
* * *
Die Gitterstäbe trennen sie. Die Nacht ist hereingebrochen, diesmal hat Lydia aber Licht gemacht. Ein flackerndes Licht, das an ein schwaches Holzfeuer erinnert.
Sie hat sich nahe herangewagt. Er steckt die Arme durch die Metallstäbe, zieht sie etwas heftig zu sich heran.
»Nun, Lydia? Brauchst du die Gitterstäbe, um dich aufzugeilen, ja?«
Sie presst die Lippen auf seine. Er würde sie am liebsten beißen, tut aber, was sie wünscht, in der Hoffnung, hier herauszukommen. Er küsst sie, lässt seine Hand hinab und unter ihren Rock gleiten. Nicht sehr praktisch, diese Metallstäbe. Aber auch nicht unangenehm als Setting!
Er glaubte, schon alles erlebt zu haben. Aber das … kommt nicht mal im Kamasutra vor! Müsste man als Anhang noch hinzufügen.
Sie murmelt mit lasziver Stimme seinen Vornamen. Sie knöpft sein Hemd auf, er lässt es geschehen. Sie hat den Schlüssel und damit alle Rechte. Er schließt die Augen, durchlebt ein schmerzhaftes Zittern. Sie löst seinen Gürtel, schiebt seine Hose herunter.
Ja, die Situation könnte schlimmer sein, keine Frage.
Sie führt den Tanz an, er widersteht nicht. Es ist ihm immer schon schwergefallen, Frauen zu widerstehen. Und umgekehrt.
Benoît zuckt zusammen, öffnet die Augen.
Totales Dunkel, Rücken an der eiskalten Wand.
Die Lust ist noch da, tief in seinen Eingeweiden.
Und doch war es nur ein Traum. Täuschend echt.
Verdammt. Was soll dieser Traum? Ich kann doch diese Irre nicht begehren!
Er tastet sich bis zu seinem Luxusbad vor und schlägt mit dem Kopf gegen die Wand.
»Verdammte Scheiße!«
»Ein Problem, Hauptkommissar?«
Er fährt erneut zusammen. Er wird noch einen Herzinfarkt bekommen!
Sie ist da, dort im Dunkel, hockt wahrscheinlich auf ihrem Stuhl. Hat ihn beobachtet, während er schlief.
Blödsinn! Sie kann mich bei Nacht nicht sehen.
Trotzdem fühlt er sich bespitzelt, ausspioniert. Fast vergewaltigt.
»Angst vor der Dunkelheit, Benoît?«
Er schweigt. Wartet regungslos auf die Fortsetzung des Spiels. Denn es ist zweifellos ein Spiel. Er hört, dass sie aufsteht, erahnt ihre Bewegungen. Durch das Kellerfenster dringt kaum mehr als dürftiges Mondscheinlicht, aber seine Augen beginnen, sich daran zu gewöhnen. Er sieht einen Funken, sie hat den Schalter betätigt. Die Birne, die von der Decke hängt, verströmt augenblicklich ein unnatürlich grelles Licht.
Sie tritt näher, er fühlt sich an seinen Traum erinnert.
Sie nicht erschrecken. Sie nicht vertreiben. Er macht einen Schritt auf sie zu, sie weicht nicht zurück.
»Lydia, ich muss zugeben, ich verstehe Sie nicht. Aber Sie können es mir sicher erklären.«
Noch ein Schritt. Sie ist immer noch da, nahe der verbotenen Grenze. Sie flüchtet nicht – ähnlich wie in seinem Traum. Eine Vorahnung? Er stellt fest, dass es ihm nicht missfallen würde.
»Wissen Sie, Lydia, so langsam bekomme ich Hunger.«
»Das denke ich mir. Seit etwa vierundzwanzig Stunden haben Sie nichts mehr gegessen. Aber es heißt ja, man könnte das über einen Monat durchhalten, wenn man einfach nur Wasser trinkt.«
Sein Hals schnürt sich zusammen, sein Magen auch.
»Ist das Ihr Plan? Mich verhungern lassen?«
Ein weiterer behutsamer Schritt. So nah am Ziel.
»Sie werden es erleben«, gibt sie kalt zurück.
»Überraschungen haben mir nie gefallen! Also sagen Sie mir, was mich erwartet!«
Urplötzlich stürzt er sich auf sie. Sie versucht, sich ihm zu entwinden, ist nicht schnell genug. Er hat ihr Handgelenk im Griff, eine der Metallstangen bohrt sich hinein. Er dreht sie herum, sodass sie jetzt mit dem Rücken zum Gitter steht. Er drückt seinen Unterarm auf ihre Kehle.
»Nun, Lydia? Jetzt ist es wohl nicht mehr so lustig, was?«
Sie wehrt sich, er hält durch. Beginnt mit der anderen Hand, ihre Taschen abzusuchen.
»Wo ist der Schlüssel?«, brüllt er.
»Glaubst du wirklich, dass ich ihn bei mir habe? Idiot! Wenn du mich erwürgst, kommst du hier nie raus!«
Er zieht an ihren Haaren, verdreht ihren grazilen Nacken, entlockt ihr einen Schrei.
»Wo ist der verdammte Schlüssel?«, zischt er ihr drohend ins Ohr.
»Oben! Du vergeudest deine Zeit, Dreckskerl!«
Er hätte Lust, ihr das Genick zu brechen. Aber sie hat recht: Wenn er sie tötet, wird er in diesem Loch krepieren, noch dazu ganz in der Nähe einer Leiche. Er zwingt sie, sich zu ihm umzudrehen – ihre bernsteinfarbenen Augen funkeln wütend.
»Was willst du, Lydia, sag …«
Benoît streicht mit den Fingerspitzen über ihren Hals. Nach der harten Tour will er es nun mit Sanftheit versuchen. Er lässt eine Hand hinab zu ihren Brüsten wandern, versenkt seinen Blick in ihren.
»Ist es das, was du willst?«
Statt einer Antwort bekommt er ihr Knie mit voller Wucht zwischen die Oberschenkel. Er lässt sie los, krümmt sich vor Schmerzen.
Lydia ist zurückgewichen. Sie beobachtet ihn mit einem dämonischen Lächeln, das dann in regelrechtes Gelächter übergeht. Noch nie in seinem Leben hat er ein so grauenhaftes Lachen gehört. Er richtet sich auf, schluckt seinen Schmerz hinunter, versetzt der Tür einen Fußtritt.
»Scheiße! Ich hab die Schnauze voll von deinem Blödsinn! Sagst du mir endlich, was du willst?«
Sie postiert sich in sicherem Abstand vor ihm. Geschützt durch die Chinesische Mauer.
»Lassen die Nerven nach, Hauptkommissar? Jetzt schon? Ich hätte dich für zäher gehalten!«
»Warte nur, bis ich hier raus bin. Dann werde ich dich …«
»Gute Nacht, Benoît!«, fällt sie ihm ins Wort. »Träum schön.«
Er beginnt zu schreien wie ein Verrückter.
»Ich bring dich um, du Miststück! Verstehst du? Ich mach dich kalt!!«
Noch einmal hört er ihr satanisches Lachen, dann geht das Licht aus, die Tür fällt ins Schloss. Er bricht auf seinem behelfsmäßigen Lager zusammen, ist einen Moment lang wie betäubt. Das Gesicht des kleinen Jérémy steigt lächelnd vor ihm auf. Papa fehlt ihm bestimmt.
Aber Papa kommt zurück, mein Kleiner!
Er legt sich auf die Seite, wickelt sich in die Decke ein. Nur die Finsternis beobachtet ihn. Jetzt kann er seinen Tränen freien Lauf lassen.

KAPITEL 3
Mittwoch, 15. Dezember
Er öffnet die Augen und blickt in eine feindselige, eisige Morgendämmerung.
Alle Knochen tun ihm weh. Sicher wegen des Betons, der ihm als Matratze dient. Dazu die Kälte, die ihn stundenlang gequält hat.
Er hat miserabel geschlafen, aber viel geträumt. Fast wie im Delirium.
Von seinem Bett, warm und bequem, von seiner Frau.
Und auch von ihr. Immer wieder derselbe phantasmagorische Traum: Jeder auf einer Seite der Gitterstäbe, die unerhörte Lust …
Nicht ohne Angst blickt er prüfend in das Halbdunkel, das ihn umfängt. Nein, das Monster ist nicht da.
Der bohrende Hunger erwacht zeitgleich mit ihm. Bald achtundvierzig Stunden ohne Essen. Eine weitere, unbekannte Erfahrung; sonst hat er immer so viel zu essen gehabt, wie er wollte. Er streckt die Beine aus, dehnt sich, zieht eine schmerzvolle Grimasse.
Der Himmel draußen ist wolkenlos, ein schöner Tag kündigt sich an. Bei dieser Feststellung wird er traurig. Ein schöner Tag, ja. Nicht für mich. Ich verwese in einem Keller.
Na los, Ben, kämpfen! Stark bleiben! Sie sind dabei, dich zu suchen, sie werden dich auch finden!
Mich finden? Wie sollten sie? Jetzt wird sich zeigen, wie viel ihnen liegt an ihrem Chef! Merkwürdiger Gedanke …
Er geht zum Waschbecken, stellt fest, dass es kein warmes Wasser gibt, natürlich. Er zieht sein Hemd aus, besprengt sich mit eisigem Wasser. Fröstelt von Kopf bis Fuß, die Muskeln wie gelähmt. Hat nicht den Mumm, unter diesen Umständen zu duschen.
Neben dem Waschbecken liegt ein Handtuch, ein Stück Seife. Sonst nichts. Das Minimum, um noch ein menschliches Wesen zu bleiben.
Benoît zieht sich wieder an, schlüpft sogar in seinen Mantel. Dann unternimmt er einen höllischen Rundgang durch sein Gehege aus Beton und Stahl, beginnt von einem heißen Kaffee, einem Croissant, einer Zigarette zu träumen. Vom Lächeln seiner Frau, dem Lachen seines Sohnes. Und sogar von dem scheinheiligen »Guten Tag« seiner Nachbarin, wenn er zur Arbeit geht und sie ihren bissigen Köter Gassi führt!
Gaëlle. Nie wieder werde ich dich betrügen! Ich schwöre es!
Und wenn … wenn meine Frau dieses Mädchen bezahlt hätte, um mir eine Lektion zu erteilen?
Unsinn! Ich werde verrückt, ehrlich! Das ist der Einfluss dieser Irren!
Was kann er anderes tun, als sich auf die Decke sinken zu lassen. Und zu warten.
Die Augen fallen ihm zu, nur um sich dann vor Angst sofort wieder zu öffnen.
Bis die Tür knarrt.
Er wendet den Kopf, sieht zuerst ihre Beine. Wunderbar. Lang, perfekt gerundet. Heute trägt sie einen Rock. Kurz und schwarz. Mit hautfarbenen Strümpfen oder Strumpfhosen. Und einen beigen Rollkragenpullover. Sie schaltet das Licht nicht an, zieht sich in die Dunkelheit zurück, dem Käfig gegenüber. Er erahnt trotzdem, dass sie ihr flammendes Haar zu Zöpfen geflochten hat.
Schade, dass er sie nicht hatte vögeln können. Dann hätte er wenigstens einen Trostpreis gehabt …
»Guten Morgen, Lydia.«
Heute versucht er wieder die sanfte Art.
»Guten Morgen, Hauptkommissar. Gut geschlafen?«
»Warum Fragen stellen, wenn Sie die Antwort bereits kennen?«
Die Entgegnung entlockt ihr ein Lächeln. Zumindest bildet er sich das ein.
»Siezen wir uns wieder?!«
»Wie Sie möchten«, antwortet er. »Lydia, ich entschuldige mich für gestern.«
»Ehrlich?«
»Ja. Ich … ich bin ein bisschen ratlos. Ich weiß nicht, was Sie wollen, ich dachte …«
»Dass ich mit Ihnen schlafen möchte?! In dem Fall hätte ich Sie aber kaum hier eingesperrt!«
»Na, Sie wissen ja, manche Leute haben etwas eigenartige Gewohnheiten. Sie brauchen besondere Umstände, um …«
»Das ist bei mir nicht der Fall, das kann ich Ihnen versichern.«
»Aha. Warum dann also dieses Gitter zwischen uns?«
»Ich habe nicht vor, Sie zu verführen.«
»Schade!«
»Nein, es geht darum, Sie bezahlen zu lassen, Benoît.«
Seine Hände umklammern die Decke.
»Und ich will, dass es lange dauert. Lang und schmerzhaft soll es sein.«
Er schließt gequält die Augen. Merkwürdig, dass sie ihm all diese grässlichen Sachen mit glatter, kalter Stimme, ohne Hass erzählt. Sie muss ihn doch verabscheuen, um so etwas zu sagen. Nein, sie hasst mich nicht. Sie ist einfach nur verrückt.
»Aber warum? Was werfen Sie mir vor? Ich kenne Sie nicht einmal!«
»Und bevor Sie dahinscheiden, werden Sie um Vergebung bitten.«
Er springt auf, stößt gegen das Gitter.
»Vergebung wofür, verdammt noch mal?!«
Sie zündet sich eine Zigarette an.
»Sie werden alle Zeit der Welt haben, um zu bereuen, zu büßen …«
Er gibt auf. Senkt den Kopf angesichts dieses unerträglichen Monologs. Der ihn verurteilt, ohne der Verteidigung auch nur einmal das Wort zu erteilen.
»Das ist unmöglich!«, murmelt er. »Unmöglich …«
»Ich habe einen wichtigen Termin«, verkündet sie und erhebt sich. »Aber ich komme wieder.«
»Davon gehe ich aus! Lydia? Mir ist kalt, wissen Sie. Und Hunger habe ich auch.«
»Das ist normal.«
Er ballt die Fäuste.
»Nein, das ist nicht normal!«
Sie ist bereits auf der Treppe. Hört ihn nicht mehr.
Also versinkt er wieder in dieser unerträglichen Einsamkeit, die angefüllt ist mit Fragen. Und mit Ängsten.
* * *
Kommissariat von Besançon, 9 Uhr
»Warum ich?«
»Warum nicht Sie?!«, entgegnet Kriminaloberrat Moretti.
Djamila verdreht die Augen, rutscht auf ihrem Stuhl hin und her.
»Es ist Eile geboten, wissen Sie. Und ich halte Sie für am besten geeignet, diese Ermittlungen zu leiten.«
»Ich habe sehr viel Arbeit, Chef und …«
»Ich darf Sie daran erinnern, dass ein Kollege von Ihnen verschwunden ist! Man könnte meinen, dass Sie das völlig kaltlässt!«
»So war das nicht gemeint«, verteidigt sich Djamila. »Ich habe nichts gegen Benoît, aber … ich … ehrlich gesagt sind Vermisstenfälle nicht gerade mein Spezialgebiet, und ich bin nicht sicher, ob ich für diesen Fall wirklich geeignet bin.«
»Hören Sie, Oberkommissarin, ich habe absolutes Vertrauen in Sie und bin mir sicher, dass Sie für diese Aufgabe am besten geeignet sind!«
Eine kleine Schmeichelei wirkt immer Wunder. Djamila lächelt, sträubt sich aber noch.
»Sein Team ist bereits an der Sache dran, ich sehe nicht …«
»Die brauchen einen Chef, weil sie momentan keinen haben. Also, Sie übernehmen die Leitung des Teams Lorand und finden ihn wieder.«
Sie hat nicht wirklich eine Wahl und kapituliert schließlich.
»Okay, Chef.«
»Paris schickt uns jemanden zur Verstärkung. Jemanden von der Kripo.«
Diese großartige Neuigkeit erfreut Djamila Fashani wenig.
»Gut, schauen wir mal!«, erwidert sie leicht spöttisch.
»Es ist ein Vermisstenexperte. Er wird im Laufe des Tages eintreffen. Es handelt sich um Hauptkommissar Fabre. Wissen Sie, ich schätze Benoît sehr und ich bekomme allmählich Angst, das will ich nicht verhehlen.«
»Ich hoffe, ihm ist nichts Schlimmes zugestoßen.«
»Nutzen Sie alle Mittel, die Sie brauchen, an Personal wie an Material. Bringen Sie mir Hauptkommissar Lorand zurück.«
»Ich werde alles versuchen. Auch wenn unser Verhältnis nicht das beste der Welt war, werde ich ihn suchen, wie … einen Freund.«
»Danke, Oberkommissarin. Vielen Dank.«
Moretti sieht Djamila nach, als sie zur Tür geht. Sie ist recht hübsch anzuschauen, das muss man sagen. Das macht ihren harten, verbissenen Charakter wett. Und ihre dürftigen Qualitäten als Ermittlerin.
Sobald er allein ist, bleibt der Chef vor seinem Bürofenster stehen, die Hände in den Taschen, den Blick ins Leere gerichtet.
Er ist so erledigt, dass er sich nur noch eines wünscht: nach Hause zu gehen und zu schlafen. Zwei oder drei Tage am Stück. Um die Erschöpfung zu vergessen, vor allem aber auch das Laster, das er sich zugelegt hat, seitdem seine Frau ihn verlassen hat.
Wie einfach, sich selbst zu belügen! Sicher ist sie deswegen gegangen.
Weil er bereits vorher krank war. Bereits süchtig, auch wenn danach alles noch schlimmer geworden ist.
Weil er ein Abhängiger ist, nicht mehr wert als die Junkies, die seine Leute an der Straßenecke auflesen.
Nächtliche Injektionen, nur an einem Tisch mit ein paar Karten.
Gewinnen, meistens verlieren … Bis alles draufgegangen ist. Mit dieser blödsinnigen Hoffnung, dass das Glück zurückkehren wird. Dass es dem Kühnen endlich lachen wird.
Dem Leichtsinnigen.
Heute Nacht ist er rückfällig geworden. Weil noch Schulden da sind, die beglichen werden müssen. Sicher, er ist Bulle und nicht irgendeiner! Das hilft, Aufschub zu bekommen, Ratenzahlungen. Kredit.
Aber eines Tages wird man doch zur Kasse gebeten.
Irgendwann muss man immer bezahlen. Auf die eine oder andere Art.
Also sind ihm alle Mittel recht, um an Geld zu gelangen. Selbst die schändlichsten.
Niemand hier weiß über seine Sünden Bescheid, die mehr sind als eine kleine Schwäche. Niemand außer Hauptkommissar Lorand, der ihm schließlich auf die Schliche gekommen ist.
Ein Schlaukopf, dieser Benoît. Ein guter Bulle und ausgezeichneter Lügner! Er hätte ein sehr begabter Pokerspieler werden können. Aber er hat stets andere Spielchen vorgezogen. Nicht minder gefährliche.
Moretti setzt sich wieder vor seinen Stapel Unterschriftmappen.
Er seufzt.
Ja, ein außergewöhnlicher Bulle.
Nur schade, dass er so neugierig ist.
* * *
»Wie geht es, Lydia?«
»Danke, bestens.«
»Sie sehen auch wirklich gut aus. Haben Sie ein angenehmes Wochenende verbracht?«
»Ausgezeichnet, Frau Doktor.«
Die Psychiaterin hält immer einen Füllfederhalter in der Hand, einen Stift mit glänzendem Gehäuse. Er muss recht wertvoll sein. Dazu ein jungfräuliches Blatt Papier vor sich auf ihrem stets tadellos aufgeräumten Schreibtisch. Schwarz lackiert. Passend zum Füller.
Nur selten legt Lydia sich auf die Couch. Sie zieht den bequemen Sessel vor. Zieht es vor, der Therapeutin von Angesicht zu Angesicht gegenüberzusitzen. Sie findet sie elegant, beruhigend. Sie kennt ihr Gesicht in- und auswendig. Nach so langer Zeit … Seit ein paar Monaten aber hat sie sich verändert, eine quasi unmerkliche Metamorphose, die Lydias Röntgenblick jedoch nicht entgangen ist. Ihre Augen sehen müder aus, ihre Gesichtszüge sind angespannter. Offenbar fällt es ihr schwer, die Fünfzig zu akzeptieren!
Nina Waldeck wartet. Dass Lydia ihren Hirnkasten öffnet, um ihre Neurosen über den falschen Orientteppich auszugießen, made in der Teppichdomäne Saint Maclou. Eine ihrer langjährigen Patientinnen, ihr interessantester Fall. Unberechenbar, wahnsinnig intelligent. Gefährlich.
Unheilbar.
Faszinierend.
Sie empfängt sie ein- bis zweimal pro Woche in ihrer Praxis, je nachdem, wie ihr Zustand es erfordert.
»Nun, Lydia? Was möchten Sie mir heute Vormittag erzählen?«
Eigentlich so viele Dinge. Aber es gibt Geheimnisse, die man wahren muss, sogar gegenüber der eigenen Psychiaterin. Vor allem gegenüber der eigenen Psychiaterin, genauer gesagt!
»Ich habe dieses Wochenende niemanden gesehen«, beginnt sie. »Ich bin so gut wie gar nicht rausgegangen.«
»Warum?«
Lydia hebt die Schultern.
»Ich bin Ihrem Rat gefolgt.«
»Meinem Rat?!«
»Na ja. Was Sie mir vor vierzehn Tagen gesagt haben. Dass ich mit zu vielen ins Bett gehe und so weiter …«
»Nein, ich habe nicht gesagt, dass Sie mit ›zu vielen ins Bett gehen‹, Lydia! Ich habe Ihnen einfach nur erklärt, dass es nichts nützt, lauter Abenteuer ohne Zukunft zu sammeln, so wie Sie es in den letzten Monaten getan haben. Weil ich das Gefühl hatte, dass Ihnen das nicht guttut.«
»Ja, wahrscheinlich.«
Lydia holt ein Papiertaschentuch aus ihrer Tasche und wischt sich ihre Handflächen ab. Dieses Ritual vollzieht sie zu Beginn jeder Sitzung. Ohne wirklich zu wissen, warum.
»Warum machen wir keine Hypnose mehr, Frau Doktor?«
»Würden Sie gerne wieder damit anfangen? Hat Ihnen das geholfen?«
»Ich weiß nicht … Vielleicht.«
»Wir werden das Experiment wiederholen, wenn ich es für sinnvoll halte.«
»Das ist keine sehr gängige Methode bei Psychologen, oder?«
»Täuschen Sie sich da nicht! Viele von uns praktizieren diese Art der Therapie! Alles, was den Patienten nützt, sollte man auch nutzen. Aber wenn Sie das ängstigt …«
»Nein, ganz und gar nicht!«, entgegnet Lydia großspurig.
»Wir werden sehen. Vielleicht nächste Woche. Heute jedenfalls nicht. Nun, was haben Sie mir sonst noch zu erzählen?«
Lydia schweigt, wie so häufig. Sie spielt nur mit einer Haarsträhne. Waldeck ist an dieses Schweigen gewöhnt, das manchmal ganze Sitzungen andauert. Sie beschließt, das Wort zu ergreifen.
»Übrigens kann ich Sie nächsten Mittwoch nicht empfangen.«
»Aber am Samstag sehen wir uns doch?«, fragt Lydia beunruhigt.
»Ja, natürlich. Aber ich wollte Sie lieber schon mal im Voraus informieren. Ich muss für diesen Tag alle Termine absagen.«
»Hoffentlich nichts Schlimmes?«
»Nein. Nein, überhaupt nicht! Es ist nur der Geburtstag meiner Tochter, und sie hat mich gebeten, den Tag mit ihr zu verbringen!«
»Aha …«
Lydia nimmt wieder ihr Taschentuch, trocknet sich die ohnehin trockenen Hände.
Waldecks Tochter muss an die zwanzig sein. Sie braucht ihre Mutter nicht mehr!
Die beiden haben sicher geplant, sich einen netten Tag zu machen! Schaufensterbummel, Kino, Restaurant …
Doch, auch mit zwanzig braucht man seine Mutter noch.
»Sie hat Glück«, murmelt Lydia.
»Wie bitte?«
»Ihre Tochter. Sie hat großes Glück, Sie zu haben.«
Nina senkt den Blick auf das noch immer leere Blatt Papier. Plötzlich dringen die winterlichen Temperaturen durch die Doppelverglasung.
»Meine Tochter ist gerade etwas labil«, fügt sie hinzu, als wolle sie sich rechtfertigen. »Deswegen möchte ich möglichst viel Zeit mit ihr verbringen.«
Aber Lydia pfeift auf den Gesundheitszustand des Sprösslings ihrer Psychiaterin. Ganz auf sich selbst konzentriert, kann sie an diesen kleinen familiären Sorgen keinen Anteil nehmen. Dafür ist sie schließlich auch nicht hier! Nur nicht die Rollen vertauschen.
»Für meine Mutter ist mein Geburtstag ein verfluchter Tag!«, stößt sie heftig hervor.
Waldeck sagt nichts. Sie hebt nur ihren mentalen Schutzschild, um den gegnerischen Angriff abzuwehren.
»Sie denkt, dass ich verrückt bin, Punkt aus!«
»Sie sind nicht verrückt. Sie haben Probleme, sicher, aber …«
»Dennoch denken alle, dass ich plemplem bin. Alle sagen das!«
»Lassen Sie sich nicht in diese Paranoia hineinfallen, Lydia.«
»Ich weiß sehr wohl, was die anderen hinter meinem Rücken denken oder sagen!«
»Na gut, alle, die so etwas behaupten, täuschen sich!«, erwidert Nina vehement. »Weil die Sie nicht kennen! Und lassen Sie nicht zu, dass Sie irgendjemand wie eine Verrückte behandelt.«
Lydia erinnert sich an die verletzenden Worte ihres Gefangenen. Sie ballt die rechte Hand zur Faust, als könne sie ihn so zerquetschen.
»Sie haben recht. Niemand darf mich wie eine Verrückte behandeln! Ich werde unerbittlich sein gegen die, die mich verletzen oder verletzt haben …«
Die Psychotherapeutin deutet ein Lächeln an.
»Ich sehe, dass Sie Ihre Energie wiedergewonnen haben, Lydia! Ich habe den Eindruck, dass etwas in Ihrem Leben passiert ist in den letzten Tagen. Oder täusche ich mich?«
»Nein, Sie haben recht. Ich glaube sogar, dass es mir sehr bald besser gehen wird. All meine Probleme werden sich lösen!«
»Freut mich sehr, das zu hören!«
Lydia öffnet die Faust und erklärt, während sie ihr strahlendes Gebiss zeigt:
»Ich habe die Lösung, hier … Ich halte sie in meinen Händen!«
* * *
Es muss ungefähr Mittag sein. Die Sonne steht im Zenit. Sie dringt sogar in den Kerker ein. Nur ein paar Minuten, dann verschwindet sie schon wieder.
Also nutzt Benoît sie. Er hat seinen Mantel ausgezogen, betrachtet jeden Winkel dieses großen Souterrains, um gegen die Langeweile anzukämpfen. Dieses Haus ist mindestens hundert Jahre alt, und die Elektroinstallation dürfte etwa dasselbe Alter haben! Nackte Kabel kriechen über die feuchten Wände. Besser nicht anfassen …
Er zählt die Gartenwerkzeuge, die ohne jede Ordnung gelagert sind. Rechen, Schaufeln, Heugabeln, Spaten … Merkwürdig, Gartenwerkzeuge in einen Keller zu stopfen!
Noch merkwürdiger, dort einen Polizisten unterzubringen.
Dutzende von Kartons, Haushaltsreinigungsutensilien. Was ganz hinten ist, kann er allerdings nicht sehen. Dafür lässt das kleine Kellerfenster nicht genügend Licht herein.
Er will sich wieder schlafen legen, als er die Stimme seiner Feindin ein Stockwerk höher wahrnimmt.
Er richtet sich etwas auf, spitzt die Ohren. Lydia spricht laut, unterhält sich mit jemandem. Vielleicht am Telefon, aber … vielleicht auch nicht. Er stürzt ans Gitter und beginnt zu schreien.
»Hilfe! Zu Hilfe!«
Benoît wiederholt es immer wieder, viele Minuten lang. Bis Lydia zu sprechen aufhört. Es wird wieder still. Er lauscht, hofft.
Die Tür am oberen Ende der Treppe knarrt. Beine. Ihre Beine.
Scheiße!
»Warum schreien Sie denn so, Herr Kommissar?«
»Um mich aufzuwärmen!«
Sie nähert sich dem Käfig ein Stück, ihre hellen Augen glänzen im Sonnenlicht.
»Denken Sie vielleicht, jemand könnte Sie hören? Oder Ihnen helfen? Träumen Sie weiter!«
Jawohl, einen ewigen Albtraum!
Sie hält eine Reisetasche in der Hand. Seine Tasche. Die im Kofferraum seines Autos lag. Sie öffnet den Reißverschluss.
»Möchten Sie vielleicht frische Kleidung, Benoît?«
Sie nimmt eine Jeans, ein Hemd, einen Pullover, Unterwäsche und ein Handtuch heraus. Legt alles in einiger Entfernung auf den Boden, wie einen Köder. Dann setzt sie sich auf ihren Beobachtungsposten.
»Wirklich herzzerreißend, Ihre Hilferufe gerade eben!«
Verarschen muss sie mich auch noch!
Benoît sitzt an die Wand gelehnt und mit verschränkten Armen da und hat nicht einmal Lust, ihr zu antworten. Wozu sich mit einer Irren unterhalten?
»Sie sind heute nicht sehr gesprächig, Hauptkommissar. Normalerweise sind Sie doch nicht so auf den Mund gefallen! Vor allem Frauen gegenüber. Ein richtiger Schönschwätzer, ja.«
»Was weißt denn du davon?!«, faucht er sie an.
»Oh, Sie ziehen es vor, dass man sich duzt? Mich stört das nicht. Also gut, ich beobachte dich schon seit Langem, weißt du.«
»Dass ich nicht lache!«
»Das kann ich dir versichern. Ich weiß alles über dich. Absolut alles.«
Er umklammert mit aller Kraft die Gitterstäbe, wünscht sich, es wäre ihr zarter Hals.
»Und was glaubst du zu wissen?«
»Beispielsweise, dass du deine Frau in den letzten drei Monaten sechsmal betrogen hast. Sechsmal in drei Monaten, das ist viel, oder? Dazu noch mit drei verschiedenen Frauen!«
Er erbleicht ein wenig, seine Finger klammern sich noch fester um das Eisen.
Mist. Sie ist mir gefolgt, hat mich ausspioniert … Es ist kein Zufall, sie hatte es wirklich auf mich abgesehen.
»Ja, drei verschiedene Geliebte. Nicht wahr, Benoît?«
»Ja und? Was geht dich das an?«
»Alles, was dich betrifft, geht mich etwas an! Ich will dich kennen. Will alles über dich wissen.«
»Deswegen bin ich hier? Dafür soll ich bezahlen? Für meine Untreue?«
Sie fängt an zu lachen.
»Nein! Nein, Benoît! Dass du deine Frau betrügst, ist mir egal, wirklich! Aber es bedeutet dennoch etwas.«
Er wird immer blasser.
»Es bedeutet, dass du ein verdammt guter Lügner bist!«
Er beschließt, zum Gegenangriff überzugehen, sich nicht kommentarlos runtermachen zu lassen.
»Das hängt davon ab, wie man die Dinge sieht. Man könnte auch sagen, dass ich ein verdammt guter Liebhaber bin!«
»O, sicher kann man das sagen! Nur bin ich davon nicht überzeugt.«
»Soll ich es dir zeigen?!«
»Nein, das interessiert mich nicht!«
»Genau das ist vielleicht dein Problem.«
Das war ein Volltreffer. Ihre Gesichtszüge erstarren wie nach einer Ohrfeige. Er fährt fort, macht dort weiter, wo es wehtut.
»Ist es das, Lydia? Hast du ein Problem mit Männern? Oder magst du Typen wie mich nicht, die ihre Frau betrügen? Vielleicht, weil dich ein Mann verletzt hat? Ist es das, Lydia? Man hat dich betrogen, dir dein hübsches kleines Herz gebrochen, und du hast beschlossen, dich an allen Untreuen zu rächen.«
Sie kneift die Augen leicht zusammen. Bereit, zuzubeißen.
»Antworte, Lydia! Was ist dir zugestoßen? Normalerweise bist du doch auch nicht so zurückhaltend!«
»Du verrennst dich, Benoît.«
»Ganz im Gegenteil, ich habe den Eindruck, dass ich da eine heiße Spur gefunden habe!«
Ihr Gesicht wirkt wieder kalt wie Marmor.
»Ich habe keinerlei Probleme mit Männern.«
»Ich glaube dir kein Wort. Du bist verklemmt!«
»Erklär mir, warum du das Bedürfnis hast, Geliebte zu sammeln, Benoît.«
»Du kannst mich mal!«
»Wenn du es mir erklärst, bringe ich dir etwas zu essen. Und auch einen heißen Kaffee. Und du bekommst frische Klamotten.«
»Ach, gibt es jetzt eine kleine Erpressung? Das hat ja gerade noch gefehlt!«
»So ist das Leben nun mal: Man muss etwas geben, um etwas zu bekommen. Vergiss nicht, dass ich mich satt gegessen habe, ich habe keine Eile. Ich habe alle Zeit der Welt!«
Er steckt die Hände in die Taschen, wirft ihr einen vernichtenden Blick zu. Sein Magen quält ihn. Ebenso wie dieses Mädchen.
»Was willst du wissen?«
»Warum du Gaëlle betrügst.«
Sie kennt sogar den Namen seiner Frau …
»Sie ist doch recht hübsch!«
»Sie ist sogar sehr hübsch.«
»Warum dann also?«
»Bring mir was zu essen, dann sag ich’s dir.«
»O nein! Das ist gegen die Regeln, Herr Kommissar!«
»Die Regeln? Es gibt keine Regeln!«
»Doch, meine. Die einzigen, die hier gelten. Du redest, und dann bekommst du zu essen.«
Er hat nicht vor, sich demütigen zu lassen. Also schweigt er. Versucht, hart zu bleiben. Das ist so schwierig! Aber sein Stolz ist so ziemlich alles, was ihm noch geblieben ist. Er setzt sich auf die Decke, als ziehe er sich in seine Schmollecke zurück.
»Du weigerst dich, mir zu antworten?«
»Du nervst!«
»Hm, ich sehe, dass du noch viel lernen musst …«
»Du nervst!«
»Vielleicht ist Gaëlle nicht sonderlich begabt im Bett … Ist es das, Benoît?«
»Ich verbiete dir, über meine Frau zu sprechen, du geisteskranke Irre!«, brüllt Benoît.
»Und was willst du tun? Mich verprügeln? Aus der Entfernung?!«
Sie bricht in Lachen aus angesichts seiner sinnlos geballten Fäuste.
»Ich glaube, du musst lernen, mich zu respektieren, Kommissar.«
»Ja, ganz bestimmt!«
Sie nimmt etwas aus einem Regal. Er erkennt sofort seine Waffe und bekommt beinahe einen Herzanfall. Sie richtet sie auf ihn, er erhebt sich vorsichtig, den Blick auf den Lauf der Pistole gerichtet.
»Du erkennst sie, nicht wahr? Falls du daran zweifeln solltest, ich kann damit umgehen. Ich habe Unterricht genommen!«
»Auf Zielscheiben oder auf einen Mann zu schießen ist nicht dasselbe.«
»Einen Mann? Und wo siehst du hier einen Mann?! Ich sehe nur einen Haufen Scheiße, der sich gleich in die Hose macht.«
Er schluckt, bleibt äußerlich ungerührt.
»Weißt du, welche Strafe du dafür bekommst, einen Bullen umzulegen?«
»Das ist mir egal. Sie finden mich sowieso nie im Leben!«
Er versucht es weiter.
»Wenn du mich erschießt, verlierst du dein Spielzeug, Lydia.«
»Wer spricht davon, dich zu erschießen?«
Sie senkt die Pistole.
»Ich fange bei den Beinen an. Was sagst du dazu? Wenn ich dir ins Knie schieße, tötet dich das nicht … aber du wirst schön lange leiden!«
Sie entsichert die Waffe. Benoît bleibt starr an die Wand gepresst wie an einen Pranger, wagt kaum zu atmen. Als könnte der kleinste Wimpernschlag das schlimmste Beben auslösen.
»Zieh dich aus«, befiehlt sie.
»Wie bitte?«
»Runter mit den Klamotten! Schnell! Sonst schieße ich!«
»Lydia, hör mal …«
»Klappe! Zieh dich aus!«
»Okay, beruhige dich!«
Er gehorcht, zieht sein Hemd aus, seine Jeans. Hält inne und hofft, dass ihr das genügt.
»Gut, Hauptkommissar. Ich sehe, so langsam begreifst du! Bring deine Klamotten her. Wirf sie durch das Gitter. Die Decke auch! Und vergiss den Mantel nicht!«
Er gehorcht weiter, während sie die Waffe noch immer auf ihn richtet.
»So! Jetzt wirst du nicht nur Hunger haben, sondern dir auch den Arsch abfrieren! Wie niedlich du bist in deiner Unterhose!«
Sie setzt sich wieder, legt die Knarre auf ihre Knie, zündet sich eine Zigarette an. Benoît hat sich wieder an die Wand zurückgezogen. Bisher war seine Angst so groß, dass er vergessen hat, zu frieren.
Sie beobachtet ihn einen Moment, ist offenbar von dem Schauspiel entzückt.
»Ich habe Lust auf einen schönen heißen Tee«, spottet sie. »Ich verlasse dich jetzt.«
Sie geht, er sinkt auf den Boden, kauert sich auf dem schmutzigen, eiskalten Beton zusammen. Jetzt ist ihm kalt. So kalt wie noch nie zuvor in seinem Leben.
Vom eisigen Atem des Todes, wahrscheinlich.
* * *
»Wie ist er denn so, dieser Benoît Lorand?«
Djamila zuckt die Achseln. Sie fühlt sich nicht besonders wohl neben diesem Typen, den sie gar nicht kennt. Sie fahren in Richtung Osselle, das Nest, in dem die Lorands wohnen. Sie sitzt am Steuer, das ist ihr lieber.
»Er ist ein guter Polizist«, antwortet sie ausweichend.
»Und als Mann?«, beharrt Fabre.
»Na ja, der selbstsichere Typ.«
Fabre ist soeben aus der Hauptstadt angekommen und aus dem TGV gestiegen, hatte nicht einmal Zeit, dem Team Lorand vorgestellt zu werden. Oder einen Blick in sein herrliches Hotelzimmer zu werfen.
»Was wollen Sie hören?!«, fügt Djamila angesichts des drängenden Blicks ihres neuen Teamkollegen hinzu.
»Ich habe den Eindruck, dass … dass Sie ihn nicht besonders ins Herz geschlossen haben. Täusche ich mich?«
Der Typ geht ihr jetzt schon auf die Nerven. In den Fünfzigern, klein, pummelig, eher durchschnittlich. Regelrecht hässlich, um ehrlich zu sein. Sie hat nicht gerade das große Los gezogen! Sie hätten mir ruhig einen Jungen, Knackigen schicken können. Dann hat er auch noch das Pech, mit Vornamen Auguste zu heißen. Diesen lächerlichen Vornamen verpasst man doch heute niemandem mehr!
»Na ja, sagen wir mal so, er ist der Typ Mensch, den ich nicht sonderlich schätze. Überheblich bis eingebildet, von sich selbst überzeugt. Einer, der ständig seine Muskeln spielen lässt, wenn Sie verstehen, was ich meine!«
»Ja, ich verstehe sehr gut!«, sagt Fabre schmunzelnd. »Gut, erzählen Sie mir, was Sie bisher in die Wege geleitet haben.«
»Ich habe die Ermittlungen erst heute übernommen. Seine Frau hat uns gestern Vormittag über sein Verschwinden informiert, es war also noch nicht wirklich Zeit, viele Nachforschungen anzustellen. Seine Leute sind gerade dabei, eine Liste der Typen zu erstellen, die er verhaftet hat und die kürzlich aus dem Knast entlassen wurden.«
»Perfekt. Denken Sie, dass sein Verschwinden eher mit seinem Privatleben zu tun hat oder mit seinem Job?«
»Keine Ahnung! Aber im Moment deutet nichts darauf hin, dass er entführt oder umgebracht wurde.«
»Das heißt? Denken Sie, er ist aus freien Stücken verschwunden?«
»Sagen wir mal so: Vielleicht ist er hinter einem Mädel her, und man wird ihn in ihrem Bett finden!«
Fabre prustet los. Ein ordinäres, idiotisches Lachen.
»Betrügt er oft seine Frau?«
»Ich glaube schon. Natürlich prahlt er vor seinen Kollegen damit nicht, aber ich bin sicher, dass er häufig fremdgeht.«
»Das wäre natürlich die beste Lösung. Lieber finde ich ihn mit einer Geliebten im Bett als mit einer Kugel im Kopf in einem Graben.«
»Ich auch, natürlich. Wir sind gleich da.«
»Wie ist seine Frau?«
»Gaëlle? Ich kenne sie kaum. Aber sie scheint sympathisch zu sein.«
»Kinder?«
»Einen Sohn. Jérémy. Er ist drei, glaube ich.«
Sie fahren noch gut zehn Minuten in verlegenem Schweigen. Hauptkommissar Fabre tut so, als bewundere er die Landschaft, Djamila schaltet das Radio ein.
Endlich erreichen sie Osselle.
»Warum hat es ihn denn hierher verschlagen?«, wundert sich Auguste.
»Er wohnt im Haus seiner Eltern.«
»Gestorben?«
»Nein, an die Küste gezogen, Nizza oder Cannes, ich weiß nicht genau. Sie haben ihm das Haus überlassen. Als ich im Kommissariat anfing, wohnten Gaëlle und er noch in Besançon. Sie hatten eine kleine Wohnung gemietet. Aber als seine Eltern in den Süden zogen, kam er hierher. Es ist größer, hat einen Garten … Hier ist es, am Ende der Sackgasse.«
Djamila schaltet den Motor aus. Die beiden Ermittler gehen zügig auf das adrette Einfamilienhaus zu, beeilen sich, ins Warme zu kommen.
»Wie eisig es hier ist, verdammt!«, brummelt Fabre. »Ist ja noch schlimmer als in Paris.«
Gaëlle ist auf den Besuch vorbereitet und öffnet die Tür, noch bevor sie geklingelt haben. Die Angst steht ihr ins Gesicht geschrieben. Kein Zweifel, sie liebt ihren Mann, denkt Fabre, während er ihr die Hand drückt. Sie bietet ihnen in dem geräumigen Wohnzimmer mit gepflegter Einrichtung einen Kaffee an.
Djamila hat ein paar freundliche Worte an Gaëlle gerichtet und beschließt, nun den Fachmann walten zu lassen.
»Madame Lorand, erzählen Sie mir bitte, was passiert ist.«
»Letzten Mittwoch ist Benoît nach Dijon gefahren. Er hatte dort eine Fortbildung.«
»Wann sollte er zurückkommen?«
»Montagabend.«
»Das verstehe ich nicht. Warum ist er nicht am Wochenende zurückgekommen?«
Djamila schaltet sich ein.
»Sie hatten dort ein Problem. Das für Donnerstag vorgesehene Programm konnte nicht stattfinden, daher wurde dieser Teil auf den Montag verschoben. Aus diesem Grund haben sie Benoît das ganze Wochenende in Dijon einquartiert. Stimmt’s, Gaëlle?«
»Ja. Da es ja nicht gerade um die Ecke ist, ist er dort geblieben, bei einem Freund, der in Dijon bei der Polizei arbeitet.«
»Er ist also mit dem Auto gefahren?«, nimmt Fabre den Faden wieder auf.
»Ja. Er hasst die Bahn! Er hatte mir gesagt, dass er spät zurückkommen würde. Ich war müde, der Kleine war in der Nacht zuvor krank gewesen, ich hatte nicht geschlafen … Also bin ich auf dem Sofa eingenickt, während ich auf ihn wartete. Und als ich aufwachte, Dienstagfrüh gegen halb sieben, war er noch immer nicht da. Ich habe versucht, ihn auf dem Handy anzurufen, habe aber nur die Mailbox erreicht. Da machte ich mir große Sorgen. Gegen acht Uhr habe ich Kommissar Thoraize, seinen Assistenten, angerufen, um nachzufragen, ob Benoît im Büro sei. Er hat mich zurückgerufen, um mir zu sagen, dass er in Dijon nachgefragt habe und Benoît dort am Montag gegen achtzehn Uhr losgefahren sei. Und dass es seither kein Lebenszeichen mehr von ihm gäbe.«
»Gut. Was glauben Sie, was passiert ist, Madame Lorand?«
»Aber das weiß ich doch nicht! Es ist schließlich Ihre Aufgabe, mir das zu sagen! Sie müssen ihn finden!«
»Wir bemühen uns darum, Gaëlle, da kannst du sicher sein«, sagt Djamila.
»Was ich hören möchte, Madame Lorand, ist Ihre ganz persönliche Einschätzung.«
»Ich … Anfangs habe ich mir gesagt, dass er vielleicht einen Unfall gehabt hat. In der Ecke gibt es viele verlassene Straßen. Er könnte irgendein Problem gehabt haben, wissen Sie. Aber inzwischen glaube ich nicht mehr daran. Man hätte ihn in diesem Fall schon längst gefunden.«
»Da stimme ich dir zu«, bestätigt Djamila. »Die Unfallthese hält nicht stand.«
»Dann«, fährt Gaëlle fort, »habe ich mir gesagt, dass er bestimmt überfallen wurde.«
»Überfallen?!«
»Ja. Er hat schon immer gern schöne Autos gehabt, wissen Sie! Er fährt ein teures Modell, einen Audi. Wie es scheint, kommt es durchaus vor, dass man überfallen wird, um ein Auto zu stehlen. In diesem Fall liegt er vielleicht verletzt irgendwo zwischen hier und Dijon!«
»Weißt du, Gaëlle, wir haben die Gendarmerie um Hilfe gebeten. Sie durchkämmen alle Straßen in dem Bereich. Das Problem ist, dass wir nicht genau wissen, welche Strecke er gefahren ist. Das erschwert die Aufgabe etwas, aber …«
Gaëlle vergießt plötzlich ein paar Tränen. Fasst sich aber schnell wieder.
»Wissen Sie, ob er irgendwelche Feinde hat, Madame Lorand?«, fragt Fabre. »Private Feinde, wenn Sie verstehen, was ich meine.«
»Nein. Nein, nicht dass ich wüsste.«
»Und … hatte er vielleicht eine Geliebte?«
Gaëlles Gesichtszüge erstarren. Djamila hüstelt, um die peinliche Stille zu überbrücken.
»Eine Geliebte?«, wiederholt Gaëlle verblüfft.
»Ja. Meinen Sie, dass er vielleicht ein außereheliches Abenteuer gehabt haben könnte? Es tut mir leid, Ihnen diese etwas brutale Frage zu stellen, aber da so etwas sehr häufig vorkommt und wir in alle Richtungen ermitteln müssen …«
»Ich … ich denke, nicht, nein.«
»Gut. Wir lassen Sie jetzt erst mal in Ruhe.«
»Wir tun alles, was in unserer Macht steht«, fügt Djamila an. »Hast du Angehörige, Freunde? Leute, die dir helfen können, bis wir Benoît gefunden haben? Damit du nicht allein bist.«
»Seine Eltern kommen morgen. Ich habe sie erst heute informiert. Ich wollte sie nicht beunruhigen. Und außerdem bin ich ja nicht allein: Ich habe Jérémy. Mach dir keine Sorgen, ich komme schon zurecht.«
»Nur Mut, Madame«, schließt Fabre und drückt ihr die Hand. »Wir rufen Sie an, sobald es etwas Neues gibt.«

KAPITEL 4
Donnerstag, 16. Dezember
Dieses Mal hat er nicht schlafen können. Hätte er sich dem Schlaf ergeben, wäre er vielleicht von der Kälte besiegt worden. Eine sportliche Nacht also. Allerdings nicht die Art von nächtlichem Sport, die er gewöhnt ist! Aber Liegestützen, Klimmzüge, einige Bauchmuskelübungen. Und viel Laufen. Kilometerlanges Laufen!
Der Tag bricht gerade erst an. Todmüde lehnt sich Benoît an die feuchte Wand. Sofort beginnt er wieder mit den Zähnen zu klappern. Auf der anderen Seite, dem feindlichen Terrain, liegen seelenruhig seine Kleidung und seine Decke. Und die Verrückte pennt währenddessen wohl ruhig und warm unter ihrer Daunenbettdecke!
Gewaltfantasien entzünden sich in seinem Geiste, können ihm jedoch das Herz nicht erwärmen. Er stellt sich vor, wie er sie erwürgt, mit einem Kopfkissen erstickt. Aber es ist besser, gar nicht erst an Kopfkissen denken. Und nur nicht dem Schlaf nachgeben!
Wie viel Grad es in diesem Verschlag wohl haben mag? Zehn, vielleicht sogar weniger. Wahrscheinlich eher mehr. Sonst hätte er wohl schon aufgegeben. Ja, die Temperatur reicht aus, um sich etwas Ruhe zu gönnen, wenigstens eine Stunde …
Aber es gelingt ihm nicht. Er schafft es nicht, seine Krämpfe zu unterdrücken, seine Kiefer unter Kontrolle zu halten. Und seinen Magen, der ihm keine Ruhe gönnt! Doch er hat nur kaltes Wasser, um ihn zu füllen. Dabei hat er auf alles Lust, nur nicht auf kaltes Wasser. Er denkt wieder an die auf ihn gerichtete Waffe.
Nein, sie wird mich nicht umbringen. Wenn sie das vorhätte, hätte sie es längst getan. Aber mir ins Knie oder den Arm schießen, dazu ist sie fähig, dieses Miststück!
Wenn ich hier herauskommen will, muss ich mich nachgiebig zeigen. Oder genau das Gegenteil? Denn vielleicht will sie nicht mehr mit mir spielen, wenn ich mich unterwürfig gebe, und legt mich gleich um …
Benoît schlingt die Arme um seinen Körper, bewegt die Beine, um wieder aufzutauen. Er versucht, nachzudenken. Gar nicht so einfach in unterkühltem Zustand!
Verstehen, was sie von mir will, wenn es da überhaupt etwas zu verstehen gibt. Aber selbst der größte Wahnsinn hat oft Methode. Hat seine eigene Logik.
Ich muss ihr Motiv herausfinden. Mir einen Weg in ihre verworrenen Gedanken bahnen, eine Bresche in die uneinnehmbare Bastion schlagen. Wie ein Trojanisches Pferd dort eindringen, um sie dann von innen zu sprengen.
Ein guter Stratege werden und obendrein noch ein genialer Psychiater – eine recht komplexe Aufgabe für einen einfachen Bullen. Der noch dazu in Unterhosen in einem Käfig sitzt!
Dennoch muss ich zugleich den Hass pflegen. Er hilft, das Schlimmste zu ertragen. Ist ein außerordentliches Aufputschmittel, wirksamer noch als Vitamin C, Amphetamine oder Koks …
Die Tür knarrt, das Licht geht an.
Früh dran heute, das Biest! Hat es eilig, die Schäden an ihrem Opfer nach einer eisigen, schlaflosen Nacht zu begutachten. Sie erscheint mit einer dampfenden Kaffeetasse in der Hand. Hübsch wie immer, bereits komplett zurechtgemacht.
Plötzlich ein Flash: Er ist ihr schon einmal begegnet. Und zwar an einem anderen Ort als diesem Keller.
Aber wenn sie ihn seit Wochen verfolgt, ist es ja auch kein Wunder. Dann kann er sie irgendwo gesehen haben: in einer Kneipe, auf der Straße oder sogar im Rückspiegel seines Autos. Er versucht, sich zu erinnern, während sie ihn anlächelt. Ein giftig-süßes Lächeln.
»Guten Morgen, Hauptkommissar.«
Er beißt die Zähne zusammen, um zu verhindern, dass sie aufeinanderschlagen. Hofft, der Kaffee sei für ihn.
Sie setzt sich, nimmt einen Schluck und provoziert ihn mit dieser einfachen Geste. Aber er hält stand. Beleidigt sie nicht, bittet nicht.
»Sie sehen schlecht aus, Benoît! Wenn Ihre Geliebten Sie so sehen könnten, fänden sie Sie schon sehr viel weniger verführerisch!«
Sie genehmigt sich erneut etwas von dem kostbaren Arabica.
»Möchten Sie auch? Er ist sehr gut, wissen Sie …«
»Das bezweifle ich nicht.«
Er bemüht sich, seine Stimme unter Kontrolle zu halten, die unter der beißenden Kälte zu zittern droht.
»Vorher müssen Sie sich aber für gestern entschuldigen.«
»Entschuldigen? Und warum?«
»Vielleicht, weil Sie mich beleidigt haben! Du kotzt mich an, du kannst mich mal … Wegen all dieser Freundlichkeiten, die ein galanter Mann nicht zu einer Frau sagt!«
Er denkt nicht daran, ihr diesen Gefallen zu tun. Sie nähert sich dem Gitter, trägt die Tasse offen zur Schau.
»Komm, Benoît, hol ihn dir.«
Er dreht den Kopf zum Kellerfenster.
»Du willst dich nicht dazu herablassen? Du bist zu stolz? In ein paar Tagen, vielleicht sogar in ein paar Stunden, werde ich dir deinen Stolz ausgetrieben haben. Nichts wird davon übrig bleiben. Nicht ein Hauch.«
»Ist das dein Plan? Mich zu demütigen? Glaubst du vielleicht, ich werde vor dir am Boden kriechen?«
»Gewiss. Das ist es nun mal, was Würmer tun.«
»Würmer, ja. Ich nicht. Tut mir leid, Chérie!«
Noch ein Schluck.
»Wirklich köstlich, dieser Kaffee. Bist du sicher, dass du nichts davon möchtest?«
»Deine Plörre kannst du dir sonst wohin kippen!«
»Du bist ungehobelt, Benoît.«
»Oh, Verzeihung, Mademoiselle! Aber das passiert mir bisweilen, vor allem dann, wenn mir jemand gehörig auf den Sack geht!«
»Du weißt ja, ich kann dich entweder der Kälte oder dem Hunger überlassen. Dein Leben hängt von mir ab.«
»Ja gut, lass mich nur abkratzen, das ist kein Problem! Lieber krepiere ich, als dass ich vor dir Männchen mache!«
»Ach! Man könnte meinen, du hättest die kleine Lektion von gestern Abend bereits wieder vergessen! Soll ich deine Pistole holen, Benoît? Sie ist da, hinter mir. In Reichweite.«
Er schließt die Augen. Muss schleunigst zurückrudern. Verletzt würde er nicht lange überleben.
»Okay, ich entschuldige mich, dich beleidigt zu haben. Dich ein Miststück genannt zu haben und so weiter.«
»Das wirkt nicht sehr aufrichtig! Ein bisschen mehr Mühe sollte schon zu erkennen sein, Hauptkommissar!«
Er rappelt sich mühsam auf. Sie weicht nicht zurück. Er wird ohnehin nicht versuchen, sie zu packen. Er hat begriffen, dass der Schlüssel irgendwo anders ist. Dass das keine Lösung ist.
Sie stehen sich gegenüber, ihre Hände könnten sich berühren, klammern sich an dasselbe Gitter.
»Sag mal, Lydia, ich habe den Eindruck, dich zu kennen. Ich habe dich schon einmal gesehen, oder?«
»Sicher, an dem Tag, als wir uns das erste Mal begegnet sind. Vor drei Monaten.«
Seit drei Monaten spioniert sie mir schon nach? Und ich habe nichts gemerkt, nicht den geringsten Verdacht gehabt? Was bin ich für ein schlechter Polizist! Oder sie hat ein außergewöhnlich gutes Beschattungstalent!
»Ich war aufs Kommissariat gekommen, um Anzeige zu erstatten. Mein Auto war gestohlen worden.«
»Habe ich die Anzeige aufgenommen? Nein, daran würde ich mich bei einer so hübschen Person erinnern.«
»Willst du mir jetzt den Charmeur vorspielen?«
»Nein, das meine ich ehrlich.«
»Nein, du hast die Anzeige in der Tat nicht aufgenommen, es war eine Frau. Jung, etwas griesgrämig! Oberkommissarin Fashani, glaube ich. Aber du bist in dem Moment in ihr Büro gekommen, als ich gerade gehen wollte. Wir sind uns für ein paar Sekunden begegnet.«
»Aha. Und da hast du beschlossen, mich umzubringen? Habe ich etwa vergessen, dich zu grüßen? Oder ist es, weil meine Kollegin deine Karre nicht gefunden hat?!«
Sie streicht über seinen Hals, wandert sanft tiefer, während sie ihn fixiert.
Er hält den Atem an. Es verschafft ihm ein angenehmes Gefühl von Wärme. Merkwürdig.
»Du bist kalt wie der Tod, Benoît. Aber ich muss sagen, dass du mir ohne Bart besser gefallen hast. Ich kann schlecht rasierte Typen nicht ausstehen!«
»Beschaff mir einen Rasierapparat, und ich verspreche dir, dass ich Abhilfe schaffen kann!«
»Ich werde darüber nachdenken.«
»Bekomme ich jetzt meinen Kaffee?«
Sie berührt ihn noch immer mit einer Hand, er hat Lust, ihr die Finger zu brechen. Oder sie mit Haut und Haaren zu verschlingen. Was sicher am Heißhunger liegt, der ihn ununterbrochen peinigt.
Lydia reicht ihm die Tasse.
Sie ist leer.
»Schönen Tag, Chéri!«
* * *
Krisensitzung im Kommissariat. Oberkommissarin Djamila Fashani hat die Leitung. Sie erörtern den Stand ihrer Ermittlungen.
»Was hat die Nachbarschaftsbefragung ergeben, Kommissar Thoraize?«, erkundigt sie sich in bestimmtem Ton.
Éric Thoraize ist ein getreuer Gefolgsmann von Hauptkommissar Lorand. Sein wertvollster Mitarbeiter. Und vor allem: ein enger Freund.
»Gar nichts«, fasst er zusammen. »Nichts Interessantes. Nachbarschaftstratsch, mehr nicht.«
»Konnten Sie denn alle befragen?«, will Fabre wissen. »Sind Sie sicher, niemanden ausgelassen zu haben?«
Thoraize mustert ihn kalt. Glaubt der, uns unseren Beruf erklären zu müssen?! Hält der uns für Anfänger?
»Ja, Hauptkommissar, alle«, erwidert er höflich. »Genauer gesagt, fast alle.«
»Was heißt das, fast alle?«
Thoraize ist entzückt: Herr Allwissend ist ihm auf den Leim gegangen.
»Es gibt da eine Omi, mit der wir nicht sprechen konnten«, präzisiert er unter den amüsierten Blicken seiner Kollegen. »Die direkte Nachbarin der Lorands. Das liegt daran, dass sie im Krankenhaus ist.«
»Worauf warten Sie, sie dort aufzusuchen?!«, hakt der Pariser nach.
»Ach wissen Sie, Hauptkommissar, die Dame liegt im Sterben, auf der Intensivstation. Sie wurde bereits einige Zeit vor Bens Verschwinden dort eingeliefert! Aber wenn Sie Wert darauf legen, kann ich jederzeit dort hingehen, versuchen, sie wiederzuerwecken, und sie darüber ausquetschen, was sie mit Benoît Lorand gemacht hat. Vielleicht habe ich ja mehr Erfolg als die Ärzte!«
Fabre zieht ein Gesicht, und Djamila beeilt sich, wieder die Führung zu übernehmen.
»Gut, unter den frisch entlassenen Exhäftlingen gibt es derzeit auch keine vielversprechende Spur, aber wir ermitteln weiter in diese Richtung. Wir werden das Team aufteilen. Eine Hälfte nimmt Lorands berufliches Leben unter die Lupe. Sie graben mir alle Fälle aus, die er in den letzten zwei Jahren bearbeitet hat. Bis hin zum kleinsten Bagatelldelikt. Die andere Hälfte macht sich daran, sein Privatleben zu durchleuchten.«
Thoraize erlaubt es sich, sie zu unterbrechen.
»Wir werden doch wohl nicht in seinen Privatangelegenheiten herumschnüffeln!«
»Wollen Sie, dass wir ihn wiederfinden, ja oder nein?«, entgegnet Fashani. »Glauben Sie nicht, dass mir das Spaß macht! Wir müssen herausfinden, ob er Feinde hat, ob er sich auf dubiose Sachen eingelassen hat. Und ich brauche eine Aufstellung seiner Geliebten seit, sagen wir, einem Jahr.«
Lorands Leute tauschen verblüffte Blicke aus.
»Seine Geliebten?!«, stößt Thoraize hervor.
»Ist gut, Kommissar! Sie fangen an, mir auf die Nerven zu gehen! Wir alle hier wissen, dass Lorand sie quasi gesammelt hat!«
»Ach ja? Und müssen wir Sie dann auch zu diesem Thema befragen, Oberkommissarin?«
Sie wirft ihm einen vernichtenden Blick zu, während Fabre die Augen weit aufreißt.
»Wenn Sie Zeit zu verlieren haben, warum nicht?«
Thoraize zieht es vor zu schweigen, zufrieden, sie öffentlich bloßgestellt zu haben. Etwas aus dem Gleichgewicht gebracht, beendet Djamila ihre Ausführungen.
»Gut, ich glaube, dann sind wir durch. An die Arbeit, meine Herren!«
Die Kollegen zerstreuen sich über die Flure. Der Pariser zündet sich eine Zigarette an.
»Sie haben mir nicht gesagt, dass Lorand Ihr Geliebter ist, Frau Oberkommissarin …«
»War«, berichtigt Djamila schlecht gelaunt.
»Wie lange?«
»Was tut das zur Sache?«
»Reine Routine.«
»Glauben Sie, ich habe Lorand umgelegt?!«
»Woher wollen Sie wissen, dass er umgelegt wurde?«
Einige Sekunden herrscht Schweigen. Djamila verlässt den Raum, Fabre bleibt ihr auf den Fersen.
»Sie gehen mir auf den Wecker mit Ihren idiotischen Unterstellungen!«, brüllt sie.
»Entschuldigen Sie, aber Sie hätten mir diese Information nicht vorenthalten sollen. Vor allem, nachdem sonst alle Bescheid zu wissen scheinen!«
Djamila dreht sich angriffslustig um.
»Es hat ein oder zwei Nächte gedauert, Herr Hauptkommissar. Und dieser Dreckskerl hat damit offenbar bei seinen Kumpels geprahlt. Reicht Ihnen das als Antwort?«
»Sie scheinen ihm das sehr übel zu nehmen.«
Wenn er wüsste, wie sehr!
»Nicht im Geringsten!«, entgegnet sie. »Das ist nun mal seine Art, mit Amouren umzugehen. Eine kleine Affäre und dann tschüss! Am nächsten Morgen ein Blumenstrauß und eine Karte, um zu sagen, dass Schluss ist!«
Fabre lächelt.
»Ich verstehe! Ich wette, er schreibt so was in der Art wie: Ich habe eine Dummheit gemacht, ich bin verheiratet, bla, bla, bla!«
»Genau! Sehen Sie, Sie kennen ihn schon genauso gut wie ich!«
»Und, halten Sie ihn für fähig, einer Frau komplett den Kopf zu verdrehen?«
»Den Kopf verdrehen? Wie meinen Sie das?«
»Na ja, glauben Sie, dass eine Frau nach ein oder zwei Nächten mit ihm sich so sehr in ihn verlieben kann, dass …«
»Sie ihn umbringt?«
»Oder ihren Mann verlässt.«
»Das weiß ich nicht. Er hat eigentlich nichts Außergewöhnliches!«
»Trotzdem interessiert mich die Spur des betrogenen Ehemanns. Sind Sie verheiratet, Djamila?«
Sie würde ihm am liebsten eine Ohrfeige verpassen. Damit ihm sein süffisantes Lächeln im Hals stecken bleibt.
Mehr schlecht als recht bewahrt sie Haltung.
»Nein, Herr Polizist. Ich bin ledig! Aber wenn Sie aus persönlichem Interesse fragen, sollten Sie wissen, dass Sie absolut nicht mein Typ sind. Sie haben das Verfallsdatum schon längst überschritten!«
Er weicht gerade noch rechtzeitig zurück, um nicht die Tür der Damentoilette an den Kopf zu bekommen.
* * *
Der Kampf gegen die Kälte verbraucht viele Kalorien.
Aber ohne Essen keine Kalorien mehr.
Eine einfache Gleichung, die Benoît jetzt auf grausame Weise am eigenen Leibe erfährt.
Die Sonne hat nicht lange in die Zelle geschienen. Ein höchstens zehnminütiger Obolus. Er zwingt sich, am Waschbecken ein paar Schlucke Wasser zu trinken. Überlebensinstinkt. Seit dem Morgen wird ihm schwindlig, sobald er die sitzende Position verlässt. Noch ein paar Tage, vielleicht nur ein paar Stunden und er wird kaum noch aufstehen können.
Als er die Tür knarren hört, schließt er die Augen.
Seine Peinigerin kommt zurück. Welches Spiel wird sie sich dieses Mal ausdenken?
Wird sie ihn mit der Pistole wedelnd zwingen, ihr die Füße zu küssen?
In diesem Moment erscheint ihm alles möglich.
Sie schleicht heran, ein Schatten im Schatten. Beobachtet ihn einige Minuten im Schutz ihres Gewandes aus Dunkelheit. Dann endlich nähert sie sich, zeigt ihr Gesicht.
»Es geht dir nicht sonderlich gut, wie ich sehe!«
»Nicht allzu sehr.«
»Bist du müde, Benoît?«
»Ja.«
Sie reicht ihm saubere Kleidung herüber, er traut seinen Augen nicht.
»Jeans, Hemd, Pulli, Unterhose, Socken … Nichts vergessen? Ach ja, die Decke. Und hier ist auch dein Kulturbeutel. Damit du wieder menschlich aussiehst.«
Er schluckt die vernichtende Bemerkung, ohne mit der Wimper zu zucken. Zögert eine Sekunde, vorzutreten. Wieder eine Falle? Egal.
Er bemächtigt sich der Beute, trägt sie nach hinten in seinen Schlupfwinkel, bevor sie es sich anders überlegt. Er schlüpft in die Jeans, den Pullover. Setzt sich rasch wieder. Es fällt ihm immer schwerer, sich aufrecht zu halten. Inzwischen sind es zweiundsiebzig Stunden ohne Essen.
»Hast du nicht etwas vergessen, Benoît?«
Natürlich. Wie konnte er so unvorsichtig sein?!
»Danke«, murmelt er halbherzig.
»Gut. Ich sehe, du machst Fortschritte! Ich habe dir noch etwas anderes mitgebracht.«
Sie holt eine Tasse, die sie auf den Stuhl gestellt hatte, und reicht sie ihm zwischen den Stäben hindurch.
Immer überraschender.
»Ich habe dir zwei Stück Zucker hineingegeben, wie du es magst.«
Sie weiß sogar, wie viel Zucker ich in meinen Kaffee nehme? Unglaublich …
Er gelangt zu ihr an die Grenze. Dieses Mal ist die Tasse voll. Oder befindet er sich bereits im Stadium der Halluzinationen?
Er hat solche Angst, das kostbare Gebräu könne sich in Luft auflösen, dass er die Tasse in einem Zug leert. Ein unendliches Glücksgefühl breitet sich in seinem Inneren aus.
Er bedankt sich erneut. Wenn dies ein Mittel ist, nicht mehr frieren zu müssen, ist er bereit, ihr mehrere hundert Mal am Tag zu danken.
Andererseits erschreckt es ihn, wie schnell er sich zu Zugeständnissen hinreißen lässt.
Tatsächlich fühlt er sich fähig, vor ihr zu kriechen oder noch Schlimmeres zu tun.
Er, der geglaubt hatte, stark zu sein, muss feststellen, dass im Angesicht einer einfachen jungen Frau nicht mehr viel von ihm übrig bleibt. Die allerdings auch alle Macht über ihn besitzt, quasi eine Option auf sein Leben hat.
Sie setzt sich auf ihren Stuhl, er auf seine Decke.
Ein Köter, ja, das ist er. Der aufmerksam seinem Frauchen lauscht.
Leichtes Ekelgefühl.
»Warum hast du dich dafür entschieden, zur Polizei zu gehen?«
»Ähm, ich hatte Lust auf einen Job, der nicht nur aus Routine besteht. Und ich wollte auch bestimmte Werte verteidigen.«
Ihm fällt auf, dass er nicht eine Sekunde lang daran gedacht hat, ihr zu erwidern, dass sie das nichts angeht.
Sie hat recht, er macht Fortschritte. Langsam, aber sicher. Hin zur Feigheit.
»Was für Werte?«
»Gerechtigkeit …«
»Gerechtigkeit, selbstverständlich!«
Plötzlich fühlt er sich eigenartig. Ihm dreht sich der Kopf. Dabei sitzt er doch ganz brav da. Sicher die Wirkung des heißen Kaffees. Oder des Zuckers. Leichtes Gefühl von Trunkenheit.
»Das muss ein faszinierender Beruf sein.«
»Nicht immer. Es ist auch viel Plackerei, aber …«
»Und auch viele Misserfolge. Wenn ihr den Schuldigen nicht findet, beispielsweise.«
»Stimmt. Auch das ist ein Teil des Berufs.«
»All diese Mörder, die noch frei herumlaufen, die ihr niemals geschnappt habt.«
»Niemand ist perfekt!«
»Sicher, niemand ist perfekt. Bist du oft gescheitert, Benoît?«
»Nein, nicht so oft. Und du? Was machst du so im Leben? Abgesehen davon, Polizisten gefangen zu halten natürlich!«
»Ich habe kein Leben mehr.«
Einen Augenblick lang ist er sprachlos.
»Kein Leben mehr? Was soll das heißen?«
»Das soll heißen, dass ich schon tot bin.«
»Tot?«, wiederholt er leise.
»Ja, tot. Jemand hat mich umgebracht. Ich muss jetzt gehen.«

KAPITEL 5
Das Tageslicht löst sich langsam im Gespinst der Abenddämmerung auf.
Die eiskalte Dusche wird Benoît so schnell nicht vergessen. Aber seither fühlt er sich besser. Sauberer und vor allem ein wenig würdevoller.
Er trägt das Hemd, hebt den Pulli für die kälteren Stunden auf. Denn seinen Mantel hat sie ihm natürlich nicht zurückgegeben. Geborgen auf seiner Decke, träumt er vor sich hin. Von einem heißen Bad, von Gaëlles Armen. Aber vor allem von einem Steak mit Pommes.
Sterbenshungrig. Nie hat dieser Ausdruck besser gepasst.
Wie lange hält man es ohne Essen aus?
Angeblich etwa vierzig Tage. Wenn man Wasser hat und sich nicht zu viel bewegt.
Bewegen wird er sich jedenfalls bald gar nicht mehr können.
Sie wird abends wiederkommen. Er weiß es. Vielleicht bleibt sie sogar die ganze Nacht, um ihn zu beobachten. Um zuzusehen, wie er langsam zugrunde geht, und sich währenddessen mit ihm zu unterhalten. Zu scherzen.
Jemand hat mich umgebracht.
Aber nicht richtig! Denn sie ist, zu seinem Pech, noch ziemlich lebendig.
Was wollte sie damit sagen?
Jemand hat ihr etwas angetan, aber ich kann es ja nicht gewesen sein …
Warum also hat sie ihn als Opfer auserkoren? Nur weil er Polizist ist?
»All diese Mörder, die noch frei herumlaufen, die ihr niemals geschnappt habt.«
Vielleicht hat sie einen Angehörigen verloren und die Polizei hat den Mörder nicht gefasst?
Habe ich vielleicht die Ermittlungen geleitet?
In diesem Fall müsste ich sie kennen, das kann also nicht sein.
Nein, das ist alles nur, weil sie verrückt ist. Weil sie mir im Kommissariat begegnet ist und sich gesagt hat, schau mal, wie wäre es, wenn ich diesen Typen kaltmachen würde? Wenn ich den in meinem Keller verhungern ließe?
Die Tür oben kündigt den Abendbesuch an. Benoît öffnet die Augen zu der schwachen Glühbirne, die von der Decke hängt. Sieht ihre Beine die Treppe herunterkommen. Sie trägt heute Abend einen Rock. Mit schwarzen Strümpfen.
Doch das ist ihm nun wirklich scheißegal.
Die Gestalt taucht hinter den Gitterstäben auf. Er richtet sich etwas auf, lehnt sich mit dem Rücken an die Wand.
»Guten Abend, Benoît. Ich sehe, du hast dich rasiert, das ist schön! Oje, aber du hast dich ja geschnitten!«
Keine Frage, sie ist eine gute Beobachterin.
»Hast du geduscht?«
»Warum? Wärst du gern mit dabei gewesen?!«
»Merkwürdig, dass du es immer noch versuchst!«
»Was?«
»Deine Don-Juan-Nummer! Hast du nicht inzwischen begriffen, dass das bei mir nicht zieht? Oder ist das die einzige Art der Verteidigung, die du kennst?«
»Was willst du, liebe Lydia, ich schlage mich eben mit den Waffen, die mir noch geblieben sind! Du hast eine Knarre und den Schlüssel zu diesem Scheißgitter. Und ich, was habe ich?«
»Nichts mehr.«
»Ja. Fast nichts mehr. Mir bleibt immerhin noch mein Gehirn, um nachzudenken. Ein Funken Hoffnung und ein Dutzend Kumpel, die ihre Nächte opfern, um mich zu finden! Mir bleiben eine Frau und ein Sohn, die mich lieben und die auf mich warten. Wie du siehst, bleibt mir noch einiges. Und wie ist es mit dir, Lydia? Wartet auf dich auch jemand? Denkt jemand an dich?«
Er hat sie erneut verletzt. Für den Bruchteil einer Sekunde ahnt er auf ihrem Göttinnengesicht die Wunde. Aber sie fängt sich sehr schnell.
»Du glaubst wirklich, dass deine Frau lange die trauernde Witwe spielen wird, Benoît? Ich bin mir da nicht so sicher! Sie ist jung, attraktiv. Ich denke, sie wird sich ziemlich schnell in die Arme eines anderen Mannes flüchten. Der dann auch der Vater deines Sohnes wird. Er ist ja noch so klein, er wird sich nicht einmal mehr an dich erinnern!«
Dieses Mal hat sie ins Schwarze getroffen.
»Ich werde Gaëlle wiedersehen, sobald ich hier draußen bin!«
»Hast du es immer noch nicht kapiert? Du wirst hier nie mehr rauskommen. Das Einzige, was du tun kannst, ist möglichst lange zu überleben. Du bist kräftig, gesund – ich denke, du wirst eine Weile durchhalten.«
»Länger als du glaubst! Bis meine Leute hier aufkreuzen, diese Tür öffnen und dich in den Knast bringen. Aber ich verspreche, dir im Besucherzimmer meine Aufwartung zu machen. Um ein wenig mit dir zu parlieren! Vielleicht komme ich sogar zu einem kleinen Tête-à-Tête in deine Zelle. Aber dann werde ich den Schlüssel haben, Lydia. Den Schlüssel und zwei freie Hände …«
»Immer noch diese Drohungen? Bald schon werde ich nur noch Gebettel hören! Wie es aussieht, hast du nicht einmal mehr die Kraft, aufzustehen.«
»Ich habe noch genug Kraft, keine Sorge! Aber ich fühle mich wohl auf meiner Decke!«
»Übrigens habe ich dir etwas zu essen mitgebracht.«
Ein kurzer Moment der Hoffnung. Nein, träume nicht, Ben! Das ist nur eine Fortsetzung der Folter.
Sie nimmt eine Plastiktüte, die sie auf ihrem Stuhl abgestellt hatte, und holt ein in Klarsichtfolie gepacktes Sandwich heraus. Ihm läuft, fast gegen seinen Willen, das Wasser im Mund zusammen.
»Möchtest du es?«
»Was muss ich dafür tun? Den Ententanz aufführen?! Oder auf den Händen laufen vielleicht?«
»Das wäre sehr unterhaltsam, aber nein, finde etwas Besseres!«
Sie setzt sich, das Geschenk auf den Knien.
»Du musst raten, was mir gefallen könnte.«
Sie beißt kräftig in das Schinkensandwich. Benoîts Magen krampft sich zusammen vor Schmerz und Verlangen. Zumindest weiß er jetzt, dass das Essen nicht vergiftet ist.
»Köstlich, kannst du mir glauben!«
Sein Gehirn beginnt fieberhaft zu arbeiten. Was wünscht sie sich?
»Möchtest du vielleicht, dass ich dir mein Leben erzähle? Oder dass ich mich entschuldige, weil ich meine Frau betrogen habe?«
»Dein Leben kenne ich, deine Untreue ist mir egal!«
Zweiter Bissen. Seine Ration wird kleiner.
»Möchtest du vielleicht, dass ich dir schmeichle?! Dass ich dir sage, wie hübsch du bist?«
Sie zuckt die Achseln. Dritter Bissen.
»Du möchtest, dass ich bettle, ist es das?«
»Probier’s weiter.«
Er schweigt. Vierter Bissen.
Bau keinen Mist, Ben. Was macht es schon aus zu betteln? Wenn du dadurch am Leben bleibst. Vielleicht wird dies für mehrere Tage die einzige Gelegenheit sein, etwas zu essen zu bekommen.
Fünfter Bissen.
Er setzt an, doch es will nichts herauskommen. Es bleibt ihm im Halse stecken. Seine Augen sind auf das wertvolle Sandwich geheftet, das nach und nach im feindlichen Schlund verschwindet. Er unternimmt einen Versuch, geht bis ans Gitter.
Gleich wird sie den nächsten Bissen nehmen.
»Warte!«
Sie lächelt.
»Lydia, bitte …«
Sechster Bissen. Offenbar ist bitte nicht genug.
»Lydia, ich flehe dich an!«
Ihre Augen funkeln vor Freude, mit einem leicht obszönen Touch.
Siebter Bissen. Viel ist nicht mehr übrig. Man könnte sagen, sie legt es darauf an, möglichst schnell zu essen.
»Verflucht noch mal!«, schreit Benoît plötzlich. »Ich weiß gar nicht, wozu ich es überhaupt probiere! Du lässt mir ohnehin nichts übrig! Weil du einfach nur völlig durchgeknallt bist! Völlig durchgeknallt, verdammt noch mal!«
»Reg dich nicht so auf, Ben! Du vergeudest deine Kräfte, glaub mir!«
Sie hält ihm den Rest des Sandwichs hin. Er zögert ein paar Sekunden.
»Na komm, nimm es. Du hast es dir verdient! Du hast dir so viel Mühe gegeben …«
Er hat Lust, ihr ins Gesicht zu spucken. Aber der Hunger ist entschieden zu groß. Er entreißt ihr das Brot, zieht sich an die Wand zurück, setzt sich wieder auf die Decke und macht sich über seine magere Mahlzeit her. Er hat solchen Hunger, dass er beinahe das Kauen vergisst. Zwei Bissen, mehr ist es nicht. Aber besser als nichts.
Sie belauert ihn immer noch. Er fühlt sich wie im Zoo. Bald wird sie ihm Erdnüsse zuwerfen! Ihr ständig auf ihn gerichteter Blick ist ihm unerträglich. Er kann nirgendwohin flüchten, sich nicht verstecken. Vor ihren Katzenaugen, die ihn inspizieren, prüfen, als wollten sie bis in seine Seele vordringen.
»Stört es dich, wenn ich dich beobachte, Benoît?«
Nachdem es nichts mehr gibt, was er bekommen könnte, sieht er keinen Grund, ihr zu antworten.
»Soll ich dich wärmen kommen?«
Da dreht er doch den Kopf. Was heckt sie nun wieder aus? Vielleicht einen Coup mit dem Flammenwerfer …
Lydia geht den Käfig entlang, um sich hinter ihm zu postieren. Sie hält etwas in der Hand.
Handschellen. Seine Handschellen.
Praktisch, er hat ihr ein Komplettpaket geliefert! Knarre, Handschellen …
Verblüfft fixiert er die Fesseln.
»Komm näher. Komm hierher!«
Die Sache wird brenzlig. Wo er doch dachte, er könnte diese Nacht ein wenig schlafen. Die Chancen stehen wohl doch eher schlecht.
Drohend hebt sie unmittelbar danach die Waffe. Das war ja zu erwarten.
»Komm, setz dich hierher, Benoît.«
»Was hast du mit mir vor?«
Es gelingt ihm nicht, seine Angst zu verbergen.
»Jetzt komm schon, Benoît. Sonst muss ich dir wehtun.«
Er reagiert nicht. Sie zielt auf ihn, da springt er auf. Weicht zurück, bis die Schultern an die fensterlose Wand stoßen.
»Du weigerst dich zu gehorchen?«
»Hör auf mit dem Blödsinn, Lydia!«
Er reißt die Augen auf. Sie ist dabei, sich Stöpsel in die Ohren zu stecken.
»Hör auf, verdammt!«
Der ohrenbetäubende Lärm zerreißt ihm fast das Trommelfell, hallt scheinbar endlos an den Betonwänden wider. Benoît schreit auf, schlägt die Hände vors Gesicht. Dann öffnet er die Augen wieder, erstaunt, noch am Leben zu sein. Noch dazu unversehrt.
Die Kugel ist wenige Zentimeter neben ihm eingeschlagen. Noch unter Schock, starrt er auf den Beton.
»Was ist, Benoît, kommst du jetzt? Die nächste geht nicht mehr in die Wand, weißt du!«
Er hört fast nichts mehr, aber sie hat lauter gesprochen.
»Setz dich mit dem Rücken ans Gitter. Schieb deine Hände durch die Stäbe.
Mist! Sie wird mich anketten.
Er kennt ihre verrückten Pläne noch nicht, aber alles ist besser als eine weitere Kugel.
Er lässt sich gegen die Stäbe gleiten. Sackt beinahe zusammen. Die Handschellen schließen sich schnell um seine Gelenke. Jetzt ist er gefesselt. Starr. Totenstarr.
»Ich gehe den Schlüssel holen«, flüstert sie in sein Ohr. »Beweg dich nicht. Es dauert nicht lang!«
Sie verschwindet, er hört sein Herz schlagen. Entsetzen packt ihn, Panik.
In seinem Schädel herrscht ein infernalisches Brummen, ein stechender Schmerz in seinen Gehörgängen.
Es dauert tatsächlich nicht lang, bis sie zurückkommt. Ihre Schritte auf dem Beton, hinter seinem Rücken, gedämpft durch seine noch immer anhaltende Taubheit.
Der Schlüssel im Schloss, die Tür, die sich öffnet. Diese Tür, von der er so oft geträumt hat, dass sie sich öffnet.
Sie kommt näher. Er starrt sie hilflos an.
»Hast du Angst? Du hast Angst vor einer Frau, Benoît?«
Seine Kehle ist so trocken, dass er nicht mehr schlucken kann.
Sie stellt sich über ihn, einen Fuß neben jedem seiner angezogenen Beine. Sie geht vorsichtig in die Hocke, bis sie auf ihm sitzt. Sie versucht, ihn zu küssen, er verrenkt sich den Hals, um diesem widerlichen Kontakt auszuweichen.
Sie knöpft sein Hemd auf, wobei sie sich sehr viel Zeit lässt. Es hat eine vage Ähnlichkeit mit seinem Traum, ist jedoch sehr viel weniger angenehm als gedacht. Es ist sogar eines der schlimmsten Dinge, die er je erlebt hat. Sie nähert ihren Mund seinem Ohr, und durch seinen Tinnitus hindurch nimmt er eine grausame Stimme wahr. Die ihm Scheußlichkeiten einflüstert.
Du wirst bezahlen. Leiden. Ein langer Todeskampf, bis du endlich krepierst.
Nun macht sie sich an seinen Hosenknöpfen zu schaffen.
»Nun, Benoît? Du hast gesagt, du wärst ein guter Liebhaber. Aber irgendwie habe ich den Eindruck, dass du nicht wirklich viel bringen wirst! Und sag bloß nicht, das läge daran, dass ich dir nicht gefalle. Das würde mich doch gewaltig kränken!«
Sie scheint sich prächtig zu amüsieren. Benoît beißt sich auf die Lippen. Er möchte weinen. Hält die Tränen zurück, so gut er kann.
»Kannst du dir vorstellen, was ich alles mit dir machen könnte?«
Er verzichtet lieber darauf. Dabei dürfte seine Vorstellungskraft begrenzter sein als die dieser Verrückten.
»Mit einer Schere zum Beispiel, oder einem scharfen Messer!«
Das kann er sich bestens vorstellen. Er weiß nicht, ob er schreien, nicken oder ganz ungerührt tun soll.
»Er wird dir ohnehin zu nichts mehr nütze sein!«
Da haben wir es. Sie ist nicht verrückt. Viel schlimmer als das. Eine Furie. Eine Sadistin der schlimmsten Sorte.
Scheiße, warum habe ich nur an diesem Straßenrand angehalten?!
Er erstickt beinahe, trotz Kälte und offenem Hemd. Sie presst sich an ihn, wie eine Anakonda, die ihn erwürgen will. Doch sie geht nicht weiter. Nur ihre Hände, die über seine Haut gleiten. Aber bereits das ist so schmerzhaft. Dazu ihr perverses Lächeln, ihr glühender Blick.
»Streng dich ein bisschen an, Benoît!«
Sie verlangt das Unmögliche.
»Ich habe nicht mehr die Kraft dafür.«
»Du enttäuschst mich! Du enttäuschst mich wahnsinnig.«
Er überlegt, sie mit den Beinen wegzustoßen oder ihr einen Kopfstoß zu verpassen. Aber es würde wenig nützen und stattdessen ihre Wut nur steigern. Er zieht leicht an den Handschellen, um zu prüfen, ob sie fest verschlossen sind. Keine Chance. Also kapituliert er und verharrt regungslos.
Sie erhebt sich, mustert ihn noch ein paar Sekunden.
»Ich habe gesehen, was ich sehen wollte«, sagt sie. »Nichts in der Hose! Genau das, was ich vermutet habe!«
Sie verlässt den Käfig, schließt die Tür wieder ab und postiert sich hinter ihm.
»Kein Sport heute Nacht, Ben. Keine Möglichkeit, gegen die Kälte anzukämpfen!«
Sie kann sein Gesicht nicht sehen, dennoch hält er seine Tränen weiter zurück.
»Ich muss dich doch bestrafen, oder? Wenn du nicht einmal einen hochbekommen kannst!«
Sie bricht in ein hämisches Lachen aus, entfernt sich endlich. Das Licht erlischt.
Jetzt kann er heulen.
Warum passiert mir das? Was habe ich bloß getan, um solchen Hass zu verdienen?
Wenn es ihm nur gelänge, es zu verstehen, zu wissen.
Wofür sie sich rächen will. Was sie sich von ihm erhofft.
Will sie ihn nur demütigen? Oder ihn wirklich umbringen?
Er beginnt zu schluchzen. Die Stirn auf die Knie gelegt, gibt er sich der Trauer um sein bisheriges Leben hin. Der Trauer um sich selbst.

Karine Giebel

Über Karine Giebel

Biographie

Karine Giebel wurde 1971 im Département Var geboren, wo sie auch heute noch lebt. Schon während ihres Jura-Studiums widmete sie sich dem Verfassen von psychologischen Spannungsromanen und gilt inzwischen als DIE weibliche Stimme des französischen Kriminalromans. Ihre Bücher wurden mit zahlreichen...

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